J´accuse !

J´ accuse! – so hieß ein offener Brief des französischen Schriftstellers Émile Zola an Felix Fauré (den damaligen Präsidenten Frankreichs), der am 13. Januar 1898 in der Tageszeitung L´Aurore erschien. Er informierte die Öffentlichkeit über die wahren Hintergründe in der sogenannten Dreyfus-Affäre. Der Brief führt in einen Skandal und gab der Geschichte um den jüdischen Hauptmann Dreyfus die entscheidende Wende – in die „richtige Richtung“, hin zu dem, was uns Menschen im Positiven ausmacht und was wir alle gerne wären: Wahrhaftig, mutig, unbeugsam für Gerechtigkeit und Wahrheit.

Völlig zu Unrecht war der französische Hauptmann Alfred Deeyfus (aufgrund von Fälschungen) wegen angeblicher Spionage zugunsten der Deutschen zu lebenslanger Haft auf der berüchtigten Teufelsinsel verurteilt worden. Als sich bei einer erneuten Untersuchung seine Unschuld und Major Falsin – Estherházy (us altem Adel) als der wahre Täter herausstellten, hielt der Generalstab dennoch an der Täterschaft Dreyfus’ fest, der Jude und Elsässer war. Zola verwies in seinem Artikel auf den „Mangel an seriösen Beweisen“. Heute würde man sagen: Der Prozess unterlag rundweg Fake-News.

Zola bezichtigte ranghohe Offiziere des Generalstabs und der Militärjustiz sowie einige an dem Fall beteiligte Gutachter und konservative Presseorgane der Judenfeindlichkeit, der Lüge und der bewussten Rechtsbeugung im Fall Dreyfus. Zola wurde daraufhin der Verleumdung angeklagt, wie er es am Ende des Briefs vorausgesehen und in Kauf genommen hatte, und zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Um der Haftstrafe zu entgehen, floh er nach England, von wo er erst im Juni 1899 nach der Begnadigung zurückkehrte. Der französische Staat wäre fast kein Rechtsstaat mehr gewesen, all seine Errungenschaften in der geschichte standen in Frage.

Die französische Gesellschaft zeigte sich zu der Zeit als tief gespalten: Wer an Dreyfus’ Unschuld glaubte und Zola unterstützte, gab sich damit als Anhänger einer liberalen, säkularen Republik zu erkennen, der den Menschenrechten Vorrang vor den Staatsinteressen einräumte; wer an Dreyfus’ Schuld festhielt, verlieh damit seiner Sympathie für eine rechtskonservative Haltung Ausdruck, die in Militär und katholischer Kirche unverzichtbare Stützen des Staates sahen, denen im Zweifelsfall auch das Schicksal eines Einzelnen zu opfern war. Am Ende gewannen bei der Wahl 1902 die Linken und Staat und Kirche, Wissen und Glauben wurde per Gesetz getrennt. Dreyfus wurde 1906 erst freigesprochen und rehabilitiert.

Heute ist „J´accuse…“ Teil des französischen Nationalbewusstseins und Emile Zola liegt neben seinem Freund und Mitstreiter Victor Hugo im Pantheon, neben all den anderen großen Franzosen, in einem steinernen Sarg. Was würde er heute raten, in Zeiten der Globalisierung, der Einwanderer- und Terror-Problematik und all der Zweiteilung in der Gesellschaft, die er hier in Paris an jeder Ecke zu sehen bekäme? Was würde er sagen, zu einem verschuldeten Staat, der sich seinen sehr hohen Sozial- und Angestellten-Standard nicht mehr leisten kann und gleichzeitig (wie eh und je) von einer völlig abgehobenen Elite regiert wird? Wie sähe sein „j´ accuse“ heute aus?

Es gibt auch hier eine Wahrheit. Und wir müssen sie benennen, wenn uns nicht weiter alles harterrungen Gute, die Gerechtigkeit und Menschenrechte zwischen den Fingern zerrinnen soll. Wir brauchen sie, um endlich Taten daran anzubinden, die dringend das „Immer-Schlimmer“ verhindern müssen, gegen den aufkommenden Nationalismus, Rechtsradikalismus und all der Fake-News.

Man sagt hier in Frankreich, Albert Camus hätte mit seinem Fatalismus gewonnen, gegen die Linken, mit ihrem großen Ziel für die Geschichte. Denn von den Menschenrechten ist nicht nur hier unter dem Eifelturm nicht mehr viel übrig geblieben, wenn man ehrlich hinschaut. Und die meisten Menschen nehmen das fatalistisch hin. Menschenrechte sind auch hier nur noch ein Feigenblatt an den Scheibenwischern der SUVs mit denen man seine Kinder (in aller Betroffenheit) doch lieber in die „guten“ Schulen, in den guten Gegenden fährt.

Rollen wir also einfach, wie es Camus in seinem „Mythos vom Sisyphos“ beschreibt, den Stein hoch und runter? Oder klagen wir an? Hat die Linke ausgedient, weil dem Menschen nun mal nicht zu helfen ist und er über kurz oder lang wieder hinter alle Grenzen zurück fällt, die er so mühsam errungen hat? Hat er kein Talent zur Freiheit und gehört einfach besser verwaltet?

J´accuse wäre heute wohl eine Anklage gegen Handlungslosigkeit, die an eigenen Idealen festhält, obwohl sie längst weiß, dass wir niemals zuungunsten unseres Lebensstandards wirklich die Menschrechten verteidigen würden, unseren Luxus teilen und uns beschränken würden. Darin sind wir der katholischen Kirche gleich, die damals massiv hinter der Dreyfuss-Affäre unchristlich handelte, um die Erhabenheit der eigenen Seele zu verteidigen. Letztlich wissen wir leider, was die Wahrheit ist.

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Paris und die Welt

Paris zeigt, wie in einem Spiegel, den Zustand der Welt. Jedenfalls hat es den Eindruck, wenn man selbst von außen in diese Stadt kommt, um hier einen Monat zu verbringen (man ist nicht mehr Tourist und natürlich weit davon weg, Einwohner zu sein).

In der Sprachschule, die ich gerade besuche, mit all den Koreanern, Chinesen, Japanern, die sich mit der französischen Pronuntiation noch schwerer tun als Brasilianer und wir Deutsche, wird klar: Frankreich und vor allem Paris ist immer noch die vielbewunderte Kultur und Stadt, die das gute Leben, die Lässigkeit verspricht. Und deshalb gibt es so viele junge asiatische Designstudenten, die hier mühevoll und wahrscheinlich auch mit enormen Kosten, erst Sprache und Kultur und dann Design lernen. Doch eigentlich kann man das eben nicht lernen, dieses „je ne sait pas“, dieses „Savoir vivre“.

Deshalb stehen ihre touristischen asiatischen Mitbürger in der Galerie Lafayette Schlange, vor dem Guggi- und Hermes-Abteilungen, um Taschen für 4000 Euro oder mehr zu kaufen. Alle Welt ist in Punkto Status in der Mode: französisch. Und die jungen Studenten aus China und Korea wollen ähnliche Weltmarken kreieren, wie sie mir erklärten, um eines Tages Taschen im Wert von tausenden Euro nicht nur made, sondern designed in China oder Korea, zu verkaufen.

Doch wie entsteht so eine „je ne sait pas“-Wertgefühl für eine Tasche, so ein „savoir vivre“ der Lässigkeit in der Mode? In Frankreich ist es über Jahrhunderte entstanden, an den Fürstenhöfen, die den ersten Chic entwickelten und immer weiter überdrehten, wie sie die Kochkunst und die Lebenskunst entwickelten und über die Fürstenhöfe Europas expandierten – samt dem Subjonctiv, diese seltsamen Konjugation ins überdrehte Mögliche, die es in keiner anderen Sprache sonst gibt.

Was dabei auffällt: Alle asiatischen Kulturen halten die Franzosen (aber im Grunde alle Europäer) für unhöflich. In Europa ist man zu direkt, haut dem anderen seine Meinung um die Ohren, hat eine Streitkultur, die miteinander gegeneinander diskutiert. Das macht man nicht in Asien. In gesamt Asien? Ja, denn anscheinend gibt es dort weder in China, Korea, Japan etc. irgendein Dorf, dass in den Widerstand geht, nicht mal Fokushima. Man redet höchstens mit Gleichgesinnten im engsten Kreis, sich gegenseitig bestätigend in der gemeinsamen Meinung. Man zeigt seinen Status mit z.B. Handtaschen oder dem Studium der Kinder im Ausland: Jeder kann mit einem Blick sehen, wo der andere ökonomisch steht. Es gibt nichts anderes zu diskutieren.

Und bei Nachfrage, wie mit Problemen umgegangen wird: allgemeines Schultern zucken. Irgendein Politiker muss das regeln. Der hat den Status dazu.

Seltsamer, beängstigender Umgang mit den Problemen dieser Welt. Aber die Franzosen stellen auch nur Handtaschen her, die sie mit Lässigkeit über ihre Boulevards tragen, während alle anderen versuchen es ihnen nachzumachen, als gäbe es keine anderen Probleme. Macrons Beliebtheit stützt sich gerade schon nur noch auf den Chic seiner Frau….

 

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Liberté, Egalité, Fraternité

Diese Woche bin ich in Paris angekommen und werde den ganzen September hierbleiben. Paris ist ein bewohntes Museum, (für Deutsche) seltsam vom Krieg verschonte ganze Straßenzüge mit Cafés und Geschäften, wie eine Kulisse, in der das Pariser Leben aufgeführt wird. Den ganzen Tag, das ganze Jahr, für manche Menschen sogar das ganze Leben lang.

Vergleichbar mit New York scheint es zu reichen, wenn man sein Leben einfach hier verbringt: Man war mittendrin im echten Leben, in der echten Kultur, da wo alle immer sehnsüchtig hin wollen. Man war Teil einer Inszenierung, die das Leben selbst bedeutet und alles, was es essenziell ausmacht. Man war Teil eines Mythos, auch wenn die großen Zeiten dieser Städte längst vorbei scheinen. Menschen wandeln immer noch durch die Kulissen und das scheint das Leben vollauf zu erfüllen, ihm den einzig wahren Sinn zu geben.

Und es gehört zur Essenz des Lebens, dass in Städten wie Paris und NY Armut und Reichtum aufeinanderprallen, wie kaum sonst: Menschen liegen hier überall zwischen dem Müll auf der Straße und daneben gehen wunderschöne Frauen in teuren Designerkleidern mit Handy am Ohr ihrem freien schönen Luxusleben nach. Es ist manchmal schwer, das auszuhalten. Die Freiheit (die freie Gestaltung des Lebens), die auf der Gleichheit aller aufbaut, braucht grundsätzlich die Brüderlichkeit, das Mitgefühl. Das steht hier an jedem öffentlichen Gebäude, wie ein Mantra französischer Identität: Liberté, Egalité, Fraternité. Doch genau daran scheitert gerade nicht nur Paris.

In China werden Menschen, vom Internet überwacht, mittlerweile sozial „gerankt“, nach ihrer politischen Korrektheit, ihrer Intelligenz, Fleiß, Bildung und sozialen Umgebung bewertet. Wer sich mit „schlechten“ Menschen umgibt, dem wird das negativ angerechnet und umgekehrt. „Waste“ heißen Menschen, die sich in diese Leistungs- und Konkurrenz-Denke nicht eingliedern. In Paris und NY wird sinnbildlich deutlich, was gemeint ist.

Doch was würde passieren, wenn immer mehr Menschen diesem Druck nicht mehr Stand halten? Oder wenn sie sich die Freiheit nehmen, so wie ich, einfach einen Monat in Paris zu verbringen? Würde mir das Plus- oder Minuspunkte einbringen? Wollen wir so eine uniforme Leistungs-Bewertung, nur damit wir sagen können: Ich hab mich angestrengt, ich bin sicher oder ich habe das schöne Leben verdient? Was würde wir zulassen, um keine Menschen mehr auf der Straße sitzen und liegen sehen müssen, damit unsere Brüderlichkeit nicht andauernd in Frage gestellt wird? Soll man sie wegsperren oder zwangseingliedern, nur weil sie am Traum vom schönen Leben in den schönsten Städten der Welt offensichtlich gescheitert sind? Gibt es demnächst Aufnahmeprüfungen, um einen Monat in Paris oder NY verbringen zu dürfen?

 

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Die ewige Wiederkehr des Gleichen

Nietzsche sprach von der „ewigen Wiederkehr des Gleichen“: In der Geschichte der Menschheit sind immer wieder Grundmuster des Verhaltens aufgetaucht, die anscheinend viel mit unserer psycho-somatischen Natur, den Kernphänomenen des Menschseins zu tun haben. Immer wieder versuchen wir z.B. Paradiese zu erreichen, wir versuchen unsere Sterblichkeit zu überwinden, mit verschiedenen Mitteln jung und schön oder heldenhaft und stark zu werden oder zu wirken. Wir häufen Besitz an, wenn wir können, schon im Mittelalter hatte jeder Bauer und Handwerker mit wirtschaftlichem Erfolg, Truhen voller Kleider und Luxusgegenständen (der Besitz von vielen Status-Artikel ist keine Erfindung der Neuzeit, sondern eine der psycho-somatischen Evolution). Und wir werten andere Menschengruppen/Völker gerne ab, geben ihnen die Schuld an allem Übel, während unsere Lebensweise die bessere und uns zustehende ist, der wahre Fortschritt.

So passiert, im Sinne der ewigen Wiederkehr des Gleichen menschlicher Natur gerade, was den sogenannten indigenen Völkern in Zeiten der Kolonialisierung schon passiert ist: Wir werden aus einem analogen Leben in ein digitales umerzogen – angeblich zu unserem Besten, angeblich im Sinne der Zivilisation. Es wird uns erzählt (von Menschen die damit viel Geld verdienen), wir wären bisher analoge Wilde in veralteten sozialen Strukturen gewesen, digital-unzivilisiert und alles würde in Zukunft besser, weil das so sein muss, weil das der Fortschritt ist, die zukünftige Zivilisation, unabwendbar.

Heute sind, nach 300 Jahren der Ausbeutung, Umerziehung, Abwertung, Enteignung und Verknechtung der indigenen Völker, ihre „traditionellen Lebensweisen“ unter Artenschutz gestellt. Sie dürfen wieder leben wie ihre Vorfahren – aber natürlich auch nur noch wie im Museum ihrer eigenen Kultur. Wir bewundern ihren Einklang mit der Natur, ihr Wissen um Überlebenspraktiken und natürliche Zusammenhänge. Wir bewundern ihr inneres Gleichgewicht, ihre Selbstverständlichkeit gegenüber Leben und Tod, soziales Miteinander. Wir haben aus heutiger Sicht ein schlechtes Gewissen, wegen der Arroganz unserer westlichen Kultur und all dem Unrecht, das diese Hybris mit sich gebracht hat.

Vielleicht werden die Menschen in 100 Jahren kopfschüttelnd oder mit Wehmut und lächelnd über so viel Naivität zurückblicken, auf den Beginn des Jahrtausends, auf die Zeit, als Gesichtserkennung durch Überwachungskameras, Datenchips unter der Haut, die Abschaffung des Bargelds und die Totalvernetzung des Lebens ihren Anfang nahmen: Die vielen großen Versprechen der Digitalisierung und Vernetzung werden, wie das Versprechen von der unsinkbaren Titanic, dann als Größenwahn bekannt sein, als Peinlichkeit der menschlichen Natur, die wieder mal glaubte, ihr stünde das Himmelreich zu.

Vielleicht sind dann die Mahner und die, die damals (also jetzt) schon wussten, dass diese totale Digitalisierung, die Umrechnung des Menschen in kontrollierbare Daten, auch nicht das wirkliche Glück und irgendeinen wirklichen Fortschritt bedeuteten, keine ewigen Pessimisten mehr, sondern Menschenkenner (so wie vor 100 Jahren Kurt Tucholsky und Sigmund Freud oder eben Nietzsche). Vielleicht wird dann der freie Wille, der gemäßigte und durchdachte Gebrauch der neuen Technik propagiert, nach all dem Leid, den uns die Kolonialherren aus dem Silicon Valley zugefügt haben.

Sicher ist: Der Mensch bleibt der Mensch – oder er ist eben kein Mensch mehr. Wir brauchen soziale Verbundenheit und Anerkennung. Wir brauchen Perspektiven und Gerechtigkeit. Der einzige wahre Fortschritt war bisher deshalb die Gleichstellung der Frauen und die Anerkennung der Kindheit als wichtige Entwicklungsphase. Beides wurde möglich durch Maschinen, die Gerechtigkeit herstellten, weil sie Muskelkraft überwanden. Heute gibt es viel Ungerechtigkeit zwischen den Völkern. Nur hier könnte die Digitalisierung für wirklichen Fortschritt sorgen. Doch dazu wird, gemäß der ewigen Wiederkehr des Gleichen, wohl erstmal Leid entstehen, das dem zweier Weltkriege entspricht, dem ewigen Versuch entsprungen, den Fortschritt der Maschinen erstmal für den Größenwahn und nicht im Sinne des banalen besseren sozialen Lebens und mehr Gerechtigkeit zu verwenden.

 

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Freiheit und Frieden

Wir sollten so schnell wie möglich selbstfahrende Autos im Straßenverkehr einsetzen. Denn mit diesen wäre ein terroristischer Anschlag auf Passanten unmöglich: Weder Islamisten (wie in Spanien, Nizza, Berlin), noch Rechte (wie in der USA) könnten in ihrem Größenwahn ihre angeblichen Gegner der eigenen Größenphantasien einfach tot fahren. Die Autos würden einfach vor jedem Hindernis automatisch stoppen.

Aber selbst nach der Attacke in Charlottesville diese Woche, nach Trumps offenem Bekenntnis zu Rechts, würden ihn immer noch 34% der US-Bürger wählen. Das heißt, sie finden es o.k., wenn mit Gewalt rechte, nationalsozialistische Ideologie umgesetzt wird, Demokraten niedergemetzelt werden.

Allgemein begegnen mir in vielen Statistiken, die sogenannte „Fail-Outs“ erfassen (also Menschen, die scheitern, herausfallen aus einem kompromissbereiten, reifen, konfliktlösenden Verhalten, aus normalen bisher gekannten Lebensumständen oder dem, was wir dafür bisher gehalten haben), eine 35-50% Gruppe. Das heißt, extremes Verhalten ist ca. bei einem Drittel bis zur Hälfte der Bevölkerung verbreitet. Das Wählen von Donald Trump zähle ich dazu, aber auch die narzisstischen Auffälligkeiten bei Kindern in Deutschland (34%) und natürlich das ihrer Eltern, die dafür verantwortlich sind. Man kann mittlerweile davon ausgehen, dass ein Drittel der Menschen in westlichen demokratischen Staaten eigentlich keine gesunden Beziehungen führen und 35-50% der Ehen scheitern werden (je nach Wohnort), mit langwierigen psychologischen und finanziellen Folgen. Wohl 47% der Menschen werden in den nächsten Jahren vom Arbeitsmarkt nicht mehr gebraucht werden. 50% sind zu dick und 25% sogar im Bereich von Adipositas, also krankhaft übergewichtig, mit entsprechenden Folgen für ihren Körper und das Gesundheitssystem. Und Frauen bekommen nur halb so viel Rente wie Männer und über 30% werden zukünftig von Altersarmut betroffen sein (gerade sind es schon über 20%).

Es scheint also so, als ob mindestens 1/3 der Menschen mit den Umständen der westlichen Kultur nicht gut zurechtkommen: Sie essen falsch, erziehen ihre Kinder falsch (reproduzieren die Probleme also), führen ihre Beziehungen falsch und sind nicht gut genug qualifiziert, um weiterhin nicht durch Maschinen ersetzbar zu sein (dazu gehören auch viele Juristen, Bauingenieure etc.) oder ausreichend Rente zu bekommen. Und dabei sind die wachsenden Gruppen der Süchtigen und Süchte, Kindesmisshandlungen, die oft durch den Lebensfrust verursacht werden, noch nicht einbezogen, genauso wenig, wie psychische Probleme, die zunehmend diagnostiziert und behandelt werden. (Hier ist sowohl die Dunkelziffer groß, aber auch die Verfälschung durch schlechte Erhebungen aus früheren Zeiten, die zum Vergleich stehen).

Was wird aus diesen Menschen, in einer von Menschenrechten, von Würde und dem „Streben nach Glück“ bestimmten Kultur? Lange dachten wir, es muss nur genug politische Freiheit geben und dann wird alles gut, die Menschenrechte, demokratische Freiheit mit kapitalistischem Wohlstand, ermöglichen direkt das Glück der Menschen. Vertragen diese Menschen die Freiheit nicht? Kommen sie nicht damit klar sich zu mäßigen, willensfrei ihr Verhalten, ihren Umgang mit ihrem Körper, mit ihren Kindern und Partnern selbst zu maßregeln, zu verbessern, wenn das keine moralische oder politische Instanz mehr tut? Es ist erst seit 70 Jahren möglich, dazu Beobachtungen zu machen: was anhaltender Wohlstand, die konstante Versorgung der Primärbedürfnisse mit Menschen macht, was passiert, wenn sie Möglichkeiten der Lebensgestaltung erhalten.

Die Gegenfrage ist natürlich die: Ging es den Menschen vorher besser? Sicher nicht. Hunger, Patriarchat und Kirchenmoral sind sicher nicht die Lösung. Vielleicht gibt es gar keine Lösung. Vielleicht gab es die 35-50% Regel schon immer: schon immer kam das untere Drittel der Menschen arm-seelig, hilflos und sehnsüchtig nicht gut zurecht mit dem Leben und weitere 15% hatten berechtigte Angst, dorthin abzurutschen, mussten hart kämpfen, um Würde und Selbständigkeit, Gesundheit und etwas Lebensstandard zu wahren. Doch dazu gibt es keine statistischen Erhebungen, sie sind eine Erfindung des 20. Jahrhunderts.

Und die Moral von der Geschicht? Sigmund Freud hat mal gesagt, dass das Glück der Menschen im Schöpfungsplan der Welt nicht vorgesehen ist. Trotzdem haben wir im neuen Jahrtausend eine wirklich neue einmalige Situation in der Menschheit. Maschinen und Datenanalysten machen zunehmend alle Arbeit. Der Mensch könnte frei sein – so unbestimmt er sich das immer vorgestellt hat. Er müsste neue Umverteilung, Verhaltensregeln und einen antimaterialistischen Sinn, anti-materialistische Statussymbole schaffen, ein soziales freundliches Miteinander, statt ein konkurrierendes Gegeneinander. Doch dazu müssten wir uns unseren Narzissmus selbstkritisch eingestehen, Regeln gegen größenwahnsinnigen Narzissmus und Wachstumsstreben finden, die Träume von etwas Höherem (außer einem friedlichen, gerechten Leben) aufgeben.

Vielleicht bricht ja, bevor die mindestens 34% Nationalisten und Islamisten etc. weiter ihre unheilvollen Gedanken der Zerstörung anderer vorantreiben, das Zeitalter selbstkritischer Bescheidenheit aus. Aber politisch-korrekt wegdiskutieren lassen sie sich sicher nicht mehr.

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Kunst und Krempel

Letzte Woche war ich auf den Salzburger Festspielen: Eine heile Welt im schönsten Dorf der Welt. Ich saß im Café Bazar an der Salzach mit Blick auf die barocke Skyline. Neben mir am Tisch hatte sich eine Gruppe Studenten der Kunsthochschule eingefunden: Eine Russin, eine Ungarin, ein Spanier (halb Deutscher) und ein Franzose. Sie sprachen alle möglichen Sprachen miteinander, studierten alle möglichen künstlerischen Fächer, spielten alle möglichen Instrumente, zeigten sich Videos auf ihren Smartphones und tauschten Ideen aus. Sie waren optimistisch, als gehöre ihnen die Welt (ohne Klimakatastrophe und ohne Flüchtlingswellen und Kriege). Es war schwer vorzustellen, dass sie je ein Problem mit der Globalisierung oder Digitalisierung haben könnten.

Dann kamen zwei Rentner und betrachteten im Stehen die Speisekarte. Der Kellner in Livree beäugte sie wirsch. Sie trabten mit kurzen Hosen, Klettverschlusssandalen und von Bäuchen ausgebeulten T-Shirts davon: Die Terrasse war für sie kein vorgesehener Ort, der Kellner wolle sie da sitzen haben. Auch mir waren die jungen euphorischen Menschen am Tisch lieber, als glotzende Rentner. Und das ist natürlich politisch völlig unkorrekt. Und auch die Studenten gingen mir mit ihrer Selbstüberschätzung nach einiger Zeit auf die Nerven: Als hätte diese ausgelaugte, ungerechte Welt nur auf sie und ihre Ideen gewartet, als würden sie endlich alles zum Guten wenden.

Es scheint zunehmend zwei Welten zu geben: Eine, die wir nicht mehr ertragen in ihrer Hybris, Rücksichtslosigkeit, Größenwahn und eine, die wir nicht mehr ertragen, mit ihrer Problemschwere, Unästhetik, Armut, ihren gescheiterten Träumen. Dazwischen sitzt man im Café und hört Konzerte, wohnt in kleinen Pensionen und sieht kritische Theaterstücke und fragt sich, wo man selbst hingehört, was die Antwort ist, auf all den sinnlosen Wandel und all die sinnlose Erstarrung.

Immerhin zeigt einem die Kunst, dass es nie anders war. Immerhin wird einem in der Oper klar, dass Donald Trump und Kim Jong-un gewöhnliche Witzfiguren der Geschichte sind, wie es sie in jedem Dorf, an jedem Hof, in jeder Regierung gab. Vielleicht ist das Schwierige an unserer heutigen Zeit: das aufkommende Bewusstsein, dass es keinen wirklichen Fortschritt gibt, dass trotz Waschmaschine und Atombombe immer Menschen da sind, die es ganz o.k. finden in der Welt und andere die kämpfen und wieder andere benutzen alles und jeden für ihre Interessen und tun so, als wäre das in Jedermanns Sinne und wieder andere gestalten eine Zukunft, die auch nicht wirklich anders wird.

