Auch die Wissenschaft ist Schuld

Es gibt kaum einen Punkt, auf den sich unsere Gesellschaft so gut einigen kann, wie die Kapitalismuskritik. Der Hauptvorwurf scheint zu sein: Die moderne kapitalistische Werte- und Herrschaftsordnung macht psychisch und physisch krank. Konkurrenz- und Leistungsdruck, Informationsflut, ständige Erreichbarkeit, Unvereinbarkeit von Familie und Beruf, Kinder mit ADAS, Bourn-Out, Depressionen, Selbstausbeutung als Standard – all das sind die Vorwürfe, die seit der Jahrtausendwende den baldigen Kollaps des Turbo-Kapitalismus prophehzeihen bzw. eine Reformation begründen.

Ausgerechnet der Psychoanalytiker und ehemalige Leiter der berühmten linken, kapitalismuskritischen „Frankfurter Schule“ (FIS) Martin Dornes hat jetzt ein Buch geschrieben („Macht der Kapitalismus depressiv?“), in dem er behauptet: „Wir waren früher schon genauso krank wie heute (oder sogar kränker).“ Zwar gibt es wirklich viel mehr Krankschreibungen aufgrund  psychischer Diagnosen und es werden erheblich mehr Psychopharmaka verordnet, doch das liegt daran, dass psychische Probleme nicht mehr so stigmatisiert werden und das Versorgung und Diagnoseangebot besser ist: Früher haben die Menschen viel mehr geraucht und getrunken, um ihre unerkannten, verdrängten Probleme ruhig zu stellen. Außerdem altert die Gesellschaft und die Scheidungsrate steigt und somit auch die Wahrscheinlichkeit der Altersdepressionen und Einsamkeit.

„Die Absicht, daß der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten“, hat Sigmund Freud am Ende seines Lebens vermerkt.  Ist der Kapitalismus also nur das „gemeine Unglück“, über das wir ohnehin nicht hinaus kommen, welches das „hysterische Elend“ der feudalen Sozialstrukturen und Kirchenmacht abgelöst hat?

De facto hat der Kapitalismus den Menschen der westlichen Welt ca. 30 Lebensjahre mehr verschafft; er hat den Frauen die Gleichberechtigung beschert (zumindest nach dem Gesetz), Kinderarbeit und Sklaven abgeschafft, Sozial- und Krankensysteme erschaffen, Menschenrechte als Wertehintergrund etabliert. Doch in den letzten 15 Jahren frisst der Kapitalismus offensichtlich seine Kinder, wird der systemimmanente Zwang, immer neue Gewinne zu schaffen, zu einem für die Menschheit nie dagewesenen Problem. Umweltzerstörung und Erosion der Sozialsysteme, Verteilungskriege, Flüchtlingswellen, Enteignung, Turbonahrung; vom Trinkwasser, bis zur Schulbildung, von der Krankenversorgung bis zur Rente: Alles wird vom Anspruch an wachsende Rendite unterwandert –  bis hin zum technischen Menschenbild und den verwertbaren Ergebnissen in der Wissenschaft. Die sozialen Sicherheiten der Demokratie, als große Errungenschaft menschlichen Empathie-Verstandesvermögen, drohen zu scheitern. Das uneingeschränkte globale Recht des Kapital-Stärkeren setzt sich immer weiter durch.

Statusängste machen sich breit, nicht nur in der unteren Mittelschicht: Die eigene Zukunft nicht mehr im Griff zu haben, die Selbstwirksamkeit einzubüßen, Verlust von Verbindlichkeit, Perspektiven, Handlungsmöglichkeiten, zeigt sich aber oft (noch) nicht in den „harten-exakten“ Verdienstzahlen. Die aktuellen Sozialforschungen haben das wachsende Unbehagen aber in den „weichen-wortgebunden“ Denk- und Stimmungsinhalten der Menschen statistisch eindeutig nachgewiesen. Doch was sind schon Denkinhalte gegen biologische Fakten?!

Die wachsende nationalistisch-rechte Anhängerschaft in den großen westlichen Demokratien, zeigt, dass die biologisch und verhaltensbiologisch  nicht zu erfassende „Statusangst“ brandgefährlich ist. Sie existiert – auch wenn sie nicht von den exakten Wissenschaften in randomisierten Doppelblindstudie bewiesen werden kann. Diese Stausangst ist zutiefst narzisstisch und es kümmert sie wenig, welche logisch exakten Ergebnisse die Wissenschaft produziert, an welchen Begriffen die analytische Philosophie gerade ihren Geist ausschüttet oder ob die Hirnforschung noch keine neuronale Entsprechung gefunden hat.

So wie das Statusstreben den Kapitalismus getragen und hat wachsen lassen, so zerstört die Statusangst all seine Errungenschaften. Doch die Psychoanalyse als Wissenschaft des Narzissmus, der Psychodynamik der Selbstbilder, der wissenschaftlichen Betrachtung von Kränkung und Verdrängung, wurde aus den Universtäten verbannt, von der akademischen Psychologie und Hirnforschung als überholt erklärt.

Es wäre längst die Pflicht der Wissenschaft gewesen, ihre falschen unrealistischen Menschenmodelle abzugleichen mit der Lebenswelt. Es wäre ihre Pflicht gewesen, die vollkommen falschen Grundannahmen der Wirtschaftswissenschaften anzugreifen, die Kollegen verantwortlich zu machen, für ihre falschen Lehren, mit wissenschaftlichen Argumenten das System auszuhebeln, anstatt sich immer weiter in seinen Dienst zu stellen, kaufen zu lassen. Doch in einer Wertewelt in der einerseits konstruktivistische Sinnfelder keine empirisch Kraft haben, und empirische Erkenntnisse jedes soziale Engagement haltlos zurückweisen: Wie soll da wirkmächtige Wahrheit entstehen und die Menschen gegen das von ihnen selbst verursachte Leid verteidigen?!

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Wieso gibt es die AfD?

Zeigt man Eingeborenen Südamerikas einen Film über New York, können sie vielleicht nicht sagen, was sie gesehen haben, weil sie keine Begriffe für Hochhäuser, Taxis und Straßen haben. Sie werden aber durchaus beunruhigt und irritiert sein vom Gesehenen und nach einer Bewertung dieser fremden Realität zugunsten ihres Überlebens suchen.

Menschliches Denken basiert immer auf narzisstischem Lebenswillen, wertet nach guter stabilisierender bedürfnisbefriedigender Eingebundenheit, nach besseren Möglichkeiten. Somit sind Gedanken ohne Inhalte nicht leer und Anschauungen ohne Begriffe nicht blind (was Kant nicht behauptet hat), da eine Trennung der Gedanken von ihren angeschauten, emotional begriffenen und gewerteten Inhalten geltungslogisch nicht möglich ist. Gedanken sind vielmehr angeschaute begriffene Inhalte, die ihre Wertung durch die Ausrichtung im eigenen vorhandenen sozialen Kontext des Überlebens erfahren. Und jede Abstraktion und Allgemeingültigkeit bleibt am Lebensbeispiel angebunden.

Der ewige Zweifler Descartes, dessen Leben zwischen wildem körperlich-triebhaften Eskapismus und totaler denkender Zurückgezogenheit schwankt, macht den Zweifel an vorgegeben Wahrheiten zur Grundlage der Philosophie, auf der Grundlage der gelebten Zweiteilung seines Lebens: Zwischen fleischlichen Lüsten und reinem Denken, stellte sich für ihn stets die Frage nach dem Eigentlichen. “Aus diesem universalen Zweifel, wie aus einem festen und unbeweglichen Punkt, habe ich die Erkenntnis Gottes, deiner selbst und aller Dinge, die es in der Welt gibt, herzuleiten beschlossen,“ schrieb er in seinem Hauptwerk „Meditationen über die erste Philosophie„ von 1641. Der Zweifel wird zur Gewissheit, das eigene Denken wird zur Gewissheit: Ich denke also bin ich. Und diese Gewissheit vertritt einen narzisstischen Anspruch, der den narzisstischen Zweifel am eigenen Wert beruhigen soll und erhebt sich damit über die sterbliche Körperlichkeit und sündige Banalität hinaus.

Kant war ein Pedant in Pünktlichkeit, Ordnung und seinem stets gleichen Tagesablauf (heute würde man ihm wohl vielleicht eine mittelmäßige Zwangsneurose diagnostizieren, wenn man es nicht immer noch als preußische Tugend wertet). Er hat nie geheiratet, seine Heimatstadt Königsberg nie verlassen und das größte Drama seines Lebens war die Entlassung seines Dieners Lampe, was seine Gewohnheiten durcheinander brachte. Um dem daraus entstehenden Durcheinander  rational zu begegnen (der Diener hatte ihn allabendlich auf exakt dieselbe Art und Weise in seine Bettdecke gewickelt), schrieb er auf einen Zettel: „Lampe muss vergessen werden!“ Vor diesem Hintergrund gelingt der wohl konsequenteste Schritt in der Philosophiegeschichte: Wir können die Wirklichkeit als Ding- an-sich, also die absolute Wahrheit nicht erkennen. Und trotzdem war die Metaphysik Kants eigentliches Ziel. Gibt es etwas im Menschen, das sein banales, körperliches Sein überdauert, etwas Unsterbliches, Freies, Göttliches? Je fragwürdiger und lebensweltlicher unsere Erkenntnis wurde, umso mehr hat Kant versucht, sie mit Verhaltens- und Erkenntnisregeln rational zu bezwingen (was zum berühmten „kategorischen Imperativ“ führte als Gesetz des: Du sollst). Hierin ist Kant ein direkter Vorläufer der analytischen Philosophie aber genauso auch der heutigen Hirnforscher: Je relativer das Erkenntnisvermögen wird, umso mehr versucht man mit Rationalität/Biologismus den begrenzten Erkenntnisbereich zu festigen, womit man immer nur deutlicher macht, wie begrenzt das menschliche Erkennen ist. Doch genau damit bleibt Kant dem Ding-an-sich wenigstens bewusst und reflektiert verhaftet, weswegen die Menschen bis heute etwas „anfangen können“ mit seiner Philosophie.

Von Nietzsche stammt der Ausspruch: „Ein verheirateter Philosoph gehört in die Komödie.“ Seine Jugend lang war er von Frauen umgeben: Mutter, Großmutter, Schwester, zwei Tanten. So wird deutlich, dass sein noch weit berühmter Ausspruch: „Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht“,(aus seinem berühmten Buch Zarathustra und dort von einem alten Weiblein ausgesprochen wird), wohl eher genau das Gegenteil meint, von dem, was landläufig daraus gemacht wurde: Nietzsche hatte ein Leben lang Angst vor der leiblichen, lebensweltlichen Macht der Frauen und der daraus zu spürenden Triebhaftigkeit des Lebens, unter deren Peitsche der geistvollste Mann als Komödiant deutlich wird. Seine Heiratsanträge wurden jedenfalls mehrfach abgelehnt. „Ich habe meine Schriften jeder Zeit mit meinem ganzen Leib und Leben geschrieben.“ Das Leib- und Lebensweltliche wurde seine Wahrheit. Nietzsche  als Philosoph mit dem Hammer hat als erster alle menschlichen Ansprüche auf Gott dem Trieb unterworfen. Der dadurch ausgerufene Nihilismus, die körperliche Bedingtheit unseres Erkennens, die Wahrheit der Lebenswelt ist aber nur nihilistisch, wenn man einem der Sinn im triebhaften Alltagsleben nicht reicht für die Selbstdefinition und soziale Regulation. Wahrheit, Gott, Moral: Alles ein „Gemächt des Menschen“ in der „ewigen Lust des Werdens“, des Lebens, die auch noch die „Lust am Vernichten“ miteinschließt. Und darin versucht der Mensch deswegen und trotzdem mit seinem „Willen zur Macht“ zum „Übermenschen“ zu werden, in „ewiger Wiederkehr“.

Es gibt die AfD, weil wir trotz all unserer schlüssigen rationalen Überlegungen und logischen Theorien, in erster Linie narzisstische Menschen bleiben. Vielleicht sollten sich die Theoretiker und Politiker (frei nach Brecht) ein anderes Volk wählen, damit sie das nächste Mal nicht so überrascht sind, über diesen Narzissmus, der noch die größten Theorien der Menschheit beherrscht.

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Was wir von Shakespeare lernen können….

Seit einiger Zeit bin ich einem seltsamen, aber grundlegendem Phänomen auf der Spur: Der Dauerbewertung von Frauen. Ständig und überall werden Frauen bewertet, unaufgefordert, selbstverständlich. Es werden Sätze über Frauen gesagt, die so niemals über Männer gesagt werden. Zum Beispiel die Aussage: „Sie ist ja sehr ehrgeizig…“. Bei Frauen hat das immer einen Anklang von Kritik. Zum einen würde dieser Satz „Er ist ja sehr ehrgeizig“ so nicht gesagt, über einen Mann. Man würde ihn etwas anders und mit einer positiven Betonung sagen: Der Mann ist ehrgeizig! Es schwingt dabei mit: Der will was erreichen, das ist ein Kämpfer, dem kann man was zutrauen. Bei  Frauen hat dieser Satz dagegen immer den latenten Vorwurf der Verbissenheit. Da will eine Frau etwas erreichen und wird dadurch schon verhaltensauffällig, rücksichtslos, unweiblich, zickig.

Gerade läuft ja wieder die unsägliche Sendung, in der Heidi Klum wochenlang hübsche, sehr junge Frauen quält und runter macht und ihnen vermittelt, das Wichtigste auf der Welt für Frauen ist: in hohen Schuhen laufen zu können und die richtige „Attitude“ zu haben… Und die Nation schaut millionenfach diesem Sadismus zu. Die Teilnehmerinnen hoffen, dadurch etwas zu erreichen, in dem von anderen definierten vorgegebenen Frauen-Leben, Bewunderung und Ansehen zu gewinnen als Model, als Mensch der vor allem schön aussehen muss auf Fotos und beim herumlaufen. Mal davon abgesehen, dass das Model-sein an sich schon eine völlige Abwertung von Frauen bedeutet, da es Bewunderung und Geld verspricht für reine Äußerlichkeiten, die andere für schön befinden, die aber nichts mit eigener Leistung oder Persönlichkeit zu tun haben, wird Frauen dieses ideale Dasein der totalen Passivität heute schlimmer denn je gepredigt.

„Ich weiß auch von Eurer Schminkerei mehr als genug. Gott hat Euch ein Gesicht gegeben, und ihr macht Euch ein Eigenes. Ihr tänzelt, schwenkt die Hüften, und ihr lispelt. Ihr verhunzt Gottes Geschöpfe und tut, als wäre Eure Geilheit Naivität. Pack dich ins Kloster!“ – das wirft Hamlet der unglücklichen Ophelia an den Kopf, seit mehr als 400 Jahren. Die erste große Männerfigur der Moderne, die durch Zögerlichkeit und eigene Schwäche alle ins Unglück stürzt, wirft den Frauen ihr bisschen Macht vor, den mühsamen Versuch, an einer kleinen erlaubten Stelle etwas mehr Anerkennung und Aufmerksamkeit zu bekommen, selbst Einfluss zu nehmen auf das eigene Wirken. Selbst dieses vergängliche schwache Stück Macht der jugendlichen Schönheit wird Ophelia nicht zugestanden.  Es wird gemaßregelt und abgewertet und zum Vorwurf erhoben. Hamlet fragt nicht selbstkritisch, was sein eigener Anteil ist, an dieser angeblichen Täuschung, nein, er will diesen Anflug von Selbstermächtigung ins Kloster verbannen. Für sich selbst weiß er keinen Rat, aber für Ophelia ist klar: halt Dich zurück. Am Ende jedoch ist dann sowieso nur eine tote Frau eine gute Frau, am besten in der Blüte ihrer Jugend, damit man sie weiter in ihrer ach so heiligen Unschuld anhimmeln kann, ohne dass Mann auf die eigene Geilheit und Feigheit und Schwäche verwiesen zu wird, die all die Hamlets dieser Welt so quält.

Immer wieder wird Frauen Abwertung oder Bewertung für ihre Äußerlichkeiten zu Teil, die von anderen als das Maß ihres Schicksals festgelegt wurde. Auch andere Frauen bewerten Frauen ständig, die Allgemeinheit scheint es nicht zu ertragen, selbständiges eigennützigen Tun von Frauen selbigen zuzugestehen. Was beim männlichen Narzissmus als Erfolg und Karriere durchgeht, wird bei Frauen zur uncharmanten Verbissenheit, was bei Männer Networking ist, ist bei Frauen Intrige.  Männer versuchen auch gerne über die Hintertür der Komplimente wieder Einlass zu bekommen, sich ihre Wichtigkeit selbst zu erteilen, mit wertenden Kommentaren: Da werden Frisuren beurteilt auf dem gleichen Niveau wie Doktorarbeiten oder Karrieresprünge –  und der Urteilende erteilt sich völlig ungefragt das Recht, diese für toll, schön oder „weiter so“  zu befinden. Niemand hat ihn darum gebeten, niemand braucht diesen dummen Kommentar. Aber wehe man wert sich dagegen: “Das war doch nur nett gemeint, meine Güte bist Du verkrampft…” Ein ehrlicher Blick in den Spiegel und Frau weiß, ob etwas gut aussieht oder nicht, nur sie weiß und kann beurteilen, wieviel Mühe es gemacht hat, ihr Ziel zu erreichen. Immer wieder wird auch deshalb nur Bewunderung ausgesprochen - gerne auch für das „starke intelligente Auftreten“ - um dann mit der Frage nachzulegen, ob man sich mal persönlich treffen könnte, ob es denn da schon einen besonderen Mann im Leben gäbe, der Posten des Mr. Right schon vergeben wäre… Was denken sich Männer dabei? Jedenfalls trauen sie Frau nicht zu, trotz all der Intelligenz und Tatkraft, sich bei Bedarf einen passenden Mann zu suchen und nicht auf eine Mail von irgendeinem bewundernden unreflektierten narzisstischen Trottel zu warten.

Man muss sich oft nur die Frage stellen: Werden Männer sowas auch gefragt, lassen sie sich diese Unverschämtheit und Bewertung von außen, diese Selbstermächtigung der anderen über die eigene Person, gefallen?! Es gibt ja auch eine Menge dreister, unsensibler Frauen auf der Welt. Aber nicht mal die schreiben einem erfolgreichen selbstbewussten Mann „Du, Deine Frisur sieht jetzt viel besser aus, als letztes Jahr, sehr gut, weiter so…“ oder “Du hast so ein intelligentes selbstsicheres Auftreten, toll. Und wie sieht es eigentlich an der Beziehungsfront aus?!” 

Niemand hat je die Schuhe von Lutz Bachmann kommentiert. Doch wie hoch die Absätze der Schuhe von Frauke Petri sind, dass wird selbst in England seitenweise von seriöser Politik-Presse beschrieben. Statt Frau Petri am Inhalt ihrer schwachsinnigen Reden zu messen, wie man es bei Tilo Sarrazin und Horst Seehofer macht,  wird über ihr Out-fit geredet. Kann man Frauen noch mehr demütigen, ihre persönlichen Leistungen noch mehr als unwichtig oder banal deklassieren? Warum schreit an dieser Stelle nicht mal jemand nach der Verantwortung der Medien?! Ist es von Wichtigkeit für die Öffentlichkeit, dass Angela Merkels Frisur diskutiert wird oder ihr Make-up?! Wohl kaum. Jedenfalls scheint das starke Übergewicht von Peter Altmeyer oder Sigmar Gabriel nicht zur Debatte zu stehen, in Bezug auf ihre Politik.

Doch solange Frau Klum und ihre männlichen Juroren jungen Frauen immer wieder weißmachen, Frau muss sich ihren Wert von einer Jury erteilen lassen, werden weitere Generationen von Frauen dieser Kultur zum Opfer fallen. Warum urteilt man nicht mal so über Männer – nur um ihnen klar zu machen, wie sich das anfühlt, welche Dreistigkeit und Unverschämtheit und Machtansprüche dahinter stehen? Weil das keiner sehen will, weil es unerträglich ist für Männer und für Frauen, der Abwertung von Menschen zuzusehen, die doch stark sein sollen, selbstwirksam und zielstrebig?! Der einzige Mensch, von dem ich gerne einen Kommentar über mein Aussehen und mein  Inneres hören möchte, von dem ich aktiv einfordere, mich immer mal wieder zu beurteilen und dessen Bewertung ich mir zu Herzen nehmen, ist mein Mann. Und dass ich einen habe, der diese Kritik bestmöglich leistet, dass kann mir absolut und  selbstverständlich zutrauen.

Und welcher männliche Leser jetzt glaubt, ich möchte nicht weiter Kommentare und Diskussionen zu meinen Texten haben, hat missverstanden, was ich meine. Für Argumente gegenüber meiner Arbeit bin ich stets offen – solange sie sich auf meine Arbeit und nicht auf meine Wert als Person beziehen. Es ist einfach was anderes, mir zu schreiben, ”weiter so, Du bis eine tolle Frau”, als auf meine Themen einzugehen und meine Texte völlig unabhängig von meinem Wert als Mensch zu diskutieren. Es ist schön zu hören, dass Menschen mit meinen Texten etwas anfangen können, aber mein Frauendasein ist davon völlig unabhängig (außer vielleicht bei diesem Text hier gerade…). Oder würde Sie, lieber Leser, liebe Leserin, einem Mann schreiben: “weiter so, Du bist ein toller attraktiver Mann…” wenn er etwas zur Flüchtlingskrise oder zum Kapitalismus schreibt?! Sehen Sie….

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Wir sind genau hier: Teil III

Auffällig ist: Der Kapitalismus ist in seiner „Überholtheit“ im Leben der westlichen Menschen am schmerzhaftesten beim Zeitgefühl und beim Selbstwertgefühl zu spüren. Wir schlafen immer weniger, gelangen schneller von A nach B, essen Fastfood und Fertiggerichte, züchten Turbomais und verkürzen die Mastzyklen bei Schweinen und Hühnern, kaufen immer schneller analog und digital ein, betreiben speed-dating, machen Power-Yoga oder verhelfen mit elektrischen Impulsen unseren Muskeln zu schnellem Wachstum. Doch je mehr wir rennen, umso weiter scheint das Gefühl des sinnvollen Lebens und des „Gute-Zeit-habens“ zu entschwinden. Was passiert mit der gesparten Zeit? Was haben wir gewonnen, wenn wir als erste wissen, dass Prince gestorben oder ein Germanwings-Flugzeug in den Alpen zerschellt ist?

Viel „gesparte Zeit“ geht für noch mehr Mails und Internet-Aktionen drauf. Die Aufmerksamkeitsdefizite und Sehnsüchte der anderen (kauf bei mir, bewundere mich, lese meine Texte etc.), scheinen uns immer weiter die Zeit zu stehlen – so wie unser eigener Anspruch an Verdienst, Wichtigkeit, Perfektion und Geltung den anderen versucht immer weiter ihre Konzentration zu rauben. Das ist ein Problem der Grenzsetzung, der „Erziehung zur Selbstberuhigung“, so wie man kleine Kinder nach und nach dahin bringt, sich mit sich selbst zu beschäftigen, den eigenen Interessen zu folgen, ohne dass das ständig beobachtet, kommentiert und gewertet werden muss. Und jedes halbwegs labile Selbst verfällt schnell den infantilen Mechanismen, durch äußere Anerkennung und Bestätigung endlich inneren Halt und ein gesundes Selbstwertgefühl zu bekommen. Trifft aber der Wille zum starken Selbst (als salutogenetische Kraft) auf falsche Bestätigung, unmenschliche Werte, ausbeuterische Interessen,  verfestigt sich die infantile Sehnsucht mehr, als dass sie sich in einem gesunden reifen, objektiven Selbst auflöst.

Es gibt viele Menschen, die versuchen aus der spürbaren Selbstauflösung (im Dauer-Gerenne und der Dauer-Überwachung) auszubrechen, indem sie mit einem Italienischkurs oder dem Klarinettespielen anfangen – und geraten so nur noch mehr unter Druck, spüren ihr „Versagen“ noch deutlicher. Schnell wird klar: Der Sinn des Lebens und ein gefestigtes Selbst sind nicht zu finden, indem man eine romantische Idee der (bürgerlichen) Jugend wieder aufgreift, die offensichtlich weiterhin der Selbstperfektion entspricht (Instrumente und Sprachen sind deutliche Aushängeschilder für die kapitalistisch-bürgerliche Idee vom irgendwie-unbestimmten „kreativen Erfolg durch Interessen“). Der Grad zwischen gesunder Selbstreife, die gesunde Grenzen setzen kann und für-sich-lebt, im Gegensatz zur „Leistungsdruck-suche-nach-sich-selbst“ ist ein schmaler. Freiheit und Selbstbestimmung bedeutet nicht an einer einzigen Stelle dem gängigen Kanon des Leistungsprinzips eine Extravaganz hinzuzufügen.

 „Die Muße ist die Schwester der Freiheit“, hat Sokrates gesagt. Doch viele Menschen halten Ruhe nicht aus. Sie füllen ihre „gewonnene Zeit“ mit Dingen, die ihr Selbstwertgefühl (von außen) erheben und bestätigen sollen. Auch der Glaube an ein Jenseits oder ein perfektes Paradies (in der Partnerschaft oder Rente) ist, wie der Italienischkurs, ein deutliches Zeichen dafür, dass wir es eben jetzt nicht hinbekommen, das sinnvolle ungehetzte Leben. Ca. 80 Jahre haben wir, um unseren Lebenshunger in dieser Welt zu befriedigen. Diese Endlichkeit lässt viele realitätsferne Ansprüche aufkommen, wie das Leben zu sein hat, um erfüllt und sinnvoll zu sein. Dahinter steht immer die Erfahrung – seit frühster Kindheit – in der (kapitalistischen) Familie, Schule, Gesellschaft – etwas sein zu müssen, um Sinn zu empfinden: Man ist nicht etwas (als Kind oder Erwachsene) und lebt dann, sondern man lebt angeblich nur richtig, wenn man bestimmte (immer monochromere) Idealtypen erfüllt.

Eine genauere Vermessung unserer Körper und Lebensdaten ist eine Art „infantile Selbstbetreuung“ bzw. kindliche „magische Selbstberuhigung“, durch die digital-kapitalistische Maschine. Wir schreiben ihr paternalistische Schutzmechanismen zu, indem wir versuchen ihrer einseitigen Geltungs- und Werteordnung zu entsprechen: Guter Schlaf, ausreichend Bewegung, gesunde Ernährung – darauf achten (neben  dem Smartphone) bürgerliche Eltern bei ihren Kleinkindern. Hier und da wird noch mit Pillen nachgeholfen. Doch der Sinn des Lebens und gelebter Zeit ist eben nicht in der Perfektion der Körperfunktionen und Leistungsbilanz auszumachen. Das bleibt immer ein äußerliches Ideal, ein Jenseits, das uns nicht im Jetzt-Leben ankommen lässt. Es bleibt eine äußere Reizberuhigung, weil die innere individuelle Reife, das eigene Sicherheits- und Wertgefühl fehlt, sich (bisher) nicht entwickelt hat.

Komplexe Zusammenhänge und einzelne Lieblingsthemen werden nicht mehr ausreichend durchdacht und erkannt. Wer in seinem eigenen Leben ankommen will, der kann mal versuchen, sich ein völlig verqueres Hobby zu suchen. Selbst seine Einkommens-Arbeitszeit, all sein Interesse am und im Netz kann man dem Eisstockschießen, einem Garten oder dem Nähen und Verschenken von Tragetaschen widmen. Wer Selbst sein will und erfüllte Zeit haben will, sollte beides kapitalistisch-unsinnig füllen und all die aufkommenden Zweifel und Kritik bewusst aushalten.

Wer das nicht schafft – und das sind viele -, braucht definitiv Hilfe und ist im Grad der erwachsen Selbstreife nie angekommen. Denn gegen der postmoderne Beliebigkeit und die Anerkennung aller Meinungen, die man angeblich respektieren muss, steht die gut argumentierte Wahrheit, die den Schwachsinn vieler sinnentleerter Leben als solche benennt. Da so viele Menschen gehetzt und ausgebrannt von sich selbst sagen, ihre Leben lassen den Sinn vermissen, sollte man dieses Leid auch beim großen Namen nennen. Eine “Blabla-Akzeptanz” all dieser unfreiwilligen, gescheiterten Lebensführungen muss als solche deutlich kritisiert werden, um etwas zu ändern.

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Wir sind genau hier: Teil II

Das große Problem in der Kindererziehung, was weltweit alle Fachleute so ziemlich gleich einschätzen, sind die (oft mit ihren eigenen Leben)unzufriedenen: Eltern. Tiger- oder Helikopterelter sind von ihren Vorstellungen von erfolgreichen Kindern bestimmt, die sie selbst gerne als Aushängeschild für ihre eigenen Leben haben möchten. Die eigene Angst vor dem weltweiten Wettbewerb und sozialen Abstieg wird dabei massiv auf die Kinder übertragen, vorgelebt. Eigene Entscheidungen werden nicht mehr aus Ruhe und Sicherheit getroffen, sondern aus Angst. Kinder machen dabei nicht mehr die Erfahrung, dass sie richtig sind, wie sie sind, dass sie ihr Leben selbst kontrollieren dürfen oder können. Selbst das Spielen mit Lego folgt heute in definierten Bausätzen genauen Anweisungen und Vorgaben für ein erfolgreiches Endprodukt. Und Eltern kaufen sie, damit die Kreativität ja den wirtschaftlichen Erfolg ihrer Kinder fördert!

Viele Eltern haben das Gefühl, ein erfolgreiches Kind kann kein glückliches Kind sein. Ein gesundes Selbstwertgefühl entwickelt sich so nicht; Optimismus, Dankbarkeit und Mitgefühl – die vielleicht größten Mankos bzw. Heilmittel für unserer Zeit – sind fern. Diese autoritäre und gleichzeitig tiefverunsicherte Erziehung erhöht das Risiko für Angststörungen und Depressionen und verringert die Eigenmotivation. Es sterben mehr Jugendliche durch Selbstmord, als durch Krieg und Kriminalität zusammen.

Dem eigenen Kind mehrere Lösungen vorzuschlagen und ihm die Wahl zu lassen, Vertrauen zu schenken, dass es das Richtige für sich findet oder sonst aus seinen Fehlern lernt: Das gibt es nicht mehr in den Familien – und auch nicht in den Firmen.

Bei Amazon hat jeder Mitarbeiter einen Scanner, der jede Sekunde seinen Standort und sein Handeln erfasst. „Georgy“ wird er unter dem Mitarbeitern genannt – nach George Orwells Überwachungsroman „1984“. Dazu kommen dutzende Kameras. Ist einer minutenlang untätig, wird Alarm ausgelöst und der Mitarbeiter muss zu einem Gespräch der „Prozessoptimierung“. Befriedigung aus dem System ziehen jedoch die Leistungsstarken, die nicht mehr den Schlendrian der anderen mittragen müssen. Harte Fakten statt dumme Ausreden oder ungerechte Förderung hinter den Kulissen schaffen für die Leistungsträger, die Starken, Willigen, Gesunden ein gerechteres Aufstiegs und Bezahlungssystem. Auch Diebstähle und andere Vergehen werden unmöglich. Die maximale Optimierung sichert die Arbeitsplätze. Erfolg wird hier – genauso wie beim letzte Woche erwähnten Hedgefond – immer kapitalistisch in Geldgewinn gemessen.

Gerade bei flachen Hierarchien und hoher Identifikation mit der Firma, wird dieser Konformitätsdruck über die „Firmenphilosophie“ besonders groß und die Ausbeutung der Mitarbeiter reicht besonders weit. Das wird besonders deutlich bei der Familienplanung: Ist die firmenfinanzierte Option, seine Eizellen einfrieren zu lassen, wirklich Freiheit oder doch weit mehr Bevormundung durch die Firma (wie bei Facebook und Google)? Und: Was können leistungsgetrimmte Kids autoritärer Eltern dem entgegen setzen?

Es gibt letztlich zwei Positionen, die ein Angestellter zu seiner/ihrer Firma einnehmen kann: Die eigene Meinung entspricht der Norm und Firmenpolitik. Oder man teilt die Werte des Systems nicht und duldet sie nur. Dazwischen befindet sich eine Art „Epochengefühl“, das die Frage nach dem Sinn des Lebens berührt: Sind wir nur Zufallsprodukte, bestimmt von Biologie, Gesellschaft, kapitalistischen Zwängen, kleine austauschbare Rädchen im Getriebe, die ihre Energie im System abliefern, verfügbar, beherrschbar und am Ende sterben wir einfach? Oder können wir selbst entscheiden, wie wir sein wollen? Wer wundert sich, dass diese Frage, bei der jetzigen Erfolgserziehung und dem zunehmenden Überwachungsdruck am Arbeitsplatz, bis hinein ins Privatleben, immer dringender und bedrohlicher wird für viele Menschen.

Vielen gelingt das Leben und Arbeitsleben nur durch eine andauernde Selbst-Versicherung ihrer Leistungsstärke oder durch Abgrenzung gegenüber vermeintlich noch schwächeren, noch fremdbestimmteren Menschen (siehe AfD-Wähler). Doch diese Mittel der Selbstvergewisserung spiegeln eigentlich mehr die Gefahren der Selbstauflösung, als dass sie ihr etwas entgegen setzen. Wir sollen offiziell ja unsere Freiheit leben – aber bitte im Sinne einer Erfolgsbilanz. Das ist aber keine Freiheit mehr: Wir können wählen – aber bitte nur das richtige.

Scham und Angst sind die zentralen Gefühle in diesem Spiel. Überall dort, wo die eigene Meinung nicht zur Firma passt, halten die Angestellt die Dissonanz nicht lange durch. Durch den steigenden Druck geben die meisten Menschen ihre Meinung lieber auf, als Einkommen, Standort, Familie etc. zu gefährden. Das wird bei zunehmendem Alter immer schlimmer.  Doch Menschen, die sich treu bleiben und dafür Unsicherheit, Wechsel, Mobbing etc. auf sich nehmen, überstehen das (Berufs-)Leben meist besser, haben nicht das Gefühl sich aufzulösen oder zunehmend fremdbestimmt ihre Identität zu verlieren. Oft finden sie nach etlichen Mühen eine Position und Firma, die ihrer Meinung und Weltsicht entspricht, in der sie aber trotzdem nicht der Konformität anheimfallen. Von dieser inneren positiven Kritik profitieren die Unternehmen – wenn sie sie zulassen.

Selbstkontrolle und Kränkung und Angst stehen dicht nebeneinander. Bisher ist niemand auf die Idee gekommen das einfach so anzunehmen, auszuhalten, bestehen zu lassen – und sich damit schon zu Wehr zu setzen. Nicht die Freiheit ist das Problem, es ist der Mangel an innerer Stärke. Diese lässt sich aber nicht in Psychotypen, Einzelfunktionen oder begrenzten Krankheitsbildern fassen, sondern als Entwicklung des Selbst von der infantilen Abhängigkeit, bis zur objektiv-selbstkritischen Realitätserfassung.

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Wir sind genau hier

Was ist eigentlich gerade los? Was sind die Einflüsse, die großen Problemstellungen, die möglichen Lösungen? Erfasst noch irgendjemand, worum es gerade geht? Hier ein Versuch, die großen Kräfte, die gerade miteinander in unseren bewussten und unbewussten Teilen kämpfen, zu benennen:

Agorithmen erstellen unsere individuellen Verhaltens- und Bewegungsmuster, vermessen unsere Körperdaten, unsere Stimme, unsere Art zu reden, unserer Glaubwürdige, unsere Kreditfähigkeit – und schaffen erschreckend genaue psychologische Profile. Kunden und Kriminelle werden so aufgespürt. Gleichzeitig werden wir immer weiter gezwungen, unsere Daten abzuliefern und darüber hinaus den Service, den das Internet bietet, selbst zu erledigen: Homebanking, Homeshopping, Informationenrecherche, Reisebuchung, Dokumentenanträge, Wohnungssuche und Verkauf von vielerlei Dingen erledigen wir selbst – und geben auch noch Feedback, ob alles gut war.   

In vielen Städten werden mittlerweile DNA-Profile von jedem Hund erstellt und in einer Datenbank erfasst. Bei nicht entsorgten Hundehaufen, können so die schuldigen Besitzer ausfindig gemacht und (mit bis zu 1000 Euro) zur Verantwortung gezogen. Bei diesem „Kot-Krieg mit Hitech-Methoden“ machen viele Hundebesitzer freiwillig mit, da sie endlich nicht mehr generalverdächtigt werden. Dieses Beispiel steht für das immer weiter um sich greifende “Nudging” - Anstubsen. Zu deutsch: Die heimliche Erziehung des Bürgers zu einem besseren, sozialeren Verhalten.  

Der aktuell erfolgreichste Hadgefonds Manger Ray Dalio schwört auf die Totalüberwachung seiner Mitarbeiter – und eine rücksichtslos geäußerte Kritik, bei jedwedem Fehler. Er lässt seine Leute – brutal und ehrlich – nichts durchgehen. Der psychische Schmerz, den man angesichts eines offen angeprangerten Fehlers verspürt, führt zu besserer Arbeit bei Menschen, die volle leistungsstarke Eigenverantwortung übernehmen, falsche Eitelkeit und gekränkten Befindlichkeit überwinden wollen, um zu lernen und ihre Grenzen bewusst an der harten Realität auszumessen.

In alteingesessenen Konzernen geht – vor allem bei den Führungskräften – die meiste Zeit für die Festigung und den Ausbau der eigenen Machtstellung und Netzwerke verloren: Es wir nur maximal 20 – 40% der Zeit wirklich gearbeitet. Kritik ist unerwünscht, Machtpolitik bestimmt die Karriere. Viele Beschäftigte können nicht mehr definieren, was ihr Aufgabengebiet eigentlich ist, was hinter Titeln wir “Key Account Managerin” oder “Marketing Coordinator” steht. Befehl und Gehorsam, Oben und Unten schaffen immer häufiger kritikloses Missmanagment, Korruption, überzogene Boni, bei gleichzeitiger mangelnde Anerkennung der Untergebenen und hohem Krankenstand.

Viele IT-Firmen wollen mehr Demokratie: Wie man wo und wann Aufgaben erledigt, entscheiden die Mitarbeiter selbst. Kaffeemaschinen, Raumgestaltung – alles soll selbst und aktiv gemanaged werden. Es gibt dadurch sehr viele Informationen, aber man kann immer offen sagen, was nervt. Es gibt nur noch flache oder “thematische Hierarchien”: Ein Chef pro Thema. Doch mehr Selbstbestimmung heißt auch mehr Selbstverantwortung. Und die Gewinne sind immer noch das Wichtigste, den die externen Geldgeber wollen finanziellen Erfolg sehen – egal wie. Technik, die Menschen Gutes tut, muss also immer Technik sein, die sich vermarkten lässt. Trotzdem wollen sich viele Mitarbeiter gerne mit dem Produkt identifizieren, achten auf eigene Life-Work-Balance und hoffen so, nicht länger als “Arbeitsmaschinen” ausgebeutet zu werden. Zusammenarbeit ist wichtiger als Einzelleistung.

Doch viele empfinden genau dadurch nach einiger Zeit eine Art „psychologische Zudringlichkeit“ der Firma, eine „kollektive Hirnwäsche“ (wie bei Google, Appel und Facebook). Die Arbeit und das Privatleben können nicht mehr unterschieden werden, Entmündigung, Infantilisierung, Zwangstherapie und das ewige Gefühl immer defizitär zu bleiben, nie gut genug zu sein, sind die Folge. Denn die Eigenverantwortung bleibt ja dem Gewinn der Firma verpflichtet – und nicht dem eigenen Empfinden.

Bei soziologischen Untersuchungen  fällt eine neue Gruppe in den westlichen Gesellschaften auf: Die verbitterte Wohlstandmitte der Selbstgerechten. Diese Menschen sind gebildet und verdienen gut, glauben sich weltoffen. 10% der Wohlstandsbürger sind dieser Gruppe zuzurechnen. Sie haben trotz ihres gehobenen Lebensstandards das Gefühl, dass sie unterschätzt werden, in ihrer Kompetenz und von Bedingungen kontrolliert werden, die sie hinter ihren Möglichkeiten zurückfallen lassen. Sie haben einen deutlichen „Hass auf die Welt“, von der sie sich nicht ausreichend geachtet fühlen. Sie misstrauen der Politik im Ganzen und den Medien im speziellen.

Daneben gibt es die zunehmenden, missgelauten Kleinbürger, in ihren kleinen begrenzten Lebenswelten, mit fließendem Übergang zum Dienstleistungsproletariat. Die Zukunft scheint ihnen nichts mehr zu versprechen, man ist abgehängt und man wehrt sich nur noch gegen das „totale Aus“  (in Deutschland: Harz IV). Diese Menschen wissen, dass sie spätestens in der Rente staatliche Zuschüsse benötigen werden. Die Unterschichtengruppe stellt weitere 20% der westlichen Wohlstandgesellschaft. Auch sie wählen zunehmend rechts und können das Lied vom Pseudoerfolg ihrer Wirtschaftsnationen nicht mehr hören.

Wie ich letzte Woche schon erwähnt habe: Die Besitzer der steuerhinterziehenden Off-shore-Konten begründen diesen selbstsüchtigen Abschied von der Gemeinschaft damit, dass sie nicht länger Geld zahlen wollen für die Sozialschmarotzer und Imigranten. Sie gebrauchen zwar auch weiterhin das steuerfinanzierte Verkehrsnetz, den Sicherheitsapparat und alle anderen demokratische Institutionen, doch das wird von ihnen ignoriert. Sie haben offensichtlich eine eigene Vorstellung von Menschenrechten. 10% ihrer Gewinne sind sie durchaus bereit abzugeben für die Gemeinschaft – doch mindestens 30% werden gebraucht, um eine Demokratie am Laufen zu halten.

Der gekränkte Frust der zunehmend rechtswählenden Mittel- und Unterschicht richtet sich auch gegen diese Superreichen, die anscheinend Politik und Medien längst in ihrem Sinne gekauft haben (die “Lügenpresse” beritet nur noch im Sinne der Macht- und Geldhaber). Die Begründung der Sozialschmarotzer, die nachweislich unrechtmäßig Sozialleistungen beziehen, sind genauso selbstgerecht – nur andersherum: Die Oberen arbeiten ungestraft in die eigene Tasche und kaufen sich mit Lobbyismus den Rechtsstaat.

1200 Euro sind im Moment im Gespräch für das „bedingungslose Grundeinkommen“, das weltweit in den Wirtschaftsnationen immer mutiger angedacht wird: Für alle, die nicht mehr gebraucht werden, deren Renten nicht sicher sind, die zu wenig verdienen, um davon zu leben. Die Frage, die im Moment in ersten Feldversuchen geklärt werden soll: Werden die Menschen ganz aufhören zu arbeiten, obwohl sie für zahlreiche Jobs, von der Altenpflege bis zur Müllabfuhr, vom Kindergarten bis zur Supermarktkasse noch gebraucht werden (auch wenn sie von dem Geld, was diese Arbeit wert ist, kaum mehr leben können, heute und in ihrer Rente)?

Das bedingungslose Basis-Einkommen soll Menschen ihren Stolz zurückgeben, ihr Wertgefühl: Sie sollen sich wieder als Teilnehmer der Gesellschaft, als gebraucht und geschätzt verstehen. Oder wird doch nur zu teure Bürokratie damit abgebaut, also noch mehr Menschen aus der sinnvollen, selbstwert-gebenden Arbeit entlassen?

Es gibt also zunehmend Menschen, die der Kapitalismus nicht mehr braucht, die mit ihrer rechten Gesinnung die Demokratie gefährden. Daneben existieren sehr reiche Menschen, die den Kapitalismus zu ihren Gunsten nutzen und sich die Demokratie kaufen und sie damit ebenso zerstören (mal abgesehen von der Umwelt). Fragt sich, wie lange der bedrohte Mittelstand, der noch voll Steuern zahlt (weil er muss) und noch demokratisch wählt, weiter mitmacht. BMW – Bäcker, Metzger, Wirte gehören genauso dazu, wie mittlere Angestellte großer Konzerne, selbständige Steuerberater oder normale Krankenhaus-Ärzte. Ist diese Entwicklung eine Krise des Kapitalismus oder der Moral? Oder ist Korruption (unten und oben) grundsätzlich im Kapitalismus, da dieses System davon lebt, dass alle auf bessere Zustände für sich selbst hoffen?

Es gab eine Philosophierichtung, die die Übermacht der sozialen und politischen Welt angeklagt hat und das „authentische Leben“ dagegenstellte: Der Existenzialismus. In letzter Instanz führen wir demnach unsere eigenen individuellen Leben, bemessen deren Scheitern oder Gelingen für uns selbst. Staatliches Sicherungsnetz und rechtsstaatliche Demokratie sind dafür nur die bestmögliche Grundlage, Mittel zum Zweck.

Allerdings ist im Existentialismus die Eigenverantwortung der Dreh und Angelpunkt. Das einzige eigene Leben darf daher nicht einfach nörgelnd, mosernd, gekränkt dahingelebt werden. Das Leben soll in einzigartiger Weise geführt werden: authentisch, ursprünglich und echt – und das alles gut begründet selbstbestimmt. Dieser „wahre willensfreie Mensch“ wird aber nicht (wissenschaftlich) begründet. Und eigentlich gibt es ihn nicht, wie man an der vielen Hundescheiße sehen kann. Er ist eine rationale Utopie, genauso wie der homo oeconomicus des Kapitalismus. Wir müsen reguliert werden und kontrolliert werden, sonst verabschieden die einen sich in den unbegrenzten Reichtum und die anderen in den Frust.

Heute scheint es wohl nur vorgegebene „Lebensmuster“ zu geben, zwischen denen man die sehr begrenzte Wahl hat. Vom Genussleben (ohne Reflektion und politischer Beteiligung), bis hin zur bekennenden Moral mit Engagement, mit und ohne Gott. So einfach bewusst und eigenverantwortlich, wie die existentialistischen Philosophen Kierkegaard, Jaspers, Heidegger, Sartre und Camus es behauptet haben, ist der Mensch leider nicht. Sinnvoll leben kann man nur, wenn man das Gefühl hat, die Rücksichtslosen werden zur Verantwortung gezogen, alle müssen sich beteiligen, alle müssen für den Rechtshintergrund aufkommen: An-sich-sein und für-sich-sein ist im Alltag der Angst und zunehmenden Kränkung realitätsfremdes philosophisch-rationales BlaBla.

Denkt man also die anderen Einflüsse auf den Existenzialismus weiter – Nietzsches (als Zerstörer jeder Metaphysik) und die der Psychoanalyse – kommt man schnell darauf: Eigenverantwortung muss immer auch soziale Verantwortung sein, um die Triebe bewusst zu regulieren, damit nicht automatisch Anarchie und das Recht des Stärkeren herrscht. Altruismus funktioniert von alleine nur in der kleinen Gruppe, bei Menschen, die man kennt, für die man (begrenzt) Empathie empfindet. Stammesgesellschaften funktionieren so – und sind bekanntlich der Tod der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Korruption und die Suche nach dem Vorteil  nur für die eigenen Leute ist hier unausweichlich, Menschenrechte gelten werden dann nicht mehr umgesetzt. Wir müssen also mit Regulation von oben dieses “natürliche” Stammesdenken maßregeln, wollen wir unser “natürliches” Gerechtigkeitsempfinden zum Grundgesetz für wirklich alle Menschen machen: Entweder Vorteil für uns oder sicheres Selbstverständnis als (guter) Mensch für alle (siehe Flüchtlingsthematik – gerade werden die Menschenrechte mit dem Türkei-Abkommen zugunsten unserer eigenen Vorteile mit Füßen getreten).

Letztlich ist das Leben absurd vergänglich. Soweit haben die Existenzialisten die Wahrheit erfasst. Dagegen hilft auch keine Religion mehr, die ständig betonen muss, dass Gott einen ja so liebt und man dadurch etwas so besonderes wird oder sich artig gottgefällig verhält: der selbstgerechte Narzissmus dahinter ist allzulange schon offensichtlich. Reicht aber Genuss mit Bewusstsein zum Ertragen des Sisyphus-Lebens? Reicht das als Sinn? Und wieviel Kontrolle braucht es, damit wir alle so in Ruhe leben können? Wieviel Nudging (Anstubsen von Oben) ist nötig, um unbeschwert unbewusst im Flow genießen zu können? Vielen Menschen macht die Sinnlosigkeit Angst, die Abkehr vom Fortschrittsglauben (nach der Abkehr vom Jenseits) – weswegen so krankhaft am Silicon Valley Glauben festgehalten wird. Doch auch dort wird die Sinnlosigkeit – jenseits der vorübergehenden Kapitalvermehrung – immer offensichtlicher.

Doch Freiheit als Pflicht (Eigenverantwortung) ist eben auch keine richtige Freiheit mehr, sondern unrealistischer Dauer-Bewusstseinswahn. Daher brauchen wir (also die meisten von uns Dahintrottenden) wohl diese “anstubsende Erziehung”, um bessere Menschen zu werden. Wir würden das ja gerne bewusst und frei wollen und umsetzen – doch so gut sind wir nicht, wir können es eben nicht: Der innere Schweinehund und der eigene Vorteil lassen Superreiche und Unterschicht scheitern und gefährden die Menschenrechte und somit unser aller demokratische Gerechtigkeitsgrundlage. Und gerade die ist wichtig, für den eigenen Vorteil, den wir alleine willentlich nicht gerecht mit allen teilen wollen und doch mit allen teilen müssen, um ihn zu haben.

Wer ewig strebend sich bemüht, Sinn und Selbst zu entwickeln, den können wir erlösen. Darauf hat der Chor der Engel im Faust verwiesen. Der Kampf darum vermag ein Menschenherz auszufüllen, frei nach Camus. Das Schicksal und seine Kämpfe annehmen, die anderen so weit wie notwendig verpflichten mitzumachen, ist wohl die allzumenschliche Freiheit, die auf dieser Erde möglich ist.

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Unwertes Leben

In einem Bericht der ARD über die „Panamapapers“ wurde diese Woche erwähnt, dass dem deutschen Staat durch diese „Off-Shore-Konten“ geschätzt 50 Milliarden an Steuerannahmen im Jahr entgehen. Und in guter, linker, politisch korrekter Manier wurde vorgerechnet (von der hübschen blonden Moderatorin  – einem Sinnbild an intellektueller Attraktivität), wieviel Sozialwohnungen für Flüchtlinge oder andere Bedürftige man damit bauen könnte.

 

Durch verschiedene Zusammenhänge in meinem Leben kenne ich ein paar Leute, Leistungsträger, Erfolgsmenschen, die alles tun, um möglichst wenig Steuern zu bezahlen, auf ihre Einkommen, die weit bzw. sehr weit über dem bürgerlichen Durchschnitt liegen. Ich war sogar schon bei Treffen mit schweizer und deutschen Bankern dabei, die vollkommen im Ernst „Anlagestrategien“ präsentierten, am Rande der Legalität und mit reichlich Tricks verschachtelt, um das „hart verdiente Geld“ vor dem Zugriff des Staates zu sichern.

 

Immer wieder stelle ich solchen Menschen in meinem weiten Bekanntenkreis die Frage, wenn sie sich beschweren über ihre „Zwangsabgaben“ an die Gemeinschaft, also den bösen Staat: „Du benutzt die Straßen, die kannst die Polizei rufen, wenn Du Einbrecher hast, Du schickst Deine Kinder auf Schulen und Unis, Du hast die Sicherheit des Rechtstaates und die einer Zukunft ohne Kern-Energie: Warum willst du so wenig wie möglich dafür bezahlen?“

 

In jeder Antwort, die ich bisher bekommen habe, auf meine provokante Irritation der Sichtweise wohlhabender Menschen auf die Welt, wurden zur Selbstentschuldigung die „Sozialschmarotzer“ genannt. Man will nicht zahlen für dieses – ja was – unwerte Leben?! Seit letztem Jahr gehören für Off-Shore-Kontenbesitzer in diese Gruppe vor allem Flüchtlinge aus der arabischen Welt. Insofern benennt die ARD-Moderatorin unfreiwillig genau das Problem, ohne darauf zu verweisen: Off-Shore Konten sind ein politisches Statement für alle Menschen, die ohne Not, also aus einen puren Luxusleben heraus, Steuern hinterziehen. Man will schon lange nicht mehr die Versager der Gesellschaft alimentieren, die „fetten Diabetesfresser“, die „Alks“ und „Prols“ und Loser des Ostens und schon gar nicht die bärtigen Terroristen und „Frauengrapscher“. Die Härte der Wortwahl zeugt vom Sozialdarwinismus nahe an Hitlers Rassengedanken – nur eben mit dem Verweis auf Unterschichtenmerkmal, statt auf Kopfform und arische Haarfarbe.

 

Auch Donald Trump, die polnische und ungarische Regierung, Putin und natürlich auch alle Zionisten beziehen sich genau auf diese Wertung: Die Unterscheidung der eigenen (genetisch-religiösen-leistungsstarken) Vorzüge, von den anderen, die es irgendwie nicht verdient haben an den Vorzügen teilzunehmen. Die „Anderen“, Schlechteren haben es – und das schwelt dabei letztlich unbewusst immer mit –  nicht mehr verdient, menschenwürdig zu leben, weil sie es irgendwie selbst nicht leisten.  Die Verteilungskämpfe, der Druck wird immer härter und der Gedanke des „Aussiebens“ scheint heute schon so selbstverständlich, dass kaum mehr jemand sich darüber zu wundern scheint. Jedenfalls im Denken dieser Off-Shore-Menschen ist diese eigene (immer scheinheilig begründete) „Erhabenheit“ zutiefst verankert, als Grundlage des Selbstbildes: Darwinismus pur.

 

Wenn ich frage: „Was soll mit den anderen passieren, den Arabern, den diabeteskranken Unterschichten-Kindern, den Flüchtlingen, den Hispanios etc. etc. etc.“, wird kontinentalübergreifend mit den Schultern gezuckt: Selbst ein Gedanke über deren Verbleib scheint schon Verschwendung an „unnützes menschliches Leben“. Doch wirklich logisch zu-ende-gedacht haben das bisher ja schon die Nazis. Die Frage nach all ihren Greul: Wie können Menschen anderen so etwas antun, kann man damit beantworten, dass das nicht über Nacht kam. Brutale Ausgrenzung hat immer eine lange gedankliche und verhaltenshinführende Vorgeschichte: Rassengedanken, eigene Überlegenheitsbilder, die Idee von mehr Lebensraum, mehr Luxus, besseren Schulen, bessere Ärzteversorgung für sich etc..

 

Was aus den anderen wird, ist dabei nur scheinbar egal. Letztlich lösen sie sich nicht in Luft auf, haben die Unverschämtheit, weiter leben zu wollen, ihr kleines Glück zu finden und die Überlegenen zu stören. Sie verbrauchen Ressourcen, belasten Umwelt und Gesundheitssystem – wie mir neulich ein typischer Off-Shore-Konten-Besitzer erklärte. Sie belasten also uns wertvollen Menschen mit ihrem unwerten Leben. Das Wort „Krepieren“ ist immer in der Luft bei so einem Denken. Jeder, der Off-Shore-Konten besitzt muss diese Schuld mit sich ausmachen. Er/Sie (auch als Ehefrau) ist kein Mitläufer. Es ist aktives Verhalten, der Gemeinschaft Geld zu entziehen, weil „unwertes Leben“ keine Sozialwohnung verdient hätte.

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Ordnungsamt

Diese Woche war ich auf einer KFZ-Meldestelle. Eine riesige Menschentraube stand davor und entpuppte sich bei näherem Hinsehen als Asylantragsteller, die von deutschen Menschen in Leuchtwesten in die Vorgaben einer bebänderten Reihe gelotst wurden. Der Eingang daneben galt den Fahrzeugen und Führerscheinen der Deutschen bzw. all der Menschen, die in Deutschland am Straßenverkehr teilnehmen dürfen. Auch hier war der Migrationshintergrund offensichtlich hoch, weit höher jedenfalls, als es mir sonst im Alltag der Großstädte auffällt, in denen ich lebe.

Auf deutschen Ämtern zieht man eine Nummer und wartet. Das hatte ich dann über zwei Stunden gemein mit all den anderen um mich herum: Ich war eine Nummer und ich war den Bewertungen des beamtlichen Dienstpersonals ausgeliefert, dass aufgrund meiner Unterlagen entschied, ob ich irgendwie, irgendwann eine Chance hätte, ein bestimmtes Fahrzeug weiter zu fahren, das an der richtigen Adresse angemeldet sein musste, mit der richtigen Nummer und den richtigen Verweisen aus Handelsregistern und Versicherungsdaten etc. Um es abzukürzen: Es ist mir nicht gelungen. Und neben mir gab es viele andere Menschen, die der (Amts-)Sprache und dem Sinn von Recht weit hilfloser ausgeliefert waren, als ich.

Am schwarzen Brett der Dienststelle hingen Plakate und kleine Prospekte, die zum richtigen „Streuverhalten“ im Winter aufforderten („Toi, toi, streu“) oder mit „Ich will Dich sehen!“ den richten Gebrauch von Leuchtwesten im Straßenverkehr erklärten (zu besichtigen an den  Sicherheitsleuten der Schlangen-Verwaltung vor der anderen Tür). Es gab eine Cafeteria, in der im Verhältnis 6 zu 1 die Bildzeitung zur FAZ verkauft wurde und ein gar nicht so schlechter Cappuccino und Donuts. Monitore zeigten selbst dort noch an, welche Nummer an welchem Schalter zu erscheinen hatte. Immer wieder gab es überraschende Sprünge, genauso wie zähe Warteverzögerungen (einmal brauchte die Nummer 465 37 Minuten an Schalter 9, bis dann die nächste Nummer zu Schalter 9 gerufen wurde.)

Als Frau mit 180 cm Körpergröße, westlich gekleidet, war ich in diesen Räumlichkeiten ein Alien. Ich sah die Menschenmassen draußen vor der Scheibe, die noch weit davon entfernt waren, ein Auto mit deutscher Zulassung zu fahren. Sie standen im Regen vor der Tür, Kinder tobten um die Begrenzungen der Schlange. Auch um mich herum wurde kaum Deutsch gesprochen. Und trotzdem fügten sich alle in das System der Zahlen und Nummern und Unterlagen des deutschen Ordnungsamtes. Die Frauen und Männer hinter den Schaltern waren streng, sprachen oft laut und in möglichst einfachen Sätzen. Die Wartenden kauften deutsche Brezen in der Cafeteria und tranken italienischen Café dazu.

Die Angst der AfD-Wähler war an diesem Ort zum Greifen nahe. Ich habe neulich in einem Interview mit einer Philosophin, die lange an fernen Unis gelehrt hat, gelesen: Die arabische und fernöstlich Welt kann mit unseren „Abstraktion“ nicht viel anfangen. Unsere allgemeingültigen Modelle (der Wissenschaft, Menschenrechte, Verwaltung etc.) werden nicht so geschätzt, wie reale Beziehungen, Alltag. In vielen Ländern steigt man einfach ins Auto und fährt. Keiner interessiert sich für TÜF, ASU, Versicherung, Anmeldeort, Meldeadresse des Halters. Man zahlt dort keine KFZ Steuer, die fest vom Konto mit gleicher Meldeadresse eingezogen wird. Immer wieder mussten die Beamten im Ordnungsamt auch  betonen: Bei uns ist das so, Sie brauchen das und das, sonst dürfen sie nicht fahren, sonst kommt die Polizei, da kann man nichts machen, auch nicht mit Geld….

Die Nummern der Monitore, die Ordnung, Gleichstellung, umfassende Zulassungsunterlagenbürokratie hat mir Sicherheit gegeben. Ich hab mich nicht mal so sehr geärgert, dass ich unverrichteter Dinge nach Hause geschickt wurde, zu einer anderen Meldestelle geschickt wurde, obwohl vorher 2x meine Unterlagen geprüft worden waren und alles da zu sein schien. Ich bin ein Mensch der „Abstraktion“, der logischen Gesetze, des Glaubens, dass man alle Menschen einladen kann, sich an diese allgemeingültigen gerechten Abstraktionen zu halten, weil sie logisch sind und nun mal ein besseres Leben ermöglichen, die Grundlage sind, für unseren Wohlstand, unsere Sicherheit. Die Familie, die Stammeszugehörigkeit als Sozialsystem steht hier nicht über dem Gesetzt, man darf die Beamten nicht korrumpieren, kann sie nicht bestechen, um für sich und die Seinen eigene Vorteile zu ergattern, gegen Gesetzt und Ordnung und Wissenschaft. Ich hatte das Gefühl, jeder in all den Schlangen am Ordnungsamt hat das akzeptiert oder vielleicht sogar reflektiert.

Ich kann nur jeden AfD-Wähler einladen, zu einem Besuch auf seinem Ordnungsamt. Dort erlangt man die Weisheit: Wir müssen „nur“ zusehen, dass wir von dieser „Bürokratie der Abstraktion“, der Umsetzung der Allgemeingültigkeit, Gerechtigkeit, Gleichheit nie abweichen. Eine bessere Erziehung zum Deutschsein, eine beruhigendere Realität des Staates gibt es wohl nicht. Deshalb kommen die Menschen zu uns, deshalb haben wird das, was alle anderen wollen: Sicherheit, Wohlstand, die Verlässlichkeit der logischen Zusammenhänge in unseren Gesetzen, die umgesetzt werden.

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Alles beim Alten mit dem Neuen

Immer wieder gab es im Laufe der Geschichte Zeiten großer Umbrüche. Der letzte große Kulturwandel war die Aufklärung: Die alte Gott-Adel-Kirchenordnung wurde von den Kulturprinzipien Wissenschaft und Bürgertum abgelöst. Die Menschheit musste ihre Wahrheiten, ihre Bedeutung, ihren Lebenssinn neu ordnen. Oder wurden die Menschen neu geordnet? Wenn ja: Wodurch? Gibt es eine Art Kraft, eine Art „Schwarm-Intelligenz“ bzw. „Schwarm-Emotion“, die uns vorantreibt zum ewigen Wandel? Wenn ja, würde ich sie in unserer narzisstischen Triebkraft vermuten.

Jedes Kind kommt auf die Welt und will leben, will seine Bedürfnisse befriedigt bekommen, will für sich seinen Platz in der Welt, seine Geltung, seinen Lebenssinn erobern. Dabei ist es egal, ob das in rigiden Gesellschaftsordnungen stattfindet oder in freieren: Die Kraft des Menschen für sich etwas Eigenes, Neues zu schaffen, die herrschenden Strukturen ein Stück weiter zu drehen, hat in der Summe zu den großen Umbrüchen geführt. Gerade erleben wir wieder einen. Der große Trost dabei: Keine Macht regiert ewig. Machthabende fürchten nichts so sehr, wie diese Triebkraft, dieses Streben nach der eigenen Geltung jeder neuen Generation.

Es fängt ganz langsam an, verschiedene Menschen basteln in Garagen an neuer Technik, andere befreien mit ein paar scheinbar unauffälligen Gesetzesneuerungen die Märkte, in der Hoffnung auf Reichtum. Wieder andere leben neue Lebensformen, brechen mit Konventionen. Strömungen finden zusammen, verstärken sich. So haben die Umwälzungen in der arabischen Welt genauso viel mit den Kriegen zwischen den verschiedenen Stämme und muslimischen Religionsrichtungen zu tun, wie mit dem Internet, den Bildern vom westlichen Leben, das nur ein paar Mausklicks entfernt scheint. Es kommt zu Umbruch-Phänomenen wie Donald Trump oder Putin. Gleichzeitig lebt immer noch jemand wie Fidel Castro und wird vom ersten schwarzen US Präsidenten besucht.

Jemand hat mal gesagt, alle Zeiten und menschlichen Kulturrichtungen finden immer gleichzeitig auf der Erde statt. Es gibt demnach keinen Fortschritt, sondern eine andauernde Verschiebung bestimmter Kulturformen und Phänomene. In weiten Teilen Russland, groß Asiens und Afrikas haben Menschen kein fließendes Wasser oder Strom, bestellen Felder mit Ochsen und der Hand – wie vor tausenden Jahren. Das Internet ist neu und trotzdem führt es nur zu den immer gleichen Problemen von Gier, Macht und Ausbeutung.