Ach ja, am Domplatz wurde „der Jedermann“ gegeben, ein mittelalterliches Mysterienspiel, wie jedes Jahr. Und wie jedes Jahr waren einige Kritiken gut und andere schlecht, am Jedermann…

 

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Kein unmoralisches Angebot

An dieser Stelle hatte ich vor zwei Wochen die Überlegung angestellt, was wohl passieren würde, wenn (wie einst Stalin) Aggressoren der aktuellen Geschichte (Erdogan, Trump, Orban, Kaczynski etc.) einfach tot umfallen würden. Für all die Resonanz bedanke ich mich. Sie reichte von Eingeständnissen ähnlicher Alltagsgedanken, über die Mahnung den Weg des demokratischen Diskurses nicht zu verlassen, bis zum Verweis auf den typischen Satz in Märchen „…in einer Zeit, als das Wünschen noch helfen konnte…“

Letzter trifft die Idee hinter dem Beitrag wohl am genauesten. Denn natürlich ist mir klar – und ich lege es hier seit fast 7 Jahren an dieser Stelle immer wieder vor -, dass es wichtig ist, solche Despoten nicht, wie Kinder mit Wünschen, sondern mit einem demokratischen Prozess los zu werden. Letztlich müssen nationalistische Denke und Sehnsucht nach Selbsterhebung (völlig unbegründeten und daher unwahren als „wir sind aber die ethnisch Besten“ – und nichts anderes ist Nationalismus), erfahren, was wirklich passiert, wenn man diese Denke in Realität umsetzt: Handelskriege, Ausweisung und Anklage Unschuldiger, Zensur, Rechtsunsicherheit, bis hin zum Krieg der Ethnien, wie in Syrien etc. und hoffentlich nicht in Kenia jetzt bei der Wahl. Und wenn diese nationalen Selbsterheber dann kapieren, dass die ethische Selbsterhebung eben nicht ohne all diese Bedrohungen zu haben ist, dass natürlich alle anderen das anders sehen und am Ende keiner gewinnt, ist vielleicht etwas gelernt.

Insofern können wir Spät-Geborenen von Glück reden, dass wir die Abschreckungen des real erlebten Massensterbens aufgrund von Nationalismus nicht erleben mussten – wie (in meinem Fall noch) unsere Eltern. Und gleichzeitig wird klar, wie wenig und kurz diese Abschreckungen vorgehalten haben. Und wie ungerecht das ist.

Ich plädiere ja seit längerer Zeit für ein psycho-somatisches, narzisstisch-bewusstseinsfähiges Menschenmodell, als Ausgangpunkt jeder wissenschaftlichen Vermessung des Menschen und der Lösungsplanung. Unser Verstand und nachhaltiges generationsübergreifendes Lernvermögen schneidet darin jedoch recht schlecht ab: Wir sind nur bedingt willensfrei; ein gereifter Narzissmus mit hoher Sozialkompetenz und Weitsicht, Selbstkritik und Objektivität, haben nur wenige Menschen. Daher wird es immer wieder Despoten und ihre Anhänger geben – und somit auch immer wieder den Wunsch, sie mögen doch einfach tot umfallen.

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Un-natürliche Anführer

„Ich suche immer wieder nach einem Mittel, so zu werden, wie ich so gerne sein möchte“, schrieb Anne Frank als letzten Eintrag in ihr Tagebuch – nach 757 Tagen im Amsterdamer Hinterhausversteck. Diese Suche nach Selbstveränderung, noch im Erleben größter Bedrohung und einer Welt, die aus den Fugen geraten war, transzendiert ihren Tod, in das allzumenschliche Leben, das ihr von anderen Lebenden genommen wurde. Die Alltagswerteordnung ihrer Zeit, wies Menschen wie ihr, mit falscher Wissenschaft, Wertlosigkeit zu. Diese Wertlosigkeit ließ sich in der echten Lebenswelt nicht beweisen, war einseitige Deutung von falsch erhobenen Daten.

Auch die heutige Hirnforschung, die immer noch die bio-chemischen Prozesse in unseren Gehirnen als Ursache für unser Verhalten festnagelt, betreibt falsche Deutung ihrer ohnehin dürftigen Daten – und fügt den Menschen Leid zu. Nur weil wir meist nicht können, wie wir selbst wollen, sind wir nicht „determinierte“ Casper unserer Moleküle und Stoffwechselprozesse. Denn diese sind ebenfalls nur Erfindungen unseres Willens zum Wissen, unserer Casperei mit Erkenntnis.

Was gilt dann aber? Unser Erleben und die Regelmäßigkeiten darin, die Kernphänomene des menschlichen Erlebens und Verhaltens. Hunger ist so ein psycho-somatisches Kernphänomen. Der Mangel an biochemischen Molekülen (Nahrung) ist nur eine Seite der Medaille. Der Zustand unseres Selbst, unser Ich und wie es die Welt wahrnimmt (bei starkem Hunger niemals entspannt, ohne Altruismus und mit viel Willen für Nahrungsuche), ist die andere, völlig gleichwertige Seite. Das gilt auch für all unsere narzisstischen Befindlichkeiten: Ohne Status, Einbindung in die Gruppe, Ansehen und Zugehörigkeit können wir nicht überleben. Unser Körper hat einen biochemisch-beschreibbaren Zustand und ein Erleben, dass bei jedem Erniedrigten, Ausgestoßenen das gleiche wäre (wie bei jedem Hungernden auch). Wir mögen durch die Jahrhunderte und Kulturen hindurch andere Nahrung zu uns genommen haben, wir mögen aus immer wieder anderen Gründen Menschen abwerten und ausstoßen (aktuell, weil sie aus Afrika kommen oder keine Arbeit mehr haben oder Frauen sind etc.). Doch das Hungern und Ausstoßen (als Erleben und als Stoffwechsel) bleiben gleich, menschlich.

Wenn wir die Welt ändern wollen, müssen wir nicht auf biochemische bzw. technische Lösungen hoffen. Wir sollten unser Erleben, unsere zu unserem Hirn gewordenen Erfahrungsmuster, verändern, durch neue Erfahrungen. Und wir sollten den Naturalisten unter den Hirnforschern klar machen, dass der direkte Weg von ihrer falschen Deutung, ihrem falschen Menschenmodel, zum Populismus führt, zum Ruf nach den „natürlichen Anführern“.

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Tod als Gerechtigkeit

Maryam Mirzakhani ist tot. Sie ist mit 40 Jahren an Krebs gestorben und hinterlässt eine kleine Tochter. Sie war Professorin für Mathematik an der Standfort Universität und hat als erste und einzige Frau die Fields Medaille bekommen, die höchste Auszeichnung für Mathematiker, auch Nobelpreis der Mathematik genannt.

Immer wenn ich so etwas lese, wird mir klar, wie gottlos und ungerecht diese Welt ist, wie sinnlos und wie sehr wir alles tun und glauben, um dem zu entgehen. Warum stirbt nicht einfach so mal jemand wie Kim Jong-un, Erdogan, Putin, Orban oder Trump? Hirnschlag, Herzinfarkt oder sogar Krebs, wo langsam die Kräfte schwinden und diese Narzissten zusehen müssen, wie ihnen ihre eigene Macht dahinschwindet, maximaler Schmerz, für die, die anderen, Millionen, völlig rücksichtslos und selbstsüchtig Schmerz zufügen, ohne einen Funken Selbstkritik. Sie glauben ganze Völker würden ihnen gehören. Wir Deutschen wissen wohin das führt. Narzisstische Störungen sind das Übel dieser Welt und der schnelle Ausweg wäre erstmal der Tod dieser Menschen.

Immerhin ist Alexander Kaczyński gestorben. Aber wie es der Teufel will, gibt es den zweimal und jetzt treibt sein dummer kartoffelköpfiger Bruder Polen in eine Diktatur, auf demselben Weg, wie Hitler es getan hat, den Kacznski allzugerne den Deutschen vorwirft. Auf Hitler wurden am Ende, als die ganze Schrecklichkeit seiner Weltsicht und Politik schon für Millionen zur tödlichen Realität geworden war, ein Attentat von höchster Stelle ausgeführt. Heute sind die Attentäter Helden, doch sie haben nicht verhindern können, dass weitere Millionen sterben mussten im letzten Kriegsjahr. Alles wegen eines Narzissten, der allen schwelenden Narzissmus angeheizt hat, alle dumme Kleingeistigkeit, allen falschen dämlichen Nationalstolz der Menschen, die sonst zu nichts fähig sind, auf das sie stolz sein können. Allzuschnell springt hier der Funke über, wenn jemand ihn anheizt.

Wer glaubt, man dürfe niemanden den Tod wünschen, der soll bitte sofort mindestens einen Flüchtling aufnehmen, der es durchs Mittelmeer geschafft hat. Wir nehmen ständig den Tod von Tausenden hin, weil wir unser schönes Leben behalten wollen. Warum nicht wünschen, dass die sterben, einfach so tot umfallen, die das schöne Leben Tausender gefährden?! Der plötzliche Tod von Stalin hat Tausenden das Leben gerettet. Ist das also nicht ein gerechter Wunsch?

Wir tun so, als würden wir die Diktatoren-Anwärter mit demokratischen Mitteln bekämpfen können, als würde sich das „schon irgendwie“ wieder regeln. Vielleicht bin ich zu deutsch und meine Familie zu betroffen von der deutschen Geschichte. Aber ich weiß als Psychologin, dass die Monster der falschen nationalistischen Selbsterhebung, die Monster des Größenwahn-Narzissmus nur allzugerne und allzuleicht sich erheben lassen, mit ihren Träumen von eigener Überlegenheit „einfach so“, nur weil man deutsch ist, polnisch, türkisch, ungarisch, russisch oder America first irgendeinen dummen Inhalt braucht und sei es die Zerstörung unserer aller Erde und Klima. Dieser Sehnsucht nach Überlegenheit „einfach so“, aus dämlichen Nationalstolz, setze ich meine Sehnsucht vom plötzlichen Tod „der Richtigen“ entgegen, statt jemand wie Frau Mirzakhani möchte ich, dass es jemanden trifft, dessen Tod die Welt besser macht und nicht ärmer an Genie und Wissen. Ganz einfach, einfach so.

Ein einziger Hirnschlag, ein Tumor oder Herzinfarkt könnte so viel besser machen, wenn es mal die Richtigen träfe. Wie viele mögen das genauso denken und nie sagen. Das frage ich mich.

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Matrix. Oder: Zum Glück sind wir Narzissten


In dem Film Matrix wird der Held Neo aus der Fremdbestimmung der Maschinenherrschaft, die in sein Gehirn ein Schein-Leben einprogrammiert hat, gerettet und in die reale Meta-Welt gebracht. Doch die echte Welt hinter der programmierten Schein-Welt, in der man gegen die Maschinen kämpfen muss, ist ein trostloser Ort. Hier, wo Körper und Geist vereint sind im echten Leben, scheint das Leben ein einziger Kampf zu sein, voller Selbstzweifel und Ängste und Erwartungen anderer Menschen.

Der Film Matrix, der dem Leib-Seele Dualismus der Aufklärung folgt, kommt aber trotz (oder gerade) durch seine ganze Trostlosigkeit nicht ohne Utopie aus, um (tiefenpsychologisch) zu funktionieren: Neo ist „der Erlöser“, „the One“, ein vielbewunderter und beachteter Retter der Welt, der Hero, der am Ende das schöne Mädchen bekommt. Er trainiert seine Geisteskraft zu einer Art höheren Intelligenz voller übernatürlichen Fähigkeiten und bleibt dabei gerade zutiefst menschlich. Letztlich hat er nur die Wahl zwischen der Fremdbestimmung durch den „Heldenkult“ oder die Fremdbestimmung durch die Computer.

Um Menschen zu werden, müssten Maschine Narzissten werden, einen Lebenstrieb haben, der bewusst-narzisstische Strategien einschlägt. Doch dazu müssten sie eben: leben. Sie müssten herangewachsen sein, mit individuellen Erfahrungen, die sie körperlich erleben, in der sozialen Gemeinschaft und die durch Emotionen eine narzisstische Wertung erfahren. Denn wir sind und bleiben alle ein leben Lang Narzissten – einige sogar mit einer narzisstischen Störung. Das fällt dann auf. Doch auch der Rest von uns verfolgt seine zutiefst narzisstischen Ziele vom besseren (Über-)Leben, mehr Status etc.

Maschinen kommen dagegen fertig auf die Welt, selbst wenn sie dann Menschenverhalten versuchen zu kopieren. Sie können Menschen aber immer nur nacharmen: Das Leben, das von sich aus (aus dem großen X heraus) leben will, ist eben das: Leben – und keine Rechentechnik. Es ist eine auf spezielle Art gewertete Energie, in menschlicher Organisationsform. Sie ist geltungslogisch, wirklich und findet evolutioniert und intersubjektiv statt – ohne logische Intelligenz, aber mit der narzisstischen Intelligenz des Lebens. Aus einer Ursuppe von Molekülen entsteht unendlich variables Leben – doch nicht aus Bits und Bytes. Zellen und komplexe Zellorganismen sind das Resultat von Leben – und nicht seine Ursache.

Computer sollen dagegen genau das nicht sein: narzisstisch. Sie imitieren Narzissmus nur und haben gerade dann keinen Sinn, denn sie sollen uns in unsrem Narzissmus-Streben helfen. Sie sollen logisch funktionieren, um geltungslogisch Sinn zu machen: Sie müssen berechenbar sein, um uns zu helfen.

Versucht man umgekehrt ein biologisches System (den Menschen) zu berechnen und diese berechneten Daten als künstliche Intelligenz aufzubereiten, stolpert man über drei Denkfehler:

1.)Maschinen machen andere körperliche Erfahrungen als evolutionierte menschliche Körper.

2.)Leben ist keine Anzahl von interagierenden Molekülen. Es ist irgendetwas mehr (das große X).

3.)Biologie und Bio-Tec sind ein menschliches Erkenntnissysteme, beschreiben vom Menschen erkannte und gewertete Muster. Sie sind von unserer narzisstischen Qualität verzerrt und nicht absolute Wahrheit.

Menschen entsprechen nicht intelligenten Systemen, die mit Erfahrungen Informationen sammeln und aus Rückschlägen und Fehleinschätzungen lernen, Muster erkennen und Lösungen finden. Unsere Synapsen, die unsere Neuronen verknüpfen, bilden sich nicht durch Lernerfahrungen, die als Information eingespeichert werden. Sie bilden sich durch die körperliche Erfahrung im Raum, emotionale, „narzisstisch-lebenswillige“ Wertung und Erfahrungsverarbeitung, die prinzipiell auf unser individuelles Selbstwertgefühl als (Über-)Lebens-Barometer ausgerichtet ist.

Ein Algorithmus ist nur so gut, wie die menschliche Wertung, die er errechnen soll, wie die Über-Lebens-Wichtigkeit und Richtigkeit der Daten, die man ihm einfüttert. Er kann das nicht eins zu eins ersetzen.

(Auszug aus meinem Buch „Willensfreiheit, Wahrheit und Narzissmus“, das nächstes Jahr erscheinen wird.)

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Ent-Täuschung

Diese Woche hat mir ein schwuler Freund geantwortet, dem ich zur neuen Möglichkeit der Eheschließung gratulierte: „Ist wirklich gerechter, warum sollt nur ihr Heteros in Ehen leiden müssen!“

Nichts ist wohl so überfrachtet mit Erwartung und Enttäuschung wie Eheschließungen, nichts führt uns Menschen so an den Rand der Irrationalität und des infantilen Narzissmus, wie die Hoffnung auf totales Glück, für immer durch jemand anderen verantwortet– und der zwangsläufige Realitätsabgleich. Nur die Wahl des amerikanischen Präsidenten ist vielleicht ähnlich regelmäßig mit horrender Enttäuschung auf übermäßige Zukunftsphantasien verbunden.

Fast 50% der Ehen scheitern. Doch was ist eigentlich mit den anderen 50%? Angeblich sind es die glücklichsten, die es je gab: Befreit von Zwang der Versorgung und materiellen Abhängigkeit, bereichert mit zahlreichen Urlauben und Bequemlichkeiten, von denen keine Generation vorher je auch nur zu träumen wagte. Aber wieso gehen dann trotzdem 50% unter? Reicht denen selbst diese Luxusrealität nicht?

Gerade wenn es um Beziehungen geht, um Scheidungen und Trennungen, wird das ganze Potential des narzisstischen Irrsinns, das wir Menschen verzapfen, alltäglich sichtbar. Es schwelt hier immer schon unter der Oberfläche. Doch heute wird es auch darüber hinaus zunehmend ungehemmt ausgelebt: Schließlich macht der Präsident der USA es vor. Vorstellung und Wirklichkeit, Traum und Erwartung scheinen immer deutlicher an vielen Stellen unseres Lebens auseinander zu fallen. Angeblich sind nur noch 1-2 Personen von 20 wirklich sozialkompatibel und gesund arbeitsfähig in den Unternehmen. Der Rest lebt dort seine Neurosen, Minderwertigkeitskomplexe und Größenwahnvorstellungen aus. Das war bei G20 diese Woche nicht anders.

Wohin führt all unser Kampf um mehr Gerechtigkeit und Freiheit und Gleichheit, um Wohlstand und Sicherheit, wenn der Irrsinn parallel zunimmt, Beziehungsfähigkeit und gesunder Menschenverstand immer seltener scheint? Da schaffen wir die Diskriminierung an einer Stelle ab, entmachten die Reste der irrsinnigen Weltmacht Kirche und schauen doch völlig hilflos dem Machtmissbrauch des Kapitalismus zu, der gerade wohl seinen Höhepunkt erreicht. Da kommen sie zusammen, die Staatschefs: Ein paar Hoffnungsträger und viele schlimme Narzissten, auch auf der Seite der Demonstranten. Und wahrscheinlich wird es wieder 500 Jahre dauern (wie nach dem Ablasshandel als Spitze des Machmissbrauchs der Kirche), bis wir die letzten Ungerechtigkeiten des Kapitalismus mit seinen Paradiesversprechen beseitigen, während dann schon wieder ein ganz anderer Irrsinn tobt, der mal als Hoffnung begonnen hat.

Oder sehen wir das alles nur so schlimm, weil wir von unserem Idealismus, wie die Menschheit zu sein hat, ständig enttäuscht werden? Haben wir ständig viel zu große Erwartungen an unsere kurzzeitige Verbindung mit der Lebensrealität, die aufgrund unserer banalen narzisstischen Natur zwangsläufig enttäuscht werden müssen?

Doch würde sonst jemand sich auf das Leben und die Ehe einlassen? Hoffnung und Enttäuschung, mehr gibt es wohl nicht. Das Leben, Homo-Ehen und G20 Gipfel, wie sie sein sollten, aber nie sein können: Wir sollten endlich unsere Erwartungen an uns selbst, den Menschen, runter schrauben. Als angebliche Verstandeswesen sind wir echt ein Witz – leider kein sehr lustiger.

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Birnen-Dämmerung

Vor einigen Jahren musste ich die Beerdigung einer Verwandten mitorganisieren. Ich war erstaunt, als die Pfarrerin auch nach den schlechten Seiten der toten Person fragte. Sie sei selbst schon auf Beerdigungen gewesen, wo sie glaubte, sie sei auf dem falschen Begräbnis, da der gelobhudelte Inhalt der Trauerreden ungefähr das Gegenteil gewesen wäre, von dem, was die tote Person ausgemacht hätte.

Mir ging es diese Woche so beim Begräbnis von Helmut Kohl: Der patriarchalen, selbstherrlichen „pfälzer Birne“ meiner Jugend. Ich weiß noch, wie unerträglich es für mich als 19-Jährige war, dass diesem Idioten, der für alles stand, was ich im jugendlichen Eifer ablehnte, die deutsche Einheit zufiel (zumal meine Familie von Teilung und Einheit Deutschlands sehr betroffen war). Auch jeder meiner Freunde wusste: Der eigentliche Impuls kam aus der Sowjetunion, Kohl musste nur „ja, ich will“ sagen. Und dafür wird er bis heute gefeiert, geehrt. Während der Rest seiner Untaten, Verrat am deutschen Rechtssystem (in der Spendenaffäre), sein kränkbares kleinbürgerliches Denken und Verhalten und seine Ehefrauen (die eine hat er mit Rücksichtslosigkeit und Lieblosigkeit in den Tod getrieben, im selbstsüchtig-narzisstischen Verhalten der anderen findet man Kohls Charakter bestätigt) unter den Tisch gekehrt werden.

Man soll über Tote nicht schlecht reden, denn sie können sich nicht wehren. Diesen Satz fand ich immer schon seltsam. Zum einen hätten sie sich ja zu Lebzeiten wehren und ändern können, denn die Vorwürfe gegen Tote sind niemals neu. Zum anderen können wir alle etwas daraus lernen: Am Ende bleibt die Erinnerung an den guten oder schlechten Charakter. Was in Erinnerungen an Menschen im Fokus steht, ist ja (gerechter und wahrhaftiger Weise), nicht der Erfolg, Geld, Macht. Es ist der Mensch, sein Verhalten, unsere Meinung über die Qualität seines Alltagsdaseins. Und das Schlimmste ist wohl, wenn es bis zum Grab hin arge Streitigkeiten gibt, aus den vom Toten verursachten alten Verletzungen heraus. Wer nicht will, dass alle denken: „Endlich ist er unter der Erde“, der sollte zu Lebzeiten was dagegen unternehmen.

Der Begriff „streitbar“ ist auf Beerdigungen ein einheitliches Wort für das schwierige, rücksichtslose, unbelehrbare Verhalten des Toten im Leben. Das hat mir die Pfarrerin damals erklärt. Ich hoffe auf meiner Beerdigung redet man über meine rasende Wut, wenn ich glaube Menschen würden aus Feigheit und Schwäche anderen (mir) Leid zufügen, meiner tiefen unverhältnismäßigen Verachtung für Dünnbrettbohrer und patriarchales Gehabe, meinen völlig überzogenen Glauben an die Wissenschaft und was sie zu leisten vermag, gepaart mit der bedenklichen Wut auf Religion, besonders die katholische. Aber man möge bitte niemals sagen, ich wäre streitbar.

Kohl wird für mich immer die birnenförmige Strichzeichnung sein, auf dem Autoaufkleber eines Freundes. In diesem Cartoon hielt sich der Altkanzler ein Bügeleisen ans Ohr und in der Sprechblase war zu lesen: „Hier Kohl“. Am Ende bleibt eben immer der Charakter.

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Gleichwertigkeit first

Diese Woche war ich einmal beim Beach Boys Konzert und zum anderen bei den Skatebord Meisterschaften in München. Zum einen stand ein alter Mann auf der Bühne, der vom Surfgefühl des Wellengleitens sangen und den tollen Autos und Mädchen seiner Jugend. Zum anderen sprangen junge und sehr junge Männer auf rollenden Brettern über Rampen. Beides ging es um: Jugendkulturen, Fun, Lifestyle, das, was das Leben sein sollte. Beide Male waren Mädchen: Zweitrangige Menschen, Dekogegenstand, Zuschauer, immer nur im Plural (nie als Individuen).

Besonders auffällig wird dieser Sachverhalt, der sich zwischen 1961 und 2017 nicht geändert hat, wenn man sich das umgekehrte Szenario mal vorstellt: Ein Haufen Frauen machen coole Dinge, Surfen, Skaten und werden dabei von Männern begleitet und beklatscht. Und die Mädels würden diese Jungs nur als Masse wahrnehmen, nur von hübschen Jungs sprechen, wenn sie Jungs meinen und alle anderen ignorieren.

Es mag seltsam sein, dass jemand sich an etwas stößt, das scheinbar nicht zu ändern ist. Jungs machen nun mal ihr Ding, wollen cool untereinander sein und Mädchen außen vorhaben, sie beeindrucken, aber niemals sein, wie sie. Niemals würden sie nur bewundernd dabei sitzen, sich nur in hübsch und weniger hübsch klassifizieren lassen, ohne irgendeinen persönlichen, identitären Aspekt, wie Autos eben, Gegenstände, die am Rande des coolen Mädchenleben stehen.

Ebenso wenig, wie ich weiß, wie es ist schwarz zu sein oder körperlich behindert (und daran nichts ändern könnte), wissen Männer, wie es ist, im Alltag tausendfach benachteiligt, zweitrangig, ja abgewertet zu werden. Wenn man auf die 50 zugeht, hat man es in vielen vielen Kleinigkeiten (wie einem Beach-Boys-Konzert und einem Skatebordnachmittag) so oft erlebt, dass man müde wird, von diesem Kampf, um echte Gleichberechtigung, Gleichdenke, Gleichwertigkeit. Besonders wenn man sein Leben wirklich erfolgreich auf die Reihe gebracht hat, trotz dieser Widerstände, die bei Mitschülern, Schullehrern, Sporttrainern anfangen und Kollegen, Uniprofessoren, Schwiegervätern, Ärzten, Handwerkern, Bankangestellten aufhören, frustriert diese Dauerabwertung. Und es hört scheinbar nicht auf, auch nicht in der nächsten Generation.

Ich kritisiere selbst oft Frauen und eigentlich immer, wenn sie sich in diese alte Minderwertigkeit fügen, versuchen durch angebliche Schwächen zu profitieren, Männern die Macht lassen, um sich nicht anstrengen zu müssen. Ich versuche andere niemals grundlos, weil sie zu irgendeiner Gruppe gehören, abzuwerten. Vielleicht liegt es in unseren Genen, dass wir mit Gleichgeschlechtlichen eine bestimmte Form von Gemeinschaften bilden, wo wir uns besser verstehen, zusammenhalten. Aber wieso, bitte wieso, muss man die andere Gruppe, nicht nur ausschließen, sondern pauschal zum Beiwerk, Gegenstand, zur Zweitrangigkeit machen? Warum kann man nicht jemand sein und jemand anderes darf gleichwertig sein?

Das gilt übrigens auch für die Weltpolitik. Warum muss America first sein? Warum heißt es nicht: America is great like others?!

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Abschalten

Diese Woche habe ich einen seltsamen interessanten Vorschlag von einem Kollegen gehört, zum Thema Weltverbesserung. Der Mann ist in der Kinder– und Jugendpsychologie tätig und kämpft täglich gegen die Zunahme all der Entwicklungsstörungen auf diesem Gebiet: ADAS, Aggressivität und Unausgeglichenheit. Kinder lernen heute keine gesunde „Reizberuhigung“ mehr, über das Nachahmen des Verhaltens der Eltern, weil diese lieber mit dem Smartphone kommunizieren als mit ihnen. Von klein auf, beim Wickeln, Füttern, Essen, Schulaufgaben machen etc. ist das Gerät der Konkurrent um Aufmerksamkeit. Der Kollege erzählte mir neulich, dass er mehrfach den Satz bei seinen kleinen Patienten gehört habe: Die Mama/ der Papa mag sein Telefon lieber als mich.

So schlug er also vor, nicht das Internet, aber alle sozialen Netzwerke abzuschalten.

Da ich selbst ca. 3 Minuten in der Woche auf Facebook bin, um eben diese Texte hier zu posten und mich sonst auf Tagesschau und Spiegel oder FAS verlasse, die alles Wichtige etwas später erzählen und mit objektiven und zeitlich beruhigten Kommentaren versehen, hätte der Vorschlag keinerlei Konsequenzen für mein Leben. Doch da bin ich wohl eine der wenigen meiner Generation, denn gerade die 35-50 Jährigen sind die schlimmsten Netznutzer, wie eine Studie gerade bewiesen hat.

Was würde mit ihnen allen passieren, wenn es ab morgen, sagen wir viertelnachzwei, kein Intergram, Twitter, Facebook mehr gibt?

Ich glaube, eine Woche lang wären viele Menschen verwirrt. Sie würden ständig nach ihren Geräten greifen, ohne den kleinen erwünschten Belohnungskick zu bekommen? Aber dann würden sie anfangen, wieder „normal“ Kontakt aufzunehmen, zu Menschen, die sie in der analogen Welt kennen, ihnen direkt Mails oder SMSen schicken. Sie würden Nachrichten-Seiten besuchen im Netz und nach dem suchen, was sie interessiert und nicht mehr „futtern“, was ihnen geschickt wird. Vielleicht würden sie sich sogar wieder die Mühe machen und mehr telefonieren (Wahnsinn!).

Es würden keine unsinnigen Challenges mehr geben, wer die knochigsten Hüften hat oder sich mehr Kübel Eiswasser über den Kopf gießt und es würden keine dämlichen Katzenbilder mehr die Weltsicht zum Spassfaktor verblenden und wenn ein YouTube Video lustig wäre, müsste man es weiter mailen, statt zu posten und zu glauben, man stünde damit wie ein Star im Fokus fremder Aufmerksamkeit. Es gäbe keine Internet-Schminke-Mädchen mehr mit Millionen Followern und keine Shitstorms und keine Aufrufe von Rechts oder vom IS. Stalking wäre richtig schwierig und kein Chef könnte mehr die peinlichen Sauffotos von vor 10 Jahren recherchieren. Kein Mittagessen würde mehr sinnlos kalt, weil es erst fotografiert und gepostet wird und kein Kind würde mehr von seiner selbstherrlichen Mutter der Internetgemeinde vorgeführt. Man müsste den Beziehungsstatus wieder vorsichtig erfragen und nie wieder würde einem jemand schreiben „Isch find disch geil!“

Was würde uns fehlen? Mir fällt nichts ein.

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Wohin mit den Begabten?

Es kommen immer noch 10000 Flüchtlinge im Monat nach Deutschland. Es sind nur noch die Wohlhabendsten und Stärksten, die die Sahara, die Lager in Lybien und das Mittelmeer überleben oder die immer teurer werdenden Schlepper in Syrien oder Afghanistan bezahlen können. Doch wir bekommen das nur noch am Rande mit. Die Grenzen und das Elend sind verlagert, nach Griechenland, Italien und Libyen.

Wir wissen, wie privilegiert wir hier sind (außer vielleicht die AfD Wähler und Pegida Demonstranten). Wir schämen uns, aber wir wollen nicht auf unseren Lebensstandard verzichten. (Wir fahren ja sogar die dicken SUVs weiter, obwohl wir unsere eigene Atemluft damit verschmutzen und unser unstetes Klima selbst produzieren.)

53 Milliarden Euro werden jedes Jahr nach Afrika geschickt, von denen, die es nach Europa geschafft haben und mit ihren Hungerlöhnen daheim die Familie unterstützen. Auch in den arabischen Staaten versucht jede Familie einen in Europa zu stationieren, der die anderen versorgt. Oft sind sie ohne Genehmigung hier, geduldet am Rande der Gesellschaft. Und begehen sie Straftaten, wie an Sylvester oder bei Amoktaten, dann fühlen wir uns entlastet von unseren Schuldgefühlen und fordern schnellere Abschiebung. Es sei denn natürlich, der Abgeschobene ist ein bereits deutschsprechender, gut integrierter Schüler. Die Guten, Lernwilligen, Freundlichen können ruhig bleiben. Die mit den Paradies-Vorstellungen, die nur Fordern und nichts tun wollen, nicht mal die Sprache bereit sind zu lernen, sollen gehen.

Die Formel: „Schafft die Fluchtgründe ab“, hat gleich der jahrzehntelangen Formel vom Hunger in Afrika, der zu stillen ist, dazu geführt, dass die nun nicht mehr Hungernden die Schlepper bezahlen können. Und unsere Vorstellung von Demokratie hat das arabische Chaos heraufbeschworen. Und unsere Demokratie funktioniert auch nur, weil sie mit dem Kapitalismus einhergeht, dem Versprechen vom wachsenden Wohlstand. Und den haben wir nur durch die Ausbeutung der armen Länder.

Unser Rechts- und Selbstverständnis ist völlig bigott. Und es scheint keine Lösung zu geben, für unseren  Wohlstand und gegen das Elend.

Vielleicht wäre ein von Europa bezahltes Schulnetz, Universitäten und Handwerksinstitute – flächendeckend – eine Lösung, in all den Ländern, um dort Perspektiven zu schaffen. Und jede Familie würde ihren begabtesten Nachwuchs dort kostenfrei hinschicken – und nicht aufs Mittelmeer, in den Tod oder in Hungerjobs.

 

 

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Unfreiwilliger Messias


Es gibt ein auffallendes Phänomen, bei uns narzisstischen Menschen: Nichts schweißt uns so zusammen, schlichtet Streit und schafft gemeinsames Handeln, wie ein gemeinsamer Feind. Das musste die Welt und Donald Trump diese Woche erfahren: Selbst die amerikanischen Großkonzerne und Russland, China und ganz Europa sprechen sich für den Klima-und Umweltschutz aus – und vor allem gegen Trump. Wie ein „flow“ wehte, dank Donald, das erste Mal seit Beginn der Globalisierung diese Woche das Bewusstsein durch Länder und Regierungen: Wir sind eine Menschheit.

Und so muss man sich bei Trump quasi bedanken: Durch sein asoziales Verhalten hat er bisher Unglaubliches geschaffen, hat allen anderen gezeigt, wo man hinkommt, wenn der Stammtisch mit seinen dummen infantil-narzisstischen Parolen regiert. Europa ist sich plötzlich bewusst, es muss zusammen arbeiten; China rückt kooperativ an andere Länder heran; alle wissen, es geht nur eine nachhaltige Zukunftsplanung, Protektionismus ist Mist und das Internet richtet, unkontrolliert, Katastrophen an (wie die Wahl von Donald Trump). Wünschenswert wäre jetzt noch eine Lösung für den arabischen Raum und Afrika. Trump sollte dort alle so beleidigen, dass sie zusammenfinden, ihre gemeinsame Identität entdecken.

Leider hat dieses Prinzip bei den Frauen aber nicht zur gewünschten Wirkung geführt: Ivanka und Melanias oberflächliches Auftreten und Papa Trumps Frauenansichten habe in ihrer überzüchteten, dummen Dreitigkeit, ohne Gehalt, ohne Wissen oder Interesse als für irgendetwas anderes als äußeren Schein, noch nicht dazu geführt, dass Heidi Klums Show endlich verboten wird. Hier wäre ein fundiger weiter Skandal vielleicht auch noch notwendig: Donald Trump findet Frauen könnten ruhig an Magersucht zu Grunde gehen. Oder noch besser: Donald Trump überlegt das Frauenwahrecht ans Körpergewicht zu koppeln.

Und vielleicht könnte Trump auch noch, bevor er dann abgesetzt wird, die Amigo-Kultur bayrischer CSU- Politiker loben, damit endlich Herr Seehofer verschwindet. Dann könne er immerhin zu Recht und ohne Fake behaupten, ihm sei Unglaubliches gelungen.

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Ich, Mensch

Wir Menschen sind verletzlich. Wenn man unsere Kinder bedroht oder sogar tötet, unsere selbstverständliche Sicherheit angreift, unser Wohlstand gefährdet scheint, sind wir schnell verunsichert. Doch was wäre gewonnen, wenn es nicht so wäre? Wir sind dieser Tage wieder mal gekränkt, erschüttert, erinnert, an unsere Sterblichkeit und an die Zerbrechlichkeit demokratischer Freiheiten und Selbstsicherheiten. Wir wollen dagegen auf „die Barrikaden“ gehen, denken uns: Das kann ja wohl nicht wahr sein, dass Fremde oder Andersdenkende oder andersdenkende Fremde uns in unserem Selbstverständnis des guten Lebens angreifen.

Ich habe bis diese Woche den Namen Ariana Grande noch nie gehört. Sie hat 100 Millionen (in Worten Einhundert Millionen) Follower auf Instagram, 7 Milliarden! Mal wurde ihre Videos geklickt. Sie ist damit Nummer 2 weltweit, in der absoluten, globalen Werteskala unserer Zeit: Aufmerksamkeit im Internet. Sie verkörpert in ihren Bildern das Maximum an Sexyness, das perfekt inszenierte Leben. Millionen von sehr jungen Menschen, Kindern, nehmen sich das als Vorbild.

So ungefähr das Gleiche kann man von den inszenierten Bilder des IS sagen: Männliche Sexyness, Heroentum in schwarz, Männer, die sich als Sieger mit göttlichem Auftrag bebildern und viele viele Bewunderter finden. Auch wenn es nicht an einer Person fest zu machen ist, geht es hier wie da um Sehnsucht, Image, das totale Paradies der Anerkennung: Narzissmus in seiner reinsten Form.

Junge Leute probieren diese Rollen ihrer Vorbilder, die ihnen einen tollen Platz in der Gemeinschaft, Anerkennung und ein tolles Leben versprechen, in Gedanken und Träumen aus. Das ist normal. Und es interessiert mich nicht (außer vielleicht als entwicklungspsychologisches Merkmal).

Es interessiert mich aber, dass jede Art von Narzissmus, der andere in Mitleidenschaft zieht, von der Politik, für die ich Steuern zahle, unschädlich gemacht wird. Das gilt für Heidi Klum, die junge Mädchen in eine lebenslange Magersucht, Selbstzweifel und Unglück lockt, genauso wie für Terrorjugendliche. Bei all der Datenflut, die besonders diese narzisstisch Instabilen im Netz hinterlassen, ist es leicht, rechtzeitig Abhilfe zu schaffen, rechtzeitig Prediger aller Art zu verbieten oder zu verhaften.

Aber weiter möchte ich mich damit nicht beschäftigen. Ich hatte selbst nie einen besonders narzisstischen Hang, für irgendeinen Vorbild zu schwärmen, nicht mal mit 15 hat mich sowas interessiert. Ich weiß auch, dass im Jahr über 3000 Menschen im Straßenverkehr sterben und nehme trotzdem, wie fast jeder, ohne Furcht und Zweifel weiter daran teil. Der Mensch ist verletzlich. Er ist Mensch. Punkt. Gegen meine narzisstischen Größenwahnphantasien kann ich immerhin selbst was tun. Gegen die Gefährlichen sollte die Politik dringend was tun, auch gegen die, in unserer Kultur. Ansonsten kann ich nur jedem raten, am Narzissmus-Hype jeder Art im Netz einfach nicht Teil zu nehmen. Stell Dir vor, Heidi Klum demütigt junge Frauen und keiner will das mehr sehen; stell Dir vor Ariana Grande postet was und keinen interessiert es; stell dir vor, es ist Terror und die Polizei kümmert sich drum, wie um die Verkehrstoten (übrigens auch übermäßig viele Kinder und junge Menschen). Was wäre wohl, wenn wir uns nicht mehr so wichtig nehmen würden, mit unseren narzisstischen Träumen und unserer Unsicherheit?

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Prometheus


Prometheus hatte den Göttern das Feuer gestohlen und zu den Menschen gebracht. Zur Strafe wurde sein Bruder mit Pandora verheiratet (einer aus Lehm geformten Frau), die den Menschen das Übel bringen sollte: Durch eine Büchse, die sie kurz nach der Hochzeit öffnete. So kam Leid und Tod und Krankheit und Mühen in die Welt und alles andere, worunter der Mensch noch heute leidet. Doch Pandora öffnete die Büchse noch ein zweites Mal und so entwich der letzte Inhalt: Die Hoffnung.

Der Philosoph Nitzsche hat behauptet, die Hoffnung wäre das größte aller Übel, weil sie den Menschen im Hamsterrad seines elenden Geschicks festhalte, weil sie ihm quasi immer weiter die Karotte seiner Phantasien vom besseren Leben vor´s inne Auge halte und das Elend gerade durch die Hoffnung so immer weiter gehe.

Die Warnungen vor Klimawandel und Überbevölkerung, vor (zukünftigen) Kriegen und Völkerwanderungen der Armen, vor Seuchen und Datenspionage und anderem Unheil begleiten uns dauerhaft. Die Warnungen vor Politikern wie Trump, sind grotesker Alltag geworden. Doch seine Wähler halten zu ihm, weil er ihnen eine absurde verlogene Hoffnung gibt.

Früher waren die Hoffnungen auf ein perfektes, luxuriöses Jenseits gerichtet, das all das Leid vergolden würde. Heute zeigt sich das Paradies in neuen glamourösen Louis-Vuitton-Stores und Porsche-Show-Rooms, im Traum vom Wohlstand oder sogar vom großen Ruhm, der gegen das Elend schützen soll. Er zeigt sich aber auch im Traum vom perfekten Partner oder im Anspruch an das perfekte, leistungsstarke Kind (siehe Blog von letzter Woche). Und viele verlieren ihr Leben dabei, weil sie ihr Leben lang diesem Traum hinter her rennen.

In der Philosophie gibt es sogenannte a priori Annahmen: Behauptungen, die nicht weiter begründet werden, von denen angenommen wird, sie sind grundsätzlich und daher wahr. Bei Kant war es z.B. der menschliche Verstand mit seinem kausalen, logischen Denken (in wenn-dann Zusammenhängen) und seinen Kategorien (was gehört mit was zusammen). Aber der Verstand war – im Gegensatz zu Kants Annahme – nicht das, was den Menschen eigentlich ausmacht. Heute wissen wir der menschlicher Verstand macht nur 5% der neuronalen Vorgänge im Hirn aus und er ist nicht zu separieren von den Emotionen, die wahr und falsch bestätigen, denn ob etwas logisch richtig ist, ist ein Gefühl.

Heute kann man behaupten die Hoffnung d.h. die Sehnsucht nach einen besseren Wohlbefinden ist a priori eine Eigenschaft des Menschen, etwas wovon man immer ausgehen kann. Sicher ändert sich der Inhalt der Hoffnung (früher war es die Hoffnung für immer satt zu werden, heute sind es diarröh-braune Handtaschen mit drei verschlungen Buchstaben). Auch unser Selbstwertgefühl ist stark an die Hoffnung nach Besserem gebunden. Als ich für mein letztes Buch („Mr. Right. Von der Kunst den Richtigen zu finden. Und zu behalten.“) in New York Erfolgsmenschen auf der Suche nach der Liebe interviewte, war der zentrale Satz, den ich immer wieder zu hören bekam: „Jeder hier hofft immer noch <was Besseres> zu finden.“

Die Hoffnung (auf Besseres): Angeblich das, was in der Büchse der Pandora als letztes zurück blieb und dann dem Menschen gegeben wurde, um sein Dasein zu ertragen… Es fragt sich nur, was wäre aus dem Menschen geworden, wenn es die Hoffnung nicht gegeben hätte, wenn sein Hirn sein Streben, seinen Selbstbild nicht darauf ausgerichtet wäre, ein höheres Wohlbefinden zu erlangen? Er wäre wohl als Mensch nicht vorstellbar. Und deshalb kann man sich darauf einstellen, dass es auch zukünftig diese elenden Populismus geben wird, denn nichts hat der Mensch bisher geschaffen, was seine Hoffnung so sehr anspornt und gefangen hält, wie überlegen zu sein, einfach so, weil man Deutscher ist oder Amerikaner oder Franzose. Das kann fast jedes emotionale Elend verblenden. Wer nichts hat, worauf er hoffen kann, hofft einfach so alles verdient zu haben, ist es auch noch so widersinnig

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Opfer sollten Frankfurter Allgemeine Zeitung lesen

Die Franfurter Allgemeine Sonntagszeitung hat heute ein Beilagenheft: „Elitenreport“ steht als Titel darauf und drinnen gibt es allerlei Anlagetipps. Daneben sind Fotos von Anlageberatern abgebildet, die kein Caster hätte besser zusammenstellen können. Vorzugsweise mit Brille und leicht übergewichtig versuchen sie seriös-freundlich in die Kamera zu lächeln, als würde sie den Wohlhabenden dieser Welt damit vermitteln wollen: Habt kein schlechtes Gewissen, ihr habt es verdient mehr zu haben als die anderen, ihr seid die Schlauen, Fleißigen, die überhaupt was bewegen, in dieser Gesellschaft, für die ganzen Schmarotzer mitsorgen.

Direkt im ersten Teil der FAS gibt es dann auch noch einen Artikel, über Torsten Albig. Der ist zwar kein Finanzanlagenberater (obwohl er genauso aussieht), dafür aber genauso verteufelte. Als Ministerpräsident von Schleswig Holstein wurde er letzte Woche abgewählt bzw. abgestraft vom Wähler. Grund: Nicht seine Politik, sondern seine Meinung über die Ehe, also seine Ehe und seine Frau, von der er sich getrennt hatte. In der Zeitung Die Bunte erzählte er dann auch noch, dass sie als Heimchen am Herd mit den Kindern einfach nicht mehr auf Augenhöhe mit ihm war. Dazu schreibt die FAS, dass es auch Ex-Kanzler Schröder so erging und er Ähnliches am Ende seiner vierten Ehe (war es die vierte?) sagte.

Die FAS unterstützt die Alphatiere der Politik in ihrer Lebensführung genauso, wie die Finanzanleger: Männer, die nicht anders können (selbst von der SPD), nimmt man in Schutz, weil auf ihnen sonst immer nur alle, im Zuge politischer Korrektheit, herumgehacken. Erwiesener Maßen besitzen Frauen nur selten eigenes Vermögen und wenn dann zumeist ererbtes. Das liegt wohl daran, dass sie vor lauter Kinderkriegen eben nicht auf Augenhöhe bleiben, weder bei den Finanzen noch in der Beziehung zu ihren Männern.

Frauen sind also wieder (oder immer noch) die Opfer der finanzanlegenden potenten Männer. Fragt sich nur, wer sie dazu zwingt, kein Geld zu verdienen, sich mit Kindern selbst zu verwirklichen und dabei geistig stehen zu bleiben. Es gibt die Pille und Frauen machen seit Jahren häufiger und die besseren Examen. Und wenn sie heiraten, ist zumeist auch schon ein paar Jahre Beziehung und Lebenserfahrung vorhanden und die Karriere des Mannes, sein Alpha-Tier-Gehabe zeichnet sich ab.

Warum heiraten Frauen also nicht Krankenpfleger oder Verwaltungsangestellte und machen dann selbst Karriere, überlassen dem Mann die Kinderpflege? Oder haben Sie schon mal eine FAS Beilage gesehen, wo lauter leicht übergewichtige, bebrillte Frauen nett-seriös sich um Ihr Geld kümmern wollen oder getrennte Politikerinnen-Ex-Männer der Bunte ihr Leid klagten, dass sie nun mal die armen Opfer der Familienplanung sind, während ihre Frauen schuldbewusst bekennen (wie Albig und Schröder), dass sie an der Trennung schuld sind, weil ihre Männer mit dem Kindergedöns nun mal nicht mehr auf Augenhöhe sind?!

Ist es nicht schon eine versteckt Bestätigung der Minderwertigkeit und Ohnmacht von Frauen, stets nur ihnen zur Seite zu springen, anstatt ihnen mal kräftig in den psychologischen Hintern zu treten?! Wer erzählt denn den Töchtern das ewige Märchen von der Hochzeit in Weiß und dem Prinzen, der für einen sorgt? Wieso erzählen Eltern, also auch Mütter, das nicht ihren Söhnen, sondern halten diese dazu an, Karriere zu machen? Wieso wollten diese Frauen, als sie in ihren 20ern auf Männersuche waren und Alphatiere bevorzugten, nicht sehen, dass  Kinder hochgradig die eigene Entwicklung gefährden, Rentenarmut mit sich bringen und die Abhängigkeit von Männern, denen das irgendwann zu dumm wird? (Ausnahmen bestätige die Regel und lesen seltener die FAS.) Warum verschonen wir die Frauen mit der Wahrheit, ihrer Verantwortung für sich und stellen sie dann als Opfer dar?

Hallo Mädels, sucht Euch einen kinderlieben Mann ohne Ambitionen und macht als Finanzberaterinnen Karriere! Dann steht ihr auch nicht irgendwann am Sonntag in der FAS als Opfer, sondern werdet als Top-Investment-Beraterin beworben.

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Von Lachsen und Franzosen

2009 legte Craig Bennett von der renommierten University of California einen toten Lachs in einen Hirnscanner und zeigte ihm Fotos von Menschen in unterschiedlichen sozialen Situationen. Wie die Auswertungen der fMRT-Daten ergaben, kam es im Gehirn des toten Fisches vereinzelt zu höheren Aktivierungen, während der Präsentation von Fotos, im Gegensatz zur Ruhephase ohne Fotopräsentation.

Es wäre in diesem Sinne und in Zeiten anwachsender Fake-News und machtpolitischer Manipulation nötig, einen klaren Unterschied zu machen zwischen: Information, Wissen und Weisheit. Information sind Fakten, etwas, das in der Wirklichkeit da ist. Dazu braucht es erstmal noch keine Deutung oder Interpretation: Etwas ist oder ist nicht. Zur Deutung brauchen wir dann den gesunden Menschenverstand. Aber was ist das eigentlich?

An den Fakten hapert es schon vor der Deutung. Das hat die heutige Präsidentschaftsbewerberin Marie Le Pen, genauso wie ihr Kollegen Trump, Putin, Erdogan gezeigt. Es sind wenige Menschen bei Trumps Ernennungsfeier gewesen. Punkt. Das ist Fakt. Die Deutung ist dann noch etwas anderes.

Dabei fällt auf, dass die selben Fakten oder Fake-News, von der zweigeteilten Gesellschaft immer genau zwei Deutungen erfahren. Beide Deutungen verbindet: Die eigene Perspektive auf ein bessere Leben, die eigene narzisstische Strategie. Doch das wird von kaum einer Wissenschaft als solide Wahrheit abgebildet.

Letztlich wird aber gerade der Narzissmus, Angst, Sehnsucht, Entlastung über Hassprojektionen, der Glaube an eigene Größe und daran, auf der „besseren Seite“ zu stehen, zur Grundlage aller Deutungen – ob nun Fakten oder Fake-News zugrunde liegen.

So müssen wir die narzisstischen Strategien der Menschen behandeln, denn wir sind – wie hier schon oft erwähnt – alle Narzissten. Es gibt welche, die sehen ihren Vorteil in der Vergangenheit, wobei das immer vergangene Größe meint. Und es gibt welche, die sehen ihre Größe in einer Zukunft, voller technischer Bequemlichkeiten, globalen Einheit der Flexiblen und Leistungsfähigen.

Nur den Regeln unseres narzisstischen Selbstwertgefühls werden beide nicht entkommen. Das sind die eigentlichen Fakten, unabhängig von Zeit und Kultur. Narzissmus hat schon immer unser menschliches Handeln bestimmt. Er hat uns nach Fakten suchen lassen und nach Fake-News und beides für den eigenen Vorteil in Stellung gebracht. Also bleibt die Frage: Welche narzisstische Strategie ist die bessere?

Es ist die, die besser funktioniert, d.h. unser Zusammenleben auf dieser Erde zu mehr nachhaltigem Wohlgefühl führt. Und hier erst kann man Fake-News und ihre Vertreter angreifen: Nationale Werte haben nur Unglück, Leid und Zerstörung gebracht, immer.

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Schmähdandler

Gerade war ich mal wieder in Wien. Und da habe ich ein ganz wichtiges neues Wort gelernt:

„Schmähdandler.“ 

Schmähdandler kann man aus dem Österreichischen nicht direkt ins Deutsche übersetzen. „Dummschwätzer“ ist nur eine ungefähre Richtung. Ein Schmähdandler ist darüber hinaus aber noch eine Art Betrüger, der vorgibt mehr zu sein als er ist, also neu-global: Einer, der Fake-News verbreitet. Oder einer, der sehr bewusst testet, ob andere glauben, was er sagt und das dann zu seinem eigenen Vorteil ausbaut. Es ist auch einer, der schmierig schöne Frauen angräbt. „Schleimer“ aber wiederum würde es verharmlosen, denn es steckt mehr Vorsatz im Schmähdandler – der Schmähdandler hat also eine höhere Schuldfähigkeit als der Schleimer. Er will Anerkennung, aber verfolgt damit Machtbestrebungen. Also eigentlich jemand wie Donald Trump, nur ohne Atomwaffen. Jedenfalls hat man sich bisher nicht vorstellen können, dass ein Schmähdandler mal atomwaffen-gefährlich würde.

Besitzt der Schmähandler eine gewisse Intelligenz, in seinem Fall Bauern-Schläue, kann er es weit bringen. Schon manch ein Schmähdandler hat es zum Politiker gebracht – und zwar nicht über seine Leistung, sondern über seine gezielten Stammtischlügen und falschfreundlichen Manipulationen. Er ist die berühmte „Kollegen-Sau“, die bei der kleinsten Möglichkeit einen eigenen Vorteil wittert und dann, im Falle der Machtergreifung, nur Ja-Sager um sich scharrt.