Attentate mit und ohne Bomben hat es schon immer gegeben (früher war Gift das Mittel der Wahl), um durch Zerstörung Einfluss zu nehmen auf das politische Geschehen. Auch die Religiosität und die (mehr oder weniger subtile) Beherrschung der Frauen scheinen Themen zu sein, die seltsam aktuell bleiben. Auch das Aus- und Einwandern ist ein Merkmal, dass sich durch die Zeiten hindurch nicht verändert hat – einhergehend mit den immer gleichen Geschichten von Erfolg oder Scheitern.

Nicht mal das Massensterben aufgrund von Umweltkatastrophen ist neu. Auch wenn es heute hausgemacht ist, ist es doch genauso Teil der Natur, nämlich unserer menschlichen Natur, unserer narzisstischen Triebenergie, die wir nicht beherrschen: Der eigene Vorteil, der Vorteil der eigenen Gruppe bestimmt immer wieder alles, was dem Menschen zustößt. Man kann das hinnehmen, man kann versuchen, die Kultur ein winziges Bisschen in eine bestimmte Richtung drängen. Aber letztlich ist es die ewige Wiederkehr des Gleichen, wie Nietzsche es beschrieben hat.

Gerade gewöhnen wir uns an einen seltsamen neuen-alten Kriegszustand. Er besteht aus politischen Kämpfen in der EU, aus Flüchtlingen und Attentate.  Die Woche zwei Bombenanschläge: Wie lange dauert es wohl, bis die großen Worte und die Gesten nicht mehr berühren? Wie lange dauert es, bis wir mit den Schultern zucken und einfach weiter machen? Man kann auch täglich an anderen Dingen sterben, die Wahrscheinlichkeit ist erheblich höher, vom Auto überfahren zu werden oder an Krebst zu sterben, als an einer Bombe.

Es ist unsere Einstellung zum “Wandel des ewig Gleichen”, die unser persönliches Leben ausmacht. Es ist die Neugierde auf das was kommt – oder die Angst, den eigenen Vorteil zu verlieren, die unser Leben grundsätzlich bestimmt. Und so war es immer: Die Neugierigen, die den Wandel annehmen und flexibel darauf reagieren, im Fluss des Lebens, werden weit weniger auf der Strecke bleiben. Wir können selbst entscheiden, ob wir Opfer oder Lebende sein werden. Immerhin: Auch das ist stets Teil aller Kulturen gewesen.

Die Menschen in Idomeni sind aktiv aufgebrochen in ein neues Leben. Was werden sie jetzt tun? Zurück können sie sicher nicht mehr, selbst, wenn sie zurück in ihre alte Heimat gehen….

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Fressen contra Moral

Der Mensch ist ein psycho-somatisches Wesen. Er ist seinen körperlich-infantilen Bedürfnissen mehr verhaftet, als der hohen bewussten Selbstreife: Die Selbstreife, die das eigentliche Menschliche ausmacht, jenseits tierischer Instinkte, ist eine dünne Firnis, die nur wenige stabil entwickelt haben. Das kann man gerade an der Politik der westlichen Welt gut beobachten. Statt humanistischer oder christlicher Werte, regiert die Angst, den eigenen Überlebens-Vorteil zu verlieren. Das Fressen kommt vor der Moral, hat Brecht schon festgestellt. Und heute könnte man zufügen: Der eigene Wohlstand kommt vor der Moral, der SUV und Zweitwagen, die Urlaubsreise in ferne Lande, die Privatschule der Kinder und die teure Designerkleidung kommen vor der Moral – jedenfalls für eine große Gruppe der AfD Wähler und der heimlichen AfD-Denker.

Insofern haben die Schichten am unteren Rand der Gesellschaft noch eine schlüssige Ausrede, bzw. logische Begründung für ihr egoistisches Verhalten und ihre AfD Entscheidung vom letzten Sonntag: Für sie geht es jeden Monat wirklich ums Überleben in einer Gesellschaft, in der immer alles teurer wird und die einfachen Jobs immer weniger werden. Deshalb hat sich die AfD, auf der Suche nach Parteithemen, die Bedürfnisse dieser Leute jetzt auf die Nach-Wahl-Fahnen geschrieben: Nur “Ausländer raus” ist kein Parteiprogramm, das hat man eingesehen. Also ist man jetzt auch noch kapitalismusfeindlich – auf eine sehr infantile schwarz-weis Denkweise. Damit es auch jeder Wähler kapiert. EU ist doof, TITIPP ist doof und Frauenarbeit auch. Das war´s schon.

Doch ohne Turbokapitalismus hätte es so ein Phänomen wie die AfD gar nicht gegeben. Immer deutlicher wird klar, dass der Kapitalismus, der angeblich die demokratischen Werte stützt und vorantreibt, innerlich nichts mit ihnen zu tun hat. Kapitalismus ist Sozial-Darwinismus auf einer höheren modernen Stufe. Denn die Gewinne müssen immer mehr werden und anscheinend kann selbst die drohende Gefahr, die aus sozialer Ungleichheit entsteht, das Gewinnstreben nicht aufhalten. Der Kapitalismus frisst daher nicht nur seine eigenen Kinder (also die Demokratie, wie man bei 24% AfD Wählern gerade sieht), sondern irgendwann auch sich selbst, da er seine Grundlage (unsere Umwelt, unsere Gesellschaften) zerstört.

Auch ohne den Syrienkrieg kommen immer mehr Menschen aus Afrika und anderen kapitalistisch ausgebeuteten Ländern zu uns – und es werden immer mehr werden. Der Syrienkrieg und der Zerfall des Irak und Afghanistans sind nur ein Turbo für diese Entwicklung. Selbst der Islamismus ist eine Folge des Kapitalismus, der wirtschaftlichen Interessen der westlichen Nationen.

Wenn man es genau nimmt, stehen unsere moralischen Werte, unser Gerechtigkeitsempfinden, das uns zu den Menschenrechten gebracht hat, die humanitären Werte von Gleichheit und Menschenwürde geschaffen hat, entgegen unsrem Streben nach immer mehr Wohlstand und seiner Schattenseite: der Gier. Letztlich sind es die reifen Selbstwerte der Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit, die den infantilen, narzisstisch gestörten Selbstreifegraden entgegenstehen, die aus innerer Unsicherheit und Gier mit Status, eigenen Vorteilen, Nationalempfinden versuchen, die unsichere Identität zu festigen. Das kann man wissenschaftlich gut begründen. Empathie mit sich selbst kontra Empathie mit anderen – das ist die psychische Reifung vom Kind zum Erwachsenen, von einer archaischen Kultur, über die monotheistischen Religionen, hin zu den Menschenrechten.

Das Grundgefühl der Hilfsbereitschaft, contra das der Angst, das Gefühl des Vertrauens in die möglichen Handlungsweisen, contra hilflose Panik, ist völlig unabhängig von der politischen Regulierung. Das Rechtssystem, das durchgreifen muss, wenn Menschen – egal welcher Herkunft – die humanitären Gesetze nicht einhalten, hat nichts mit unserer inneren Sicherheit oder Unsicherheit zu tun. Es gab in allen Gesellschaftsformen reife und unreife Menschen. Es ist eine Sache, die eigene Kultur und Werte und Errungenschaften zu schützen und eine völlig andere, Menschen von außerhalb daran teilhaben zu lassen. Das eine ist der Staat, das andere sind wir selbst.

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Ich, Gutmensch

Nach neusten soziologischen Studien (des berühmten Soziologen Heinz Bude Uni Kassel), sind AfD-Wähler Menschen, die sich gekränkt und in ihrer Lebenswirklichkeit verkannt fühlen. Dazu gehören vor allem wertekonservative CDU-Wähler und das Dienstleistungsproletariat, das von häufig wechselnden Jobs, ohne bestimmte Fachkenntnisse für sehr wenig Geld (kurz über dem Harz IV Satz) lebt. Also: Mittelklasse und abgestiegenes Kleinbürgertum wollen einen Staat, der sich kümmert. Sie wollen ihre Identität mit Werten stabilisieren, für die öffentlich allgemein eingestanden wird. Sie haben Angst vor der Angst der Politiker, die nicht mit fester Hand das Richtige tun. 

Doch schaue ich mit Herrn Seehofer an, der anscheinend diese unfreiwilligen Tipps für Politiker befolgt, empfinde ich das nur als lächerlich: Ein Alt-Herren-Casper, der glaubt er wüsste wo es lang geht, in seinem undifferenzierten schwarz-weiß Denken. Dabei zeigt Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg, einer ehemaligen Hochburg deutsche-konservativer Mentalität, dass man auch konservativ sein kann, indem man entschieden Menschlichkeit zeigt, politisches Gemeinwesen beschwört. Es reicht eben nicht nur gespielte Entschiedenheit: die Argumente müssen überzeugen, für alle, die nicht einfach dumm schwarz-weiß denken.

Wir brauchen starke Vorbilder in der Politik, für all die schwachen Menschen. Doch die Vorbilder/Politiker dürfen eben nicht irgendwas sagen, sondern etwas, das Weitsichtig hat und differenziert überlegt ist. Wer menschliche Verbundenheit klar darstellt, seine Argumente vorbringt, warum Abgrenzung z.B. zu tiefst „unmenschlich“ ist d.h. Menschen noch niemals zum Besseren geführt hat, der kann (glaube ich) mittlerweile egal welcher Partei angehören. Kretschmann als Grüner beruft sich auf Merkel und ihre Politik und Weitsicht der Menschlichkeit. Ich glaube sie  hat die große Einladung an Syrer ausgesprochen, weil die Industrie seit Jahren nach Facharbeitern schreit. Dass nun alle „Hungerleider“ her kommen und viele nicht arbeiten wollen – so stellt es die AfD dar – hat sie sicher nicht beabsichtigt. Keiner hätte das. Aber es ist nun mal notwendig jetzt auf die humanitäre Grundlage all unserer Werte zu setzen: Das Völkerrecht. Es ist notwendig Geld zu geben, damit die Flüchtlinge auch vor den Grenzen der EU versorgt werden. Es ist die Rechnung, die wir wohl zahlen müssen, für all unseren jahrzehntelangen, rücksichtslos angehäuften Wohlstand. Es ist notwendig, die Schwarzen Schafe endlich wieder heim zu schicken - genauso, wie die schwarzen Schafe unter uns, die mit Brandsätzen Flüchtlingsheime anzünden, mit aller Härte zu bestrafen.

Keiner weiß, ob sie nicht ohnehin alle gekommen wären, die sogenannten Flüchtlinge, vielleicht nur nicht so schnell. Seit vielen Jahren ertrinken Menschen aus Afrika – ohne große Einladung – im Mittelmeer.

Auffällig ist, dass die AfD vor allem von Menschen gewählt wird, die eigentlich Probleme mit der Globalisierung haben. Es ist eigentlich der neoliberale Kapitalismus, der seit mindestens zwei Jahrzehnten unsere Welt und Werte massiv bedroht, unsere Erde offensichtlich zerstört, mit der Politik des billigen Geldes, des Turbowachstums, der viele Menschen „wertlos“ macht, aussortiert, ihnen Identität und Einkommen raubt und die Schraube immer weiter andreht. Warum stellt sich die AfD und Pegida nicht vor die EZB in Frankfurt und demonstriert gegen die 0% Zinspolitik eines Mario Draghi, also eines Goldmann-Sachs-Kapitalisten erster Güte? Viele CDUler, die gerade zur AfD überlaufen, haben auf diesem Finanzmarkt bisher viel Geld verdient, auf Kosten der Armen dieser Welt. Plötzlich geht das nicht mehr, plötzlich stehen die Folgen vor der eigenen Haustür, sitzen als Unternehmensberater auch in der eigenen Firma und bedrohen den eigenen Job. Und daran sollen jetzt die Flüchtlinge schuld sein?! Und ohne sie wäre alles wieder gut?! Selbstkritik ist das Element, mit dem Psychologen eine hohe Selbstreife, eine wirklich erwachsene Psyche messen.

Wenn die alten Parteizugehörigkeits-Identitäten nicht mehr funktionieren, die alten Klassenzugehörigkeiten verrutschen, sich auflösen, die Nationalitäten und ihre Bürger und deren Abstammung verschwimmen, Familienstrukturen erweitert werden, dann kommt man mit Angst nicht weiter. Angst ist ein Symptom, ein Zeichen, dass man aufmerksam sein muss, selbstwirksam werden muss, die Passivität verlassen sollte. Es kann uns nicht mehr in unserer Wohlstands-Nische gut gehen, in der wir uns nach dem 2. Weltkrieg mit unser Schuld und Arbeits-Demut eingerichtet haben. Wir müssen Verantwortung übernehmen – für uns selbst – zumindest mit einer argumentativ gut begründeten Meinung, am besten aber mit eigen, neuen Handlungen. Gute Taten, Taten die Sinn machen, Perspektiven, die schlüssig sind, geben neue positive Identität, befreien von der Angst. Das muss nicht direkte Flüchtlingshilfe sein, es reicht schon die Eigenverantwortung für das eigene Schicksal wieder in die Hand zu nehmen, nicht auf den Staat zu warten. Man könnte sich auch vor die EZB stellen mit einem Plakat hochhalten, wo drauf steht: „Draghi geh heim, mit deinem billigen Geld, das alles  Menschliche zu Geld-Gewinn werden lässt.“

In diesem Sinn: Lasst uns Gutmenschen sein.

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Fakten

Es ist Zeit für Fakten; Fakten bieten uns die letzte Form der Orientierung. Allerdings ist Ihre Deutung eine Eigenleistung, eine Meinung, die wir uns selbst zulegen müssen. Die AfD schafft Fakten, nämlich eine eindeutige Anzahl von Menschen, die sie wählen. Im Osten sind es nach aktuellen Umfragen: 19%. Im tiefen Westen, also Baden-Württemberg (kaum ein Bundesland ist deutscher): 11%. Das ist die Anzahl der Menschen, die …ja was?

In den USA hat der Vorwahlkampf ähnliches zu Tage gebracht – vor allem die Anzahl der Menschen, die sich dort als eine Art “Herrenrasse” der Menschheit verstehen; dazu in aller Deutlichkeit: die Notwendigkeit, dass sich etwas ändern muss, an der heiligen amerikanischen neoliberalen Gesinnung. Wenn auch jeder Donald-Trump-Wähler genau das nicht will, ist jedem denkenden Amerikaner klar, dass dieser schlecht frisierte Scharlatan keinerlei Antworten kennt, auf all die Probleme, die die zunehmende Ungerechtigkeit des herrschenden Wirtschaftssystems hervorbringt. „Amerika first“, „white man first“: Was für Handlungen folgen daraus? Will er die Farbigen und Mexikaner alle an die Wand stellen oder den ganzen Nahen Osten niederbomben? Aus wachsender Ungleichheit sind in Deutschland vor 70 Jahren genau solche Handlungen hervorgegangen. Niemand wollte es wahrhaben – am Anfang.

Ähnlich wie bei Seehofers Hau-drauf-Lösungen werden dadurch immer nur andere Probleme anderswo auftauchen. Grenze zu. Punkt. Damit ist kein Problem zu lösen. Und je größer die humanitäre Katastrophe der Flüchtlinge in Griechenland wird, umso deutlicher wird das gar nicht so unvernünftige Beharren von Angela Merkel auf Europa als Lösung. Bis September 2017 ist noch viel Zeit, um viele neue Fakten zu schaffen. Merkels  Alleingang bei der „Einladung“ der Flüchtlinge war nicht vernünftig, weil er ein viel zu einfacher schneller Satz war, das gleiche, was jetzt Trump und Seehofer machen. Die Folgen werden nicht bedacht. Wir können Probleme nicht mit einfachen „Basta-Lösungen“ lösen.

In jedem Artikel über das Vernichtungslager Ausschwitz wird klar, was für Handlungen folgen können, wenn man solche Sätze umsetzt. Juden sind an allen Problemen Schuld. Alle Mexikaner, Araber raus, Amerika den Amerikanern, Deutschland den Deutschen, dann ist alles wieder gut. Juden sind verlogen, die gesamten Medien sind verlogen. Mit dem Foto, von Erika Steinmeier gepostet in dieser Woche, auf dem schwarze Kinder ein blondes Mädchen in ihrer Mitte bestaunen, sind wir definitiv beim Rassengedanken angekommen.

19% bzw. 11% AfD sind im Durchschnitt 15% Deutsche die mit einfachen Antworten menschenverachtende Handlungen befürworten. Es bleibt mir nur erneut festzustellen: Diese Menschen müssen dumm sein, sonst würden sie aus logischen Schlussfolgerungen und Erfahrung wissen, dass einfache Antworten noch nie Verbesserung gebracht haben, das menschliche soziale Leben ist dafür zu komplex. Ich habe im ganzen AfD-Wahlprogramm keine komplexe Analyse als Begründung ihrer Handlungen gelesen, nicht eine. Einfache Scharfmacher-Parolen sind keine Analyse. Und für mich stellt sich in der ganzen Thematik, neben der Flüchtlingsfrage, immer auch die Frage: Wohin mit ca. 15% dummer Menschen in Deutschland? Immerhin ist aus Unvorsicht gegenüber dieser Gruppe, aus Unterschätzung ihrer Macht, schon mal die Hölle auf Erden entstanden.

Eine einfache Antwort wäre: Was geht es mich an, ob sie zurechtkommen…oder: Werft sie raus, lasst sie elend zugrunde gehen, an Alkoholismus, Arbeitslosendepression, Perspektivlosigkeit, Frust. Ist doch ihr Pech, wenn sie (zumeist) mit schlechten Genen und in schlechte soziale Umstände geboren wurden, kann halt nicht jeder einen guten Lebensstandard haben. Wir werden halt nicht alle ins gleiche Land – pardon – gleiche Umfeld geboren…. Intelligent first… Leistungsträger first (was immer automatisch bedeutet: der Rest soll vor die Hunde gehen). Würde ein AfDler zur Vernunft gebracht, wenn man ihn selbst seinen eigenen Parolen und Forderungen aussetzt? Man würde sich auf ihr Niveau begeben, das könnten sie gut argumentiert zu Recht entgegnen. Man wäre selbst dumm. Die AfD kann verdammt froh sein, dass sie nicht mehr Wähler hat….

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Staatsstreich

Eine Menge Menschen, die gegen Flüchtlinge protestieren, erwarten von der Politik, dass sie sich erst mal um ihre Probleme kümmert, dass ihnen geholfen wird – und nicht den Fremden. Es ist das Gefühl in einem ohnehin prekären Leben noch weiter an den Rand gedrückt zu werden. Wenn man sie nach ihrer Eigenverantwortung für ihre Lage fragt, wird allen anderen, Politikern, Medien etc. die Schuld zugeschoben, das eigene Versagen, der eigene Anteil an der Misere wird nicht bedacht.

Wie weit ist der Mensch selbst verantwortlich? Er ist nicht verantwortlich für seine Intelligenz und Intelligenz hat viel mit dem Erfassen der Situation zu tun und auch viel Einfluss auf den Erfolg. Intelligente Menschen werden überall gebraucht. Doch leider sind nur 20% aller Jahrgänge im eigentlichen Sinne intelligent, fähig, komplexe Strukturen zu erfassen, zu abstrahieren (und somit zu studieren). Doch auch intelligente Menschen scheitern an mangelnder Charakterstärke. Denn die ist völlig unabhängig von der Intelligenz, für den Erfolg aber genauso wichtig. Sie hängt sehr stark von der Erziehung ab, ist somit also, genauso wie die Intelligenz, eine Laune des Schicksaals.

Was ist nun aber mit dem Rest, mit den nicht sehr intelligenten, nicht sehr charakterstarken Menschen? Ich tippe mal auf einen Prozentsatz von mindestens 30%, sowohl bei den Flüchtlingen, als auch bei den Deutschen, die wirklich deutliche Schwächen in der einen oder anderen Richtung haben. Was soll eine Gesellschaft mit diesen Menschen machen? (Immerhin findet hier eine Form der Gruppen-Integration statt, über alle Grenzen und Völker hinweg.)

Es ist unethisch über so etwas zu diskutieren. Andererseits sind es diese Menschen, die Hass-Tiraden im Internet verbreiten, die immer schwerer Arbeit finden, sich ungesünder ernähren und die Gesundheitssysteme belasten, weniger gute soziale Absicherungen haben. Jenseits der Flüchtlingsproblematik sind sie ein Problem des digitalen Zeitalters, da diese Menschen zunehmend ihre Arbeit verlieren, ihren Frust aber nicht mit neuer Kreativität kompensieren, mit Weltoffenheit und Hilfsbereitschaft. Dumme schwache Menschen würden sich auch beim bedingungslosen Grundeinkommen nicht ehrenamtlich engagieren, sich um neue eigene Lebenswege kümmern. Sie würden weiter nörgeln und jedem Demagogen hinter herlaufen, der ihnen verspricht, dass sie mehr bekommen und die Machthaber abgesägt werden.

Dumme schwache Menschen, das ist natürlich eine Pauschalierung, jenseits irgendeiner psychologischen  wissenschaftlichen Einordnung. Dennoch ist es eine Gruppe, mit der wir täglich kämpfen, jeder von uns. Sie begegnen uns überall, bei der Parkplatzsuche, an der Kasse im Supermarkt, im Büro (da vor allem), wir haben sie als Nachbaren, manchmal sogar geheiratet. Und ohne eine genau Diagnose könnte jeder von uns bestätigen, das sind Menschen, die größere Zusammenhänge, die Folgen ihres schlechten Benehmens nicht verstehen oder die sich trotzdem selbst immer wichtiger nehmen, die sozial nicht kompatibel sind, mit weltoffenem selbstkritischem Verhalten.

Wir brauchen also nicht weniger Flüchtlinge. Wir brauchen weniger Menschen ohne Eigenverantwortung, mit wenig Intelligenz und viel Charakterschwäche. Was würde wohl passiere, wenn der Staat ihnen mal einen Streich spielt, man deutsche, irakische, afghanische, syrische “Sozialschmarotzer” (sie vom guten Willen und der Hilfsbereitschaft der anderen schmarotzen) alle ausfliegt, in ein unbestimmtes Land, wo ihnen alles zur Verfügung steht, ihnen aber niemand hilft daraus etwas zu machen, sie ihre Sozialstrukturen, Regeln und Gesetze selbst finden müssten? Das würde mich wirklich mal interessieren.

 

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Bürger-Rechte

Ganz früher mal galt das Recht des Adels und der Fürsten: Man wurde in Privilegien und Machtposition hineingeboren, der liebe Gott verteilte die Stellungen in der Gesellschaft. Wer die oberen Machtposition und Privilegien angriff, wurde körperlich gezüchtigt oder zerstört, wurde demonstrativ zur Mahnung aller anderen geköpft, verbrannt, gevierteilt, ertränkt. Waterboarding, als Foltermethode des Mittelalters, sollte Machtverhältnisse und Privilegien erhalten. 

Heute lassen wir die Menschen wieder ertrinken. Die Zäune Europas werden dicht gemacht, damit der Wohlstand und die sozialen Vorzüge der EU erhalten bleiben. Wer das Glück hat, in Europa geboren zu sein, darf daran teilnehmen. Viele, die dieses Glück gerade erst errungen haben (alle Oststaaten), verteidigen es am schärfsten gegen anderen, die auch darauf hoffen. Die Polen hoffen, dass die Briten nicht ihre Sozialleistungen kürzen – und nehmen selber keine Flüchtlinge auf.

Nur wer heute in den “Adelstand des Europäers” geboren ist, soll auf Rechtsicherheit und soziale Sicherungsnetze zählen dürfen. Der Rest ist quasi selbst schuld oder Gott ist schuld, dass er zum „dritten Stand“ der globalen Gesellschaft gehört, aus Afrika oder der arabischen Welt stammt, aus Stammeskulturen und religiösen Fanatismus, korrupten Ländern mit Unterdrückung und Armut, ohne Bildungschancen. Wenn diese globalen Unterschichten es nicht hinbekommen, sich politisch zu emanzipieren, ist das quasi der Grund dafür, dass sie es nicht anders verdient haben. Doch: Unsere europäischen Länder sind auch deshalb reich, weil sie Jahrhunderte lang diese anderen Länder ausgebeutet haben.

Unser Bürgertum hat dem Adel die Macht abgenommen, durch Logik, Wissen, Leistung, Chancengleichheit, Vernunft, Fleiß und aufgeklärte Bildung. Mit Moral wurde das unsinnige „gottgegebene“ Privileg in Frage gestellt und abschafft. Der Wert eines Menschen wurde nicht mehr durch Herkunft und Familie festgestellt, sondern durch seine Leistung für die Gesellschaft. Und gleichzeitig galt Humanität als Begründung der eigenen Überlegenheit gegenüber der alten Ordnung.

Worauf sollen wir nach Adelsmacht und Bürgergesellschaft heute unsere Privilegien in der globalen Gesellschaft gründen? Humanität, Fleiß, Gleichheit, Empathie, Mutterinstinkt, Intelligenz – alles Erfindungen der bürgerlich-aufgeklärten Gesellschaft, die als Maßstab für Menschen galten, gelten nicht mehr gegenüber all den Ausgebombten und Hungerleidern, die zu uns kommen wollen. Das Argument: Wir können diese Werte nicht mehr aufrechterhalten, wenn zu viele kommen aus fremden Wertewelten, wenn zu viele auf unsere Empathie und unsere Menschenrechte hoffen und selbst nicht dazu fähig sind. Gleichzeitig gibt es keine Möglichkeit (mehr) das zu beweisen.

Und: Schon vor der Flüchtlingswelle konnte man sich fragen, wie lange werden wir diese Werte noch auf die Griechen und Portugiesen anwenden? Wie lange werden sie noch für die Menschen der Unterschicht in unseren eigenen Gesellschaften gelten? Diese Menschen verloren schon lange vor den Flüchtlingen ihren Status als vollwertige Bürger.  Wir ließen auch damals schon immer mehr Menschen in ihrem Elend ertrinken, mit dem Argument: Wir müssen unsere Bürger-Werte vor denen schützen, wir müssen schützen, was wir aufgebaut haben – ob das nun gerecht ist oder nicht.

Ist der Bürger heute wieder Adel? Menschenrechte sind zunehmend wieder ein „gottgegebener Luxus“, erteilt durch die Geburt (in Länder, Schichten, Familien). Sie können längst schon keine logische, moralische Grundlage mehr für unsere Identität als Bürger sein. Sie sind Privilegien, von denen wir immer mehr Menschen ausschließen., weil sie eben nicht bei und oder in Bildungsfamilien hinein geboren werden.

Wie man Menschen aus korrupten (Stammes-)Gesellschaften, mit Hang zum religiösen Fanatismus reformiert, damit wir Menschen dieser Gesellschaften als Bürger anerkennen, weiß ich aber auch nicht.

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Die Online-Krankheit

Es gibt nun endlich erste seriöse Studien dazu, wie der „Dauer-Handy-Online-Konsum“ sich auf unser Dasein auswirkt. Harvard, als wohl angesehenste Universität der Welt, hat sich dem Thema gewidmet. Besonders einschneidende Probleme sind bei Jugendlichen zu bemerken. Doch auch bei Erwachsenen machen sich ähnliche Symptome bemerkbar. Hier sind die 10 entscheidenden Ergebnisse:

1. Es gibt deutliche Merkmale der Sucht: Wer sich ohne sein Handy und seine Apps hilflos fühlt, hat definitiv schon die Grenze der psychischen Gesundheit überschritten. Ähnlich wie beim Alkohol ist die Menge der Betroffenen erschreckend hoch und man denkt: Aber dann sind ja fast alle abnormal und krank. Es kommt aber nicht auf den Konsum an sich an, sondern eben darauf, ob einem etwas fehlt, wenn man das Handy/Alkohol nicht hat. Und das merkt man daran, wie oft man an das Suchtmittel denken muss – oder ob man es vergisst bzw. sogar erleichternd findet, es nicht zu haben. Das Handy als Organisationshilfe ist nicht das Handy als Suchtmittel.

2. Jugendliche, die mit viel Internetkonsum und Apps groß werden sind: weniger empathisch (können sich also weniger in andere einfühlen und deren Stimmung erkennen). Sie sind ängstlicher und unselbständiger. Auch bei Erwachsenen ist das bei erhöhtem Online-Missbrauch zu bemerken. Es sind Verhaltensweisen, die man bei kleinen Kindern als „unsicher gebunden“ beschreibt. Die Menschen haben also nicht das Gefühl von beschützenden liebevollen Personen ihres Alltags sicher in die soziale Gruppe eingebunden zu werden. Es sind sogenannte Persönlichkeitsstörungen, bei denen durch einen emotionalen Dauernotstand die Konzentration auf die eigenen ängstlichen Gefühle fixiert bleibt. Man kann das eigene Gefühlsleben nicht (mehr) selbst regulieren und versucht mit dem digitalen Austausch Sicherheit zu gewinnen, was aber immer weiter in die Unsicherheit führt.

3. Die eigene Identität, Beziehungsfähigkeit und Kreativität ist von der Verunsicherung betroffen. Die Selbständigkeit und das Selbstbild werden durch die Dauerhilfe durch Apps und die virtuelle Dauerkommunikation ersetzt. Es wird sich ständig über äußere Kommunikation abgesichert, anstatt über innere Kommunikation mit sich selbst ein Selbstvertrauen und sichere Einschätzungen zu gewinnen und eigenen Gefühlen zu vertrauen: Die Meinung aller wird wichtiger als die eigene Meinung, die man gar nicht mehr bilden kann. Das Selbstvertrauen wird dadurch ausgehöhlt oder entsteht erst gar nicht.

4. Die Meisten Kommentare, Likes zu allem, was man im Internet kommentieren kann, sind Zeitverschwendung. Sie haben keinen Inhalt, sind für das Leben, ein dauerhaftes Wohlfühlen, die Auseinandersetzung mit der Welt und lebenswichtigen Dingen, nicht sinnvoll. Das Schreiben, Posten und Kommentieren höhlt die Persönlichkeit aus, die dazu da ist echte physische Beziehungen zu haben, eine erfüllende, sinnvolle Tätigkeit und Konflikte mit anderen und dem eigenen Dasein zu bewältigen (Alter, Krankheit, Enttäuschungen, Ziele etc.). Viele Leute verwenden Techniken, weil sie neu sind – nicht weil sie sinnvoll sind für ihr erfülltes Leben.

5. Im Netzt werden oft nur noch Dinge abgerufen, die zur Schein-Stabilisierung wichtig sind. Politische Zusammenhänge treten hinter Klatsch und Tratsch und Traumwelten von Luxus, Schönheit und Aufmerksamkeit zurück. Das erfolgreiche Leben besteht demnach aus schicken Klamotten, dem Traumpartner, niedlichen Kindern und teuren Urlauben. Es scheint planbar. Doch weder schaffen es die meisten Menschen diese Perfektion zu erreichen, noch sind sie dann glücklich. Viele glauben heute nur alle Anweisungen befolgen zu müssen, dann tritt (wie bei einem Programm oder Spiel) das gewünschte Ergebnis des Erfolges ein. Doch weder der vorgegeben geschönte Erfolg ist damit zu erreichen, noch gäbe dieser Erfolg das Gefühl ein sinnvolles Leben zu haben.

6. Bildung von Identität ist ein sozialer Prozess: Man brauch realen sozialen Kontakt dafür, mit Konflikten und vielen zwischenmenschlichen Zeichen. Sie ist nicht durch abstrakte Symbole (Likes, Emoticons und SMS) zu erlangen. Sie ist auch nicht durch die bloße Bestätigung und Kritik von außen zu bekommen, sondern durch eine selbständige Einschätzung der eigenen Dinge und die Relativierung der äußeren Reaktionen. Selfies und Likes sind dabei wie Bilder von etwas, auf das man Hunger hat, aber nicht essen kann: Es ist eine Art nicht-reale Bestätigung, die nicht satt macht, da sie meist von Menschen kommt, die wir nicht gut kennen, mit denen wir wenig Zeit verbringen, in der realen Welt. Diese ganzen Aktionen stehlen Zeit und verhindern andere Möglichkeiten, die wir für die echte Bildung von Identität brauchen. Das perfekte, gelikte Bild von sich selbst, Marken, die das Bild aufwerten sollen, lassen uns sehnsüchtig zurück, da diese Bestätigung nicht wirklich das Selbstwertgefühl satt macht. Leider versuchen wir gerade deshalb immer stärker mit Likes satt zu werden, ein Teufelskreis beginnt. Das Bild hat keinen Kern.

7. Wir sind noch niemand, wenn wir uns selbst als Marke inszenieren. Marken sind Zeichen, die mit positiven Assoziationen verbunden werden, aber keinen lebensweltwichtigen Inhalt haben (Nähe, Interesse). Selbst ein König kann beziehungsunfähig sein und innerlich schwach. In realen Beziehungen fällt das auf. Doch nur durch reale Beziehungen, reale Kreativität werden wir Selbst-satt.

8. Die Anzahl der wahren Freunde hat sich verringert, obwohl die virtuellen Freunde immer mehr werden.

9. Viele Menschen (Jugendliche und Erwachsene) fühlen, dass etwas zutiefst falsch läuft mit ihrem digitalisierten Leben. Aber sie können es weder benennen, noch einen Ausweg alleine finden. Viele fühlen eine tiefe Ambivalenz zu ihrem Handy und sozialen Netzwerken: Eine Droge die man hasst. Man genießt die technischen Möglichkeiten nicht, man fühlt sich getrieben.

10. Man kann Apps immer noch löschen, genauso wie den eigenen Account bei sozialen Netzwerken.

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Arbeitslos macht frei?

Unsere Welt scheint sich rasend schnell zu ändern. Aber woran spüren wir das wirklich bzw. woran werden wir es spüren? Bisher gab es erst eine wirklich große Veränderung in der Art, wie Menschen konkret ihr Leben führen: durch die maschinelle Technisierung. Bis ca. 1900 haben die meisten Menschen ein Leben geführt, dass sich von dem des Mittelalters und sogar der Jungsteinzeit wenig unterschied. Das Leben war kurz und durch harte Arbeit und den direkten Überlebenskampf bestimmt. So ist das Leben in vielen Drittweltländern heute noch – und einher geht immer die Abwertung und Entmachtung von Frauen. Je härter das Leben, umso mehr brauchen Frauen die Männer zum Überleben, was sie stets abhängig macht und durch zahlreiche Geburten immer noch abhängiger.

Nach der ersten technischen Revolution gab es nun Berufe, die keine körperliche Kraft mehr benötigten, Frauen konnten sich selbst ernähren, wurden unabhängiger und verwalteten ihre Leben zunehmend selbst. Eine Weile versuchten Kirche, Moral und Männer sie noch daran zu hindern. Heute ist die Intelligenz und Bildung ausschlaggebend für das Arbeitsleben und den Verdienst, es gibt immer weniger Berufe, in denen körperliche Kraft gefragt ist, sie werden weitestgehend von Maschinen übernommen. Und: Männer und Frauen sind in Sachen Intelligenz gleichbegabt.

Was passiert aber nun, wenn selbst die intelligente Arbeit von den Maschinen übernommen wird und bald nur noch sehr wenig Menschen gebraucht werden für sehr wenig Arbeit? Was macht der Rest: Männer und Frauen, die nicht die Intelligenz für Computerspezialisten haben oder diesen Job schlichtweg nicht wollen? Und was wird erst, wenn die Computer sich selbst reparieren und programmieren? Ein paar Jobs werden wohl immer noch übrig bleiben. Doch neulich las ich eine Schätzung, dass letztlich nur noch 20-30% der Menschen wirklich mit ihrer Arbeitskraft gebraucht werden. 70-80% Arbeitslose?! Erst langsam dämmert dieses Problem der Öffentlichkeit entgegen, dabei ist es ziemlich genau vorherzusagen und auch schon an zahlreichen Stellen der Arbeitswelt sichtbar.

Ich bin mir sicher: Die nächste (zweite) wirklich große Veränderung, die der Mensch erlebt (nach der Gleichstellung der Frau) wird die Abschaffung der Arbeit sein.

3D Drucker werden zukünftig jedes Bauteil passgenau vor Ort herstellen, das weltweite Verschiffen von Waren wird massiv schrumpfen (so wie die realen Geschäfte gegenüber dem Onlinehandel heute schon). Sicher werden immer Reste der alten Strukturen bleiben und eigentlich ändert sich unser Alltagsleben nicht wirklich, ob wir per Knopfdruck bestellen oder unsere Krankendaten und sonstige Lebensdaten sonst wo hin gesendet werden (was schon lange von uns unbemerkt passiert). Aber wenn wir nicht mehr arbeiten müssen: Das wäre wirklich ein völlig anderer Lebensalltag.

Werden wir dann verpflichtet zur gemeinnützigen Arbeit und bekommen ein Grundeinkommen vom Staat? Zu welcher Schulbildung raten wir dann unseren Kindern? Werden noch mehr Völkerwanderungen auftreten? Gerade die arabischen Staaten haben ja schon von jeher die Situation der zu wenigen Arbeit, und das ist der Hauptgrund ihrer Auswanderung in den Westen (in der gesamten arabischen Kultur ist aber an die Arbeit die Möglichkeit der Heirat gebunden und die Möglichkeit überhaupt Sex zu haben, was wirklich weit über Arbeit hinausgeht).

Hält der Mensch das wirklich aus, nichts mehr zu erstreben, dass nicht mit Geld gemessen wird? Wie wird oder würde sich jeder von uns verhalten? Würden wir überhaupt noch Familien gründen, wenn unsere Kinder eigentlich nicht mehr gebraucht werden? Oder erfinden wir dann eine neue außergewöhnliche Hoffnung, wie alles besser wird durch die Digitalisierung und unsere Kinder im Übermorgenparadies leben werden…

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Bin ich nützlich?

Mit sogenannten „Kostenfunktionen“ lassen sich widerstreitende Interessen verrechnen. Man versucht damit zu bestimmen, welches Handeln und Verhalten den größtmöglichen Nutzen für die Allgemeinheit hervorbringt. Natürlich gab es schon eine philosophische Schule, die damit versuchte, Gesellschaften optimal zu regeln. Doch dieser sogenannte Utilitarismus (engl. Nutzen=utility) scheiterte daran, dass „Nutzen“ natürlich hochgradig von menschlicher Wertung abhängt, von dem, was wir als nützlich empfinden. Und das wird von verschiedenen Interessengruppen völlig verschieden bewertet. Nützt das ewige Wirtschaftswachstum unser aller Umwelt oder dem westlichen Wohlstand? Wie groß ist die Gruppe, deren Nutzen berechnet wird: Alle Menschen oder nur eine Nation, Kontinent?

So darf man im Sinne des Utilitarismus durchaus auch Menschen töten, wenn das für viele andere Menschen von Nutzen ist: Es wäre z.B. für die Gesellschaft billiger, wenn man Verbrecher (Mörder, Kinderschänder, Vergewaltiger) erschießt, anstatt sie teuer in Gefängnissen unterzubringen oder auch noch zu therapieren. Während hier noch viele zustimmen würden, wird es aber sehr schwierig, die Grenze zu ziehen. Sollte dann nicht auch schon ein Autobahnraser, der wiederholt andere gefährdet, erschossen werden? Was ist mit einer depressiven Frau: Sollte man ihr das Kinderbekommen verbieten, weil sie ihre Kinder durch ihre Krankheit belastet? Und was wäre mit Menschen, die einen IQ unter 90 hätten oder Behinderte….?!

Schnell wird klar: Wir brauchen eine von der Nützlichkeit unabhängige Wertung des Menschen – obwohl in der Praxis dieser Nützlichkeitsgedanke oft mitschwingt. Bei den Flüchtlingen ist das gerade überdeutlich: Welche Einwanderer nützen uns? Wer ist durch Jugend, Ausbildung, Integrationswillen mehr wert als andere? Und wie kann man das messen? Doch müssten wir dann nicht auch viele Pegida-Anhänger ausweisen? Sie machen Ärger, rufen zu Gewalttaten auf, verursachen Polizeikosten. Viele von ihnen leben in der Unterschicht (deshalb haben sie so viel Angst vor den Zuwanderern, die ihnen die schrumpfenden Arbeitsplätze streitig machen). Und gerade die Unterschicht verliert immer mehr ihren ohnehin geringeren Nutzwert: Immer mehr Arbeit wird von kostengünstigeren, fehlerfreien Maschinen übernommen.

Der Utilitarismus ist nicht von ungefähr in den USA entstanden, wo noch stärker als bei uns alles nach seiner kapitalistischen Nützlichkeit bewertet wird – vor allem auch Menschen. Je besser unsere Maschinen werden, umso mehr verlieren wenig qualifizierte Menschen ihre Nützlichkeit. Computer sind einfach mehr Wert, wenn man ihre Effizienz, Kosten und Präzision mit den Menschen vergleicht.
So müssen wir uns nicht nur bei dem Thema Zuwanderung, sondern auch wegen unserer eigenen Wertigkeit dringend von diesem kapitalistischen Nützlichkeitsgedanken verbschieden und einen anderen etablieren: z.B. den des glücklichen ausgewogenen Lebens, den der kreativen Lösungssuche.

In Finnland startet dieses Jahr der Versuch, 10000 Menschen ein bedingungsloses Grundeinkommen von 1000 Euro im Monat zukommen zu lassen, ohne Bedingungen, ohne Beweis ihrer kapitalistischen Nützlichkeit. Die Frage dahinter: Machen Menschen sich (wenigstens zum großen Teil) für die Gemeinschaft nützlich, auch wenn man das nicht mehr an Gehältern misst, nicht mehr als Gegenleistung für Geld einfordert? Was entwickelt sich, wenn der Druck des Überlebens genommen wird, wenn man Arbeit und Nützlichkeit vom Geld entkoppelt? Die Hoffnung ist, dass kaum einer auf dem Sofa sitzen bleiben wird, da alle Menschen den Drang haben, einen guten Platz in der Gemeinschaft zu finden: Der Wille, eingebunden und respektiert zu werden durch ihre Nützlichkeit für die Gemeinschaft – die oft heute nicht richtig erfasst wird – soll sich bestenfalls durchsetzen in dem Experiment.

Hoffen wir es, dass das gelingt. Hoffen wir, dass der Mensch uns dieses Mal positiv überrascht.

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Das bessere Leben

Bei all dem Unheil, was in dieser Welt gerade tobt, möchte ich heute mal etwas dagegen stellen, was harmlos-grotesk (wie aus der Welt gefallen) wirkt: Diese Woche erreichte mich über einen Freund, der als Model arbeitet, folgender Aufruf für die neuen Gesichter des Partnersuch-Portals Parship. Wen es immer mal interessiert hat, wie es hinter den Kulissen der perfekten Werbefotos zugeht, hier ein typisches Beispiel, wie die Sehnsüchte des modernen Menschen bedient werden:

Liebes Modell,
wir starten heute mit einem deutschlandweiten E Casting für Parship.
Für die TVC‘s der neuen Kampagne sind wir auf der Suche nach 3 Frauen und 2 Männern!
Alle Models/Darsteller müssen akzentfrei Deutsch sprechen (keine Ausnahmen)!! Ethnizitäten können gern gemischt sein, alle müssen aber deutsche Muttersprachler sein!
Wir suchen sympathische attraktive, sportliche, gepflegte Männer und Frauen. Sie haben eine starke Persönlichkeit und eine positive Ausstrahlung. Eben 100% Beauty, aber kombiniert mit natürlicher Ausstrahlung und authentischem Auftreten vor Kamera. Wichtig: akzentfrei Deutsch sprechen ist Pflicht! Ethnizitäten können gern gemischt sein!
Frauen (20 – 38 Jahre alt)
Gesucht sind Frauen (blond + brünett + dunkelhaarig), gern Models mit Spieltalent und –Erfahrung. Hübsche, aber dennoch nahbare Frauen.
Beauty Beauty Beauty!!
Mann (ca. 25 – 35 Jahre alt)
Gesucht sind Männer, gern Models mit Spieltalent und –Erfahrung. Gutaussehende, dennoch nahbare Typen.
Mann (ca. 35 – 45 Jahre alt)
Gesucht sind Männer, gern Models mit Spieltalent und –Erfahrung. Gutaussehende, dennoch nahbare Typen.
Bei der Vorstellung gern einen Steckbrief/ein Profil geben, über sich selbst erzählen (Hobbies, Lieblingsessen etc.), kann auch ein erfundenes Profil sein. Ansonsten bitte bestmöglich die angehängten Skripts
umsetzen.
1.200 Tagesgage inkl. Fitting, inkl. Reise*
*es wird ein Fotoshooting geben, das mit einem halben Tag angesetzt ist (also 600€). Sollte das Shooting länger dauern (d.h. mehr als 5h) wird die volle Tagesgage gezahlt.
WICHTIG: Aus rechtlichen Gründen muss sich jeder ausgewählte Darsteller auf parship.de unter seinem echten Namen anmelden. Es wird aber kein Fotoupload oder sonstige Aktivität auf dem Portal erwartet. Man kann sich auf seinem Profil auch unsichtbar
stellen und bekommt damit keine Anfragen. Es ist also eine Proforma-Anmeldung.
Liebe Grüße
M. R. xy Casting-Agentur, Hamburg

Castingtexte:
einfach eine gemütliche Position mit dem ipad/iphone zuhause suchen und loslegen!
Frau:
„Ist doch egal, wie ich den Richtigen finde, Hauptsache, ich finde ihn. Ich parshippe jetzt!“
„Ich such nicht den besten Sprücheklopfer, sondern den, der am besten zu mir passt. Ich parshippe jetzt!“
„Ich träum von der großen Liebe. Und jetzt mach ich einen Plan daraus. Ich parshippe jetzt!“
Mann:
„Für mich ist PARSHIP sowas wie ein Navi für die Partnersuche. Ich parshippe jetzt!“
„Ich will keine aufregende Kennenlern-Geschichte, ich will eine aufregende Beziehung. Ich parshippe jetzt!“
„Ich such eine ernsthafte Beziehung- also, die darf dann natürlich auch Spaß machen. Ich parshippe jetzt!“

Während Menschen täglich im Mittelmeer ertrinken, Urwälder für Palmöl-Plantagen gefällt werden, damit Börsianer immer noch Renditen von 40% einfahren und in Köln und anderswo Frauen sexuell bedrängt werden, gibt es immer noch zahlreiche Menschen, die den perfekten Partner suchen und die durch Bilder von ihm angelockt werden sollen, damit sie glauben diesen im Internet zu finden.

Es stellt sich die Frage: Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Warum wundert es uns, dass Menschen ihr Leben riskieren, um dem Krieg und dem Elend daheim zu entgehen und in eine Welt zu gelangen, deren größtes Problem es zu sein scheint, Beauty, Beauty, Beauty planmäßig zu finden? Letztlich ist es wohl ein Beispiel dafür, dass wir irgendwie versuchen weiter zu machen wie bisher, auf unserer Insel der Glückseeligen, das auch Menschen, die in Sicherheit und Wohlstand leben, versuchen ihr Leben immer noch weiter zu verbessern, ihre Zukunft toller haben wollen, als die Gegenwart.

Vielleicht ist das der Grund der großen grassierenden, wachsenden Angst: Wir wissen nicht mehr, wie wir das moralisch in unseren Selbstbilder zusammenbringen sollen, das existenz-bedrohende Leid, das zunehmend vor unserer Haustür landet und unsere Luxus-Gesellschafts-Probleme, die ja nach wie vor weiter existieren. So prallen die Sichtweisen aufeinander: Wie optimiere ich mein Leben, hole das Optimum (perfekte Werbewelt) für mich raus, gewinne einen wunderschönen Menschen für mich – gegen: wie überlebe ich und meine Kinder Bomben, Flucht und Religionskriege?!

Ein schlauer Mensch hat mal gesagt: Es finden immer alle Zeiten und Zustände gleichzeitig statt auf der Erde. Demnach gibt es keine echte Entwicklung. Was nützt es uns Daten über die Kontinente in rasender Geschwindigkeit zu senden, wenn wir nicht anders damit umgehen, als im Mittelalter? Was nützt uns all unser Wissen über Naturkatastrophen, wenn wir uns gerade selber welche schaffen? Der Mensch bleibt der Mensch, mit seinen Hobbys und Lieblingsessen und seinem Willen, für sich Besseres zu erreichen, was ihn in unsichere Boote auf hohe See steigen lässt, im Glauben in Deutschland bekäme jeder ein Haus und einen Job, einfach so. Was Parship für uns ist, sind die Träume von Sicherheit, Wohlstand und Ansehen für marokkanische oder afghanische junge Männer. Was Einsamkeit und Depressionen für uns sind, sind Bomben und Perspektivlosigkeit für syrische Familien. Genau das macht uns alle aus: Die ewige Suche nach dem besseren Leben. Nur müssen wir aufpassen, dass wir uns dabei nicht alle vernichten.

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Sex und Macht: Teil II

Folgendes schrieb mir ein Leser als Kommentar zu meinem Blog-Beitrag von letzter Woche: „3 Dinge darf man dem Deutschen nicht nehmen: Geld, Haus, Frau – ein Satz, der unter Kollegen ausgesprochen, kurzes Schweigen und darauf zustimmendes Gemurmel sowie Kopfnicken auslöste – auch bei mir.“

Mal davon abgesehen, dass ich die Reihenfolge dieser Aufzählung schon irritierend finde, macht der Kommentar etwas offensichtlich, das sonst nur unter der Oberfläche schwehlt und bis zur Silvesternacht regelrecht als Thema zwischen den Geschlechtern ausgeschlossen wurde – obwohl es Frauen ständig begegnet. Es ist eine Art „Funktionalisierung“ des Weiblichen, um das Männliche davon abzugrenzen und (immer noch) darüber zu stellen. Ein Nebeneinander scheint nicht möglich. In der Silvesternach hätte aber die Polizei (Polizistinnen und Polizisten) die Pflicht gehabt, Frauen zu beschützen. Das war nicht die Aufgabe irgendwelcher deutsche Männer.

Ich glaube beide Seiten, Männer und Frauen, können hier nur begrenzt nachvollziehen, wie es der anderen Seite geht. Eigentlich wäre es eine Sache der mächtigen Frauen der Politik, da etwas deutlicher zu machen. Doch das ist „dünnes Eis“ und kaum jemand möchte sich mit diesen gleichzeitig archaischen und doch aktuellen Befindlichkeiten der Geschlechter offen auseinander setzen.

Es ist für mich letztlich nicht nachzuvollziehen, wie es Männern geht, die das Gefühl haben “ihre Frauen” werden angegriffen (denn man greift ja nicht ihren eigenen Körper an, sondern einen anderen Körper, der Männern aber trotzdem zu “gehören” scheint). Ich wehre mich gegen den Gedanken, dass Männern mit einem stärkeren Trieb “von Natur aus” darauf “programmiert” sind, ihre Frauen und deren Körper zu „beherrschen“ – auch wenn das die meiste Zeit in der Geschichte so war. Ich bin fest davon überzeugt, es steckt immer noch eine überkommene Erziehung hinter diesen seltsamen Befindlichkeiten von Männern, die sich schwer tut (zumindest Männer in mittleren Jahren und darüber), eine neue Sichtweise zu finden. Wir sollten dringend mal das dumme Argument “von Natur aus” weg lassen: Natur erleben wir immer nur kulturell vermittelt. Der Begriff der Natur ist einer, der immer gerne zitiert wird, wenn einem die Argumente fehlen, um die eigene sexuelle Kultur zu erklären oder in Frage zu stellen. „Von Natur aus“ waren Frauen ja seit Jahrhunderten dümmer und auf Kinder fixiert. Heute machen sie die besseren und zahlreicheren Schul- und Studienabschlüsse und bekommen zugunsten von Erfolg und Macht oft keine Kinder mehr.

Jungen Frauen und Männern sehen das heute auch völlig anders: Es wird Gleichberechtigung bis ins Denken hinein gelebt. Das weiß ich aus zahlreichen Interviews. Archaische Männer scheinen dagegen andere archaische Männer am härtesten zu treffen, indem sie deren Frauen sexuell erbeuten oder misshandeln. Auch zahlreiche Geschichten aus der griechischen Mythologie werden bemüht, als Zeichen dafür, dass das schon immer so war und daher Berechtigung hätte, so zu bleiben. Wieso wollen sie sich und ihre Frauen nicht von diesem Schwachpunkt befreien? Würde es nicht weniger Übergriffe gegen, wenn Mann weiß, der Stolz des Gegners wäre damit nicht zu treffen?

Ich glaube als Mann kann man nicht nachvollziehen, wie es ist, gegen den eigenen Willen, “Gegenstand” von Männern zu werden – sowohl beim Übergriff, aber auch als definierter und gefühlter “Besitz”. Es fühlt sich „lächerlich“ an, jedenfalls für selbständige, selbstbewusste Frauen. Es ist schön, wenn „mein Mann“ mich als Person „behalten“ will. Aber es ist absolut albern, wenn er mich als Besitz von anderen Männern beschützen will oder mich oder seinen Stolz gar „beschmutzt“ sieht, durch sexuelle Übergriffe von anderen. Es fühlt sich für mich auch schon lächerlich an, in dieser aktuellen Diskussion ständig so viel Schwachsinn lesen zu müssen, über sich und das eigene Geschlecht. Ich möchte von keinem Mann beschützt werden, der nicht auch jederzeit einen schwächeren Mann schützen würde, egal welcher Herkunft, wenn dieser in Bedrängnis gerät, durch aggressive Horden.

Wenn ich vergewaltigte Frauen trainiert habe, dann ging es vor allem darum, ihnen beizubringen, sich nicht mehr als Opfer, als Gegenstand wahrzunehmen. Übergriffe wehrt man vor allem psychologisch ab, indem man sich als Person mit starkem Willen, starker Gegenwehr bemerkbar macht: Über eine Person ist nicht so leicht Macht zu bekommen, wie über einen Gegenstand. Und wie ich letzte Woche schon bemerkt habe: Bei sexuellen Übergriffen geht es nicht um Sex, sondern um Macht. Leider werden gerade Frauen oft Opfer, wenn sie sich selbst prinzipiell als wert- und wehrlos empfinden.

Es ist wohl die eigene Ohnmacht vieler deutscher Männer, ob der Flüchtlingsflut und der damit ausgelösten Ängste, die plötzlich archaische “Stütz-Muster” wieder laut werden lässt. Und Mann kann diese Ängste besser zugeben, wenn man sich gleichzeitig als potenter Beschützer seines Eigentums (Töchter, Frauen) hervortut. Denn das ist männlich und Ängste sind ja in dieser archaischen Denkweise weibisch und schwach.

Vielleicht ist das eine Frage der Zeit: Je wehrhafter Frauen werden, je mehr Macht sie in den Gesellschaften dieser Welt bekommen und je mehr Selbstwertgefühl, umso weniger werden sie als Objekte im Machtbereich von Männern gesehen. Dann werden sie auch weniger im Alltag attackiert (Köln war hier eine Ausnahmesituation). Und ihre Männer hätten mit ihnen mehr Mitgefühl, wenn es doch mal zu Übergriffen kommt – und weniger verletzten Stolz.

Wenn Ihr uns helfen wollt, liebe konservativ-denkende Männer, dann fangt doch mal bei Euch selber an umzudenken, bis tief in Euch hinein: Gleichberechtigung zu etablieren. Denn dieser archaische Schwachsinn macht mir mindestens so viel Angst, wie emotional aufgeladene Männergruppen auf der Straße. Denn gerade dieses archaische Denken lässt Männer – egal welchen Herkunft – übergriffig werden.

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Sex und Macht

Kaum eine Frau, die ich kenne, hat nicht schon mal eine beängstigende Situation männlicher Übermacht erlebt. Viele Frauen wechseln die Straßenseite, wenn ihnen eine Gruppe von Männern entgegenkommt, in einem aufgeheizten, meist alkoholisierten Zustand (Junggesellenabschiede, Vatertage, sonstige Sauftouren).
Jetzt wird gerade viel geredet über die sexuellen Übergriffe der Silvesternacht in Köln. Es scheint einzutreten, wovon Pegida und NPD seit langem erfundene Schreckensbilder malen: Die fremden arabischen Männer starten sexuelle Attacken, vergewaltigen und plündern. Doch die meisten Frauen haben solche Momente und Übergriffe schon auf dem Schulhof, in der U-Bahn oder bei Volksfesten erlebt – von Männern, die keinen oder keinen sichtbaren Migrationshintergrund haben. Es sind nicht die Fremden, es sind alkoholisierte Männer in Gruppen – ganz allgemein – die diese beängstigende Dynamik aufkommen lassen. Gerade die NPD-Mitglieder und größten Gegner der arabischen Asylanten, sind bisher hier die Hauptstraftätergruppe.

Ich habe früher viel Karate gemacht und ich habe Frauen mit „schlechten Erfahrungen“ trainiert ihre Angst zu überwinden, sich wehren zu können, ihre Ohnmacht gegen Wut und Kraft einzutauschen. Ich weiß noch: Kein männlicher Trainer aus dem Verein wollte das machen. Es herrschte eine Art Schuldgefühl, zu derselben Geschlechtergruppe der Aggressoren zu gehören, selber einen sexuellen Blick auf Frauen zu haben, auch wenn der natürlich nicht zwangsläufig in Übergriffen mündet. Aber ich weiß als Psychologin, dass sich viele Männer prinzipiell schwer tun, mit der „sexuellen Kommunikation“ im Alltag und bei fortgeschrittenem Interesse. Nicht nur Asylanten bräuchten hier dringend mal Kurse und die Möglichkeit ernsthafte Fragen zu stellen.

Was auch verwundert, ist die Tatsache, dass plötzlich vor allem Männer über das Thema der Übergriffe diskutieren. Frau Merkel und die frischgewählte Oberbürgermeisterin von Köln sind nur mit der „zarten“ Bemerkung vernehmbar: Sie könnten sich natürlich als Frauen in die Situation der Frauen der Silvesternacht hineinfühlen. Man scheint keine männlichen Wähler verschrecken zu wollen oder nicht schwach scheinen zu wollen, nicht als Opfer-Frau. Und so übernehmen die „Beschützer-Männer“, wie in archaischen Zeiten, das Regiment. Es wird in typisch männlichem Duktus von „der ganzen Härte des Gesetzes“ geredet. Doch unsere Gesetze sind schon lange hart genug, sie werden nur nicht umgesetzt – weder in den seltenen Urteilssprüchen (nur 8% der Anzeigen folgt eine Verurteilung und die dann meist nur als Bewährungsstrafe), noch im Alltag. Viele der Frauen, die ich damals trainierte, haben mir erzählt, das sei die zweite große Verletzung gewesen, die zweite Beschämung: Die Täter kommen davon, verhöhnen die Ofer, werden bestätigt in ihrem scheinbaren “männlichen” Recht, ihren sexuellen Willen durchzusetzen. Das Leid, was ein solcher Übergriff auslöst, die Angst und spezifische Abwertung als minderwertiges weil weibliches Wesen, dessen Willen und Würde Mann übergehen und erniedrigen kann, ist für viele Richter nicht nachvollziehbar. Es muss für diesen Bruch im Selbstwertgefühl kein Sex stattgefunden haben, der Übergriff auf den Körper ist aber noch verheerender.

Oft wird vor Gericht angeführt, die Ablehnung der Frau sei nicht eindeutig gewesen. Angeblich ist das ein weites Feld: Zustimmung und Verweigerung zum Sex, der schon bei der Kleidung oder bei einem freundlichen offenen Umgang anfängt. Wahrscheinlich sehen das die arabischen Männer von Köln auch so. Und bei Partylaune und Alkohol bekommen übergriffige Männer aller Kulturen dann angeblich nicht mehr mit, ob „ja“ oder „nein“ gilt. Viele halten es auch für „natürlich“ ihren Sex dominant auszuleben. Und genau hierin scheinen Richter dieser Argumentation oft zu folgen.

Leider haben einige Frauen – wie im Kachelmann-Fall – wohl auch vor Gericht nicht die Wahrheit gesagt, sich absichtlich als Opfer dargestellt, um sich zu rächen. Was sie allen anderen Frauen damit antun, ist ihnen nicht klar oder egal. Hier reicht ein Fall aus, um der alten Argumentation wieder freien Lauf zu lassen: Frauen wissen nicht was sie wollen, provozieren und haben daher eine Mitschuld.

Es geht bei sexuellen Übergriffen aber eigentlich gar nicht um Sex. Es geht um Macht. Und genau daran kann jeder Mann messen, ob er das Richtige tut oder eine bestimmte Grenze überschritten hat. Sobald aus der Anziehung ein Machtgefühl wird – alleine oder in der Gruppe – ist Mann auf dem falschen Weg. Denn auf der anderen Seite spüren wir Frauen genau diesen Moment sehr genau, wo aus Interesse etwas wird, das bei uns augenblicklich Angst auslöst.

Selbst wenn man sich als Mann nach einem Flirt oder irgendeinem anderen Austausch mit einer Frau, die einem gefällt, zurückgewiesen fühlt, nicht versteht, warum sich eine Frau plötzlich abwendet: Mann muss diese Kränkung hinnehmen, auch wenn man keine Erklärung dafür hat, enttäuscht und frustriert ist (Frauen müssen das übrigens umgekehrt auch oft hinnehmen). Es gibt keinen anderen Weg. Ein Zugriff, um seinen eigenen Willen, sein Machtgefühl gegen diese Ohnmacht der Zurückweisung durchzusetzen, ist genau der Moment, wo etwas anfängt falsch zu laufen. Wenn Mann in einer Gruppe ist von Männern, die sich plötzlich stark und mächtig fühlen gegenüber Frauen, ist es genau dasselbe: Es läuft etwas falsch. Es ist eigentlich ganz klar und einfach: Der Selbstwertpusch als Gefühl der “Mächtigkeit” überschreitet die Grenze.

Für Frauen, die diesen Machtübergriffen ausgeliefert waren, hilft nur dementsprechend eines: Eine Selbst-ermächtigung muss vollzogen werden, nach der Tat. Man muss das Gefühl habe, mit der Wut Gehör zu erkämpfen, Anerkennung zu finden für das erlittene Leid und die wahnsinnige Angst. Gerechtigkeit muss hergestellt werden. Das ist noch wichtiger, als irgendeine Karatetechnik, auf die man beim nächsten Angriff vertrauen könnte.

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Hallo 2016

War das jetzt ein seltsames Jahr, das Jahr 2015? Was hat sich wirklich konkret für jeden von uns geändert? Ist es eher die subtile Beunruhigung oder eine wirkliche Veränderung, die das Jahr 2015 gebracht hat?

Bisher haben wir keine terroristischen Anschläge erlebt in Deutschland. Und selbst wenn es uns im nächsten Jahr wie die Franzosen treffen sollte, die im Januar 12 Tote und im November noch mal 130 Tote hatten: Wir haben jährlich 3000 Verkehrstote und 10000 Selbstmorde. Es ist eher die Reaktion, das erhöhte Sicherheitsaufkommen, das unser Leben verändern würde. Es gibt viele andere Todesursachen, keiner weiß, ob er das Ende des nächsten Jahres erleben wird. Es ist eher die Angst, die das Leben innerlich verändert, als dass es äußerlich wirklich anders abläuft, durch die Syrienkrise und ihre Folgen.

Die Flüchtlinge kosten Geld. Doch jahrelang hat die BRD Schulden gemacht und kaum einer hat das in seinem Alltag bemerkt. Wenn Herr Schäuble jetzt wegen der Flüchtlinge die „Schwarze 0“ nicht halten kann, woran würden wir es merken? Wir leben in einem reichen Land und sicher könnte man noch mehr Geld für Kindergärten und Altenpflege ausgeben. Aber würden wir das wirklich tun, wenn die Flüchtlinge nicht kommen würden? Wer weiß, wie wir in 5 Jahren darüber denken. Sicher ist die Anstrengung zur Integration wichtig, es braucht enorme Bemühungen. Aber wer nichts damit zu tun haben will, muss es nicht. Er muss nicht mehr Steuern zahlen deswegen und seine Kinder erhalten auch keine schlechtere Schulbildung. Für viele Menschen haben die Flüchtlinge nichts konkret verändert in ihrem Leben – außer einem subtilen Gefühl der Verunsicherung, vielleicht.

Betrachtet man die Umfragen seriöser Institute zum Jahr 2015, fällt auf, dass die “Unterschichten” am meisten Angst haben, vor den eventuellen Veränderungen, von denen man immer noch nicht weiß, ob sie überhaupt in einem bemerkenswerten Ausmaß stattfinden werden. 1 Millionen Flüchtlinge auf 80 Millionen Deutsche. Bemerken wir das wirklich im großen Stil? Bemerkten wir bisher 16 Millionen Deutsch-Türken (außer jemand lebt in Kreuzberg-Berlin vielleicht)?

Es gibt auch Menschen, die haben so eine Art „Wohl-Weh“ über all die großen Diskussionen, die Neuerungen durch die unerwartete Hilfsbereitschaft und Diskussionen über Zuwanderung und die Krise aus der arabischen Welt, die plötzlich zu uns gelangt ist: Es kommt endlich wieder was in Bewegung, es ist nicht schon alles klar und berechenbar. Es wird spannend vor der eigenen Haustür, man muss eine Meinung bilden, nachdenken, wissen, was man wie warum fühlt. Man kann neugierig sein auf 2016 und all die Jahre danach, auf 2020 und ob wir es wirklich „geschafft haben“, das „wir schaffen das“.

Die Hilflosigkeit der Unterschichten ist eine psychologische Hilflosigkeit der Ohnmacht. Man hat es bisher nicht geschafft, besonders erfolgreich sein Leben selbst zu gestalten. Jetzt kommen andere Hilflose und wollen auch geholfen bekommen. Man hat in unserer Gesellschaft schnell das Gefühl zu den Loosern zu gehören und vielleicht will man sich auch etwas erhaben fühlen, immerhin über die fremden Bittsteller, denen man ein Recht auf Hilfe absprechen kann, weil man selbst immerhin einen deutschen Pass hat.

Manchmal denke ich mir solche Sachen aus: Was würde wohl passieren, wenn jeder Pegida-Gegen-Demonstrant auf einen Pegida-Demonstranten zuginge und ihn fragen würde: “Ihnen geht es nicht sehr gut, Sie haben Angst, erzählen Sie doch mal….?”

Auch ohne Geld und auch mit Angst und Weltschmerz kann man zu Pegida-Gegen-Demos gehen, kann selbst-bestimmt ein Zeichen setzen, kann es besser machen, kann (ehren-amtlich) helfen. Das Beste gegen die Angst ist Hilfsbereitschaft, andere Menschen, die voller Angst versuchen für sich den richtigen Weg zu gehen, kennenzulernen. Gegen Angst hilft nicht ständige Forderungen für sich selbst oder Beschimpfungen der Politiker und Medien. Gegen Angst hilf aktive eigenmächtige Handlung. Gegen “deutsche Angst” hilft ein Besuch in einem Flüchtlingsheim, die eigene Integration in die Gemeinschaft anderer Helfender und die Dankbarkeit der Menschen, denen man hilft. Das Wundermittel gegen Angst ist Hilfe, da man dann nicht mehr ohnmächtig, sondern selbstwirksam sein Leben aktiv bestimmt.

Glück ist zumeist die Hilfe oder Freundlichkeit anderer. Ausprobieren hilft. Es ist immer wieder seltsam, wie wirksam das ist (obwohl gerade zum Jahreswechsel diese “priesterlichen Worte” oft wie leere Hüllen erscheinen). Wir sind soziale Wesen und jede Form der guten Kommunikation und des guten Umgangs miteinander (Vertrauen, Wohlwollen, Ehrlichkeit, Freundlichkeit etc.) hat die Menschheit bisher nach vorne gebracht. Kann man an jeder Supermarktkasse beobachten und bei jeder Parkplatzsuche…

In diesem Sinne: Guten Rutsch.

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Meine Dissertation über Willensfreiheit ist erschienen….

Liebe Leser, diese Woche zu Weihnachten und für alle guten Vorsätze fürs neue Jahr – ein Tipp in eigener Sache:

http://www.waxmann.com/buch3364

Frohes Fest. Und möge die Macht der guten Vorsätze mit Euch sein. Und bei wem das nicht so gut klappt, der kann jetzt nachlesen warum….

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Indentity welcome

Was ist so deutsch am deutschen Umgang mit den Flüchtlingen? Die Angst? Wohl kaum. Das Schuldgefühl? Schon eher. Aber vor allem: Der Umgang mit den nationalistischen Parolen. Deutschland den Deutschen. Wer oder was soll das sein? Menschen, die kein Kopftuch tragen? Menschen, die in eine Kirche gehen, statt in eine Synagoge? Reicht das?

Während die Franzosen genau wissen, was ihre Identität ist (Rousseau, Voltaire, Sartre, Froschschenkel, Burgunder-Wein, Gänseleber, Hermes-Halstücher), ist all sowas in Deutschland sehr belastet (Goethe und Nitzsche wurden von den Nazis zweckentfremdet, Halstücher waren Erkennungszeichen der SED Jugend oder der BDM- Mädels und Würste stiften keine Identität). Was ist es denn also, das Deutsche, das wir bewahren wollen, vor dem Zustrom der Fremden?

Zumindest in Bayern scheint die katholisch geprägte Gleichwertigkeit der Geschlechter auf dem ungefähren Stand eines aufgeklärten Islam zu stehen. Aber vielleicht ist das der eigentliche Grund: Die Konkurrenz wiegt schwerer, als die Angst vom Identitätsverlust. Wir sind ohnehin so unsicher, wer wir sind – und da kommen jetzt welche und wissen es für sich vielleicht besser….

Statt der pauschalen deutschen Identität, hilft da nur die persönliche. Ich z.B. bin selbst doppeltes Flüchtlingskind, mit tschechischem Einschlag. Ich gehöre einer Generation an, wo die Frauen das erste Mal unbehelligt studieren konnten. Ich interessiere mich dafür, wie Persönlichkeit entsteht, wie man sie wissenschaftlich vermessen kann und „heilen“ kann, so dass sich Menschen anhaltend besser fühlen. Ich will wissen, wie Wahrheit entsteht. Ich habe in mehreren Städten gelebt, viele Länder besucht. Ich habe Freunde aus allen Ethnien und vielen Kulturen. Ich liebe Nietzsche und Proust und Truman Capote. Ich werde leicht wütend. Ich wäre gerne manchmal stiller und weniger ein Klugscheißer (gelingt mir selten und dann ist mir das Thema oft wurscht, was dann natürlich leichter ist). Ich habe Angst vor der Erderwärmung und fahre Smart und versuche meine Heizung nicht so doll aufzudrehen. Aber ich fliege eben oft mal wohin, zum reinen Amüsement und verpeste damit meine persönliche CO2 Bilanz. Ich mag keine selbstgerechten Menschen, die sich nicht hinterfragen.

Die Frage ist: Gibt mir all das genug Sicherheit, um mich von den Flüchtlingen nicht bedroht zu fühlen? Antwort: Es gibt mir genug Sicherheit, allen Menschen, die ihr Leben reflektiert und bewusst versuchen aufzubauen, offen zu begegnen. Es macht mich wütend, wenn Menschen mit Vorurteilen und ohne Offenheit für meine/unsere Offenheit zu uns kommen oder schon immer bei uns sind. Ich will, dass man sie deutlich zur Rechenschaft zieht, wenn sie nicht friedlich auf die neue Kultur zugehen.

Fazit: Es braucht kein Pro- und Kontra-Flüchtlinge. Es braucht für mich einen Maßstab für Menschen, die sich bemühen. Und es braucht eine Executive für Menschen, die das nicht tun. Wir können „offene Persönlichkeiten“ und Integrationswillen messen, wissenschaftlich. Wir können eventuelle Gesetze begründen.
Wir können neue Maßstäbe einführen – gerade weil wir als Deutsche keinen überkommen unreflektierten Nationalismus haben.

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Würde

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das bedeutet, kein Mensch darf als Objekt, als Mittel zum Zweck benutzt werden. Wenn jemand ein Flugzeug abschießt oder einen Zug entgleisen lässt (in denen Menschen sitzen), um andere Menschen zu retten, die z.B. in einem Gebäude sitzen, auf die der Zug oder das Flugzeug zurasen, ist er ein Mörder, obwohl er vielleicht mehr Menschen gerettet hat, als er getötet hat.

Doch dieses Gebot der Würde, was unser Menschsein ausmacht, uns gerechtfertigt erhebt über alle anderen Lebewesen, wird ständig und überall übertreten. Der IS benutzt Gefangene als Schutzschilde gegen die zunehmenden Flugzeugangriffe. Erdogan und Putin benutzen ihre Völker für ihre persönlichen Ziele. Horst Seehofer benutzt die Flüchtlinge als Mittel für seine Popularität, um sich als starker Mann aufzuspielen./p>

Aber auch in unserem Alltag benutzen wir ständig andre, um unsere Ziele zu erreichen. Und je abgebrühter wir dabei sind, je weniger wir ein schlechtes Gewissen haben und Empathie empfinden, umso mehr werden andere Mittel zum Zweck, umso weniger gestehen wir ihnen ihre Würde zu. Es gibt Frauen, die heiraten Männer, um versorgt zu sein. Je weniger sie diese Männer lieben, je mehr sie kaltblütig für sich Vorteile erwarten, umso stärker verstoßen sie gegen die Würde des anderen. Jetzt kann man natürlich auch sagen, die Männer sind selbst daran schuld, irgendwas erwarten sie selbst von diesen Frauen. Bei Kindern wird es daher noch schlimmer, Kinder können nichts dagegen tun, um nicht für ihre Mütter oder Väter nur Mittel zum Zweck zu sein (z. B. um nicht arbeiten zu müssen, um sich zu stabilisieren, um immer jemanden zu haben, der einen liebt und nicht weg kann). Die Würde kann man also nur Menschen nehmen, die sich nicht wehren können. Kinder lieben ihre Eltern wirklich. Sie brauchen sie zum Überleben, aber Eltern sind für Kinder niemals Mittel zum Zweck: Die Abhängigkeit schafft die Liebe. Väter lieben ihre Kinder und lassen sich viel von sehr berechnenden Müttern gefallen; Mütter lieben ihre Kinder und verlassen deshalb sehr oft nicht grausame Väter. Chefs benutzen Mitarbeiter, die abhängig sind von ihrem Job; man benutzt Bekanntschaften in guter Position, um weiter zu kommen… Ständig wird die Würde anderer Menschen in unserem Alltag im Kleinen und im Großen angetastet.

Es gibt sogar Flüchtlingshelfer, die fühlen sich durch die Flüchtlinge wieder wertvoll, sie werden gebraucht. Aber deshalb sind die Flüchtlinge nicht nur Mittel zum Zweck. Den Unterschied macht die Empathie. Wir können sogar zu Gegenständen Empathie aufbauen. Insofern wäre ein geliebtes Auto nicht nur Mittel zum Zweck, um von A nach B zu kommen. Doch ein Auto hat keine Würde und eben auch kein Recht auf Würde, selbst wenn jemand ihm die zuteilt.

Empathie gegenüber dem anderen als Mensch macht die Würde aus. Sie macht das schlechte Gewissen aus, wenn wir ihn trotzdem für unsre Ziele benutzen. Umgekehrt ist wirklich Selbstreife damit verbunden, Menschen so wenig wie möglich als Mittel zu sehen. Selbst wenn sie uns helfen unsere Ziele zu erreichen, steht die Empathie im Vordergrund und nicht das Ziel.

So werde ich also in den nächsten Tagen meinem Getränkehändler im Supermarkt ein paar selbstgebackene Plätzchen vorbei bringen, der mir immer unaufgefordert die Wasserkisten zum Auto trägt. Und dem Computerspezialisten, der mir gestern mit drei Klicks den Drucker wieder angeschlossen hat, bringe ich eine Packung Mon Cherié, weil die bei ihm immer rum stehen und er sie anscheinend gerne isst. Es sind Menschen, die mir oft Mittel zum Zweck sind UND für die ich tiefe Empathie empfinde, weil sie einfach helfen und allen anderen, also auch mir, Würde geben. Indem ich das wahrnehme, gebe ich ihnen Würde zurück.

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10 Milliarden Abenteurer

Es scheint unvorstellbar, dass sich Jugendliche nach Syrien aufmachen, um dort für den IS zu kämpfen. Was glauben sie dort zu finden? Abenteuer? Ruhm? Veränderung? So unglaublich es scheint: Sie suchen dort nach Bedeutsamkeit. Und die scheint ihnen wichtiger zu sein, als die Freiheit, auf die wir im Westen so stolz sind. Doch gibt es diese Freiheit hier gar nicht (wie ich schon früher ausgeführt habe). Gerade an Jugendliche wird eine hohe normierte Leistungsanforderung gestellt. Man soll sich fügen, von Anfang an, in den vorgegeben Anspruch einer bürgerlichen Ordnung hineinwachsen: Ausbildung, Karriere, Familie, Konsum. Wo ist da noch Platz für Freiheit und Abenteuer, für das Gefühl etwas zu erreichen, das nicht schon vorgezeichnet ist. Viele Menschen – und nicht nur junge Migranten – haben das Gefühl, ihr Leben ist darauf ausgerichtet, das Krankenkassen- und Rentensystem aufrecht zu erhalten (im positiven Fall), weil man sonst an den Rande der Gesellschaft abgedrängt wird (im negativen Fall).

Beim IS und auch vorher schon beim Rekrutieren, bekommen die Jugendlichen und besonders junge Männer das Gefühl, gewollt und wichtig zu sein, in einer Gemeinschaft die Welt verändern zu können, zu mehr Sinn, höheren Zielen. Wohlstandssicherung interessiert viele Jugendliche nicht. Und Jugendliche, die in verwahrlosten Vororten wohnen, sind so weit weg von jeder Möglichkeit von Wohlstand, dass sie nicht mal wissen, was sie da sichern sollten. Wohlstandsicherung ist die Identität eines bürgerlichen Zeitalters, einer Werteordnung, die langsam zu Ende geht. Sie stiftet keine Identität mehr. Familie, Haus, Auto, sicherer Job, all-inclusiv Urlaub, langsamer Wohlstandswachstum bis hin zur Rente mit Kindern, die dann denselben Weg beschritten haben. Das war erstrebenswert für vom Krieg erschütterte Menschen – so wie für all die Flüchtlinge, die jetzt kommen. Für viele, die das immer schon hatten, stellt sich das sichere Leben als bedeutungslos und armselig dar.

Wir alle leiden unter einer immer bedeutungsloseren Welt, in der es nicht mehr darum geht neue Kontinente und Lebensbereiche zu entdecken, sondern in der immer nur weiter gekürzt und zusammen gerückt werden muss. Im übertragen Sinn haben wir alle oft mal das Gefühl, um uns schießen zu wollen, alles wegzubomben, was uns einengt.
Wem das eine zu drastische Sichtweise ist, den kann man auf die Pegida-demos verweisen, die in ihrer ganzen Bürgerlichkeit gerne selbst mal mit dem Maschinengewehr zuschlagen wollten. Mordinstrumente sind nicht mehr nur auf Plakaten abgebildet. Die Kölner Bürgermeisterin und einige Journalisten wurden schon zu blutige Opfer. Man stelle sich vor, die Pegida könnte über echte Waffen verfügen… Auch sie würde die Säulen unserer westlichen Freiheit treffen. Eigentlich haben sie dieselben Ziele, wie der IS: Die westliche Freiheit und ihre Institutionen in der Politik, Medien, Andersdenkende.

Die Menschen werden niemals in der Ecke sitzen und sich still und genügsam füttern lassen. Sie suchen nach Sinn und Veränderung und Bedeutung. Wie wollen die digitalen Problemlöser und Politiker 10 Milliarden Menschen einen Sinn geben, Abenteuer und das Gefühl, etwas zu erreichen?

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Im Westen nichts Neues

Wir verteidigen unsere Freiheit, unsere Art zu leben, gemeinsam gegen die Islamisten. Aber was ist das: Unsere Freiheit? Für viele Menschen ist das nur noch ein abstrakter Begriff. Sie selbst haben oft das Gefühl, dass ihre Freiheit immer weiter eingeschränkt wird – und das nicht erst durch die erhöhten Sicherheitsvorkehrungen. Und unsere westliche Lebensweise war auch schon vor den Flüchtlingswellen von wachsenden Ängsten bestimmt, der Angst sozial und finanziell immer weiter abgehängt zu werden, der Angst um den Arbeitsplatz, der Angst das Leben vor lauter Druck und Arbeit zu verpassen. Die Freiheit scheint nur noch in Werbeclips statt zu finden, sie ist ein paar unwirklichen jungen Leuten vorbehalten, die auf Dachterrassen oder an Sandstränden schlank, attraktiv, sorglos herumtanzen. Ein Blick auf Pegidademonstranten lässt die Frage aufkommen: Wo oder was soll denn hier westliche Dekadenz sein?

In Amerika müssen die Mitarbeiter der ersten Krankenhäuser rund um die Uhr bereits Sender tragen, die ihren Aufenthaltsort jede Sekunde aufzeichnen, wie lang sie mit wem reden, wie oft sie auf die Toilette gehen, Hände waschen, Essen. Natürlich soll das nur zu „ihrem Besten“ geschehen. Auf die Leistungsschwachen, Unmotivierten will man dann „zugehen“, um „gemeinsam Lösungen“ zu finden. Und die Kommunikation und Abläufe sollen zugunsten aller verbessert werden.

Theoretisch ist die Totalüberwachung und Totaloptimierung in all unseren Lebensbereichen möglich. Und zunehmend wird sie umgesetzt werden. Und wie die netten Werbebilder soll diese ewige Datenanalyse uns zu fröhlichen freien Menschen machen. Es ist ein ganz ähnlicher Widerspruch wie der, dass wir für unsere Freiheit erst mal Einschränkungen und Überwachung hinnehmen müssen.

Doch was wird aus all denen, die an der unteren Hälfte der Auswertungstabellen hängen? Sie haben bisher das Tempo für alle verlangsamt. Wie lange dauert es wohl, bis die, die jetzt im Mittelfeld sind bald am unteren Rand kämpfen, weil die anderen längst aussortiert sind, das System sie nicht mehr braucht. Und das System ist ganz klar von einer globalen Werteordnung bestimmt, dem neoliberalen Denken von Kostensenkung, Leistungssteigerung und Gewinn. Immer mehr übernehmen die Maschinen und das Netz die niederen Tätigkeiten – zunehmend auch die komplexeren.

Vielleicht gehen die Pegida-Anhänger bald nicht mehr auf die Straße, weil sie so viel Angst vor Sozialschmarotzern haben. Vielleicht gehen sie in 10 Jahren auf die Straße, weil dann hochmotivierte, intelligente, gutausgebildete junge Syrer längst über ihnen stehen, in dieser Nahrungskette und sie wegrationalisieren.

Also: Welche Freiheit verteidigen wir? Die der Großkonzerne? Die der Hedgefonds und Banken? Die der Reichen, der Programmierer? Vielleicht verteidigen wir am Ende nur die Freiheit der Datenschöpfer, Abgastestfälscher, Großbetrüger, die kaum zje ur Verantwortung gezogen werden, denen nie die Freiheit “so weiter zu machen” ernsthaft beschnitten wird?

So schlimm die Anschläge der Terroristen waren: Man möchte sie fragen, welche freien, sündigen Menschen sie treffen wollten? Arme Teufel, die nach harter Arbeit im Waschsalon ihre Wäsche waschen, da sie weder Platz noch Geld haben für eine eigene Maschine? Menschen die gerade in Paris mit den horrenden Mieten sich keine Wohnung mehr leisten können, Menschen, die in Fußballstadien mal 2 Stunden ihren Lebensfrust vergessen wollen? Sie treffen Menschen, die schon längst von ganz anderen existentiellen Ängsten heimgesucht werden. Das sind nicht die wirklichen Feinde, das sind nicht die, die das westliche Leben bestimmen. Dekadenz findet hier schon lange nicht mehr statt.

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Männer, Frauen, Attentäter

Ich hatte einen Text vorbereitet, für diesen Samstag. Doch er scheint irrelevant, ob der Ereignisse in Paris. Ich denke vor mich hin, den ganzen Tag schon und versuche mich in menschlichen lebensnahen Erklärungen, jenseits der typischen Floskeln, die schon wieder den ganzen Tag über die Sender laufen.

Immer wieder werde ich als Psychologin gefragt: Warum tun Menschen sowas? Woher kommt der Hass, die Verblendung? Wenn ich mit einem Wort darauf antworten sollte, ist es: Hoffnungslosigkeit. Wer das Gefühl hat, sein Leben nicht mehr verbessern zu können, wer keine Perspektive hat, ist frustriert, wird wütend und irgendwann wendet sich dieser Hass gegen die vermeintlich Schuldigen. Nur betrifft dieser Frust nicht nur das wirtschaftliche, den Lebensunterhalt. Es ist auch vom Islam, der islamischen Kultur hausgemacht. Es gibt in der arabischen Welt genauso viel frustrierte junge Männer, wie in Europa. Die korrupte Politik nimmt ihnen auch dort die Perspektive, deshalb kommen sie ja nach Europa. Doch es gibt noch einen ganz anderen, fast wichtigeren Anlass für ihren Frust.

Die Attentäter von Paris waren allem Anschein nach, wie schon im Januar bei dem Anschlag auf Charlie Hebdot, „islamische-arabischer“ Abstammung. Das ist ein patriarchaler Hintergrund, der besonders bei jungen Männern einen Widerspruch zwischen Stolz und Frustration fördert – im sexuellen Bereich, neben der Selbsterhaltung (durch Arbeit) eine der Grundsäulen unseres Menschseins. Sexuell frustriert, weil ohne sexuelle Kontakte, die glaubensbedingt vorehelich verboten sind, werden doch gleichzeitig die so ersehnten Frauen abgewertet, dem Männlichen unterstellt. Dieser Dauerfrust, die religiös-bedingte Aufwertung, bei gleichzeitig gesellschaftlicher Abwertung durch die Perspektivlosigkeit, die Selbsterhebung über Frauen, bei gleichzeitig unerfüllter sexueller Sehnsucht nach selbigen, ergibt maximale psychische Sprengkraft. Das wird oft nur am Rande erwähnt, als würden wir Menschen uns immer noch schämen, für diese zutiefst biologische bzw. sündige Triebkraft, die sich unserem Verstand so widersetzt, als wäre das zu banal als Erklärung für das Grauen.

Haben die Attentäter und Kämpfer des IS (deren Motivation wohl maßgeblich Sexsklavinnen sind, als verlogener Kompromiss zwischen religiösen Gebot und Trieb), also nun eine Eigenverantwortung für ihren kulturbedingten, religionsbedingten Hass, bei gleichzeitiger Perspektivlosigkeit? Die „Fremdbestimmung“ in ihrem Leben ist sicher weit größer, als die von Jugendlichen, die nur in westlicher Prägung aufwachsen. Letzteren stehen viel mehr Entfaltungsmöglichkeiten offen – in jeder Hinsicht. Doch wir Menschen sind – Religion und Kultur hin oder her – willensfrei. Wir können reflektieren, logisch denken, die Widersprüche selbständig auflösen.

Die sexuelle Frustration bei gleichzeitigem übermäßigem Stolz ist ein Prinzip des Islam – und nicht nur der Islamisten. Denn was jede islamische Kultur betrifft, egal wie orthodox oder liberal sie ist: Es gibt keine Gleichheit zwischen Frau und Mann. Oft wird die Ausrede des „Schutzes“ der Frauen ins Feld geführt. Sie betrifft den Kopftuchzwang, als auch die Dauerkontrolle durch männliche Angehörige. Doch die westliche Kultur baut auf den Rechtsstaat zum Schutz der Frauen. Und auch wenn männliche Übertritte gehen Frauen nicht aus der Welt sind, werden Frauen nicht auch noch durch ihre eigenen Angehörigen gemaßregelt (meistens).

Islamische Frauen hätten wohl noch viel mehr Grunde frustriert zu sein. Sie haben nicht nur keine Entwicklungsmöglichkeiten im „Gastland“ (die Vorbehalte gegen sie sind ähnlich groß, wie gegen arabische Einwanderer-Männer). Sie werden auch noch von den eigenen Leuten sexuell gemaßregelt – über die Eheschließung hinaus – und sie werden durch ihre eigene Kultur als minderwertig oder zumindest nicht gleichwertig gebrandmarkt. Warum werden die meisten Attentate dann aber von Männern ausgeführt? Sind Frauen zu solchem Hass aus Frust nicht fähig? Oder ist ihr Stolz durch all die Abwertung schon gebrochen? Oder fehlt ihnen schlichtweg das Testosteron, das beides verstärkt?

Es ist auffällig, dass diese Probleme durch die „islamische Zuwanderung“ in all ihren Facetten so dominant männlich sind. Wir Frauen sind die ständigen „Opfer“: Wir werden angeblich von Flüchtlingen vergewaltigt, wir sind die Minderheit bei Pegida (zumindest bei den Protagonisten, aber auch bei den Mitläufern) und werden als Dresdnerinnen doch alle in den Verdacht des rechten Lagers gesteckt. Wir stellen weit weniger Terroristen und gleich viele Opfer. Es gibt weit weniger weibliche Flüchtlinge. Und wahrscheinlich hätten die Einwanderungsländer weniger Ängste und Probleme mit Flüchtlingen, wenn doppelt so viele Frauen wie Männer kämen.

Ist das, was in Europa gerade passiert, vielleicht ein „Männer-Problem“ – über die Gegner und Religionen hinweg?

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Das perfekte Leben

Folgenden Text habe ich diese Woche in einem Werbeprospekt gefunden:

„Dies ist für Euch, Ihr Freidenker in Sachen (XY), für Euch, die Ihr mit Leib und Seele selbst über Euer Leben bestimmt. Für Euch, die Ihr Eure Kreativität pflegt und kopfüber in alle Möglichkeiten eintaucht. Für Euch, die Ihr Eure Vorstellungen befreit, die Ihr etwas tut und schafft und baut. Ihr, die Ihr aus allem, was Ihr seid etwas schafft. Für Euch, die Unerschrockenen, die Einzigartigen, die Inspirierten. Das hier ist für Euch, denn no one lives like you.“

Ich halte diesen Text für die Essenz unser heutigen Kultur, eines digitalen neoliberalen Zeitalters: Er spiegelt die große Krise des aktuellen Menschen, dem ständig erzählt wird, wie einzigartig und authentisch er sein soll, wie offen ihm die globale Welt steht, wie sehr wir alle eine große glückliche Gemeinde freier Konsumenten wären. Für das XY kann man jedes beliebige Produkt einsetzen, von alkoholfreiem Bier bis hin zu Billigmöbeln, Pizzaburgern, Smartphones oder einem neuen Klein-SUV aus Fernost. Letztendlich verkauft gerade fast jede Werbung ihr Ware mit genau diesem Slogan: Sei Du selbst und das bedeutet total einzigartig mithilfe unserer Massenprodukte.

An diesem Zwiespalt krankt unsere Welt: Ständig wird man aufgerufen, ICH zu sein und bekommt dabei in den immer gleichen Bildern gezeigt, wie so ein tolles ICH aussieht: Kreativ-frei, etwas verrückt und verträumt und – ach ja – unangepasst, ohne auf den Preis achten zu müssen. Also sowas von einzigartig gleich gefangen im hippen Konsum. So ein bisschen Multikulti, jung oder junggeblieben, partymachendlachendmitGetränkinderHandundlauterFreunden… Das ist das tolle global-digitale Leben und Silicon Valley findet für all unsere Probleme eine Lösung und dann leben wir alle fröhlich wie auf dem Google Campus, weil wir alle genau die Produkte jederzeit bekommen, die man uns für das tollte Leben vorgibt.

Es wirkt oft so als wären die Flüchtlingswelle und die zunehmende Angst der Leute vor dem eigenen (weiteren) Absturz lästige Hindernisse auf dem Weg zur perfekten Welt, mit lauter perfekt-unangepasst-kreativen ICHs. Nur leider ist es gerade umgekehrt: Die Menschen ziehen sich immer mehr auf ihre Selfies zurück, auf Fotos von ihrem Mittagessen und den immer gleichen Urlaubszenen (am Meer, auf der Skipiste), weil sie sich damit selbst vormachen und ihren Freunden demonstrieren wollen, dass sie noch Teil sind, von dieser tollen Werbewelt, von dem, wie man heute sein sollte, um sein Leben als gelungen zu definieren.

Gerade ist zu beobachten, wie das sommerartige Wetter im November!, das nach diesem extremen Sommer erste Trinkwasserknappheit in einigen Städten verursacht und uns Dauerkonsumenten eigentlich wirklich als Warnung dienen sollte, in eine fröhliche Selfie-Welt in Biergärten und Balkon-Cappuccinos verwandelt wird. Wir leben nach dem Motto: Egal, was die Realität gerade abspielt, solange wir noch tolle Fotos von uns und unserem Leben posten können, ist alles in Ordnung; solange wir uns noch in eine Werbewelt hinein retuschieren können, ist unser Leben gut.

Das traurige daran: Es gibt keine wirkliche Antwort auf die Probleme. Was soll aus all den Möbel-, Bier-, Pizza-, Auto- und Smartphone Verkäufern und den damit verbundenen Dienstleistern und Produzenten werden, wenn wir das alles nicht ständig neu kaufen würden? Wer sollte Ihre Krankenkassen und Mieten zahlen, in einer Welt, wo all das ohnehin immer teurer wird?

Ich habe neulich im Spiegel ein Foto gesehen, aufgenommen von einer Pegida-Bühne in Dresden, hinein in die Masse der Zuhörer, ein Gesichter-Massen-Foto von den Menschen, die auf ihre Ängste einfache Antworten wollen, klare Schuldige. Das Foto war das genaue Gegenteil zum eingangs zitierten Werbetext. Graue, verbitterte Gesichter, kaum eines unter 40 Jahren alt: Freidenker in Sachen Flüchtlinge, die mit Leib und Seele Angst haben. Fern von jeder Kreativität und ohne Möglichkeiten, tauchen sie ein in die Wut und den Hass, suchen Schuldige für ihr eigenes Versagen in dieser MulitkuliSelfiePartyWelt. Sie finden in der Vorstellungen „die sind schuld“ (Ausländer, Islam, Politiker, Medien) Befreiung, schaffen und bauen Vorurteile zur eigen Orientierung. Sie schaffen aus allem, was sie nicht sind, einen eindeutigen Feind. Erschrocken, in der Masse, scheint (wieder Mal) ihre einzige Antwort: Rassenhass. Das hier ist für Euch, denn no one lives like you.

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Die kindliche Weltsicht des Larry Page

Der Google-Gründer Larry Page gibt selten Interviews. Und seit seinem letzten Interview im Spiegel letzte Woche, weiß ich jetzt auch warum: Seine Weltsicht ist (wenn man es freundlich sagen will) infantil. Doch da er einen der größten Konzerne der Welt leitet, der all unsere Daten zur Verfügung hat und als „die“ Hoffnung der Zukunft gilt, sind seine Aussagen wirklich bedenklich – um nicht zu sagen erschreckend.

Page behauptet, „über die grundlegenden Problemfelder der Menschheit“ nachzudenken, er will „bewusst Großes vollbringen“. Dabei sind sein Verständnis von der Welt und sein Menschenbild vollkommen naiv, ja weltfremd. Das selbstfahrende Auto, das vor Verkehrsunfällen schützt, ist die magere Ausbeute der Ideen, die er ins Feld führt. Nur, was hat das mit den Problemen der Menschheit zu tun? Wir haben zwar 3000 Verkehrstote im Jahr in Deutschland, doch allein 10 000 Selbstmorde – meist als Resultat des Gefühls des Versagens und der Einsamkeit, zunehmender Entfremdung durch Jobverlust und wachsende Ängste: aufgrund der Digitalisierung. Und das ist nur ein kleines Beispiel von den unendlich vielen Problemen der Menschheit, dass aber auch gerade auf die Erfindungen eines Larry Page zurück zu führen ist.

Vom Spiegel wird er darauf angesprochen, wie er all den Jobverlusten durch die Digitalisierung begegnen will. Mit vagen Utopien, ohne Sinn und Zusammenhang, weicht er anfangs aus, erzählt etwas vom Pessimismus und unbegründeten Misstrauen gegenüber neuen Technologien, (besonders in Europa), von Filmen, in denen George Clooney mitspielt, Kitesurfen und „Weltausstellungen von früher“ und der damaligen Begeisterung der Menschen für den Fortschritt – ohne irgendein brauchbares Gegenargument zu liefern.

Und dann besitzt er noch die Dreistigkeit (oder eigentlich muss man es Dummheit nennen), Jobverlusten mit „mehr Urlaub“ begegnen zu wollen. Was habe man davon, „fünf Tage die Woche von neun bis fünf bei irgendeinem Konzern zu arbeiten, in einem stabilen Job, den man aber öder finde…“ –?! – Und Geld ist ja auch nicht alles, laut Larry Page: „Solange man genug Geld verdient, um seine Familie zu ernähren, ist das Einkommen nicht mehr der ausschlaggebende Faktor, sondern der Job muss einen Sinn machen“. Und überhaupt: Durch die gesteigerte Produktivität durch Digitalisierung könnten alleinerziehende Mütter dann auch mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen… Immerhin ist der Jobverlust „ein Thema, über das ich viel lese“, sagt Larry. Und er rechne mit „großen Umbrüchen“. Das ist alles, was er, der angebliche Retter der Welt, dem Spiegel dazu zu sagen hat. Das ist die Google-Welt des Mr. Page. Erschreckend.

Nur ein paar Sätze später verweist er selbst dann auf den globalen Wettbewerb, für den man nicht zu langsam sein darf. Dieser globale Wettbewerb hat – wie wirklich mittlerweile jeder weis – mit Sicherheit überhaupt kein Interesse an mehr Urlaubstagen für seine Angestellten, denn er versucht seit Jahren eine Leistungssteigerung, indem er Stellen kürzt und seine übriggebliebenen Mitarbeiter immer weiter Arbeitszeit abtrotzt, mit Dauererreichbarkeit und Homeoffice – erreichbar durch mehr Digitalisierung. Und Menschen, die aus diesem neokapitalistischen System heraus fallen, weg-digitalisiert werden, haben dann in der Tat viel Zeit, nur leider auch kein Geld und keinen Job mehr.

Und so geht das unsägliche Interview weiter: Datenschutz verhindere nur Möglichkeiten, sagt Larry, z.B. die, sein Erbgut auf Ungewöhnlichkeiten untersuchen zu lassen und diese ungehindert mitgeteilt zu bekommen. Keine Idee von einer psychischen Belastung scheint den ach so klugen Kopf des Google-Gründers zu streifen. Tiefen Verunsicherung, die es beutet, erbkrank zu sein oder das Gefühl der „Aussätzigkeit“, sind ihm als Weltfremden völlig fremd. Stattdessen jammert Larry Page übe das Misstrauen gegenüber dem Fortschritt, von dem er behauptet: „Schnelleres Wachstum und größerer Fortschritt ist gut für Konsumenten.“ Darunter versteht er „gesteigerte Lebensqualität“ und eine „verbesserte Welt“.

Das verlorene Vertrauen in die „Institutionen“ macht er für den Pessimismus verantwortlich: „Die Menschen glauben nicht, dass Unternehmen in ihrem Sinn handeln.“ Na sowas. Mal abgesehen davon, dass die Institutionen nicht Unternehmen sind, sondern diese regulieren, wird an so einem Satz überdeutlich, warum wir unbedingt mehr Kontrolle mithilfe der Institutionen ausüben sollten, über die Unternehmen wie Google.

Es sind nicht nur „physikalische Grundsatzfragen“, die Larry Page nicht versteht (wie er selbst zugibt). Man kann nur hoffen, dass Google einfach bleibt was es ist: Eine Suchmaschine, die mit Werbung Geld verdient. Ich glaube die Zukunftsprognose, dass Google genau das bleibt, ist jedenfalls weit wahrscheinlicher, als dass Google irgendein Problem der Menschheit lösen. Am wahrscheinlichsten ist wohl leider, dass wegen dieser völligen Unreflektiertheit von Zusammenhängen – der neoliberalen Weltsicht mit der fortschreitenden Zerstörung unserer menschlichen Lebenswelt (sozial und ökologisch) – die Optimisten aus Silicon Valley die größten Probleme der Menschheit erst schaffen werden.

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Transit

Die anerkannteste deutsche Integrationsforscherin Faroutan hat letzte Woche erklärt, dass die neue Selbstdefinition Deutschlands gerade gestaltet wird – mehr narrativ, erzählerisch als politisch. Und genau das irritiert die Politiker, die sich gerne nach der Meinung der Bürger richten mit ihren Parolen, um die Wählerschaft nicht weiter zu verschrecken. Doch ihre Widersprüche spiegeln die Widersprüche, die viele Menschen haben, weil sie eben widersprüchlich Gefühle gegenüber diesen neuen Veränderungen in der Welt haben, die diesmal direkt vor ihrer Haustür passieren. Sie reden also alle darüber, aber es lässt sich keine feste einheitliche Meinung bilden, wie sie sonst so schnell parat steht, um sich dann selbst links oder rechts davon einzuordnen. Die meisten Menschen sind eben NICHT Pegida-Anhänger (mit den schnellen grausamen Klischee-Weltbildern, die dumme Menschen immer schnell parat haben, weil sie völlig überfordert sind, es nicht aushalten Widersprüche auch mal zu ertragen, etwas neues draus zu gewinnen). Und so haben sie einerseits Angst und andererseits hegen sie empathische Gefühle für die Flüchtlinge. Einerseits wollen sie ihren Wohlstand nicht gefährden, andererseits stimmt es gerade junge Leute froh, dass etwas passiert, was aus der Starre und dem Egoismus heraus führt, uns zwingt uns jenseits von Sicherheit und Konsum Gedanken zu machen. Einerseits begrüßen viele die hochmotivierten zukünftigen Arbeitskräfte, andererseits empfinden viele eine Angst vor dem Islam, der sich mit Gleichberechtigung, Gewaltverzicht und dem uneingeschränkten und öffentlichen Bekenntnis zu demokratischen Werten als absolute Grundlage ihrer Religion oft schwer tut.

Faroutan schlägt als Stichwörter für eine zukünftige gemeinschaftliche deutsche Kultur die Parole vor: „Pluralität, Solidarität und Gleichwertigkeit.“ Und gerade den Aspekt der Gleichwertigkeit finde ich daran besonders interessant. Er ist für mich als Philosophin und Psychologin die Grundlage für unsere globale Zukunft. Doch wir brauchen eine neue Werteordnung für diese Gleichwertigkeit, die unabhängig ist von der nationalen Zugehörigkeit. Denn werten werden wir immer, die Aufteilung in gute und schlechtere Menschen ist eine psychologische Grundlage des Menschen, die Basis seiner Orientierung.

Ich habe letzte Woche schon darüber geschrieben, wie scheinheilig bzw. unreif wir aus Angst und Unsicherheit Menschen nach ihrer Herkunft bewerten, weil das bisher unserer Ordnung entsprach, die aber in der zunehmenden Globalisierung immer fadenscheiniger wird. So zieht niemand 2 Millionen deutsche Alkoholiker zur Verantwortung, die ihre Kinder körperlich und psychisch misshandeln, ihre Leben schwer schädigen und auch sonst unserem Krankheitssystem und Arbeitssystem soziale Schäden in einem riesigen Ausmaß zufügen. Wenn ein „Ausländer“ sich so verhalten würde, würden wir ihn sofort zur Verantwortung ziehen und allzugerne „nach Hause“ schicken. Wenn ein Ausländer die Bürgermeisterin Kölns abstechen würde, …

Vor welchem Hintergrund geschieht diese seltsame Ungleich-Wertung? Sie geschieht argumentativ und rechtlich auf der Basis, hier oder dort geboren zu sein. Und obwohl jeder weiß, dass wir nichts dafür können, wo wir geboren werden, machen wir Menschen dafür verantwortlich, als wäre es ihr eigenes Verschulden. „Sollen sie doch zurück gehen, woher sie gekommen sind, wenn sie sich nicht benehmen können“, ist wohl einer der Grundgedanken der Recht-fertigung für Ausweisung aus unserem Wohlstand, nicht nur der Pegida-Demonstranten. Doch was passiert mit all den Pegida-Demonstranten, die sich schlecht benehmen, Politiker mit dem Tod bedrohen, Hetzparolen schüren? Jedenfalls ruft niemand danach, sie auszuweisen. Doch ihr Verhalten hat blutige Konsequenzen, wie man in Köln sehen konnte.

Wenn ich diese seltsam stumpfen, dickbäuchigen, voll-tätowierten, schlechtgekleideten, biertrinkenden Hansel auf einer Pegida-Demonstration im Fernsehen sehe, die lauter hohlen Schwachsinn schreien und ihr Selbstwertgefühl mit Fahne-Schwenken aufputschen müssen, weil sie eigentlich zumeist ziemlich kleine Lichter sind in unserer Werteordnung, kann ich mir das psychologisch erklären – und empfinde doch auch gleichzeitig Ekel, Verzweiflung über die narzisstische Natur des Menschen, seine Ängstlichkeit, die so oft aus Dummheit und schlechter Erziehung entsteht.

Wenn ich lese, dass Asylbewerber im eigenen Lager Homosexuelle schickanieren, ethnische Vorbehalte mit Gewalt austragen, möchte ich irgendein politisches Mittel besitzen, sie so zu bestrafen, dass sie das nie wieder tun, dass sie lernen, das man das nicht tut, wenn man in einer Demokratie mit Wohlstand leben möchte. Ich würde sie gerne zusammen mit den dummen Pegida-Demonstranten in ein Erziehungsheim schicken, wo man ihnen das Denken der Gleichwertigkeit und genug Selbstreife beibringt. Erst dann sollen sie wieder das Recht bekommen, in unserem Land sich selbst frei zu entfalten.

Je älter ich werde, je mehr ich gereist bin und nachgedacht habe, umso mehr komme ich zu dem Schluss, dass man den Wert eines Menschen – egal welcher Kultur und Religion – am Maß der Selbstreife messen kann. Doch leider gibt es keine rechtliche Handhabe, um Menschen dazu zu zwingen ihr infantiles Handeln in ein erwachsenes, reifes umzuerziehen. Aber immerhin ist es für mich die Basis der Gleichwertigkeit, die ich gut und logisch begründen kann: Der Maßstab der psychischen Reife. Sie macht für mich den Wert eines Menschen aus. Ich habe Menschen, die auf diesem Gebiet hohe Anerkennung von mir bekommen, überall getroffen auf der Welt – und ich habe sehr viele Menschen, über die ich nur den Kopf schütteln kann oder die mich sogar wütend machen, in meiner unmittelbaren Nachbarschaft, mit deutschem Geburtsrechten versehen und deutschen Pässen, deutscher Schulbildung, deutschem Wohlstand. Und manchmal würde ich sie gerne in eine Transitzone stecken, weit weg von mir, oder zumindest an der bayrischen Grenze, wo sie sich dann ihre Freiheit und Selbstentfaltung erst wieder verdienen müssen mit Selbsterkenntnissen und Empathiefähigkeit. Aber genau dieser Wunsch bringt mich natürlich gefährlich nahe selbst ans Lager der Intoleranten heran. Immerhin weiß ich darum.

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Man stelle sich vor…

Man stelle sich vor: Wir haben 1,77 Millionen Menschen in unsrem Land, die auf Kosten der Gemeinschaft ihren eigenen Schwächen frönen. Sie üben körperliche Gewalt aus gegenüber anderen, vorzugsweise Schwächeren, ruinieren ihre Gesundheit, für die jedes Krankenkassenmitglied dann bezahlen muss, arbeiten schlampig, bringen durch ihr Verhalten im Jahr 10 000 schwerbehinderte Babys auf die Welt und traumatisieren durch ihr Benehmen noch weit mehr Kinder. Und all das wird von uns toleriert, ja mit Verständnis gefördert. Und weitere 8 Millionen Menschen in Deutschland verhalten sich ab und zu ähnlich.

Diese riesige Menschengruppe mitten unter uns, von der ich hier rede, sind weder Ausländer aus fremden Kulturen, mit absonderlichen Gebräuchen, es sind keine Mitglieder einer besonderen Sekte oder Krieger des Islamischen Staats. Es sind Alkoholiker und Menschen, die kurz davor stehen, welche zu werden. Von 80 Millionen Deutschen betrifft das 10 Millionen, also jeden achten Menschen. Auch wenn die Menschheit (und sogar viele Tiere) von je her Alkohol genießen, weil man sich dann toll fühlt, mutig, selbstbewusst, stark, wird ein moralisch gutes Leben, als Grundlage für unsere Existenzberechtigung in einem freien, demokratischen Staat, bei zu viel Alkohol immer schwieriger. Wir brechen den Staatsvertrag der demokratischen Gemeinschaft, auch wenn wir noch so tolle Leistungsträger sind. Denn wir geben zunehmend unsere Eigenverantwortung an ein Rauschmittel ab, werden oder sind schon halb oder ganz süchtig. Während ein halbes Glas Wein am Tag die Gesundheit sogar fördert, ist jeder Tropfen mehr schnell körperlich und sozial zerstörerisch.

Passend zum Ende des Oktoberfestes werden die aktuellen Zahlen zum Thema Alkohol veröffentlicht. Denn gerade Alkohol ist die gefährlichste Droge der Menschheit. Zum einen weil sie toxisch auf die Zellen wirkt, diese also mit ihren giftigen Molekülen zerstört. Zum anderen weil Alkohol so akzeptiert ist in der Gesellschaft, ja geradezu gefördert wird, durch das Image der Lebensqualität, des Gemeinsinns oder der Coolness. Während das Oktoberfest schon mal als die größte offene Drogenszene der Welt beschrieben wird, ist der Alltag, ohne besonderen Trinkanlass, eigentlich noch viel schlimmer.

Wir schreiben den Menschen Eigenverantwortung zu. Der Mensch hat nur ein gutes Leben verdient, wenn er sich im Griff hat, anstrengt, fleißig sein Bestes gibt. Gerade verlangen wir genau das von all den Zuwanderern. Es wird zur Grundlage für ihr Aufenthaltsrecht, ihre Motivation und ihr Benehmen ist der Schlüssel für ihre Integration, unsere Akzeptanz für ihr Hiersein. Doch selbst saufen wir uns millionenfach die Hucke zu. Sicher kann man im großen Leistungsdruck unserer Erfolgsgesellschaft dafür ein Grund sehen. Genauso ist Alkohol aber auch ein Grund für Versagen bzw. die Reaktion darauf.

Und die Angst zu versagen, dem großen Druck nicht mehr standzuhalten und dann durch die immer größeren Maschen des sozialen Netzes zu fallen, lässt uns wohl gleicher Maßen zum Alkohol greifen, wie es zur Ablehnung von Fremden führt. Das ist keine Anklage, sondern eine Beschreibung des Menschen bzw. vieler Menschen. Wir sollten also Mechanismen schaffen, Werte, Gesellschaftssysteme, in denen die Möglichkeiten für gesunde Eigenverantwortung wieder gefördert und die Angst zurück gedrängt wird. Das wäre gut für unsere Gesundheit und gegen unsinnige Vorbehalte gegenüber Fremden. Dazu muss sich jeder fragen, wie er in das Gefühl der Angst und des großen Drucks geraten ist, mit dem wir uns durch Schnaps und einfachen Parolen Erleichterung zu verschaffen suchen. Und wie ließe sich mehr Selbstwirksamkeit im eigenen Leben verschaffen, weg von zu hoch gesteckten Erwartungen, zu großen Ausgaben und anderen falschen Träumen und Selbstlügen. Wie ist es möglich in einer guten Gemeinschaft aufgehoben und anerkannt zu sein – ohne Alkohol und Angst vor sonstigen Abstürzen? Nur so können wir den Maßstab, den wir zu recht an neue Mitglieder unserer Gesellschaft anlegen, anlegen müssen, selbst gerecht werden. Denn die Bedrohung für unsere Lebensweise kommt weit weniger von außen. Sie ist durch den wachsenden Leistungsdruck lang schon mitten unter uns.

Der Attentäter von Köln ist jemand, der durch übermäßigen Alkoholkonsum aufgefallen ist.

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Luxus Menschenrechte

Angela Merkel hat diese Woche gesagt, der Zustrom der Flüchtlinge ist nicht aufzuhalten. Doch noch mehr als mit der Unsinnigkeit eines 3000 km langen Zauns, ist diese Aussage mit den Menschenrechten zu begründen. Sie sind die Basis für unser Zusammenleben, für unsere Gesellschaft und Kultur. Sie sind auch die Basis für unseren Wohlstand. Und diese Menschenrechte verpflichten uns nunmal Kriegsflüchtlingen zu helfen. Schon die Abschiebung von Elendsflüchtlingen ist dabei schwierig zu argumentieren.

Leider vergessen die Politiker viel zu oft, dass die Menschenrechte nicht nur für ihre eigenen Länder gelten, sondern für alle Menschen. Und so werden die Machenschaften großer Firmen demokratischer Staaten in fremden Ländern nicht bestraft. Während man sich zu Hause noch halbwegs an die Menschenrechte hält, werden fremde Länder und Menschen zu bloßen “Viehzeug”, Material oder Konsumenten herabgestuft, mit denen man machen kann, was der Gewinn so hergibt.

Die jetzt zerfallende arabische Welt war für den Westen nie mehr als ein Öllieferant. Diktatoren, die die Energiezufuhr für unser Wohlstandleben garantierten, wurden unterstützt, egal was sie ihren Untertanen antaten, egal ob sie ihre Länder verelenden ließen. Das gleiche gilt für die meisten afrikanischen Staaten. Da die Regierungen dieser Staaten, die Menschenrechte nicht einhalten, war die Ausbeutung einfacher, kein selbstbewusster Wohlstandbürger widerspricht.

Doch das Elend nimmt zu. Und nun ist es an einem Punkt angelangt, dass es zurückschlägt, den Westen überrollt. Jeder der sich über die Flüchtlingswelle beschwert, muss wissen, dass der eigene Wohlstand, die großen Gewinne der eigenen heimischen Firmen, genau auf dem Rücken dieser armen Menschen entstanden ist, in deren Herkunftsländern unsere Firmen mithilfe korrupter Regierungen die Menschenrechte mit Füßen treten.

Es gibt gerade eine weitere Stufe und noch viel schlimmere Entwicklung in diese Richtung. War bisher die Ausbeutung von Rohstoffen im Interesse der Märkte, sind es mittlerweile Nahrungsmittel. Seit der letzten Finanzkriese von 2008 hat das viele billige Geld die Landwirtschaft erreicht. In den armen Ländern werden tausende Kleinbauern enteignet, vertrieben, Urwälder werden abgeholzt. Das Land wird den Konzernen zum Anbau vor allem von Palmöl zur Verfügung gestellt. 40% Gewinn ist dort noch zu machen. Selbst die kommunistische Insel Kuba wird gerade von den Großinvestoren der Landwirtschaft überrannt, die von der ersten politischen Öffnung sofort kapitalistisch profitieren wollen.

Der Film „Landraub“, der diese Woche in den Kinos anläuft, erzählt von zukünftigen Flüchtlingswellen der Verelendeten, der Enteigneten, gegen die die heutigen wie eine kleine Wanderung anmuten. Es ist völlig klar: Wenn man nichts gegen das Elend in den korrupten Ländern tut, sie weiterhin der Gier der Kapitalmärkte und Diktatoren überlässt, werden wir immer mehr überrollt von den Elenden dieser Welt. Unser Wohlstand ist durch ihre Ausbeutung entstanden – und das rächt sich jetzt und bedroht unseren Lebensstandard.

Entweder müssen wir zukünftig noch weiter unterscheiden zwischen uns, den Menschen, die verdient haben, im Reichtum zu leben und denen anderen, die wir zurück schicken, bzw. gar nicht mehr rein lassen. Doch auf der Grundlage der Menschenrechte lässt sich das jetzt schon schwer begründen. Oder wir müssen etwas tun gegen den Großkapitalismus, gegen die Gier der Geldmärkte. Das Elend nimmt zu, je weiter wir auf Wirtschaftswachstum setzen, je weiter wir uns verschulden, um unseren Lebensstandard zu halten, mit dem Geld von Banken, die die Armut in dieser Welt immer weiter voran treibt.

Das eigentliche Problem ist nicht Syrien oder Afrika. Das Problem ist der ungebremste Kapitalismus, ob er nun Öl braucht oder Palmöl produziert. Er schafft immer größere Probleme, die unsre Umwelt und unsere Sozialsysteme vielfältig zerstören. Immer mehr Kinder werden geboren, um die Familien sozial abzusichern, immer mehr Nahrung wird gebraucht, immer mehr Umwelt wird zerstört, immer mehr Arme machen sich wegen der Perspektivlosigkeit auf den Weg in den Norden. Dieses System nützt 1% der Menschen, die so reich werden, dass es für sie kein Maß mehr gibt. Sie besitzen so viel wie der Rest der Menschheit zusammen. Warum lassen wir uns das gefallen? Wann kommt jemand, der sich nicht mehr kaufen lässt in der Politik, dem die Welt und ihre Menschen wichtiger sind? Wie groß muss die Bedrohung vor unserer Haustür werden? Immerhin ist sie jetzt endlich vor unserer Haustür zu sehen. Aber ist das gut? Was sicher ist: Nur das Elend vor der Tür kann die Wende bringen. Dazu muss man aber den wahren Feind kennen. Das einzige, was sicher ist: Nationalistisches Gebrüll ist der falsche Weg. Mit nationalistischen Hochgefühlen werden dumme ängstliche Bürger abgespeist, damit die Mächtigen und Reichen weiter ihre Vorteile vertreten können. Sollen sich doch “die da unten” gegenseitig die Hütten abbrennen und Köpfe einschlagen. Das lenkt willkommen ab von denen, die ihren Gewinn genau daraus ziehen.

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Gute Menschen

In der Geschichte vom „Guten Mensch von Sezuan“ hat Brecht drei Götter auf die Erde geschickt, weil die Klagen der Menschen so unüberhörbar laut im Himmel zu hören sind und den Frieden dort oben stören. So suchen die Götter nun einen einzigen guten Menschen auf der Erde, um ihm ein wenig bei seiner Arbeit zu helfen, um sich dann wieder zurückziehen zu können. Sie schenken einer guten Frau einen Teeladen und verdrücken sich. Doch dieser Laden wird von all den Elenden bald überrannt und ausgebeutet. Und da die Frau ja gut ist, kann sie die Elenden natürlich nicht abweisen. Am Ende sind alle arm und ratlos, auch die Götter.

Mal davon abgesehen, dass es vielleicht nicht ganz ungerecht ist (im Großen und Ganzen Zusammenhang) ein paar reichen Firmenkonsortien die Immobilien zweckzuentfremden (schließlich ist die Armut vieler Flüchtlinge die Grundlage für den Reichtum der westlichen Großhandelsketten, besonders auch der Baumärkte), stoßen wir an die Grenzen unserer demokratischen Werte, durch zu viel und zu schnell hereinbrechendes Elend. Hartnäckig stellt sich die Frage: Welche Menschen wollen wir in unserem Land haben? Die schnelle Antwort darauf ist: Menschen, die unsere demokratischen Werte leben. Doch jetzt wird es schon schwierig. Denn eigentlich müssten wir dann auch alle Deutschen ausweisen, die sich in ihrem Denken und Verhalten gegen die Demokratie stellen und alleine das wäre schon undemokratisch.

Die Ungerechtigkeit bleibt also von vorneherein bestehen: Es ist reiner Zufall, in welches Land wir geboren werden. Und während die einen sich schlecht benehmen und trotzdem am Wohlstand und an der freien Entfaltung teilhaben dürfen, ertrinken gute, friedliche Menschen im Mittelmeer. Und: Wir können keine guten Menschen mehr sein, jedenfalls nicht mehr für alle.

Es scheint, dass unser moralisches Empfinden mit der Realität nicht zusammenpasst. Wir würden gerne allen die gleiche Chance zugestehen. Aber wir können nicht alle Flüchtlinge aufnehmen – alleine weil das die Demokratie, also die Grundlage des Guten, gefährdet (auch für Grüne und Linke Politiker). Also muss man leidende Menschen abweisen und bei den immer noch vielen anderen ein Auswahlverfahren einführen, dem sich unsere eigenen Bundesbürger niemals unterwerfen mussten.

Und wonach wählen wir aus, wenn theoretisch alle das Recht auf Asyl hätten? Nach Ausbildung, Alter und Motivation. Und was wird, wenn wir genug Motivierte, gut Ausgebildet und Integriert haben, wenn unser Arbeitsmarkt wieder gesättigt ist, alle Ausbildungsstellen besetzt sind? Der Zustrom wird nicht abreißen. Selbst wenn in Syrien je wieder Frieden herrschen sollte, ist Afrika voll von Menschen, die nach Europa wollen. Wie wählen wir dann aus? Die USA haben ein Bewerbungsverfahren für ihre Greencard. Trotzdem kommen weiter Tausende illegal in die USA aus Südamerika.

Plötzlich müssen wir alle die Verantwortung tragen, für das seit hundert Jahren mit eigenen wirtschaftlichen Interessen geschaffene Elend, das uns heute überrollt. Plötzlich versuchen unsere Politiker hektisch Perspektiven in den Ländern zu schaffen, die bisher nur Spielbälle waren, ausgebeutet nach dem Recht des Stärkeren. Doch je schwächer ein Staat und seine Institutionen sind, umso mehr Kinder bekommen die Menschen in diesem Staat, da die Familie das einzige Sozialsystem ist, die einzige Unterstützung liefert – und genau das führt wiederum zu immer mehr Korruption, denn die eigene Leute bevorteilt man natürlich genau deshalb zuerst, sobald es was zu holen gibt. Und das führt wiederum zu Armut und Perspektivlosigkeit und Frust – und zu immer mehr Heranwachsenden, die in diesen Zuständen leben. Wie will man das plötzlich ändern? Jedes Sozialsystem würde sofort von der Korruption unterwandert, wie in Brechts Theaterstück. Jeder Aufstieg wird aber genau von dieser Korruption verhindert… „Return of misery“, dieses Theaterstück des Alltags werden wir sobald nicht mehr absetzen können, von unserem Spielplan.

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Warnung vor dem bissigen Flüchtlingskind

Mein Blogbeitrag von letzter Woche hat wohl zu einem Missverständnis geführt, dass ich hier unbedingt aufklären möchte. Er war eindeutig gegen die selbstgefällige intellektuelle Selbstdefinition der meisten Journalisten gewendet und gegen die großen Worte der Politiker, die bisher wenig Taten vollbracht haben – und nicht gegen die Flüchtlinge. Ich glaube, das dürfte auch durch meine Beiträge der letzten Wochen klar sein. Dennoch habe ich sofort und erschreckender Weise von „rechten Strömungen“ Zuschriften erhalten, die mich auf unglaublichen Schwachsinn im Netz aufmerksam machen wollten – wohlgemerkt: wohlgesonnen – um Ängste zu schüren und völlige Falschmeldungen über das Flüchtlingsthema zu verbreiten.

Erschreckend fand ich auch die prompte Reaktion einer langjährigen Bekannten, noch dazu einer Ärztin und Mutter dreier Töchter, die mir schon häufiger versucht hat, solche zum Teil falschen und auf jeden Fall hetzerischen Informationen unterzujubeln, obwohl ich sie mehrfach gebeten hatte, mich von ihrer Verteilerliste zu nehmen. Das muss man sich vorstellen: Ein Mensch, der einen hippokratischen Eid geschworen hat und ständig von der Gefahr für ihre eigenen Kinder spricht, als Krankenhausärztin laut Verdiensttabelle (und privater Auskunft aus meiner Familie) über 8000 Euro im Monat verdient, genauso wie ihr Mann, der ebenfalls Chirurg im Krankenhaus ist, dass so jemand behauptet, es kämen 5 Millionen Flüchtlinge, wir würden alle dem Islam unterworfen und steuerlich enteignet, wegen der Flüchtlinge… Sie wäre wohl selbst die erste, die aus einem Land fliehen würde, das Bomben auf die eigenen Leute wirft, gerade wegen ihrer Kinder und sie wäre wohl verdammt froh, wenn in einem anderen Land jemand ihren Töchtern zu essen geben würde, ihnen ärztlich Hilfe gewähren würde und ihr und ihrer Familie Hoffnung geben würde, ihren Töchtern eine gute Bildung verspricht.

Offiziell, diese Woche veröffentlicht, sind dieses Jahr etwas mehr als 500 000 Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Auch wenn das viele sind und noch mehr kommen werden: Nach dem 2. Weltkrieg waren es 15 000 000 Millionen. Auch wenn es eigentlich Deutsche waren, haben die ansässigen Deutschen sie genauso abgelehnt und als fremd empfunden wie „Ausländer“. 2 von diesen 15 Millionen waren meine beiden Eltern. Sie haben sich ein Leben aufgebaut, meine Mutter, schwer traumatisiert ein Leben lang von der Flucht als Kleinkind, ist, so lange sie lebte, ihre psychischen Probleme nicht losgeworden. Ich habe mein Buch “Ich, Rabentochter” darüber geschrieben (eben über dieses Buch hat sich die erwähnte Ärztin damals bei mir gemeldet, tief gerührt von meiner Familiengeschichte). Ich selbst hatte in diesem Land professionelle medizinische Hilfe für die Spätfolgen des Krieges, die meine Generation weitreichend betrifft. Das Thema der Kriegsenkel ist gerade aktueller denn je.

Ich konnte studieren, als Tochter von ehemals bettelarmen Flüchtlingen, an zwei der besten Universitäten Deutschlands, ohne etwas dafür zu bezahlen. Ich konnte mir ein freies und erfolgreiches Leben aufbauen, mit Krankenversicherung und im Vertrauen auf unseren Rechtsstaat. Ich habe dann einen Ausländer geheiratet, dessen Familie aus Marokko nach Frankreich eingewandert war, der innerhalb von 6 Monaten perfekt Deutsch sprach und eine Firma mit über 150 Arbeitsplätzen aufgebaut hat. Sein Vater war einfacher Arbeiter, ein Leben lang am Fließband. Es kann also überhaupt keine Verwechslung der Fakten geben: Ich halte Zuwanderung für ein absolutes Erfolgskonzept. Und wenn ich auch glaube, dass es nicht so einfach wird, dass unsere Politiker dringend handeln sollten und uns Journalisten mit ihrer moralischen Selbstbespiegelung „wie wir uns als Deutsche sehen sollten“ keinen Gefallen tun (sondern nur sich selbst darstellen – moralische Aufrufe haben noch niemals irgendwas gebracht, sie sollten lieber Fakten nennen und beschreiben), glaube ich fest daran, dass wir die aktuellen 500 000 und bestimmt auch noch viele mehr aufnehmen können.

Es kommt auf die Mechanismen an, diese Menschen erfolgreich zu integrieren, sie zu fördern aber auch zu fordern. Das kann ich als Psychologin fundiert behaupten. Und eben auch die, die ihre falschen Vorstellungen nicht in selbständige Eigenverantwortung wandeln, müssen ermahnt werden und dann auch zurück geschickt werden, besonders wenn sie unsere Errungenschaften der Gleichberechtigung und religiösen Toleranz nicht leben. Dass Menschen Träume haben und sich die Welt schöner malen als sie ist, das ist normal. Wie oft habe ich als Psychologin auch von Deutschen schon gehört: Das habe ich mir nicht so vorgesellt, wenn ich das gewusst hätte… Wir haben Hoffnung und Phantasie als Schutzmechanismen der Psyche bekommen. Sie lassen uns neue Wege gehen, in der Sehnsucht auf Erfolg. Die Realität sieht dann oft anders aus. Aber deshalb kann man sie trotzdem bewältigen. Als jemand, der selbst lebenslang mit den Spätfolgen des Krieges kämpft, bin ich trotzdem meinen Eltern und Großeltern dankbar dafür, dass sie mich in ein Land geboren haben, wo ich immerhin Chancen hatte, das Beste daraus zu machen. Es gibt Menschen in meiner Familie, die haben es nicht so gut geschafft, haben diese Chancen nicht nutzen können. Warum das so ist, ist ein Thema (das Thema der Willensfreiheit), das mich ein Leben lang zum Nachdenken gebracht hat. Es ist das Thema der Gerechtigkeit, die es niemals geben wird und die man doch ein großes stück weit gesteuert verbessern kann. Es wird sich jetzt wieder an tausenden Einwanderern zeigen, von denen mit Sicherheit viele ihre Chancen nutzen werden, Erfolgsgeschichten schreiben werden, trotz Traumatisierung. Und einige werden es nicht schaffen, in sozialer Abhängigkeit und religiösem Wahn verhaftet bleiben. Die Frage ist: Hätte mein Leben den Bach runter gehen sollen, weil es andere (selbst aus meiner Familie) nicht geschafft haben?!