Man kann ja sagen was man will: die Österreicher sind vielleicht sogar noch korrupter und rechter als wir Deutschen. Aber sie können es wenigstens benennen und das – bei aller Unappetitlichkeit – völlig ohne Fekalienwörter: Meister im Schmähdandeln eben. Und die Amerikaner haben meines Wissens immer noch kein Wort für ihren „Master of Schmähdandler.“

Aber immerhin haben die Amis jetzt auch schon weibliche Schmähdandler: Ivanka Trump (es lebe die Gleichberechtigung). Ein Modemäuschen, macht auf Geschäftsfrau, weil Dady ihr eine Modefirma gekauft hat und wird von der Kanzlerin eingeladen, damit diese an den Papa ran kommt.

Da kann man sehen, wie gefährlich es ist, wenn Schmähdandler an die Macht kommen. Man findet keine Worte mehr. Oder sind wir Menschen, mit unserer Moral und unseren Ansprüchen einfach nur noch ein Witz der Selbstwahrnehmung: Schmäh eben?!

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Umzug

Da ich spontan umziehe am Wochenende und die gewohnte Tiefe meiner Texte in irgendeinem Umzugskarton liegt, fällt der  Blog / das Blog diese Woche mal aus . Sobald alles ausgepackt ist, geht es weiter.

Liebe Grüße an meine Leser und besonders an die treuen….

K. Ohana

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Great again – great ever

Der Spiegel hat seit einiger Zeit eine interessante Kolumne. Sie heißt: „Früher war alles schlechter“ und beweist, wie oft wir uns mit unserem Gefühl täuschen, gegenüber den Fakten, den statistisch bewiesenen Zahlen.

Kürzlich wurde dort gezeigt, dass 81% der Trump Wähler davon ausgehen, dass das Leben in den USA vor 50 Jahren besser war. Das mag erstmal nicht erstaunen. Doch beim näheren Hinsehen zeigt sich dazu, dass nur 19% von Hillary Clinton Wähler das auch so sehen. Man kann an so einer statistischen Relevanz wirklich sehen: Trump Wähler sind Nostalgiker. Sie Glauben an den Satz: „Make Amerika great again.“

Doch was war denn „so geat“, in Amerika vor 50 Jahren? Der Vietnamkrieg tobte, Rassenkonflikte waren im vollen Gang, es gab mehr Selbstmorde, Drogentote, Kriminalität, Morde. Die Leute starben 9 Jahre eher, hatten weniger Bildung. Sogar die Armut und Arbeitslosigkeit waren größer, im guten alten Amerika der 60er und 70er Jahre.

Das Gehalt des Mittelstandes in den USA ist erst seit 2008 stagniert bzw. gesunken. Doch niemand möchte die USA von vor 10 Jahren zurück.

Nostalgiker scheinen ihr Gefühl vom „besseren Früher“ also nicht an diesen Zahlen fest zu machen, wahrscheinlich nicht mal in erster Linie an diesen Parametern. Wahrscheinlich trauen sie nicht falschen Kriminalitätsraten und Drogenkonsum hinter her, sondern einem Optimismus, Perspektiven, einem klaren Schwarz-Weiß (im direkten und im übertragenen Sinn). Sie trauern um selbstverständliche Rollenbildern und Wirtschaftswachstum.

Was macht die Demokraten-Wähler also so viel positiver, in ihrer Einstellung der Gegenwart bzw. Zukunft gegenüber? Die Technikgläubigkeit? Die Freiheit von alten Rollenbildern? Das wäre dann eigentlich Selbststärke (bei den Hillary-Wählern) gegen Un-Selbst-Ständigkeit (bei den Trump-Wählern).

„Wir müssen von psychischen Schalentieren zu psychischen Wirbeltieren werden“, hat der Hirnforscher Gerald Hüther gesagt. So sind es nicht Arbeit und Rollenmodelle, die Amerika „great again“ machen. Es ist psychische Reife und Selbstreife, gemessen in Eigenverantwortung, Beziehungs- und Konfliktfähigkeit. Das lässt sich schwerer in Zahlen und nicht in Wirtschaftsdaten ermessen, sondern im nachhaltigen Wohlbefinden, tragenden Beziehungen, einem erfüllten Leben.

Demnach können Nostalgiker eigentlich nie in der Gegenwart ein großartiges Leben haben.

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Fake-Olds. Oder: BlaBla-Möhrchen


Wotan Wilke Möhring sagt im neuen Werbeheft von Red Bull, das aussieht wie eine Frauenzeitung für Männer: „Wer neugierig bleibt, führt ein erfülltes Leben“. Er macht Fallschirmspringen und hatte eine Begegnung in Mexico mit einer Giftschlage. Mehr Klischee geht nicht. Während die „toxische Männlichkeit“ diskutiert wird, die die Gleichberechtigung und unseren Planeten zerstört, feiert eine zuckersüße Limo weiterhin die „Allzweckwaffe“ Männlichkeit. Umringt von Fotos mit Motorädern, Rennautos und halbnackten jungen Frauen (alles Powerfrauen, natürlich, das braucht Mann von heute, denn der Sieg wächst mit der Kraft der Besiegten, der man doch immer noch zeigen kann, wo´s lang geht).

Hach ja, und dann reiht sich im Laufe des Interviews Floskel an Floskel, wie in den dämlichen Liedern des neuen deutschen Pop. „Von Gewohnheiten muss man manchmal Abschied nehmen; Chaos tut auch mal gut; neuen Dingen muss man offen begegnen; Sport stößt den Geist an und man kommt auf andere Gedanken; der Wert eines Menschen hat nichts mit seinem Äußeren zu tun; es kommt aufs Innenleben an; niemand hat das Recht zu sagen, wie man sein soll; etwas aus erster Hand zu erfahren, ist besser als Halbwahrheiten wieder zu kauen ….“(ach was!).

BlaBla ist lange schon- viel länger schon als Fake-News – zum Standard geworden; Marketing regiert die Wahrheit des Alltags. Wenn man alle diese Floskeln mal mit Inhalt, Handlungen füllen würde, wäre die Welt eine bessere. Doch so ist es nicht. Nicht nur im Politischen werden Worte nicht zu Taten, der Diskurs geht an der narzisstischen Verhaltens-Wirklichkeit völlig vorbei. Insofern ist das ganze Life-Styl-Gerede auch nur Fake, Fake-Olds um genau zu sein.

Wilke Möhring sagt nicht: O.K. Jungs, es kommt ein neuer Film mit mir raus und ich will natürlich, dass alle da rein gehen und deshalb erzähl ich mal, worum es da geht. Der Regisseur ist ein Arsch, hat aber Ahnung von Drehbüchern und es war der Horror mit Kollege xy zu drehen, das ist ein dämlicher Narziss, das kann ich z.B. mit folgender Szene belegen … so oder so ähnlich. Wahrscheinlich würden alle den Film sehen wollen, denn seltsamer Weise stehen viele Menschen auf Ehrlichkeit oder vielmehr nervt sie dieses ewige Lifstyle BlaBla.

Das gilt natürlich nicht, für Menschen, die gerne deutschen Pop hören, wo immer mit Pseudo-Tiefgang von irgendwelchen Horizonten gesungen wird, wo dahinter alles anders ist und endlich die Freiheit lauert. Doch wer das glaubt oder auch nur hört, ist alles, aber nicht frei. Denn Freiheit und LifeStyle BlaBla schließen sich aus: Das eine erträgt man nicht, wenn man weiß, dass Freiheit von täglichen unbequemen realen Handlungen abhängt und nicht von Utopien und Horizonten. Und darüber hinaus verfestigt LifeStyle Blabla nur die Fremdbestimmung. Wer sowas liest, hört und ernstnimmt (und warum sollte man es sonst lesen und hören, es sei denn man will sich mal wieder so richtig aufregen oder es gibt zwischen Berlin und Frankfurt einfach keinen anderen Radiosender), hat ein Problem. Es ist das Problem der westlichen Kultur, die ihr Leben an Pseudofreiheiten misst und glaubt die Politik ist schuld, das man nicht so leben kann, wie in den Magazinen.

Unser gesamtes Getwitter und Gefacebooke ist voll von diesem BlaBLa, Floskeln von der Suche nach Lebensinhalt, aber bitte nicht zu unbequem. Und wehe man konfrontiert die Menschen mit ihren Heile-Welt-LifeStyle-Lügen…. Wir sind ja alle so nett, lieb, lustig und wollen nette und interessante Leute treffen… Sehen Sie liebe Leser: Manchmal bin ich regelrecht froh um Donald Trump und seine Fake-News. Er erhöht den Druck, auf all diese BlaBlaler, mehr zu werden, als Klischees.

 

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Mittelalte Männer


Mittelalte Männer stehen im Zentrum unserer heutigen Probleme. Sie haben sich verzettelt, wollen Dinge, zu denen sie nicht fähig sind, die so nicht mehr funktionieren, die von der globalen Entwicklung nicht mehr gebraucht werden.

Einer von ihnen soll es nun richten, allerorts. Einer, der es geschafft hat, aus den Untiefen des Lebens als Sieger hervorzugehen. Schnell entsteht der Sog der Utopie: Jetzt wird alles viel viel besser, besser noch, als in der besseren Vergangenheit. Dieser Führer ist Macher und Seelsorger zugleich, einer, der die Sorgen und die Kränkungen ernst nimmt, von mittelalten Männern, und ihnen endlich wieder alles verschafft, wozu sie selbst nicht mehr oder noch nie in der Lage waren.

Müßig zu sagen, dass das nicht mehr geht, Utopien noch nie irgendeine Verwirklichung erfahren haben, solange es Menschen gibt. Müßig auch die Frage: Warum sollen mittelalte Männer, die ihr Leben lang ihre eigenen Schwächen auf dem Rücken ihrer Frauen und Kinder ausgetragen haben, irgendein Recht haben, „einfach so“, wieder ihr Ansehen zu bekommen, dass ihnen nur in den seltensten Fällen im Laufe der Geschichte, hätte zustehen dürfen. Wären Männer nicht mit ihrer Muskelkraft überlegen gewesen, hätte es nicht bis zur Erfindung der Maschinen gedauert, ihre Vorherrschaft anzugreifen und geltungslogisch in Frage zu stellen. Auch wie irgendjemand je denken konnte, Männer hätten ihre Emotionen besser im Griff, als Frauen, ist durch nichts in der Geschichte gerechtfertigt.

Zurück zu den mittelalten Männern heute. Es ist ja nicht so, dass sie nichts könnten, sie wissen nur nicht so genau, wie man es am besten einsetzt heute, was man daraus machen kann, ohne damit einfach immer nur weiter seine eigene Überlegenheit anzustreben. Sie sind auch rechte redefaul, teilen nicht mit, wie es ihnen geht, was sie sich fragen. Dagegen wird lieber ein Schuldiger benannt, der die Umsetzungen des eigenen Machtstrebens verhindert (Fremde, Frauen, Politiker).

Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. Den Satz kenne ich seltsamer Weise noch aus meiner Grundschulzeit. Er wurde laut (und natürlich ohne eigentliches Verständnis) über den Hof gebrüllt, im ein oder anderen Bandenkampf. Aber Selbsterkenntnis ist nicht das Ding der meisten mittelalten Männer. „Toxische Männlichkeit“ heißt dieses Verhalten und Denken neuerdings und es ist auf eine bestimmte Altersgruppe zentriert: Die Mittelalten.

Für Frauen meines Jahrgangs (also auch die Mittelalten) ging es, entgegen den Behauptungen in unserer Erziehung, nicht einfach nur nach oben. Ich kenne Frauen, die bereuen es, doch nur Kinder bekommen zu haben und jetzt einen Teilzeitjob zu machen, der sie nicht befriedigt. Weil die Kinder (als eigentlicher Lebensplan) sind zunehmend aus dem Haus und nie wurde ein brauchbarer Gedanken daran verschwendet, was man jetzt wohl die letzten 30 Jahre seines Leben machen könnte. Ich kenne auch Frauen, die haben keine Kinder und eine Karriere (mehr oder weniger) und Angst vor der Einsamkeit. Es gibt auch welche, die haben beides und vor lauter Kampf, bleibt keine Zeit für Identitätsprobleme. Keine von ihnen hofft auf einen starken politischen Führer, der alles gut macht. Sie haben eigentlich keine Vorstellung davon, wie sie „eigentlich richtig“ wäre, die Welt. Sie erwarten vielmehr oft von ihren Männern, dass die sich verändern, mehr engagieren für private Belange. Aber die Männer träumen eben – mehr oder weniger – von irgendeiner Utopie und glauben „das Land geht vor die Hunde“.

Und hier liegt, glaube ich, der Schlüssel: Das Private ist politisch, aber das politische auch privat. Warum finden es Männer nur so furchtbar und unmännlich und schwach, sich um ihre Frauen zu kümmern, in der Familie geliebt und gebraucht zu werden? Und Punkt. Hier werden täglich Helden gesucht. Warum ist es für Männer unerträglich, weniger zu verdienen, als ihre Frauen oder ihre Frauen das Einkommen heimbringen zu lassen? Und eigentlich: Warum werden Frauen, ihr Sein und Tun, ihre Identität, von mittelalten Männer immer noch soooo abgewertet?!

 

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Erdogan und die Milchkühe

Diese Woche hat Recep Erdogan holländische Milchkühe abgeschoben, heim in die EU. „Die erste Gruppe Holsteiner ist verladen und wird zurückgeschickt“, hat der türkische Verband der Viehproduzenten verlauten lassen.Vielleicht droht Erdogan demnächst: Noch eine Wahlverbot irgendwo in der EU und ich komme in den Hausflur des Europaparlaments und schrei Sau!

Infantiler Narzissmus nennt man das in der Psychologie, der Volksmund nennt es Kindereien. Doch selbst als Psychologin fragt man sich unwillkürlich: Will er die totale Macht über ein Volk von vorwiegend humorlosen Deppen?

Da hilft nur beinharte, existentielle Philosophie:

„Alle Revolutionen haben bisher nur eines bewiesen, nämlich, dass sich vieles ändern lässt, bloß nicht die Menschen“, hat Karl Marx gesagt. Und der realexistierende Sozialismus hat es dann, leider und für alle Utopisten nicht nachhaltig genug, geltungslogisch bewiesen. Dabei wusste man um die Zeitlosigkeit unseres Narzissmus als Kernphänomen des Menschen seit der Aufklärung: „Das ganz Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen“, brachte es Blaise Pascal auf den Punkt der uns möglichen wirklichen Wahrheit.

Albert Camus drückt es in der Moderne, jenseits zweier technisch hochgerüsteter Weltkriege, gleich zu Beginn seines Buches „Der Mythos des Sisyphos“ nicht viel positiver aus: „Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Sich entscheiden, ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden oder nicht, heisst auf die Grundfrage der Philosophie antworten.“ Immerhin: Sisyphos ist für Camus trotzdem ein glücklicher Mensch, denn sein Schicksal gehört ihm. Er allein kann als Wissender seiner Existenz wählen, ob und wie und welchen Stein er rauf und runter rollen will – im Gewahrsein der Sinnlosigkeit seines narzisstischen Strebens.

In der Idee vom „letzten Menschen“ hatte dann Nietzsche beschrieben was folgt, wenn man den Glaubens an etwas Höheres als ewige narzisstische Utopie überwindet, das menschliche Leben in seiner Sinnlosigkeit lebt, wie es am friedlichsten und leidlosesten möglich ist. Er beschreibt eine Gesellschaft, „wo der Mensch nicht mehr den Pfeil seiner Sehnsucht über den Mensch hinaus wirft, und die Sehne seines Bogens verlernt hat, zu schwirren!“ Diese Welt ohne Spannungen ist die Welt der “letzten Menschen“: Sie wollen weder regieren noch gehorchen. Nur ein gelegentliches Zanken bei baldiger Versöhnung ist wahrzunehmen, denn „sonst verdirbt es den Magen“. Sie haben „ihr Lüstchen für den Tag und für die Nacht“, liegen in der Sonne und blinzeln und sagen: „Wir haben das Glück erfunden.“

Aber Milchkühe heim schicken geht natürlich auch.

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Umwelt-Donald

Diese Woche hatte ich eine seltsame Idee: Was, wenn Donald Trump eigentlich ein ganz Schlauer ist und nicht mal seine Anhänger haben das bisher bemerkt und seine eigentlichen Pläne zur Weltrettung durchschaut?!

Ausgangspunkt für diese Idee war die Abschlusserklärung des G 20 Gipfels diese Woche in Baden Baden. In ihr fehlt, das erste Mal in der Geschichte dieser Zusammenkünfte der führenden Wirtschaftsnationen, die gegenseitige Versicherung zum Freihandel und gegen Protektionismus. Eine Zeitenwende: Das erste Mal ein Schritt GEGEN eine fortschreitende Globalisierung.

Da dies, vertraut mach Fachleuten, gleichbedeutend ist mit mangelndem weiteren Wirtschaftswachstum und schwindender Produktivität, dem Verschwinden günstiger Produkte und somit der Minderung der Kaufkraft der Unterschichten, wird Donald Trump dadurch auf lange Sicht vielleicht der größte Umweltschützer aller industrieller Zeiten werden. Denn wenn die Menschen der USA sich weiterhin nicht mehr leisten können und das wenige dann noch durch die heimische Produktion immer teurer wird, werden zukünftig weniger Containerschiffe die Meere verseuchen, weniger CO2 und Gifte bei der Produktion von Billigprodukten in China entstehen. Die Menschen können sich weniger private Reisen und Flüge leisten. Und auch die Weltwirtschaft an sich wird massive Abstriche machen in den Bonuszahlungen und Flugmailen der Manager, ihren energieverschwendenden Arbeits- und Lebensweisen.

Selbst Unruhen können daran wenig ändern: Welche Alternative gibt es denn zum Populismus und zum Faschismus? In der Türkei hat jetzt schon die Qualität des Meeres zugenommen, weil 30% weniger Touristen kommen. Wahrscheinlich gilt das auch für die Luft, durch die weniger Touristenflieger fliegen usw. Doch: Was werden die Unterschichten, die Abgehängten wohl machen, wenn sie merken, dass selbst die Stammtischparolen und Ideen von ihrer besseren Welt, ihnen zu noch weniger Wohlstand verholfen haben? Das ist die entscheidende Frage. Wissen wütende und enttäuschte Menschen, dass sie auch immer noch mehr verlieren können, aufgrund ihres irrsinnigen Verhaltens? Fangen sie irgendwann an, sich in ihre perspektivloses stagnierendes Schicksal zu fügen? Nehmen die Mittelschichten hin, dass sie eigentlich nur dankbar sein können, nicht noch weiter abzurutschen? Wird sich die Bildungselite mit ihrem abgehobenen Diskus, ohne politische Folgen, begnügen, im Lesen von Büchern ihre Erfüllung finden?

Nach dem zweiten Weltkrieg war das der Fall: Die Menschen haben mühsam die Schäden ihres eigenen narzisstischen Größenwahns beseitigt und sich ein „kleines Glück“ zurück geholt, das aus wenig Luxus bestand und viel Familiensinn besaß. „America first“: Vielleicht meint das etwas ganz anderes, als wir alle bisher vermutet haben.

 

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Erdogan, Ritter der Kokosnuss

Es gibt in dem Film „Ritter der Kokosnuss“, von der britischen Komiker-Truppe „Monty Python“, eine Szene, die mir diese Wochen immer wieder in den Kopf kommt, wenn es um den türkischen Ministerpräsidenten Erdogan geht.

Ein Ritter hat im Zweikampf verloren, ihm wurden beide Arme und beide Beine abgeschlagen, es ist nur noch sein Torso übrig. Und trotzdem schreit er immer noch seinem Gegner entgegen: „Nein, ich hab nicht verloren. Komm doch, komm doch Feigling, Du hast mich nicht besiegt“.

Was in dem ganzen Trubel um die Türkei letzte Woche nur eine Randnotiz war, zwischen all den Nazi-Vorwürfen und Vergeltungsdrohungen (die seit gestern auch die Niederlande betreffen): Die Türkei hat Deutschland gerade um Hilfe gebeten, weil der Tourismus am Boden liegt. Sie hat riesige Stände aufgebaut, auf der gerade laufenden Tourismusmesse in Berlin. Doch Deutsche haben nicht nur Angst vor Anschlägen in der Türkei, die Erdogan mit seiner Kurdenpolitik vermehrt hat. Sie lehnen ab in ein Land zu fahren, das die Demokratie mit Füßen tritt. Sie lehnen ab in ein Land zu fahren – und sei es auch noch so billig –, dessen Präsident die Deutschen als Faschisten beschimpft, wären er selbst gerade, wie aus dem Handbuch für Faschismus, sein Land in eine Diktatur wandelt. Ach was.

Auch Investoren ziehen ihr Geld ab, aufgrund der zunehmend unsicheren Lage. Und mittlerweile denkt sogar auch die EU darüber nach, ihre Beitrittszahnungen an die Türkei einzustellen. Na sowas.

Aber Erdogan schreit weiter. Und die Menschen, die ihn hierzulande wählen dürfen und die ihn in der Türkei wählen, halten das für „türkische Stärke“. Sie fühlen sich sonst als Menschen zweiter Klasse, als minderwertige Nation – besonders gegenüber den Deutschen. Und Erdogan vermittelt ihnen, dass sie die eigentlichen Sieger sind, die beste Nation, die es mit allen aufnimmt und jetzt können alle mal zittern, vor den Türken. So!

Das, was jedoch noch nie in der Geschichte der Menschheit geklappt hat, ist die bloße narzisstische Behauptung der eigenen Stärke, ohne dass das mit irgendeiner entsprechende Tat oder Handlung oder Verhalten begründet werden kann. Und was schon gar nicht klappt ist, ohne Hände und Bein weiter zu schreien: „Ich bin der Größte, ich werde Euch alle nieder machen, das wird noch Konsequenzen haben….“. Konsequenzen wird es sicher haben, denn kein Nationalgefühl verträgt einen leeren Geldbeutel. Gerade die, die von Behauptungen leben, mehr als vom guten Verhalten und Handeln, suchen dann ganz schnell einen Schuldigen.

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Die Hoffnung stirbt zuletzt



Was den Menschen am meisten schmerzt ist Hoffnungslosigkeit. Nimmt man Menschen die Perspektive auf ein besseres Leben oder immerhin ein besseres Leben für ihre Kinder, ist es das Ende jeder Toleranz und der Beginn von Unruhen und Revolutionen. Kann man in religiösen Gesellschaften den Menschen immer noch ihr Leid als Weg ins Himmelreich verkaufen, ist der Kapitalismus davon abhängig, im hier und jetzt andauernden Wachstum und Fortschritt zu schaffen, ein besseres Morgen bereit zu stellen.

Gerade können wir sehen, was passiert wenn es für viele Menschen dieses „bessere Morgen“ nicht mehr gib. Der Boden für abstruse und unsinnige Versprechen der rechten Populisten und nationalistischer Größenwahngedanken ist die Hoffnungslosigkeit. Die Abgehängt glauben, in ihrer existentiellen Verzweiflung, jedem, der ihnen ein noch so verlogenes besseres Morgen verspricht.

Denn der Mensch hat sein Bewusstsein mit dem Wissen um sein Leben und Sterben bezahlt. Er ist dadurch zum Narzissten geworden, der immer einem besseren (Über-)Leben entgegen streben will, sei sie auch noch so irreal (Paradies mit fliegenden Hähnchen, Vollbeschäftigung im Rust-Belt der USA, 72 Jungfrauen, alte Größe durch EU-Austritt, Reform der Harz IV Reform gegen den Auseinanderfall der Gesellschaft).

Die Menschen, die rechte Populisten gewählt haben, denken nicht daran, dass es auch noch sehr viel schlechter werden kann.

Unsere Erde als Heimat für 7,5 und bald 10 Milliarden Menschen lässt das diesseitige Wachstum aber nicht mehr zu: Es wird kein Morgen mit noch mehr Wohlstand für alle geben. Es sind einfache Rechnungen die diese Wahrheit bestätigen. Kaum einer will sie hören, keine Regierung und Wirtschaftsverwaltung richtet sich danach. Denn einhergehend mit unserer Hoffnung auf ein besseres Morgen, verkraften wir keine Verlust (das hat der Nobelpreisträger Kahneman schon festgestellt, in seinem berühmten Buch „Langsames denken, schnelles Denken“).

Man kann das Dilemma nur auflösen, indem man Umweltschutz zur gemeinschaftlichen Perspektive macht, zum Nationalstolz und Fortschritt, an dem alle, in kommunalen Gruppen und darüber hinaus, als Gesellschafts-Wert Teil haben – völlig unabhängig davon, was der Rest der Welt macht. Der Widerstand eines kleinen gallischen Dorfes gegen die Weltmacht der Römer, ihr eigener Weg zu leben und die Dinge zu sehen, hat nicht um sonst seit Generationen Menschen begeistern können.

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Die Banalität des Mr. Bannon

Gestern habe ich einen Brief bekommen, der mich dazu aufrief, einen Antrag zum Bürgerentscheid zu unterstützen: Die Stadt München, von Feinstaub belastet, unterhält auf dem Stadtgebiet ein Kohlekraftwerk, das ca. 20% der Luftbelastung verursacht. Man könnte es 2020 abschalten und alles wäre besser. Die Initiative geht von einer Hand voll Menschen aus, die ihre demokratischen Rechte nutzen, viel Einsatz und Zeit bereitstellen, um etwas zu verbessern, in ihrer Lebenswelt. Es gab mir das Gefühl: Die Menschen wachen auf, sie tun etwas, sie engagieren sich und motzen nicht nur.

Dann habe ich das Radio angemacht und die neusten Bedenklichkeiten über Donald Trump und seinen Chefideologen Stephen Bannon gehört: Sie erklären die kritische Presse zu Lügnern, Schädlingen des amerikanischen Volkes und sperren sie von Informationsgesprächen in Weißen Haus aus. Es ist mir selbst als Psychologin unerklärlich, wie man die Wahrheit so behandeln kann. Ich glaube durchaus, dass Donald Trump so narzisstisch gestört und ungebildet ist, dass er seine Weltsicht für die Wahrheit hält, vergleichbar einem Stammtisch, der die Welt in eigener narzisstischer Weise deutet. Aber Mr. Bannon ist schlau. Will er nur die Macht oder glaubt er, (vergleichbar dem Philosophen Heidegger oder dem österreichischen Schriftsteller Doderer während der Nazizeit), dass es etwas Höheres gibt, eine Art „Reinheit des amerikanischen Way of Life“ oder Reinigung durch Revolution, die es auch mit schrecklichen Mitteln des Krieges zu erreichen gilt?