Hier also die Warnung an alle, die mich noch mal falsch verstehen sollten oder mich gar für ihre Hetzpropaganda einspannen wollen: Das nächste Mal zeige ich sie an, bei den Behörden und bei ihrem Arbeitgeber. Das möchte ich unmissverständlich klar machen. Es wäre nicht das erste Mal, dass ich das tue und es ist definitiv die letzte Warnung!

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Fake und Fakten

Manchmal hat man ein Thema so über, dass man – obwohl es das aktuelle und zukünftige Geschehen bestimmen wird, wie kaum etwas anderes, nichts mehr darüber hören möchte – außer Fakten. Mir geht es gerade mit dem Flüchtlingsthema so. Jeder Journalist muss einen besonders klugen Essay darüber schreiben, wie weit wir alle Flüchtlinge sind, es Flüchtlinge schon immer gab oder was das alles für unsere Gesellschaft, Moral und Europäische Werte bedeutet. Ich habe keine Lust mehr dieses neunmalkluge Blabla zu lesen, wie wir Deutschen uns jetzt selber sehen und gesehen werden. Ich möchte gerne nur noch hören, wie viele Gesetze konkret vom Bundestag und Rath verabschiedet wurden, um die Bürokratie endlich zu beschleunigen, was die Wirtschaft getan hat, um den händeringend gesuchten Arbeitskräften Deutsch und Fachkräftewissen beizubringen. Ich möchte wissen, woher bezahlbare Wohnungen für all die Flüchtlinge kommen (und dabei vielleicht auch für die Deutschen) und wie viele Menschen wo in Deutschland erfolgreich integriert wurden.

Bisher sind 46 Flüchtlinge erfolgreich in Lohn und Brot gebracht worden und 13 Auszubildende haben in deutschen Betrieben angefangen. Bei 1 000 000 Flüchtlingen dieses Jahr ist das beängstigend wenig.

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Old New York Teil III

Letztes Wochenende war ich in den Hamptons, dem Sylt der USA. In East-Hampton saß ich am Strand-Büdchen und aß (aus Mangel an Alternativen) ein Soja-Jogurt-Eis (in Sachen Ernährungswahn sind uns die Amerikaner immer noch einen Schritt voraus. In meinem Lieblings-Coffee-Shop gab es 4 verschiedene Milchoptionen und von vegan über glutenfrei alles an Müsli, was das moderne essgestörte Herz begehrt). Der Montag nach diesem Wochenende war der erste Montag im September und somit traditionell der „Labor Day“, der Feiertag der Arbeiter. Dieses verlängerte Wochenende ist das offizielle Ende des Sommers in den USA. Die Familien kehren aus dem Hamptons in die Stadt zurück, die Väter hören auf zu pendeln, zwischen der City (unter der Woche) und ihrer Familie in den Hamptons (am Wochenende). Jeder, der sich dort irgendwie ein Häuschen leisten kann, verbringt dort möglichst viel Zeit, um der schwülen Hitze in New York im Juli und August zu entgehen (meist über 32 Grad Celsius).

In New York kann man ganz andere Häuschen besichtigen, im sogenannten „Tenement-Museum“ in der Lower East Side. Dort wurden im 19. Jahrhundert (gegen das große Elend der vielen Zuwanderer) erste Mietshäuser errichtet, in der heuten so schicken typischen Backstein-Eisenfeuertreppen-Optik. In diesen ca. 15 m breiten und 5 Stockwerke hohen Häusern lebten auf jeder Etage 4 Familien, jede Familie hatte ca. 30 m2 zur Verfügung: Eine winzige Küche mit fließend Wasser (ein totaler Luxus zu dieser Zeit), ein winziges Zimmer zur Straße (das einzige mit Fenster) und eines zum Schlafen (ohne Fenster). Dazu kam 1/2 Klo, also ein Klo für je zwei Familien pro Etage. Das war Vorschrift. So lebten also auf 30 m2 oft zwei Eltern mit 2-6 Kindern. Und im ganzen Haus bis zu 120 Personen!

Die Lower East Side hieß 1840 auch „klein Deutschland“ und New York war die 3. größte deutsche Stadt. Die Nachfahren der damaligen Einwanderer (nach den Deutschen wohnten dort vor allem osteuropäische Juden, dann Italiener, dann auch Chinesen) sind heute alteingesessene Amerikaner. Viele haben erfolgreiche Leben vorzuweisen, Firmen gegründet oder Geschäfte, lehren an Universitäten. Sie sprechen meist nicht mehr die Sprache ihrer familiären Herkunftsländer, sie sind Amerikaner, mit einem blauen Pass, dem Sehnsuchtsdokument so vieler Menschen.

Eines dieser Häuser wurde unverändert seit den 30er Jahren (der Zeit der letzten großen Einwanderer-Welle) zurück gelassen. Der Besitzer war nicht mehr bereit, nach den neusten Vorschriften zu renovieren und so wurde das Haus verschlossen und vergessen und heute ist es ein Museum, durch das man sich führen lassen kann, in kleinen Gruppen. Man kann an den Schichten der Tapeten die Schichten der Zeit und der Einwanderer Wellen begutachten, die unvorstellbare Enge und hygienischen Bedingungen. Man kann sogar die Fotos einiger ehemaliger Bewohner bewundern und die, ihrer Nachfahren.

Die Frau, die uns durch die Räume des Hauses führte, war selbst Asiatin, die Nachfahrin eingewanderter Chinesen. Sie fragte uns am Ende der Runde, woher wir kommen. Ich war die einzige Deutsche. Und eine der älteren Besucherinnen (eine Rentnerin aus Texas) fragte mich auf dem Weg nach draußen, ob ich von der massiven Einwanderer-Welle gehört hätte, die am Wochenende über Deutschland hereingebrochen war. Nein hatte ich nicht. Ich war ja in den Hamptons, wo am Arbeitertag, die erfolgreichen Einwanderer von damals ihren Erfolg feiern, in ihren teuren Strand-Häusern. Und ich überlegte mir auf dem Rückweg, ob wir wohl auch eines Tages so ein Museum haben werden, in dem staunende Besucher durch die gestapelten Container der jetzigen Asylantenheime geführt werden und sich fragen: Wie haben die das ausgehalten, mit welchen Hoffnungen sind sie gekommen, was ist aus ihnen und ihren Nachfahren geworden? Und die Nachfahren vieler Syrer und Afrikaner sitzen dann vielleicht gleichzeitig in ihren Ferienhäusern auf Sylt und genießen ihren wohlverdienten Wohlstand, den sie und ihre Vorfahren sich hart erarbeitet haben, nachdem ihnen ein neues Land eine Chance dazu gegeben hat.

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Old New York Teil II

Deutschland und die USA haben zurzeit (und wohl auch darüber hinaus) ein gemeinsames Problem: Die Zuwanderer aus armen Ländern, sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge oder Wohlstandsasylanten. In den USA kommen sie aus Latein-Amerika. Bei uns aus dem ehemaligen Jugoslawien und Afrika. All diesen Menschen ist eines gemein: Die Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit in ihren Heimatländern.

In New York hat jedes Restaurant oder Café typischer Weise vor dem Lokal eine Zulieferungsluke im Boden auf dem Gehsteig: Zwei Metalltüren mit einer Treppe darunter, die in den Keller führt, wo die Lebensmittel und Getränke lagern. Aus diesen Luken kommen, wie aus einer Unterwelt, jede morgen unzählige Hispanios hervor, wenn die Naturalien angeliefert werden und nehmen sie in Empfang. Auch in den riesigen Trucks oder in den Müllwagen sitzen neben den Afroamerikanern unzählige Hispanios. Auf den Baustellen (New York ist eine einzige Baustelle – irgendwo muss das viele Geld ja hin) findet man sie und gerade wenn man in Manhattan ist, hat der Unterschied der zarten schlanken gepflegten Investmentbanker-Frauen zu den groben verdreckten Arbeitern eine physische Präsenz:
Zwei Welten, von denen man fast schon annehmen kann, dass sie nicht mehr einer menschlichen Rasse angehören. Die einen verdienen oft nicht mal den offiziellen Mindestlohn, bekommen, im Gegensatz zu europäischen Asylbewerbern, keinerlei Hilfe vom Staat. Doch es gibt unzählige illegale Jobs für sie, ohne Schutz und ohne Rechte werden sie hier ausgebeutet. Die anderen geben in den teuren Geschäften tausende Dollar auf einmal aus, für Luxus-Gegenstände. Oder auch nur 20 Dollar für ein Frühstück (so wie ich selbst jeden Morgen hier).

Und wie in Europa hat keiner eine Lösung dafür. Ein paar Republikaner (allen voran Donald Trump) und CSUler (allen voran Horst Seehofer) machen für sich Wahlwerbung, indem sie versprechen, all die Illegalen raus zu werfen, oder wenigstens ihren Zuzug zu stoppen. Aber eigentlich werden sie auch gebraucht, sichern den Wohlstand der Oberschicht als billige Haushaltshilfen, Restaurantarbeiter, Handwerker. Ihre Herkunftsländer sind von Korruption durchsetzt, bis in die politische Führung hinein. Das wird sich nicht ändern, es hat Tradition, es ist dort Teil der Kultur seit Jahrhunderten.

Erschreckend ist für mich: Selbst die USAler mit all ihrem „Machbarkeitswahn“, mit ihrem „wir werden mit Big-Data alle Probleme lösen“ haben für dieses Problem keine Lösung. Niemand hat einen Ausweg, alle wissen, dass man (diese) Menschen nicht stoppen kann, in ihrem Streben ihr Leben zu verbessern. Hoffnungslosigkeit ist, genauso wie Krieg, nicht zu ertragen (und selbst im Krieg gibt es wenigstens noch die Hoffnung, dass er endet und dann alles gut wird).

Und viele bekommen Kinder, in der Hoffnung, diese werden es dann besser haben und um irgendeine Zukunft zu haben. Das gilt für die Wohlständigen, wie für die Illegalen: Die große Hoffnung liegt auf den Kindern, die schon irgendeine Lösungen finden werden. Doch sie bleiben nicht Kinder, sie werden Erwachsene, die keiner haben will, die nur gut ausgebildet gewollt sind, die das Klima erwärmen und die eine Hoffnung auf ein besseres Leben haben wollen, zur Not einfach nur mit eigenen Kindern – und wenn nicht, hält sie keine Grenze, kein Zaun und Meer auf. Ich bin gespannt, wann Donald Trump damit anfängt, den Armen das Kinderkriegen zu verbieten.

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Old New York

Nach zwei Jahren halte ich mich wieder mal in New York auf. Man denkt ja, diese Stadt, die angeblich nie still steht, müsste sich in 24 Monaten runderneuert haben. Aber so ist es nicht. Es existieren immer noch dieselben Geschäfte. Selbst mit meiner aufgehobenen und stolz im Geldbeutel herumgetragenen Sammelkarte für Kaffee (nach 10 bezahlten bekommt man einen frei), konnte ich in meinem Lieblingscafé einfach weiter machen, als wäre nichts geschehen. Was teuer war, ist teuer geblieben. Ein paar neue sehr teure Hochhäuser sind dazu gekommen (bzw. wachsen gerade in den Himmel). Einige spektakulär, viele langweilig banal: Unästhetische Investorenarchitektur.

Das neue World Trade Center ist fertig und man kann mit einem Aufzug hochfahren. Im Aufzug sieht man virtuell New York entstehen, vom Sumpfland über die ersten Häuser und ersten Wolkenkratzer bis hin zum heutigen Freedom Tower (wie das neue WTC ja jetzt heißt). Dann kommt man oben an und steht erst mal im dunkeln und dann gibt es einen Trommelwirbel und eine Wand fährt hoch und man hat den ersten Blick auf die City: Viel Tam Tam gegen die Enttäuschung. Klar ist es schön, wieder von so hoch oben einen Blick auf die Stadt zu haben, aber es ist eben weder so hoch, noch so schön wie vorher. Ein Schnell-Imbis und dichtes Gedränge ersetzen nicht die „Windows of the World“.

Das neue Whitney-Museum ist fertig, im wirklich schönen Meatpacking-District (für uneingeweihte: Links auf der Manhattan-Halbinsel, Mitte-unten am Hudson-River). Soll spektakulär sein, von Piano Renzo, alle feiern es. Ich weiß nicht so genau wieso (vielleicht weil man sowas feiern und toll finden muss). Es ist ein etwas verschachtelter Bau, eingequetscht zwischen wiederum entstehenden teuren neuen Wohngebäuden, mit viel Alu außen, mehr aus den 80ern als von heute. Jeder Museumsbau in den kleinen Städten von Österreich (Graz, Salzburg) ist eigentlich besser. Die Eröffnungsausstellung („Amerika is hard to see“) zeigt alle amerikanische Kunst des letzten Jahrhunderts. Naja, das Museum Brandhorst im München hat zum Teil bessere Stücke von den Künstlern.

Vielleicht bewahrheitet sich hier in Manhattan das, was sonst immer nur theoretisch dahingesagt wird: Geld tötet Kreativität. Alles hier scheint etabliert und gesetzt und gesättigt – sicher auf höchstem Niveau. Aber das macht es auch nicht besser. Die Menschen, die rum laufen, versuchen Erfolg auszustrahlen (eine Hochburg des positiven Denkens). Die erfolgreichen (nach New Yorker Maßstab) fliegen darüber hinweg mit ihren Helikoptern. Im Frankfurter West-End gehen genau die gleichen Elite-Spießer morgens in ihre Banktürme-Büros, wie hier. Ich kann nicht drum herum reden: Manhattan steht still, im uniformen hippen Bar- und Restaurantstyling. Die Datenanalysen von Google und co. haben hier anscheinend voll eingeschlagen. Alle französischen Restaurants sehen gleich perfekt französisch aus, alle italienischen gleich italienisch etc.

Ich werde mir mal die nächsten Tage die neuen hippen Viertel in Brooklyn anschauen. Mal sehen, ob dort vom Geist dieser Stadt noch was zu finden ist.

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Die Unberechenbaren

Jedes Jahr sterben über eine Millionen Menschen – weltweit – im Straßenverkehr. Mehr als in den aktuellen Kriegen. Schweden hat daher schon 1997 das Gebot der „Vision Zero“ ausgerufen: 0 Verkehrstote. Andere Skandinavier ziehen zunehmend nach mit ihren Sicherheitsmaßnahmen, aber auch New York u.a. große nordamerikanische Städte sind gerade sehr interessiert und holen sich Rat. Zum Teil werden die Straße umgebaut, Geschwindigkeiten begrenzt, unzählige Blitzer aufgestellt. Das System übernimmt jetzt die Verantwortung für unser Leben auf den Straßen – denn nicht nur Kinder sind (noch) zu dumm, um sich an die Regeln zu halten. Zukünftig wir automatisch die Atemluft des Fahrers nach Alkohol untersucht und das Handy stellt sich aus, sobald wir im Auto sitzen – ob wir wollen oder nicht. Ob das alles die „freie Fahrt von freien Bürgern“ in Deutschland je einschränken wird, hängt wohl von Druck der EU ab, die auch erste Schritte in Richtung dieser Fremdbestimmung der Bürger zu ihrem eigenen Schutz unternimmt.

Jeder kennt jemanden, der bei einem Verkehrsunfall umgekommen ist – oft eben auch junge Menschen. Es sind sinnlos verschwendete Leben. Und es ist nun mal so: Wir tun nicht das, was vernünftig und das Beste für alle wäre, sondern dass, was unserem Selbstwertgefühl gut tut: Rasen, Alkoholpegel unterschätzen, wichtig und amüsiert herumtelefonieren. Das Auto ist das verlängerte Ich, das Fahrrad für viele mittlerweile auch (nur dass Fahrradfahrer aus mangelndem Schutz eben mehr abbekommen bei Unfällen). Also was ist dagegen einzuwenden, dass nun hart durchgegriffen wird, dass unsere Daten aus unseren Autos immer mehr ausgewertet werden und das eben auch für unsere Sicherheit?

Immer mehr werden wir von Algorithmen organisiert und „das Menschliche“ in uns wird zunehmend zum Störfaktor im perfekten Maschinengetriebe, das es gilt auszumerzen: Alles, auch der letzte Rest Unlogik in uns, soll berechenbar oder ferngesteuert werden. Angeblich wird unser Leben dadurch völlig anders sein in Zukunft: angefangen bei einer geplanten Zeugung, einer überwachten Kindheit, globaler Internet-Universitäten, unsere Liebessuche auf den Onlineportalen, unserer Krankenversorgung und Mobilität. Auch alle Berufe werden sich ändern, bis hin zur Restverwertung im Alter und zum Tod. Unsere Schuhe, Rasierer, Kühlschränke, Lernmittel, Küchengeräte, Unterhaltungsgeräte, Lichtquellen, Hygieneartikel und Autos: alles wird vermessen und vermisst uns. Von Alpha bis Omega gehören wir alle bald den großen Internetfirmen, die uns über unsere Daten steuern, unsere Verhaltensbiologie und Bequemlichkeit zu ihrer Gewinnmaximierung machen – oft unter dem Vorwand der Sicherheit und Gesundheit und Optimierung des Lebens. Und aus den Daten werden immer neue Berechnungs-Module und Technik entstehen. Von vielen dieser Überwachungen und Fernsteuerungen bekommen wir nichts mit – heute schon. 7 Milliarden Biomaschinen werden bereits analysiert und neuprogrammiert. Doch wozu? Angeblich um alles Leid zu eliminieren (wie die Internetgiganten behaupten).

Aber ist diese Fremdbestimmung nicht das größte Leid, was den Menschen zustoßen kann? Was wäre schlimmer, als dass Ingenieure mit ihrer Vorstellung von Richtig und Falsch, Gut und Schlecht, ihrem neoliberalen Leistungs- und Effizienzdenken die Menschen bestimmen?! Oder müssen wir nun alle zu energiesparenden, gebildeten Vernunfts-Menschen zwangsbekehrt werden, damit dieser überbevölkerte Planet weiter bestehen kann? Wird unser (ungerechtes) Schicksal weiter neutralisiert, durch das Aufheben von Zufällen, Unfällen, Kasten und Beschränkungen, weil man mit dem Netz heute alles selbst wissen, sein und verändern kann? Können wir mit dem Netz nicht doch endlich Menschen finden, die zu uns passen, oder welche, die unsere Produkte kaufen? Befreit uns das Netz nicht von der Ungerechtigkeit unseres Umfeldes bei unserer Geburt oder den Fehlern der anderen (betrunkener Autofahrer, schlechter Ärzte, voreingenommener Lehrer, unzureichender Singles etc.)?

Es gibt in der Philosophie seit einigen Jahren den sogenannten „realistic turn“, die Überprüfung der Theorie an der Realität – sowohl von ihrer Wahrheit als auch von ihrem Sinn und Zweck in der Lebenswelt (viele Theorien sind ja völlig gescheitert in der Realität, z.B. der Marxismus oder Idealismus). Wir können also auch die wilden Theorien über „Gut“ und „Böse“ des Netzes nur an den realen Menschen überprüfen. Sind wir Marionetten oder Befreier unserer selbst, durch das Netz? Die Antwort ist: Beides. Und das ist eine Antwort, die den Ingenieuren des Netzes nicht gefallen dürfte. Denn für all die Maschinen-Denker soll der Mensch bitte einheitlich sein. Ein Auto oder ein Toaster funktioniert ja auch immer gleich, in jedem Exemplar komplett identisch. Dabei machen sich wiederum viele der Internet-Gurus diese Tatsache, dass Menschen so unterschiedlich mit dem Netz umgehen, für ihr Marketing zu Nutze: Sie behaupten die Befreiung des Menschen in Richtung Individualität durch das Netz, gerade sie, die alle Menschen gerne gleich machen würden, nennen ständig zu ihrer Verteidigung herausragende Beispiele, wie Mensch sich selbst Bildung zugeführt haben und Ideen verwirklicht haben. Und gleichzeitig suchen sie (hinten herum) nach einheitlichen Punkten der Fremdbestimmung und gezielter allgemeiner Fernsteuerung aller Menschen – und Freigeistern heben dieses Prinzip der Gleichmache bzw. Chancengleichheit ja auf…

Die meisten Menschen können schon heute ohne ihr Smartphone keine Minute mehr leben, werden nervös, klappen psychisch regelrecht zusammen. Viele lesen, kaufen, sehen nur noch, was ihnen aufgrund ihrer Datenanalyse empfohlen wird. Aber es gibt auch Menschen, die über das Netz an Leser kommen, die ihre Gedanken teilen, die kritische Gedanken (über das Netz im Netz) zu kritischen Denkern bringen (wie ich es selbst versuche). Es gibt Menschen, die jedes Mittagessen posten müssen und mit geschönten Sefies ihr Minderwertigkeitsgefühl versuchen zu stabilisieren. Sie machen und machten von je her in der analogen Welt jeden Modetrend mit, glauben den Stars ihre Marketinglügen oder denken fettloses Essen mache schlank. Und es gibt Menschen, die noch nie eine Werbung angeklickt haben, noch immer mit der Straßenkarte in den Urlaub fahren, keine Mails aufs Handy lassen, mit Bargeld zahlen und das Netz bewusst und gezielt nutzen, um ihr Schicksaal selbst in die Hand zu nehmen.

Der Mensch wird nur dann zu seinem fremdbestimmten Daten-Ich, wenn er durch seine narzisstischen Macken berechenbar wird, abhängig wird von der Anerkennung der anderen, seiner Suche nach mehr Bestätigung und falschen Größenselbst-Bildern im Netz. Der entscheidende Punkt ist hierbei die Selbstoptimierung, die das eigene Selbstwertgefühl endlich mit Hilfe des Netzes heilen soll. Dagegen stehen die Anti-Selbst-Optimierung, die Ideen, die Kreativität, die das Netzt für sich selbst zum Werkzeug macht (und nicht zur Orientierung und Maßregelung). Das entscheidende Element bei der Frage „frei“ oder „berechenbar“ ist der Narzissmus, der in seiner kranken Form vom Netz und seinen Herrschern ausgebeutet wird oder der, in seiner gesunden Form, als ein Wille zur Selbstverwirklichung, als eine Lebenskraft der Ideen und Impulse das Netz gebrauchen lernt.

In diesem Sinn: Bleibt unberechenbar bis zum Tod. Werdet nie bequem, nie abhängig von der Technik. Gebraucht sie und behaltet den Überblick. Versucht ihr zu entgehen, wenn es möglich ist oder sie zu irritieren, verweigert Euch den Algorithmen. Lasst Euch nicht mit Likes kaufen. Und stellt Euch vor, es ist Kapitalismus (im Netz) und keiner macht mit.

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Eine Klasse für sich

Die Asylbewerber sind nicht nur Fremde, sie sind vor allem arme, meist ungebildete Menschen, Menschen zweiter Klasse in einer globalisierten Welt. In der globalisierten Welt herrscht von China bis Südafrika, von Brasilien bis Russland, von London bis zu den Malediven und vor allem in den USA die neoliberale Werteordnung. Sie bestimmt, wer wertvoll ist und wer ein Mensch zweiter Klasse ist, einer, der besser nicht geboren wäre, den niemand braucht, dessen Lebens- und Überlebenswille nur Schwierigkeiten bringt für alle Etablierten.

Donald Trump hat gerade die sogenannten „Wohlstands-Flüchtlinge“ aus Lateinamerika, die illegal in die USA einwandern, als Abschaum und Kriminelle bezeichnet und behauptet, es wären nur die Schlechten, die kämen, gerade weil sie so nichts-nutzig wären. Das würden in Deutschland sicher auch viele Menschen so laut äußern, wenn sie dann nicht sofort den Stempel der Rechtsradikalen tragen würden – und somit selbst zu den Nichts-Nutzen zählen würden. Und in dieser Denkweise muss man dann auch die Frage stellen, wie nützlich arbeitslose ungebildete Rechtradikale sind, die sich betrinken, um dann Ausländer zu verprügeln und Häuser anzuzünden. Oder wie nützlich sind eigentlich noch Rentner oder Ehefrauen wohlhabender Supermanager, die nur Geld ausgeben und Porsche Cayenne fahren, oder bayerische Politiker, die sich beim Bau von Fußballarenen bestechen lassen…

Es herrscht in unserer Welt allgemein eine Ideologie der Ungleich-Wertigkeit. Das hat auch psychologische Gründe: Wir werten ständig alles, wir werten auf und ab, da wir uns versuchen zu orientieren: immer nach oben, nach dem besseren Überleben. Und diese Erde ist mittlerweile so überbevölkert, so unter Stress, dass diese wertende Orientierungssuche immer härter und mitleidsloser ausfällt. Denn gegen unsere vorschnellen, egoistischen Urteile hilft nur das Mitgefühl, die Empathie mit denen, die von uns selbst unter uns gestellt werden. Das schafft normalerweise Zusammenhalt und lässt Gruppen stabil alle miteinbeziehen. Doch je härter die Lebensbedingungen werden, umso weniger Empathie bringen wir auf für die Schwachen.

Ohnmacht und unsichere Verhältnisse führen zu „Nützlichkeitsrassismus“, oder auch „vernünftiger Rassismus“ genannt, wie es in Bayern die CSU gerade versucht, salonfähig zu machen. (Von den Nazis wurde einst ein „nützlicher Antisemitismus“ propagiert.) Angst führt dazu, nichts mehr geben zu wollen, sich selbst zu schützen – sei es auch mit noch so dummen Argumenten, Hauptsache sie beruhigen das eigene Selbstwertgefühl. Doch woher kommt diese zunehmende Angst? Sie war lange vor der Asylbewerberwelle da.

Es gibt Schuldige, aber sie suchen nicht Asyl. Sie werden im Gegenteil von jeder Institution dieser Erde angeworben, mit offenen Armen empfangen. Es sind die Superreichen, die, für die extra Zeitungen mit ihren Produkten aufgelegt werden, die in extra-luxuriösen Ressorts von all der Armut und Zweitklassigkeit verschont werden sollen, für die Jachten und Flugzeuge gebaut werden und die die Börsen und Hedgefonds leiten und die durch deren Gewinnsucht alle anderen zunehmend unter Druck setzen. Nur: Keiner zündet ihre Häuser an oder lauert ihnen auf, um sie mit Baseballschlägern zur Strecke zu bringen. Alle versuchen nahe an sie heran zu kommen, um in ihrem Schatten das bessere, wertvollere Leben und Selbstwertgefühl zu erlangen, im Sinne der globalisierten neoliberalen Werteordnung.

Was würde wohl passieren, wenn unser Hass sich gegen diese Schuldigen wendet, gegen diese Klasse für sich? Das ginge natürlich nur, wenn sich die Orientierung an neoliberalen Werten ändert. Aber was für Werte hätten wir dann? Stell Dir vor es herrscht Kapitalismus und keiner macht mit!

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Ich bin Einer

Das Magazin „Der Spiegel“ schreibt diese Woche in seinem Leitartikel, „durch die neuen Ergebnisse der Evolutionsmedizin lasse sich endlich erklären, wie und warum Bewegung dem Hirn zuträglich ist.“ Und das Magazin stellt die sensationell dumme Frage: „Kann das Gehirn vielleicht sogar nur dann optimal arbeiten, wenn der dazugehörige Körper regelmäßig außer Puste kommt? Wird umgekehrt die Seele krank, wenn dem Leib die Fitness fehlt?“ Mich machen solche dämlichen Sätze jedes Mal, wenn ich sie in anerkannten Zeitungen lese, unglaublich wütend. Sie zeugen von Naivität (wenn man es nett umschreiben will) und von mangelhafter Recherche (wenn man es wissenschaftlich genau betrachtet).

Jetzt ist es natürlich nicht so, dass jeder Journalist Neurobiologe sein kann, auch wenn er solche Artikel schreibt. Im Gegenteil: Das wäre bzw. ist „der Wahrheit“ eher abträglich. Denn die meisten Neurologen, verbreiten (wie die meisten Naturwissenschaftler auch) immer noch die Mär von der Trennung von Körper und Geist. Dabei verwenden sie gerne auch mal den völlig religiös-überkommenen Begriff der „Seele“, um das „ganz große Fass“ der „Mensch-haftigkeit an sich“ auf zu machen. Doch der Begriff der Seele ist ein rein historisch religiöser und hat eigentlich in einem Wissenschaftsartikel über unser Hirn nichts zu suchen. Er rührt aus der Zeit, da die Menschen noch nicht um ihre narzisstische Verblendung wussten, als sie noch ernsthaft und ohne Zweifel, davon ausgingen, es gäbe einen Gott und es gebe in ihnen selbst einen Teil der göttlich und somit unsterblich sei. Diese Selbstüberhöhung ist offiziell eigentlich gestorben, seit Nietzsche behauptete „Gott ist tot“ und damit darauf verwies, dass nichts auf dieser Welt (weder Gott noch irgendein Glaube an die absolute Wahrheit in der Wissenschaft) uns je von unserer banalen menschlichen Sichtweise befreit, dass wir immer angebunden bleiben werden an die Sterblichkeit unserer biologischen Grundlage und all ihrer Irrungen, die wir als Erkenntnis verkaufen – um am Ende doch nur allzumenschlich zu streben.

Descartes war der erste, der Leib und Seele, Körper und Geist trennte. Er wollte im Sinne der Aufklärung den Körper wissenschaftlich erforschen. Doch wohin dann mit der Angst vor dem Tod und der Kränkbarkeit, ob der eigenen Banalität? So wurde die göttliche Seele des Mittelalters nun in den göttlichen Verstand gepackt: Unsere Logik und Erkenntniskraft wurde göttlich und die Neurologen (und der Spiegel) halten an dieser falschen narzisstischen Zweiteilung fest bis heute: Hauptsache irgendwas an uns ist noch überlegen und/oder göttlich.

Ein paar große Hirnforscher haben mittlerweile ein Einsehen und geben zu, dass man den „tollen Geist“ zu lange unterschieden hat, im Hirn versuchte zu finden, ohne zu berücksichtigen, dass das Hirn auch nur ein Körperorgan ist, dass einfach nur dazu da ist, den Körper möglichst gut überleben zu lassen, mit sozialen Bindungen in Gesellschaften voller Hierarchie und Statusdenken. Der Geist ist das Selbst, das sich ständig am Selbstwertgefühl misst, um zu wissen, wie sicher sein Status in der Gruppe ist. Der Geist ist ein ver-körperlichter, gemessen am eigenen narzisstischen Sicherheitsgefühl. Auch, dass Neurologen mehr Ahnung hätten, als alle anderen Weisen, gehört zu diesem Statusdenken, das doch rein körperlich ist und dem ein: „Ich will möglichst gut, also an hoher Stelle im Sozialverband überleben“ zugrunde liegt. Unser Geit ist zutiefst körperlicher Egoismus und folgt nur dem Prinzip des Überlebens und der Weitergabe von Leben in möglichst glücklichen Umständen für dieses Ziel.

Es wäre nicht so ärgerlich, dass Körper und Geist/ Seele immer noch getrennt beschrieben werden, wenn daraus nicht so viel Leid entstanden wäre. Der Körper, wie eine Maschine von der Naturwissenschaft (Medizin, Neurologie, Bio-Physik) beschrieben und behandelt, wird einfach mit Medikamenten vollgepummt. Der Geist gilt als unabhängig davon (mal überlegen logisch, mal von Emotionen verdorben). Doch auch Logik und Gefühl lassen sich längst schon nicht mehr wissenschaftlich trennen. Was richtig und falsch ist, ist eine Emotion, auch bei Matheaufgaben.

Was haben uns die Wissenschaftler in ihrem Größenwahn der reinen logischen unverfälschten Erkenntnis seit 400 Jahr nicht alles verkauft – zu ihrem Wohl und Ansehen und zu unserer Fremdbestimmung als biologische Maschinen, deren privates Seelen-Leben abgespalten vom Rest nur die Leistungsfähigkeit und das rationale ökonomische Verhalten behindert – und eigentlich nur eine zu vernachlässigende Nebensache sein soll.

Wenn Sie, liebe Leser, sich jetzt wundern, wo genau denn nun diese Grenzen sind, zwischen Körper, Geist, Seele, Logik und Emotion: Wundern Sie sich nicht. Denn es gibt keine Grenzen. Es gibt uns nur als ver-körperlichte Charaktere, die emotional-logisch denken bzw. abhängig von ihren Lernmustern bestmöglich zu überleben versuchen.

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Let´s be silent about Sex

Der Philosoph Michel Foucault hat in seinem mehrteiligen Buch „Sexualität und Wahrheit“ beschrieben, wie der Sex, seit der Beichte im Mittelalter, aus seiner Privatheit herausgezerrt wurde, ins Licht der Wissenschaft. Seit dem 19. Jahrhundert wurde er immer weiter vermessen und normiert, unter dem Vorwand der Gesundheit als Machtmittel des Staates und der Wissenschaft. Sie drangen tief in die Köpfe und Körper der Bürger ein. Wer das übertrieben findet, braucht heute nur irgendeine banale Frauenzeitung aufschlagen, die von neuen angeblich bahnbrechenden Studienergebnissen berichtet, über Höhepunkte, Stellungen, fruchtbare Tage, Häufigkeit, Partnerwechsel, Größen, Erregungspunkte, Stimmungen, Psychostoffwechsel etc. Und immer kann und soll man sich an diesen neuen Vorgaben und Normen messen, seine eigenen Abweichungen erfassen. Und ein besonderes Rätsel scheint dabei die Sexualität von Frauen.

Es scheint für die Wissenschaft – unter dem Vorwand von Glück in der Beziehung, Erfüllung des bürgerlichen Perfektionismus in der Partnerschaft – ein Unding, dass die weibliche Sexualität so unergründlich und unregelmäßig, so ungenau und unmöglich zu normieren ist. Es werden ständig neue G-Punkte und Erregungszonen erfunden und wieder verworfen, es soll sogar bald ein neues Pink-Viagra für Frauen geben, mit dem man endlich Zugriff auf die weibliche Lust bekommt, sie machbar macht und selbst steuern kann, damit sie die Vorgaben der Lust erfüllt.

Sicher gibt es Frauen und Beziehungen, die unter Lustlosigkeit leiden. Und es gibt auch immer den Hinweis am Rande auf die Psyche und das Selbstbewusstsein und die Freiheit, die damit einhergehen. Aber dass man das nicht einfach steuern kann, von außen regulieren kann, dass es Schwierigkeiten gibt in unserer körper-perfekten Welt, schein der Wissenschaft und den an Machbarkeit gewöhnten Menschen verhasst und unerträglich.

Der Maschinen-Mensch soll funktionieren – auch im Bett. Und die Grundlage von funktionierenden Beziehungen, die zu längerer Lebenszeit und mehr Leistungsstärke führen (statistisch nachgewiesen und wissenschaftlich exakt vermessen und austariert), ist nun mal der Sex. Also muss hier die Frau endlich eingepasst werden in die Norm-Erfüllung. Und so werden unter dem Deckmantel der Aufgeklärtheit, meist mit reißerischen oder zweideutigen Überschriften, Artikel fabriziert, die nie halten, was der Aufmacher (bzw. Aufreißer) verspricht.

In meiner Kindheit gab es das Lied: „Die Wissenschaft hat festgestellt, festgestellt, festgestellt, dass Marmelade Obst enthält, Obst enthält, Obst enthält… Drum essen wir jetzt alle weise, Marmelade eimerweise…“. Es war eine Anspielung auf die Gläubigkeit gegenüber der Wissenschaft und ihrer zunehmenden Fremdbestimmung, die mittlerweile jedes Detail unserer Körper vermisst, um dann die einzelnen Stellschrauben anzuziehen, im allgemeinen Perfektionswahn. Als hätten wir nur dann (perfekt justiert) eine Chance, in der immer enger werdenden Welt, die Chance auf den errechneten Lebensstandard, das vermessene Glück.

Allein die irritierenden Vorgaben als solche zu erkennen und sich den absichtlichen Verängstigungen zu verweigern, die sich aus den Normen ergeben, ist ein Akt der Befreiung. Es betrifft auch eine neue Form der sexuellen Revolution: Sich nicht mehr in die Köpfe und Betten schauen zu lassen. Eine Freundin von mir hat neulich die Nachfragen ihrer Frauenärztin zu ihrem Sexualleben verweigert. Daraufhin hat diese sofort vermutet, dass hier etwas verdrängt wird und nicht stimmt. Was für eine Unverschämtheit, was für eine Entmündigung. Und was für eine gute Idee, sich dem Machtapparat an entscheidender Stelle zu entziehen. „Selbstsorge“ war Foucaults Ausweg von der Macht, die immer tiefer in unsere persönlichen Bereiche eindringt, unter dem Vorwand der Gesundheit und des perfekten Glücks. Heute kann man sie auch Eigenverantwortung gegenüber den zunehmenden Maßregelungen nennen. Es lebe die stille Revolution.

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Sturm, Stahl und Heer

Manchmal schreibt das Leben so seltsame Pointen, dass man ihm nicht glauben kann, dass das alles nur Zufall ist. Wie hoch ist z.B. die Wahrscheinlichkeit, dass beim NSU-Prozess, wo es um Nazigedankengut und eine verklärte Herrenmenschenweltsicht geht, die drei Pflichtverteidiger Sturm, Stahl und Heer heißen? Ich meine: Wie hoch ist wohl die Wahrscheinlichkeit, dass auch noch alle drei Rechtsanwälte solche Namen haben in so einem Prozess?! Wenn es nicht die echte Lebenswelt wäre, man würde die Glaubwürdigkeit jedem anderen sofort absprechen, von Klischee oder unangemessener Übertreibung reden.

Aber vielleicht werden wir uns zukünftig noch häufiger mit derlei Grotesken beschäftigen müssen, denn die Feindlichkeit und Wut wachsen mit der Angst.

Wut ist eine seltsame Macht. Als eines der stärksten menschlichen Gefühle kann es uns so überfluten, dass wir unser Verhalten nicht mehr mit der Vernunft steuern können. Je schlimmer die Auswirkungen dieser Wut und Angst sind, umso schwerer fällt später das Schuld-Eingeständnis zu den Taten, die sie bewirken können. Das wurde nach dem 2. Weltkrieg deutlich. Und auch wenn wir Dinge tun, die wir hinterher bereuen, müssen wir uns eingestehen: Ein Teil von uns (ein unbewusster Teil) hat es eben doch gewollt, hat diese Macht in unserer menschlichen Existenz. Lange unterdrückte, aufgestaute, ignorierte Angst, aus der Wut entsteht, ist gefährlich, denn sie kann plötzlich den Flächenbrand in unserer Seele auslösen, vor dem wir uns so fürchten. Warum haben wir aber so Angst vor der Angst und ignorieren somit die wachsende Wut?

Als Kinder werden wir zwangsläufig frustriert durch das Verhalten unserer Eltern, denn sie können nicht dauerhaft alle unsere Bedürfnisse befriedigen. Wir müssen lernen, zurück zu stecken, uns in die Gemeinschaft der Familie, der Gesellschaft einzufügen. Das ist sinnvoll, denn nur in der Gemeinschaft können wir überleben: Der Mensch ist ein Gruppenwesen. Deshalb lernen wir unseren Frust so zu kommunizieren, dass wir weiterhin in der Gruppe akzeptiert werden – bis er zu groß wird. Oft genug, bei schwachen, hilflosen Eltern, die mit ihrem Verhalten keine orientierungsgebenden Vorbilder sind, die ihre eigenen Bedürfnisse an den Kindern auslassen, viel zu hohe Erwartungen an sie haben, über ihre Kinder ihr eigenes schwaches Selbst zu kompensieren suchen, bildet sich bei den Kindern ein Frust, der nicht mehr in die heranreifende Persönlichkeit integriert werden kann. Er muss unterdrückt werden, staut sich auf oder wendet sich gegen das eigene Selbstbild, aus Angst aus den ohnehin labilen Familienverhältnissen ausgestoßen zu werden, nicht überleben zu können. Oder er wendet sich gegen einen Feind, den wir umso leichter verantwortlich machen können für unsere Ängste, weil er nicht zu unserer Gruppe gehört, weil wir ihn sogar aus der Gruppe der Gleichgestellten ausschließen können, ihn zu Untermenschen, Ausländerpack und Sozialschmarotzertum degradieren können: Was für eine Spannungserleichterung für uns selbst: All unsere Schwächen werden dem Feind zugeschoben.

Genau vor dieser alten unverarbeiteten Angst, Frust und Wut, die unser Selbstbild erniedrigt, uns das Gefühl der Hilflosigkeit gibt, sollten wir alle Angst haben bzw. sie im Auge behalten. Denn bricht sie irgendwann hervor (meistens ausgelöst durch neue Angstsituationen und ähnlich frustrierende Situationen im späteren Erwachsenenalltag), ist kein Halten mehr.

Durch die zahlreichen Flüchtlinge wachsen die Fremdenfeindlichkeit und das nationalistische Gedankengut. Wir dürfen die Angst der Menschen, die dahinter steht, die den Frust aus dem eigenen Leben und Alltag zu einem explosiven Wutgemisch heranschwellen lässt, nicht unterschätzen. Wir wären zwar gerne „Gutmenschen“, voller Mitgefühl und Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft, die wir aus den Kino oder der Bibel kennen. Aber gerade weil wir es nicht sind (meistens jedenfalls) schauen wir so gerne unser besseres Ich, diese Idealmenschen an, sind gerührt von ihrer Stärke und inneren Kraft. Nur: Wir selbst sind meist nicht so. Und wenn in der Gruppe plötzlich Angst, Frust und Wut den spannungs-erleichternden Kanal der „Schuldigen-Anderen“ findet, ist der Funke schnell am Pulverfass.

Es darf der Presse, den Medien nicht mehr reichen, das Gute zu predigen. Sie müssen neue Formen finden, die Lage darzustellen, Platz zu lassen für die Realität. Zuschauer und Leser werden nur noch weiter über sich selbst frustriet, wenn sie ständig darauf hingewiesen werden, was für Kleingeister und Charakterschwächlinge sie sind. Das schürt die Wut nur und trägt aktiv dazu bei, dass die Medien als „Lügenpresse“ ihren möglichen Einfluss vollends verlieren.

Wir sind nicht die edlen Wesen einer unbedingten Demokratie, die unsere Ideale vorgeben. Die Lage spitz sich zu, wir brauchen neue Wege, damit umzugehen – und das nicht nur in der konkreten Asylpolitik, sondern auch in der Darstellung der Situation. Die Presse sollte hier zuerst mal über den eigenen Schatten ihrer selbstverständlichen politischen Korrektheit springen und sich mit der allzumenschlichen Kraft, den Ängsten und Frust und der entstehenden Wut beschäftigen. Diese Emotionen werden nicht verschwinden, weil man das Richtige predigt und sich selbst beweist, wie politisch korrekt man ist.
Wir haben das erste Mal seit 1945 wieder eine brandgefährliche Situation.

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Grexit libre, ohne Rum

Es gab einmal die Idee, dass das Soziale über Allem stehen sollte. Alle sollten sich einbringen mit ihren Talenten, ihrem Können. Und alle sollten zu gleichen Teilen an den Resultaten teilhaben. Man nannte das Sozialismus bzw. Kommunismus. Ich habe diesen realexistierenden Sozialismus selbst erlebt, in der DDR, in der meine Verwandten wohnten, die wir 1-2 x im Jahr besuchten, meine ganze Kindheit lang. Ich habe ihn gesehen auf Kuba, das Herr Steinmeier gerade besucht, als erster Außenminister der BRD, um Wirtschaftsbeziehungen aufzunehmen, nach 50 Jahren Sprachlosigkeit. Auch die griechische Regierungsparty Syriza hat solche kommunistisch-sozialistischen Wurzeln. Sie sind endgültig gescheitert die vergangene Woche, auf ganzer Linie. Und es tut mir nicht Leid darum. Als Psychologin und aus Erfahrung weiß ich, dass das nicht funktionieren kann, denn so ist der Mensch nicht: Der Mensch ist kein Kommunist.

Tsipras hat den Druck aus Brüssel als Erpressung bezeichnet. Aber alle Griechen wollen das Geld für ihren Lebensstandard, das an diese Erpressung gebunden ist. Kommunisten lieben gutes Essen und schöne Wohnungen und gute Krankenversicherung und saubere Straßen und hohe Renten und frühe Verrentung, so wie alle anderen Menschen auch. Gerade sind sie sauer, dass andere nicht dafür zahlen wollen. Es wird eine Treuhandfond eingerichtet, wie damals zur Abwicklung des DDR-Vermögens. Damals wie heute wird das als Ausverkauf, als Fest für Schnäpchenjäger und Reiche bezeichnet. Es kostet aber auch Milliarden an Steuern – damals die der BRD-Bürger, heute auch (zumindest zum Teil). Es ist nicht nur der Neokapitalismus, der die Kommunisten zerstört. Es sind auch die eigenen Verhältnisse, über die man gelebt hat. Den Neokapitalismus bekämpft man jedenfalls nicht mit Korruption und mangelnder Steuermoral. Denn genau das kann man den Neokapitalisten selbst vorwerfen.

Der psychologische Schaden einer Treuhand ist aber weit höher, als der wirtschaftliche: Entmachtete, entrechtete Menschen empfinden diese Fremdbestimmung und Übernahme als Demütigung und Ausbeutung. Ihre Selbstkritik und Objektivität schwindet. Sie glauben „die da oben“ teilen den Kuchen nur noch unter sich auf. Sie schauen von unten nach oben und sehen ihre Vorteile immer weiter schwinden. Sonst sehen sie nichts, jedenfalls nicht ihre eigene Schuld.

Trotzdem muss man wohl sagen: Der Kommunismus ist gescheitert. Es hat nicht funktioniert, dass alle denselben Lebensstandard haben. Doch woran liegt das?

Menschen sind Gruppenwesen und gleichzeitig suchen sie ihren eigenen Vorteil. Sie sind unterschiedlich intelligent und hübsch und begabt und fleißig. Vieles daran ist genetisch bedingt, vieles aber auch durch Erziehung, soziale Verhältnisse verstärkt oder sogar hervorgerufen. Und wir denken hierarchisch: Stets werten wir alle und alles um uns herum in gut und schlechter für unser Überleben. Besseres Essen, bessere Kleidung, besseren Status sichern unser Überleben in der Gruppe. Die am unteren Ende der Hierarchie sind nicht so gut krankenversichert, essen schlechtes Essen, kompensieren ihren mangelnden Status mit Drogen und sterben früher.

Es hängt an der Gesellschaft, wie stark diese Regeln von oben und unten ausgeprägt sind, wie sehr man Investmentbänker gewähren lässt und sie noch bewundert für ihre überteuerten Apartments, Autos, Erste-Klasse-Flüge. In einer neo-liberalen Werteordnung gibt es nichts Besseres als wirtschaftlichen Erfolg. Er wird der eigenen Anstrengung und Selbstbezwingung zugerechnet, scheint „verdient“, ja gottgewollt.
Doch wir Menschen kennen auch Mitgefühl: Es ist genauso wichtig für das „Überlebensprinzip Gruppe“, wie die Hierarchie. Doch jedes Mitgefühl endet dort, wo andere mit 60 in die Rente gehen, während man selbst bis 67 arbeiten muss, wo andere keine Steuern zahlen und ihr Eigenheim herausputzen, während man selbst, die Hälfte seiner Einnahmen für diese Leute abgeben muss, wo andere sich wohlig in der Sicherheit des Beamtenstatus räkeln, während man selbst ständig um seinen Job fürchten muss.

Unsere Gesellschaften befinden sich alle zwischen Neokapitalismus und Kommunismus, zwischen der erlaubten Gier der Starken und dem erzwungenen Gemeinschaftssinn.
Der Kommunismus ist gescheitert, seine letzten Inseln sind am Zerfallen. Doch der Neoliberalismus ist noch im vollen Gange. Er wird nur dann scheitern, wenn seine Ungerechtigkeit und Zerstörungskraft eine Gegenbewegung hervorruft: Stell Dir vor es ist Neokapitalismus und keiner macht mehr mit. Denn so ist das Gruppenwesen Mensch: Immer zwischen Gier und Sicherheit, zwischen dem eigenen Vorteil auf Kosten der anderen und ihrem sozialen Netz für uns selbst – bis es nicht mehr geht, bis er mit seinen Sehnsüchten jeweils vor die Wand fährt. Und dann beginnt was Neues.

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Was ich nicht verstehe…

Wieso sollte die Eurozone zerbrechen, wenn Griechenland pleitegeht?

Wieso sind die Griechen stolz darauf keine Steuern zu zahlen? Sie sind nicht mehr von Türken oder Deutschen besetzt, es ist ihr Land.

Wieso fühlen sich die Griechen erpresst, wenn ihnen alle helfen wollen?

Wieso sollte eine deutsche, französische, schwedische oder spanische Krankenschwester oder ein italienischer, ungarischer, portugiesischer Müllmann die Schulden der Griechen bezahlen?

Sind die Griechen wirklich ein Flaggschiff des Protestes gegen den Neokapitalismus oder halten sie nur an den Wählervergünstigungen jahrzehntelanger Korruptionspolitik fest?

Wieso stimmen die Griechen mit Nein, wenn sie doch den Euro behalten wollen?

Warum wird Griechenlands „eigene Art“ immer wieder gelobt von Menschen, die selbst an die Ökonomie glauben?

Was ist der europäische Geist eigentlich, der ständig beschworen wird? Europa ist zur Abwehr neuer nationalistischer Kriege entstanden, auf den Schrecken der Nazis. Was ist daran ein europäischer Geist? Die Angst?

Es heißt oft: Europa braucht Griechenland. Die Griechen haben Bilanzen frisiert, Fördergelder veruntreut, Bedingungen nicht erfüllt. Wieso sollte Europa so ein Land brauchen?

Wieso werden Floskeln (Wiege der Demokratie, europäischer Geist) gepflegt, während die Härte der kapitalistischen Zahlen sonst die Welt regieren? Oder dient die Romantik dem Ausgleich der harten Finanzzahlen?

Was ist an einer Rente mit 67 ein “Sparzwang”, der der griechischen Wirtschaft schadet?

Hat Demokratie nicht immer Geld gebraucht, das dann erwirtschaftet werden musste, von seinen Teilnehmern? In Griechenland herrschen Patriarchen und keine Demokraten.

Die Griechen sparen nicht, investieren nicht, denken nicht an die Zukunft. Sie haben das Meer und ihre Schiffe. Und neuerdings Suppenküchen. Ist es nationalistischer Größenwahn, der Glaube etwas Besonderes zu sein, das sie den westlichen Lebens- Standard trotzdem wollen, auch wenn sie ihn nicht erwirtschaften?

Und vor allem: Wo sind all die Milliarden hin, die an Griechenland geflossen sind?

Karl Marx hat erhebliche Denkfehler in seiner idealistischen Theorie. Aristoteles politische Schriften gehen dagegen von Selbstehrlichkeit aus. Kommunistische Griechen sollen ihn lesen. Marx ist übrigens Deutscher.

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Narzissmus 3.0

Ein Bekannter von mir ist Partner in einer großen Unternehmensberatung mit weltweit bekanntem Namen. Neulich gab es in dieser Firma ein großes Jahrestreffen aller Partner, wo zukünftige Strategien besprochen werden sollten. Denn im Moment geht es den Unternehmensberatungen nicht so gut, weil es der deutschen Wirtschaft zu gut geht und so gibt es zu wenig Druck für Umstrukturierung und Entlassungen. Aber eine Besserung ist in Sicht: Die nächste Finanzblase wird platzen, das ist man sich in der gesamten Finanzwelt absolut sicher. Spätestens in 2-3 Jahren werden wir weltweit vor dem nächsten Wirtschaftskollaps stehen. Das ist den führenden Wirtschaftsleuten vollkommen klar. Der Markt läuft schon wieder heiß. Es ist nur noch eine Frage der Zeit – und des rechtzeitigen Absprungs, dann, wenn es kracht. Und einige werden erst danach so richtig verdienen.

Während die Allgemeinheit also wieder mal bzw. immer noch auf der Insel der Glückseeligen glaubt zu sitzen, zumindest in Deutschland, rollt der große Kollaps schon wieder heran. Die Banken haben das viele Geld der EZB und der Fed nämlich nicht an die Wirtschaft weiter gegeben, sondern in Hedgefonds gesteckt. Hier ist das große Zocken nach wie vor uneingeschränkt erlaubt. Denn angeblich müssen die Hedgefonds ja nicht vom Steuerzahler gerettet werden, wenn sie sich verzocken. Fragt sich nur, ob die Banken, die ihr Geld dort investieren, dann nicht wieder genauso in Schwierigkeiten kommen wie 2008, wenn die große Hedgefond -Blase in 2-3 Jahren platzt.

Was sicher ist: Es wird einen Aufschrei geben, die Politik wird so tun als stehe sie auf Bürgerseite, wird die Finanzbranche aber wieder retten, denn sie ist von ihr und dem Turbokapitalismus längst abhängig bzw. gekauft. Es wird ein halbes Jahr Demut herrschen und große Versprechungen, die Gier der Bänker an die Leine zu legen. Doch es ist die Gier des gesamten Systems (aus Wahlversprechen und Wachstumsgläubigkeit) – und deshalb wird nicht passieren. Und dann geht alles von vorne los. Das Investorengeld wir wieder in völlig überschätzte Dienstleistungs-Apps aus dem Internet fließen, mit denen man Reisen oder Taxis buchen kann – ohne dass die Wachstumsprognosen je erreicht werden, auf die man wartet, da ja die Menschen nicht mehr Geld zum Ausgeben haben, sondern immer weniger. Es wird versucht werden, neue Märkte und Konsumenten zu erschließen, Inder, Chinesen, etc., die aber in der Masse vom Wohlstand nicht erreicht werden. Denn das Geld wird von oben nicht wirklich weiter gegeben, sondern immer nur in neue Blasen gesteckt, die größere, schnellere Raten versprechen, als das Wachstum des realen Marktes der kleinen Leute. Und die Finanzmächtigen wollen gleichzeitig so wenig wie möglich Steuern zahlen, die eine Politik in Infrastruktur und Entwicklung investieren könnte, wenn sie sie hätte.

Und dann? Was kommt nach der Blase von 2018? Die Blase von 2028? Und dann? Wie lange wird der Glauben an das System, an den Wert des Geldes noch halten? Wie viel weiter lassen sich Arbeitnehmer noch belasten, mit immer mehr Arbeitspensum von entlassenen Kollegen und gekürzten Stellen, um mehr Gewinn zu generieren, der an die Finanzinvestoren ausgeschüttet wird? Wie lang lassen sich noch die ständig wachsende Masse der Abgehängten von den Zäunen der Reichen fernhalten?

Oder wird eine innere Revolution fortschreiten, ein „Sich-heraus-nehmen“ aus dem Druck des Wachstums? Werden es die Verbraucher schaffen, statt zu kaufen und Status anzuhäufen, einfach vernetzt und glücklich zu leben, ab und zu eine neue Serie auf Netflix zu schauen, die von anderen Welten und Zeiten träumen lässt, ansonsten Car-Sharing und Airbnb? Und wo wird das viel Geld, das keinen Gegenwert mehr hat, investiert werden, wenn endlich alle begriffen haben: Der Internet-Kaiser ist nackt, er schafft zwar eine neue Organisation der Bestellungen, Reisebuchung und der Fahrdienste. Aber: Was wollen die Firmen mit all den abgeschöpften Daten machen, wenn die Menschen nicht mehr Geld zum Ausgeben haben? Was passiert wenn man den Menschen in seiner relativ simplen Verhaltensbiologie vollends durchschaut hat? Kann man ihn noch mehr fremdbestimmen, als jetzt? Jeder Mensch brauch nur ab und zu ein Sofa, kann nur einmal oder zweimal im Jahr in den Urlaub fahren und die Kleiderschränke sind genauso voll, wie seit jeher die Konten der Privatpersonen leer sind. Vielleicht werden sie noch etwas leerer, da die Jobs wegen der Gewinnmaximierung der Großinvestoren immer unsicherer werden.
Und dann? Was kommt nach dem Zeitalter der Finanzblasen?

Selbst an den ganzen Terrorismus haben wir uns schon längst gewöhnt: Attentat, Trauer, Vergessen. Der religiöse Fanatismus ist (genauso wie die neuen faschistischen Tendenzen) eine typische Reaktion der durch den Turbokapitalismus und seine Folgen immer weiter verunsicherten, entmachteten Menschen. Sie suchen einfache Antworten, einfache Schuldige, ein klares Oben und Unten, für das sie selbstmächtig kämpfen können, entgegen ihrer zunehmenden Ohnmacht. Es werden immer mehr, das ist sicher. Sie werden gegen die (verkaufte) Politik stimmen und die Demokratie weiter gefährden. Und ihre Führer werden die ersten sein, die sich mit dem Kapitalismus verbünden, sobald sie die Macht dazu haben: Rücksichtslose unter sich. Und dann?

Wie kann man in seiner narzisstischen Verunsicherung auf all die Gier und Gewalt reagieren, ohne selbst einfach nur noch zuzusehen, wo man bleibt? Wie viele Eltern kennen Sie noch, die nicht nur ihr Kind im Blick haben, längst hemmungslos nur noch die eigenen Vorteile (für den Nachwuchs) einfordern? Wie viele Menschen kennen sie, die wirklich glauben der Islam gehöre zu Deutschland? Wie viele sind Teil der Finanzindustrie oder wissen, dass auch ihre Rente von den Hedgefonds und ihrer Gewinnmaximierung abhängt? Wie viele freuen sich, dass „die faulen Griechen“ jetzt die Quittung bekommen, für ihren Betrug an der EU? Wieviel fahren einen SUV mit realem +8 Liter Verbrauch und aus Tonnen von Blech, damit sie selbst sicher sind? Wie viele versuchen möglichst billig einzukaufen, egal welche Arbeiter ausgebeutet und Chemikalien die Umwelt verseuchen?
Es macht uns bereits viel zu viel Mühe, wir sind viel zu müde und gestresst, um noch die Gerechtigkeit selbst zu leben, die wir ständig für uns einfordern.

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Das Zeitalter des Tom Jones

Gestern Abend war ich in Frankfurt beim Tom Jones Konzert. Und es gab dort einige Seltsamkeiten zu bewundern.

1. Das Publikum war im Mittelwert um die 60 Jahre alt. Und es ging ziemlich viel um den Tod in seinen Liedtexten – und das ganz unabhängig von seinen alten Klassikern wie: „Why, why why Delilah? I felt the knife in my hand and she laughed no more”. Die Liedzeile seines ersten Liedes seines neuen Albums lautete: „If I would be dead, where would I be?“

2. Der Hüftschwung klappt nicht mehr ganz so (bei Jones und dem Publikum), doch wenn die ersten Akkorde von „Sex Bomb“ angespielt werden, reißt es alle immer noch von den Sitzen bzw. es wird sich erhoben und mitgewippt und geklatscht. Die Frau rechts neben mir ließ sich sogar zu einem mittellauten „We love you“ hinreißen. Danach wird dann aber wieder sofort artig Platz genommen. Und es wird natürlich immer geschaut, was die anderen machen.

3. Es kamen erstaunlich wenig Smartphones zum Einsatz. Erst dachte ich: Aha, definitiv nur Digital Grannies im Saal. Dann wurde ich aber gewahr, es gab massenweise Ordner, die jede Film- und Fotoaktivität sofort unterbunden haben. Der mühsame Versuch von Tom Jones, die Herrschaft über das eigene Bild zurück zu bekommen, ist mir ein Rätsel (in seiner Sinnlosigkeit selbst bei den Grannies offensichtlich). Er hat sicher mit Geld und Verwertungsrechten zu tun.

4. Es ist berührend, diese Stimme, die im Gegensatz zum steifen Rücken und steifer Hüfte immer besser zu werden scheint, wirklich und „in echt“ zu hören. Wenn die neuen Lieder auch tiefsinnigere Texte haben und die alten wehmütiger interpretiert werden: Diese Tom-Jones-Stimme noch mal, einmal in der Wirklichkeit, im selben Raum zu erleben, ist eine erhebende Sache. Sie verbindet einen mit der eigenen Vergangenheit, dem Kassettenrekorder im Auto meiner Mutter und den „guten“ Zeiten, ohne Klimakatastrophe und arabischen Terrorismus und Griechenlandpleite, als Börsen noch Brustbeutel waren, die man in die Ferienfreizeit mitnahm, wo dann in selbstaufgebauten Discos bis um 22 Uhr zu Tom Jones herumgehopst werden durfte, weil das die baldige tolle Zukunft war, die man anfing zu üben: Tom Jones war für meine Generation irgendwie das wilde Versprechen auf Erwachsensein und Freiheit.

5. Für die mich Umgebenden war Tom Jones gestern Abend aber vor allem Vergangenheit, weit vor der gelebten Altersabsicherung. Es schien den Menschen aber, trotz der spürbaren Wehmut, damit nicht so schlecht zu gehen. Man war zumeist mit jahrelangem festen Partner angetreten oder in der zusammen gealterten Frauen-Clique. Die guten Erinnerungen, die die Zuhörer mit Tom Jones verbanden, schienen sicherer zu sein als eine Gegenwart, in der man nicht mehr jung sein wollte. Es war O.K. so wie es war, auf jeden Fall besser, als heute 20 zu sein mit all den globalen Problemen da draußen zwischen den Banktürmen Frankfurts und der Welt, ohne Hoffnung auf eine gute Zukunft, die man selbst damals völlig selbstverständlich hatte. Und ich dachte mir: Soweit muss es erst mal kommen, dass die Jugend nicht mehr unbeschwert sein kann und von den Alten mit ihren Erinnerungen bedauert wird, ob ihrer mangelnden Möglichkeiten. Die Menschen dort im Saal schienen (zumeist) das beste aller Leben gehabt zu haben, begleitet von der Musik von Tom Jones, in der es um bedenkenlosen Sex ging und um Liebe und etwas Eifersucht, als wäre das für immer das Wichtigste auf der Welt. Und vielleicht galt die Wehmut nicht nur den eigenen Erinnerungen, sondern eben auch der Gewissheit, dass es solche unbeschwerten, optimistischen Leben, in einer optimistischen Jugend- Kultur, auf der Erde wohl nie wieder geben wird.

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Die normal-narzisstische Gesellschaft

Da geht Griechenland jetzt also pleite und man weiß eigentlich nicht so genau, was man davon halten soll. Einerseits stellt sich eine Genugtuung ein: Wer mit 56 in Rente geht und keine Steuern zahlt, verdient auch keine weitere Unterstützung. Gleichzeitig hört man immer wieder die Geschichten der „kleinen Leute“, die weder Krankenversicherung noch überhaupt eine Rente bekommen und mittlerweile von den Suppenküchen abhängig sind, die sich aus Spenden finanzieren und in Wohnheimen wohnen.

Was klar ist: Das soziale System, das soziale Miteinander in Griechenland, mit all seinen ungeschriebenen, aber gelebten Regeln, scheint nicht zu funktionieren. Ein paar mächtige Familien erhalten ihre Macht und ihre Steuervorteile, indem sie mit immer mehr Beamtenstellen ein aufgeblähtes System unterhalten, das jede Moral untergräbt. Warum soll der kleine Mann Steuern zahlen, wenn es die Großen nicht tun und auch nicht so genau hin schauen, da sie sonst die Konflikte aufgrund ihres eigenen narzisstischen Verhaltens fürchten?

Es gibt gerade einen Bestseller von einem Psychoanalytiker (Hans-Joachim Maaz): „Die narzisstische Gesellschaft“. Es beschreibt wie die meisten Menschen immer mehr Schulden machen, immer gieriger werden, weil sie damit ihre innere Leere versuchen zu füllen, mit äußeren Vorteilen versuchen den Mangel an gesunder Liebe und Anerkennung in ihrer Kindheit zu kompensieren. Die Werteordnung der westlichen Welt lässt nach Maaz dieses Verhalten als normal erscheinen, die narzisstische Störung wir zur Norm. Sind die Griechen also alle Narzissten? Und wieso funktioniert unsere deutsche Gesellschaft noch, obwohl auch bei uns die eigenen Vorteile, die eigene Anerkennung so im Mittelpunkt steht?

Was mich an diesem Bestseller vom Ha-Jo Maaz stört, ist der Widerspruch, indem sich der Autor befindet, ohne das zu thematisieren. Er beschreibt nämlich auch das Dauergenörgel und die Shit-Storms, das Heruntergemache und die immer hasserfülltere Kritik als narzisstisches Phänomen. Die Fehler der anderen werden zur Projektion für die eigenen Minderwertigkeitsgefühle. Nur: Leider macht Herr Maaz genau das auch in seinem Buch. Er beschreibt – in ziemlich überlegenem Ton-, wo wir überall narzisstisch ungesund handeln und denken und versagen. Und damit nimmt auch er einen Standpunkt ein, der davon ausgeht, der Mensch könnte besser sein als er ist. Maaz projiziert seine narzisstischen Sehnsüchte und seine narzisstischen Minderwertigkeitsgefühle als Kritik auf die Gesellschaft. Und genau das machen auch die meisten Deutschen gerade mit Griechenland.

Ich kenne keinen Menschen der in Deutschland gerne Steuern zahlt und es nicht sofort sein lassen würde, wenn er nicht vor den hierzulande harten Konsequenzen des Finanzamtes Angst hätte. Steuersünder werden mitunter härter bestraft als Kinderschänder. Und auch wenn Kindsmissbrauch zweifelsohne härter bestraft gehört, ist das harte Durchgreifen gegen Steuersünder absolut sinnvoll, wenn wir nicht Zustände wie in Griechenland wollen. Und da wir alle mitnichten Gutmenschen sind, sondern uns eher wie kleine narzisstische Kinder verhalten, tut es uns auch so gut auf die Griechen zu schimpfen, die sich auch wie kleine narzisstische Kinder verhalten haben – die bisher aber nicht genug Erziehung „genossen“ haben, für ihr selbstsüchtiges narzisstisches infantiles Vorgehen.

Mir ist der Aufschrei beim Einführen der Agenda 2010 (ausgerechnet durch den SPD Kanzler Schröder) noch deutlich im Ohr. Und sicher ist zu überlegen, ob Menschen am unteren Ende der Gesellschaft mehr Härte und Einschränkung erfahren sollten WÄHREND am oberen Ende immer weniger Strafen zu erwarten sind. Denn wir sind keine neuerdings erst narzisstische Gesellschaft. Wir waren schon immer Narzissten, man kann sogar sagen es ist das Grundelement der menschlichen Psyche. Es gibt nur sehr wenig Menschen, die eine narzisstische Selbstreife erlangen, dass man sie wirklich als Erwachsene bezeichnen kann. Die Griechen sind nicht selbstsüchtiger als wir. Nur ihre Mächtigen haben versäumt sie härter in die Pflicht zu nehmen, da sie dann mit ihrem eigenen Narzissmus nicht mehr so leicht wiedergewählt worden wären.

In den USA haben wir dann das Beispiel, was passiert, wenn die Mächtigen immer mehr ihrem Narzissmus freien Lauf lassen können, aber trotzdem streng bleiben gegenüber den unteren Schichten. Auch sie haben sich die Politik gekauft. Nur bestrafen sie den Narzissmus der kleinen Leute so hart, dass diese immer weniger narzisstisch sein können und sich nicht die gleichen Freiheiten raus nehmen können, wie die Mächtigen. Vielleicht kommt es hier irgendwann zur Revolution. Vielleicht gehen aber auch die USA irgendwann trotzdem pleite. Denn solange nicht der Narzissmus aller in die Schranken gewiesen wird, entsteht immer eine Gefahr des Scheiterns der entsprechenden Gesellschaft.

Es wird niemals eine Gesellschaft geben, die nicht narzisstisch hochgradig gefährdet ist. Und wer andere kritisiert und auf sie herabschaut, dessen narzisstische Projektion wird umso deutlicher: Seine Sehnsucht nach einer besseren Gesellschaft, aber auch sein Trotz gegen die harten Maßnahmen in der eigenen Gesellschaft und die Projektion seiner eigenen Minderwertigkeit auf die anderen, die mit ihrem falsch reguliertem Narzissmus gerade versagen, zeigen überdeutlich, dass wir alle es genauso wie die Griechen gemacht hätten, hätte man uns gelassen.

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What´s up, Berlin?

Diese Woche war ich mal wieder in unserer groß-artigen Hauptstadt Berlin: Der Sehnsuchtsort der globalisierten Jugend. Selbst die New Yorker schwärmen ja von Berlin, als wäre es das letzte verbliebene Mekka des wahren Lifestyle-Hedonismus und der Kreativität.
Ich habe in Berlin ein Jahr studiert. Das war kurz nach der Wende, Anfang der Neunziger. Und es gibt heute nur noch wenige Orte in Berlin, die ich wieder erkenne, obwohl ich in den letzten Jahren oft in Berlin war. Es ist eine andere Stadt, ein zweites Berlin für mich. Sehr selten kommt man im ehemaligen Ostbezirk der Stadt noch an Häusern vorbei, die mir das Gefühl der Wendejahre vermitteln, die Nostalgie der DDR. Manchmal bin ich regelrecht dankbar, wenn noch ein paar der typischen kleinen Pflasterseine fehlen, auf den breiten Bürgersteigen, neben den großen Steinplatten. Selbst Kreuzberg, als ehemaliger Ur-Westbezirk, ist mittlerweile an vielen Stellen irgendwas zwischen Wien, Aix en Provence und Resten eines Bahnhofsviertels einer beliebigen Großstadt. Die Gentrifizierungsspuren in Neukölln sind mehr als deutlich: Hippe Restaurants in Backsteinhinterhöfen mit Orangenkisten voller Kräutertöpfe, Schiefertafeln mit angepriesenem Hugo´s und erlesenen Weinsorten. Wunderbare Wertschöpfung, statt Verfall und Sponti-Szene.

Völlig unerträglich ist mittlerweile Mitte. Die typischen globalen Ketten – besonders die, die auf hipp machen – füllen wirklich jedes Geschäft: vom 5x linkrumgedrehten veganen Sandwich und der Lifestyle-Kaffee-Kette, bis zum Turnschuhhersteller und dem globalen Geheimtipp des politisch-bewussten Irgendwas. Aus allen rennen Touristen aus aller Welt mit Papiertüten heraus, vollkommen selig, ihre gewohnte Marke am Hackischen Markt erworben zu haben und sich auch noch mit der Selfie-Stange direkt davor fotografieren zu können, um das Ganze sogleich zu posten: Was bin ich toll, seit alle neidisch – der älteste performative Widerspruch der Welt.

Auch die Kunst in Berlin dient längst der global vermarkteten Selbstfindung. Jede Ausstellung in einem der weltberühmten Museen ist marketingtechnisch bis zum äußersten getrieben, die Stadt wird plakatiert mit den Gassenhauern der Jahrhundertwende. Das Zweckfreie will neue Eintrittszahlen-Rekorde brechen, Kühlschrank-Magnet-Rekordsummen einfahren. Besucherschlangen schrecken nicht ab, sondern werden zum Beweis der Leidensfähigkeit für die eigene Bildung, die sich nach Stunden vor den althergebrachten Tempel der bürgerlichen Erhabenheit (im Gewande des altehrwürdigen Protz) vor den Gemälden fortsetzen lässt: Dicht an dicht vor dem Original der Postervorlagen muss man wieder warten, weil der interessierte Leihe sich von der Stimme berühmter Schauspielerinnen erklären lässt, was er sieht.

Ich komme wohl in ein Alter, in dem man verführt ist, dem „Gestern“ nachzutrauern, am Alten festhalten will. Doch wenn ich durch Berlin laufe, trauere ich eigentlich dem Mangel an Neuem nach: Alles scheint unendlich vertraut und 1000x gesehen, obwohl sich die Stadt äußerlich so verändert hat und weltweit als der Hot-Spot der Kreativität und Jugend gilt. Aber ich habe all die Typen mit ihren Bärten und Tatoos und Turnschuhen schon tausend Mal gesehen, in 1000 anderen Städten dieser Welt. Wie sie ihren Kaffee mit Sojamilch schlürfen, während sie an irgendwas Hippen basteln, ähneln sie letztlich all den Rentnern in ihren Touristenbussen und beigefarbenen Windjacken und groben Gesundheitsschuhen. Ich habe 1000 Mal schon junge Bürschen in sehr eng geschnitten Anzügen und Tolle auf der Stirn gesehen, die sich als Elite von Morgen verstehen und glaube, es gäbe doch noch irgendwo eine zweistellige Rendite, die alle bisher übersehen haben. Die Mädchen in ihren Plateauschuhen und Hänger-Kleidchen über kurzen Shorts gab es auch schon 1000x in den 90ern. Denkt Euch doch mal was Neues aus, das Hoffnung auf Zukunft gibt: Mensch, ihr seid doch in Berlin!!!!

So kam im hippen Berlin in den letzten Tagen in mir ein Verdacht auf: Vielleicht gibt es einfach nix Neues mehr. Vielleicht ist der politisch korrekte Lifestyle, sitzend auf der Orangenkiste auch „the end, my friend“, die x-te Version der Hippi-Idee- ob man es nun irgendwas mit „twentyfour“ nennt oder „friends“ oder „mankind“. Nur weil man mit Stadtplan auf dem Tablet den anderen im Wege steht (statt mit einem auf Papier) oder sein Taxi mit der App ruft, statt in der Hotellobby, ist das Leben in den letzten 25 Jahren nicht neu erfunden worden. T-Shirts sind immer noch T-Shirts und Rollkoffer sind Rollkoffer und Salat bleibt Salat usw. Man kleidet sich genauso, reist und isst genauso wie vor 25 Jahren: hipp und viel und gesund. In Berlin gibt es fast 1 Millionen Singles (oder immer-mal-wieder Singles) – die meisten ungewollt (auch wenn sie sich natürlich alle nicht richtig unwohl fühlen dabei, in der großen Stadt mit den vielen immer gleichen Zerstreuungen). Doch: An den Beziehungsschwierigkeiten der bärtigen Hipster und Hängerchen-Trägerinnen hat noch keine Internetplattform und keine Tinder-App was ändern können. Aber immerhin ist man Single in: Berlin. Vielleicht reicht das ja und genau das ist die Zukunft: Das Sein bzw. Dasein.

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Leere Werte

Manchmal sagen 3 Worte auf einem Bauzaun mehr über unsere Gesellschaft als 1000 Blogbeiträge…
(gefunden in: Frankfurt, Westend)

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Was haben Heidi Klum, der Papst und Sepp Blatter gemeinsam?

Diese Woche hat uns das Schicksal seltsam sinnbildliche Gleichzeitigkeiten beschert: Während die katholische Kirche weiterhin gegen die Homoehe war, stand Sepp Blatter wieder mal massiv unter Korruptionsverdacht (ein korrupte Kirche und ein homophober Platter hätte aber auch niemanden gewundert). Und während Heidi Klum das endgültig finale Finale ihrer 10 Staffel „Germany Next Top-Model“ austrug, kämpfte der HSV wieder mal um den Klassenerhalt (Klums Klassenerhalt und das 10te finale Finale des HSV gäbe auch genauso Sinn). Es würde schwer fallen zu entscheiden, wer von den Vieren seine Fans am meisten veräppelt bzw. welche Fans sich am meisten veräppeln lassen. Denn eines ist mal sicher: Ohne Fans wären diese vier Instanzen nicht existent und könnten ihre massive Vorteilsnahme zu ihren eigenen Gunsten nicht vollziehen.

Gerade ist eine seriöse Studie des Bundesfachverbandes der Essstörungen und des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen erschienen. An 241 magersüchtigen Patientinnen wurde untersucht, was ihre Krankheit beeinflusst. 85% stimmten zu, dass auch die Sendung GNTM ihre Essstörung verstärkt hätte. 32% gaben sogar an, die Sendung wäre entscheidend bei ihrer Erkrankung gewesen. Dazu muss man noch sagen: Essstörungen sind die tödlichste psychische Krankheit, die existiert. Und wer nicht stirbt, hat körperliche und psychische Langzeitfolgen. Die Anzahl der Essgestörten steigt gerade unter Teenagern besonders in den letzten 10 Jahren. Während wir bei Zigaretten, Alkohol und sogar Filmen aufschreiartig nach Jugendschutz rufen, jedes nackte Geschlechtsteil unsere Jugend in‘s Verderben zu führen droht, kann eine Show, die wissenschaftlich nachweislich zum Tode von jungen Mädchen beiträgt, nach wie vor unbehelligt weiter gesendet werden.

Die katholische Kirche hat durch die Jahrhunderte hindurch so viel Leid und Tod über die Menschen gebracht, dass es den Rahmen dieses Blogs sprengen würde, sie auch nur aufzuzählen. Aktuell ist sie schuldig an der Weiterverbreitung von Aids (und somit wiederum dem Tod vieler Menschen), durch ihre nach wie vor kritische Haltung zu Kondomen. Und sie ist schuld an der Diskriminierung Homosexueller, die durch genetische und epigenetische Bedingungen einfach nur andere Menschen attraktiver finden als den Rest. Doch dafür werden sie zu Sündigen gestempelt, die gegen ihre Natur (und diesen Begriff verwendet die Kirche selbst) leben sollen. Alleine schon der Widerspruch einer angeblich von Gott geschaffenen Natur, der sich eine Instanz, die eben diesen Gott vertritt, entgegenstellt und meint, es besser zu wissen, zeugt schon von einem alles andere als gottgefälligem Dasein der Kirche – nimmt man mal Gott ernst in seiner Definition als Gott…. Aber lassen wir das.

Wäre da noch der Fußball. Und auch wenn er gegenüber den anderen Übeltätern hier sich mit banaler Kopfschüttellei abtun ließe, soll nicht vergessen werden, dass ein dermaßen in der globalen Gesellschaft verankerter und bekannter Funktionär wie Sepp Blatter (wie übrigens auch Uli Hoeneß) mit seinem Verhalten jede Moral massiv beschädigt. Das Gefühl von „Die da oben, die ungeschoren mit Hundertmillionenbetrügereien davon kommen“ ist das Gift, das jede menschliche Solidarität von der Steuermoral bis hin zu sozialem Alltagsverhalten oder Flüchtlingshilfe zersetzt. Wieso kommt jemand mit derartiger Korruption seit vielen Jahren durch, die anscheinend von Banken und Wirtschaft gedeckt wird, also von denen, die mit dem System Fußball selbst noch das Geld aus der Unterschicht herauspressen?! Und wenn dann doch mal eingeschritten wird, sind zweistellige Millionensummen ein paar Monate Gefängnis mit Freigang wert. Aber selbst davon wäre bei Sepp Blatter nur zu träumen. Ein paar armen Fußballfunktionären der dritten Welt ein-zwei Mal im Jahr teure Schweizer Hotels bezahlt und ein paar Bälle für Slums gestiftet: Peanuts als Rechtfertigung für eigene illegale Millionen. Und niemand hat so viel Interesse daran, dass Afrika unmündig und arm bleibt, korrupt und am Boden, wie Sepp Blatter – außer vielleicht noch ein paar Waffenhändler.

Die Kluft zu „denen da oben“, die ihre Interessen auf Kosten des Wohls aller wahrnehmen, wird immer größer. Die Masse unten lässt sich an den Marionettenfäden ihrer Emotionen hier und dorthin ziehen, wie Melkvieh bzw. Schlachtvieh (angesichts der potentiellen Tödlichkeit für viele Menschen). Je ausgebeuteter, schwächer, orientierungsloser die Menschen der Masse werden, umso besser funktioniert das. Stell Dir vor, es ist Fußball und keiner geht hin. Stell Dir vor, es gäbe einen Bürgerentscheid gegen Heidi Klums Sendung oder für die Homoehe… Wir wehren uns nicht gehen die Ausbeute, wir schalten ein, wir träumen von dem Scheinerfolg (im Diesseits und Jenseits), den sie uns präsentieren, in ihren korrupten eigennützigen Systemen. Dabei sind es nur wir, die Masse, die mit ihrem bewussten Handeln etwas verändern könnte. Es sind nur wir, die abschalten können, weg bleiben können. Doch an was sollten wir dann glauben, wenn wir nicht mehr glauben können, dass man nur schön und schlank sein müsste, gut Fußballspielen müsste oder ein braves erlaubtes konformes Leben leben müsste, um irgendwann in‘s Paradies zu gelangen. Noch schlimmer für uns als mangelnde Gerechtigkeit, ist es wohl, mangelnde Hoffnung zu ertragen. Je ärmer und dümmer und vor allem perspektivloser wir sind, umso leichteres Spiel haben die Mächtigen mit ihren „Hoffnungsdevotionalien“.

Obwohl: Beim HSV haben wir ja noch die Hoffnung auf höhere Gerechtigkeit, dass Menschen, die unglaublich viel Geld dafür bekommen, dass sie ihre Fans verarschen, doch mal mit Konsequenzen zu rechnen haben.

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In einem Boot

Zunehmend wird klar, es gibt Probleme (von globalem Ausmaß), für die es keine Lösung gibt. Das Flüchtlingsproblem ist eines davon. Es wird dafür keine Lösung geben, da hier unveränderbare Kräfte gegeneinander wirken wie Naturgesetze. Denn es gibt eine Menge Staaten, die sich aus den Herrschaftsformen der Korruption und herrschenden Alltagsgewalt nicht befreien werden (teilweise sind die globalen Interessen gegenläufig, teilweise gehören Stammesfehden und damit verbundene Korruption zu kulturelle Identität). Und es gibt dort eine Menge Menschen, die wissen, das anderswo auf der Welt (im wohlhabenden Europa oder der USA) ein besseres Leben möglich ist. Doch kommen all diese Menschen zu uns, zerstören sie damit genau dieses bessere Leben und den Wohlstand. Denn selbst wenn wir viele hunderttausend Flüchtlinge gefahrlos aufnehmen und mühevoll integrieren können, werden Millionen nachkomme. Die Angst vor der Überfremdung mag im Moment völlig übersteigert sein, doch sie ist gleichsam bedrohlich, denn sie schlägt sich in den Wahlerstimmen nieder, in der Angst der Westler, lange bevor eine wirkliche Gefahr real wird.

Auch die Klimaerwärmung gehört zu diesen Problemen, für das es realistischer Weise keine Lösung gibt. Auch wenn erneuerbare Energien theoretisch eine Lösung bereitstellen, ist die Masse der Menschen und die Langsamkeit mit der Menschen Veränderungen im persönlichen Bereich, aber auch in ihren Machtstrukturen ermöglichen, zu langsam, um noch etwas zu verhindern. Hier trifft die psychologische Biologie des Menschen auf die Biologie der Klimaverhältnisse und erstere verhindert die Stabilität letzterer – obwohl wir Menschen als einzige Wesen selbstbestimmt eingreifen können, in die Verhältnisse. Wir können das aber nur zu einem ganz bestimmten Maß, zu bestimmten Bedingungen. Und so scheitert ein zukünftig stabiles Klima an einem zu geringen Maß an Willensfreiheit und einer zu starken biologischen Komponente des „besseren Lebens“, nach dem der Mensch aus seiner tiefen menschlichen Natur heraus strebt und das keine ausreichende oder ausreichend schnelle Veränderungen zu lässt.

Da der Mensch Ohnmacht nicht erträgt, die „Machbarkeit“ (die gezielte Veränderung seines Umfeldes) zu seinen evolutionären Stärken gehört, sind Probleme, die sich dieser Veränderungsmöglichkeit entziehen (selbst wenn sie selbst verursacht sind) die große Bedrohung für unsere Existenz. Die Dinosaurier sind (wahrscheinlich) ausgestorben, weil sie zu viel Nahrung brauchten. Somit war ihr Aussterben genauso selbst verschuldet, wie unser Aussterben bzw. großflächiges Kollabieren durch mangelnde psychologische Anpassung. Milliarden von Menschen in armen und reichen Ländern erzeugen zu viel CO2 und ein Ersatz durch alternative Energiemittel ist selbst bei den reichen Ländern durch Angst vor der Veränderung, Angst vor Verlust der eigenen Vorteile nicht möglich. Das ist die Biologie des Menschen: Trotzdem er sich und seine Situation begreift und eingreifen kann, steht genau dieser psychologischen Naturkraft die psychologische Naturkraft der Angst vor Veränderung entgegen. Weiterentwicklung und Festhalten halten sich nicht die Waage: Sie existieren nicht zur gleichen Zeit. Weiterentwicklung erfolgt durch Leid und dazu bedarf es erst der Katastrophe. Vorher soll das Verteidigen und Festhalten der eigenen Vorteile das Überleben sichern. Und genau das schafft die Unlösbarkeit der großen globalen Probleme wie Flüchtlingsströme und Klimaerwärmung. Der Mensch kann sie nur verändern, wenn der Leidensdruck groß genug ist, aber dann ist es schon zu spät.

Wir werfen Blumen ins Meer oder halten Schweigeminuten ein, für die vielen Toten aus Afrika. Wir können sie nicht alle aufnehmen, die große Veränderung in unserer Gesellschaft wäre für die meisten Menschen zu angstbesetzt, auch wenn sie gerne gute Menschen wären und sie das Leid der armen Afrikaner rührt. In der Sinnlosigkeit der Gutfühl-Gesten (in Bezug auf die Lösung des Problems) zeigt sich unsere Ohnmacht gegenüber unserer eigenen Natur. Mit Ritualen beruhigen wir uns, weil wir wegen unserer eigenen Psychologie keine Lösung finden. Wir verstehen das Streben nach einem besseren Leben der Afrikaner genau; deswegen wollen und können wir sie nicht aufnehmen in unserer Gesellschaft: Die oder wir. Rituale (Gebete und Gottvertrauen) sollen nur von naturgegebenen Schuldgefühlen, die aus der Ohnmacht entstehen, befreien.

Es gibt zu viele (von ihrer Biologie fremdbestimmte) Menschen auf dieser Erde, so dass unser geringes Potential der Selbstbestimmung keine Möglichkeit für ein besseres Leben für alle schaffen könnte. Das ist ein Fakt, der jedem, der die psychische Natur des Menschen kennt, klar ist. Menschen wollen nicht einfach nur satt werden. Sie wollen für sich und ihre Angehörigen ein besseres Leben in Wohlstand, der sich am westlichen Lebensstandard misst. Das ist nicht möglich und trotzdem streben alle weiter danach. Es gibt Menschen, die hoffen auf eine Epidemie, die all diese unlösbaren Probleme der 8 Milliarden Menschen löst. Natürlich hoffen sie darauf, dass es nur die armen Teufel trifft, die das eigene bessere Leben bedrohen, die nicht gebraucht und gewollt sind auf dieser Welt, oder eine Art „IS Virus“, das nur die aggressiven Gotteskrieger auslöscht oder die Warlords in Afrika.
Auch das ist typisch für die psychische Natur des Menschen: Wenn er ohnmächtig ist, hofft er irrationales Zeug. Die Wahrheit zu ertragen, ist ein Anspruch, den man an sich selbst haben kann – auch wenn das natürlich auch nichts ändert für die Welt.

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Algorithmen-Menschen: Teil II

Hinter der Vermessung des Menschen durch Algorithmen aufgrund seiner Daten, hinter dem „Machbarkeitsglauben“ der User, der Wirtschaft und der Biologie/ Verhaltensökonomie steht – so seltsam das klingt – unser Wissenschaftssystem, unsere aktuelle Art der Wahrheitsproduktion. Die sognannte „akademische Psychologie“, der die Verhaltensökonomie entspringt, ist ein Versuch, unsere Psyche zu „biologisieren“. Sie gibt vor, den Menschen wie eine Maschine aus der Summe seiner Teile (auch seiner einzelnen Verhaltensweisen) zusammensetzen zu können. Fast jeden Tag kann man in den Medien neue Studienergebnisse lesen mit Aussagen, die für den Moment interessant erscheinen – aber letztlich vollkommen leer sind und den interessierten Leser ratlos und unberührt zurück lassen. Wie will man auch den Sinn im Leben des einzelnen korrekt messen?

Die Wissenschaft hat festgestellt, festgestellt, festgestellt, dass Marmelade Obst enthält, Obst enthält. Oder, um dieses Kinderlied auf die Psychologie zu übertragen: Die akademische Psychologie hat festgestellt, wie leicht unsere Wahrnehmung zu täuschen ist, dass Männer immer automatisch versuchen, die im Pissoire aufgemalte Fliege zu treffen, dass Menschen pünktlich ihre Steuern zahlen, wenn sie wissen, dass ihre Nachbarn das auch tun. Die biologische akademische Psychologie hat festgesellt, dass, wenn wir eine neue Lösung für ein Problem finden, unser Gehirn diese Sekunden vorher schon vorbereitet. Ein Loriotsches „Ach was!“ kommt mir bei diesen sinnlosen, zusammenhanglosen Infos über uns immer in den Kopf (wahrscheinlich kann man das im Hirnscan auch schon Sekunden vorher sehen, weil meine „Loriot-Neurone“ dann funkt…).

Große Überschriften stehen immer über diesen angeblich so bahnbrechenden neuen Erkenntnissen über uns: Wir wissen jetzt endlich, wie der Mensch tickt, warum er so und so ist uns isst etc. Es ist die Summe der Teile, die hier den Menschen wie eine Maschine beschreiben soll. Es ist das gleiche neoliberale Menschenbild, das die Algorithmen bei Amazon und Facebook ausspucken, weil die Ingenieure und Biologen und Naturwissenschaftler dieser Welt den Menschen so sehen, gerne so hätten. Dieses Menschen-Maschinen-Bild steht auch hinter dem Glauben der Internet-Gurus, der Silicon Valley Bosse. Er spiegelt sich in den Vitamintabletten, die man nur essen muss, um für immer gesund zu bleiben. Er zeigt sich in der Annahme, man müsse die mühsame Arbeit nur durch Technik ersetzt, dann wird es allen gut. Er zeigt sich auch in dem Glauben von Eltern, ihre Kinder durch maximale Förderung zu optimalen Menschen zu tunen. Und natürlich auch darin, dass die Summe meiner Time-Line-Bilder mein Leben glücklich darstellt und somit glücklich macht. Mit den richtigen Anreizen und Medikamenten soll der Mensch seinem Glück (und dem der Wirtschaft) zugeführt werden.

Dem gegenüber (und immer um ihre Berechtigung kämpfend) steht die „Psychoanalyse“, als ein völlig anderes Wissenschaftssystem, dass gleichwohl überzeugendere Wahrheiten produziert über unser Menschsein. Doch sie sind auch unbequemere Wahrheiten, die uns immer wieder darauf hinweisen, dass wir in keine Formel passen, doch weit mehr sind als die Summe der Teile. Aber es sind Wahrheiten, von denen man erschreckt und fasziniert zugleich ist: Sie machen „satt“. Ihr Inhalt bedeutet etwas, berührt etwas in uns. Der „Machbarkeitsglaube“, dem wir alle (Wirtschaft und Einzelpersonen) heute so verfallen sind, wird empfindlich gestört durch die Psychoanalyse. Die Widersprüche und (unlogischen) Sehnsüchte werden durch die Psychoanalyse aufgegriffen. Und es ist immer klar: Einfache Lösungen gibt es nicht. Sinn im Leben lässt sich nicht kaufen oder mit ein paar Coaching-Stunden oder einen neuen App herstellen.

Für die meisten Menschen ist Psycho gleich Psycho. Aber auf keinem anderen Gebiet wird bei der großen Suche nach Wahrheit über den Menschen so deutlich, dass (seit der Aufklärung) zwei völlig verschiedene „Wahrheitsproduktionen“ am Laufen sind. „Wissenschaftstheorie“ heißt dieses Feld der unterschiedlichen Ansätze der Wahrheitsproduktion. Hinter jeder Wahrheitsproduktion steht wie schon erwähnt eine Bild vom Menschen, etwas, das mit vielen unbewussten Wertungen behaftet ist, dessen sich die Wissenschaftler, Wirtschaftsbosse und Internet-Nerds (als Menschen, die andere Menschen bewerten) meist nicht bewusst sind.

Alle Menschen brauchen Sauerstoff. Alle Menschen haben eine Hormonausschüttung, wenn sie sich verlieben. Sex dient zur Kinderproduktion. Das ist die Wahrheit der Biologie und Verhaltensökonomie, die „Wahrheit durch Auszählen“. Es ist eine Wahrheit der Beobachtung der realen äußeren Welt. Es ist die Wahrheit der Naturwissenschaften (hierzu zählt sich die akademische Psychologie). Alle beseutenden Internet-Blogger sind Technik-Nerds. Sie erklären uns, wie das Netz funktioniert, was es kann und wie man es verwalten sollte. Sie haben aber wenig Ahnung vom Menschen, von den narzisstischen Störungen, die allgemein anerkannt zunehmen. Kaum einer weiß, wie sich das anfühlt, wie es den gesamten Charakter bestimmt, wie es unbewusst steuert, fremdbestimmt. Ständig steht das Netz im Fokus. Die vorm Computer oder Smartphone scheinen eine unwirkliche Masse, deren man mit ein paar Messungen Herr zu werden versucht. Wie sie im realen Leben „geimpft“ werden können, gegen die Gefahren, was überhaupt psychische Gefahren sind, davon weiß das Netz wenig und die, die es steuern, haben ein völlig falsches Menschenbild dazu.

Die Psychoanalyse erforscht die „Wahrheit durch Deutung nichtsichtbarer Zusammenhänge“. Diese Wahrheit ist viel schwieriger, als die Wahrheit der Biologie. Doch leider sind viele Phänomene und Verhaltensweisen des Menschen nicht sichtbare Fakten. Es gibt Dinge wie den Kannibalen von Rotenburg, der mit einem anderen Mann zusammen dessen Penis verspeiste, bevor er ihn auf dessen Wunsch tötete. Die Naturwissenschaft setzt hier den Stempel „Abnormal“ drauf. Weil sie es nicht erklären kann, wird es unwichtig. Trotzdem existiert so ein Verhalten und viele verlangen (ängstlich) nach einer Erklärung. Hier hat ein Mensch gehandelt. Was hat das mit allen anderen Menschen zu tun?! Der Stempel „abnormales Monster“ schafft erst mal Distanz. Doch leider lässt sich unser Unbehagen damit nicht aus der Welt schaffen. Denn es ist keine brauchbare Erklärung. Woher kommt das Monsterhafte? Warum wird es durch das Internet so gefördert, kriecht aus jeder Ritze?

Wenn es um die Frage geht, warum viele Männer impotent sind (ohne jede Funktionsstörung), warum Menschen sich selbst töten (10 000 jedes Jahr auch ohne dabei ganze Flugzeuge mit Passagieren mitzunehmen), warum immer mehr Menschen ihr Leben leer und fremdbestimmt empfinden, obwohl es ihnen materiell so gut ging wie nie, die Möglichkeiten noch nie so zahlreich, die Welt noch nie so offen war wie heute, dann wird es schwierig für die Naturwissenschaft, eine schlüssige Erklärung zu liefern. Und kein Algorithmus, keine biologische Formel kann ihnen dabei helfen. Trotzdem haben alle Angst vor den komplexen Antworten, die uns zeigen, dass der „Machbarkeitsglaube“ Grenzen hat. Schnelle monokausale Zusammenhänge wären uns lieber. Der Mensch als Maschine wäre uns lieber, man kann ihn einfach reparieren, steuern, glücklich machen.

Immer mehr Menschen sind bereit, ihre Daten zur Verfügung zu stellen, weil sie den Machbarkeitsglauben nicht aufgeben wollen, gerade wenn sie besonders ängstlich und unzufrieden sind, mehr herausholen wollen aus ihrem als armselig empfundenen Leben. Dabei geht es hier weniger darum, sein Leben, seinen Körper zu optimieren und dann dadurch automatisch glücklich zu werden. Vielmehr bekommen diese Menschen mit all ihren Optimierungs-Apps das Gefühl der Anerkennung und Fürsorge, wie Kinder, auf die das Internet eingeht, dem die Krankenkassen Lob aussprechen für ihre hohe Schrittzahl, ihre vernünftige Kalorienzufuhr. Nur leider ist diese Aufmerksamkeit nicht echt, kein wirklicher sozialer Kontakt. Dieses Gefühl von „Positiv-Watching“ kann (in seiner Macht) nur die Psychoanalyse schlüssig erklären. Und sie kann auch voraussagen, dass das perfekteste, optimierteste, hübscheste, erfolgreichste Leben nichts mit Erfüllung und Glück zu tun hat. Und das sich die Massen nicht lenken lassen mit ein paar Algorithmen. Oder hat je einem Depressiven genützt, dass man ihm sagt, wie gut er es doch eigentlich hat?!

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Algorithmen-Menschen: Teil I

Was können die Algorithmen des Internets, die großen Datenabschöpfer wirklich, wenn es darum geht, das zu erfassen, was uns Menschen ausmacht? Das kollektive Verhaltensmuster ist ihr Ziel. Doch können sie aus der Summe der Teile wirklich Erkenntnis gewinnen?

Dabei ist klar, dass sich viele Menschen für ihre eigenen Verhaltens-Muster nicht interessieren, sie sind ihnen jedenfalls nicht bewusst. Oft werden ihnen von Verhaltensökonomen bzw. Wirtschaftspsychologen oberflächliche Erklärungen verkauft, die sie dankbar annehmen, weil sie entlasten: Einfache monokausale Erklärungen liefern einfache Antworten. Die eigene Biologie ist schuld, dass wir zu viel Süßigkeiten essen, uns ungern bewegen, so viel mit unseren Smartphones spielen. Männer wollen Helden sein, Frauen wollen Prinzessinnen sein. Solche und ähnliche pauschale Erklärungen für unser Verhalten gibt es heute gehäuft in den Medien, sie sollen sterile Studien und Forschungsprojekte rechtfertigen, die eigentlich kaum etwas aussagen. Und sie befreien uns von der Mühe, uns als Individuen mit eigener Geschichte genauer zu verstehen – und es dann aufwendig ändern zu müssen, Verantwortung zu übernehmen, für unser Leid und unsere unerfüllten Erwartungen. Aber ist unsere Biologie wirklich daran schuld, dass wir uns immer leerer und ängstlicher fühlen? Oder ist die Biologie nicht einfach nur ein wissenschaftliches Erklärungssystem, das in Bezug auf unsere Psyche völlig unpassend ist, weitestgehend daneben liegt mit seinen universalen Messdaten und Verhaltenspauschalitäten?

Für Verhaltensökonomen, Biologen und Internetgiganten mit ihren Algorithmen sind wir Marionetten, deren Fäden man möglichst genau ziehen möchte. Natürlich nur zu unserem Wohl… Schließlich kann man uns dann passgenaue Angebote machen, Medizin verabreichen und alles wird gut. Wir sollen nicht mehr aus einem riesigen Angebot wählen müssen (wir werden ja ohnehin fremdbestimmt von unseren Genen): wir sollen ganz einfach und bequem das nehmen, was uns passgenau vorgesetzt wird. Gibt es trotzdem mal einen nicht geplanten Überraschungserfolg, ein Überraschungsverhalten, wird es sofort vermessen, vermarktet und in das System mit einbezogen. (Kreativität und Freiheit bedeuten prinzipiell Unsicherheit für das System und müssen sofort erfasst und gewinnbringend ausgeschöpft werden.) Gleichzeitig wird gejammert, dass alles so gleichförmig ist und überraschende Erfahrungen, ungewöhnliche Phänomene und neue Verhaltensweisen nicht mehr zugelassen werden. Das betrifft vom Buchmarkt bis zur Mode alle Branchen. Tätowierte Nerds mit rasiertem Kopf und langen Bärten werden zum Mainstream, sobald die Algorithmen das als gewinnträchtige kreative Individualität erfasst haben. Talkshows machen Sachbuchbestseller. Ein Königsbaby steigert den Verkauf der Babysachen.

Doch trotz der Datensammelwut, Vermessung und Berechnung scheint die Summe der Teile kein exorbitantes Wachstum zu garantieren. Aus der gleichförmigen Masse, die in Zukunft immer noch weiter durchleuchtet werden soll, ist bisher (wen wundert´s) nichts herausanalysiert worden, dass zu außergewöhnlichen neuen Wegen führt. Obwohl wir wissen, dass wir uns alle nach Anerkennung und Sorgenfreiheit sehnen, kommen wir mit diesem Wissen keinen Schritt weiter. Ein paar Klamotten werden verkauft, ein paar technische Geräte zur Selbstoptimierung. Aber der ständig vermutete gesuchte herbeigefieberte Hype, der uns alle in ein anderes völlig neues, spektakuläres, nichtbanales Leben katapultiert und den wir deshalb auf keinen Fall verpassen dürfen, der wird herbeibeschworen als würden wir ohne die Hoffnung auch noch die letzte Orientierung verlieren.

Statt sich über seine Vergangenheit, die emotionale Interaktion mit seinen prägenden Bezugspersonen und Erfahrungen auch durchaus schmerzhaft sein individuelles So-Sein zu erklären, wollen viele Menschen auf einer Time-Line einfach die Summe ihrer Erfahrungen darstellen – und natürlich anderen zeigen. Deshalb beinhalten diese Timelines nur die süßesten Babyfotos, tolle Erlebnisse wie Einschulung, Geburtstage, Reisen, Feiern. Kaum jemand postet die Beerdigung seiner geliebten Oma. Kaum jemand gibt bekannt, wie sehr ihm seine Scheidung zusetzt. Als würde die Summe der positiven Fotos und Kommentare, der Likes und Bestätigung ein erfolgreiches glückliches Leben ergeben, als würden die Triumpfe und Selbstoptimierungserfolge automatisch ein tolles Dasein hervorbringen. Alleine, dass sie demonstriert werden müssen, weckt den Verdacht (bei all den Warnungen über NSA und gläserne User), dass die Menschen glauben, ihre Daten würden ihr Leben werden, wenn sie nur jemand sieht. Tolles Essen + toller Strand + tolles Outfit + coole Leute beim coolen Event = Glück. Und die Algorithmen versuchen genau das zu erfassen und gleichzeitig zu vermarkten. Und alle fragen sich, warum es bisher nicht funktioniert. Warum wird unser Körper nicht perfekt, obwohl wir doch ständig alle Daten über ihn an Netz liefern? Warum spüren wir uns nicht, haben keine tollen Empfindungen (für uns selbst), wo wir doch die vorgegebene Schrittzahl jeden Tag erreichen?!

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Finanzaffine Brot-Variationen

Alle Bundesligavereine orientieren sich schon länger an den Erfolgs-Bayern, die diese Woche ja ausnahmsweise mal nicht so erfolgreich waren. So werden in den jeweiligen Stadien zunehmend VIP-Lounges eingebaut, große Firmen können dort mit ihren „finanzaffinen“ Kunden und leitenden Angestellten, jenseits widriger Wetterbedingungen, an ausgesuchten Buffets nebenher dem Spiel folgen (wenn sie nicht ohnehin gleich das ganze Stadion gekauft haben). Die Hardcore-Fans liefern unten die Stimmungskulisse, während man sich oben teure Häppchen an „verschiedenen Brot-Variationen“ servieren lässt. An wenigen Orten wird die Entwicklung unserer spätkapitalistischen Welt so deutlich, wie in großen Sportstadien, den wenigen Orten, wo die Gesellschaft noch durch alle Schichten zusammen findet. Und gerade diese Woche kann man einen Geschmack davon bekommen, wie Schadenfreude fast schon in Hass gegen die Eliten umschlägt, sobald diese nicht mehr als unbesiegbar dastehen.

Fußball ist längst schon Business, ist großes Geld. Nur scheinbar holen sich in den Stadien Männer gemeinschaftlich ihren emotionalen Kick. Die Identifikation mit Helden, die als Gruppe um den Sieg kämpfen, macht noch lange nicht alle Zuschauer gleich. Denn die in der VIP Lounge werden gleichzeitig durch diese Emotionen immer reicher auf Kosten der anderen, die gerade durch ihre Emotionen immer besser abgezockt werden. Nicht nur alle Produkte, die man an dieses Gefühl der Selbstbestätigung durch Identifikation hängen kann, verkaufen sich gut. Nicht nur der Fanschal gibt den Fans das Gefühl, ein Teil des Heldentums zu sein. Der allsamstagliche Rausch sorgt auch dafür, dass die Abgehängten noch im System drinnen bleiben, das Gefühl haben, sie wären noch wer, während die oben in der VIP Lounge die unten längst für ihre Interessen weiter funktionalisieren.

Doch zunehmend hat die Unterschicht, die mit ihren bahnbrechenden Emotionen den Fußball als Geldmaschine groß gemacht hat, das Gefühl, überhaupt nicht mehr dazu zu gehören, abgehängt, abgezockt und verarscht, auf dem Abstellgleis des guten Lebens zu stehen. Dort werden sie aber nicht friedlich blökend stehen bleiben. Sie werden eine neue Gruppe bilden. Und während sie jetzt in der Übergangszeit noch Ausländer versuchen auszuweisen, denen man leicht die Schuld am eigenen Bedeutungsverlust zuweisen kann, weil sie keine Macht haben, weil sie als Gruppe schwach sind, ist es eine Frage der Zeit, wann die große Gruppe der Abgehängten merkt, dass die reichen Eliten oben in der VIP-Lounge eine nur sehr kleine Gruppe sind, die in ihrer Weltfremdheit und Exklusivität eigentlich auch sehr verletzlich sind. Und diesmal würde sich die aus der Kränkung und Bedrohung erwachsene Wut gegen den richtigen eigentlichen Feind wenden.

Fußball ist ein Sinnbild für die menschliche Psyche. Man kann dort sehen, wie (besonders der männliche) emotionale Haushalt funktioniert. Nichts macht so stark, gibt dem Leben das Gefühl von Sinn und Gemeinschaft, wie der gemeinsame Kampf gegen Feinde. Aber was, wenn diese Feinde nicht mehr andere Nationen oder fremde Menschen anderer Länder sind? Was, wenn der Feind plötzlich als der längst schon jenseits der Gesellschaft, des normalen Lebens stehende Vorstand in seiner Nobelvilla ist, die teuren Privatschulen seiner Kinder, die Börse?

Oben in der VIB-Lounge der Stadien sitzen die aktuellen Sieger unserer Welt. Nur dass sie keine Helden sind, auch wenn sie sich natürlich selbst so sehen. Sie fühlen sich als Helden, die auf die Unterlegenen unten in der Fankurve herabschauen, machen können, was sie wollen. Sie glauben, dass sie weiter ihre Gewinne maximieren können mit Stellenstreichungen, Preiserhöhungen, Filialschließungen (wie aktuell diese Woche die Deutsche Bank). Und die unten sollen sich ihre Sicherheit und ihren kleinen Wohlstand immer weiter beschneiden lassen und trotzdem weiter mitmachen, artig vom immer weniger werdenden Geld die Würstchen und Autos kaufen, die man ihnen mit ihren falschen Helden aus dem Volk auf dem Rasen (die längst schon auf die Seite der VIP-Lounge gewechselt sind) vor die Nase hält. Sie sollen ihre Kinder groß ziehen, die keine festen Jobs mehr haben werden. Und sie sollen still halten, mit ein paar Emotionen beim Fußball abgefertigt werden, während die in der VIP-Lounge auf sie herab schauen und überlegen, wie sie noch mehr Geld machen können. Doch von unten kann man auch nach oben in die VIP-Lounges schauen. Und die offensichtliche Abgrenzung und der Luxus erhalten nirgendwo so viel ungewollten Einblick, wie in den Stadien. Da oben, vor der Nase „Der-da-unten“, wird getafelt im Warmen, wird der Volks-Sport missbraucht zur Belustigung dekadenter Zusammenkünfte. Jeden Samstag bekommen die echten Fans die falschen in ihrer Abgehobenheit vor Augen geführt.

Umgekehrt: Wer je die Gespräche mitbekommen hat, die beim direkten Anblick der unteren Volksschichten von den Siegern des Kapitalismus geführt werden, weiß, dass die finanzaffinen Leistungsträger oben in der Lounge bei ihren Brot-Variationen tief im Inneren nicht mehr davon ausgehen, dass alle Menschen letztlich gleich sind. Sind sie aber. Sie leben alle in einer Gesellschaft, in der sich die Machtverhältnisse ändern können, in der Eliten nur so sicher sind, wie der gesellschaftliche Zusammenhalt.

In den USA konnte man diese Woche ebenfalls schon beobachten, was passiert, wenn Menschen ganz unten in der Gesellschaft alle Hoffnung auf Besserung und eine halbwegs akzeptable Gleichstellung verlieren. Kein Zaun ist hoch genug, keine Polizeiarmee stark genug, um sie aufzuhalten. Menschen, die sich einfach nur noch erniedrigt und ausgebeutet fühlen (bei Dunk´n Donuts zahlen sie 3 Dollar die Arbeitsstunde, während die Vorstände eine VIP-Lounge in einem der größten Footballstadien der USA besitzen) werden nicht still in der Ecke sitzen und das endlos ertragen. Die finanzaffinen Leistungsträger haben in ihrer nur scheinbar sicheren Lounge die Bodenhaftung so weit verloren, dass sie völlig überrascht scheinen, wie stark es da unter ihnen brodelt. Es ist ein völliges Unverständnis in ihren Gesichtern zu lesen, wenn man sie darauf hinweist: Diese Menschen da unten werden reagieren wie Menschen – und nicht wie Maschinen, die grenzenlos belastbar sind, bis sie widerstandslos zu Schrott werden und entsorgt werden können. Sie werden sich wehren mit aller Kraft, ihr Leben und ihre Hoffnungen mit Gewalt verteidigen. Das sind keine Schafe, die sich zur Schlachtbank führen lassen, wie es Euch passt. Und es sind viele, es werden immer mehr.

Die Studenten der Wirtschaftswissenschaften der Frankfurter Uni haben jetzt darauf gedrungen, die von der realen Wirtschaftskrise längst überholten Wirtschaftstheorien nicht mehr lernen zu müssen und den realen Menschen mehr in die Theorien einzubringen. Ich kann ihnen für den Anfang einen Ausflug in die Commerzbank-Arena (formerly known as Waldstadion) empfehlen. Sie sollten sich aber Karten für die billigen Plätze kaufen, wenn sie wirklich etwas lernen wollen, etwas über die Wut und die Kraft, die den größten Teil der Menschheit zunehmend befällt. (Die EZB-Eröffnung in Frankfurt war nur ein kleiner Vorgeschmack.) Die VIP-Lounge ist Teil des Stadions. Sie ist ein kleiner unsicherer Bereich, auch wenn sie über allem zu schweben scheint.

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#regrettingmotherhood #regrettinglyingsociety

Das WWW hat in den letzten Jahren einen neuen Stellungskrieg hervor gebracht. Auf der einen Seite der Front steht: „Das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen“, als große Müllhalde der persönlichen Meinungen, die endlich mal alle hören sollen (und die glaubt, sich in der Anonymität des Netzes verstecken zu können, um der Verantwortung zu entgehen, die man für seine Meinung eigentlich trägt). Auf der anderen Seite steht: „Die political correctness“, die sich gerne auch in Shitstorms ergießt, um Menschen abzustrafen, weil sie gegen die Gefühle irgendeiner Minderheit unsensibel waren. Zwischen diese Schusslinie geraten Protagonisten wie Markus Lanz (der zugegebenermaßen unglücklich versucht hat, über einen ziemlich fadenscheinigen Verbalangriff auf Sahra Wagenknecht sich selbst als politischen, ja was? Bildungsbürger, Meinungsmacher, zu etablieren). Aber auch der Stuttgarter Bahnhof wird hier beidseitig beschossen oder wie jüngst: Die Mütter, die ihr Dasein als solche bereuen.

Der Hintergrund der Aufregung des neusten Internetschlacht: Die israelische Soziologin Orna Donath hat in einer Studie mit 23 Frauen gerade nachgewiesen, dass es Mütter gibt, die es bereuen, Kinder bekommen zu haben. Unter dem #regrettingmotherhood ist daraus in Turbogeschwindigkeit eine Netzdebatte geworden, die an einem unserer letzten Tabus rüttelt.

Als Psychologin wundert man sich manchmal über diese öffentliche Empörung, die auf einer Verblendung bzw. gesellschaftlichen Selbstlüge beruht. Durch den eigenen Beruf hat man ständig mit Geständnissen zu tun, die einem die eigentliche Wahrheit lange schon offensichtlich machten. Man vergisst daher manchmal, dass diese Wahrheit ja nicht öffentlich ist, sondern nur von sehr verzweifelten, hilfesuchenden Menschen Psychologen zu Ohren kommt. Aber gerade bei dem Mutterthema ist das Paradox von Sein und Sollen so groß, dass es mich wundert, dass sich noch jemand wundert, dass Mütter sehr oft an ihrer Lebens-Situation verzweifeln. Ich könnte aus meinen Erfahrungen sogar sagen: Es wundert mich manchmal, wie viele Frauen glauben durch Kinder ihrem Leben einen Sinn geben zu können, der vormals offensichtlich fehlte; wie viele Frauen ihr Selbstwertgefühl durch Kinder versuchen zu stabilisieren; wie viele Frauen glauben mit Kindern endlich andere Menschen (Kinder und Mann) für immer an sich binden zu können, um ihren Verlustängsten zu entgehen – und wie viele Frauen diese extreme Enttäuschung zwischen Erwartung und Realität verkraften müssen und versuchen nicht an ihrer Ohnmacht zu verzweifeln. Und mir sind in meinem Berufsleben sehr viele Mütter begegnet, die zwar ihre Kinder lieben, doch ihre überfordernde Situation sofort tauschen würden, wenn das ginge.

Mütter, die unbedingt und von klein auf selbst Kinder wollten, wollen immer damit für sich etwas haben (geliebt werden, Absicherung, Status als Mutter, Lebenssinn) und merken dann, dass es mit den Kindern gar nicht mehr um sie geht, dass die Rechnung nicht aufgegangen ist. Es werden dann schöne Momente beschworen (das erste Lächeln des Babys, Radfahren lernen etc.). Aber letztlich ist doch völlig klar, dass da ein anderer Mensch (bzw. sogar mehrere) einem das eigene Leben rauben, jeden lockeren, einfachen, fröhlichen Inhalt erstmal weg drängen, jede Sehnsucht mit Realität beschmutzen – und das endlose 15-20 Jahre lang. Und gerade Mütter betrifft das vom Stillen bis zum (nach wie vor) altmodischen Familienmodell 4-5x so viel wie Väter. Väter dürfen sogar ungestraft Wochenendväter sein (in der Ehe oder danach). Insofern steht ihnen ein breiter Fluchtweg offen, wenn die Realität sie zunehmend verzweifeln lässt. Und jeder zweite wählt diesen Weg (natürlich nicht nur wegen der Kinder, sondern wegen der Gesamtsituation mit dem unbefriedigenden, fremdbestimmten Familienalltag und den Frauen, die sich als Mütter so frustrierende, manisch verändern). Aber keine Mutter darf auch nur annähernd eine Wochenendmutter sein, ohne dass ihr Selbstwert von der Gesellschaft (und somit auch von ihr selbst) völlig erniedrigt wird.

Nicht umsonst sind Kinder der Hauptgrund, warum Partnerschaften und Ehen scheitern. Und das ist schon sehr lange bekannt. Wieso wundern sich dann plötzlich alle, dass Mütter ihre Entscheidung oft genug bereuen?! Hier stehen einfach nur Jahrhunderte der Verblendung (Frauen wären von Natur aus zum Muttersein geboren) gegen eine Generation frei Wahl (denn erst seit der Pille liegt die Entscheidung ja bei den Frauen und musste auch erst in einer vollen Generation mit Pille in die Prägung einfließen).

Wir halten aber trotz Pille und zunehmenden Zahlen von Frauen, die keine Kinder bekommen (besonders wenn sie interessante Jobs haben), am Mythos der Mutterschaft als Lebenssinn fest: Einer der letzten universalen Werte unserer Welt (auch jenseits christlicher Kultur, aber durch diese noch massiver verklärt). Alle dürfen Egoisten sein: Männer sowieso (das steht ihnen sogar, dann sind sie durchsetzungsfähig etc.), Singles, Kinder. Nur die Mütter sollen als einzige Gruppe in der hedonistischen, selbstbezogenen Welt allen anderen die Steigbügel halten für deren Hedonismus: Für die nächste rentenzahlende Generation sorgen und trotzdem perfekt gestylt dem Fachkräftemangel entgegen wirken, für wenig Geld. Sobald sie auf den Traum von Mutterschaft hereinfallen werden sie ausgeschlossen aus der einzigen weiblichen Machtsphäre: der sexy allzeit bereiten Jugendlichkeit, die sie kurz vor der Mutterschaft noch hatten. Plötzlich gehen sie allen nur noch mit ihren Kinderwägen, ihren hässlichen Schmuddelklamotten, ihren Rücksichtsansprüchen, ihrer Teilzeit auf die Nerven. Statt unendlicher Liebe und einem süßen knuddeligen Babyärschchen gibt es Gebrüll und vollgemachte Windeln, Abhängigkeit, Angst vorm Versagen und viel Drecksarbeit.

Viele Frauen ohne große Karrierechancen und einen erfüllenden Job wählen die Kinder und den Haushalt auch nur im Kontrast zu sinnfreier Arbeit und Leistungsdruck und neurotischen Chefs in der Firma. Wer die Wahl hat zwischen einer schweren Grippe oder Krebs wählt natürlich die Grippe.

Leider ist wenig wissenschaftlich so gesichert, wie die Tatsache, dass das Verhalten der Mutter und der liebevolle geduldige Umgang mit dem Kind, jeden Menschen maßgeblich beeinflussen, über Glück und Unglück im Leben entscheiden. Allein diese Verantwortung ist schon erdrückend: Mütter sind in der Tat maßgeblich für das Glück ihrer Kinder. Gerade das erhöht den Druck, gerade das gibt der Gesellschaft ständig ihr Recht, sich einzumischen in Erziehungsstandards. Mich wundert an der ganzen Geschichte genau deshalb, warum es nur 23 Frauen waren, die sich befreit haben aus der Selbstlüge und es offen ausgesprochen haben: Ich will das nicht, diese Dauermaßregelung, diesen Verlust meiner Freiheit, meiner Würde, meiner Selbstbestimmung, die Dauerüberforderung, die Auflösung meines Selbst.

Aber wer weiß, wie lange noch die anderen Mütter selbstgemachte Muffins mit in den Kindergarten bringen und selbstgebastelte Laternen aufhängen und es schaffen, dabei immer so zu tun als wäre das sinnvoller, als seine Zeit wieder für sich zu haben, Anerkennung zu bekommen. Denn jetzt ist die Katze aus dem Sack bzw. die Mutter vom Pranger der Verklärung bzw. Anklage herunter gestiegen. Ich bin mir sicher, wenn es möglich wäre, jeder Mutter eine gutausgebildete Nanny kostenlos und 24 Stunden am Tag anzubieten, ohne dass die Gesellschaft damit ein Problem hätte, wären 90% der Mütter nur noch Wochenendmütter, oder Stundenmütter für ein gemeinsames Abendessen und ne schnelle Gute-Nacht-Geschichte. Nach außen hin könnten sie schwärmen und ihre Kinder wichtig und toll finden (wie es Väter so oft tun, obwohl sie oft nicht mal eine Stunde am Tag ihre Kinder sehen). Auf die Arbeit, die 90% des Kinderhabens ausmacht, hat niemand besondere Lust. Es ist erstaunlich, dass das falsche Mutterbild jetzt erst tiefe Kratzer bekommt. Der Adel und jeder, der es sich leisten konnte, gab schon immer seine Kinder in Obhut, ließ andere die Arbeit machen und kaschiert mit nobler Erziehung durch die Kinderfrau sein Selbstwertgefühl. Und die Freizeit wurde nicht mit arbeiten gefüllt.

Und wen die Härte dieser Aussagen hier schockt: Mich schockt die Verlogenheit einer Gesellschaft, vielleicht sogar die gewollte Blindheit vieler Männer, die sich der Verzweiflung ihrer Frauen nicht stellen wollen, die scheinheilige Hoffnung, es wird schon weiter so gehen, immerhin bekommen ja ein paar Frauen noch Kinder und dann müssen sie das eben alles hinnehmen, wird schon nicht so tragisch sein, ist doch die Natur. Mich schockiert die Boshaftigkeit, die Mütter untereinander entwickeln – typisch für erniedrigte Machtlose, die versuchen, ihr Selbstwertgefühl über die Erniedrigung Gleichgestellter noch etwas zu verbessern (indem sie versuchen, ihre Kinder zu Hochbegabten zu erklären, die mit normalen Kindern nicht mehr spielen dürfen oder böse über Mütter tratschen, die keine Torten in Konditorqualität selber backen, für den Baby-Pilateskurs). Ich als Psychologin glaube jedenfalls schon lange keiner Mutter mehr, die Mutterschaft als Erfüllung ihres Lebens behauptet. Ich finde das nicht schlimm, dass Mütter ihre Mutterschaft oftmals in Frage stellen. Die Wahrheit ist niemals schlimm. Schlimm wird es erst, wenn wir sie verleugnen.

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Penelope auf Reisen

Penelope, die Gattin des sich auf Reisen befindenden Odysseus´, hatte versprochen, sich einen neuen Gatten zu wählen, sobald sie ihr Trauerhemd zu Ende gewebt hätte. Deshalb stand sie nachts heimlich auf und zerstörte die Arbeit des Tages, um die Entscheidung hinaus zu zögern. Odysseus kam widererwartend zurück, wurde von ihr als wahrer Gatte erkannt und ermordete die lästigen falschen Bewerber.

Kaum ein Mythos beschreibt die geistig-emotionale Welt, die Tiefenpsychologie der Frau, so passend: Das Warten auf den Richtigen. Das Sich-Drücken vor Entscheidungen. Und während im Mythos der Mann dann irgendwann auftaucht und alles regelt, glauben die realen Frauen trauerhemdwebend, es gäbe ihn auch in der heutigen Realität. Was ist auch so ein dumpfer Allerweltshansel draußen im Hof wert, gegen den großen weltgewandten Helden, der irgendwann schon (wieder) kommen wird?! Also: Lieber weiter trauern über die dumme Welt und die Hoffnung nicht aufgeben.

Doch hätte es für Penelope nicht auch andere Entscheidungen gegeben? Was hielt sie davon ab, in der blutrünstigen Antike die schmarotzenden Freier, die den Hof belagerten, selbst zu töten? Auch ist die Antike voll von Prinzessinnen und starken Göttinnen, die das Ruder selbst in die Hand nahmen. Antigone und Kleopatra sind da nur ein fiktives und ein reales Beispiel (auch wenn es beide Male nicht gut ausgegangen ist … das tut es bei den Königen und Göttern der Antike auch fast nie). Oder was wäre aus Odysseus gar geworden, wenn seine Frau darauf bestanden hätte, mitzufahren? Kaum eine Sirene oder eine schöne Helena hätte wohl ihr verführerisches Handwerk einfach so betreiben können…

Oder man stelle sich vor: Penelope wäre alleine los gefahren und Odysseus hätte daheim auf sie gewartet, umgeben von lüsternen Weibern, die sich an seinem Hof über Jahre alles erlaubt hätten. Er hätte Tag und Nacht mit seinen Dienern vorm Webstuhl gesessen und gehofft, dass Penelope wiederkommt, während die Frauen draußen immer mehr Druck gemacht und den Weinkeller nach und nach leer gesoffen hätten.

Und Penelope hätte sich derweil findig mit einäugige Riesin gemessen und den wunderschönen Gesängen eines Männerchors getrotzt und ein hölzernes Pferd gebaut, um die Trojanerinnen zu besiegen, die den schönen Paris entführt hätten. Denn der wurde Helena versprochen, wenn sie Adonis zum schönsten Mann erklären würde (entgegen der Konkurrenten Zeus der Ares, die auch die schönsten Männer sein wollten, aber doofere Sachen zur Bestechung im Angebot hatten). Und weil dann Helena den schönen Paris nach Troja brachte und das der Auslöser für den Trojanischen Krieg war, musste sich Penelope also einmischen und die hellenistischen Griechinnen mit ihrer List zum Sieg führen, während ihr treuer Mann Odysseus daheim Trauerhemd webend saß und die Freierinnen hin hielt….

Sehen Sie liebe Leser: In so einer absurden Denke befindet man sich als Frau. Täglich. Heute noch. In der Welt des Mythos von der Gleichberechtigung.

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Politisch korrekte und oder Aufklärung

Wenn die Aufklärung zur Ideologie verkommt, dann nennt man das heute politisch korrekt.

Das Problem der politischen Korrektheit ist das allmähliche Verschwinden von starken Normen und Orientierung: Denn starke, wertende Aussage (auch wissenschaftlich belegt) sind nicht mehr erlaubt – selbst wenn man sie bereit ist ständig zu hinterfragen. Schnell setzt man sich der Meute eines Shit-Storms aus, wenn man z.B. sagt: Es ist bewiesen anhand von klaren Zahlen, dass immer mehr Mütter ihre Kinder für ihre eigenen unreifen narzisstischen Bedürfnisse missbrauchen. Oder: Wenn man konsequent religiöse Gefühle in den privaten Raum verbannt, kann man politisch sehr gut unterscheiden, wer Recht bricht und wer nicht (das gilt übrigens nicht nur für muslimische Kopftücher an Lehrerinnen und Kruzifixe in Klassenzimmern, sondern auch für Politiker, die auf die Bibel schwören oder die Priester, die Kinder missbrauchen und sich über ihre Glaubensgemeinschaft geschützt wissen.)

Wer sich religiöser Dinge bedient, um sein zutiefst privates Verhalten, das andere stört oder schädigt, zu rechtfertigen, begeht Unrecht. Wenn ein Politiker seinen Eid ablegt, will ich wissen, dass er sich an den Rechtsstaat hält, die volle Verantwortung für sein Tun übernimmt – und sich nicht mit Gott und seiner Hilfe bzw. mangelnden Hilfe herauszureden versucht, wenn ihm das nicht gelingt. Er kann seinen göttlichen Schwur ja privat denken, aber nicht in den öffentlichen Raum hinausposaunen.

Weder der Islam noch der Katholizismus gehören zum deutschen Rechtsstaat. Im Gegenteil: Sie gehören strikt davon getrennt. Sie gehören zwar zur deutschen Geschichte oder ins deutsche Privatleben. Aber wenn ständig öffentlich auf religiöse Gefühle Rücksicht genommen wird, könnte ich genauso gut einklagen, dass sich mein atheistisches Gefühl durch die narzisstische Unreife jeder Form von Religiosität geängstigt fühlt: Ich bekomme verzweifelte Ängste ob der narzisstischen Selbstüberschätzung aller Menschen, die an Gott glauben und dies vor kleinen Kindern deutlich zeigen müssen. Denn Gläubige jeder Religion lassen sich erwiesener Maßen leichter dazu hinreißen, ihren Ängste, ihren Frust und ihre Aggression nicht nur mit sich und ihrem Gott auszutragen, sondern gegen Andersgläubige zu wenden: Sie bauen Mauern um ganze Länder, sie wollen (in einer nur etwas gesteigerten Form der Ausgrenzung) gerne Atombomben auf andere schmeißen oder sie köpfen oder vergewaltigen. Und oft genug tun sie das auch. Und wer glaubt, vom Kopftuch oder Kruzifix (mit gefoltertem nackten Mann) hin zu Köpfungen wäre der Weg weit: Er ist es psychologisch nicht. Religion ist Macht, weil sie aus unserem unreifen Narzissmus unserer Angst vor der Sterblichkeit entsteht. Wer nimmt auf diese meine atheistischen Gefühle Rücksicht? Vor welchem Gericht kann ich sie in Deutschland einklagen?

Die politische Korrektheit ist ein (deutsches) Problem geworden, das unbewusst in unsere Kultur eingesickert ist – bis ins BGH. Ich bin ein großer Freund persönlicher Freiheit und ein großer Gegner der übertrieben Rücksicht auf persönliche Befindlichkeiten im narzisstischen Bereich. Wenn etwas mein Selbstwert schmerz, sollte ich hinschauen (gerade auch im Sinne jeder der monotheistischen Religionen) – und erstmal nicht vors Verfassungsgericht rennen. Das gilt für das Esra-Urteil genauso wie für die Erlaubnis, kleine Kinder zu unterrichten, mit einem so offensichtlichen religiösen demuts-stolzen Symbol um den Kopf.

Dagegen helfen nur starke, gut diskutierte, gut untersuchte Normen z.B. das der Verbannung von allem übersinnlichem Glaubenszeichen aus dem öffentlich bestimmten Raum, da sonst alle Menschen beeinträchtigt werden durch höchst demonstrative private Gefühle Einzelner (und den daraus entstehenden gefährlichen Streitereien). Exhibitionisten dürfen sich auch nicht entblößen, um allen ihre innere Befindlichkeit zu zeigen (die noch nie den Anspruch erhoben hat für alle zu gelten). Zumal wenn man die Wissenschaft mit ihrer weitest-möglichen Neutralität und Objektivität auf seiner Seite hat bei dieser Argumentation, lässt sich auch noch fragen, wie man Recht heute herstellt.