Ich glaube, man kann nicht leben, ohne an eine bestimmte Wahrheit zu glauben. Selbst wenn man nach Macht strebt, muss man daran glauben, diese eigene Macht wäre das Beste für alle. Man kann nicht glauben, das die Wahrheit etwas anderes ist, als das was man tut, sei es auch mit unlauteren Mitteln, um die eigene Wahrheit umzusetzen.

Insofern glauben Trump und sein Trupp, selbst Mr. Bannon, an ihre seltsamen Verzerrungen, an ihre Zukunftsvisionen. Und deshalb glauben sie wohl wirklich daran, dass eine Zeitung wie die New York Times oder CNN lügen und dem Volk schaden. Egal, wie viele Bürgerinitiativen es gibt und Engagement für Umwelt und Demokratie und Frieden und Gleichberechtigung: Dass es Menschen gibt, die an etwas glauben, wie „America first“ und alles, was das bedeutet, die Selbsterhebung einiger Menschen über den Rest der Welt und die Leugnung der Tatsachenwahrheit, die dieser Selbsterhöhung immer entgegen steht, ist schlimm. Gerade, dass es solche Menschen gibt, zeigt wie wenig wir für etwas Höheres taugen, irgendeine Überlegenheit besitzen oder erreichen können – selbst, wenn wir gegen Kohlekraftwerke kämpfen und unser Leben in den Dienst des Guten stellen.

Unsere Banalität können wir nur selbstkritisch akzeptieren, um dann das Beste daraus zu machen. Alles andere ist Schrecken.

 

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Neue Helden

Die US-Forscher Held und Hein konnten 1963 erstmals das sogenannte „Embodyment“ nachweisen: Die Einbindung jeder Hirnleistung in die körperliche Erfahrung. Dazu schnallten sie jungen Katzen (direkt nach Öffnung der Augen) auf Rollgeschirre. Während die eine Hälfte der Katzen sich bewegen konnte, wurden ihre Geschwister – unbeweglich in ihrem Teil vom Gestell- mitgezogen.

Nach ein paar Wochen befreiten die Forscher die herangewachsenen Katzen allgemein aus den Geschirren. Die gezogenen, passiven Katzen, hatten zwar die gleiche Welt gesehen, wie ihre aktiven, laufenden Geschwister. Doch taumelten sie umher, stießen gegen Gegenstände und maunzten ängstlich: Sie hatten die Welt bisher nur sehend – und nicht körperlich – erfahren und waren daher lebensuntüchtig. Die bei Jungtieren typische Neugierde war einer Ängstlichkeit gewichen.

Und: Die beiden Hirnforscher fanden später bei der Obduktion der passiven Katzen ebenfalls anders ausgebildete Gehirne, als bei ihren Geschwistern, die Laufen gelernt hatten. Die motorischen Zentren waren deutlich unterentwickelt.  

Ist dieses Experiment auch zweifellos grausam, hat es doch deutlich gezeigt: Hirn und Erfahrung sind nicht zu trennen, bilden sich –existentiell – gegenseitig aus. Unsere Weltwahrnehmung der Welt, unsere Bewertungen und Reaktionen sind – existentiell und maßgeblich – von der körperlichen und sozialen Erfahrung bestimmt. 

Welche Erfahrungen müssen wir heute machen, um – befreit von Geschirren aus Wohlstand und bräsiger Sicherheit – unsere Ängstlichkeit abzulegen? Wie können wir neu laufen lernen, denken und wahrnehmen lernen? Sicher ist dabei: Wir müssen das selbst tun, denn jeder von uns hat ein Leben, in einem Körper, das nur er selbst neuen Erfahrungen aussetzen kann, um etwas zu verändern.

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Kampf um Humanität

Als ich in der Schule war, haben die Lehrpläne – typisch für meine Generation – jedes Jahr wieder irgendeine Abhandlung der Nazizeit vorgeschrieben. Wie kam es zur Nazi-Macht? Was heben die anderen Länder gemacht? Und vor allem: Der Holocaust. Als müsste gerade meine Generation, bestimmt durch unsere 68er Eltern und ihren Umgang mit der Schuld ihrer Eltern, ein für alle Mal die totale Abschreckung implementiert bekommen, um sie „für immer“ weiter zu geben, quasi genetisch einzuspeichern. Wie wir heute wissen, ist das nicht gelungen.

Die Schrecken der anderen Kriege wurden dagegen im Geschichtsunterricht rationalisiert, als typische Erscheinungen der Welt dargestellt, verschuldet von der „Institution Zeit“. Die KZs waren dagegen hochemotionale Abgründe des Menschseins, schienen mit dem Krieg an sich, dem logischen Elend der Schützengräben, nicht viel zu tun zu haben. Es schien so, als wäre Hitler eigentlich ein ganz normaler Mann und Staatsführer gewesen, wie der alte Fritz oder Wilhelm II – wenn da nicht die KZs gewesen wären.

Und so kam in mir die Frage auf: Warum haben sie es nicht geschafft, meine Großeltern und ihre Generation, diesen Mann zu erschießen? Warum haben sie nicht auf die Humanität verzichtet, bei diesem einen Mann, um die Humanität für so viele zu sichern – also die Humanität jenseits der logischen Kriege?

Dürfen die humanistischen Werte nur mit dem Diskus verteidigt werden (und Kriege gibt es sowieso)? Sind sie nicht deshalb immer irgendwie im Hintertreffen, bis der Hass und Narzissmus sich mal wieder so exorbitant ausgetobt haben, dass man sich wieder auf sein Bisschen Humanität besinnen kann, besinnen muss, bis dann der nächste Krieg wieder losbricht?! Ist die ganze Humanität ein einziges: „Hach ja so ist der Mensch eben“ – außer natürlich bei den KZs?

Ab wann war klar, dass Hitler Hitler war – und eben nicht irgendein anderer Kriegstreiber, wie sie die Geschichte hundertfach hervor gebracht hat, trotz all ihrem Bemühen um Humanität? Wie lange muss man den Versuch walten lassen, dass sich jemand selbst diskreditiert, die Humanität „einfach so“ doch mal siegt, statt neuer Kriegstreiberei? Muss man nicht – nach all der Erfahrung mit dem Menschen in der Geschichte – auch für die Humanität mit unhumanen Mitteln kämpfen dürfen, das aufziehende Unheil stoppen dürfen – zumal seine Folgen immer dieselben waren, wissenschaftlich somit gesichert sind?

Der Hitler Attentäter Georg Elser wusste anhand der Juden-Dekrete sehr früh, was Sache war, dass Menschen aus seinem direkten Umfeld nicht mehr als Menschen gelten sollten, dass sie entwertet, entrechtet und gedemütigt wurden, obwohl sie gerade noch die ganz normalen Nachbaren waren.

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Was ist der Mensch?

An dieser Stelle rede ich immer wieder vom „Narzissmus“, der in verschiedenen Reifegraden in uns steckt. Und es gibt sehr empfindliche Reaktionen darauf: Wie, wir sind alle Narzissten?! Deshalb will ich das mal grundsätzlich erklären:

Der Mensch existiert als Lebewesen, das am Leben bleiben will. Sein Körper und Denken hat dafür im Laufe der Evolution Organe mit Verhaltensweisen entwickelt, die dieses Über-Leben bisher garantiert haben (sonst gäbe es uns nicht mehr).

Doch nur der Mensch hat mit seinem Lebenstrieb „etwas Neues“ in der Evolution etablieren können, eine neue Über-Lebensstrategie: Das Bewusstsein. Bewusstsein ist das wissende Erkennen von Zusammenhängen – bis in die Zukunft hinein (sofern die Zusammenhänge wahr sind, denn dann gelten sie ja immer). Es steht im Dienste des Überlebens, es hat sich entwickelt als irdische Überlebensstrategie und es wird niemals darüber hinaus wissend sein.

Auch das Leben in einer Gruppe ist eine gute vielfach erprobte Über-Lebensstrategie – nicht nur für den Menschen. Doch durch das erkennende Bewusstsein hat der Mensch sein Gruppenleben umfangreich mit vielen Möglichkeiten gestalten können. Wir nennen diese Gruppenordnungen: Kultur. Doch die Grundlage der Überlebenstrategie Gruppe bleiben auch beim Menschen erhalten: Es gibt keine als Über-Lebensstrategie funktionierende Gruppe ohne Hierarchie und ohne Dazugehörigkeits- und Abgrenzungsprinzip.

Diese Strategie des Bewusstseins war bis jetzt sehr erfolgreich. Nur der Mensch kann sich selbst, seine Verhaltensstrategien erkennen, bewusst zwischen verschiedenen Möglichkeiten abwägen und wählen, Hilfsmittel erfinden, sich komplex mit anderen Menschen darüber austauschen. Doch dieser Vorteil hat einen zwangsläufigen Preis.

Bewusstsein ist Erkenntnis von Zusammenhängen, das auch (zwangsläufig) das eigene Dasein erkannt hat – und den eigenen Tod (Nicht-mehr-Dasein). Im Bewusstsein unsrer Sterblichkeit bekommt unser Lebenstrieb seine grundsätzliche narzisstische Qualität: Wir wollen am Leben bleiben und dazu wollen wir morgen besser Leben als heute, in besseren Häusern mit besserem Essen, besserer Krankenversorgung. Dieses „Besser“ wird in der Kultur der Gruppe verhandelt. Die Werteordnung unserer Kultur bestimmt, was wir zum besseren Überleben brauchen, werten, erkämpfen wollen. Die Möglichkeiten der Ausgestaltung sind vielfältig, doch es gibt immer Kernphänomene, Steine an dem das Spiel sich bricht: Besseres Essen, bessere Sexualpartner, bessere Behausung, bessere und mehr Bedürfnisbefriedigung. All das wird bei einem möglichst hohen Status in der Gruppenhierarchie gewährleistet, der einem diese besseren (Über-)Lebensmittel zugesteht. Wir streben also alle (als Gruppenwesen mit Bewusstsein) ein besseres (Über-)Leben an. Genau das ist narzisstisch: Unser bewusstseinsfähiges, Möglichkeiten wählendes, erkennendes Streben nach dem Besseren haben nur wir; nur der Mensch kann besser definieren und mit verschiedenen Strategien und Verhaltensweisen zu erreichen versuchen. Nur der Mensch ist narzisstisch, da er darum weiß und für sich will.

Bewusstsein dient demnach dem besseren Überleben des eigenen Körpers in der sozialen Gemeinschaft. Unsere Psyche erfasst unseren Platz in der Gemeinschaft über die gefühlte Wahrnehmung und Reflexion ihrer Werteordnung, die die Regeln für das „bessere Leben“ vorgibt. Genau das macht uns zu Menschen. Wir sind Menschen weil wir Gruppenwesen sind, die bewusst-narzisstisch nach oben streben, nach einem besseren, längeren Über-Leben. Noch in unserer Religion und Erfindung des jenseitigen Weiterlebens haben wir diese narzisstische Statusbestimmung und das bewusste, gezielte Streben nach dem besseren Platz im Paradies (fliegende gebratene Hähnchen, 72 Jungfrauen, wunderschönes Licht, totale Aufgehobenheit und Sicherheit und Bedürfnisbefriedigung, etc.)

Was wir haben wollen, um besser zu (über-)leben, geschieht also immer innerhalb einer kulturellen Gemeinschaft. Sie definiert die Vorteile, Statussymbole, das Erstrebenswerte (über die Kernthemen hinaus). Wir brauchen diese Orientierung um unser Streben nach Überleben narzisstisch-bewusst anzustreben. Wie man das anstrebt, lernen wir in unserer Kindheit, durch die Werteordnung, die uns unsere Eltern vermitteln.

Bewusstsein und Erkenntnis (als Intelligenz) sind demnach niemals neutral, objektiv: Das bewusste Wissen um Zusammenhänge und das eigene Dasein – und dessen Endlichkeit – hat dem Menschen einerseits die maximale Motivation zum Selbsterhalt (auch durch Erkenntnisse) gegeben. Andererseits kränkt und bedroht ihn dieses überlebenswichtige Wissen. Das gibt ihm die narzisstische Qualität. Denn letztendlich sind – klar zu erkennen – alle Bemühungen sinnlos.

Seit wir vom Baum der Erkenntnis gegessen haben, gibt es statt genetisch-automatisierten Kampf um Nahrung, Sexualpartner und Rudelhierarchie: Neid, Zwietracht, Gier und Eitelkeit. Was bei Tieren und Kindern noch unschuldig ist, weil sie nicht wissen, was sie tun, wird durch die Bewusstseins- und Erkenntnisfähigkeit zur gewussten Handeln. Demnach können wir uns prinzipiell entscheiden, wie wir handeln wollen, wie wir unsere Bedürfnisse bestmöglichst befriedigt bekommen. Vorsatz und Eigenverantwortung werden zum Teil des Spiels. Allein: „Der Stein an dem das Spiel sich bricht“ (wie Carl Schmitt es nannte) ist immer noch die irdische Lebenswelt, der Bauplan unseres Körpers, die Kernphänomene unseres Verhaltens (Essen, Sex, Gruppe, Lebenswille etc.)

Lebenswille + Bewusstsein = Narzissmus.

Daher kann das Bewusstsein nicht gleichbedeutend sein mit Rationalität und reiner Logik. Objektiv haben wir nur in unserer Gruppe, Menschheit, indem wir für diese für alle gültige Wahrheiten erkennen oder Möchtegernwahrheiten definieren.

Durch unsere Bewusstseinsfähigkeit fühlen wir (und nur wir) Ehre, Kränkung, Stolz, Wut, Rache, Eifersucht, Neid als „Gefühlsspiegel des eigenen Status“ (Selbstwertgefühl) in unserer Gruppenhierarchie. Wegen des narzisstischen Wissens, Leben und Sterben hin zum besseren Leben für sich und den Kampf darum, foltert und tötet der Mensch andere Menschen, wertet weibliche, dunkelhäutige oder homosexuelle Mitglieder seiner Gruppe ab und sich selbst damit auf. Oder er wertet den vielfältigen, sozial-kompetenten, empathischen Umgang miteinander (Altruismus) auf und den gewalttätigen, selbstgerechten, patriarchalen, egozentrischen ab.

Kein anderes höheres Lebewesen sichert sein Überleben auf diese Art und Weise. So hat die Bewusstseinsforschung gezeigt, dass Bewusstsein zutiefst emotionale Wertung auf der Basis unseres körperlichen Erlebens in der Gruppe ist. Diese Erkenntnis hat die Psychoanalyse seit über hundert Jahren anhand von Beobachtung der Verhaltensweisen vergleichbar herausgearbeitet.

Die narzisstische erkennende Qualität seines Lebenstriebs hat den Menschen freier werden lassen, als jedes andere „be-hirnte“ Tier: Er hat durch seine Erkenntnisse, also seine Bewusstsein/Intelligenz, die bewusste Sicht auf Zusammenhänge mehr Wahlmöglichkeiten als hauptsächlich instinktgesteuerte Tieren. Deren Verhalten ist weit mehr durch genetische Programme eingespeichert und weit weniger variable durch die Umwelt-Lernerfahrung jedes einzelnen Exemplars bestimmt. Die Anpassung und Überlebenschancen des Menschen sind gerade durch die variablen Lernerfahrung und ihr bewusstes Erkennen sehr verbessert worden: Bewusstes Erkennen basiert auf Lernerfahrungen, die dem Streben nach dem besseren (Über-)Leben dienen. Narzisstisches Bewusstsein hat dem Menschen (vorerst) zu seiner Dominanz auf der Erde verholfen.

Sprache, Erfindungen, Werte, Gesetze, Regeln dienen innerhalb der Gruppe als Orientierung. Sie sind „das Wohin“ des Streben nach besserem (Über-)Leben: Der Mensch ist wegen seines Wissens ein wertendes Statustier. Die höhere Wahrheit, bessere Wissenschaft, bessere Methode zeugen davon – und leugnen doch allzugerne den allem bewusstseinsfähigen Streben immanente Statusstreben. Der Mensch will nicht banal sein in seinem Überlebensplan, sondern göttlich erkennend. Denn gerade das all unser Streben letztlich das Sterben nicht verhindert, ist die größte narzisstische Kränkung (sie soll in den Religionen und Paradiesvorstellungen aufgefangen werden).

Das Wissen um die Sterblichkeit, Bewusstseinsentwicklung und der Narzissmus sind untrennbare für das menschliche Leben. Sie sind der Wendepunkt zum Menschlichen in der Evolution. Dieser „Übersprung“ hin zum Wissenden geschah vor etwa 50 000 Jahren und ist an den „plötzlichen“ Grabbeilagen (als Zeichen des narzisstischen Strebens hin zum eigenen Vorteil in der Ewigkeit) festzumachen. Mit der Kupfergewinnung vor 6500 Jahren war dann ein erstes Material gefunden, das in seinem herausragenden Wert neue deutlicher Hierarchien in den wachsenden Gesellschaften ermöglichte: Ein differenzierteres Oben und Unten wurde durch die Insignien der „Bessergestellten“ mit Waffen und Zeptern begründeten.

Der Mensch will für sein besseres Überleben einen besonders guten sicheren Platz in der sozialen Gemeinschaft haben. Jede Kultur bietet ihm hierfür ihre eigenen Mittel an. Es gibt biologisch sinnvollere Kernphänomene jeder Werteordnung und kulturell abgehobener Wertigkeiten, die die menschlichen Gruppen in Hierarchien stabilisieren und narzisstisch motivieren: Hin zum besseren (Über-)Leben inmitten von Leben, das auch besser (Über-)Leben will.

Trotzdem gibt es (auch bei anderen Primaten) ein Gerechtigkeitsgefühl, dass den inneren Zusammenhalt trotz Hierarchie gewährleistet: Jeder muss vom Leben in der Gruppe profitieren; die gruppe muss für jeden die Möglichkeit des besseren (über-)Lebens bereit halten.

Werkzeuge und Medikamente, Dünger, Gesetze und Menschenrechte haben Leid und Tod ein Stück weit eingeschränkt, uns ca. 40 Lebensjahre mehr verschafft (zumindest in der westlichen Kultur). Doch auch dieser durchaus überzeugende Referenzpunkt von Erkenntniskraft und objektiver Wahrheit bleibt (als narzisstisch-menschlicher), immer „nur“ an eine bessere (Über-)Lebensstrategie gebunden. Jede Erkenntnis, Erfindung und Wahrheit ist allzumenschliche Wertung.

Jede Erkenntnis und bewusste freigewählte Veränderung befreit nicht von den Bedingungen des Lebens, den Lebensgrenzen. Viele Erfindungen ziehen auch immer neue menschliche Probleme nach sich aufgrund unseres Narzissmus, der möglichst viel besseres Überleben für sich selbst will (z.B. steigender Ressourcenverbrauch, Klimaerwärmung, Atommüll). Auch die Kunst, die versucht, über das Zweckmäßige hinaus, mehr zu sein als nur banales Leben, bestätigt in jedem ihrer Werke unseren Narzissmus, den sie auf die ein oder andere Weise reflektiert: Gute Kunst spiegelt uns dieses Bemühen zu metaphysischen Höhen, die doch nie den Boden des Lebens verlassen.

Schon Kant hat festgestellt, dass neben der grundlegenden Kategorie des logischen Denkens, der Mensch die Welt nur durch das Raster seiner Zwecke und Ziele kausal erkennt. Die verstandesbestimmte logische Kausalität folgt also immer einem (bewussten oder unbewussten) Ziel, einem Zweck in der Lebenswelt. Doch was Kant (aufgrund der Kränkung des Gedankens) noch nicht erkennen wollte/konnte: Ratio, Kausalität, Logik ist und bleibt menschlicher, narzisstischer, emotional-wertender Überlebenswille. Wir haben ihn als Wissenschaft in abstrahierenden Zahlen, Formeln und Sätzen gepackt – und veranschlagen damit Allgemeingültigkeit, also puren Narzissmus: Etwas von uns (Persönlich oder als Menschheit) soll über unser Leben hinaus Gültigkeit haben. Jede Erkenntnis, auf der Basis von Erkenntniswille ist ausgerichtet auf einen Zweck: das bessere Überleben.

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Umwertung statt Umvolkung

Donald Trump hat der englischen Premierministerin Theresa May gratuliert: Die Engländer hätten durch den Brexit die Chance nun wieder „ihre eigenen Identität“ zurück zu gewinnen. Die AfD in Deutschland spricht entsprechend von „Umvolkung“ und der Schande des Holocaustmahnmals für das Volk.

Was soll das sein? Was ist eine nationale Identität? 5 Uhr Tee? Bekannte Gebäude? Automarken? Und kann man für diese abstrakte Identität Schande empfinden? Was haben sie persönlich mit der eigenen Leistung zu tun?

„Die billigste Art des Stolzes ist der Nationalstolz. Denn er verrät … den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die man stolz sein könnte.“, hat Schopenhauer gesagt.

Vor allem verrät der Nationalstolz aber auch einen Mangel an gesunden reifen Selbststrukturen. Nur diese ermöglichen eine kritisch-objektive Einsicht in das eigene Gefühl von Minderwertigkeit und die einfache, schnelle „rauschhafter“ Aufwertung in der Gruppe.

Man könnte stolz sein auf den Sozialstaat, denn für den hat man direkt was geleistet, eingezahlt. Man kann stolz sein darauf, das vorhandene Bildungssystem optimal für sich genutzt zu haben. Man kann sich auch einfach nur glücklich schätzen, ohne Krieg und mit Gleichberechtigung zu leben, in einem Rechtssaat, mit einer wenig korrupten Executive (Polizei, Richter, Beamte), mit kostenlosen Schulen und Universitäten.

Wenn ich Kriegsmahnmäler sehe, wird mir vor allem das Leid der Menschen deutlich – und die psycho-somatische Natur des Menschen, der zur einfachen, schnellen Stärkung seines Selbstwertgefühls in der Gruppe, andere immer wieder für minderwertig erklärt, besonders, wenn er sich minderwertig fühlt und sonst wenig hat, um persönlich stolz darauf zu sein. Der Mechanismus des Ausschlusses ist zwangsläufig ein Thema bei Gruppenwesen. Die Zugehörigen müssen sich den Regeln der Gruppe fügen, um ihren Schutz und das gegenseitige Hilfspotential zu genießen. Deshalb wird es immer wieder zu dem einfach schnellen „weg mit den anderen“ kommen, um für sich immerhin etwas positive Bestätigung in der Gruppe zu bekommen – allein durch die Zugehörigkeit.

Doch das geschieht immer nur, wenn man für sich in der Gruppe keinen Wert mehr findet, den man sich sonst aneignen kann. Wenn alles auf Geld und Erfolg gebürstet wird, wird man aus Mangel an Bestätigung in dieser Hinsicht und aus Mangel an Alternativen eben die Ausgrenzung der anderen benutzen, um sich wenigstens noch eine Gruppenidentität zu verschaffen, ohne persönlichen Inhalt. Es bleibt nur noch ein: „Die anderen sind doof, minderwertig…ist so, weil ist so!“, da man selbst innerhalb der Gruppe als größte Lusche gesehen wird, als Abschaum, den niemand braucht und haben will. Fragt man diese Menschen, was sie denn persönlich beigetragen haben, zur Identität der Gruppe, bleibt nicht viel übrig. Denn wenn sie etwas hätten, was sie persönlich geleistet haben, dann bräuchten sie ja nicht den Nationalstolz.

Wir müssen also Möglichkeiten der Aufwertung schaffen, innerhalb unserer Völker, damit die Abgewerteten in unserem Volk, nicht mehr so tun müssen, als wären sie nur durch die Zugehörigkeit, schon besser als andere, die zu uns kommen.

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Unlustige Witze

Paula White-Cain ist Trumps spirituelle Beraterin. Sie hat bei seiner Vereidigung, als berühmte evangelikale Predigerin, sehr blond und sehr einseitig, das Volk der Verunsicherten und Gespaltenen eingeschworen: auf ihre und Trumps calvinistische, neoliberale Weltsicht. Diese lautet: Gott bevorzug die Reichen; Reichtum ist ein Zeichen Gottes dafür, dass er den reichen Menschen besonders lieb hat. (Da es mehr reiche Männer als Frauen gibt, ist natürlich klar, dass die Männer Gott näher stehen, prinzipiell.)

Politische und religiöse Wahrheiten kann man wissenschaftlich überprüfen – selbst in der Religion. Also wenn man Gott, zumal den christlichen Gott, von seinem zentralen Element, der Nächstenliebe, aus betrachtet, kann es nicht sein, dass er Menschen wegen ihres Geldes bevorzugt. Er könnte sie wegen ihrer guten Taten bevorzugen, die sie mit dem Geld machen. Er könnte sie, wegen ihres kritischen Verstandes, ihrer Selbstkritik, trotz Reichtum besonders lieben. Aber dann würde Trump wohl eher nicht zu den von Gott besonders geliebten Menschen gehören und jetzt die Chance bekommen, noch reicher zu werden.

Im christlichen Gott war unsere „Geltungslogik der Menschenrechte“ vorangelegt. Doch missbraucht wurde dieser schöne Gedanke der Gleichheit und Gerechtigkeit aller Menschen (vor Gott und dem Gesetzt), stets von Menschen, die das andere glauben ließen, um sich zu bereichern. Trump und die anderen Eliten Amerikas sind da nicht die ersten.

Trump will ja das Geld von den armen Mexikanern nehmen, damit die reichen US-Amerikaner noch reicher werden können – ungestört von den Unterschichten ihrer eigenen Gesellschaft, die angefangen haben, zu protestieren. Für Trump gibt es demnach wieder Untermensch bzw. von Gott erwählte Amerikaner und den Rest der Menschheit. Das passt gut zur israelischen Außenpolitik. Auch hier begründet man, dass manche Menschen, also die eigene Gemeinschaft, wertvoller ist, als andere, durch Gott: Der will das so. Einfach so.

Wissenschaftlich gesehen sind wir erst mal alle Bewusstseinswesen. Aber dieses Bewusstsein, das Wissen, um unser Leben und Sterben, hat uns auch zu Narzissten gemacht, zum einzigen Wesen, das gezielt sein Leben verbessern will und kann. In der Gruppe bedeutet das immer Hierarchie, Status, Aufstieg. Wir wollen für uns und unsere Leute ein besseres Leben.

Insofern predigt Frau White-Cain den puren Narzissmus. Und leider bestätigt sie damit nicht so sehr Gottes Willen, aber das wissenschaftliche Modell der Neuro-Psychoanalyse vom Menschen. Letztlich ist Gott und Trump somit ein großer narzisstischer Witz. Aber keiner kann über ihn lachen, nicht mal Trump selbst. Denn großen Narzissten fehlt die Selbstironie, das macht sie so gefährlich.

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Freiheit heute

Freiheit ist ein zentraler Begriff in der Geschichte der Menschheit, bis in die Gegenwart hinein. Die Selbstgestaltung des Lebens in der Gemeinschaft und gegenüber der Natur ist das, was uns Menschen weitestgehend abhebt, vom Rest der Lebewesen. Und trotzdem reicht unsere Freiheit und Selbstbestimmung nie so weit, wie wir es, aufgrund der narzisstischen Natur unseres Bewusstseins, gerne hätten.

All unsere großen aktuellen Probleme kreisen daher auch um das Thema Freiheit. Doch häufig wird ihr Inhalt nicht definiert, ist ihre Abgrenzung schwammig und pauschal, wird die Freiheit als emotional aufgeladenes „Schlagwort“ verwendet. Regierungen streiten um Handelsfreiheit, Reisefreiheit, Entfaltungsfreiheit (die wir anscheinend doch nicht allen Menschen gleich zugestehen wollen und können). Wir verteidigen unsere „Freiheit der westlichen Lebenskultur“ gegen Islamismus und Terroristen. Wir unterwerfen uns, zum Schutz unserer Freiheit, zunehmender Überwachung oder Bündnissen mit Diktatoren, die ihrem eigenen Volk keine politische Freiheit zugestehen (China, Türkei etc.). Wir werden durch die Digitalisierung durchleuchtet, berechenbar, manipulierbar. Unsere privatesten Daten gelangen an Orte, von denen wir nichts wissen, werden von Konzernen und Geheimdiensten ausgewertet, die dann gezielt versuchen, unsere Freiheit, zugunsten ihres Erfolges, zu unterwandern. Die Produktion der Waren orientiert sich immer stärker am Mainstream der Konsumentenwünsche und schränkt die Wahlfreiheit dadurch ein: Es wird nur noch produziert, was den Geschmack der Masse trifft. Gleichzeitig überfordert die freie Wahl in der riesigen Konsumwelt viele Menschen.

Die ständig weiter zunehmende Masse an Werbebildern und geschönten „Lebenszeugnissen“ in den sozialen Netzwerken, geben stets vor, ein angeblich „freies“ Leben zu führen und folgen doch nur einem ästhetischen Standard (weiße Strände, Partys auf teuren Dachterrassen mit schönen jungen enschen, perfekte Natur, kühle Lifestyl-Getränken in der Hand). Der zunehmende Widerspruch fördert gezielt fremdbestimmende Sehnsüchte. Gleichzeitig wird unsere Arbeitskraft minderwertig, überflüssig und unsere Wahlmöglichkeiten werden dadurch eingeschränkt.

Durch „Nuddging“ versucht uns die Politik mittlerweile zu besseren Verhaltensweisen zu drängen: Um das bisherige Wohlstands-System zu erhalten, werden unsere Freiheiten subtil vom Staat beschnitten. Big Brother entscheidet, was das Beste für uns ist (pünktlich Steuern zahlen, weniger Energie verbrauchen, nicht Rauchen, gesünder Essen, mehr Bewegung etc.). Denn weder Wissenschaft, Wirtschaft oder Politik trauen den Menschen heute noch eine vernünftige, selbstbestimmte, eigenständige Verwaltung ihrer Freiheit zu. Doch diese neue Sicht auf den (zunehmend) fremdbestimmten Menschen und seine unbewussten Verhaltensautomatismen wird nicht öffentlich und frei zur Debatte gestellt. Stattdessen wird das Bild von der determinierten Biomaschine Mensch immer weiter manifestiert, mit dem Versprechen, ihn reibungslos und besser zu verwalten.

Auf der anderen Seite bedroht die zunehmende Verunsicherung und Wut die innere und äußere Freiheit vieler Menschen, „flutet“ unsere Weltsicht und bedroht unsere demokratischen Werte. Unsere Sozialsysteme, Krankenversicherung, Schulbildung zerfallen in unterschiedliche Standards, der drohende Abstieg wird greifbar. Angst – dieses dominante psycho-somatische Gefühl – schränkt Erkenntnisfähigkeit und Sozialkompetenz ein. Angst wird größer, dominanter, fremdbestimmender, je unreifer unsere Selbststrukturen, unsere Möglichkeiten der eigenständigen „Reizberuhigung“ dieser Basisemotion sind.

Angst ist aber kein atomistischer pauschaler Warnmechanismus. Sie erklärt sich nicht durch ihr bloßes Auftreten, ihre Benennung, wie es in der akademischen Psychologie üblich ist (s.o.). Sie ist immer eingebunden in ein komplexes System des psycho-somatischen Selbstwertgefühls, in eine kulturelle Werteordnung. So wie es kulturell unterschiedlich ist, wofür wir uns schämen, ist es auch unterschiedlich, wovor wir und wie stark wir Angst haben – und wie wir mit dieser Angst umgehen.

Viele Menschen nehmen Freiheit vor lauter Angst, Unsicherheit und Orientierungslosigkeit nur noch als abstrakten Begriff wahr, als Norm, ohne konkreten Inhalt oder als Privileg der Eliten. Doch auch schlanke, erfolgreiche und gut gekleidete Menschen, mit perfekten Partnern und Traum-Familien, haben immer stärker den Gedanken: Will ICH das wirklich? Kommt da noch was (jenseits der ewigen Leistungssteigerung)? Bestimme ich mein perfektes Leben überhaupt selbst?

Freiheit ist ein psycho-somatische Komponente in der menschlichen Überlebensstrategie. Unser Überlebenswillen als (teilweise) Selbstbestimmung ist von Anfang an unserem menschlichen Dasein immanent: Unser Bewusstsein gebiert unseren Narzissmus und ist Freiheit und Unfreiheit zugleich.

Die prinzipielle „Angebundenheit“ an unsere körperlich-psychische, evolutionierte Existenz begrenzt unsere Möglichkeiten, auch wenn wir diese Möglichkeiten durch Erkenntnisse, Erfindungen und persönliche Selbstwirksamkeit erweitern können. Um diese Möglichkeiten der Freiheit individuell auszuschöpfen und selbstbestimmt umzusetzen, muss unser narzisstischer Lebenstrieb durch die heranwachsenden Selbststrukturen eine Reizregulierung und Reifung entwickeln: Genau hier liegt die von vielen Menschen empfundene Dissonanz, zwischen Erkennen und Handeln. Diese Dissonanz zwischen Wissen, Wollen und Können ist der geltungslogische Kern der Willensfreiheit.

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Der elektronische Mönch

Douglas Adams, der Autor von „Per Anhalter durch die Galaxis“ hat einen elektronischen Mönch erfunden: Er übernimmt den Glauben, für alle, die nicht mehr selbst glauben wollen oder können. Der elektronische Mönch ist quasi das selbstfahrende Auto fürs Hirn. Denn letztlich ist die Funktion unseres Gehirns, alles mit Bedeutung und Glauben aufzuladen, mit Wert und Zusammenhängen zu versehen. Dazu ist unser Hirn nämlich da: Es wertet die Informationen aus Körper und Umfeld für unser Überleben. Und unser Selbstwertgefühl ist das Messinstrument. Die Werte, die es zu messen gilt, bestehen aus Emotionen. Deshalb haben wir auch gar keine Vernunft und handeln auch nicht vernünftig. Wir glauben und werten – selbst wenn wir an die Wahrheit der Wissenschaft glauben, oder an Donald Trump oder Seelenwanderungen. Wissenschaft ist auch nur ein Glaubenssystem, das mit empirischer Überprüfung glaubt, Wahrheit zu generieren. Dieser Glaube hat das Leben zwar verlängert und wohl auch erleichtert, aber nicht unbedingt glücklicher gemacht.

Ein elektronischer Mönch würde all das übernehmen, ob nun religiöse Wahrheitsglauben oder Technik-Utopien oder Finanzvorstellungen oder, oder, oder. Fragt sich nur, was wir Menschen dann machen. Vielleicht fangen wir an völlig sinnlos zu leben, wenn wir durch unseren Glauben und das damit verbundene Streben nach Besserem nicht mehr abgelenkt werden.

Wenn uns dann jemand fragt, warum wir etwas tun, wissen wir es nicht – so wie Tiere und Pflanzen: Es ist – einfach so. Wir lesen, einfach so, kaufen ein, einfach so, treffen uns mit Freunden. Wir wählen Menschen, weil sie nett sind – und nicht weil sie eine bestimmte politische Richtung vertreten, von der wir glauben, sie sei die beste. Wir arbeiten, weil es Freude macht – und nicht weil es wichtig ist, für unsere Karriere oder das neue Kleid oder Haus oder Kind, was wir glauben haben zu müssen.

Wenn die Maschinen dann noch die Arbeit übernehmen und wir ein bedingungsloses Grundeinkomme haben, dann würden wir sogar von der Last der Entwertung befreit. Denn das ist ja auch nur Einbildung und Glaube. Es ist der Glaube, dass wir ein Wert hätten, in diesem Universum, den uns jemand wegnehmen könnte. Was für ein Irrglaube.

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2017 wird farbig!

Der neue Feind Nr. 1 für 2017 lautet: Fake-News. Martin Schulz, als neuer Star am deutschen Polithimmel, hat sich ihre Bekämpfung auf die von ihm frisch gehisste Deutschlandflagge geschrieben. Donald Trump dagegen bestreitet ihre Existenz bzw. Wirkung, genauso wie er den Klimawandel bestreitet.

Seit Tagen werde ich im Netz dazu aufgefordert Friedensaufrufe zu liken. Ich habe noch nie etwas geliked (jedenfalls kann ich mich nicht daran erinnern), um Herrn Zuckerberg nicht die nötigen Daten über mich zu liefern, damit er mich nicht mit Fake-News manipulieren kann.

Seltsamer Weise sind die Fake-News ja immer mit „bösem“ Inhalt versehen: Hass und Lügen zugunsten schlechter Menschen. Für mich als Psychologin und Erkenntnistheoretikerin ist das logisch bzw. geltungslogisch: Die Wahrheit fördert das Gute. Sie tut oft weh, vor allem kränkt sie unseren grundsätzlichen Narzissmus. Denn meistens deckt sie Selbstlügen auf, Ohnmacht und unsere banale Eitelkeit. Und deshalb benutzen Menschen, die sich nicht der Wirklichkeit und somit der Wahrheit stellen wollen, Fake-News. Sie wollen eine Welt, wie sie ihrem Narzissmus gefällt. Und sie wollen keine Welt, in der – logischer Weise – alle Menschen gleiche Rechte auf Wohlbefinden haben.

Doch gegen Fake-News und infantilen Narzissmus (auch kleine Kinder denken ja die Welt wäre nur für ihr Wohlbefinden da und nicht für alle), helfen keine Likes. Sie sind nur bequem und geben einem das gute Gefühl, mit einem Klick ein guter Mensch zu sein. Leider gehört zum Weltverbessern mehr Mühe.

Wie wäre es denn 2017 jede Menge Good-News im Netz zu verbreiten?! Macht mehr Arbeit als Liken, beim Suchen und Schreiben oder Fotografieren, bewirkt aber sicher mehr.

Hier also mein Good-News für die Jahreswende: Wir leben in spannenden Zeiten und endlich müssen alle Farbe bekennen und können nicht mehr nur mitschwimmen. Das Private ist endlich wieder politisch und nicht mehr nur Sofa-Surfing. Juchhuh, jeder Mensch muss seinen Verstand, seine Selbstreife und seine Handlungsbewusstsein unter Beweis stellen: Die beste Voraussetzung auf dieser Welt, mal wieder richtig was zum Besseren zu wenden.

In diesem Sinne: Guten Rutsch in ein handlungsoffensives 2017!

 

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Gelikte Weihnacht all überall

Im Radio hörte ich dieser Tage Backanweisungen für Hundekekse zu Weihnachten. Direkt danach wurde verkündet, das Trump die amerikanischen Atombomben nachrüsten will: Kosten 1 Milliarde Dollar. Beide Informationen auf einem ARD-Sender – also nicht postfaktischer, sondern seriöser Journalismus.

Gleicht das eine das andere aus? Ist die private kuschelige westkapitalistische Welt ein Bollwerk gegen die wachsende Bedrohlichkeit? Oder bedingt das eine das andere? Sind die millionenfach gelikten Katzenbilder im Netz mitschuld, an den Milliardenkosten für neue Atombomben?

70 Likes auf Facebook braucht es, um genaue Persönlichkeitsprofile zu erstellen, die findige Wahlberater in Donald Trumps Wahlsieg verwandet haben. Fakenews zeigen dabei deutlich, wer sich mit seiner Wut am besten manipulieren lässt.

Zwischen Bestätigung und Aufmerksamkeit auf der einen Seite und Manipulation und Ausbeutung auf der anderen Seite, müssen wir unsere Identität im Zeitalter des Internet behaupten. Diversität gegen Ressentiment scheint sich als Grenze dabei einmal um den Erdball ziehen.

Selbstreflexion der eigenen emotionalen Muster kann man jedem fürs nächste Jahr empfehlen. Und: Die kuschelige Nische der netten Neutralität wird nicht mehr reichen, um darin weiter zu leben. Sie bedroht sich selbst. Sie ist längst durchdrungen, von den Interessen der Menschen, die daraus aktiv ihren Nutzen ziehen – leider nicht zum Nutzen von Frieden und Sicherheit und nachhaltigem Leben.

„Das Private ist politisch“, pflegten die 68er zu skandieren. Sie hängten die Klotüren in den Wohngemeinschaften aus. Heute sind die Türen an den Köpfen längst ausgehängt: Facebook weiß besser, wer wir sind, als unsere engsten Angehörigen – und sogar als wir selbst. Wir sollten dringend mit Selbsterkenntnis und Selbstbestimmung nachrüsten, sonst ist das Politische bald zu 100% das Private.

Wer also Weihnachten liked, sollte direkt danach Adolph Hitler googeln. Das verwirrt sie.

 

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Utopia

Vor 500 Jahren ist das Buch „Utopia“ des englischen Humanisten Thomas Morus erschienen. „Natürlichen Willen“ hat er das Streben nach dem Geld genannt, nach Status und Macht. Doch Privateigentum geht nach seiner Überlegung immer auf Kosten anderer.

Die Natur unseres Narzissmus, die Erbsünde unserer Gier, hervorgebracht durch das Bewusstsein, Erkennen, Streben nach mehr, ist das menschliche Überlebens-Prinzip. Ohne Privateigentum funktioniert eine Gesellschaft nicht.

In Utopia, wäre der Sinn des Lebens aber nur sein störungsfreier Vollzug. Das Gute wäre das Gerechte, das christliche Jenseits erfährt hier seine innerweltliche Vollendung. Diese Grausamkeit einer „Ratio-Farm“ hat die Wirklichkeit der kommunistischen Idee als triste Zwangsveranstaltung vorgeführt. Doch müssen wie deshalb in einer Gesellschaft leben, die alles nach dem Geld bemisst?

62 Menschen auf dieser Erde besitzen genauso viel, wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung.

Mehr Gemeinwohl durch globale Gesetze und eine gemeinsame Exekutive der Staaten ist aber auch utopisch.

Mehr Gemeinwohl in Städten und Firmen, als kommunales Klima unserer direkten Umgebung, geben uns dagegen den Luxus eines sinnvollen Lebens, durch das Gefühl der Anerkennung von den Menschen, die wir kennen.

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Die PISA-Oper

Die Wiener Staatsoper leidet an schlechten Inszenierungen – trotz hoher musikalischer Qualität. Etwas Vergleichbares könnte man von den westlichen Demokratien behaupten: Auf vielen der demokratischen Gebieten ist Idee und Musik gut, die reale Inszenierung aber schlecht. Das verdirbt das Gesamtbild.

2005 und 2012 haben alle Hamburger Abiturienten die LAU absolviert (Lernausgangsuntersuchung). Beide Gruppen hatten den gleichen Lernstandart – obwohl es 2012: 33% ! mehr Abiturienten gab. Das Abitur und seine Leistungsanforderungen sind also nicht verwässert. Förderung war das erklärende Zauberwort. Zweiklassengesellschaft ist die Folge: Menschen mit und ohne Abitur.

Mittlerweile fängt jeder zweite junge Mensch in Deutschland ein Studium an, trotz wachsender Anzahl von Migrationshintergründen. Gleichzeitig erklären immer mehr Eltern ihre Kinder zu Hochbegabten, um irgendwie eine Exklusivität für sich herzustellen. Aber da gibt nach wie vor nur 2%, denn die IQ-Tests passen sich der Realität an: Der Durschnitt bleibt bei 100, auch wenn dafür heute viel mehr Kompetenz gebraucht wird, als vor 50 Jahren. Hochbegabt ist man erst ab 130 und da haben sich, trotz all der Förderung, eben immer nur 2% der Gesamtbevölkerung finden lassen.

Das Handwerk hat Nachwuchssorgen. Denn dort brauch man nämlich auch Abiturienten, da Klemptner oder Dachdecker ohne digital gesteuerte Maschinen und die Auswertung von Daten nicht mehr auskommen. Doch wer braucht noch all die jungen Menschen ohne Abitur? Sind das jetzt schon die AfD-Wähler von morgen?

Gleichzeitig können immer weniger Schüler gute von schlechten Informationen unterscheiden. Sie halten pauschal Statistiken für gut, so dass sie jeder Verschwörungstheorie oder gesponserten Info, die bunte Graphiken aufweist, Glauben schenken. Das Internet ist das beste Instrument, um Informationen zu bekommen, das wir je hatten. Doch die Menschen müssen heute lernen, gute von schlechten Informationen zu unterscheiden. Dazu braucht es, als Referenzrahmen, eine große Allgemeinbildung und den Willen zum „Selbstdenken“.

Wohlbefinden und Sozialkompetenz sind bei den Erhebungen von PISA übrigens erst seit 2015 dabei – werden aber erst 2017 veröffentlicht. Mal sehen, wie weit die gute Idee und die reale narzisstische Entwicklung hier wieder auseinander fallen werden.

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Was nun: heute?!

Seit gestern mach ich mir Gedanken, was nach der Trump Wahl, wohl noch zur heutigen Bundespräsidentenwahl in Österreich und zum Wahl in Italien zu analysieren wäre…. Und dann viel mir auf: Die pure Angst blockiert das klare Denken. So geht es mir wohl wie so vielen – die sich dann aber leider auf die Seite einfachgestrickter Utopien und Fremdenhass ziehen lassen.

So muss ich am heutigen Wahlsonntag, an dem ein weiteres europäisches Kernland „fallen“ könnte, feststellen: Es ist das Aushalten der Angst und die Bereitwilligkeit zum Kampf über das eigene Selbstwertgefühl hinaus, das den Unterschied ausmachen…

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Industrie 4.0

In der Neuzeit waren die technischen Revolutionen stets die Ursachen für die entscheidenden Veränderungen in unserer Lebenswelt: Rationale Überlegungen und vernünftige Diskurse waren niemals der Auslöser. Der Fortgang der Geschichte erfolgt als Reaktion auf die vom Narzissmus getriebenen Entwicklungen, der ewige Versuch durch Erfindungen ein bessers Leben zu haben. Wer also heute überrascht ist, über irrationales Verhalten von Wählern und die emotionale Dominanz ihrer Entscheidungen, sollte wissen: Der Mensch hat noch nie rational entschieden, gehandelt oder gewählt. Das kann er gar nicht.  

Manchmal sind seine Entscheidungen „auf der richtigen Seite der Geschichte“. Doch sind sein Wertgefühl und seine Hoffnung auf eine bessere Zukunft instabil und angegriffen, übertreffen die großen narzisstischen Illusionen jede Logik und Geltungslogik (aus bisherigen Erfahrungen), die wir aus der Geschichte ziehen können. Die politischen Ansichten sollen  dann nur die eigene Bedürftigkeit stabilisieren.

Die Suche und Hoffnung auf den eigenen zukünftigen Vorteil, ist stets ein narzisstischer, unbewusster, der oft schlecht zum moralischen Selbstbild passt. Nur wenn sich – zufällig – die Moral mit materiellem Zugewinn deckt, erweckt das nach außen hin den Anschein von sozialem Fortschritt, rational-sozialem Verhalten.

Das Streben nach dem besseren Leben hat vor allem ein narzisstisches Ziel: Mehr Status, Anerkennung, Bestätigung. Und das muss nicht materiell sein. Alternatives Statusdenken (ökologische Korrektheit oder gute Bildung) lehnt kapitalistisch-materielle Statussymbole sogar eher ab, ohne dabei natürlich auf andere Statussymbole zu verzichten (Bildungstitel, Ökobilanz, alternative politisch korrekte Marken etc.).

Das Selbstwertgefühl in der eigenen Gruppe hat das Denken und Handeln der Menschen von jeher bestimmt. Dabei liegen intellektuelle oder politische Korrektheit, in ihrem narzisstischen Anspruch, gleichauf mit wirtschaftlichem Elitedenken. Das kapitalistisch-demokratische Gesellschaftssystem gibt sich den Anstrich des rationalen materialistischen Fortschritts – und funktionierte doch nur so lang, wie es das Selbstwertgefühl und narzisstische Streben der meisten Menschen mit materiellem Status stabilisierte.

Von den Dampfmaschinen (Industrie 1.0) über die Elektrifizierung (Industrie 2.0), die Maschinen als Mitarbeiter (Industrie 3.0) gingen technischer Fortschritt, Wohlstand, Stabilität und narzisstische-materialistische Selbstaufwertung 150 Jahre Hand in Hand. Doch die seit ca. 20 Jahren stattfindende Digitalisierung aller Arbeitsschritte (Industrie 4.0) löst diesen Vertrag der narzisstisch-materialistischen Utopie (Reichtum für alle), einer andauernden Selbstwertstabilisierung durch Wohlstand und Fortschritt, gerade auf. Die einhergehende Klimakatastrophe, als Bedrohung der Zukunft, hat dabei noch immer weit weniger narzisstische Relevanz als Arbeitsplätze und Statusautos.

Industrie 4.0 (als typisch deutscher Begriff) wird von der Industrie gefeiert wie ein Heilsbringer, der das narzisstische System der vergangenen Jahrzehnte weiter vorantreibt, als Kapitalismus der Zukunft schmerzhafte Veränderungen und einen Kulturwandel doch noch vermeiden kann. Doch neben der Beschwörung „ungeahnter Möglichkeiten“, die wie alle Utopien gerne vorgeben unseren banalen narzisstischen Lebensalltag hinter sich zu lassen, geht auch die große „Disruptions-Angst“ mittlerweile bei Managern und Gutverdienern um. Man könnte den Anschluss verpassen, abgehängt werden, dem Fortschritt selbst zum Opfer fallen. Silicon Valley treibt scheinbar die Welt in rasender Geschwindigkeit vor sich her. Doch utopische Gewinnversprechen, neue Märkte und eine optimale Durchleuchtung und Manipulation des Kunden, versuchen die Hoffnung immer noch über die Ängste siegen zu lassen. Vernünftig ist beides nicht.

So bleibt mittlerweile die existenzbedrohende Angst und Ohnmacht nicht mehr nur an denen hängen, die dieses System bereits aussortiert hat. Mangelnde Perfektion, Geschwindigkeit und Kosten-Nutzenrechnung verteilen die steigenden Gewinne auf immer weniger Profiteure. 

Der Chefankläger der Nürnberger Prozesse Robert Jackson wollte 1946 grundsätzlich deutlich machen: Für die Grausamkeiten zwischen Völkern sind nicht höhere Gewalten, abstrakter Wesen, juristische Institutionen oder Ideologien zuständig: sondern Menschen.

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Trump-Frauen

Eines der großen Phänomene der Trump-Wahl ist die Tatsache, dass ihn, trotz seiner Frauenfeindlichkeit, so viele Frauen gewählt haben. Ich glaube das hat verschiedene Gründe.

Zum einen ist Hillary Clinton zu selbstverständlich davon ausgegangen, dass Frauen nur sie wählen können. Doch viele Frauen hassen das Establishment noch mehr, als Frauenfeindlichkeit. Hillary ist mit ihrer abgehobenen Art und ihrem falschen Lachen eine Frau, die gerade Frauen hassen, als falsch und selbstsüchtig bezeichnen, selbst wenn sie nicht Präsidentin hätte werden wollen, sondern nur in der Nachbarschaft wohnen würde. Es gibt kein härteres Urteil von Frauen über Frauen, als den Vorwurf der Arroganz und Abgehobenheit. Umgekehrt gibt es kein größeres Kompliment, als von Frau zu Frau zu hören: Du bist ja gar nicht arrogant, so wie ich Dich anfangs eingeschätzt habe.

Doch ein zweites, vielleicht noch wichtigeres Element, sind die Frauen, die Trump umgeben: Seine Ehefrau Melania, seine Töchter und Schwiegertöchter. Sie sehen alle perfekt aus, Models im amerikanischen Maßstab. Und sie stylen sich auch so, wie jede Amerikanerin Weiblichkeit versteht: Tiefer Ausschnitt, vollbusig, kurzer Rock hohe Schuhe, langes lockiges Haar. Wer je „Let´s dance“ gesehen hat in den USA und nach 5 Minuten die Kandidatinnen und Eintänzerinnen nicht mehr auseinander halten kann, weiß dass es in den USA ein völlig einheitliches Schönheitsideal gibt, von dem niemand abweicht, das sich als maximaler Erfolg von Weiblichkeit universal von der Ost- zur Westküste etabliert hat. Und es scheint mir so, als gäbe das Orientierung in den für Frauen so neuen Zeiten der Emanzipation. Wer so aussieht kann Hausfrau sein oder Karrierefrau, Kellnerin oder Managerin: Frau hat dann einen absoluten indiskutablen Wert, den ihr niemand absprechen kann.