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Bist Du schon authentisch oder suchst Du noch Dein Selbst?

Früher gab es den schönen Spruch: „Es ist nichts so schwer zu planen, wie Spontanität.“ In Zeiten des Internets kann man diesen Satz abwandeln in: „Es ist nichts so schwer herzustellen, wie die eigene Authentizität.“ Ständig wird im Netz auf authentisch gemacht. Mit schauspielerischer Anstrengung versuchen Menschen authentisch `rüber zu kommen. Stars versuchen, authentisch zu bleiben und ihren Fans ihre eigene Authentizität zu verkaufen. Firmen versuchen, mit authentisch wirkenden Inszenierungen (meist von jungen gut gelaunten Leuten, die unglaublich authentisch Spaß haben und dabei in Seen hüpfen oder auf Dächern in Sonnenuntergängen Bier trinken) ihre Produkte an den Authentisch-Gläubigen zu bringen. Dabei haben alle den gleichen authentischen Vollbart, die authentische Nerd-Brille, den authentischen 50er Jahre Spießerhut und die authentischen bunten Strumpfhosen zu authentisch nicht gekämmten Haaren mit Seitenpony, der aussieht wie authentisch selbst geschnitten.

Kein Zweifel: Das Authentische ist heute voll Mainstream und kulminiert in dem Satz: „Sei einfach Du selbst.“ Ständig wird an sich selbst geglaubt, sich selbst gesucht, gewusst was man selbst will, was zu einem selbst passt. Und man will natürlich um seiner selbst willen gemocht werden – auch wenn das eigene Authentische noch so inszeniert ist: Gerade deshalb! Deshalb geben wir uns doch soooo Mühe mit dem ganzen Authentischen. Deshalb perfektionieren wir doch ständig unseren perfekt-authentischen Style.

Dabei gibt es natürlich verschiedene Formen des Authentischen: Das Luxus-Authentische (wer kann sich schon einen Jaguar leisten: nur der Authentische), das Kreativ-Authentische (das sind Leute, die ihre Schals selber machen oder Vintage einkaufen), das unfreiwillige Understatement-Authentische, also jemand, der Klamotten bei H&M kauft im Authentisch-Stil. Aber immer wird konsumiert, um authentisch zu sein und wenn es nur Stricknadeln sind: Die Machbarkeit des Selbst als neoliberale Ausgeburt des Spätkapitalismus. (Dieser Satz ist voll authentisch Frankfurter Schule.)

Einher mit dem Authentischen geht oft das Autistische: Die Konzentration auf die Selbstsuche wird zum Lebensinhalt, zur Orientierung in der ewigen Suche nach Anerkennung. Und damit ist es natürlich zutiefst narzisstisch. Aber was bleibt uns übrig: Wenn es nichts mehr zu erreichen gibt, wenn alles Streben nur noch mehr Unheil und Umweltzerstörung bringt, kann man auch mit Nichtstreben die Umwelt zerstören. Aus Kunst für die Kunst (und nicht für die Macht) ist Konsum für den Konsum geworden. Vielleicht war der Mensch mit seinem narzisstischen Naturell damit nie so authentisch wie heute.

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Aus unserer Mitte

Wenn man von einer Nachricht hört, wie dem Absturz der Germanwings-Maschine diese Woche über den französischen Alpen, geht es wohl vielen Menschen so, dass nach dem ersten Moment der Ungläubigkeit, des Zweifels, ob man sich nicht verhört hat (eine deutsche Maschine der Lufthansa, in den Alpen, nicht irgendwo im Pazifik, auf einer Flugroute, die man selbst kennt…?!), ein zweiter Moment der persönlichen Betroffenheit folgt: Die armen Menschen, die armen Angehörigen, meine Güte, das hätte mir mit meinen Lebensgewohnheiten genauso passieren können. Man möchte nähere Informationen, Terrorverdächtigungen kommen heute sofort auf, wie konnte das passieren…
Technik-Vorschriften werden zitiert, Ingenieure befragt. Man möchte den Fehler wissen, in der Maschinerie unseres sonst so sicheren Lebens. Denn durch Durchleuchtungsmaßnahmen und Sicherheitskonzepte scheint jeder Fehler berechenbar und beherrschbar geworden zu sein.

Und wenn trotzdem etwas passierte, gibt es eine Welle der Solidarität, ein Gemeinschaftsgefühl gegen das Fremde, Störende. Der Tod der Angehörigen der eigenen Werteordnung schafft großes Mitgefühl und Identifikation: Eine Solidarität inmitten des egozentrischen, hedonistischen Alltags dieser Werteordnung, die normalerweise alles für die Sicherheit des Einzelnen tut. Die Betroffenen haben sich unfreiwillig geopfert, für die Erweiterung der Berechenbarkeit und Sicherheit (bis in die letzten Winkel unserer Lebensweise). Machbarkeit und Perfektionismus scheinen die momentane Ohnmacht schnell wieder zu neutralisieren durch Gegenmaßnahmen, die uns noch sicherer machen, die Lücken in der Berechenbarkeit schließen. Bei Charlie Hebdo oder bei 9/11 war das gut zu beobachten: Die Gemeinschaft der individualistischen Selbst-Verwirklicher spürte auf einmal den wohltuenden Altruismus, den Zusammenhalt gegen das Irrationale, Fremde, Minderwertige-Andere. Im Tod der Gleichgesinnten durch die Feinde unserer Werteordnung finden wir sogar endlich wieder etwas Lebendiges, Menschliches, Übergreifendes in unserem ach so sicheren und gut geschmierten Leben.

Und dann wurde man überrascht von etwas, mit dem man nicht gerechnet hat, das auf irritierende Art nicht zu berechnen ist: der Mensch nebenan. Der Fehler scheint diesmal unsere Vorstellungen zu übersteigen. Denn selbst Terroristen erscheinen heute nur noch wie technische Fehler, Störfaktoren, die pauschal ausgeschaltet werden, mit Sicherheitstüren zum Cockpit und Codes und Kofferscannern und Überwachungskameras. Sie scheinen berechenbar in ihrem pauschalen, immer gleichen Hass auf den Westen und somit beherrschbar: Irre Zerstörungswut, die man neutralisieren kann. Der Sicherheitsnarzissmus unserer westlichen Welt versucht die eigene Lebensweise dagegen zu verteidigen, mit seinem Erfindergeist und seinen Wahrscheinlichkeitsstatistiken.

Doch nun erwächst der Feind plötzlich genau aus der Mitte der eigenen narzisstischen, egozentrischen Werteordnung. Er inszeniert seinen Tod so, dass er über die 15 Minuten Ruhm (die ja mittlerweile jeder hat) und all die normalen Eitelkeiten des Internet und der Selbstinszenierung hinaus reicht, bis in alle Ewigkeit. Es ist einer aus unserer Mitte, mit Erfolgsberuf (Pilot bei der Lufthansa) und Bestnoten in allen Tests – und genau aus diesen Gründen der individuellen Eitelkeit und Kränkbarkeit will er sich erfolgreich unvergesslich machen, inszeniert sich mit einem 150 fachen Mord final selbst.

Es war auffällig, dass die Spezialisten der Technik, die Fachleute aus der Ingenieurwissenschaft plötzlich ersetzt wurden, durch die Fachleute für Psychologie und Neurologie, deren Antworten genauso präzise sein sollten, wie vormals die der Maschinenbauer – und es nicht sein konnten. Depression ist nur ein scheinbarer Terminus-technicus. Wiedermal scheint die Psychologie untauglich für genaue Aussagen, die wir mittlerweile von allen Wissenschaften erwarten, auch über die Maschine Mensch. Wir glauben den Menschen immer berechenbarer, steuerbarer, sicherer, beherrschbarer zu machen. Aber im Angesicht des Unglücks der Germanwings-Maschine wird hier auf drastische und traurige Weise überdeutlich, was Wissenschaftstheoretiker und Psychoanalytiker, Humanwissenschaftler und Kritiker der Technisierung seit Jahren brandmarken: Der Mensch selbst ist keine Maschine, auch wenn er selbige ständig bedient und verbessert. Er bleibt für den Neoliberalismus und Kapitalismus das Störelement, dass nicht in den Griff zu bekommen ist, immer wieder die Statistik verdirbt (die Aktie der Lufthansa und aller anderen Fluggesellschaften und Versicherungen sind im freien Fall seit Dienstag).

Es gibt im Jahr ca. 4000 Verkehrstote im täglichen Straßenverkehr, den wir alle benutzen. Erschreckende Bilder und Mitgefühl werden fast täglich vermittelt, immer neue Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Und es bringen sich jährlich ca. 10 000 Menschen selbst um – eine tausendfache Wahrscheinlichkeit im Vergleich mit einem Flugzeugabsturz. Darüber wird fast nie berichtet, da wir hier mit unserem Willen zur Beherrschbarkeit an Grenzen stoßen. Es scheint fast so, als darf nicht sein, was nicht sein soll, als würden wir uns schämen für unsere Inkompetenz, unsere allzumenschliche Unberechenbarkeit, inmitten der Perfektion. Und so scheint uns der Selbstmord eines Piloten wie die größte, unvorstellbare Unwahrscheinlichkeit. Dabei ist der sogenannte „erweiterte Suizid“ seit Jahren schon ansteigend: Kränkung und Rache und die Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen aufgrund eigener narzisstischer Bedürfnisse nehmen selbst bei den Selbstmorden zu. Auch wenn jemand vor einen Zug springt, den Bahnfahrer traumatisiert und stundenlang den Verkehr lahm legt, ist davon schon etwas vorhanden. Der stille Abgang passt oft nicht mehr zu den Gründen des heutigen Selbstmordgedanken: Die eigene Bedeutungslosigkeit im System, die erfahrenen Abwertungen und Kränkungen durch Mitmenschen im Beruf und privat. Selten fällt die Anklage an das System aber so drastisch aus, wie beim Absturz der Germanwings-Maschine: 149 Menschen als Opfer für die eigene Anklage an die Welt. Zum Glück haben nur wenige Menschen diese Möglichkeiten der großen finalen narzisstischen Selbstinszenierung.

Und so ist der Terrorist plötzlich doch nicht mehr so fremd, mit seinem Sprenggürtel und seiner Flugzeugentführung. Denn die große Kränkbarkeit und narzisstische Abwertung, die islamistische junge Männer durch die westliche Werteordnung empfinden, die dann zu solchen Taten führt, weist eine starke psychologische Verwandtschaft zum jungen gutausgebildeten weißen Mann auf, dem es auch um eine Form der Unsterblichkeit seines Egos ging.

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Kriegsenkel

Zuerst eine Mitteilung in eigener Sache: Am 1.4. findet im Rathaus München am Marienplatz in der juristischen Bibliothek eine Lesung statt. 3 Autoren (darunter auch ich selbst) lesen aus dem neuen Buch „Nebelkinder“ (Europaverlag) ihre Texte vor. Das Buch ist eine Anthologie, eine Textsammlung zum Thema Kriegskinder und Kriegsenkel. Es sind Erfahrungsberichte und psychologische Betrachtungen über die Altlasten des Krieges, die Traumatisierungen, die durch die Generationen weitergereicht wurden und sich in den Selbstzweifeln, Beziehungsschwierigkeiten und dem latenten Unbehagen der heute 35-55 Jährigen zeigen. Also: Wer das Thema spannend findet, ist herzlich eingeladen. Man muss sich nicht voranmelden.

Im November gab es eine Tagung zum Thema Kriegsenkel und ich war als Vortragende eingeladen wegen meines ersten Buches „Ich, Rabentochter.“ Es ist schon 2006 erschienen, aber das Thema flammt jetzt erst richtig auf. Das liegt wohl daran, dass die Kriegskinder (unsere Eltern), die als letzte Menschen noch selbst die brennenden Städte, den Hunger und Bomben mitbekommen haben, gerade sterben. (Meine eigenen Eltern gehören dieser Generation der 1930-1945 Geborenen an, sind Flüchtlingskinder und Vertriebene des politischen Nazi-Größenwahns. Sie haben ihr Leid typischer Weise unter Wirtschaftswunder und traditionellen 70er Jahre Familien vergraben.) Viele Kriegskinder müssen sich jetzt – im Angesicht ihres baldigen Todes – den eigenen Erinnerungen und der Kritik ihrer unglücklichen Kinder (der Kriegsenkel) stellen, die doch alles hatten, im größten Wohlstand der Geschichte groß geworden sind – und trotzdem immer das Gefühl haben, nicht richtig anzukommen im Leben, nicht (perfekt) genug zu sein.

Das Thema ist hochexplosiv. Und der anfängliche Versuch, Kriegskinder und Kriegsenkel gemeinsam in Treffen und Tagungen in den Dialog zu bringen, scheiterte an bösen Vorwürfen und Schuldzuweisungen. Die Älteren werfen den Jüngeren vor: Ihr habt doch das Schlimme gar nicht selbst erlebt, ihr jammert, obwohl wir alles für Euch getan haben und uns hat niemand gefragt damals, ob wir das aushalten können…. Die Jüngeren werfen den Älteren vor, emotional versagt zu haben, verstockt und verlogen ihre Neurosen an ihren Kindern ausgelassen zu haben. Keiner bekommt Anerkennung für sein eigenes Leid von der anderen Seite, sondern nur Schuldzuweisungen.

Ich bin 2006, als mein Buch erschien, oft angegriffen worden. („Frau Ohana, man kann nicht glauben, dass sie das alles wirklich erlebt haben“, war noch der netteste Vorwurf.) Andererseits wurde mir ständig „Mut“ bescheinigt für meine schonungslose Offenheit. (Das habe ich noch weniger verstanden als den Vorwurf der Lüge.) Letztlich ging es mir um Klarheit für mich selbst, um die Anerkennung meiner Geschichte und Sichtweise. Und erstaunlicher Weise hatten ähnliche Zustände sehr viele Menschen meiner Generation erlebt. Auch ihre Sichtweise wurde angegriffen und in Zweifel gezogen, als Abwehr der Wahrheit und Schuld der Eltern.

Es war also auf der Tagung im November zuerst mal eine Befreiung, unter so viel Gleichgesinnten zu sein, offene Türen einzurennen. Sabine Bode, die wohl mit ihrem Buch „Kriegsenkel“ das erfolgreichste Buch geschrieben hat zu dem Thema und Schirmherrin des Themas geworden ist, sagte mir in einem langen Gespräch am Vorabend meines Vortrags, sie werde sich zukünftig anderen Themen zuwenden: Es bleiben doch zu viele Menschen in der bloßen Erkenntnis ihres Leides stecken. Sie kämpfen um Anerkennung, aber nicht darum es zu überwinden. Was das bedeutete, merkte ich am nächsten Tag.

Mein Vortrag, der wiederum meine Erfahrungen mit meinen Kriegskindereltern und ihrem Sterben darstellte und reflektierte (er findet sich im neuen Buch „Nebelkinder“) wurde mit einer typischen „Ergriffenheit“ aufgenommen, die mir selbst auch immer widerfährt, wenn ich auf Menschen treffe, die ein ähnliches Schicksal haben. Ich bin mit meinem Mist, meinem Weg, nicht allein, ist das Gefühl, was dahinter steht. Es gab zahlreiche Meldungen, Danksagungen, Gemeinschaftsbekundungen. Doch dann wurde ich gefragt, wie ich es geschafft habe, da „raus zu kommen“, offensichtlich das Leid so weit hinter mir gelassen zu haben, dass man es mir nicht mehr anmerkt. Darauf habe ich eine psychologisch und wissenschaftlich fundierte Antwort geben können (mit aktuellen Studien auf dem neusten Stand der Forschung). Doch diese Antwort war offensichtlich sehr unbequem für viele Zuhörer und so kippte plötzlich die Stimmung und innerhalb von Minuten wurde ich zum Feind der „Versammlung im Leid“. Nur Frau Bode, die in der ersten Reihe saß, lächelte mir weiterhin wohlwollend nickend zu.

Was hatte ich gesagt? Ich habe darauf hingewiesen, dass alle Studien aus der Therapieforschung der letzten Jahre eindeutig darauf hinweisen, dass die Wirksamkeit einer Therapie von der Qualität der sogenannten „therapeutischen Beziehung“ abhängt, d.h. von der LÄNGE der Therapie und ihrer HÄUFIGKEIT der Sitzungen und der ERFAHRUNG und AUSBILDUNG des Therapeuten. Das gilt besonders für sogenannte „Strukturschäden“. Das sind psychische Probleme, die das ganze Leben und Selbstverständnis betreffen. Und Kriegskinder und Kriegsenkel, die sich intensiv mit ihren Geschichten beschäftigen, haben genau diese starken Beeinträchtigungen in ihrem gesamten Leben. Es ist überschattet von der Lieblosigkeit und den Lügen, es läuft oft Gefahr zu scheitern, die Kindheit überschattet das ganze Dasein.

Diese wissenschaftlich gut argumentierte Wahrheit hat so viel Sprengstoff, weil die meisten Betroffenen jahrelang mit Familienaufstellungen und anderem Humbug oder viel zu schwachen Therapieformen, Gruppensitzungen etc. herumdoktoren – aus Angst vor zu viel Schmerz (was ich absolut verstehen kann, denn der Schmerz ist wirklich schlimm, wenn er in der Therapie hoch kommt). Aber der weit schlimmere Grund ist oft: Man will festhalten am Leid, man will es nicht wirklich überwinden, es gibt Lebenssinn, es gibt Rechtfertigung (für das eigene Scheitern), es ist eine ewige Entschuldigung für die Schuld, die man selber trägt, das Leid, dass man mit seinem Leid anderen zufügt.

Obwohl einem so viel Unrecht in der Kindheit widerfahren ist, ist man selbst daran schuld, wenn man ewig daran festhält: An der Anklage, an der Sehnsucht nach Wiedergutmachung. (Und ich verwende hier bewusst das starke Wort Schuld, denn es spiegelt die ganze Heftigkeit der Gefühle und Auseinandersetzung.) Viele unter den Zuhörern konnten das Versagen ihrer Eltern und Großeltern (der Nazis) genau benennen, deren Unreife, Selbstgerechtigkeit, Unfähigkeit, Schwäche. Aber die eigenen schon längst begangenen Fehler, hervorgegangen aus dem alten eigenen Leid, werden natürlich nicht so leicht zugegeben. Erstmal sollen die Schuldigen der Vorgeneration ihre Schuld eingestehen, Anerkennung zollen! Und so geht das weiter durch die Generationen. Ich weiß aus meiner Arbeit als Psychologin, wie Kinder heute leiden, weil ihre Mütter von Selbstzweifeln zerfressen sind und ihre Väter den Leistungsdruck von sich selbst auf ihre Kinder weitergeben: Unter dem Vorwand, das Beste für das Kind zu wollen, in einer globalisierten unsicheren Welt.

Wenn man eine unschöne, schwierige Kindheit hatte, ist es wichtig und richtig, sich eine Zeit lang das eigene Leid und Unrecht aus der eigenen Kindheit klar zu machen. Doch dann ist es wichtig, dieses fremdverschuldete Schicksal überwinden zu wollen, die Verantwortung dafür zu übernehmen – und sich nicht als Lebenssinn darin weiter zu „suhlen“. Wer wirklich geheilt werden will, muss irgendwann Abstand nehmen von dem eigenen erlittenen Unrecht. Das Aufschreiben meiner Geschichte hat daher für mich nicht viel mit Mut zu tun: Es war eine Befreiung und eine Anerkennung vor mir selbst. Meine Geschichte hinter mir zu lassen, ohne das Leid meiner Kindheit als Rechtfertigung für meine Fehler heute, das war wohl viel mutiger und mit Sicherheit ein schwerer Neuanfang.

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Blade Runner

Diese Woche habe ich mal wieder den Kultklassiker-Film „Blade Runner“ von 1982 gesehen. Ihm verdanke ich nun 2 tiefgreifende Erkenntnisse.

Erkenntnis Nummer eins: Wir können uns die Zukunft nicht vorstellen. Der Film spielt im Jahr 2019, also in 4 Jahren: Die Welt heute sollte (nach der Vorstellung der frühen 80er Jahre) so aussehen wie im Film. Demnach wird es immer regnen, es wird außerirdische Kolonien geben und Replikanten, menschengleiche Maschinen, die von Biotechnikern hergestellt werden und denen in ihren Gen-Code eine bestimmte Lebensdauer einprogrammiert wurde. Auch ihr Gedächtnis wurde programmiert und so glauben sie, ein echtes Leben gehabt zu haben, vor ihrem Einsatz für (niedere) Tätigkeiten in den Kolonien. Da sie aber irgendwann einen Aufstand probten, wirklich leben wollten, weil sie dem Betrug auf der Spur waren, wurde ihnen der Aufenthalt auf der verregneten Erde untersagt und sie werden nun von Blade Runner Harrison Ford erbarmungslos gejagt und eliminiert. Dabei verliebt er sich in ein sehr neues Modell, doch diese Replikanten-Frau weiß anfangs nicht mal, dass sie eine Maschine ist.

Der Film war berühmt für sein Set-Design. Es gibt dort viele lustige Geräte zu sehen, die darauf verweisen, dass 1982 niemand ahnte, dass 2019 nur noch Flachbildschirme existieren. Im Film gibt es viele knuffige, runde, dicke, kugelförmige Bildschirmgeräte, die zwar Vergrößerungen von Fotos (auf Fotopapier) per Sprachsteuerung anfertigen, aber dabei unglaublich langsam sind. Es gibt Tastentelefone, an die sich heute kein 20jähriger mehr erinnern kann. Und Harrison Ford liest Zeitung, klassisch auf Papier gedruckt. Vom Internet und Tablet-Computern weit und breit nicht die geringste Ahnung. Die Autos fliegen (wie in fast allen Sciens Fiction Filmen) kreuz und quer durch die Städte, doch kaum eine der Firmen, die auf Großleinwänden beworben werden, existiert heute mehr (Pan Am, Atari, TDK). Und: Es darf in der Öffentlichkeit geraucht werden (in LA!).

Erkenntnis Nummer zwei: Der Film ist erschreckend visionär. Das liegt nicht nur daran, dass Daryl Hannah mit ihrer Kleidung, Makeup und Frisur in keiner Hipster-Disco heute besonders auffallen würde. Es liegt auch nicht daran, dass die Wetterprognose durch den Klimawandel eine beängstigende Aktualität hat. Es liegt vielmehr an der Suche der Replikanten nach Identität und dem echten Leben. Sie wissen nicht, was sie wirklich erlebt haben, oder was ihnen einprogrammiert wurde. Sie haben ein paar Fotos, die ihr Leben darstellen sollen. Sie halten sich daran fest und hoffen auf das echte Leben auf dem Planeten Erde und nicht auf irgendwelchen künstlichen Planeten. Sie suchen die Chef-Programmierer und Ingenieure auf, um zu erfahren, wie sie aus der Fremdbestimmung ins eigentliche Leben kommen. Ihre Selbstzweifel verstecken sie hinter ihren perfekten Fassaden, denn sie wurden als schöne Maschinen ohne Fehler hergestellt, die Krankheit und Alter und alle anderen menschlichen Probleme und Unperfektionen überwunden haben. Es gibt nur ein Problem: Sie suchen ihr Selbst, denn sie entwickeln, einmal angestellt, eine Eigendynamik mit ihrem Umfeld, eine eigene Gefühlswelt, die die Widersprüche nicht erträgt. Und auf ihrem Weg töten sie ihre Erfinder, die es doch nur „gut“ gemeint haben und als Erfinder dieser neuen Welt für alle Probleme Lösungen glaubten erfunden zu haben, mit ihrer Replikanten-Programmierung. Und so sind wir mitten im Thema von meinem Blog von letzter und vorletzter Woche.

Zum einen zeigt der Film Blade Runner das zunehmende Problem auf, das sich in dem Satz: „Lebst du noch/schon oder netzwerkst du schon/noch“ zusammenfassen lässt. Diese Woche schrieb mir eine Bekannte, eine Studentin Anfang zwanzig aus Mexiko, eine Mail, wo sie mit Freunden und Mitstudenten einen Ausflug machte. Sie erklärte mir, dass meine Vermutung/Hoffnung, dass die heutigen Jung-Erwachsenen vielleicht ihre Teenager-Sucht überwunden hätten und nicht mehr dauernd in den sozialen Netzwerken posten, lesen, interagieren müssten (was ja normal ist für unsicheres Teenager-Verhalten in seiner Suche nach sozialer Bestätigung), eine völlige Fehleinschätzung wäre. Sie hätte das Gefühl, die Leute würden vor lauter Posten, Lesen, Fotografieren, Posten, Lesen… nicht mitbekommen, wo sie gerade wären, wären von der Angst bestimmt, irgendetwas zu verpassen und könnten sich gleichzeitig auf das gerade stattfindende Erleben gar nicht einlassen. Dabei würde man selbst unter Gruppendruck geraten und müsste sich aktiv reglementieren, um nicht ständig selbst zum Smartphone zu greifen.

Zum anderen zeigt der Film eine große Hoffnung auf: Eines Tages werden die Ferngesteuerten, Programmierten, angeblich durch die Technik verbesserten Menschen einen Aufstand wagen, gegen ihre Programmierer. Und das ist eine Frage und Aufgabe, der ich an dieser Stelle zukünftig noch häufiger nachgehen werde: Warum greifen wir nicht mehr die heutigen Eliten aus Silicon-Valley und die Milliardäre der Börsen direkt an? Warum bewundern viele Menschen sie noch für ihr asoziales Alphatier Verhalten? Warum machen wir ihnen nicht klar, dass sie und ihre Kinder trotz all ihrem Geld und ihrer Macht nicht geschützt werden können, vor der Masse der ausgebeuteten Replikanten, die irgendwann den Aufstand wagen werden, die sich eben nicht friedlich ferngesteuert auf ferne Planeten sperren lassen und mit Scheinidentitäten und Werbung abzuspeisen sind? Menschen ohne Selbstwirksamkeit, ohne Sinngefühl und der Möglichkeit der Lebensgestaltung halten nicht als dumme Nutztiere, Energielieferanten und Konsumenten still und lassen sich mit Apps und über ihre Angst auf ewig fernsteuern von Eliten, die sich in ihren weltfremden Refugien sicher glauben, weil sie so schnell verlernen, wie sich das Leben jenseits der Elite-Territorien anfühlt. Nehmt ihnen die Macht uns fernzusteuern zu unserem angeblichen Wohl, das eigentlich nur ihre Macht erweitern soll! Lasst Euch nicht über Eure Angst, etwas zu verpassen oder einen Fassadenstatus der schönen Bilder und dummen Videoklips das wirkliche, echte Leben rauben, mit seinen enttäuschenden und schönen Momenten! Bleibt und werdet willensfreier!

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Die neue Narzissmus-Elite aus Silly-Con Valley

Diese Woche hat der SPIEGEL seinen Leitartikel der neuen Elite aus Silicon Valley gewidmet: Den (zukünftigen) Herren der Welt, die angeblich für alle Probleme Lösungen entwickeln und alles verändern werden.

Ganz aktuell geistert da der Gründer des Ersatz-Taxidienstes Uber durch die Medien und Hoffnungen der Börsianer. Sein Unternehmen wird auf 41 Milliarden (!) geschätzt. Dieser utopische Wert basiert auf einer App für private Taxidienste. Doch eigentlich geht es hier natürlich irgendwie um die Zukunft. Herr Kalanick (38) lässt sich negativ über Frauen, Politiker und Journalisten aus: Alles niedere Wesen, die man fernsteuern kann und sollte – zum Wohle der Menschheit. Seine jetzigen schlecht bezahlten Fahrer möchte er zukünftig durch Computer und selbstfahrende Autos ersetzen. Und so frag ich mich doch: Was soll daran bitte die Welt positiv verändern? Es wird Arbeitsplätze kosten, aber der Neokapitalismus kostet uns seit vielen Jahren mit seinen Kürzungen und Optimierungen Arbeitsplätze. Und eine Lösung dafür scheint niemand zu haben in Silicon Valley. Außer Programmierern scheint bald niemand mehr gebraucht zu werden. Selbst an Psychotherapieprogrammen wird jetzt gearbeitet, damit die depressiven Arbeitslosen zukünftig kostengünstig und mechanisch behandelt werden können. Leider haben aber gerade sämtliche großen weltweiten Studien gezeigt, dass nur die Beziehung zum realen Menschen als gutausgebildeten Therapeuten Heilung bringt. Denn die psychischen Probleme entstehen durch sozialen Stress, Lieblosigkeit und mangelnde Wertschätzung. Und die können nur durch realen sozialen zwischenmenschlichen Respekt und Wertschätzung gelöst werden. Dieser Widerspruch zwischen den Erfindern aus Silicon Valley mit ihrem neoliberalen Maschinen-Menschenbild und dem wirklichen Menschen, ist leider grundsätzlich in der aktuellen Diskussion um die Weltentwicklung.

Der Gründer vom Taxidienst Uber Kalanick ist laut SPIEGEL „aggressiv, rücksichtslos, überambitioniert“ – wie seine Elitekollegen von Amazon, Google, Facebook, Airbnb, Apple auch. Das war Hitler übrigens auch. Und wer glaubt, dieser Vergleich wäre unpassend oder politisch völlig unkorrekt: Hitlers Erfolg beruhte in erster Linie auf seinem Narzissmus und dem Narzissmus seiner Anhänger, ihrem Glauben, Teil einer neuen, besseren Welt zu werden, ohne die Probleme der niederen Rassen. Die Menschheit sollte optimiert werden. Diesem Wahn folgten all die Menschen, die der „Banalität“ des Menschlichen (wieder mal) entfliehen wollten, in ein (arisches) Weltreich, in dem alles „viel besser“ wäre und alle Probleme durch den Machbarkeitswahn der Unterwerfung, Planung und Züchtung abgeschafft wurden. Mensch sollten zu perfekten Kampfmaschinen reinen Blutes getrimmt werden. Wer nicht mithalten konnte, war minderwertig und konnte rücksichtslos übergangen oder beseitigt werden. Heute soll der Mensch zu einer perfekten Konsummaschine gezüchtet werden, ohne die lästigen Beschränkungen der Politiker und Interessengemeinschaften, die nicht zum Schöne-neue-Welt-Wahn der Alphatiere/Führer aus Silicon Valley passen. Und ihr Gesundheitswahn toppt noch Hitlers Körperwahn vom stahlharten Soldaten. Völlig neu „denken und leben“ – das Mantra aus Silly-Con-Valley, pardon Silicon Valley – ist damals wie heute der ewig narzisstische Wunsch, dem banalen Leben und Sterben doch irgendwie entfliehen zu können.

Sie halten sich für Götter, die einen Eroberungskrieg um die Welt führen. Der Uber-Gründer Kalanick bricht einfach die Gesetze, die seinen Dienst verbieten. Der als Genie gefeierte Ray Kurzweil (67), der Chefingenieur von Google, nimmt täglich 150 Tabletten zu sich, um die technische Revolution noch zu erleben, die seinen Körper unsterblich machen soll. Der Mann hat 19 Ehrendoktortitel und hat Technikspielereien erfunden, wie den Sprach-Synthesizer. Mal davon abgesehen, dass wohl irgendwann seine Nieren versagen werden (wegen der ganzen Zusatzstoffe in den Pillen), finde ich es vollkommen pathologisch, dass jemand ewig leben will, sich derart wichtig nimmt, weil er ein paar technische Dienstleistungsfortschritte erfunden hat. Auch Steve Jobs hat letztlich nur den Touchscreen erfunden, der Bedienungsfreundlichkeit eines Gerätes Vorschub geleistet, was unsere Faulheit und Dummheit tagtäglich fördert. Die digitale Retusche hat unserem Schönheitswahn Vorschub geleistet. Soziale Netzwerke haben Spionage, Stalking und Mobbing in einem unvorstellbaren Ausmaß gefördert. Probleme, die gelöst werden, bringen erfahrungsgemäß einfach nur neue Probleme auf. Das liegt in der biologischen Widersprüchlichkeit des Menschen selbst: Jeder will für sich das beste Leben – und braucht dafür alle anderen, die dasselbe wollen. Wenn man die existierenden Regeln, die versuchen, den Egoismus zugunsten des Altruismus in Zaum zu halten, lahmlegt und die angeblich so veraltete Politik umgehen will, weil sie den schnellen Fortschritt behindert, sollte man sich überlegen, wozu. Jede technische Neuerung hat bisher nur ungeahnte neue Probleme geschaffen, die sich die erhabenen Erfinder nicht vorher überlegt haben. Und das ist hauptsächlich auf ihr neoliberales Menschenbild zurück zu führen, das auf Rationalität und Wachstum beruht – aber sehr wenig mit dem realen Menschen zu tun hat.

Auch künstliche Intelligenz und das menschliche Hirn haben so viel miteinander zu tun, wie ein Schlauchboot mit einem Tanker. Beide schwimmen. Unsere Intelligenz ist schwer zu definieren. Aber sie besteht wohl aus einer schnellen Verknüpfung der Daten aus der Umwelt und der emotional gewerteten Erfahrung des bisherigen Lebens. Künstliche Intelligenz lebt dagegen nicht. Man kann keinen Alltag mit ständig neuen vielfältigen sozialen Situationen künstlich gestalten, alleine weil hier das Ziel fehlt: Das individuelle, persönliche, narzisstische Streben nach einem besseren Leben, das jede Sekunde ein reales Umfeld mit individuellen Erfahrungsmustern interagieren lässt. Es ist ein Irrtum, seit Descartes: Der Mensch ist keine Maschine. Er ist nicht mal maschinenähnlich. Doch dieses Menschenbild bestimmt leider immer weiter unsere Werteordnung. Warum? Es passt so gut zu unserem narzisstischen Wunsch der Machbarkeit und Kontrolle und ist die Basis des kapitalistischen Systems. Und so schafft dieses falsche Menschenbild immer neues Leid durch seine Weltentfremdung seit fast 400 Jahren. Doch wir wollen so ungern von dem Traum lassen, dass der Mensch immer weiter und besser entwickelt werden könnte und seine Banalität zu überwinden sei.

Damit sind wir bei einer Tatsache, die kaum beachtet wird in der ganzen Diskussion: Es sind alles Männer und alles Ingenieure oder Technik-Nerds, die die Welt nach ihrem Verständnis vollkommen überholen wollen. Ihre Weltsicht und ihr Menschenbild sind auf den Blickwinkel von Machbarkeit, Dominanz und Konkurrenz reduziert. Wer je in einer Firma mit Ingenieuren gearbeitet hat, weiß, was für seltsam eingeschränkte Menschen dort kulminieren. Alles Soziale, Emotionale, Zwischenmenschliche ist ihnen ein Feind. Kontrolle, Berechenbarkeit und eine Art sterile 1-0 Interaktion sind die Regel. Darin fühlt Technik-Mann sich sicher – und schottet sich ab. Heute scheinen diese Ingenieure die einzigen Menschen, die eine Zukunft haben: Bewundert und beneidet um ihr Können, die vermeintliche Gestaltungskraft unserer Zukunft im Netz, glauben sie mittlerweile selbst, sie seien die Herren der Welt. Gerade ein aus sozialer Inkompetenz gekränkter Narzissmus ist sehr anfällig für den Geniegedanken. Sie sollen die Hoffnung auf noch mehr Wohlstand, auf eine Problemlösung für alles, ein immer besseres Leben garantieren. Alle rennen in ihrem Leid und ihren Sorgen dieser Hoffnung hinter her. Keiner möchte der erste sein, der diese Hoffnung erneut zerstört, als erstes ruft: Der König ist nackt! Denn diese angeblichen Helden und Zukunfts-Visionäre rechnen die emotionalen, widersprüchlichen Aspekt des Menschen nicht mit. All das Menschliche und All-zu-Menschliche sind für sie nur Probleme, die beseitigt gehören, überwunden werden sollen, so wie die Kinderkrankheiten von Computern überwunden werden konnten. Sie verstehen wenig vom Menschen. Vielleicht hassen sie sogar den Menschen in seiner biologischen, narzisstischen Beschränktheit, denn mit ihm ist kaum Kontrolle und Machbarkeit möglich. Und gleichzeitig sind sie mit ihrem Größenwahn und Machbarkeitsglauben genau Teil davon.

Was wird passieren mit den Menschen, die als unbrauchbare Maschinen aussortiert werden? Sitzen die ungebrauchten Menschen still in der Ecke und schauen zu, wie die Technik alle Probleme abgeschafft hat, auch das größte Problem: Den unperfekten, emotionalen, nichtrationalen Menschen? Wohlstand und Zufriedenheit für alle, durch maximale Autonomie und minimale Regulierung der Märkte durch die lästige Politik. Dieses Heil wird aus Silicon Valley verkündet, als wäre die USA genau damit zu einer perfekten Gesellschaft geworden. Trotzdem: Das neoliberale Wertedenken festigt die Macht der neoliberalen Profiteure – Alpha-Tiere, fast alles Männer, „aggressiv, rücksichtslos, überambitioniert“. Auch der Pay-Pal Gründer Peter Thiel glaubt daran und benennt seine Start-Ups nach Figuren aus Herr der Ringe. Das erzählt viel über ihn und seine Kollegen: Ein völlig schlichtes Weltbild, Gut gegen Böse und ein paar Helden, Nerds, die der Verführung ihrer eigenen Macht kaum widerstehen können. Am Ende ist alles gut. Nur: Am Ende ist Mittelerde und das Auenland, da wo es vorher war. Nichts hat sich verändert. Die gute Elben bleiben die guten Elben und die Hobbit-Nerds die Hobbit-Nerds. Und die Menschen die Menschen. Ob das mit unserer Mittelerde auch so sein wird, ist zweifelhaft – bei all dem Leid und der Zerstörung, die entsteht, aus dem ewigen Wahn, doch irgendwann mal dieses Menschsein abschütteln zu können. Golom ist eben keine ferne unspezifisch böse Macht auf einem Berg. Golom ist in uns. Golom ist unser Narzissmus, der durch Größenwahn und Machbarkeitsglaube ständig an Macht gewinnt.

Warum sucht die Technikelite keine Lösung für die Erderwärmung und die Überbevölkerung. Oder erfindet etwas gegen den gekränkten Narzissmus junger Muslime, die sich von aller Hoffnung auf Ansehen und Respekt ausgeschlossen fühlen. Golom ist eben kein Taxiproblem. Die neue Elite will bestimmen, wie wir leben. Was haben die Menschen davon, durch neuartige Messtechniken immer länger zu leben, wenn sich das Leben nicht mehr füllen lässt mit der positiven Erfahrung, selbstbestimmt zu leben?! In Afrika haben mittlerweile 1 Milliarde Menschen ein Handy. Geändert hat sich nichts. Nur weil man Bildung jetzt Online erhält, werden nicht mehr Menschen intelligenter oder psychisch reifer. Der Zugang zu Bildung war gerade in Deutschland der letzten 50 Jahre so gut und einfach, wie es nur ging. Und heute gibt es zunehmend Schmalspur-Bildung für den technisierten Markt, Fachidioten, die Angst haben um ihren Job und nicht über den Tellerrand hinaus denken können. 1000 Absolventen am Tag? Und wo sollen die arbeiten, wenn die Jobs alle dem Fortschritt zum Opfer gefallen sind? Wo ist da die Lösung eines Problems? Ungleichheit ist nur zum kleinen Teil ein Problem der Bildung. Es ist vor allem eines der emotionalen Prägung.

Mehr Reichtum und Macht möchten der Berater der Bundesregierung und unser Mann im Valley Sebastian Thun erreichen. Und jeder kann seine Einstellung (zum Fortschritt) ändern, d.h. auf Silicon Valley trimmen. Spätestens hier kann ich als Psychologin nur sagen: Das stimmt nicht. Kaum einer schafft es selbst mit großer Mühe und langer Therapie, seine Einstellung zu ändern. Wir sind eben keine Maschinen, die man nur umprogrammieren muss. Mehr Reichtum und Macht: Die meisten Menschen wüssten nichts damit anzufangen, außer ihren infantilen Narzissmus freien Lauf zu lassen, sich wie Kinder im Spielzeugladen zu bedienen. Reichtum und Macht braucht Selbstreife, um sinnvoll verwaltet zu werden. Die Weltsicht des Herrn von Thun ist die eines neoliberalen Kindes, das nicht mal seinen eigenen Größenwahn, seinen eigenen Werte-Hintergrund reflektieren kann. Was für eine Hybris: die Menschen an den eigenen Werten von Erfolg und gelungenem Leben zu messen und zu glauben, das neoliberale Menschenbild wäre der Weisheit und Wahrheit letzter Schluss.

Übrigens: Die wirkliche Neuerung, die die technische Revolution des 19. und 20. Jahrhunderts gebracht hat, war die Befreiung der Frauen – jedenfalls auf dem Papier. Wir können heute studieren, wenn wir auch danach zumeist wie eh und je wegen Kindern und Haushalt und Altersarmut wieder in der Abhängigkeit landen. Und das soziale, altruistische scheint im Alltag auch immer noch unsere Bürde – während einige Alpha-Männer hinaus ziehen und mit ihrem Narzissmus Kriege führen, deren Opfer ihnen völlig egal sind. Die Bewunderung für ihre Utopien ist ihnen trotzdem sicher. Nur weil man in bestimmten Bereichen der Industrie den (technischen) Fortschritt nicht verpassen darf, ändert sich noch lange nicht der Mensch. Gerade die neuen „Elite“ aus Silicon Valley bestätigen diese ewige Wiederkehr des Gleichen: Die Banalität der narzisstischen Selbstüberschätzung zum Schaden aller.

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Cyborgs

In Schweden lassen sich die ersten Menschen einen reiskorngroßen Chip unter die Haut setzen und schwärmen davon, wie einfach das Leben dadurch wird: Kein extra Einchecken in der Firma oder im Fitnessstudio mehr, das Handy wird automatisch entsperrt. Hotels, Fluggesellschaften, Parkuhrenbetreiber, Skistationen, Waschsalons, Computer, Supermärkte, Haustürschließanlagen, Autoschließ- und Startsysteme, Haustiere, Tierärzte, Krankenkassen, Kreditkarteninstitute wollen diesem Trend des „Chippen“ bald folgen. Die Teilnehmer empfinden sich (natürlich) als Trendspitze und nennen sich selbst „Cyborgs“. Noch ist der neue Hype ja freiwillig. Die aktuelle Hauptsorge gilt vor allem der Datensicherheit gegenüber Kriminellen. Die lückenlose Dauerüberwachung scheint da erst mal Nebensache. Der Chip unter der Haut vereinfacht ja soooo sehr das Leben: Forget Schlüssel und Portemonnaie! Erste Chip-Partys werden gefeiert, erste Cyborg-Vereine gibt es jetzt auch schon in Deutschland. Der Druck wächst. Er reicht von „ich könnte was verpassen“, bis „los zeig mir deine Privatsphäre!“

Wie alle Autoren spüre auch ich diesen zunehmenden Druck in Punkto „Selbstvermarktung“. Was früher die Aufgabe der Verlage war, wird aus Kosten- und Personalkürzungsgründen nun mehr und mehr den Autoren aufgebrummt. Der Auftritt in den sozialen Netzwerken ist quasi Pflicht. Natürlich wird das so nicht kommuniziert. Aber die eigenen Verkaufszahlen sprechen dann eben für sich: Wer nicht gefunden wird, wird nicht gelesen, über den wird sich nicht „ausgetauscht“, der wird nicht „geliked“. Und der Verlag soll ja das nächste Skript herausbringen wollen…. Autoren bekommen nur 7%-10% vom Verkaufspreis ihrer Bücher. Bei einem Buch von 17 – 19 Euro sind das nicht mal 2 Euro pro Buch. Es geht also oft nicht ums Geld – jedenfalls nicht für die Autoren. Es geht eher darum, Leser mit seinem Stoff zu erreichen, die das interessiert. Deshalb habe ich nun erstmal eine Fanseite bei Facebook eingerichtet und bin erschrocken, zu wie viel zutiefst privaten Auskünften ich dort aufgefordert werde. Die Cyborgs rufen schon.

Obwohl ich mir (nicht nur in meinem Blog) sehr viele Gedanken mache über die sozialen Netzwerke (und alleine deshalb sollte ich zumindest mal bei den üblichen Verdächtigen angemeldet sein) und mir als Beruf das Verstehen von sozialen Strukturen und psychischen Motivationen gewählt habe, muss ich leider nach über 4 Jahren des wöchentlichen Blogschreibens, 3 Büchern und einer Diss über Willensfreiheit festhalten: Ich verstehe sie nicht, die sogenannten sozialen Netzwerke. Ich verstehe nicht mal, was ich da nicht verstehe. Mir geht der Sinn von Facebook, Twitter, Xing und YouTube etc. einfach nicht auf. Ich will dort eigentlich nicht angemeldet sein, gerade weil ich es nicht verstehe und es mir daher schon mal unheimlich ist. Zum anderen leidet akut mein Selbst- und Menschenbild. Warum interessieren mich weder Katzenbilder, noch das servierte Essen auf dem Tisch von anderen Menschen (egal ob Freunde oder Fremde)? Warum interessiert das aber so viele andere Menschen? Es hilft auch nicht, dass ich als Psychologin weiß, dass es sich hier um eine Art Weltflucht in die kuschelige Ecke des „oh, wie süß“ und „oh, wie lecker“ handelt. Dasselbe gilt für Urlaubsbilder. Möge der IS doch junge Frauen vergewaltigen und Journalisten köpfen, wir fliegen jetzt erst mal schön nach Dubai. Warum auch nicht. Das Elend dieser Welt ist im Moment kaum auszuhalten, genauso wie die Angst. Vielleicht muss man deshalb so viele Gegenbilder posten? Vielleicht ist Facebook mit all seinem geschönten Alltags-Blabla der ultimative Gegenentwurf zu Bomben und Hunger.

Nicht mal Mails bekomme ich auf mein Smartphone. Und das liegt nur zum Teil an meinem Bewusstsein für Datensicherheit und weit mehr an meinem Bedürfnis für „Inruhegelassenzuwerden“. Aber vielleicht ist das auch nur eine Fluch, und kaum besser als Katzenbilder und Spagetti-Teller…
Oder bin ich einfach von gestern? Bin ich ein Freak (was heute so ungefähr ein Anti-Nerd ist)? Bin ich zu doof, um zu kapieren, was der Sinn oder die Erwartung von einem mir völlig fremden „Hallo“ oder einem recht zweifelhaften Kompliment über mein Aussehen ist, sobald ich 3 Sekunden auf meinem Facebook-Account eingeloggt bin? Ich schreibe gesellschaftskritische Bücher. Ich kritisiere Menschen mit infantilen Erwartungen wöchentlich. Man kann mir gerne Kommentare zu meinen Texten schreiben über meine Web-Side, wo sie mich und nur mich erreichen und man bekommt IMMER eine Antwort, oft sogar einen längeren Austausch zu bestimmten Fragen.

Die PR-Dame vom Verlag riet mir dringend zum Videoblogg oder zumindest zu mehr Fotos aus meinem Alltagsleben: Dass visuelle Vorteile positiv wirken, ist mir ja klar (ich bin ja selbst ein Mensch). Aber muss ich mir meinen Erfolg mit privaten, geschönten Häppchen sichern? Wen interessiert das denn? Ich bin kein Filmstar, zu dessen Beruf es gehört, ständig visuell in der Öffentlichkeit wohlportionierte Privatheiten abzusondern. Dieses „Auf Du und Du“ mit den sogenannten Fans, mit Menschen, die sich für Dich interessieren: Der Oscar dekorierte Film „Birdman“ nennt es „die Macht“. Die Frage ist nur, wer über wen die Macht hat: Twitter über die Fans oder die Fans über das Privatleben von Leuten, die irgendwie in der Öffentlichkeit stehen, über ihre eigene Person Filme, Musik, Bücher verkaufen wollen, damit ihr Beruf einen Sinn ergibt…

Was ist, wenn mich mein Verlag irgendwann zwingt, einen Chip zu tragen, der regelmäßig Daten an meine registrierten interessierten Leser sendet, über mein Leben, weil das nun mal die Buchverkäufe ankurbelt? Wie weit kann ich selbst den performativen Widerspruch aushalten, in meinen Texten zu kritisieren, was ich mit der Selbstvermarktung gerade tue. Will ich nicht Leser, die genau das hinterfragen? Aber wie kann man die noch heute erreichen, wenn nicht mit dem Netz, dass dafür ständig weitere, immer privatere Daten von mir verlangt, was genau ich ja gerade kritisiere und schlimm finde?

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Netz, Narzissmus und Neurose

Das Internet hat einen neuen Hipe: YouNow. Hier können Teenager (und die Nutzer sind vor allem Teenager) life Videochatten mit Menschen, die ihre Fans werden sollen. Sie sollen ihnen zuschauen, wie sie sich die Zähne putzen oder herumtanzen und in ihre Bürsten singen. Es handelt sich um eine Mischung aus Facebook und YouTube in Echtzeit. Jugendschutzorganisationen schlagen Alarm: Der Blick ins Kinderzimmer für jedermann öffnet das Tor noch ein Stück weiter für böse Absichten. Und die Eltern verstehen die Welt ihrer Kinder wieder ein Stück weniger.

So weit so normal. Mal sehen wie lang es dauert, bis auch Erwachsene mitmachen. Denn die sind ja heute auch alle bei Facebook und schauen lustige Filme bei YouTube, obwohl sie das vorher nicht zu verstehen schienen, wie man seine Zeit mit sowas verschwenden kann….
Und es scheint so es erneut, als würden in einer orientierungslosen Welt, mit ihren sich auflösenden offiziellen Regeln und Strukturen, die sozialen Netzwerke die Regie übernehmen – ohne dass irgendjemand die dabei neu entstehenden Regeln und Werte bewusst beeinflusst und somit die Macht in Händen hält: Keine Kirche, kein Staat, keine Führungsetagen oder andere Elitezirkel. Selbst Google und Amazon rennen ihren Usern hinter her oder kaufen so schnell wie möglich neue Ideen auf, die zu funktionieren scheine. So kann man vielleicht das erste Mal seit der Steinzeit ein sich aus sich selbst heraus bildendes menschlich-soziales Struktursystem in seiner Entstehung beobachten, in Echtzeit – und nicht verfälscht durch den historischen Blick in eine andere längst vergangene Zeit. Keine Institution (und gerade das beunruhigt selbige) konnte hier ihre Macht bisher wirklich etablieren. Selbst die Konzerne, die die abgeschöpften Daten für ihr Gewinnstreben nutzen, rennen oft nur hinter her, versuchen am Schwarm dran zu bleiben, um in ihrer alten Geld-Werteordnung nicht abgehängt zu werden.

Mir als Sozialpsychologin, die ihr Wissenssystem zum Auffinden und Erklären der neuen Strukturen versucht anzuwenden, kommt es so vor, als würde die Grundlage meiner Wissenschaft bestätigt: Der Narzissmus. Narzissmus ist die Energie/der Trieb der menschlichen Daseins-Geltung, die als grundsätzliche Lebensenergie von „ich will leben, ich will als Individuum in der Gruppe Geltung haben“ beschrieben werden kann. (Man kann sie schon bei Babys gut beobachten: „Nehmt mich wichtig, sonst kann ich nicht existieren.“) Es ist genau die Kraft, die das Internet und seine Entwicklung mit Energie füttert und in ihrer Qualität/ihrem narzisstischen Interesse weitertreibt. Die Formen, in denen sich narzisstische Energie im menschlichen Leben zeigt, sind: Aufmerksamkeit (beachtet mich als Verbundenheit mit anderen), die sowohl in positiven (Bestätigung) als auch negativen (Ablehnung) Erfahrungen münden können. Dazu gehören: Positive Körperlichkeit (wie nahe komme ich an das universal-globale Schönheitsideal heran, um möglichst viel Bestätigung zu bekommen); Originalität/Individualität/Kreativität (als Form der Individualitätssuche d.h. inneren bzw. charakterliche Schönheitsselbstsuche, die dann ebenfalls hoffentlich bestätigt wird, von der Gruppe der globalen Netzgemeinschaft).

Die Formen des Narzissmus, die im Netz ausgelebt und selbstpotenzierend gefördert werden, befinden sich auf einem sehr frühen, eher unreifen Stadium der Selbstentwicklung. Denn die narzisstische Lebensenergie hat verschiedene Reifestufen, die sich in den Reifegraden der Selbstentwicklung zeigen. Kleine Kinder haben ein noch sehr unreifes Selbst, ihr Narzissmus zeigt sich noch offen in der ständigen Einforderung von Aufmerksamkeit. Erwachsene können ihre narzisstische Energie meist sehr gut selbst regulieren, sie wissen auch selbst, wenn sie gut sind und sie sind zur Selbstkritik fähig. Die höchste Stufe der narzisstischen Selbstorganisation ist also ein unabhängiges, stabiles, realistisches, gefestigtes Selbstbild, das nur mit realen engen Bezugspersonen intim interagiert und andere Begegnungen in einen guten, angemessenen Abstand zum eigenen Innenkern stellt. Ein realistisches und positives Körperbild gehört dazu, genauso wie eine realistische und positive Selbsteinschätzung der eigenen Fähigkeiten. Also genau das Gegenteil von exzessiven Unsern sozialer Netzwerke. Man könnte sogar sagen, je gereifter der Narzissmus, umso weniger springt jemand exzessiv auf die sozialen Netzwerke an.

So wird auch klar, warum Teenager so anfällig sind: Sie haben naturgemäß noch kein stabiles Selbst. Es ist am Umbruch von der Kindheit zum Erwachsenendasein besonders instabil. Und hier wird es spannend. Denn die ersten Digital-Natives sind ja heute aus dem Teenageralter rausgewachsen: Die ca. ab 1990 Geborenen sind als erste Generation wirklich mit dem Internet seit ihrer Kindheit vertraut. Auch wenn sie heute mit Anfang 20 immer noch jung sind, wäre es interessant zu erfahren, wie viele von ihnen wirklich anhaltend unter einer „Netzsucht“ leiden, Angst haben, niemand zu sein, wenn sie nicht von anderen geliked werden, oder etwas zu verpassen, wenn sie nicht alle zwei Minuten nachschauen, wer was wem geschickt hat.

Es gibt noch keine Studie dazu, wie weit man sich aus der „natürlichen“ Netzsucht der Teenagerjahre in einen gesunden, selbstbestimmten Gebrauch des Internet weiter entwickelt bzw. im unreifen Stadium hängen bleibt, da die Psyche ohnehin labil ist. Wie viele junge Erwachsene haben eine normale Narzissmus-Reifung (hin zu einem stabilen erwachsen Selbst) durchlaufen – trotz der Möglichkeit auf unreiferen, infantileren Stufen stehen bleiben zu können, gerade durch das Internet? Und wie viele sind auf einem frühkindlichen, narzisstischen bzw. pubertären Selbst-Stadium hängen geblieben? Und: Ist das Netz daran schuld, dass keine Weiterentwicklung mehr stattfand – oder sind es nach wie vor die Eltern, mit ihren unreifen sozialen Interaktionen in der Kindheit? Verstärkt das Internet nur, was vorher schon labil war? Kann das Netz Menschen wirklich „verderben“? Oder bleiben nur ohnehin „neurotische“ Menschen besonders stark im Netz hängen, da es zu den narzisstischen Frühstadien besonders gut passt (und neurotisch meint immer: einen unreife Narzissmus-Reifegrad)? Das ist die entscheidende Frage!

Schafft es Google und Amazon am Ende eigentlich nur die labilen Menschen gezielt abhängig machen? Sicher ist, dass eine gesunde Selbstwirksamkeit, ein gesundes Selbstbild heute noch wichtiger ist, als je zuvor. Denn genauso, wie man einen Drogenabhängigen schlecht im Dope-Shop heilen kann, kann man labile Menschen schlecht in einer Welt mit Internet heilen. Und es gibt natürlich die Vermutung, dass das Labile heute (und vielleicht sogar von jeher) das Normale ist. Wie sonst hätte das Netz so viel Süchtige hervorbringen können bzw. deutlich sichtbar werden lassen?!

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Von Prinzessinnen und Frauen: Teil II

Auf meinen Blog von letzter Woche gab es einen berechtigten Einwand: In einer Zeit, in der jeder zunehmend unter Leistungsdruck gerät, an Frauen der wachsende Anspruch erhoben wird, Kind und Karriere perfekt zu verwirklichen, wäre die Hausfrau und reine Mutter doch jemand, der sich diesem Perfektionsdruck widersetzt, also jemand der daran festhält „einfach nur“ etwas zu sein, etwas bleiben zu dürfen, in das sie hineingeboren wird: Das Muttersein, als natürlicher Wunsch. Mal davon abgesehen, dass es ein Zeichen der Moderne gegenüber dem Mittelalter ist, dass wir eben nicht mehr in unsere Rollen gottgegeben hinein geboren werden, sondern als Individuen eigene Leben gestalten wollen und dürfen, müssen wir eben auch für dieses Recht der Selbstgestaltung Verantwortung übernehmen. Und gerade beim Einfordern eigener Rechte ist die „Prinzessin-wünsch-dir-was-Mutter“ ganz vorne mit dabei und von Genügsamkeit und Dankbarkeit an ihrer gottgegebene Mutterrolle weit entfernt.

Das Muttersein als „Wunsch etwas Sinnvolles zu tun“, während die Menschheit im Leistungswahn versinkt, fände ich (in diesem Bewusstsein) als einen wirklich guten subversiven Akt, gegen die gängige Entfremdung. Doch ich habe über eine Gruppe Frauen geschrieben, die sich einen Leistungsträger zum Mann und Vater ihrer Kinder aussucht, bewusst und vorsätzlich, um die „Früchte der Sicherheit und des materiellen Status“ zu genießen, die eben gerade dieses Leistungsdenken auch hergibt. Aber (und daher die Bezeichnung): Prinzessin will sich selbst ja gerade die Anstrengungen, das Durchhaltevermögen und die Kämpfe, die für diesen Luxus nötig sind, ersparen. Haben, ohne selbst dafür etwas zu tun, das ist Kindern vorbehalten, aber nicht Müttern mit Erziehungsverantwortung. Es wäre auch noch absolut vertretbar, dass Frauen, die „nach oben“ geheiratet haben, in dem Bewusstsein, dass der eigene Mann für das gemeinsame „schöne“ Leben täglich in Flugzeugen und endlosen Meetings sitzt, wirklich dankbar sind und bleiben. Doch oftmals wartet die von mir beschriebene „Prinzessin-wünsch-dir-was“ mit Vorwürfen auf, dass ihr Mann so wenig Zeit hat für sie und die Kinder (wobei die Kinder typischer Weise von diesen Frauen allgemein gerne eingesetzt werden, um Rechte für sich selbst als Mutter geltend zu machen. Das fängt bei extrabreiten Kinderwägen auf Bürgerseigen und in Cafés und Geschäften an – „mein Kind und ich haben diesen Platz verdient“ – und hört bei Shopping-Orgien für die lieben Kleinen auf).

Nun mag der ein oder andere Leser denken: Was für ein exklusives Randgruppenproblem. Doch diese Prinzessin-wünsch-dir-was-Mütter sitzen im Herzen einer Problematik – nämlich der Gleichberechtigung und Anerkennung von Frauen. Sheryl Sandberg, die Chefin von Facebook und selbst Mutter, hat ein Buch geschrieben. Es heißt „Lean in“ (ca.: häng Dich rein, schaff was, hau rein), in dem sie den Frauen vorwirft: Ihr Mütter und/oder Arbeitsbienchen wollt Gleichberechtigung?! Dann hört auf davon zu träumen, dass ein starker Mann kommt, der alles für euch regelt, der euch den roten Teppich bereitet und euch (trotz Euren Selbstzweifel) ganz nach oben trägt. Wenn ihr was wollt, dann macht euch und eurem Umfeld das klar: sagt es deutlich und tut selbst alles dafür.

Um das Ganze etwas greifbarer zu machen, hier eine Geschichte, die mir vor zwei Wochen zugetragen wurde: Eine Bekannte von mir, eine leitende Angestellte in einer großen Bank, bekam Zwillinge. Sie ist nach 6 Wochen wieder Vollzeit in ihren Beruf zurück. Ihr Chef bekam zur gleichen Zeit mit seiner Frau auch ein Baby. Die Frau des Chefs hörte auf zu arbeiten und wollte auch zukünftig nur noch für ihre Kinder da sein. Plötzlich veränderte sich das Verhältnis des Chefs zu meiner Bekannten, das vor der Geburt der Kinder sehr gut war: E-Mails wurden nicht mehr korrekt weiter gegeben, jede Förderung und Verantwortung wurde ihr vorenthalten. Als sie den Chef schließlich zur Rede stellte, sagte er, er glaube nicht, dass sie trotz Zwillinge den gleichen Job weiter so gut machen könne wie vorher, wenn er bei seiner Frau schon wahrnehmen müsse, dass die mit einem Kind zu Hause völlig überfordert wäre und ständig von ihm Rücksicht erwarte.

Es bleibt die große Frage, wie willensfrei wir Frauen sind, wirklich Karriere machen „zu wollen“ (mit und ohne Kinder), als Mütter (auch ohne Mangerkarriere) selbst etwas auf die Beine stellen zu wollen, selbstbewusst sich selbst zu verwirklichen – ohne dass ein Mann für unser Wohl zuständig wäre, den wir „annörgeln und anzicken“ können, wenn unser Leben nicht so aussieht, wie wir uns das mal (als kleine Mädchen) erträumt haben. Wie gesagt: Die Generation der zwischen 1960 und 1980 Geborenen wurde eben noch von solchen absichtliche von Kirche und Patriarchat zur Unselbständigkeit erzogenen Müttern geprägt. Und noch heute werden kleine Mädchen im Kindergarten schon dazu angehalten, sich nicht zu raufen und lautstark ihren Willen durchzusetzen, im Gegensatz zu kleinen Jungs, bei denen das als charakterstark interpretiert wird….

Was haben nur all die Frauen, die ich ebenfalls durch meine Arbeit als psychologische Beraterin kennen lernen darf, anders gemacht, die trotz 2-4 Kinder Vollzeit arbeiten, sich eine Haushälterin von ihrem Gehalt “gönnen”, absolut im Stress sind und mir aber sagen: In 10 Jahren, wenn die Kinder selbständig werden, habe ich noch eine Karriere, einen befriedigenden Job und bin nicht auf dem Abstellgleis von der Anerkennung und dem Geld meines Mannes abhängig?! Es gibt zum Glück zunehmend solche Frauen. Man könnte sicher sage: Naja, die Prinzessin-wünsch-dir-was-Frauen bekommen ja ihre Quittung, wenn sie mit 50 den entschwindenden Kindern und Ehemännern nichts mehr entgegen zu setzen haben. Aber (mal abgesehen von ihrem eigenen Leid) haben sie bis dahin ihrem ganzen weiblichen Geschlecht in der modernen westlichen Welt ein Bein gestellt. Denn „wir Frauen“ mit „unseren Gleichberechtigungsansprüchen“ werden allzugerne von Medien und Männern in einen Topf geworfen.

Man kann es bedauern oder kritisch sehen, dass wir in einer Zeit leben, in der die Eigenverantwortung für das Gelingen des eigenen Lebens, so dominant ist. Aber das birgt Freiheiten und Überforderungen gleichermaßen. Das ultimative Mittel, um damit zu Recht zu kommen ist: Selbst-Ehrlichkeit (was will ich, was kann ich, überschätze oder unterschätze ich mich, was steht mir zu, vom Anspruch meiner Leistung – und nicht meiner Wünsche). Wenn man weiß wer man ist, was man kann, hört man auch auf von anderen, z.B. Ehe-Männern und Chefs zu erwarten, dass sie einem die eigenen Wünsche auf dem Silbertablett servieren. Wir kommen alle ungleich mit verschiedenen Begabungen auf die Welt. Leider und zum Glück. Diese Begabungen werden in den verschiedenen Gesellschaften und Zeiten unterschiedlich angesehen und zumeist haben wir keine Wahl, was uns kulturell umgibt. Wahrscheinlich ist auch das Muttersein eine Begabung. Aber wenn es nur das ist, dann darf man nicht noch erwarten, dass man eine gleichberechtigte Stellung in der Ansehenswelt von vollzeitarbeitenden Müttern hat. Seinen teuren Kinderwagen möglichst rücksichtslos über die Bürgersteige der Nobelviertel der Großstädte zu schieben, verschafft einem kein Ansehen, sondern nur eine Infragestellung der überzogenen Geltungsansprüche.