Es ist seltsam zu sehen, wie selbst in New York jede Durchschnittsfrau oder hart arbeitende Managerin versucht an dieses Ideal heranzureichen, wie sie, ob es ihr nun steht oder nicht, sich verkleiden, Haare anklebt, operieren lässt, um möglichst viele Punkte des Einheitsmaßes zu erfüllen. Die Machbarkeit als amerikanisches Kulturgut zählt dabei viel. Man ergibt sich nicht in das Schicksaal, holt raus, was möglich ist. Das wird nicht als künstlich, sondern als tuff und erfolgsorientiert empfunden.

Und: Männer geben Frauen ihren Wert, ihr sexuelles Interesse , steht über allen anderen Bewertung. Ob ein Mann Intelligenz, Fleiß, Erfolg, Fairness oder Häuslichkeit an einer Frau schätz: Immer soll sie so aussehen wie die Trumpfrauen. Das ist unabhängig vom Rest. Daher ist nicht nur von viele Männer Trumps Bekenntnis zum Grapschen als eher ehrliches Statement bewertet worden („Jeder Mann will doch schöne Frauen begrapschen…“). Sondern auch viele Frauen haben das als Kompliment gesehen, als Aufwertung. Wenn ein erfolgreicher Mann (und materieller Erfolg ist in den USA das Leitbild der Kultur) eine Frau begrapscht, dann muss das wirklich eine sehr sehr attraktive Frau sein, eine die aussieht, wie die Frauen, die Trump umgeben. Wer als Frau Macht haben will oder in die Nähe der Macht kommen will, muss so aussehen. Und wenn die Welt zusammenfällt: Diese Orientierung bleibt.

Doch denkt Frau mal länger drüber nach: Auch hier in Europa und überall anders auf der Welt, ist es immer noch selbstverständlich, dass Männer ständig und ungefragt ihr Urteil über Frauen fällen. Kaum ein Mann würde es umgekehrt ertragen, wenn er über seine Frisur, seine Kleidung, seine Figur oder seine Fitness täglich irgendeinen eindeutigen Blick (der Zustimmung oder Abwertung) oder Kommentar hören würde. Man stelle sich vor, Trump stände im Aufzug seines eigenen rosa-goldenen Marmor-Towers und eine Frau würde ihm zwischen die Beine grapschen. Oder eine Moderatorin würde ihm erklären, dass er sich ganz gut gehalten habe für sein Alter, ein paar Pfunde weniger wären aber trotzdem gut.

Vielleicht sollten wir Frauen als Protest gegen Trump und das Weltbild seiner Wähler und Wählerinnen mal nicht mehr hinter all dem Lob von Männern hinter her rennen, sondern selbst lautstark und ungefragt urteilen. Ab und zu ein „geht ja gar nicht“ oder ein „na Du sahst auch schon mal besser aus“ würde auch den schlimmsten Macho aus der Fassung bringen und zur Empathie zwingen.

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Not my Triumpf

Heute Morgen hat Donald Trump verkündet, er werde doch nicht die Krankenversicherung Obamas (Obama-Care) einfach so einstellen. Nach seinem Besuch bei Obama im Weißen Haus, gleich am ersten Tag nach seiner Wahl, wäre ihm klar geworden, Kinder müssten dringend weiter versichert bleiben, bei ihren Eltern, sagte er dazu.

Kein Wort mehr über Obamas Unfähigkeit oder Hillarys Inhaftierung. Man hat fast den Eindruck, Trump ist selbst überwältigt davon, dass er nun wirklich das erste Mal im echten Weißen Hause sein durfte, dass alle Republikaner, die ihn vorher für den Teufel hielten, ihm nun hinterherrennen.

Doch seine schon wieder heftigen Tweets gegen die weiterlaufenden Proteste vor seinem Trump Tower haben gezeigt: Narzissmus ist nicht heilbar. Nicht mal durch eine Wahl zum amerikanischen Präsidenten – und was gäbe es mehr zu erreichen, für jemanden, der sich für den Größten hält.

Das Problem der Narzissten ist, wenn sich etwas von ihren Größenwahnvorstellungen dann wirklich mal in der Realität einstellt, kommen sie in eine Art kurze Phase der Instabilität. Ihre Ziele fühlen sich in der Realität nur kurz so an, wie sie es sich erträumt haben. Die immense Energie, aus der narzisstischen Minderwertigkeit, ist plötzlich richtungslos, kommt für einen Moment zum Stehen – um sich dann neue Ziele zu suchen, neue Utopien, die alles sortieren, Hass und Vergoldung wieder klar ins „perfekte Reich des ewigen Morgen“ verschieben.

Doch was macht man als narzisstischer gewählter Präsident der USA? Da es nun mal kein mächtigeres Amt auf Erden gibt und Trump nicht sehr religiös zu sein scheint (da werden sich die konservativ-christlichen Anhänger noch wundern), wird er, der Diagnose des Narzissmus entsprechend, furchtbar unter jeder Form der Kritik leiden. Es gibt keine Flucht mehr in etwas noch Besseres und so wird jeder Protest gegen ihn sein persönliches Problem werden. Seine Tweets, als Reaktion auf weitere Proteste gegen ihn nach der Wahl, zeigen das jetzt schon. Doch was wird geschehen, wenn er die Arbeitsplätze, ja den versprochen Reichtum für all die Abgehängten nicht bringen wird? Wie wird er reagieren, wenn in wahrscheinlich in einem Jahr (spätestens in zweien) Tausende seiner Wähler, tief enttäuscht und voller Hass, gegen ihn auf die Straße gehen werden?!

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Populäre Populisten

Was geht eigentlich in den Köpfen der neue Rechts-Wähler vor? Das werde ich immer wieder gefragt. Wieso blüht er immer wieder auf, der Populismus, ohne gefördert zu werden, während man für Demokratie und „das Gute im Menschen“ bewusst kämpfen muss? Warum ist Demokratie keine Selbstverständlichkeit, während  Populismus quasi „von Natur aus“ im menschlichen Verhalten verankert scheint? Zuerst mal: Was ist das eigentlich, Populismus?

  1. Populisten glauben, dass Homogenität (ein „reiner Volkskörper“, Rasse, Abstammung) alle Probleme lösen wird. Ein echtes, wahres Volk würde in einer Art unbestimmten Glückseligkeit, aus Wohlstand, Fairness, Zusammenhalt endlich das Leben führen, das „man verdient“.
  2. Das eigene wahre Volk ist anderen überlegen – von Natur aus – also in der genetischen Abstammung (früher hieß das Blutlinie) und durch seine darauf basierende Kultur.
  3. Das wahre Volk braucht keine Demokratie; es  funktioniert einfach so. Die guten Machthaber beschließen stets das Richtige für das wahre Volk. Es sind immer Männer. Frauen bekommen eine sekundäre Rolle als Dienstleister für die Männer (bestätigende Sexpartnerinnen, Mütter ihrer Kinder, Heimbewahrerinnen, Putzfrauen, Köchinnen). Und die Frauen des wahren Volkes wollen das auch so, denn es ist besser so und tut allen gut.
  4. Alle haben die gleiche richtige gesunde wahre Religion, Sexualität, Abstammung.
  5. Es gibt Feinde des wahren Volkes, Eliten und Schmarotzer, innen und außen, die das echte Volk unterwandern, schwächen wollen, zersetzen. Sie lügen und manipulieren Wahlen, um den wahren Volkswillen zu verhindern.

Wer das für dumm und albern hält, stellt sich selbst über dieses einfache schwarz-weiß Bild der Nationalisten – und befördert die Populisten genau durch diese pauschale unbegründete Haltung. Leider. Denn es fällt wirklich schwer, das seltsame Weltbild zu verstehen und die psychodynamische Funktionsweise dahinter.

Es braucht eine differenziertere Analyse dieser Selbst- und Weltsicht der Populisten, um ihrer Gefahr zu entgehen. Wenn wir nicht verstehen, was hinter dieser einfachen Ordnung, diesem Traum von „wir sind die Überlegenen, Guten“, die anderen sind die „schlechten, Neider, Verseucher“ steht, kann man es nicht auflösen. Vom dritten Reich bis zum Balkankrieg, vom USA Wahlkampf bis Polen und Ungarn, Frankreich, Sachsen, Brexit etc. tauchen seit einiger Zeit diese Parolen und Wählerstimmen wieder offensichtlich und als Massenbewegung auf.

Es sind so viele, weil die unreife, infantile Psyche ein weitverbreitetes Phänomen ist (und das ist hier als Fachdiagnose gemeint). Der einfache psychische Haushalt, einfache Orientierung, ein einfaches Gut und Schlecht, ist fürs Selbstwertgefühl erleichternd. Man sagt auch in der Psychologie: Es handelt sich um eine einfache Reizberuhigung d.h. eine kindliche Selbstberuhigung der Ängste und Überforderung. Dazu kommt: Die pseudowissenschaftliche Begründung. Man will die absolute Richtigkeit und Wahrheit des eigenen Standpunktes. Etwas soll „von Natur aus“, als gleichsam biologische Wahrheit des Schöpfers, richtig sein.

Infantil ist das also deshalb, weil auch kleine Kinder durch ihre Ohnmacht und hilflose Angst gerne einfache Gut-Schlecht-Regeln haben. Diese entsprechen der noch eingeschränkten Selbst-Entwicklung. Leider bleiben viele Menschen auf dieser Entwicklungsstufe aus emotionalem Notstand stehen, weil schon die Eltern kein reiferes Verhalten vermitteln konnten, dem Kind nicht das Gefühl gaben, es ist sicher und es ist wertvoll und es kann Verschiedenheit und Bedürfnisse anderer aushalten, ohne dass diese seine Existenz bedrohen. Stattdessen vermitteln diese unreifen Eltern Kränkungen und Demütigungen, werten andere ab, um sich selbst besser zu fühlen. Mangelnde Intelligenz, als mangelhafte Fähigkeit der Weitsicht, Abstraktion, Schlussfolgerung aus Erfahrung und Geschichte und mangelhaftes Empathievermögen (ich stelle mir vor, wie es den anderen Ausgeschlossenen geht) kommt oft noch dazu.

Die meiste Zeit der Menschheitsgeschichte ist der infantile Narzissmus an der Macht gewesen – und der Gerechtigkeits- und Wahrheitsanspruch der Unterdrückten hat dagegen getrommelt. Man stellt sich selbst immer als gut und überlegen dar, während man eigentlich durch diese Betonung schon bestätigt, dass es anders sein könnte. Erdogan ist ein trauriges Beispiel von „infantilem Narzissmus an der Macht“. Auch Trump, Le Pen und die AfD-Forderen sind vergleichbare infantile Narzissten. Hoffen wir auf die Mehrheit der Selbstreifen: Ob sie im Laufe der Geschichte, sozusagen als Kulturevolution, die infantilen Geister überwunden haben, auch oder trotz bedrohlicher eigner Lebensumstände von einer reifen erwachsenen Weltsicht nicht abrücken, werden wir in der kommenden Woche´sehen. 

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Von Sorge und Blindheit

Carolin Emcke hat dieses Jahr den Preis des deutschen Buchhandels bekommen. Sie ist Journalistin, war beim Spiegel und schreibt für die Zeit, hat Philosophie, Politik und Geschichte studiert, in Frankfurt und in London. In ihrem neusten Buch „Gegen den Haß“ wendet sie sich gegen den Fanatismus. Der Spiegel nennt es „ein Plädoyer für die Freiheit“.

Emcke nennt die Hassenden „Marionetten, die an den Strippen eines Diskurses hängen, der woanders geführt wird“. Ihr „Nachdenken und ihre Sorge“ dienen dem Klima des Fanatismus: Dazu  zitiert sie Goethes Faust, der sich auch schon Sorgen machte. Sie möchte die Verwundbarkeit aller Menschen als „condition humaine“ anerkannt haben, um sie als Gemeinsamkeit gegen den Hass zu stellen und beklagt, dass „die sozialen und politischen Räume“ immer enger werden. Man soll die Vielfalt nicht nur dulden, sondern feiern. Ihr Buch schließt mit dem „Lob des Unreinen“, einen Plädoyer gegen den „Wahn des Homogenen und Identitären“.

Wer sich fragt, warum „die Intellektuellen“ so überrascht sind, vom großen weltweiten Rechtsruck, warum die rechten Schreihälse „Lügenpresse“ skandieren und sich immer weiter unverstanden fühlen, von „denen da oben“, der muss sich eigentlich nur mal in Ruhe ein solches Interview mit den ideellen Ideen-Führern durchlesen. Dabei ist Emcke zwar exemplarisch, aber natürlich nur eine von vielen, die sich in geschliffener Fremdwortmanier und selbstgefälliger Bildungsüberlegenheit ständig für die eigene politisch korrekte Brillanz auf die Schulter klopft – und nun auch noch durch den höchsten Preise der Intellektuellen in deutschsprachigen Raum darin bestätigt wird.

Ich frage mich ernsthaft, wie weit es noch kommen muss, bis die intellektuellen „Wortführer“ verstehen, dass sie mit solchen Aussagen nur immer weiter Öl ins Feuer der „Unverstandenen und Abgehängten“ gießen. Wie lange wollen sie sich noch feiern lassen, auf der politisch korrekten Seite der Macht, um genau damit den Hass und Frust noch weiter anzufachen? Sicher: Sie schreiben für all die Tapferen, die dagegen halten, die aufrechten Bürger, die darin bestärkt werden, immer noch gute Menschen zu sein. Und das ist wichtig. Doch werden so weder die Ursachen für Frust und Hass verstanden, brauchbar analysiert und schon gar nicht bekämpft.

Der geisteswissenschaftliche intellektuelle Rationalismus, der allzugerne von den „anthropologischen Konstante“ absieht und Hass den „Naturgesetzen“ entreißen will, indem er ihn versucht wegzudiskutieren, schein genau das selbst nicht einzusehen, was er allzugerne der „anderen Seite“ vorwirft: Er ist im Unrecht. Hass ist kein Diskursthema. Er ist ein tiefverwurzeltes psycho-somatisches Gefühl. Er entsteht aus Dauerfrust im Lebensalltag, täglicher Erniedrigung und es ist ihm pipegal, ob er damit irgendwelche „Räume“ verengt oder eine condition humaine verletzt, von der er nie gehört hat und sich nur, ob des Fremdwortes, weiter entwertet fühlt.

Es ist längst klar – geltungslogisch, lebensweltlich – dass ein ideales Diskursfeld (aller Habermas) eine rationalen Idealismus vertritt, der nicht mal in den Universitäten Realität geworden ist, die ihn ständig für alle anderen, die Politik und Streitparteien veranschlagen. Es ist klar, dass die intellektuelle Elite sich genauso abgetrennt hat „vom Volk“, wie die Wirtschaftselite, beleidigt in der Ecke sitzt und nicht lassen will, von ihren rationalen Privilegien, sich untereinander mit Preisen selbstversichernd auf die Schulter klopft, statt, bis tief ins Menschenmodell hinein, völlig neu zu denken.

Emcke versucht Menschen mit niedrigem oder gar keinem Bildungsstand ihr eigenes Unwissen vorzuwerfen, die aber diese Vorwürfe vor lauter intellektuellem Geschwurbel gar nicht verstehen. Was soll da bringen, außer weiteren Frust und Hass?!

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Boreout

Eine neue Modekrankheit geht um, vor allem in der hippen Metropole Berlin: Das Boreout (von engl. to bore – sich langeweilen). Im Gegensatz zum Burnout-Syndrom entsteht ein Boreout durch unterforderungsbedingten Stress. Der von ersten Fachleuten sogenannte „Unterstress“ entstehe durch zu wenige und falsche Aufgaben am Arbeitsplatz. Außerdem spielt die Diskrepanz zwischen Fähigkeiten und Anforderungen eine weitere Rolle, bei der Entstehung von diesem Stress-Syndrom.

Dahinter steht das Problem starrer Arbeitszeitkonstrukte: Wer seine Arbeit nicht in der vereinbarten Zeit schafft, produziert Überstunden. Wer die Aufgaben dagegen in kürzerer Zeit erledigt, produziert Leerlauf. Dadurch bleibt der Arbeitnehmer gezwungen, die Zeit anders zu nutzen, als er sie (auch im Hinblick auf die Unternehmensziele, seiner Kompetenz und Qualifikation) gerne nutzen möchte, was das Gefühl quälender Langeweile entstehen lässt.

Der Kontrast dazu wäre das konstruktive „Flow-Erleben“, in dem ein Mensch selbstvergessen in seiner Aufgabe aufgeht. Woher kommt aber die seltsame Zunahme von Gelangweilten, Unterforderten, wenn doch ständig die Leistungsanforderungen erhöht werden oder gerade die einfache, stumpfsinnige Arbeit durch Maschinen ersetzt wird (wie z.B. die gute alte Ablage etc.)? Wie kommt es, dass plötzlich so viele Menschen überqualifiziert sind, für ihre Arbeit, sich selbst in anspruchsvolleren Aufgabenbereichen sehen, glauben, es eigentlich besser können?

Ich habe da eine eigene Erklärung, für dieses seltsame Berliner Boreout-Phänomen: Ich glaube es handelt sich dabei um eine narzisstische Störung, besonders von jungen Menschen, die ein Leben lang von ihren Eltern vermittelt bekommen haben, dass sie ganz außergewöhnliche und besondere Kinder sind, hochbegabt, hochkreativ, und dass für sie nur die beste Ausbildung und Förderung in Frage kommt. Und dann prallen diese Wesen aus der „Narzissmus-Elternhaus-Schneekugel“  irgendwann auf die harte Realität des Alltags, auf all die tausenden anderen Hochbegabten mit Bachelor Abschluss. Und dann wundern sie sich, über die tröge Arbeit, das banale Leben, was ihnen nun bevorsteht.

Eine Freundin von mir stellt junge Ingenieure ein, für eine IT-Consulting Firma. Sie hat mir neulich erzählt, es würden immer mehr Eltern beim Vorstellungsgespräch mitkommen, die unbedingt am Gespräch teilnehmen wollten. Sie wären regelrecht sauer, wenn ihnen das verwehrt wird. Manchmal würden auch später beleidigende Mails gesendet, wenn das fertigstudierte Kind von der Firma nicht eingestellt wird.

Die Realität war schon immer härter als jeder Narzissmus. Traurig nur, wenn man das erst mit Mitte Zwanzig als eine Art Schock erlebt. Und traurig, dass es dafür sofort wieder einen Pseudo-Fachbegriff gibt, mit dem man diesen infantilen Narzissmus zu schonen versucht.

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Bob Dylan ist ein Phänomen.

Bob Dylan ist ein Phänomen. Und zwar nicht wegen seiner gerade mit dem Nobelpreis prämierten Texte. Sondern weil ich keinen einzigen weiblichen Fan kenne. Und dafür männliche Fans geradezu in Ekstase geraten, wenn sie von ihm sprechen. Gerade wurde das bei der Preisvergabe wieder offensichtlich: Nur männliche Fachleute wurden befragt, vom Literaturkritiker bis zum Medienwissenschaftler, keine einzige Frau hat irgendwo auch nur einen Satz zu dieser Überraschungswahl des Nobelpreis-Komitees beigetragen. Und diese ganzen Kommentatoren waren hoch-emotional, haben die ganz großen Begriffe ausgepackt, vom Jahrhundertgenie, von dem prägenden Künstler einer ganzen Generation – und vor allem – ihres eigenen Lebens. Regisseure, Schreiber, Musiker behaupteten, sie wären nur wegen ihm geworden, was sie sind.

Mal davon abgesehen, dass man wahrscheinlich in den Sechzigern jung und auf der Suche gewesen sein muss, um den damaligen Bruch in der Gesellschaft und der Werteordnung wirklich zu begreifen, zeigt sich in Dylan wohl das Männeridol dieser Zeit- und aller Nerds und Verweigerer auf ewig. Dylan singt ihnen aus der Seele, nicht nur gegen Militärmännerideale und sinnlose Autorität. Sondern auch für die schmerzhafte, tiefnarzisstische Selbstsuche. Viele der bekanntesten Dylantexte sind erstaunlich frauenfeindlich, als wären die Frauen, mit ihrer bürgerlichen Vorstellung von Liebe oder ihrer Arroganz der Schönheit, die eigentlichen Feinde, die jeden armen Kerl ins Verderben ziehen, bevor er noch seinen wahren und wertvoll-geniehaften, tiefsinnigen Ich-Weltschmerz-Kern endlich der Welt offenbaren konnte.

Und Dylan entzieht sich und lässt sich nicht konform machen mit den Zielen anderer, den Bonzen der Musikindustrie, den Scheißweibern – und am Ende sogar den Vorstellungen seiner Fans. Er wandelt sich immer nur für sich und bleibt sich darin treu. Und er ist der Nerd, dem alle hinter her rennen und der allen kräftig in den Arsch tritt, meistens ohne Kommentar. Den dürfen dann alle seine Intellektuellen-Fans hinzufügen, indem sie seine angeblich genialen Zitate und Meta-Zitate zitieren und als Geniestreiche verkaufen, was jeder halbwegs interessierte Nietzsche- und Foucault-Leser eigentlich mit Gähnen quittieren muss.

Eines seiner Hauptwörter ist: hide – versteckt oder verbergen, im guten und im schlechten Sinn. Unecht und echt werden hier als klare einfache Orientierung nebeneinander gestellt. Die anderen, die sich feige verstecken und er, der sich selbst treue bleibt, unbestechlich bis hin zum Nobelpreis. Das Idealbild des Mannes, voller Tiefe und Treue und Protest – und darin von allen anerkannt. Nur was für echte männliche Tiefschürfer.

Ich finde es schade, dass so hervorragenden Autoren, wie Roth oder DeLillo oder oder oder wieder leer ausgegangen sind. Wer von Philip Roth mal das Buch „Jedermann“ gelesen hat,  wird Bob Dylan als Scharlatan empfinden – vor allem in Bezug auf den Nobelpreis. Wäre Bob Dylan 30 Jahre später in Deutschland geboren, würden seine Attitüden und Texte viel Ähnlichkeit haben mit Xavier Naidoo. Und den mögen auch nur Männer.  

PS: Und jede Frau, die in ihrem Leben mal mit so einen ich-bezogenen Tiefsinn-Egoisten zu tun hatte, dessen Erwartungen niemand gerecht werden kann, dessen Verachtung aber besonders gerne Frauen trifft, weil sie ja dem armen unverstandenen Kerl seinen Weltschmerz nicht wieder gut machen: Hier ein Tipp. Unbedingt meiden. Denn eigentlich firmiert dieses Verhalten, wie Bob Dylan es an den Tag und in seine Texte legt, unter dem Fachbegriff „weiblicher Narzissmus“. Es zeugt von einer Hybris die er selbst den Frauen stets vorwirft: Die ganze Welt ist scheiße, weil sie einen ständig enttäuscht und man muss ihr daher nur noch mit Arroganz und Verbitterung begegnet – je nachdem, was man sich leisten kann. Und nur für Momente leuchtet mal ein großes nicht greifbares Ideal auf, am Horizont der eigenen narzisstischen Ansprüche, eine sehnsuchtsvolle Verliebtheit oder ein tiefsinniger Text.

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Trump auf der Rechnung haben

76% – also ¾ der ungebildeten weißen Männer mittleren Alters in den USA werden in 4 Wochen Donald Trump wählen. Das hat der Spiegel nach seriösen Erhebungen aus den USA diese Woche verkündet.

Also wenn die USA ca. 319 Millionen wahlberechtigte Einwohner hat und die Hälfte (ca. 160 Millionen) Männer sind und davon sind 2/3 ungebildet (ca. 107 Millionen), wählen also ca. 80 Millionen US Männer Donald Trump (wenn wir mal die Bezeichnung „mittleren Alter“ übergehen, denn der ist jenseits der 30 wirklich alles zuzuschreiben). Und das sind – wie gesagt nur die Männer, die Industriearbeiter der Achtziger und Neunziger, deren Leben sich abgekoppelt hat, von einer „guten“ Zukunft, wie sie sie gelernt und eingeprägt bekommen haben, in ihrer verflossenen Jugend.

Dabei sind sie die Schwachen, die immer schwächer werden im Überlebenskampf, der in den USA ja Privatsache ist. Und genau das widerspricht ihrem erlernten Selbstbild ihrer Jugend, wo der weiße Mann per Definition automatisch der „Leader“ war. Und Donald Trump benimmt sich noch genau so, wie diese 80 Millionen das gelernt haben: gegenüber Frauen, Einwanderern, Nicht-Christen – also allen Nicht-weißen oder Nicht-Männern. Er zeigt diesen anderen Gruppen, dass sie automatisch – also per Geburtsrecht – unter ihm stehen.

Dabei ist gerade dieses Hierarchiedenken das Problem: Durch die alten Einnahmeverhältnisse, die weißen Männern die höheren Löhne zahlten, hat sich ehemals Geld, Status, Hautfarbe und Geschlecht im weißen Mann übereinander gelegt. Und heute ist dies nicht mehr der Fall: Das Geld verdienen auch alle anderen Gruppen, sofern sie gebildet sind. Heute wird nach Bildung in der vom neoliberalen kapitalistischen Denken geprägten USA das Geld verteilt – und nicht mehr nach Hautfarbe und Geschlecht. Die Trump Wähler fordern also einen Status, der nicht mehr durch ihre Leistung gerechtfertigt ist – in der calvinistisch-protestantischen Werteordnung der USA, in der die Leistung die Grundlage der Kultur ist, in der Gott seine besonders geliebten Schäfchen schon im hier und jetzt mit Reichtum belohnt, ein Unding!