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Die Geschichte von der „Prinzessin-wünsch-dir-was“

Es gibt in meiner Generation einen Typ Frau, der hoffentlich bald als Negativ-Vorbild keine Nacharmerinnen mehr findet: Die Frauen, die „nach oben“ geheiratet haben – oder wie ich sie nenne: „Die Prinzessin-wünsch-dir-was“.

Da meine Generation als erste Frauen-Generation wirklich die Wahl hatte, aus dem eigenen Leben selbstbestimmt und ohne gesellschaftliche Ahndung „etwas zu machen“, kann man uns (zwischen 1960 und 1980 geborenen Frauen) auch eine Eigenverantwortung zuschreiben, für das, was aus uns geworden ist. Die Würfel sind gefallen, es ist Halbzeit (so ungefähr) und somit ist dieser Text ein Versuch, ein Resümee zu ziehen über das Gelingen einer weiblichen Lebensform. Und es gibt eben eine Sorte Frau, die für sich bisher all die Vorteile der freien Lebensgestaltung in Anspruch genommen hat, das Ansehen, die Selbstbestimmung, die finanziellen Freiheiten – aber leider die entsprechenden Anstrengungen, die Eigenverantwortung und all das Unbequeme (was die Kehrseite jeder Freiheit ist), nicht bereit war und ist mitzutragen. Und gerade bekommt diese Sorte Frau die Rechnung für ihren bigotten Lebensentwurf, den sie lange nicht glaubte, bezahlen zu müssen.

Meine Generation ist zumeist noch von Müttern erzogen worden, die in konservativen Frauenbildern funktionierten: Frauen, deren Aufgabe es war, nach einer geringen Ausbildung Familien zu gründen, mit spätestens Mitte Zwanzig Mutter zu werden und ihre Erfüllung als Hausfrauen zu finden – ob sie wollten oder nicht. Natürlich hat dieses mütterliche Vorbild noch einen großen Einfluss gehabt auf uns Mädchen der 70er. Im Positiven kam dadurch selbst ein starker Familienwunsch auf, im Negativen wurde die (finanzielle) Abhängigkeit und der geringe Ansehensstatus zum Schreckgespenst meiner Generationsschwestern. Doch einige von uns hatten nicht das Potential, wirklich interessante Berufe mit Karrierechancen und hohem Sozialstatus zu erlernen – oder sie hatten nicht die Lust dazu, sich so anzustrengen. So haben zahlreiche Frauen auf ihre (neuen) Möglichkeiten verzichtet, weil ein eigener, lebenslanger Beruf doch zu wenig ihren Vorstellungen (von Aufwand und Leistungsvermögen) entsprochen hat und sie haben sich einen Mann gesucht, der diese Erwartungen für sie erfüllt. Und die Gesellschaft hat diesen konservativen Ausweg aus den neuen Freiheiten für Frauen damit entschuldigt, dass viele Institutionen (Kinderbetreuung, Steuerrecht etc.) den veränderten neue Ansprüchen und Versprechungen an Frauen noch lange nicht gerecht wurden. (Vielleicht ist meine Generation Frauen somit die erste und hoffentlich auch die letzte, die in dieser Zwischenwelt der Gleichberechtigung ihre Lebensmodelle wählen durfte bzw. konnte.)

Was mich dann in den entscheidenden Lebensjahren unserer Lebensgestaltung sehr verwundert hat, war zum einen der mangelnde Anspruch meiner Generationsschwestern an ihr Leben (wieso will jemand „nur“ Mutter sein, wenn er daneben auch noch oder vor allem einen halbwegs interessanten Job mit eigenem Geld und Unabhängigkeit haben kann?!) und zum anderen die Auswahl meiner männlichen Freunde, als wir in das Alter kamen, wo plötzlich das Heiraten fast schon zum Gruppenzwang wurde: Als hätte jemand für mich unhörbar die Musik abgedreht bei der Reise nach Jerusalem, wurden plötzlich um mich herum Ehen geschlossen, wo immer Mann gerade saß bzw. lag. Männer, die ich als interessierte Studenten kannte (und an dieser Stelle muss ich natürlich meinen auch nicht von mir allein verschuldeten Bildungs-Hintergrund deutlich machen), heirateten plötzlich Stewardessen, Douglasverkäuferinnen oder Arzthelferinnen. Es traten plötzlich Frauen in meinen (zunehmend Pärchen-strukturierten) Freundeskreis ein, mit denen ich mich einfach nicht befriedigend unterhalten konnte, obwohl ihre Männer seit Jahren zu den (von mir gefühlt) intelligentesten und interessantesten Menschen gehörten, mit denen man sich so austauschen konnte. Fragen wie: Wie entsteht Wahrheit? Was ist Moral? Wie werden wir geprägt? Bestimmen wir selbst? etc., wichen plötzlich Themen wie Tischdekorationen, Schwangerschaft, Hausfinanzierung.

Allgemein wird dieser Wandel als Vorgang des Erwachsenwerdens verstanden. Aber ich glaube, dass Erwachsenwerden nichts damit zu tun hat, sich plötzlich mit geistig unterfordernden Themen Tag und Nacht auseinander setzen zu müssen, nur weil die Partnerin auf Heirat dringt und man dann wie stumpfsinnig mit ihr eine seltsame Gemeinschaft auf dem geistigen Niveau der kleineren Leuchte bilden muss. Und umgekehrt fragte ich mich: Warum gibt es Frauen, die nichts Eiligeres (in der Blüte ihrer Jahre) zu tun haben, als zu heiraten und dann auch noch Männer, die ihnen immer geistig und interessenmäßig überlegen sein werden?! Wieso tun sie sich diese andauernde Demütigung an, dass bei jedem Tischgespräch mit alten Freunde diese peinliche Situation entsteht, wo jeder am Tisch begreift: Das war jetzt ein wirklich unpassender (weil dummer) Kommentar zu dem Thema.

Hinter meinen deutlichen Worten wird natürlich eine grundlegende Feindschaft mit diesen Berufsehefrauen und Nur-Müttern meiner Generation deutlich, die aus meiner Sicht keinen anderen Lebensplan hatten, als sich abzusichern und komfortabel ihren Lebenssinn (Kinder) zu finanzieren bzw. finanziert zu bekommen (das wäre soweit auch noch o.k. gewesen, wenn diese Frauen nicht auch noch für sich das Ansehen eingefordert hätten, das sie sich selbst nie erarbeitet oder erdacht, sondern einfach nur erheiratet hatten: als würde eine Kindergärtnerin zur Quantenphysikerin, nur weil sie einen Physiker heiratet…). Aber zum Heiraten gehören bekanntlich 2 – und so lässt sich die Frage stellen, warum haben meine ach so schlauen Freunde mit ihren ach so vielfältigen Interessen „nach unten“ geheiratet bzw. sich „einfangen lassen“, von Frauen, die aus meiner Sicht gar keine Kapazitäten dafür hatten. (Und dieses „eingefangen-werden“, von dem man hoffte, es gehöre schlechten Romanen der Jahrhundertwende an, wurde mir leider von den entsprechenden Herren nach mittlerweile schwierigen bis gescheiterten Ehen bestätigt: Manchmal sind Klischees eben doch wahr und der politisch unkorrekte Eindruck täuscht nicht. Ich weiß noch, wie oft ich in der entsprechenden Zeit des Heiratswahns in Kirchen und an Standesämtern saß und dachte: Will der das jetzt wirklich, weiß der, was er da tut…?!)

Leider sind ja auch die Männer meiner Generation von Müttern erzogen, die in Bezug auf Gleichberechtigung und Unabhängigkeit schlechte Vorbilder waren für die Wahl der eigenen Ehefrau. Dazu kommt, dass für die Jungs der Erfolg keine Kür war (wie noch für uns Mädchen – wir wurden ausführlich gelobt für Studium und Emanzipation). Für meine männlichen Studien-Freunde war der Erfolg Pflicht, oft war der Druck der Eltern (Mütter und Väter) auf das Gelingen ihrer Söhne riesig: Wirtschaftlicher Erfolg und Bildung sind die einzigen deutschen Werte nach dem Krieg gewesen, die nichts Anrüchiges hatten. Und dann kam nach all der Plagerei (für Diplom und super Abi) eine Frau daher, die den jungen Mann endlich so bewundert, wie er es sich immer ersehnt hat, die ihm die Anerkennung, das „gewollt-werden“ gab, die er von seinen (Wirtschaftswunder-)Eltern nie erhalten hat (für die war all der Fleiß ja selbstverständlich). Diese junge (bildungs- und/oder statusmäßig unterlegene) Frau bewundert ihn nun endlich für seinen erreichten Stand als Akademiker, während die eigene (bildungsunterlegene) Mutter den Erfolg des Sohnes nur als Rechtfertigung benutzt, für ihr eigenes (oft verkümmertes) Hausfrauendasein, für ihren eigenen noch gesellschaftlich beschränkten Weg und Lebenssinn.

Nun sind die Kinder meiner seltsam verheirateten Freunde mittlerweile Teenager. Manche tun sich schwer in der Schule (es ist manchmal fatal zu beobachten, wie ungerecht die Gene von unterschiedlich begabten Müttern und Vätern verteilt wurden auf die Kinder). Intelligenz als logische Intelligenz gleicht leider einer Lotterie des Schicksaals und birgt fast noch mehr (politisch völlig unkorrekte) Ungerechtigkeit als Aussehen und Gesundheit. Natürlich ist die Intelligenz nicht alles und wird auch zu einem kleinen Teil von der Erziehung mitentfaltet. Aber zum größten Teil ist die Leichtigkeit beim Lernen leider völlig ungerecht und politisch unkorrekt vom Genpotential der Eltern bestimmt. Und seit einiger Zeit höre ich bei zahlreichen meiner männlichen Freunde eine liebevolle und trotzdem sehr besorgte Lobpreisung des Charakters ihrer Kinder, gerade wenn sie sich in der Schule extrem schwer tun. Väter und Mütter gehen heute liebevoller und fürsorglicher mit dem Erfolgsdruck auf ihre Kinder um – machen sich aber gleichzeitig erheblich mehr Sorgen. Denn ein starker Charakter ist natürlich das Wichtigste, doch wenn das Lernen dazu auch noch leicht fallen würde…. Man kann bei der Auswahl der Gene seiner Kinder eben nicht vorsichtig genug sein. Und im ständigen Verweis auf Charakterstärke bei gleichzeitiger Anbetung von Hochbegabung zeigt sich die ganze Bigotterie unserer heutigen Menschenbewertung – besonders in der sogenannten Oberschicht der Akademiker und ihrer Leistungsträger-Kinder.

Vor kurzer Zeit kam eine Studie heraus, die nachwies, dass die heutigen Studenten (also die heutigen Twenties) unbedingt Frauen auf geistiger Augenhöhe heiraten wollen, Frauen mit gleichem Bildungsniveau, gleicher Intelligenz. Wieso ist wohl gerade dieses Thema so wichtig geworden für die heutige Jugend? Als Grund dafür werden zum einen die Gemeinsamkeiten und festere Bindung genannt, die sich von gleicher Bildung/Intelligenz erhofft wird. Und zum anderen: der Wunsch nach einer gemeinsamen Kindererziehung auf gemeinsamen Niveau. Das beinhaltet nicht zuletzt die Sorge um die Gene des Nachwuchses in der heutigen harten Verdrängungswelt. Was politisch vollkommen unkorrekt ist (besonders nach dem dritten Reich), wird heute selbstverständlich gelebt: Ich will für mich und meine Kinder die besten (genetischen) Startchancen, in einer auf Informationsverarbeitung und Bildung ausgelegten zukünftigen globalen Werteordnung.

Die ungleichen Ehen meiner Freunde sind alle am Wackeln: Trotz dem Eröffnen von Boutiquen und dem Yoga-Lehrer-Kurs der bisherigen „Nur-Mütter“ kann (jenseits der herangewachsenen Kinder) keine Gemeinsamkeit gefunden werden, die die Ehe erhalten würde. Viele Frauen haben große Angst vor der kommenden Leere; wie es aussieht, reichen die Kinder als Lebenssinn und Existenzrechtfertigung wohl doch nicht (mehr) aus, im Leistungsträger-Umfeld des Ehemannes. Die ersten Neuverbindungen der Herren werden geschlossen – diesmal mit Akademikerinnen – aber natürlich sind die meist über 15 Jahre jünger (bitte nichts auf Augenhöhe…). Mal sehen wie die 2. Runde ausgeht. Und ich frage mich, ob die Frauen aus der ersten Runde, die Frauen meiner Generation, die nach oben geheiratet haben (und natürlich gibt es viele andere), glücklicher geworden wären, ohne die Demütigungen der zerbrechenden Ehen und das ständige Gefühl des Nicht-Mitreden-Könnens und ohne gemeinsamen Austausch, aber mit viel Luxus für sich und die eigenen Kinder. (Und: Natürlich zerbrechen auch die Ehen von Akademikerinnen und Nichtakademikerinnen, die nicht „nach oben“ geheiratet haben. Aber diese Lebensformen sind hier nicht das Thema.)

Das neue Scheidungs-Recht sieht vor, den Unterhalt für Mütter (jenseits des Kinderunterhaltes) nach dem Status, den die Frau in ihrem Stammberuf erreicht hätte, zu bemessen – ohne Ehe und Kinder. Für Stewardessen und Arzthelferinnen sieht es da ziemlich schlecht aus. Wer jahrelang das Gehalt des Manager-Ehemanns gewohnt war, tut sich schwer plötzlich, nur noch das Gehalt einer 50 jährigen Luft-Kellnerin zur Verfügung zu haben: „Prinzessin-wünsch-dir-was“ (Kinder und hohen Lebensstatus, ohne Doppelbelastung) schlägt plötzlich auf dem sehr harten Boden der Realität auf, den sie mit ihrem Heiratsplan für immer und bequem zu verlassen glaubte.

Es gibt immer die Möglichkeit einer Selbsteinschätzung ohne Selbstlüge: Hab ich mich in ein gemachtes Nest gesetzt und bin jetzt gekränkt, weil eben doch „nach oben“ heiraten keine Karrierechance ist? Habe ich etwas gewollt, dass ich selbst nicht erfüllen konnte? Oder ist das Leben mit seiner Verteilung von Genen und Möglichkeiten einfach nur ungerecht! (Und natürlich müssen sich auch viele Akademikerinnen fragen: Hab ich durch die Karriere auf das Wichtigste – Kinder – verzichtet und war das falsch? Oder war mir Kind und Karriere viel zu viel und meine Ehe ist daran zerbrochen? Aber wie gesagt: Das ist hier nicht das Thema diese Woche.) Dem eigenen Leben und Lebensweg, den enttäuschten Erwartungen und leidvollen Erfahrungen einen Sinn zu geben, geht nicht ohne tiefe (und oftmals politisch völlig unkorrekte) Selbst-Ehrlichkeit und Selbstkritik. Doch ein Weiterleben, nachdem eine große Lebenslüge aufgeflogen ist, ohne mit sich und seinen infantilen Erwartungen ins innere Selbst-Gericht zu gehen, führt ins sichere weitere Unglück. Sicher ist noch lange nicht bewiesen, dass Akademiker Männer in der 2. Runde glücklicher werden, wenn sie dann mit ihren jüngeren Frauen und Zweitehen-Kindern nochmal Zahndurchbruch, Masern und Kindergartenläuse mitmachen müssen. Aber hier wie dort stellt sich für mich immer die (hoffentlich heute völlig veraltete) Frage: Wie kann irgendjemand annehmen, es gäbe im Leben einen einfachen Weg, eine Abkürzung zur Erfüllung des großen Lebenstraums?!

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Wir alle

Durch den 70ten Jahrestag der Befreiung von Ausschwitz kann man (wahrscheinlich zum letzten Mal an so einem runden Jahresstag) von den selbsterzählten Schicksalen der Verfolgten viel lesen in den Zeitungen dieser Tage. Erschreckend dabei ist immer wieder das bestialische Verhalten von Menschen so deutlich vor Augen geführt zu bekommen. Und schnell ist man versucht das gefährlichste Wort in den Mund zu nehmen, dass der Mensch hat, das Wort, das dieser und vieler anderer Katastrophen zu Grunde liegt. Es ist das Wort: Alle.

So wie wir heute sagen „alle Nazis“ oder „alle KZ-Mitarbeiter“ stellt genau diese Verallgemeinerung den Abstand her, zwischen „uns“ und „denen“: den Bösen, den anderen, denen, die mit uns nichts zu tun haben, die uns nichts angehen. Genau so sollten damals „alle Juden“, „alle Zigeuner“ etc. den Abstand zwischen den normalen, guten, eigenen Leuten und den anderen schaffen, denen, die an „allem Schuld waren“, was nicht gut lief, die, die man nur alle „beseitigen“ müsste, damit alles gut würde und der Dreck aus der Welt wäre.

Unsere Psyche ist die Psyche von Gruppen-Wesen. Viele Male habe ich das hier schon erwähnt und ich werde das wohl auch in Zukunft noch oft tun. Wir neigen als Gruppenwesen dazu, uns und unsere Gruppe als gut zu sehen und die anderen als schlecht, wahrscheinlich als evolutionäres Mittel der Durchsetzungskraft gegen Feinde, die Lebensraum und Ressourcen streitig machen. Doch wer zu unserer Gruppe gehört ist kulturell immer sehr unterschiedlich bestimmt. Es kann auch die Gruppe „aller Menschen“ sein. Wenn es um gemeinsame Feinde wie große Umwelt-Katastrophen oder Seuchengeht, dann wird deutlich, dass das durchaus funktioniert: Wir Menschen – alle zusammen – gegen die Feinde unseres (guten) Überlebens (z.B. gegen Ebola). Oder: Wir Europäer gegen die Attentäter von Paris. Aber die Gefahr der verfeindeten Gruppen untereinander bleibt immer bestehen, sobald es um Vormachtstellungen und Verteilungskämpfe geht.

Es wird immer wieder davon berichtet, dass die übergreifende politische Ordnung der Nazizeit erst die Voraussetzung geschaffen hat, dass normale Familienväter zu grausamen Mördern wurden. Juden galten in dieser politischen Ordnung (in diesen Gruppenregeln) nicht mehr als Menschen, und deshalb schaffte es die Psyche der normalen Familienväter, sie wie Schlachtvieh zu behandeln. Und sicher braucht es diese übergreifende Ordnung, um die kollektive systematische Vernichtung einer Volksgruppe umzusetzen. Doch hätte man die daran teilnehmenden Menschen damals befragt, hätten sie sich als selbstbestimmt und für Pflicht und Ordnung frei entschiedene Mitglieder der Gesellschaft beschrieben. Erst hinterher wurde die Fremdbestimmung als Entschuldigung für sich und die Gruppe der Deutschen entdeckt.

Genauso wie wir durch unsere Umwelt bestimmt werden, werden wir aber auch von unserem Individualismus regiert: Wir wollen als Einzelperson bestmöglich leben. Dazu gehört maßgeblich das eigene Ansehen in der Gruppe. Es macht ein großes Stück von unserem Selbstbild und Selbstwertgefühl aus. Sicher waren die Erziehungsmethoden am Anfang des letzten Jahrhunderts nicht darauf ausgelegt, stabile, selbstbewusste Individuen heran zu ziehen. Doch wer auf die Pegida-Bewegung heute trifft, für den kann die Entschuldigung einer Hierarchie-gläubigen Erziehung nicht mehr gelten, mit der Hannah Arendt ihre „Banalität des Bösen“ begründete. Menschen, die für ihr eigenes gutes Überleben, ihren egoistischen Status andere ausgrenzen, gibt es damals wie heute.

Dabei verbindet die Pegida-Teilnehmer (deren Gruppe sich jetzt scheinbar gerade schon wieder auflöst, deren Teilnehmer mit ihren Einstellungen aber natürlich bestehen bleiben) sehr viel mit ihren Gegnern: Den Teilnehmern des IS. Es ist der empfindlich gekränkte Narzissmus, der die (zumeist) jungen Männer in Heldenposen treibt und die von Statusverlust bedrohten Bürger auf die Straße. Und zu diesem infantilen Narzissmus passt die eindeutige Beschreibung der Feindesgruppe: Alle Ungläubigen, alle Moslems.

Kinder können sich die Welt noch nicht erklären in ihrer Vielschichtigkeit, können noch nicht aushalten, dass es keine eindeutigen Fronten von Gut und Böse gibt. Sie brauchen aus ihrer psychischen Unreife heraus deutliche Orientierung: Die und Wir, Böse und Gut. Ihre Existenz ist dauernd bedroht von der Übermacht der Erwachsenen, ihr infantiler Narzissmus liegt noch offen zutage: „Mami ich war heute der/die Beste und der Mohamed/Paul war total doof, den mag ich nicht mehr.“

Ausschwitz ist nicht weit weg oder lange her. Ausschwitz ist Teil unser aller Menschen-Narzissmus. Gekränkte Narzissten, Menschen voller Angst vor dem Verlust ihres (Überleben)-Status und ohne Selbstkritik, Menschen, die ihre Identität stark durch ein eindeutiges Gut und Böse aufrecht halten müssen, würden immer noch gerne Lager/Orte bauen, in den sie alle ihre Feinde beseitigen und dann wäre in ihrer ängstlichen, kleingeistigen Kinderwelt endlich alles gut. Und sie selbst wären die Tollen, die Herren-Rasse, die echten Deutschen. Doch das Böse ist eigentlich der eigene infantile Narzissmus, den man so gerne den Feinden des eigenen Status zuschieben möchte.

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Religion und Narzissmus

Im Moment ist viel die Rede von „religiösen Gefühlen“. Man darf sie nicht verletzen, sie werden in ihrer Sprengkraft sehr ernst genommen – und es wird moralisch viel im Ungewissen herumgeschwafelt. Das ist ein eindeutiger Hinweis darauf, dass die meisten Mitredner eigentlich nicht so genau wissen, worum es geht, aber vorsichtshalber mal politisch korrekte Aussagen machen und sich damit den Anschein der Seriosität geben.

Aber was sind religiöse Gefühle? Religiöse Gefühle werden als Teil der Identität beschrieben oder als Sinn, den man im Leben findet. Als solches sind religiöse Gefühle purer Narzissmus. Deshalb haben sie auch so eine Sprengkraft: Es geht um unser Wertgefühl. So kränkend es sein mag für alle Gott-Anhänger: Letztlich ist völlig eindeutig, dass alle Menschen, die an höhere Mächte glauben, auch daran glauben, dass diese göttlichen Kräfte sie selbst als kleine, ängstliche, banale, biologische, fehlerhafte, egoistische Wesen in etwas Tolleres, Erhabenes einbinden. Durch seine Religion wird man zu etwas Besonderem, Unsterblichen, zu jemand, dessen Schicksaal von einer absoluten perfekten Übermacht hoch-speziell geplant und umsorgt wird. Man wird zu einem Kind, dessen Fehlerhaftigkeit und Inkompetenz von einer elterlichen Kraft mit Liebe und Wohlwollen betrachtet wird, ja, für dessen Egoismus sich elterliche Kräfte aufopfern.

Jemand hat mal gesagt: Wenn es Gott gäbe, wäre es eine Unverschämtheit, an ihn zu glauben. Wieso sollte eine perfekte Macht ein so fehlerhaftes Konstrukt wie den Menschen schaffen? Alleine das widerspricht sich. Oder warum sollte diese Macht den Menschen ständig unendlich viel Leid und Mühsal zufügen? Sicher: Gottes Wege sind unergründlich für den Menschen. Aber was den Menschen umtreibt, trotz des göttlichen Sadismus an Gott zu glauben, ist sehr gut zu ergründen. Und warum sollte diese Macht den Menschen strafen, wenn seine Fehler doch auf dem Konstruktionsfehler Gottes selbst basieren. Und warum wird ständig behauptet: Wir können uns alle entscheiden zwischen Gut und Böse… Kein Kind, das jahrelang gequält wird, kann sich später noch frei entscheiden. Das hat die Biologie Gottes leider so festgesetzt. Jeder Kinder- und Jugendpsychologe weiß das.

Die meisten Menschen empfinden die meisten anderen Menschen als dumme, egoistische Kleingeister. Und das kommt daher, dass die meisten Dinge, die Menschen machen – und die andere kritisieren und ablehnen -, aus Narzissmus erwachsen. Dabei ist der Narzissmus gar nicht so schlecht. Man kann ihn auch als Grund-Lebenstrieb übersetzen. Wenn ein Baby auf die Welt kommt, dann hat es diese Lebensenergie: Ich will Leben, ich will meine Bedürfnisse befriedigt bekommen, ich will Anerkennung in meiner schützenden Gruppe, die mein Überleben sichert, ich will ein tolles Wohlempfinden als Zeichen, dass mein Überleben gesichert ist. Das ist Narzissmus. Und er muss als primärer Narzissmus erst mal sozialisiert werden, damit ein Mensch in der Gruppe auch auf die Bedürfnisse der anderen Rücksicht nimmt, sonst funktioniert nämlich dieses geniale Überlebensprinzip Gruppe nicht. Tja, und bei vielen Menschen läuft da was schief: Da sie die Anerkennung und Bestätigung in den ersten Jahren nicht gut oder gut genug erfahren haben, bleibt der primäre Narzissmus zu stark erhalten. Wie kleine Kinder glauben dann diese Menschen, dass sie das Wichtigste sind – besonders für ihre (göttlichen) Eltern.
Eltern werden immer einerseits in der Liebe der Kinder völlig überhöht, weil sie andererseits deren Überleben und Wohl sichern müssen und sollen: Der erhebende Vater, die umsorgende Mutter, die ihnen vermitteln, wie gewollt und wichtig und toll sie sind. Kinder sind gekrängt wegen ihrer körperlichen Schwäche. Aber die tollen Eltern machen ja alles gut und erheben das Kind damit selbst zu etwas Tollem, Überlegenem.

Was läge also näher, als zu glauben, es gäbe eine Macht, die nur auf einen selbst schaut, uns kennt, erschaffen hat, alles verzeiht und die Unsterblichkeit aufhebt. Letztlich geht es den Menschen im Glauben darum: selbst göttlich zu sein, übermenschlich zu sein d.h. über das Menschliche, Egoistische, Sterbliche, Banale hinaus zu gehen. Wir wissen als einzige Wesen, dass wir sterben müssen. Wir wissen was wahr ist und was falsch und wir wissen auch irgendwo, dass wir uns etwas vormachen, mit all dem religiösen Getue. Sonst müsste man nicht ständig betonen, wie fest man im Glauben steht. Der Zweifel ist allgegenwärtig. Doch die Angst vor der Banalität des Lebens ist größer und führt einen immer wieder zurück zur Hoffnung, es gäbe da mehr. Was für eine Hybris, was für ein Egoismus, was für eine Schwäche. Sicher ist es nicht einfach auszuhalten, wie banal und fehlerhaft wir sind, aber es ist möglich.

Wer je mit Patienten gearbeitet hat oder selbst eine Psychotherapie gemacht hat, weiß wie schlimm es ist, einzusehen, dass die eigenen Eltern nur banale, fehlerhafte Menschen sind, die einem viel Leid zugefügt haben mit ihrer Schwäche. Der Selbstwertverlust wegen dieser Erkenntnis ist bedrohlich, die Kränkung unerträglich. Und doch ist es die einzige Möglichkeit, endlich erwachen und realistisch glücklich zu werden. Wer für sich selbst sorgt, sich nicht wichtiger nimmt, als er ist, kann deshalb gut und in Frieden leben, weil er durch seine Selbstkritik nicht mehr so kränkbar ist, weil er nicht ständig auf mehr hofft, als möglich ist, weil er zufrieden ist, mit seiner banalen, einfachen Existenz, weil er alle Ansprüche und falschen Erwartungen loslassen kann. Und er muss daher auch nicht mehr mit Hass andere verfolgen.

Warum sollte man aushalten lernen, dass wir gottlose, banale, egoistische, selbstüberschätzende Wesen sind? Weil religiöse Gefühle so viel Leid auf der Welt verursachen, seit Jahrhunderten Elend und Tod auf vielfältigste Weise anderen Menschen zufügen. Und jeder, der gläubig ist und diese Zeilen liest, weiß genau in diesem Moment, wovon ich rede. Wie schnell sind Gläubige gekränkt und beleidigt, die Kritik vernehmen; wie erhaben fühlen sie sich, wenn sie drüber stehen (fast schon gottähnlich in ihrer verzeihenden Größe einer armen, verirrten Seele gegenüber). Sicher sind diese Gefühle auch Atheisten nicht fremd, aber wir hatten nie den Anspruch besser zu sein oder sein zu sollen als wir sind. Gerade die religiösen Gefühle in ihrer Selbstgerechtigkeit widersprechen jeder Idee von Gott.

Warum kann man arme, ängstliche, gläubige Menschen nicht in Ruhe ihre Krücken benutzen lassen? Ich kann die Angst und die Kränkung ob unserer menschlichen Begrenztheit gut verstehen. Ich bin ja ein Mensch. Doch religiöse Gefühle laufen einfach hochgradig Gefahr, jederzeit die hässliche Fratze des Narzissmus und der Selbstüberschätzung zu zeigen. Wer nach Rücksicht auf religiöse Gefühle ruft, der kann auch nach Rücksicht auf die Selbstlüge und den Narzissmus des Menschen rufen. Und seltsamer Weise bekämpfen wir sonst an allen Ecken den menschlichen Narzissmus. Selbst die guten, sozialen Handlungen, die den religiösen Gefühlen entspringen, sind eigentlich genau deswegen (aus dem Streben nach Anerkennung vor Gott) genau das: Narzisstisch. Das ist normal und wir kommen da nicht raus. Aber wir müssen das wissen und immer gewahr bleiben, dass es so ist, um durch die Selbstkritik die Hybris zu verhindern. Und genau das ist immer die Gefahr bei religiöser Selbst-Aufwertung.

Warum ist es so unüblich, auf die Verletzung der unreligiösen Gefühle hinzuweisen? Wer achtet darauf, wie sehr die Unreife und unreflektierte Selbstsucht der Gläubigen einen humanistisch gebildeten Menschen beunruhigt und verängstigt? Warum reicht es so vielen Menschen nicht, mit Humor und Hinnahme ihren Ängsten zu begegnen? Warum benutzen sie ihr Wissen um ihre Ängstlichkeit nicht, um es in ihrer Lebenszeit richtig und gut zu machen? Man braucht keinen Gott um moralisch zu leben! Moral ist Lebenssinn genug. Wenn ich die Wahl habe zwischen Gut und Böse (egoman), dann wähle ich allein deshalb schon gut, weil es sich besser anfühlt, weil ich damit ein besseres soziales Klima um mich herum schaffe und mir das allein schon viele Ängste nimmt. Das Interessante wäre ja, wenn es Gott gäbe, so wie wir Menschen ihn definieren in allen Religionen, hätten wahrscheinlich diejenigen vor seinem Prinzip am meisten Bestand, die nicht an ihn glauben, an keine höhere Kraft oder Macht – und trotzdem versuchen das Richtige zu tun, einfach so, ohne das Gefühl der Kränkbarkeit ihrer religiösen Gefühle und trotz ihrer Angst.

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Selbstwert 2015

Die Menschen leiden immer mehr unter mangelndem Selbstwert. Sie fühlen sich im Beruf übersehen, von der Politik nicht ernst genommen, sie fühlen sich übergangen oder ausgenutzt, sie haben Angst verlassen/gekündigt zu werden, wenn sie nicht mehr toll genug sind, jung genug, fit genug, flexibel genug. Und mangelnder Selbstwert ist pure Angst. Denn das Selbstwertgefühl spiegelt unsere Chancen zu überleben. Dazu hat die Evolution ein Selbst/Ich in unsere Wahrnehmung etabliert. Ihm sind alle Hirnfunktionen untergeordnet, alles was wir lernen wird im Sinne dieses Selbstwertgefühls von unseren Emotionen gespeichert und erinnert.

Unser Selbstwertgefühl ist zum größten Teil unbewusst. Wir können aber auch (als einzige Lebewesen) über uns in unserem Umfeld nachdenken. Der Selbstwert besteht aus den vielen kleinen und großen Erfahrungen, die wir mit unserem sozialen Umfeld machen. Deshalb sind die ersten Lebensjahre so entscheidend. In dieser Zeit wird unser Hirn (als biologische Grundlage für unser Selbstwertgefühl) funktionstüchtig gemacht: Wir lernen in der Interaktion mit unseren Eltern, wer wir sind, wie wichtig wir sind, wie die sozialen Regeln funktionieren, in denen wir überleben wollen. Unser Selbstwertgefühl ist der Spiegel unserer Integration in das schützende Umfeld. Deshalb ist die Angst, die entsteht, wenn wir uns minderwertig fühlen, so existentiell: Wenn wir nichts wert sind, ist unser Überleben bedroht.

Von dieser Angst sind wir wie ferngesteuert und können nicht mehr frei entscheiden, ob wir nun besser den einen oder anderen Weg gehen. Erleben wir etwas, das unser Selbstwertgefühl massiv schwächt, z.B. wenn wir verlassen werden oder uns der Job gekündigt wird, dann müssen wir dieses Leid sehr ernst nehmen. Erst wenn wir im Nachhinein diesem Leid einen neuen Sinn geben können, weil wir z.B. durch den Schicksalsschlag einen besseren Job gefunden haben, oder endlich etwas gemacht haben, was wir uns vorher nicht getraut haben (quasi als Flucht nach vorne), dann verheilt diese Wunde. Denn alles, was wir tun, was uns widerfährt, ist darauf hin bewertet und sortiert, dass es uns möglichst besser geht, unser Selbstwertgefühl wieder stabil ist oder sogar steigt. Deshalb fühlen wir uns nach überwundenen Schicksalsschlägen so gestärkt. Denn die Erfahrung, eine Krise überwunden zu haben, ist eine Erfahrung, die unser Überleben sichert: Das nächste Mal schaffen wir das wieder, das nächste Mal wissen wir, wie es geht, wer uns hilft, wer Freund ist oder Feind.

Nur, wie gibt man dem Leid einen neuen Sinn? Heute scheint der einzig wahre Sinn der wirtschaftliche Erfolg, die körperliche Perfektion: Nur die Sieger scheinen ein sinnvolles Leben zu führen. Alle anderen müssen sich selbst einen Sinn suchen, jenseits der Boulevardpresse und Werbebilder, der Berichte von Top-Manager-Gehältern und Society-Partys. Und selbst viele Menschen, die mal zu dieser oberen viel beachteten Spitze der Gesellschaft und ihrer Perfektionsregeln gehörten, müssen sich irgendwann einen anderen Sinn suchen, weil ihr Selbstwertgefühl schnell am Boden ist, wenn sie diese Spitze durch Alterungsprozesse und Machtverlust verlassen müssen.

Es ist also sehr sinnvoll, sich seinen eigenen Sinn rechtzeitig zu suchen und möglichst jenseits der offiziellen Statuten. Denn diese bestimmen die Menschen fremd, besonders auch die, die dazugehören: Es gibt nichts Stressigeres als diesen Regeln gerecht zu werden und dann zu bleiben. Und wer hat diese Perfektionsgesetze überhaupt festgelegt? Sicher, ein Teil davon liegt in unserer Biologie begründet. Doch unsere Biologie existiert gar nicht ohne unser gelebtes Dasein: Erst in den Erfahrungen der sozialen Realität wird sichtbar, was dahinter in der Biologie abgespeichert ist. Denn die Biologie, unsere Gene und biochemischen Prozesse, sind letztlich nichts anderes als gespeicherte Überlebenserfahrung, die sich immer wieder im aktuellen Umfeld verwirklichen muss. Das wird oft vergessen, obwohl es so klar und einfach ist. Wenn wir also neue Erfahrungen generieren, kann es durchaus sein, dass diese nicht nur in den Erinnerungszentren unserer Hirne individuell abgespeichert werden, sondern darüber hinaus in der Epigenetik unserer Zellen und dann vielleicht irgendwann in unserer DNA. Aber das ist über unser Leben weit hinaus gedacht. Sehr real ist: Eigene gelebte Werte und Sinnhaftigkeit fördert das eigene Selbstwertgefühl im hier und jetzt unseres Daseins 2015.

Wenn uns also ein Schicksalsschlag ereilt, dann ist gegen die Selbstwert-Entwertung die beste Waffe, sich zu überlegen, in welcher Werteordnung es uns so schmerz, das wir glauben nichts mehr wert zu sein. Was verbindet man mit dem Partner, der einen verlassen hat? Warum fand man ihn/sie so toll? War es wirklich der gute Charakter, seine/ihre persönliche Reife? Oder war es das Äußere, die (finanzielle) Sicherheit, die Bequemlichkeit? Hat man den Job nicht schon lange gehasst, sich aber nicht getraut, etwas anderes zu machen, weil das Geld und der Status etc. so wichtigen Halt gegeben haben für den eigenen Selbstwert? Aus was bestehen wir noch, was macht unseren Wert noch aus, außer den offiziellen offensichtlichen Fixpunkten?

Wer ausbricht aus der offiziellen Werteordnung fürs Selbstwertgefühl wird immer angegriffen, in Frage gestellt – von allen, die ihr Selbstwertgefühl dieser offiziellen Ordnung unterwerfen. Aber es gibt immer mehr Menschen, die ihre eigenen Werte leben, ihr Selbstwertgefühl frei und unabhängig an anderen Werten orientieren. Doch meistens beginnt das mit einer schweren Krise. Also: Seit dankbar für jedes Leid 2015, denn es gibt die Möglichkeit, endlich frei zu werden von offiziellen Werteordnungen, die unsere Selbstwertgefühle auf schändliche Weise gefangen halten.

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Angst

Wir müssen uns von „psychischen Schalen-Tieren“ zu „psychischen Wirbel-Tieren“ entwickeln, hat der Hirnforscher Gerald Hüther mal gesagt. Angesichts der grassierenden Angst in der Gesellschaft halte ich das für das einzig wirksame Mittel.

Die Menschen gehen auf die Straße und letztlich lässt sich ihr Vorwurf gegen die Politiker und die Medien und gegen den Islam zusammenfassen in die große Frage nach Orientierung: Wo bitte geht es denn hier zur Sicherheit?! Und für viele Menschen bedeutet Sicherheit und Orientierung ein klares Gefühl, zu welcher guten eigenen Gruppe man gehört und wer zu den bösen Anderen gehört. In Zeiten des kalten Krieges und davor, in einem System aus Nationalstaaten, war das noch ganz einfach. Seit 1989 hoffte man zuerst mal auf den Wegfall aller bösen Mächte für immer. Seit 2001 ist das Böse aber nun erst recht: überall. Dazwischen gab es auffällig viele Filme über fiktive Angriffe aus dem All und böse weltfremde Mächte. Braucht der Mensch einen Feind, um sich zu orientieren?

Antwort: Er braucht einen klaren äußeren Feind, solange er seine eigenen infantilen, unreifen Anteile nicht akzeptiert, nicht wissen will, verdrängt. Er möchte seine eigenen Schwächen, z.B. seine Gier, gerne auslagern, anderen zuschieben: den Politikern und Asylanten zum Beispiel. Er hält seine eigene menschliche Armseligkeit nicht aus, in seinem geschönten Selbst-Bild, das er so gerne wäre oder neben seinen guten Anteilen, auf die er so stolz ist. Projektion oder Verschiebung nennt man das in der Psychoanalyse. Sie ist bei kleinen Kindern gut zu beobachten, die ihren Teddy schimpfen, weil er die ganzen Süßigkeiten gegessen hat. Sie ist ein Mechanismus, um den Psychohaushalt im Gleichgewicht zu halten, denn wir wollen immer von uns nur das Beste glauben, damit unser Ansehen in der überlebenswichtigen Gruppe gut bleibt, vor allem vor uns selbst. Menschen wollen oft genug nicht Zusammenhänge verstehen, denn dann müssten sie die Vielfalt und Ungenauigkeit und sich selbst darin aushalten.

Selbstkritik ist dagegen die höchste Stufe der psychischen Reife und gesunde Realitätswahrnehmung dafür Voraussetzung. Dazu braucht es aber prinzipiell das Gefühl: Ich bin gut, wie ich bin.
Leider bekommen wir dieses Gefühl heute immer weiter entzogen: Wir hören und sehen nur noch die Sieger, die besten, die Leistungsträger, die Promis, die, die es geschafft haben. Das wäre ein Vorwurf an die Medien, der wirklich mal gerecht wäre und ihre Funktion hinterfragt. Lügenpresse ist eine Presse, die nicht Dinge erfindet oder verschweigt, sondern ständig Leistungsdruck und Minderwertigkeitsgefühle erhöht, die ein Überlebensszenario herauf schreibt, um mit der Angst Geld zu machen. Denn aus lauter Angst wird die Angst zur Ausrichtung, sie sucht sich einen Adressaten und findet ihn vorzugsweise in schrecklichen Bildern. Dagegen stehen dann die Bilder, von denen, die nicht mehr Angst haben müssen, die Stars, die Tollen, die, die es geschafft haben.

Die Menschen sind vor allem durch Fremde in unsrem Land verunsichert, weil sie um ihre eigene Wertigkeit fürchten. Niemand scheint mehr den Einzelnen, Alternden, ohne sichtbaren Erfolg und Status zu wollen oder zu brauchen, in der globalen Gesellschaft. Überall gibt es leistungsstärkere, hungrigere, flexiblere, jüngere Menschen. Die Fremden werden zu Feinden, wenn sie das Selbstwertgefühl bedrohen, die eigene Perspektivlosigkeit deutlich machen. Dabei könnte man dem entgegenwirken – nicht durch mehr Leistungsdruck auf sich selbst – sondern durch mehr Verständnis der Zusammenhänge, dem Wissen darum, wie die Angst in uns selbst entsteht und was an den Szenarien der Medien völlig übergewichtet ist. Muss ich mich bedroht fühlen, weil Islamisten Anschläge veranstalten? Wie viele Verkehrstote gibt es im Jahr? Wie viele Krebstote? Habe ich deshalb ständig Angst vor Autos oder meinem Körper?

Doch viele hätten gerne wieder Führer, die wissen wo es lang geht. Aber vor nichts sollte man so viel Angst haben, als vor Führern, deren eigentliches Ansinnen man nicht versteht, bis es zu spät ist, die uns ohnmächtig machen, indem wir ihnen folgen: Ohnmächtig wie Kinder wäre man dann wirklich bedroht. Freiheit ist eben etwas, das man mit Angst erkauft.
Angst könnte aber auch neugierig machen. Statt Bedrohungen im Außen zu finden, ist ja die Angst in uns die eigentliche Bedrohung. Und auf nichts hat der Mensch so guten Zugriff, wie auf sein Inneres. Nur, da gibt es eben auch viele Untiefen zu finden und auszuhalten. Doch wer sagt mir eigentlich, was unperfekt und ungenügend ist an mir? Ist diese Frage zu beantworten nicht einfacher, als Europa abzuschaffen oder die Politiker oder alle Ausländer oder den gesamten Islam?

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Exzellente Schafe

Diese Woche war ich zu einem Essen eigeladen. Und plötzlich kam das Thema Scheidung als Gesprächsthema auf: Es wurde von der Eigenen berichtet oder von der von gemeinsamen Freunden, die sich gerade zum vollen Rosenkrieg entwickeln würde. Es wurde spekuliert, wer wohl als nächstes dran ist und wessen Ehe in welchem Zustand ist und was wohl in 5 Jahren noch Bestand hat. Wer hat schon wieder einen neuen Partner und wie geht der Ex-Ehegatte damit um? Und die Kinder?

Ich musste unwillkürlich daran zurück denken, dass es vor ca. 10-15 Jahren genau das gegenteilige Thema bei solchen Essen im Freundeskreis gab: Wer heiratet wen? Wie war die Hochzeit (viel zu kitschig oder viel zu nüchtern)? Wer zieht wen vor den Altar, findet man das schlecht oder kann man dafür Verständnis aufbringen? Wer hätte was Besseres verdient und wessen Ex-Freund/in hätte besser gepasst…?

Dann gab es eine Zeit des: Wer ist jetzt wieder schwanger? Haben die schon ihr Kind? Ist es ein Junge oder Mädchen? Wieviele wollen die denn haben?

Weit davor gab es eine Zeit mit: Wer geht mit wem? Wer hat mit wem geknutscht auf wessen Party oder sogar Sex gehabt? Wer war wieder wie doll besoffen und hat an Silvester wessen Briefkasten mit Böllern malträtiert? Dann: Wer studiert was? Wer ist mit wem jetzt fest zusammen oder hat sich jetzt doch getrennt? Wer ist mit wem zusammengezogen? Wer hat jetzt welchen Job, wo bekommen?

Und ich prognostiziere mal die Gesprächsthemen in 10 Jahren werden sein: Wessen Kinder studieren jetzt was? Wessen Kinder heiraten jetzt wen? Wer ist Großvater/Großmutter geworden? Wer ist jetzt schon in Rente oder arbeitet doch noch etwas? Und dann leider unvermeidlich: Wer hat jetzt welche Krankheit? Und wie schlimm ist es?

Der Yale-Professor William Deresiewicz hat gerade ein Buch geschrieben, in dem er behauptet, dass die Studenten der namhaften amerikanischen Unis nicht mehr sind, als exzellente Schafe, Zirkustierchen: traurige, innerlich leere Konformisten, die nicht selber denken könnten und eigentlich nur versuchen, so schnell wie möglich ihre Punkte zusammen zu bekommen, ohne tiefes Interesse für den Stoff. Die Schell-Jugendstudie hat vor einiger Zeit von Deutschland dasselbe berichtet: Studieren, um sich mal was leisten zu können, sei die Grundmotivation der heranwachsenden geistigen Elite. Und Perspektivlosigkeit und Angst führen zum geistigen Verschleiß, noch bevor das Studium überhaupt angefangen hat. Die Welt geht unter und man möchte als junger Mensch nur noch einen halbwegs sichern Platz in einem der Rettungsboote erkämpfen. Dazu muss man sich schon genug anstrengen. Ohne absolute Leistungskonformität hat man nicht mal die Chance zu überleben – d. h. halbwegs luxuriös zu überleben. Das Schreckgespenst der materiellen Verarmung und mangelnden Absicherung tötet jeden Freiheitsgeist, jeden Widerspruch bei Menschen, zu deren Alter es mal als wichtigste Lebenserfahrung gehörte, sich abzugrenzen und alles anders machen zu wollen.

So weit so mitleidig. „Unreflektierte Selbstgefälligkeit“ wäre der entsprechende Vorwurf gegen die geistige Elite unserer Zukunft. Man kann auch Ingenieur werden und trotzdem ein selbstbestimmtes Leben führen – oder gerade deshalb. Wer so gefragt ist, kann es sich doch eigentlich gerade erlauben, gegen Konformismus und Überarbeitung zu protestieren, denn er würde immer wieder einen Job finden. Stattdessen nehmen die psychischen Probleme bei den Studenten ständig zu: Die große Sinnfrage scheint sich schon in jungen Jahren zu stellen, zwischen Lernmarathons, Semesterpraktika und der Angst hinten runter zu fallen. Die konformen Gesprächsthemen an den Abendessen der Zukunft werden sich also nicht ändern. Nur der Druck scheint noch größer geworden, unbedingt mithalten zu können – bis zur hoffentlich gutfinanzierten Sterbebegleitung.

Aber wohin genau würde man fallen, wenn man hinten runter fällt? Ist schon mal jemandem aufgefallen, dass zwischen Managergehalt und Harz IV ein weites Feld liegt?
Vielleicht muss man sich als Mensch auch mal beweisen, seine Grenzen ausloten. Aber was, wenn man deshalb mit 23 das erste Burn-out hat, weil man seinen völligen Wertverlust auf dem Humankapitalmarkt befürchtet?

Was ist ein gelungenes Leben? Das wäre z.B. mal so ein Gedankengang, dem man nachhängen könnte, wenn man die Uni besucht. Charakterbildung ist nicht so leicht messbar, wie Gehälter, von denen man sich Statuselemente kaufen kann. Wer ist zuständig für die Schulung von Lebenssinn-Fragen für junge Menschen, die Umwelt-, Krankenkassen- und Renten-Kollaps vor Augen haben? An den Lehrstühlen und in den Chefetagen sitzen heute Menschen (meiner Generation, die gerade in der Scheidungsphase sind und ihr sauer verdientes Geld in den Unterhalt des Ex-Partners oder die Ausbildung ihrer Elitekinder stecken), die zu ihrer Jugendzeit noch nicht diese Probleme so vor Augen hatten bzw. sie selbst mitverschuldet haben, für Arbeitsdruck und Stellenkürzung und Profitwachstum auf Kosten der Lebensqualität anderer verantwortlich sind und trotzdem (oder gerade deswegen) ihr Lebensprinzip des Höher, Besser, Weiter nicht in Frage stellen wollen/gestellt bekommen.

Ich bin bei dem Abendessen wieder mal mit deutlich zu erkennendem Unverständnis gefragt worden, warum ich mir jenseits des 40ten Lebensjahres denn noch eine Dissertation antue. Meine Antwort: Ich wollte für mich ein Lebensthema endlich klären – Willensfreiheit -, das mich nicht loslässt über das lange zurück liegende Examen hinaus. Ich habe daraufhin wieder mal gehört: Aber dafür hätte doch auch ein Buch zu lesen gereicht! Ich werde wohl auch zukünftig bei solchen Abendessen immer ein Alien unter den strebsamen hippen Nerds bleiben.

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147 Firmen

147 Firmen weltweit, darunter viele Hedgefonds und weltumspannende Kapitalkraken, beherrschen unsere Welt. Black Rock ist eine von ihnen. Sie verwalten Vier-Tausend-Milliarden! Dollar. Es ist viel privates Kapital darunter: sehr reiche Leute können es sich leisten, ihr Geld von sehr gewieften Finanzexperten verwalten zu lassen. Es ist aber auch das Geld vieler Pensionsfonds dort angelegt. Und alle erwarten kräftige Gewinne. Black Rock hält Anteile an ganzen Wohnblocks (auch in Deutschland) und an mittelständigen Traditionsunternehmen wie WMF. Der Topf-Hersteller mit gutem deutschen Namen ist seit Jahren von Kürzungen und Auslagerungen betroffen. Seine Mitarbeiter haben dieses Jahr die Weihnachtsfeier ausfallen lassen, aus Solidarität mit den gekündigten Kollegen. WMF wird ausgeschlachtet, damit die Rendite stimmt, auch die amerikanischer und deutscher Rentner. Die Mieten von Wohnungsbaugesellschaften, an denen Black Rock beteiligt ist, steigen und steigen, weswegen viele Rentner sie sich nicht mehr leisten können. Freuen können sich aber viele Milliardäre: Ihre Vermögen wachsen, während die Gewinne aus den Rentenfonds kaum die Teuerungen ausgleichen. Und so geht durch dieses System die Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinander. Und da unsere Renten daran hängen, genauso wie das Gewinnstreben der Oberschicht, sieht es so aus, als könne niemand etwas dagegen tun.

Und was läuft im deutschen Fernsehen zu Weihnachtszeit? Markus Lanz und Helene Fischer. Die letzte Sendung Wetten dass…? und das noch junge Format der Schlager-Weihnachtsshow gleichen sich vor allem durch die schmerzhafte Dämlichkeit, ihre übertriebene Glätte und (ich muss es leider so sagen) Dummheit der Moderatoren. Besonders, wenn man auf die Texte achtet, muss man sich zwingen nicht umzuschalten. Aber wie bei einer eitrigen Wunde ist man auch gleichzeitig fasziniert vom Ekel. Da hilft dann auch das perfekte Aussehen der Präsentatoren nicht weiter. Selten wurde so deutlich, dass man bei äußerlicher Perfektion doch wirklich auch noch Inhalt braucht. Wenn das gefühlte hundertste Mal ein “ganzganzganz toller Gast“ angekündigt wird, ein „wundervoller ach so menschlicher Star“ auftritt, für den Markus und Helene ja schon „als Kinder so geschwärmt“ haben und sie sich deshalb „ganzganz besonders wirklich doll freuen“, dann merkt man, dass diesen gezüchteten, durchgestylten Lächlern einfach der Wortschatz fehlt und natürlich auch jede Form von Witz und Humor. Und für beides braucht es nun mal Intelligenz. Seltsamer Weise scheint das aber die meisten Menschen nicht zu stören… Und gerade die Menschen, die sonst permanent nörgeln über den Zustand unserer Gesellschaft, sitzen unten im Publikum.

Vielleicht fragen Sie sich jetzt: Was hat das eine mit dem andren zu tun? Gerade weil da draußen die Macht des Turbokapitalismus herrscht, die jeden, der nicht Millionen besitzt, absolut machtlos werden lässt, gerade diese Machtlosigkeit und Angst vieler Menschen treibt sie in die Scheinwelt einer Fernsehshow und die entsprechende Lebenskultur. Denn erwiesener Maßen sind Menschen, die bei der Pegida Bewegung gegen arme, syrische Flüchtlinge auf die Straße gehen, besonders zahlreiche Helene Fischer Fans und auch Wetten dass…? wurde bis zum bitteren Ende von diesen Menschen geschaut. Die Flucht in eine perfekt-verzuckerte deutsche Showwelt betäubt die Angst vor den bösen Ausländern, die uns alles wegnehmen. Nur, dass die bösen Ausländer eigentlich die internationalen Finanzjongleure der Wallstreet sind – und nicht ein paar abgerissene Menschen aus Afrika oder dem Nahen Osten.

Und warum wohl behalten diese Finanzleute ihre Macht und werden nach jedem Crash immer mächtiger? Weil die Politiker gerne gewählt werden wollen und ängstlichen Bürgern Versprechungen machen, die sie dann mit dem geliehenen Geld der Finanzindustrie bezahlen müssen. Also all die ängstlichen Pegida Demonstranten, die an Weihnachten so gerne Helene Fischer schauen und Politikern glauben, die ihnen eine falsche Sicherheit versprechen, genau die füttern mit ihrem Verhalten und Denken das System, dass ihnen ihre Sicherheit täglich unterm wohlgenährten Hintern wegrationalisiert. Und mir persönlich springt diese Dummheit besonders in den Weihnachtsfernsehprogrammen alle Jahre wieder ins Auge.

Neulich sagte mir ein Mensch, der der Pegida-Nazi-Bewegung nahe zu stehen scheint, diesen typischen Satz, von dem man mittlerweile fast nicht mehr glauben kann, dass er wirklich gesagt wird: „Man wird ja wohl noch mal seine Meinung sagen dürfen.“ Ja, wenn man für dumm gehalten werden will, kann man seine völlig unbegründete, allen Fakten widersprechende Meinung sagen. Im Mittelalter durfte man auch Frauen als Hexen denunzieren und, ohne sich lächerlich zu machen, an die Hölle mit kleinen roten Teufelchen glauben. Heute darf man die Helene Fischer Show schauen und glauben, dass sei echt deutsche Kultur und da treten gute Menschen auf, die unsere Werte gegen den bösen Islam hochhalten. Man darf sich dann nur nicht wundern, dass man für dumm und ignorant gehalten wird und deshalb auch das kapitalistische System so ein leichtes Spiel hat, mit der Ausbeutung der Menschen. Das dumme daran ist nur, dass dumme Menschen in Massen verdammt gefährlich werden können. Und wenn der globale Kapitalismus ihnen noch mehr die Sicherheitsgrundlage entzieht und sie in ihrer Dummheit denken, der Islam wäre eine Bedrohung, obwohl uns der IS weit weniger betrifft in unserer Lebenswelt, als Black Rock in New York, dann werden diese dummen Massen ihre Angst irgendwann gegen die Falschen kanalisieren. Und die Medien und kritischen Denker gehören jetzt schon zu ihren Feindbildern, denn die Wahrheit und gute Argumente wollen diese Kleingeister typischer Weise nicht mehr hören. Was würde das auch an ihrer Ohnmacht ändern, wenn sie wüssten, wer sie verursacht. Ein paar Asylanten kann man besser niederbrüllen als Larry Fink in seinem schwarzen Hochhaus in New York.

Was wäre wohl wenn ein Markus Lanz oder eine Helene Fischer mal dazu etwas sagen würden: „Liebe Zuschauer, wir wissen, ihr wollt dem Elend und den Ängsten Eures Alltages hier entfliehen, nach all dem Konsum und den fetten Braten eine Scheinwelt mit Kindern und Tieren und Zuckerguss als echte Welt vorgestellt bekommen, aber wenn ihr den Fernseher abschaltet, seid Euch bewusst, es sind Firmen wie Black Rock, die Eure Welt bedrohen – und nicht ein paar syrische Flüchtlinge.“ Ein Satz würde genügen. Aber nein, das ZDF möchte zu Weihnachten und auch sonst seinen Zuschauern ja nicht zu viel zumuten. Und dumme Menschen wollen nun mal dumme Unterhaltung, um ihr dummes Leben besonders an Weihnachten betäubt zu leben. So wird man sie auch 2015 weiterhin gut für dumm verkaufen können. Na dann: guten Rutsch.

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Ihr Kinderlein kommet

Zum Jahresende werde ich an dieser Stelle noch mal die Möglichkeit nutzen, politisch völlig unkorrekt zu sein. Weihnachten ist ja angeblich Familienzeit, Kinderzeit und man freut sich über das Leuchten in den Augen der lieben Kleinen vor dem Lichterbaum. Aber das ist natürlich im Angesicht der menschlichen Natur wieder einer dieser vielen Vorstellungen, dass der Mensch doch irgendwo besser wäre, als er ist.

Vielen Menschen geht es (sogar trotz eigener Kinder) zunehmend auf den Nerv, dass andere Leute ständig so ein riesen Bohoi machen, wegen ihrer durchschnittlichen Rotznasen. Da dürfen Kinder keine Kinder mehr sein, sondern werden zu Weltrettern stilisiert, während sie noch Cellophan- Windeln beschmutzen. Doch Kinder sind ja auch Menschen. Und – Hand aufs Herz – wie viele wirklich tolle Menschen kennen Sie?! Und ich meine Menschen, die Sie wirklich bewundern, die nicht feige, öde, ängstlich ihre kleinen Leben leben und dabei noch so tun, als wäre das alles so gewollt. Wie viele Menschen kennen Sie, die ihren Traumberuf ausüben, die ihren Partner noch nach Jahren wirklich lieben und nicht betrügen, die zufrieden sind und ihre Zeit wirklich sinnvoll nutzen, die hilfsbereit sind und an etwas glauben und sich dafür einsetzen, auch wenn es mal unbequem ist. Und die ausreichend Selbstkritik haben und Ehrlichkeit gegenüber den Menschen, die ihnen wichtig sind. Ich kenne nur sehr wenige solcher Menschen. Und wieso sollte es denn dann mehr tolle Kinder als tolle Erwachsene geben?!

Im Grunde genommen reicht der Besuch in einer Kita, um zu begreifen, wie oder was der Mensch ist: Ein banales Wesen, dass seinen Vorteil sucht, in der maximalen Anerkennung, Aufmerksamkeit, Habenwollen, Wichtigseinwollen – gegen alle anderen Kinder. Sicher ist der Lichterbaum an Weihnachten schön, aber – Hand aufs Herz – ist er das nicht vor allen für uns Erwachsene, weil er verklärte Erinnerungen anzapft und sie auf unsere Kinder projizieren? Rennen die Kinder nicht nach einer Sekunde auf IHRE Geschenke los, reißen das Papier auf und wollen für sich das Tollste und Meiste. Ich musste neulich ein Interview geben zu einem Fall aus den USA, wo eine 11-jährige drohte sich umzubringen, wenn an Weihnachten nicht das richtige Smart-Phone unterm Weihnachtsbaum läge.

Wie viele wirklich besondere Kinder kennen Sie, jenseits Ihrer eigenen natürlich? (Also andererleuts Kinder, denen man anmerkt, das sie nicht einfach nur kleine banale Rotzlöffel sind, die in ihrem kindlichen Narzissmus völlig offensichtlich glauben, die Welt müsse sich um sie drehen.) Wie viele wirklich schöne, innerlich schöne kleine Menschen wachsen in Ihrem Umfeld heran? Ich kenne dagegen eine Menge Menschen, die ständig von ihren Kindern schwärmen, was für intelligente besondere Menschen das wären, obwohl sie jetzt Retalin gehen ADHS verschrieben bekommen und Mathe überhaupt nicht klappt. Aber sonst machen die ja sowas von ihr Ding und sind sowas von besonders.

Sicher ist es notwendig, dass Eltern verliebt sind in ihre Kinder. Schließlich haben sie für diese Wesen jede Grippe mitgemacht, die der Kindergarten her gibt und tausende von Euro in die Nachhilfe investiert und jahrelang auf die eigene Selbstentfaltung verzichtet und Jobs behalten, an denen sie fast kaputt gegangen sind, aber die Verantwortung wegen der Kinder war nun mal da… Oder Eltern schwärmen aus schlechtem Gewissen, weil sie all das nicht getan haben, die Kinder nur jedes zweite Wochenende gesehen haben und natürlich sind die Kinder trotzdem sowas von toll geworden… Was wären wohl all diese Opfer wert, wenn man sie durchlitten hätte, nur für ein bis drei banale Egoisten, die kaum das Abitur schaffen und sicher nicht Geigenvirtuosen, Internet-Milliardäre oder auch nur brauchbare Ärzte werden. Und sicher gibt es viele Menschen-Kinder, die jenseits eines überragenden Erfolges glückliche, bewundernswerte Menschen sind – nur seltsamer Weise wünschen sich dieses innere Glück eines starken Menschen die meisten Eltern nur in zweiter Linie für ihr Kind. (Letztendlich messen wir alle, Eltern, Nichteltern, Kinder, Omas am selben Maß des offensichtlichen Erfolgs, der äußeren Schönheit – und nur ein paar wenige haben wirklich verstanden, dass das innere Glück nicht nur ein Trostpflaster für enttäuschte Eltern ist.) Denn wenn man sie befragt, die Eltern, hört man: Mein Sohn, meine Tochter, die wird ihren Weg schon machen. Aber man hört auch den latenten Zweifel in der Stimme von Eltern, die sich zunehmend, beim Heranwachsen ihrer Kinder, davon verabschieden müssen, den nächsten Einstein aufgezogen zu haben. Und – Hand aufs Herz – das hofft jedes Elternteil: dass das eigene Kind mindestens Bundeskanzlerin wird, wenn schon nicht Supermodel.

Letztendlich kommt es zu dieser Überhöhung der eigenen Kinder durch die Einsicht in die Banalität des eigenen Daseins. Was hat man nicht mit 20 alles für sich erträumt und geplant?! Und wenn viele Frauen selbst in diesem Alter, wo einem bekannter Maßen die Welt noch offen steht (weil man die eigenen Grenzen noch nicht erleben musste), schon von eigenen Kindern und einem sorgenden Ehemann träumten, dann wachen sie auch nicht härter in der Realität auf, als der leitende Angestellte, der immer Firmengründer sein wollte. Und weil dann die meisten Menschen einfach so banale Menschen sind und ihnen deshalb der Mut fehlt, aus diesem plötzlich (10 Jahre später) sehr manifesten Leben auszubrechen und alte Träume zu verfolgen, projizieren sie diese alten Träume eben auf ihre Kinder. Und so bleibt alles schön im Gleichgewicht, die Träume bleiben Träume und die Realität bleibt halbwegs sicher. Und an Weihnachten kann man sich über den Glanz in den Augen der eigenen Kinder freuen und ausblenden, dass sie eigentlich nur nach dem Geschenkehaufen schielen, der unter dem Baum liegt.

Kinder sind nichts besonderes. Denn Kinder sind auch nur Menschen. Meiner Meinung nach gibt es davon zu viele auf dieser Erde und das liegt sicher auch daran, dass ihre Eltern ohne sie verrückt würden, an der Sinnlosigkeit des Lebens und der eigenen Zukunftslosigkeit. Das ist in den Ländern der Dritten Welt nicht anders als in unserem schönen Europa.
„Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das Leben will“, hat Albert Schweizer gesagt. Und so haben die meisten Menschen ihre Kinder ins Leben geschickt, für eine weitere Runde in dem banalen Spiel. „Das Volk ist der Umweg der Natur, für fünf, sechs große Menschen“, hat Nietzsche gesagt. Achten Sie mal auf Ihre Kinder am Heiligabend. Ein Blick genügt, um zu wissen, mit wem man es da zu tun hat. Aber es reicht schon, dass Sie sie lieben, wie sie sind. Ein sehr weihnachtlicher Gedanke eigentlich.

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Weihnachten, das Fest der Liebe

Warum gibt es in der Liebe überhaupt so viele Probleme und Verletzungen? Gerade zu Weihnachten stehen wieder die typischen Familienfehden unterm Baum und am Rande der gefüllten Teller an: Kleine Gemeinheiten, die alte Wunden aufreißen.
Die Antwort auf die Frage „Warum überhaupt Liebe?“ Lautet: Die Liebe ist keine Himmelsmacht. Sie ist lediglich der soziale Kitt, der dafür sorgt, dass wir Menschen mit anderen zusammen leben, damit wir überleben und Nachkommen großziehen. Denn wir sind Gruppenwesen und brauchen die anderen zum Überleben für uns und unseren Nachwuchs. Und deshalb hat die Evolution ein paar Gefühlshormone erfunden, die uns aneinander schweißen – über all den Hass und die Verletzungen hinweg. So ist gerade in der Liebe der eigene Überlebens-Vorteil grundsätzlich. Dabei ist es egal, ob es sich um Liebespaare oder Familien handelt. Gerade durch die Verletzungen in der Liebe in den Familien bekommen wir ja die Probleme, auch in der romantischen Zweierbeziehung. Gerade weil wir die anderen so brauchen, sind wir so oft so enttäuscht von ihnen.

Doch wir Menschen hätten gerne einen höheren Sinn in unserem Leben und da der liebe Gott (nicht nur an Weihnachten) als Sinnstifter in unserer westlichen Welt schon länger in Frage gestellt ist und vom Konsumrausch abgelöst wurde, suchen wir den Sinn unseres Daseins in einem Gefühl (der großen Liebe), das von der Evolution völlig banal angelegt ist. Sehr unromantisch. Sehr real.

Natürlich gibt es eine zweite Ebene. Denn warum verlieben wir uns nicht in jeden x-beliebigen Menschen, sondern in den/die eine? Auch das hat viel mit den sozialen Prägungen aus unserer Kindheit zu tun, denn unser Liebesgefühl wird durch die Erfahrungen mit unseren Eltern geformt, wie mit einem Waffeleisen: Gefühlshormone rein – Liebesmuster raus. Und wenn auf dieses Liebes-Lochmuster mehr oder weniger das Lochmuster des anderen passt, dann verlieben wir uns. Schon wieder sehr unromantisch und real. Bleibt natürlich die Frage, warum wir Menschen uns so schwer tun, mit der unromantischen Realität. Warum können wir nicht akzeptieren, dass wir nicht so besonders und spirituell erhaben sind, sondern nur komplexe Molekülsysteme auf der Sinnsuche? Warum sehen wir nicht, dass wir uns mit unserem Partner streiten, weil er uns auf die selbe Art enttäuscht, wie unsere Mutter/unser Vater?

Die Liebe als sozialer Kitt und die narzisstische Selbsterhöhung (die Hoffnung durch die Liebe wären wir etwas Besonderes) sind zwei Strategien, die eigentlich beide auf das gleiche Ziel ausgerichtet sind: Lebenserhalt. Wir brauchen sie, um in dieser feindlichen Welt aus wilden Tieren und Finanzkrisen noch genug Kraft und Hoffnung aufzubringen, um weiter zu machen.

Deshalb liebe Leser, sollten Sie sich diese Weihnachten wieder mit Ihren Liebsten streiten, hier zwei entscheidende Tipps:
1.) Überlegen Sie an welcher Stelle Sie selbst gerade sehr narzisstisch für sich Anerkennung und Aufmerksamkeit fordern und sich gekränkt fühlen, weil Sie sie wiedermal nicht bekommen.
2.) Wenn jemand anderes trotzig und beleidigt und wütend reagiert, überlegen Sie, wo Sie ihm/ihr gerade die Anerkennung und Rücksicht für seine wichtigen Dinge verweigert haben und ihn/sie damit gekränkt haben.
Selbstkritik ist die höchste und reifste Form der Psyche. Dieses Können kann man sich völlig narzisstisch selbst zum Geschenk machen, da es den falschen infantilen Narzissmus auflöst.

Jesu Geburt sollte ja angeblich uns Menschen befreien, Hoffnung auf Erlösung geben. Er nahm alle Sünden auf sich. Da die Grundlage unserer Sünden unser infantiler Narzissmus ist, können wir also diese Last selbst gezielt auf uns nehmen: Erlösung garantiert. Wer also die Geschichte vom Kind in der Krippe nie so ganz verstanden hat: Vielleicht bietet die Geschichte vom Streit an Weihnachten und die mögliche Erlösung hier eine Alternative.

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Wie soll ich´s halten künftig?

Aufgrund meines Blogs von vorletzter Woche (über das Thema meiner eigenen Käuflichkeit im Zwiespalt mit meiner Authentizität), bat mich eine Leserin, um konkrete Anweisungen, „gegen einen Absturz vom dünnen Grad“ bzw. für den Versuch des halbwegs richtigen Lebens im Falschen.

Dabei handelt es sich um ein altes Problem – und alleine das tröstet schon. Es verbindet jeden, der sich damit abkämpft, mit den vielen vor uns und nach uns, die sich darum bemüh(t)en. Mir selbst ist dieser Kampf (manchmal eher belustigend, manchmal eher melancholisch) ein regelrechter Lebenssinn: Selbstbegründete Moral in den ewigen Zeiten infantiler Geister. Und weit besser als ich es je beschreiben könnte, kann es eine der Eichen bzw. Buchen der geschriebenen Kunst. Mit seinen Worten möchte ich die Frage meiner Leserin beantworten:

Wie soll ich’s halten künftig?
Mir einen mächtigen Patron entdecken
Und als gemeines Schlinggewächs dem Schaft,
An dem ich aufwärts will, die Rinde lecken?
Durch List empor mich ranken, nicht durch Kraft?
Nein, niemals!

Oder soll ich, wie so viele,
Ein Loblied singen auf gefüllte Taschen,
Soll eines Hofmanns Lächeln mir erhaschen,
Indem ich seinen Narren spiele?
Nein, niemals!

Oder soll ich Kröten schlucken,
Auf allen vieren kriechen, gleich dem Vieh,
Durch Rutschen wund mir scheuern meine Knie,
Kreuzschmerzen leiden durch beständ’ges Ducken?
Nein, niemals!

Soll ich einem Schäfchen gleichen,
Um selbst mir eins ins Trockene zu bringen?
Soll Honig streun, um Zucker einzustreichen?
Und unermüdlich Weihrauchfässer schwingen?
Niemals!

Soll ich als lust’ger Zeitvertreiber
Nach großem Ruhm in kleinem Kreise spähn,
Damit sich von den Seufzern alter Weiber
Des Dichterschiffleins schlaffe Segel blähn?
Niemals!

Für meine Verse dem Verleger,
Der sie mir druckt, bezahlen runde Summen?
Niemals!

In der Verbrüderung der Dummen
Gefeiert werden als der Bannerträger?
Ein einziges Sonett wie ein Hausierer
Vorzeigen, statt noch andre zu verfassen?
Niemand talentvoll nennen als die Schmierer?
Vor jedem Literatenklatsch erblassen
Und eifrig forschen: Werd ich anerkannt?
Hat der und jener lobend mich genannt?
Niemals!

Stets rechnen, stets Besorgnis zeigen,
Lieber Besuche machen als Gedichte,
Bittschriften schreiben, Hintertreppen steigen?
Nein, niemals, niemals, niemals!

Doch im Lichte
Der Freiheit schwärmen, durch die Wälder laufen,
Mit fester Stimme, klarem Falkenblick,
Den Schlapphut übermütig im Genick,
Und je nach Laune reimen oder raufen!
Nur singen, wenn Gesang im Herzen wohnt,
Nicht achtend Geld und Ruhm, mit flottem Schwunge
Arbeiten an der Reise nach dem Mond
Und insgeheim sich sagen: Lieber Junge,
Freu dich an Blumen, Früchten, selbst an Blättern,
Die du von deinem eignen Beet gepflückt!
Wenn dann vielleicht bescheidner Sieg dir glückt,
Dann mußt du nicht ihn teilen mit den Vettern;
Dann darfst du König sein in deinem Reiche,
Statt zu schmarotzen, und dein Schicksal sei,
Wenn du der Buche nachstehst und der Eiche,
Nicht hoch zu wachsen, aber schlank und frei.

Edmond Rostand: “Cyrano de Bergerac” (1897)

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Von Menschen und Göttern

„Sie sind unersättlich in der Freude, als ob sie morgen sterben müssten, und sie bauen ihre Paläste, als ob sie ewig leben würden.“ (Empedokles 485-425 v.Ch.)

Immer wieder erfindet der Mensch irgendwelche Utopie-Szenarien, um über seine zutiefst leibliche, endliche Banalität im Universum hinaus zu hoffen. Diese Utopien bringen dann immer auch gleichzeitig – als ihr Negativ – Schreckensszenarien mitherauf. Es ist mittlerweile klar geworden, dass wir durch den Kommunismus nicht alle ein gutes, gerechtes Leben führen werden. Auch durch den Finanzboom werden nicht alle utopisch reich. Die Schere geht immer weiter auseinander und wird irgendwann, als Schreckensutopie, den sozialen Zusammenhalt der Demokratien sprengen. Doch wir sind schon wieder bereit für eine neue Utopie/Schreckensvision aus Internet, technischer Vernetzung und intelligenten Maschinen, die uns Wohl oder Weh bringen werden. Himmel oder Hölle: Letztlich geht es wie gesagt darum, dass der Mensch erneut versucht, seiner Banalität zu entfliehen, indem er irgendetwas mit transzendentaler Bedeutung auflädt, also zu etwas Übersinnlichem, Übermenschlichen hochwertet, das alles verändern wird – im Guten, wie im Schlechten. Selbst sein totaler Untergang ist dem Menschen in seiner Vorstellung von sich selbst lieber, als die Belanglosigkeit seines kleinen bedeutungsschwachen Alltags.

Ausgehend von ein paar Nerds in ihren Algorithmen-Welten, soll also unsere Zukunft nun wieder mal sensationell viel besser werden: Für alle Probleme werden technische Lösungen gefunden, der Mensch wird erforscht und vermessen, die Maschinen und Netze kennen ihn besser als er sich selbst, und so wird er, aus seinem Leid, in eine perfekte Zukunft geführt. Der optimale Partner, das perfekte Auto, der passende Job, die auf seine Bedürfnisse zugeschnittenen Warenangebote, sein Blutdruck, seine Ernährung: alles wird für ihn optimiert. Er muss dann nur noch dieses optimale Leben leben.
Auf der anderen Seite zieht, ausgehend von derselben Utopie, das ultimative Grauen herauf: Die totale Fremdbestimmung wie bei George Orwell. Wir werden Marionetten des Netzes, totale Überwachung, totale Ausbeutung, im nie dagewesenen gleichgeschalteten Dasein der totalen Matrix.

Hinter beiden Szenarien steht ein technisches Menschenbild, das kaum jemand als solches erkennt oder in Frage stellt. Seit Beginn der Aufklärung versucht die aufkommende Wissenschaft, den Mensch als Körper-Maschine der eigenen Erkenntnis und Steuerbarkeit zu unterwerfen. Der Mensch als Computer soll heute – je nach dem – auf Glück oder Hölle programmiert werden. Schmerz, Angst, Freude, Aggression scheinen in unsere Neuronen einprogrammierbar zu sein, monokausal, stringent, als eine kontrollierbare Konfiguration, die die Mächtigen (Wissenschaftler, Politiker, Internetgiganten, Kapitalisten) uns verpassen. Und wir können nur hoffen, dass es die guten Nerds und Politiker sind, die sich durchsetzen, damit wir selbst etwas davon haben – und nicht nur ihre Aktien steigen. Unsere Selbstmodelle sind für Industrie, Verwaltung und leider auch die Naturwissenschaften lediglich Schaltkreise, Fäden unserer Psyche, an denen jemand nur zu ziehen braucht, und wir sind dann dieser Macht hörig. Unser Leben ist nur ein Epiphänomen unserer Neuronen, die es richtig zu programmieren und ins technische Netzt einzugliedern gilt.

Der Anstoß dieses Menschenbildes und damit einhergehenden Schrecken bzw. Hoffnungen auf das perfekte Glück, ist der Philosoph Descartes. Das hört sich seltsam an, denn der lebte von 1596-1650. 1640 verlor er seine kleine sehr geliebte Tochter. Da er aber Aufklärer war und der Logik unseres Denkens verpflichtet, hätte er konsequenter Weise nicht an ein Leben nach dem Tod und ein Wiedersehen mit seinem Kind glauben dürfen. So erklärte er die Seele und Vernunft zu einem anderen göttlichen Bereich, der über dem banalen, fleischlichen stand: Die Trennung von Körper und Geist war geboren und verfolgt uns bis heute. Die moderne Hirnforschung – und mit ihr die Technikgläubigkeit – hängt immer noch an dieser aberwitzigen Zweiteilung. Das Gehirn ist demnach wie eine Maschine. Statistiken und Grenzwerte erfassen seine Funktionen. Es kann durch Werbung und Apps gesteuert werden. Und die Hirnforscher und Nerds haben sich selbst auf die andere, die höhere geistige göttliche Seite gestellt, die den banalen Leibern und Gehirnen sagen, wo es lang geht, sie fernsteuern in ihrer erkennbaren Biologie. So wurde auch die Willensfreiheit abgeschafft. Das gilt aber wohlgemerkt nicht für die Hirnforscher und Programmierer selbst. Diese schweben wie göttlich-wissende Geister über der ganzen Szenerie und geben vor, die menschlichen Maschinen-Leiber zur Erlösung zu führen (einschließlich der Warnung vor dem Teufel).

Doch der Mensch ist nicht nur Gehirn und Fleisch und Blut. Und er kann auch nicht als Wissenschaftler oder Internetguru seinen Geist abspalten und über seiner eigenen banalen Lebenswelt schweben, um zu sehen, was richtig oder falsch wäre. Denn zuallererst ist der Mensch banales Alltagswesen – auch als Wissenschaftler und Algorithmen-Papst: Ein soziales Lebewesen in einem Umfeld. Er hat als Kleinkind Werte und ein Selbstwertgefühl gelernt, Vorstellungen entwickelt, die durch sein Umfeld bestimmt sind, über das er sich bei aller Intelligenz niemals wird erheben können: Er wird niemals die große Weisheit erlangen, die von seinem Mittagessen, seinen sexuellen Vorlieben, seiner Sehnsucht nach Anerkennung völlig unabhängig ist. Das Lebendige wird täglich gelebt, selbst von Wissenschaftlern und Internet-Nerds. Und es wird niemals mit der Naturwissenschaft oder Technologie vollkommen zu erforschen und zu regieren sein. Und deshalb ist auch noch keine göttlich-vernünftige Utopie wahr geworden. Sie sind alle an der lebendigen, alltäglichen Banalität ihrer Erfinder und aller übrigen Menschen gescheitert. Und auch der Wille zur ultimativen Verbesserung des Menschen oder der Glaube an die Macht des totalen Untergangs entspringt dieser Banalität. Sie motivieren uns zum Leben und Überleben: Angst und Utopie geben Energie. Nur sollten wir das immer mitbedenken, in unserem täglichen Streben und Angsthaben. Und vielleicht kommen uns dann diese großen Utopien und Schreckensszenarien einfach nur banal und menschlich vor.

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Bin ich käuflich?

Ich hatte vor einigen Wochen schon mal berichtet, dass aufgrund meiner treuen Leserschaft (also aufgrund von Ihnen, die Sie gerade jetzt diese Zeilen lesen) meine Seite wohl immer interessanter wird für einen meinen größten Gegner: Die Werbung (und dahinter natürlich der noch viel größere Feind: Der unreflektierte Kapitalismus). Diese Woche ist jetzt sogar eine US-PR- Firma mit einer Mail an mich heran getreten. Sie bieten mir 450 $ – 750 $ im Monat für einen Banner auf meiner Seite – je nach Größe.

Was kann man sich nicht alles für 750 $ (also ca. 600 Euro) im Monat kaufen? Immerhin müsste ich ja nichts anderes tun, als das, was ich bisher tue: Mir so meine Gedanken machen, viel lesen und Fernsehen schauen und ca. 3 Stunden schreiben. Mach ich jetzt für „lau“ – und zum Glück nicht umsonst, denn sonst würde das ja niemand lesen und niemand würde mir 600 Euro bieten. Den Stundenlohn könnte ich nicht mal ausrechnen a.) weil ich die Lese- und Gedankenmachezeit nicht ermessen kann b.) weil ich das auch nie als Arbeitszeit empfinde. Ich hätte mit meiner Zeit quasi nichts Besseres zu tun, als ich es bereits tue.

Also wozu 600 Euro? Wie ich schon bei der Anfrage der Partnervermittlung vor ein paar Wochen erörtert habe, ist das Interesse an meinem Blog wahrscheinlich recht hoch, weil es authentische Texte sind. Und sie wenden sich ständig gegen unser kapitalistisches Selbstoptimierungs- und Ausbeutesystem, gegen die Fremdbestimmung durch angefachte Sehnsüchte und Minderwertigkeitskomplexe. Wenn ich also hier einen Werbebanner (für was eigentlich?) schalten würde, wäre ich so ungefähr Frau Middelhoff der Blog-Schreiber. Aber es lässt sich natürlich die Frage stellen: Für wieviel Geld wäre ich käuflich? 600 Euro wären sicher ein zu geringer Preis. Was wäre, wenn mir einer (nicht kleckern sondern klotzen) 100 000 Euro bieten würde?

Bevor Sie jetzt denken: „Aha, die Ohana will uns hier geschickt darauf vorbereiten, dass da bald Werbung auf der Blog-Seite aufblink …“. Nein, es ist nur ein Gedankenspiel. Und natürlich fühle ich mich geehrt, dass mir der Feind ein Angebot macht. Es gibt aber im Moment (bei 600 Euro im Monat) eine riesen Befriedigung meinerseits, dem Feind nicht mal zu antworten. Genauso war es eine Befriedigung, der Partnervermittlung neulich direkt zu sagen: Wie wäre es mal mit Ehrlichkeit?! Schon mal probiert mit wirklichen Antworten auf Euer Problem (der ständig scheiternden Beziehungen) Werbung zu machen?! Da wäre ich ja voll dabei, auch ohne Geld. Jedenfalls lasse ich mir das „fuck you“ gerade gerne 600 Euro im Monat kosten.

Trotzdem hat Adorno natürlich Recht mit seinem Satz: „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen.“ Er ist auch immer erste Klasse in die USA gereist und ist allen Studentinnen, die bei drei nicht auf den hohen Platanen der Senkenberganlage vor dem Institut für Sozialforschung waren (also der berühmten Frankfurter Schule), gnadenlos nachgestellt. Soziale Theorien gelten eben nicht für Studentinnen und Philosophen-Götter, wenn man Adorno ist und Anfang 1900 sozialisiert wurde. Aber natürlich habe ich, als ehemalige Studentin der Frankfurter Schule, heute einfach auch nur andere narzisstische Schwachstellen. Ich hoffe nur, dass ich meine Schwachstellen selbst eigenständig mitreflektiere – und somit als Psychoanalytikerin (die immer die eigenen Prägungen mitdenken sollte, als Grundsatz dieser Wissenschaft) selbst aufzeige – und nicht von außen darauf aufmerksam gemacht werden muss.

Also: Wo bin ich käuflich? Ich mache bezahlte Interviews für Fernsehsender. Aber da versteh ich mich eher als trojanisches Pferd: „Nein, Jenny Elvers ist kein Opfer. Sie ist suchtkrank und das bezieht sich auch auf die Aufmerksamkeit, die sie mit allen Mitteln von den Medien zu erschleichen sucht.“ Und: „Nein, eine Frau, die ihre Säuglinge selbst tötet, ist nicht einfach nur ein abartiges Monster. Sie hat dieselben psychischen Dispositionen, wie jede andere Mutter, nur sind sie hier, aus seelischer Not, aus dem Ruder gelaufen….“. Fernsehen ist per se nicht schlecht. Man kann damit Wahrheit transportieren, sogar in Wohnzimmer, die nicht besonders wahrheit-affin sind. Und natürlich möchte ich für meine Expertenfunktion Geld haben, von Sendern, die Geld haben. Ich hab ja auch `ne Menge Geld für meine Ausbildung gezahlt und investiere Zeit. Das mir das ganze Spaß macht, hängt damit zusammen, dass ich einen Beruf ohne Berufung nie ertragen hätte. Und mir Geld erstmal nicht so wichtig war, als ich mit dem Philosophiestudium anfing… Soweit zu meinem nicht ganz falschem Leben im Falschen.

So wäre wahrscheinlich die Antwort auf die Frage nach der Käuflichkeit eine weitere Frage: Wozu verwendet man das Geld? Für Status, um Schwachstellen des Selbstwertgefühls auszugleichen? Um es zu spenden? Ich habe aber ein kritisches Verhältnis zu vielen Spendenvereinen und dem heutigen Ablasshandel der Wohlstandsgesellschaften. Um Menschen in meinem Umfeld zu helfen? Das könnte ich auch jetzt und meist ist da Geld nicht die beste Hilfe. Ich könnte meinen Parkettboden im Wohnzimmer neu verlegen lassen. Aber das kann ich auch, wenn ich dafür spare und wahrscheinlich ist er mir dann sehr viel wertvoller, jeden Tag, den ich dann darüber laufe. Tollere Reisen? Aber ich hab immer gerade so viel auf meinen Reisen erlebt, Land und Leute getroffen, weil ich privat untergekommen bin. Kleidung kaufen hasse ich. Bücher? Kann ich mir auch jetzt schon kaufen. Wahrscheinlich bin ich so unbestechlich, weil ich einfach nur gar nicht weiß, was ich mit dem Geld machen soll. Und das wäre sicher anders, wenn ich zu wenig davon hätte, für das Leben, wie ich es jetzt führe. Vielleicht besteht ein gutes Leben im falschen System daraus, sich keine falschen Träume mehr verkaufen zu lassen – auch wenn die Verführung dazu an jeder Ecke, in jeder Mail lauert… Andererseits hat Hape Kerkeling auch mal (zum Thema Käuflichkeit für irgendwelche schwachsinnigen TV-Shows) gesagt: Bei `ner Millionen hört der Spaß auf. Kommt dann wohl aber auch nur darauf an, wie viele Millionen man schon hat, um sich wieder die Unbestechlichkeit gerne leisten zu wollen.

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Die Freiheit der Unfreien

Wir fordern immer mehr Freiheit: Wir wollen selbst entscheiden. Nichts kränkt uns mehr, als dass man uns diese Freiheit abspricht, dass Hirnforscher sogar behaupten, wir hätten gar keine Willensfreiheit. Wir wollen die Geburtsform unserer Kinder selbst wählen (Hausgeburt oder Krankenhaus), die Kindergartenausrichtung (Wald-, Montessori-, Walldorf-, Christlich- oder Integrativer Kindergarten), die Schulform natürlich erst recht. Kein Lehrer soll die Qualität unseres Kindes bestimmen oder seinen Abschluss. Zur Not wird mit Nachhilfemitteln nachgeholfen, um die eigene Wahl, die eigene Bewertung vom eigenen Kind in die Realität umzusetzen (ob das Kind das will oder nicht – es weiß ja noch nicht, was es wollen soll). Dann soll dieses Kind einen Beruf wählen, seine Sexualität und Familienform wählen (Klassisch, Patchwork, Homo in fester oder lockerer Bindung, mit und ohne Kinder, etc.), seine Karriere, seine Arbeitszeiten, seinen Kleiderstil, Automarken, Wohnort, seinen neuen, perfekteren Partner, die Behandlungsform seines Bandscheibenvorfalls, sein Rentenalter, Alterswohnsitz und natürlich seinen Tod.

Paradoxer Weise werden gleichzeitig immer mehr Daten von unserem Verhalten erhoben (übers Netz oder andere Vermessungsmöglichkeiten) und wir werden verhaltensbiologisch statistisch ausgewertet. Dabei zeigt sich, dass wir Herdentiere Menschen weitestgehend fremdbestimmt sind, von unserer sozialbiologischen Anlage und unseren kulturellen, familiären Prägungen. Und angeblich liegt das Heil unserer Gattung darin, die Herde in die richtige, für uns bessere Richtung zu leiten, damit wir gesünder leben und mehr Kinder bekommen und fleißiger und länger arbeiten und weniger Müll produzieren und pünktlicher Steuern zahlen usw.

Obwohl gesellschaftliche Vorgaben früher sicher viel stärker unsere Freiheit eingeschränkt haben, Lebensläufe (zumal für Frauen) vorgegeben waren, scheinen wir heute weit umfangreicheren Gruppenzwängen zu unterliegen – nur viel subtiler. Man kann heute angeblich seinen Beruf wählen, aber die Sehnsucht nach Sicherheit bestimmt eben trotzdem bei den meisten Studenten die Wahl des Faches. Frauen sind immer noch an Männer gebunden, wenn sie mehr als ein Kind wollen – jedenfalls wünscht/wählt kaum eine Frau freiwillig, alleinerziehende Mutter zu sein. Der Kauf unserer Autos und Kleider wird von der Mode und der Werbung bestimmt. Unsere Arbeitszeiten lassen kaum Frei-Zeit zu, die wir selbst gestalten könnten. Lässt man sich seine Eizellen einfrieren, weil man dadurch freier ist in seiner Familienplanung, oder lässt man sie sich einfrieren, weil man von Karrierezwang und Wohlstandssehnsucht fremdbestimmt wird?

Viele Menschen sind auch von den ständigen Entscheidungen überfordert und gehen so die ausgetretenen Wege weiter, kaufen das, was alle kaufen (siehe Amazon: Kunden, die dieses Buch kaufen, kaufen auch….). Freigestaltete interessante Leben, die gegen den Strom gelebt wurden und etwas Besonderes sind, finden alle Menschen toll. Doch es setzt sie unter Druck, lässt sie sich selbst als Versager empfinden, da sie aus Mangel an Talent und Kraft und Mut nicht selbst so ein Leben zustande bringen.

In der Psychotherapiewissenschaft und Psychoanalyse geht man davon aus, dass unsere Persönlichkeit und Psyche verschiedene Reifestufen erreichen kann und verschiedene Verhaltensweisen diesen Reifestufen zugeordnet werden können. Wer sich stark nach der Aufmerksamkeit und Anerkennung anderer richtet, verhält sich wie ein Kind und ist deshalb auf einer niedrigeren Stufe. Wer auf andere mit Neid und ungebremste Wut reagiert, wer glaubt, er sei der Größte und Wichtigste, ist ebenfalls auf dem Stand eines vierjährigen Kindergarten-Kindes. Wer aus seinen Fehlern lernt, selbstkritisch immer wieder versucht, sein Selbstbild mit der Realität abzugleichen, verantwortungsvoll sich selbst und anderen gegenüber handelt, ist dagegen auf einer höheren, erwachseneren Stufe. Und: Er ist freier, d.h. er ist weniger fremdbestimmt von Ängsten und (unrealistischen) infantilen Sehnsüchten. Deshalb weiß er auch, wie fremdbestimmt er natürlich eigentlich ist; er leugnet es nicht und er versucht damit bestmöglich umzugehen: Wer weiß, dass er angewiesen ist auf Zuwendung, brüllt seinen Partner nicht an, erpresst ihn nicht emotional oder zwingt ihn nicht ständig Dinge zu tun, die dieser nicht will. Wer weiß, dass er mit einem unfähigen Chef nicht umgehen kann, wird selbständig und versucht realistisch, sein Geschäft zu führen, denn die Realität ist immer härter, als der eigene freie Wille. Wer weiß, wie schlecht es um die Welt und unser Klima bestellt ist, kauft keinen SUV und überlegt sich ziemlich genau, ob er in diese Welt Kinder setzen möchte, nur damit ihm selbst im Leben ja nichts fehlt, er selbst das Gefühl von Zukunft hat.
So sind die freieren Menschen letztlich diejenigen, die ihre Unfreiheit eigenständig und realistisch erkennen und sich danach freiwillig richten.

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Mitten in Mitte – ohne Zukunft

Es ist von jeher so, dass die Vorgängergeneration über ihre Nachfolger den Kopf schüttelt. Und so kam ich die vergangene Woche aus dem inneren Kopfschütteln gar nicht mehr heraus, nach einem Besuch in einem Start-up Unternehmen in Berlin. Das „Office“ lag natürlich in Mitte und sie verkaufen über das Internet Design Produkte. So weit so unspektakulär. Denn natürlich sind sie da seit langer Zeit schon nicht mehr die Einzigen auf dem Markt. Aber gerade deshalb müssen sie wohl sich und ihren Geldgebern (in der coolen Sprache der Internet-Start-ups: Business-Angel bzw. Capital-Advangers) vormachen, dass sie das natürlich ganz anders und viel viel besser machen, als die doofe, banale Internetkonkurrenz. Ein Freund aus meiner Generation hatte mich mitgenommen und er hatte nicht zu viel versprochen: Uns erwartete ein exquisites Theaterstück, das selbst Elfriede Jelinek nicht besser hätte verfassen können.

Der Besuch begann mit Warten im Flur der obligatorischen Office-Loft. Auf einer Tafel hingen im Retro-Stil Polaroids (ich wiederhole Polaroids) von den Mitarbeitern, ca. 50 Stück, alle unter 30 Jahren. Man fühlte sich an ein Memory-Kartenspiel erinnert: Ordne die Personen in folgende Paare oder Gruppen. 1.) Mädchen mit schrägem Pony und Nerd-Brille, braunhaarig 2.) Mädchen mit Wuschel-Dutt, blond 3.) Junge mit Vollbart, Dutt und ausrasierten Seiten 4.) Junge mit Vollbart, rasierter Glatze und Nerd-Brille. In jeder Gruppe gab es ca. vier bis fünf identische Mitarbeiter. Mehrfach wurden wir dann auf englisch angesprochen, ob man uns „helpen“ könnte, während gleichzeitig in schneidebrettgroße Smartphones telefoniert wurde – auf Deutsch.

Dann kam endlich die Surface & Textil Design Scouterin um die Ecke und wir gingen in einen abgetrennten Glaskasten, wo auf unabsichtlich-absichtliche Weise verschiedene Designer Stühle um einen Tisch mit Hight-Tec Bildschirm und Audio-Schnick-Schnack standen. Überall in der Office-Loft stapelten sich Kisten und ständig rannten gefühlte Teenager mit aufgeklappten Apple-Geräten in jeder Größe am Glaskasten vorbei. Und nach 5 Minuten wurden wir von zwei Vierzehnjährigen (Gruppenzugehörigkeit: Wusche-Dutt) gebeten, das Glas-Office zu verlassen (natürlich auf Englisch: Sorry, but we need this place, it´s urgent). Also mussten wir im Loft-Eingang auf ein anderes Designer-Stuhl-Tisch Ensemble ausweichen.
Die Surface-Textil Scouterin (namens Gèsine) erklärte uns dann (immerhin auf banalem Deutsch), erstmal wer sie ist. Nachdem wir bei der anscheinend sensationellen Design-Schule, auf der sie ihren Master gemacht hatte (voll Bauhaus und so) und dann mit Teppich Designer Piter Hinz und Teppichdesigner Sebästschen Kunz zusammengearbeitet hatte, nicht zuckten, betonte sie noch, dass sie schon hier in der Firma so als ein extraspezielles „Benefit“ eingekauft worden sei, und dass sie den Teppich neu erfinden wolle, mit völlig neuen „Shoots“ würde sie Geschichten erzählen und noch nie dagewesene Designzusammenstellungen „kuratieren“. Zwischendurch rannten immer wieder Zusammenstellungen aus verschiedenen Mittarbeitergruppen an uns vorbei (mit und ohne Nerd-Brillen und Dutts und Bärten), als würde es hinten in der Loft brennen oder als wäre Steve Jobs wieder auferstanden und stände unten auf der Danziger Straße und äße Curry-Wurst. Ich fragte mich die ganze Zeit, was wohl in der nächsten Szene passiert.

Eigentlich ging es ja darum, dass diese Internetfirma meinem Freund seine gefragten Designer-Teppiche zum super günstigen Preis abschwätzen wollte, um sie dann auf ihrer Seite billiger zu verkaufen, als man sie in den Geschäften der Marke bekommt. Da die entsprechende Marke aber so schlau ist, sich ihren mühsam, seit Jahrzehnten analog aufgebauten Markt nicht kaputt machen lassen, geben sie natürlich die Teppiche nicht billig her (was übrigens alle gefragten Marken nicht machen, auch wenn das alle entsprechenden Web-Seiten versprechen). Es ist also echt schwer, seinen Nerd-Brille tragenden Kumpels auf dem Prenzl-Berg vorzumachen, man hätte das exquisite Stück natürlich regulär erstanden, obwohl man es billig im Internet gefunden hat. Mittlerweile gründen reine Internet-Firmen sogar wieder reale Shops, weil die Leute mit Geld nicht im Internet Ramsch für billig kaufen. Man könnte das ganze Theater auch damit zusammen fassen, dass einige junge Menschen und einige ältere Geldgeber (die vom Internet wenig Ahnung haben) sich selbst und der Welt vormachen, dass sie den tiefen Teller neu erfinden bzw. dem Kapitalismus jetzt noch mal völlig unverhoffte rauschhafte Gewinne abringen, weil alles ja so cool und neu ist, was sie gerade machen.

Aber man kann auch (als Vorgeneration mit Erfahrung) sehen, dass ein paar junge, engagierte Menschen, deren Zukunft heute schon von den KapitalismusKlimaKatastrophen überschattet ist, versuchen, aus ihrem Leben irgendwas positives zu machen und dabei von der Schimäre, dass es noch irgendwas hoffnungsvoll Neues gäbe, ausgebeutet werden, mit Praktika und unterbezahlten Jobs in Start-ups, für die es keine Zukunft mehr gibt in dem Moment, wo einer zum letzten Mal schreit: Aber der Kaiser ist doch immer noch nackt.

Der Sarkasmus dabei ist, dass man für sich (sofern man über 40 ist) weiß, dass es für das eigene Leben noch gereicht hat, dass man selbst die richtig schlimmen Jahre wohl nicht mehr erleben wird – im Gegensatz zu all den Kindern, die zum Schutz vor all dem Unbill von ihren Müttern mit dem SUV zur Schule gebracht werden und dann durchs Studium an hippen Selbstverwirklicher- Du-bist-sowas- besonderes- Design-Schulen finanziert werden, um dann in der Härte der Realität möglichst lang durchzuhalten, mit ihren von den Eltern aufgepimten Selbstwertgefühlen. Wie lang reicht wohl so eine Überzeugung von sich selbst, etwas ganz Besonderes zu sein, weil man Design-Möbel im Internet verramscht?

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Die Revolution des Authentischen

Wissen Sie wer Taylor Swift ist? Sie hat 45 Millionen Follower auf Twitter und 70 Millionen Likes auf Facebook. Sie betreibt eine Firma, die nur dazu da ist, sie selbst zu vermarkten. Ach ja, sie singt auch noch, ehemals Country, heute irgendwas, das an die 80er erinnert. Sie schreibt alle ihre Lieder selbst, produziert sie selbst, vermarktet sie selbst. Sie glaubt (und ihr Erfolg beweist es), die Fans mögen eine eingängige Melodie mit einem witzigen Text. Aber das Wichtigste sei der direkte Kontakt mit ihren Fans. Sie hat mit 13 angefangen, Musik zu machen und das Internet als Fan-Kommunikations-Mittel war immer dabei. Heute ist sie 24. Ich hatte bis letzte Woche noch nie etwas von ihr gehört – weder ihren Namen, noch ihre Musik. Sie behauptet, dass in Zukunft nur noch Stars Verträge bekämen, weil sie treue Fans hätten. Und kaum jemand hat die richtige Dosierung der Selbstvermarktung – immer wieder kleine Neuheiten und das „auf Du und Du“ mit ihren Millionen Fans – so durchschaut, wie sie. Die Fans kaufen ihre Musik, weil sie für sie zahlen wollen, um ihr Idol weiter zu erhalten, dass ihnen wiederum genau die richtigen Portionen von sich (von ihrem authentischen Ich) liefert, damit die Fans sich im Alltag so fühlen, als wären sie wirklich in Swifts Leben, wirklich nahe dran an ihrem Star. Swift ist quasi Religionsersatz, ihre Tweets sind Verse aus der Alltagsbibel, ihr Leben dient als Paradies-Vision, an der man als Fan im hier und jetzt Teil haben kann, um das eigene Alltagselend etwas zu vergessen. Sie ist das Echte in einer falschen, gierigen, verkommenen, selbstsüchtigen Welt.

Fans und Follower bestimmen heute das Internet und deshalb haben sie einen großen Einfluss auf die reale Welt. Und das wissen sie. Es können große Gemeinschaften sein, wie bei Taylor Swift oder kleine. Sie rücken nahe an jemanden heran, der etwas für andere produziert. Sie machen die Verteilung von Interesse, von geistigem Anspruch und Träumen in der Gesellschaft deutlich, wie niemals zuvor. Früher waren Fans eine große anonyme Masse, von der niemand genau wusste, wie sie motiviert ist oder funktioniert. Man hat ihnen meist künstliche, stilisierte Kost vorgesetzt und sie wie Marionetten behandelt. Heute sind sie Individuen, die um ihre Wichtigkeit wissen, die ernst genommen werden wollen, sich selbst auf Augenhöhe verstehen, mit dem, der etwas produziert und sie als Konsument braucht. So ist das Authentische an dem, was jemand ins Netz stellt, heute das geworden, was sich im Netz und auf dem Markt hält. Die Leute merken, wenn sie verarscht werden, wenn da jemand seine Interessen auf ihre Kosten durchzusetzen versucht. Und das Authentische kann keine Firma kaufen oder nachmachen. Der Wille zum Echten, der Taylor Swift so mächtig gemacht hat, weil sie Echtes gut portioniert an ihre Fans weiter gibt, dass diese an sie glauben und sie ihnen Orientierung gibt, ist eine fragile Macht. Trotzdem versuchen es Firmen immer wieder, Taylor Swift für ihre Produkte einzuspannen. Doch sie lehnt das Geld ab. Die Millionen, die sie mit ihrer Musik verdient, scheinen ihr zu reichen. Jede alberne Modelinie, jedes Haarschampoo mit ihrem Namen, würde ihre Glaubwürdigkeit erschüttern. Sie würde alles verlieren.

Bisher hat der Kapitalismus mit seinen Lügen von falschen Träumen und angezapften Sehnsüchten funktioniert. Vielleicht wird er aber nur dort überleben, wo er das Authentische akzeptieren lernt, denn in dem Moment, wo er es versucht für sich auszuschlachten, löst es sich in Luft auf.
Es ist schwer für Manager einzusehen, dass die heutige Netzgemeine nicht einfach nur eine Herde Schafe ist, an die man jetzt noch leichter herankommt, die man mit dem Netz heute noch besser ausspionieren kann, um sie dann zielgerichtet zum Kaufen zu animieren. Es gibt mittlerweile eine Gegenrichtung zum Kauf im Netz. Man informiert sich dort, beachtet die Meinung der anderen, um in der realen Welt dann die Produkte anzuschauen und zu kaufen. Nach zu viel leeren Versprechungen im Netz fangen die Kunden an, den Spieß umzudrehen. Amazon, als großer Produkt- und Heils-Lieferant, hat gerade sein gutes Image und viel Geld verloren: Der Druck auf den deutschen Buch-Markt, um ein paar Dollar mehr an ein paar E-books zu verdienen, ist völlig nach hinten losgegangen. Die Investoren wollten endlich Gewinne sehen, für die Milliarden, die sie hoffnungsvoll seit Jahren in diesen banalen Versandhandel investieren. Vielleicht wird ihnen gerade klar, dass ihre Gewinnchancen vollends Traumschlösser waren. Zalando ist völlig abgestürzt an der Börse und macht jetzt den ersten realen Shop auf. Welcome in Reality.

Was nützt es Facebook und Google, die Menschen auszuspionieren, um die Daten an kapitale Firmen zu verkaufen, deren Werbeverhalten dann als künstlich und unauthentisch abgelehnt wird. Wer will heute noch sein hart verdientes weniges Geld, das er zum Konsum noch hat, investieren für Produkte mit falschen Versprechungen? Das Internet hat Kunden in erster Linie schlau gemacht, es hat den Austausch ermöglicht, es deckt die selbstherrlichen Lügen der Produkte und Anbieter auf. Lange Zeit haben die etablierten Firmen die Marktmacht des Netzes unterschätzt, dann haben sie versucht das Netz zu ihren Gunsten zu nutzen. Wahrscheinlich werden sie bald einsehen, dass es ihr Richter und oft genug zum Vernichter wird. Die große Frage ist: Lässt sich der im Netz ausspionierte Kunde mit gezielter Werbung zum Kauf animieren, wenn er a.) sowieso immer weniger Geld hat und b.) sich über die Produkte gerade im Netzt informieren kann, über ihre Qualität und wo es sie billiger gibt. Der Kunde wünscht authentische gute echte Dinge. Vielleicht wird gerade das Netz – als großer Hype der Kapitalmärkte – zu deren Vernichter.

Diese Woche bekam ich einen Anruf von einer der größten Partnervermittlungsagenturen im Netz. Die PR-Dame erzählte mir, dass man auf mich „aufmerksam geworden sei, gerade auch wegen meines Blogs und meines letzten Buchs über die Suche nach Mr. bzw. Mrs. Right.“ Die Partnervermittlungs-Seite wolle in ihrer PR Strategie in Zukunft betonen, wie wichtig Partnerschaften für die Gesundheit der Menschen seien und wie sehr Singles im Alter darüber hinaus von Verarmung bedroht sind. Ich weiß, dass gerade diese Seite von ihren Geldgebern im Moment enormen Druck bekommt, die Anmeldungen gehen zurück, der Ruf als „Resterampe“ voller Neurotiker nimmt zu (ich höre immer wieder Geschichten, die das drastisch bestätigen).
Ich habe die Dame gefragt, ob es auch um die Frage gehe, warum denn so viele Partnerschaften (und besonders oft wohl auch gerade die, die über Internetportale entstanden seien) wieder kaputt gehen. Das sei nämlich das eigentliche Thema meines Buches gewesen. Und ich würde vorschlagen, dass man das mal ernsthaft aufgreifen könnte – gerade als authentisches Thema im Marketing einer solchen Seite. Ich fände die wunderhübschen Singles, die in der entsprechenden Werbung gezeigt werden und immer betonen, dass sie nicht jeden nähmen, würden ungewollt das eigentliche Problem darstellen (denn man denkt insgeheim immer: ja, klar und deshalb bist Du trotz Deiner Attraktivität auch immer noch auf der Suche, Du gecastetes Model Du, weil Du glaubst, gerade Du hättest Mr./ Mrs. Super-Perfekt verdient in deinem Perfektionsdasein…). Nein, man wolle das positive an Partnerschaften betonen, war die Antwort. Meine Bemerkung, dass Menschen, die sich auf Partnersuche begäben, ja nun mal zwangsläufig davon ausgehen, dass eine Partnerschaft positiv für sie sei, lief in Leere. Das Telefonat endete wie in diesen typischen Kündigungen aus amerikanischen Filmen: Wir greifen Ihre Anregung auf und werden das in unsere Diskussion einbringen….

Solange die Marketingchefs (als Geldausgeber jeder Firma immer den Finanzchefs unterstellt und deshalb meist sehr ängstlich neue Wege zu gehen, für die sie dann verantwortlich gemacht werden) und die Kapitalgeber nicht verstehen, dass es eben nicht mehr reicht, nur so zu tun, als läge ihnen irgendwas am Wohl der Menschen, werden sie verlieren. Aber muss man traurig sein, wenn diese Machtstrukturen sterben? Um die Jobs kann es einem leidtun, die Ängste der Mitarbeiter sind sicher schlimm. Aber ist der Weg raus aus dem zerstörerischen System nicht das Wichtigste?

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René(e)

Kennen Sie Renée Zellweger? Für viele Frauen war sie in ihrer Rolle als Bridget Jones die Identifikationsfigur schlechthin: Leicht übergewichtig und neurotisch auf der Suche nach Mr. Right, den sie dann am Ende, trotz ihrer Selbstzweifel, in Form von Colin Firth (als ehemaligen Mr. Darcy), natürlich nach fulminant peinlichen Szenen, auch bekam. Jetzt hat sich Renée Zellweger das Gesicht operieren lassen und sich selbst auf diese Weise zum Verschwinden gebracht. Kein Mensch würde sie mehr erkennen. Alle regen sich darüber auf.

Nicole Kidman hat sich auch operieren lassen. Doch bei ihr ist das nicht so schief gegangen, sie sieht besser aus denn je und sich dabei aber trotzdem noch ähnlich. Außerdem hat sie als 47 jährige gerade die 27 jährige Grace Kelly gespielt, ohne dass das (jedenfalls vom Altersunterschied her) lächerlich gewirkt hat. Trotzdem regen sich auch hier alle auf.

Facebook hat seinen Mitarbeiterinnen gerade angeboten, sich auf Kosten der Firma die Eizellen einfrieren zu lassen, um dann (jenseits der 40) noch Kinder bekommen zu können. Vorher ist – vor lauter Karriere – keine Zeit für Familiengründung. Außerdem muss ja auch noch Mr. Right gefunden werden und irgendwie wird doch nicht so ganz darauf vertraut, dass das so gut läuft wie im Film… Auch hier regen sich alle auf.

Die Frauenquote wird kommen: Bis 2016 sollen 30% der Vorstandsposten in Firmen mit Frauen besetzt sein. Und raten Sie mal? Wieder regen sich alle auf.

Im Iran wurde vor ein paar Tagen eine junge Frau hingerichtet, weil sie, um nicht vergewaltigt zu werden, bei ihrer Gegenwehr den Angreifer tötete. Allgemein ist in islamischen Staaten mit politischen Krisen gerade eine üble Verschärfung der Misshandlung von Frauen zu beobachten. Andersherum behaupten viele Fachleute, dass gerade die Emanzipation der Frauen in diesen Ländern mehr Stabilität bringen würde. Marodierende, sexuell frustrierte junge Männer verwenden ihre Aggression darauf, für einen islamischen Staat zu kämpfen, wo sie vollkommene Herrschaft über Frauen und ihre Körper haben. Ihre große Motivation sind Frauenkörper, über die sie jetzt schon, durch die Gefangennahme vieler Mädchen, verfügen können (siehe Blog letzte Woche). Auch hier stehen die Frauen im Mittelpunkt einer Gesellschafts-Utopie. Auch hier wird an Frauen, an ihrer Art zu leben, das Richtig und Falsch einer Gesellschaft festgemacht.

Frauen und ihre Körper und deren Bewertung und was sie damit machen oder besser machen sollten, sind so viel häufiger vertreten in unseren Medien, als Körper von Männern. Selbst Frauen-power, ihre geistigen Leistungs-Produkte, werden immer im Zusammenhang mit ihren Körpern dargestellt: Der SPIEGEL verwendet zeilenlange Beschreibungen darauf, die FAZ schreibt nicht mal 10% Artikel über Frauen und ihre Erfolge (ohne Frau Merkel wären es wohl noch weniger). Sicherlich wird auch ab und zu über die Orientierungslosigkeit junger Männer gesprochen und geschrieben. Und über die Männernetzwerke in Firmen – aber immer ohne Bezug zu nehmen auf ihre Körper.

Auch in meiner Arbeit merke ich, dass alles, was ich tue, denke, schreibe und diskutiere, immer vor dem Hintergrund meines Körpers, meines Äußeren bewertet wird. Es wird oft in Relation gestellt, ganz oft in die Relation: Widerspruch – sei sie auch noch so veraltet. Anscheinend ist sie es nicht. Frauen werden immer noch und weiterhin in Relation zu ihren Körpern bewertet, gesehen, analysiert. Man ist als Frau scheinbar vorallem: Körper, Aussehen, Alter, Stil. Und dann ist man vielleicht noch etwas anderes, das in Relation dazu steht. Als Mann ist das wohl eher genau andersherum. Und ich frage mich, wie sich das anfühlt…

Wie ist das wohl, wenn man in erster Linie Leistung ist, Erfolg, Triumpf oder Niederlage, Gewinner, Versager. Über mich ist z.B. noch nie gesagt oder geschrieben worden: Sie hat großen Erfolg bei den Männern. Kein Mensch hat sich Gedanken gemacht, ob mein Erfolg Männer reihenweise dahin schmelzen lässt – oder eben nicht. Dafür kenne ich unheimlich viele Aussagen über meinen Körper (direkte, indirekte, heimliche, unheimliche). Sie werden dann auch oft in Zusammenhang gestellt, mit dem, was ich tue. Aber anscheinend geht es ohne den Körper nicht.

Ist das nun gut oder schlecht? (Und ich möchte es hier unbedingt vermeiden, irgendwelche biologischen Vorurteile zu bemühen.) Ich glaube es hängt davon ab, wie sehr man daran glaubt, dass Erfolg und Leistung wirklich selbstbestimmt sind. Da ich seit zwei Jahren zum Thema Willensfreiheit forsche, muss ich sagen, dass unsere Leistungsfähigkeit (Intelligenz, Fleiß, Durchhaltevermögen) höchstens zu 5% selbstbestimmt ist. Mein Aussehen kann ich gerade als Frau wahrscheinlich zu 10% selbstbestimmt verändern (Kleidung, Frisur, Make-up, Kleidergröße).
Seltsamer Weise sind wir alle mittlerweile sehr bewusst und trainiert darauf, unseren Körper zu optimieren. Dagegen ist uns unsere Fremdbestimmung und Selbstbestimmung auf dem Gebiet von unseren Leistungen kaum bekannt. Viele Menschen denken, ihr Erfolg wäre zu 90% von ihnen selbst abhängig und ihr Körper nur zu 10%. Doch das ist falsch. Nach langem Weg der psychischen Reifung kommen wir bei unserer Leistungsfähigkeit wohl maximal auf 10% Selbstbestimmung. Insofern wäre Gleichstand zwischen der Selbst-Verantwortlichkeit für unseren Körper und unseren Geist (was letztlich nämlich das Selbe ist – aber dazu mehr in meinem nächsten Buch).

Bleibt immer noch die Frage, warum auf den körperlichen Bewertungskriterium für Frauen so viel mehr medial herumgehackt wird, als auf den Erfolgs-Bewertungskriterien für die Männer…. ?

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Männerversteherin

Eine Studie von 2013 (im Auftrag des Schweizer Nationalfonds!) hat festgestellt, Männer sind genauso oft Opfer sexueller Belästigung wie Frauen. Aber (und natürlich gibt es hier ein aber): Frauen fühlen sich dreimal so oft davon belästigt.

Hm. Was sagt uns das? Männer empfinden sexuelle Avancen oft nicht als Belästigung. Und da drängt sich mir die Frage auf: Was sind denn sexuelle Belästigungen? Was machen Männer und Frauen denn da genau? Und vielleicht liegt ja in der Form der Handlung das Geheimnis für die unterschiedliche Empfindung auf der Gegenseite….

Wenn sich Frauen offensiv sexy anziehen und sich (kombiniert damit) so verhalten, dass man merkt: das ist Absicht (z.B. tiefer Ausschnitt kombiniert mit tiefen Blicken, kurzer Rock kombiniert mit sehr betontem Gang), empfinden das viele Männer wohl eher nicht als Belästigung. Wenn Männer dagegen sehr sexy gekleidet sind (ja das geht) und offensichtlich wollen, dass Frauen das positiv bemerken, fühlen sich Frauen wohl oft schon belästigt: Sie fühlen sich als Publikum missbraucht, für die Potenzbestätigung dieses Mannes, sie spüren vielleicht auch instinktiv: Der meint hier nicht mich, der meint nur sich selbst, seinen Vorteil, seine Eitelkeit. Sicher kann man dann noch denken: Arme Wurst. Oder man kann sogar Mitgefühl mit dieser narzisstisch gestörten Seele haben. Aber oft ärgert man sich als Frau, gerade weil man wieder in eine alte, noch nicht sehr lange in Frage gestellte Rolle gedrängt wird (nämlich die der „Zuarbeiterin“, der bewundernden, passiven, machtlosen, abgewerteten Zuschauerin). Und diese Rolle können Männer schlecht nachempfinden, denn die kennen sie meist nicht.

Wenn ich manchmal Artikel oder Bücher lese, in denen erzählt wird, wie Frauen noch bis vor 30 Jahren gesehen, abgewertet und belächelt wurden, wie die Wissenschaft (die mir so heilig ist, als Aufklärungs- und Befreiungsmittel) gerade erst noch absurde Hypothesen über die Minderwertigkeit der Frau mit abstrusen Argumenten zu begründen versucht hat, bekomme ich so eine Wut, dass ich es kaum aushalte, dem nächsten Gockel nicht paar auf seine eitle Nase zu hauen.

Männer empfinden dagegen wohl Frauen, die offensichtlich als sexy gesehen werden wollen, eher als eine Art Kompliment: Da gibt sich eine echt Mühe wegen mir. Und hier kommen wir zum eigentlichen Kern des Problems: Dem Selbstbild. Männer haben im Durchschnitt erwiesener Maßen ein sehr viel positiveres Selbstbild (leider oft genug auch ein übersteigert positives). Deshalb finden sie sich auch oft nicht so fremdbestimmt, kritisiert und abgewertet, wie Frauen. Und deshalb sind Frauen auch so oft fleißige Arbeitsbienchen (von der Schule bis zur Chefetage), weil sie ständig versuchen, über bessere Leistung ein besseres Bild von sich zu schaffen – vor allem für sich selbst.

Ich finde es wirklich manchmal verblüffend, wenn ich Gelegenheit habe, Männer in einer „Kumpanei-Situation“ zu beobachten. Da wird sich hochgelobt und gegenseitig offensichtlich bestätigt. Und leider passiert das auch sehr oft über die gemeinsame Erhebung über Frauen. Folgende Szene zur Veranschaulichung:

Eine gutaussehende Kollegin betritt den mit Männern vollbesetzten Konferenzraum. Kein Stuhl ist mehr frei. Sie schaut sich suchend um, alle schauen sie an und man sieht in ihren Gesichtern, dass eine gedachte Einschätzung der weiblichen Qualitäten der Frau stattfindet, bedingt durch diese „Bühnensituation“. Die Männer wirken auf sie vielleicht sogar etwas verunsichert oder bewundernd oder beides. Denn Männer haben ein sehr einheitliches Bewertungssystem, was wirklich gutaussehende Frauen betrifft – selbst wenn es nicht der subjektiv bevorzugte Typ ist. Und sie wissen, dass die anderen wissen…. Plötzlich schlägt sich einer der Herren mit beiden Händen auf den Schoß, als Zeichen, dass sie sich doch dort hinsetzen soll. Alle lachen mit großer Spannungserleichterung. (Bei dem entsprechenden Fall wurde der schenkelschlagende Mitarbeiter entlassen, da die amerikanische Firma ein sehr feines Sensorium für sexuelle Belästigung hatte).

Man kann als Frau mal einen Versuch machen, der eine solche Szene auf den Kopf stellt: Wenn man in einer Gruppe von mehreren Männern einer der wenigen anderen Frauen lauthals vorschwärmt, dass man neulich (in irgendeiner Situation: Kundengespräch, Party, vor Gericht….) einem der bestaussehenden Männer, den man je gesehen hätte, begegnet wäre, kann man sehr genau beobachten, wie alle Männer nervös an sich herumzuzubbeln beginnen und ganz verunsichert werden. Ein seltener Anblick, vor allem da Männer in der Überzahl eigentlich immer sehr selbstsicher auftreten. Doch hier: Keinerlei Verbrüderung im Zustand der Unterlegenheit (der bei sonstiger sexueller Bewunderung wie in der Konferenzraumszene so schnell als Stärkung eintritt, nach dem Motto: Wir finden sie alle toll, lasst sie uns gemeinsam abwerten, damit sie ihre Macht verliert und wir zusammen weiter machen können, ohne Gegner zu werden). Man würde als Frau bei einer Machina-Szene in der eigenen Firma wohl auch nie entlassen, obwohl frau hier nicht nur einen Mann, sondern gleich eine ganze Horde abgewertet hat.

Vielleicht besteht die Lösung des Problems in der Spiegel-Funktion (die die Spiegel-Neuronen mit ihrer Funktion des Mitgefühls anregt). Ein paar Machina-Sprüche (aber charmant vorgetragen oder unschuldig naiv), etwas mehr Verschwesterung und etwas weniger Fleißiges-Bienchen-Gehabe würde Männer wohl auf Dauer klar machen, wie unangenehm so eine Abwertung sich anfühlen kann.

Leider hilft so ein versöhnlicher Tipp den armen Frauen im Irak und Syrien nicht, die von der IS gefangen genommen werden. Man kann sich nicht vorstellen, dass bei einem von Frauen geführten Krieg Köpfe reihenweise abgeschlagen werden und junge Männer als minderwertige Sex-Sklaven gehalten werden.

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Lauwarmer Krieg

Diesmal zuerst ein Hinweis in eigener Sache: Vom 14.-16.11.14 findet in Helmstedt an der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze eine Tagung zum Thema „Kriegsenkel“ statt. Wem das Thema der vererbten Kriegstraumata und Macken unserer Generation, die durch unsere Eltern, die Kriegskinder, an uns weiter gegeben wurden (behandelt in meinem ersten Buch „Ich, Rabentochter“) vertraut ist, kann sich unter www.kriegsenkel.de gerne noch für die Tagung anmelden. Verschiedene Buchautoren werden dort Vorträge halten.

Stellt Euch vor es ist Krieg und keiner geht hin. Das war ein Satz, der in meiner Kindheit irgendwie ein cooler Witz und gleichzeitig die Hoffnung war, dass Krieg und Aggression irgendwann völlig verschwinden würden, aus der aufgeklärten Welt. Heute ist dieser Satz zum schlechten Witz geworden. Oder zur makabren Wahrheit für all die Flüchtlinge, die den Krieg in ihrer Heimat verlassen wollen.

Aggression ist ein Teil der menschlichen Psyche, ein Verteidigungsmechanismus und Durchsetzungsmittel. Sie kann angeheizt werden, durch Frust (enttäuschte Bedürfnisse) und sich kanalisieren gegen erlernte Feindbilder. Machthaber benutzen die Frust-Aggression ihrer Untertanen, oft entstanden aus der eigenen Misswirtschaft, um sie gegen außenstehende, angeblich Schuldige zu wenden (Putin führt das gerade vor, aber auch die Politiker Ungarns sind ganz groß darin, den eigenen Mangel an Reformen, mit dem Hass auf die EU zu übertünchen). Die Idee vom Paradies, von „dann wird alles gut“ spielt eine große Rolle, im jedem System der Aggression, im Krieg und bei kanalisiertem Hass (privatem und öffentlichem). Man kämpft immer „für“ etwas – und meist wird dieses Ziel in den schönsten Farben gestaltet. Das können völlig abstrakte Dinge sein, wie Freiheit oder konkrete, wie Wohlstand und Land. Immer sind sie aber aufgeladen mit der Sehnsucht: „Dann und nur dann können wir glücklich sein (für immer)“. Und immer gibt es eine angeblich böse Macht, die dem entgegen steht, die niedergerungen und vernichtet werden muss.

Deutsche Jugendliche, die reisen gerade nach Syrien, um den IS-Truppen beizutreten und für einen islamischen Staat zu kämpfen. Es sind Jugendliche, die ohne Perspektive und mit viel Frust hier in unserer Werteordnung keinen Platz finden bzw. nur einen, der ganz unten ist. Im IS glauben sie wichtig genommen zu werden, sie treten heraus aus der Belanglosigkeit von Videospielen und trögem Alltag und hinein in echte Adrenalinschübe, echte Kampfgemeinschaft, echte Macht und (angstvollen) Respekt der Welt. So stellen sie sich das jedenfalls vor. Doch der echte Tod ist oft genug der Preis. In ihrem Verhalten gleichen sie den Menschen, die in der frustrierenden, von Armut geprägten Unsicherheit der Weimarer Republik Hitleranhänger wurden. Und beide Male ist die Verlockung der Selbsterhebung (über Minderwertige/Böse) und das Streben nach einem Leben ohne Probleme (in einem perfekten Staatsgebilde) die große Motivation.

Viele Menschen glauben, dass dieses Verhalten nichts mit ihnen zu tun habe, dass man solch einen Extremismus nur schwer verstehen kann. Dabei türmt sich ihr Frust über die Zustände in ihrem eigenen Leben genauso auf, der Ekel vor der Gesellschaft, vor Gier und Betrug und der Blitzlichtergeilheit der Pseudo-Prominenten, der Skrupellosigkeit der Politiker und Firmenbosse, die Dummheit shoppender, tröger Schafe in den Fußgängermeilen der Großstädte oder in Rentnerbussen, die jeden schönen Ort zerstören. Dabei wird gerne übersehen, dass man selbst Teil dieser (egoistischen) Verhaltensweisen ist – und oft nur mit Neid, Missgunst und Frust auf das reagiert, was man selbst gerne hätte.

In Wirklichkeit ist der Frust (darüber, dass das Leben nicht so ist, wie man es sich wünscht) und die Angst vor der Zukunft als Futter für unsere Aggression mitten in unserem Leben und jede verzweifelte Parkplatzsuche und jeder Verkehrsstau zeigt sie uns in ihrer plötzlichen bahnbrechenden Macht. Dazu müssen wir nicht Kurden oder Islamisten sein. Übergriffe nehmen auch gegen deutsche Behörden-Mitarbeiter zu – besonders bei den Sozialämtern und KFZ-Meldestellen. Da bekommt ein Beamter schon mal eine rein gehauen, weil er das gewünschte Nummernschild nicht bereitstellen kann.

Gut und Böse sind schwer auszuhalten – nebeneinander – für unsere Psyche. Wir hätten gerne, dass beide Kräfte eindeutig getrennt sind und wir selbst natürlich auf der guten, richtigen Seite stehen. Die eigenen Schwächen und bösen Gedanken (Neid, Eifersucht, narzisstische Wünsche) werden den anderen zugeschoben. Bei Kindern kann man das noch ganz offensichtlich beobachten: Kinder wollen immer die Guten sein und klagen laut die Fehler der anderen an, während sie eigene Schadtaten verschweigen. Es gibt leider aber auch eine Menge Erwachsene mit infantilen, unreifen Psychen, die betreiben genau diese unbewusste Orientierungshilfe immer noch. Man findet sie an Stammtischen und bei Nachbarschaftsstreitigkeiten – und wenn man in den Spiegel schaut. Man erkennt sie deutlich am Fehlen von Selbstkritik. Gerechtigkeit wird immer nur für sich selbst gefordert.

Verschwinden wird die Aggression niemals aus dem menschlichen Dasein. Im Moment scheint sich der Druck (aus Angst und Frust) aber gerade zu erhöhen, in unserer so zivilisierten Gesellschaft. Während wir Angst haben, um unseren Lebens-Standard, nimmt die Toleranz ab (gegenüber Asylsuchenden und Sozialhilfeempfängern). Gleichzeitig wächst der Neid auf alle, die ganz oben keine Angst haben müssen und mit ihrer Gier auf noch mehr Reichtum unsere eigene Sicherheit gefährden.

Stellt Euch vor wir leben im Wohlstand und trotzdem sind alle aggressiv. Wir könnten ja mal bei jedem Deppen, der uns auf der Autobahn begegnet, bei jedem Vordrängler an der Supermarktkasse, bei jeder Bürokratieschikane oder Streiterei mit Nachbarn, Ex-Partner, Kollegen, dem Chef genau beachten, wie hoch unsere Gesamtfrustration schon ist – und wo wir ihr gerne nachgeben, mit einfachen Schuldzuweisungen und Rachephantasien. Wir können darauf achten, wie Prognosen über Wirtschaftswachstum und Weltpolitik unsere Ängste schüren. Und vor allem sollten wir unsere Phantasien vom Idealzustand überprüfen, die entstehen, wenn man Hochzeitsbilder von George Clooney anschaut oder den Erfolg der Samwer-Brüder. Neid, Sehnsucht, Angst und Wut sind nicht schlimm, sondern zutiefst menschlich. Sie werden erst schlimm, wenn man nicht mehr merkt, dass man sie hat, oder dass sie den größten Teil der eigenen Motivation ausmachen. Sie werden schlimm, wenn man anfängt zu glauben, es gäbe eindeutig Schuldige oder irgendwann wäre alles gut, wenn nur…..

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