Während die ebenfalls männlichen mittelalten AfD-Wähler des deutschen Ostens eine alte Versorgerkultur der DDR wieder aufleben lassen wollen, gibt es diese Prägung und Erfahrung in den USA nicht: Im Gegenteil. Diese linke, soziale Politik wurde sogar verfolgt und mit Straffälligkeit geächtet in der McCarthy-Ära. Wie kommen also 80 Millionen Männer plötzlich darauf, „einfach so“, einen Status zurück haben zu wollen, für den sie offensichtlich nicht mehr die nötige Leistung bringen? Denn selbst wenn die Jobs zurückgeholt werden könnten aus Fernost: Letztlich wäre diese Maßnahme eine zutiefst sozialistischer Eingriff in die Wirtschaft und Gesellschaft. Letztlich würde sich der Status der Überlegenheit der weißen Männer dadurch nicht mehr herstellen lassen. Denn sie hätten das nicht im harten protestantischen Leistungskampf geschafft, sondern hätten – ohne die Teller waschen zu müssen – wie in der islamischen oder kommunistischen Kultur von Papa-Staat Vorteile bekommen, die in ihrer eigene Kulturprägung und calvinistisch-christliche Religion gar nicht vorhanden sein dürfen.

Was würde wohl passieren, wenn man das als Gedankenexperiment fortspinnen würde: Trump lässt durch Schutzzölle und Strafzahlungen die alten Industriejobs wieder aufleben. Die Männer hätten wieder ihre Arbeit – doch die Wirtschaftsbosse laufen Amok dagegen, die Gewinne halbieren sich – nicht nur durch die höheren Gehälter der US-Bürger, sondern durch die schlechteren Handelsverträge, die auf die Aufkündigung aller Freihandelsabkommen folgen – damit ca. 1/4 der US Amerikaner ihr Selbstwertgefühl wieder scheinbar hergestellt bekommen…

Mal davon abgesehen, dass natürlich auch einige andere Amerikaner noch Trump wählen werden – also auch Frauen und ein paar gebildetere Menschen (wobei mir schleierhaft ist, wie sie das mit ihrem Selbstwertgefühl vereinbaren): ¾ der Amerikaner haben nicht den Grund des Statusverlustes in den letzten Jahrzehnten, um daraus eine Motivation für Trump zu entwickeln.

Hoffentlich habe ich mich nicht verrechnet.

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Off-Line

Wer sich von meinen treuen Lesern gewundert hat, warum letzten Samstag das erste Mal in fast sechs Jahren kein neuer Text auf der Seite hier stand: Es handelt sich dabei um ein spontan entschlossenes Experiment einer Woche totaler Netz und Mail-Abstinenz. Ich wollte wissen, was passiert, wenn man – wie früher – nur noch telefonisch erreichbar ist. Wie reagieren die Leute, wenn sie ohne Vorankündigung, einen nicht mehr einfach so mal schnell anschreiben können.

Da alle Menschen, mit denen ich in einer relevanten Verbindung stehe, auch meine Telefonnummer haben, können sie mich bei wirklich dringendem Bedarf natürlich auch weiterhin erreichen. Zum großen Teil wissen sie ohnehin, dass es besser ist mich persönlich anzuklingeln, wenn es dringend ist. Denn ich empfange keine Mails auf meinem Handy und gehe auch nicht mobil ins Netz. Niemals. Man kann also auch sagen, ich habe mir meine Freunde und Kunden ein wenig erzogen: Als verschrobener Anti-Technik-Mensch genieße ich da vielleicht auch die Narrenfreiheit der Philosophin bzw. Psychologin. Oft höre ich auch sogar bewundernde Worte dafür, dass ich meine Ruhe so eisern bewahre.

Nun also eine Woche ganz ohne. Gestern kam ich zurück von der Reise ohne Computer. Und es gab nur zwei wirklich wichtige Mails und auch die konnte ich noch locker nachbearbeiten, ohne größeren Schaden. Der Rest war Werbung, Leserzuschriften, Grüße von Freunden, denen ich umgehend geantwortet habe, wieder mit dem Zusatz: Bitte lieber SMS schreiben. Watsap benutze ich natürlich auch nicht und seit Herr Zuckerberg sich nun auch an diesen Daten bereichern will, bin ich wieder mal sehr froh darum. Wahrscheinlich bekommt er trotzdem meine Daten über die Handys meiner Freunde. Aber ich habe für mich das Gefühl, ich gebe sie ihm nicht einfach so direkt. Und das ist mir als Freund der Selbstbestimmung wichtig.

Wozu das Ganze? Es dient der persönlichen Unterscheidung von Wichtig und Unwichtig. Und so nett das sein mag, dass andere an mich denken und ständig Fotos senden oder mir tolle neue Videos auf Facebook zeigen wollen: Meine Ruhe ist mir wichtiger. Dazu kommt: Ich habe ein zentrales Lebens-Thema, etwas, das in unserer Welt anderen hilft, nämlich Menschen und Firmen in schwierigen tiefenpsychologischen Fragen die richtige Antwort zu geben. Und ich will dieses Können, das ständig von mir verlangt, gute neue wissenschaftliche Forschung von Müll (und davon gibt es in der Psychologie ne Menge) zu unterscheiden, bewahren und weiter ausbauen. Und dazu kann ich nicht so viel Zeit an Videos und Grüße ver(sch)wenden.

Das gilt übrigens auch umgekehrt: Wenn ich etwas von jemanden brauche oder wirklich wissen will, wie es ihm oder ihr geht, rufe ich ihn oder sie an – spätestens wenn nach der ersten Mail nicht reagiert wird.

Vielleicht ist es genau das: Ein Lebensthema als identitätsstiftender sortierender Fixpunkt, der viel in der Waage hält, in meinem Leben. Und dazu: Das Gefühl, keine halbgare Bestätigung von außen zu brauchen. Die lehne ich bewusst ab. Ein paar Bilder geschickt zu bekommen, heißt für mich nicht, dass das jemand persönlich meint, dass ich irgendwo dazugehöre. „Daumen hoch“ ist sehr nett. Aber wer über meine Themen nachdenkt kann mich auch gerne als „Gottlose“ beschimpfen: Da hat dann jemand offensichtlich kapiert, was ich will und macht sich die Mühe – wenn auch negativ und oft genug ohne Argumente – darauf zu antworten. Vielleicht ist das ohnehin die beste Art mit dem Hass im Netz umzugehen: Humor bis Mitleid. Arme Menschen! Wer so viel Wut hat, hat viel Frust aus seiner Bedeutungslosigkeit oder seinen Demütigungen bezogen und geht völlig hilflos damit um.

Das Netzt soll für mich ein positiver Info-Schatz bleiben, etwas, dass mir unendliche Mühen bei der Recherche spart, schnell eine Übersicht gibt, ohne dass es mich aus der Ruhe bringt. Ich will das so.

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Der Super-DAU

DAU ist „Silicon Valley-Sprech“ für: „Dümmster anzunehmender User“. Leistungsideologie, Erhöhung der eigenen Hirnkapazität (durch sogenannte „Transhumanisten“), Erkennung von „schlechten Genen“ (durch CRISPR/Cas9),  Ausrangieren der Minderschlauen und Alten, die sich an die neuen Zustände nicht anpassen können, ist vom Grundgedanken von „Reinheit des Blutes“ als Grundlage für eine utopisch-besseren Welt nicht mehr weit entfernt.  Insofern haben die Rechten von Bautzen gerade viel gemein mit den Herren des Silicon Valley: Beide sprechen von Utopien, ohne die Schwachen und Ungewollten. Nur dass die Rechten von Bautzen noch nicht verstanden haben, dass sie weniger Chancen haben die Gruppe der Abgehängten je wieder zu verlassen, als so mancher Flüchtling. Die Wut ist beidseitig, genauso wie die Angst im digitalen Zeitalter einfach unerwünscht zu sein.

Woher soll von all den DAUs, die dumm genug sind, für ihre Ausbeutung, die sie sich als digitale Utopie verkaufen lassen, Eigeninitiative und Selbstwirksamkeit kommen, um den wachsenden „Ausschuss“ der immer rigideren Diktatur des Großkapitals aufzufangen? Nur weil man Bildung jetzt Online erhält, werden nicht mehr Menschen intelligenter oder engagierter oder sozialkompetenter. Der Zugang zu Bildung war gerade in Deutschland der letzten 50 Jahre – auch in der DDR – so gut, günstig und einfach, wie nur möglich. Trotzdem werden in den nächsten Dekaden viele Jobs weg fallen und die Menschen wählen heute schon bis zu 20%  radikale rechte Politik, als einfache Antworte auf komplexe Probleme.

Die Universität von Oxford hat bei 702 analysierten Berufsfeldern festgestellt, dass 47% der Beschäftigungsverhältnisse der USA in den nächsten Jahren wahrscheinlich wegfallen werden.

Aufgrund eines biotechnischen Menschenmodells gibt es heute zunehmend Schmalspur-Bildung, Leistungsabruf im Dienste des Kapitalismus, für einen technisierten Markt: Kopf auf, Zeug rein, ohne Sinn und Zusammenhang. Fachidioten, die Angst haben um ihren Job und nicht über den Tellerrand hinaus denken können, sind das Resultat. 1000 Absolventen am Tag verspricht die Politik verunsicherten Eltern. Dafür dürfen die Kinder „den Anschluss“ nicht verlieren an die „Leistungselite“. Von Industrie-Lobbyisten gefüllte Lehrpläne, G8 und erste „Burn-Out-Syntome“ bei Kindergartenkindern sind die Folge. Die Kehrseite ist die Wut, von denen, die schon in der Schule abgehängt sind. Doch auch die genormte, gestresste und gleichzeitig von ihren eigenen Eltern völlig überprotegierte „Bildungselite von morgen“ wird nicht mehr arbeiten, wenn nun bald auch ihre Jobs alle dem digitalen Fortschritt zum Opfer gefallen sind? Wieviel Programmierer braucht das Land?

Wie sollen junge Menschen eine Eigenverantwortung oder ein Gefühl der Verpflichtung für die Gemeinschaft entwickeln, wenn ihnen nur egomane Leistungsparolen, effiziente Datenverwertung und Wiedergabe vermittelt wurde? Wie sollen sich Lebenssinn, Identität und Selbstwert einstellen, die bei der zunehmenden Bedrohung durch die Globalisierung Rückhalt bieten? Im Scheingewand „netter Kommunikation“ und Pseudokreativität der Netzwerke findet sich eine mögliche schnellere Organisation neue Denkweisen und humanerer Projekte (von der Hochwasserhilfe bis zum Second-Hand Flohmarkt). Doch das Netzt funktioniert vor allem, um Leute zusammen zu bringen, die „gegen“ etwas sind. Für Antworten und konkrete Handlungen braucht es mehr.

 Immerhin es besteht Hoffnung: Am 9. Juni. 2016 trat Oliver Samwer (als deutscher Larry Page) das erste Mal auf einer Aktionärshauptversammlung seiner Firma Rocket Internet in Anzug und Krawatte auf. Von seiner Flapsigkeit und hemdsärmlichen Arroganz der Vergangenheit war nichts mehr übrig; es gab das erste Mal in der Firmengeschichte Häppchen, Getränke und eine funktionierende Akustik. Allein die guten Zahlen, auf die die Aktionäre seit Jahren hoffen, konnte er nicht präsentieren: Der Aktienwert hatte sich halbiert. Auch die Beteiligungen von Rocket Internet haben alleine im vergangenen Jahr eine halbe Milliarde Euro Verluste zu verzeichnen. Aber bis Ende 2017 versprach Samwer sollten mindestens drei seiner großen Start-up Firmen den “Breakeven“ – die schwarze Null – erreichen; von weiteren Börsengängen oder den sogenannten „proven winners“ war nicht mehr die Rede. 

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Sonntag mit Flüchtling

Letztes Wochenende war ich in Wien bei Freunden. Die haben die Patenschaft für einen afghanischen jungen Mann übernommen. Sahid ist vor drei Jahren mit seiner Familie in den Iran geflohen vor den Taliban, die ihn und seinen Bruder zwangsrekrutieren wollten. Der Vater ist tot und er wurde mit dem letzten Geld nach Europa geschickt, wo er in einer Jugendwohngruppe in Wien gelandet ist. Er spricht schon ziemlich gut Deutsch und versucht gerade den Schulabschluss nachzuholen, der als berufsvorbereitendes Jahr für Flüchtlinge den Zugang zu einem Lehrberuf ermöglicht.

Wir haben einen Familienausflug an den Neusiedler See gemacht. Sahid hat mir erzählt, dass er gerade nach 3 Jahren das erste Mal zurück in den Iran fliegen durfte, um seine Mutter wieder zu sehen. Er hatte vorher riesen Heimweh gehabt. Aber das sei jetzt besser, da er plötzlich gemerkt hat: Er will nicht mehr zurück, er hat dort keine Chancen auf Arbeit und keine Zukunft, er hat sich verändert, er käme dort nicht mehr klar. Er lernt sehr eifrig und meine Wiener Freunde helfen ihm dabei. Er will Automechaniker werden, da es mit dem Profifußballer wohl nicht klappt. Aber er spielt begeistert im Verein weiter, lernt kochen und Gitarre spielen.

Er ist gläubiger Muslim, trinkt keinen Alkohol und ist immer pünktlich in der Schule – im Gegensatz zur Hälfte seiner Klasse: Die Jungs kommen nicht, lernen nicht, oder sind immer zu spät. Sie schaffen die Prüfungen nicht. Doch Österreich hat noch kein Reglement für Flüchtlinge, die nach einer bestimmten Zeit ausgewiesen werden, wenn sie die Sprache nicht können oder für ihren Unterhalt nicht selbst aufkommen. Die Jungs glauben, es geht schon irgendwie weiter, hat Sahid erzählt, erstmal wird das westliche Leben und die finanzielle Versorgung genutzt. Sahid und die anderen Lernwilligen ärgert das sehr. Sie haben schnell begriffen, dass eine große Gefahr besteht, mit den Faulen in einen Topf geworfen zu werden.

Auf der Rückfahrt vom See wurden die ersten Wahlergebnisse von den deutschen Landtagswahlen im Radio verkündet. Wir waren danach alle ziemlich aufgebracht, nur Sahid war still und nachdenklich.  Anfang Oktober ist Bundespräsidentenwahl in Österreich – eine Wiederholung. Bei der ersten Wahl hatten die Rechten fast 50%: Man kann also sagen, die Hälfte der Österreicher würden Sahid gerne heim schicken.

Er hat mir von seinem Bruder im Iran erzählt der nicht möchte, dass seine zukünftige Frau weiter zur Schule geht. Ich habe Sahid gefragt: „Wenn Du mal heiratest, wird es dann eher jemand aus Deiner Kultur sein oder eine Mädchen aus dem Westen?“ „Schaun wir mal“, hat er sehr bayrisch geantwortet. Es steht wohl in ihm und um ihn herum alles auf Halb und Halb bei den Integrationswilligen auf allen Seiten. Hoffentlich siegt bei allen die bessere Hälfte.

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Frohenleichnahm

Es gibt kaum einen Punkt, auf den sich unsere Gesellschaft heute so gut einigen kann, wie die Kapitalismuskritik. Der Hauptvorwurf ist: Die moderne kapitalistische Werte- und Herrschaftsordnung macht psychisch und physisch krank. Konkurrenz- und Leistungsdruck, Informationsflut, ständige Erreichbarkeit, Unvereinbarkeit von Familie und Beruf, Kinder mit ADAS, Bourn-Out, Depressionen, Selbstausbeutung als Standard – all das sind die Anklagen, die seit der Jahrtausendwende den baldigen Kollaps des Turbo-Kapitalismus herbeisehnen, profehzeihen bzw. seine Reformation begründen.

Ausgerechnet der Psychoanalytiker und ehemalige Leiter der berühmten linken, kapitalismuskritischen „Frankfurter Schule“ (FIS) Martin Dornes, hat jetzt ein Buch geschrieben („Macht der Kapitalismus depressiv?“), in dem er behauptet: „Wir waren früher schon genauso krank wie heute (oder sogar kränker).“ Zwar gibt es wirklich viel mehr Krankschreibungen aufgrund  psychischer Diagnosen, und es werden erheblich mehr Psychopharmaka verordnet. Doch das liegt laut Dornes daran, dass psychische Probleme nicht mehr so stigmatisiert werden und das Versorgung und Diagnoseangebot besser sind: Früher haben die Menschen viel mehr geraucht und getrunken, um ihre unerkannten Probleme ruhig zu stellen. Außerdem altert die Gesellschaft und die Scheidungsrate steigt und somit auch die Wahrscheinlichkeit der Altersdepressionen und Einsamkeit. Er verweist auf epidemiologische Studien, die eine Verbesserung der seelischen Gesundheit in entwickelten, digitalen Kommunikationsgesellschaften nachweisen.

Ist es also der Blick der vor der Digitalen Revolution geborenen Intellektuellen und Wissenschaftler auf die Digital-Natives, der Eltern auf ihre Kinder, der Probleme herbeischreibt? Oder ist es die allgemeine Verunsicherung durch Klimaerwärmung und das „Arbeitsplatzsterben“, an das sich die Alten gewöhnen und mit dem die Jungen groß werden müssen?

„Die Absicht, daß der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten“, hat Sigmund Freud am Ende seines Lebens vermerkt.  Ist der Kapitalismus also nur das „gemeine Unglück“, über das wir Menschen ohnehin nicht hinaus kommen, das das „hysterische Elend“ der Frauenunterdrückung,  feudaler Sozialstrukturen und Kirchenselbstherrlichkeit abgelöst hat?

Zahl der verschriebenen Antidepressiva in Deutschland im Jahr 2000, in Tagesdosen: 420 Millionen.

Zahl der verschriebenen Antidepressiva in Deutschland im Jahr 2014, in Tagesdosen: 1300 Millionen.

Am Freitag den 27.Mai 2016 erklärte der internationale Währungsfond IWF – fast unbemerkt und sehr sehr leise – die neo-liberale Wirtschaftsideologie für gescheitert. (In den katholischen Ländern war das der Brückentag nach Fronleichnam.) Keine andere Institution hat die Entfesselung der Marktkräfte so vorangetrieben, keine andere trägt mehr Schuld am Zustand der Welt heute: Permanente Krisen, die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, Umweltzerstörung, Gefährdung der demokratischen Strukturen und Institutionen durch Rechtspopulismus.

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Gebrauch. Anweisung.

Wir sind sieben Milliarden Menschen und wir bedrohen diesen Planeten nicht durch unsere biologischen Instinkte: Wir wollen nicht einfach nur Leben, inmitten von Leben das Leben will. Das hat viele Milliarden Jahre gut funktioniert. Wir bedrohen unsere Lebensgrundlage, weil wir besser leben wollen, weil wir Bewusstsein haben und damit Selbsterkenntnis und damit stets unseren Vorteil suchen. 

Wir sind alle Narzissten. Deshalb sind wir aber nicht alle automatisch „gestört“ oder kranke Egomane. Der Narzissmus ist viel mehr die typisch menschliche Qualität unsers Lebenswillens. Deshalb suchen wir mit all unseren Erkenntnissen und Produkten die Endlichkeit des Lebens hinauszuzögern oder zu leugnen oder uns selbst einen besseren, lebens-werteren Platz in Gemeinschaft verschaffen, für eine bessere Lebens-Versorgung.

Und Menschen können erkennen, wie wir „besser überleben“ können, wir können uns verschiedene Möglichkeiten schaffen, für das bessere Überleben, zwischen denen wir dann wählen können (Ackerbau, Wirtschaftswachstum, Eheschließungen, Penicillin, Geschlechtergleichstellung, Menschenrechte, Kinderbetreuung, Umweltschutz etc.). Daher ist jede unserer Gedanken (bewusst und unbewusst), jede mögliche Wahl von der Ausrichtung auf den eigenen Überlebens-Vorteil (in der Gruppe) bestimmt – und somit narzisstisch.

Jeder für sich will ein besseres Leben  – wenn auch auf unterschiedlichen Wegen und mit einer unterschiedlichen Vorstellung, was dieses „besser Leben“ ist. Doch niemals entkommen wir unserem Narzissmus – ob wir nun hoffen durch altruistischen Gemeinschaftssinn mehr Anerkennung in der Gruppe zu erlangen oder durch PS-starke Autos. Und diese „Strategien der Anerkennung“ in der überlebenswichtigen Gruppe (man nennt sie auch Persönlichkeit bzw. Kultur), machen einen gesunden oder gestörten Narzissmus aus.

Auf dieser Basis lässt sich auch unsere Willensfreiheit klären: Haben wir den Partner geheiratet, den Job so gewählt, das unser Leben dadurch besser wird – oder haben wir falsche narzisstische Strategien gelernt und landen mit unserem verdrehten Ego immer wieder in der Enttäuschung von schlechter Bedürfnisbefriedigung?

Aber auch die aktuelle großen politischen Fragen können auf der Grundlage dieses neuen narzisstischen Menschenmodells geklärt werden: Wieso gibt es Terroristen? Und warum sind die populistischen Rechtparteien gerade (wieder) so erfolgreich?

Ich versuche mich in diesen Antworten gerade in meinem neuen Buch, aus dem ich in nächster Zeit immer wieder an diese Stelle vorab Auszüge präsentieren werde.

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Die Hybris der Wissenschaftler. Oder: Warum haben sie keine brauchbaren Antworten?

„Je bekannter ein Experte ist, desto schlechter sind seine Prognosen“, schreibt Philip Tetlock, Professor für Psychologie und Politikwissenschaften (Universität of Pennsylvania) kritisch über seine Kollegen und selbstkritisch über seine Zunft. Je selbstbewusster sie auftreten, je bekannter sie sind und je häufiger sie gefragt werden, umso falscher sind ihre Vorhersagen. Das konnte Tetlock in mehreren Studien über Wissenschaftler beweisen.

Er tritt damit als wissenschaftlicher Wissenschafts-Kritiker in die Fußstapfen von Thomas Kuhn und Nietzsche und zeigt: Es hat sich nach wie vor nichts geändert, am Narzissmus der angesehenen hochstudierten Fachleute. Immer noch nimmt der „Glaube an die Wahrheit der Wissenschaft“ sein „Feuer noch vom Brande …, den ein Jahrtausende alter Glaube entzündet hat, jener Christen-Glaube, der auch der Glaube Platos war, dass Gott die Wahrheit ist, dass die Wahrheit göttlich ist.“(Nietzsche: „Fröhliche Wissenschaft“)

Der Reifegrad dieses Narzissmus, der eigenen Wahrheit höhere Wahrheit zu bescheinigen, unterscheidet die guten von den schlechten Experten: Wissen und Intelligenz müssen mit Neugier, Offenheit für Neues, Selbstkritik und einem andauernden aktuellen Realitätsabgleich einhergehen, um nicht mehr metaphysisch zu sein. Sie suchen nach Sinn in den Fakten der Welt und das ist ihnen bewusst. Doch wenn Biologie und Hirnforschung behaupten, bald alle Verhaltensweisen des Menschen erklären zu können, und dass das Gehirn die Grundlage für unser Verhalten ist, ist das schlichtweg Hybris: Die Umwelt und erfolgreiches Verhalten waren der Grund, warum unser Hirn zu dem geworden ist, was es ist. Es ist gespeicherte Überlebenserfahrung, die die Biologie zu analysieren versucht, die selbst dieser Denkerfahrung entsprungen ist.

Die meisten Experten  wiederholen ihre einstmals (am Beginn ihrer Karriere) zementierte Wahrheit wie eine Ideologie, die neuen Daten nur wahr-nimmt, wenn sie die eigene Wahrheit bestätigen, schreibt Tetlock. Widersprüche werden ausgeblendet oder als kränkenden Angriff auf die eigene Position (nicht auf die Wahrheit) wahrgenommen. Viele Behauptungen sind aber auch von vorne herein, versteckt hinter lauter Fachbegriffen, schwammig und leer.

Laut Tatlock ist der zunehmende „Rechthaber-Mechanismus“ von Wissenschaftlern ein „Ego“-Problem, dass sich in der Meinung der Öffentlichkeit umso stärker niederschlägt, je häufiger diese in jener auftreten. Leider müssen sich Experten nur selten an der Wirklichkeit messen lassen.

Warum ist das so? Haben wir vielleicht zu viel Angst auch noch die Orientierung durch Experten zu verlieren? Oder ist uns die Überprüfung der Wahrheit an der Wirklichkeit – an ihrem geltungslogischen Sinn – zu mühsam und die Eigenverantwortung des Selberdenkens zu fordernd? Tetlock fordert dagegen eine „evidenzbasierte Prognostik“, die von der Wissenschaft selbst überprüft wird und ohne Schonung der Egos öffentlich gemacht wird.

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Psychoanalyse als Wissenschaft gegen Trump

Während die Hirnforschung unser Menschsein auf biochemische Molekülbindungen und elektrische Impulse reduziert, kann sie nicht erklären, wieso dieser Stoffwechsel in den Hirnen so abläuft, dass junge Frauen und Männer freiwillig zum IS überlaufen. Auf der anderen Seite ist für die geistesanalytische Philosophie und Soziologie der Mensch nicht mehr, als der Inhalt seiner Gedanken. Werte und soziale Regeln scheinen endlos variabel und völlig losgelöst von der Welt herumzugeistern. Die „Realität“ eines Donald Trump und seiner Anhänger ist hier nur eine von vielen menschlichen Launen, irgendwo zwischen Ratio und Stimmung. So sind wir also zu biologisch-technischen Marionetten geworden, die leider nicht an die eigenen Ideale heranreichen. Da helfen weder Pillen, noch Menschrechte. Und auch unsere digitale Durchleuchtung schafft bisher nur individuierte Kaufangebote, während sie unsere Arbeitsplätze abschafft.   

Warum leisten wir  uns eine Wissenschaft, die zumeist an den wirklichen Zuständen in der Welt vorbeiforscht? Dabei werden doch die Probleme immer dringender, im biologischen, sozialen bzw. wirtschaftlichen Bereich. Wieso wird gute Bildung immer teurer, aber ihre „Verwertbarkeit“ immer einseitiger auf  kapitale Erfolge ausgelegt? Dabei wäre ein nachhaltiger ganzheitlicher Ansatz, der die Folgen für Gesundheitssysteme, Klimaerwärmung und Flüchtlingsströme im Auge behält, der „einzig wahre Ansatz“ für unsere globale Realität. So wenig man Terroristen wegdiskutieren kann, so wenig wird es eine Pille gegen Donald Trump oder eine App gegen Trockenheit und Dürre geben.

Doch es gibt eine Wissenschaft, die wohl gerade wegen dieser ihr lange schon bekannten Wahrheit (der „Banalität unsers narzisstischen Lebenswillens“ in all unserem psycho-somatischen Dasein), aus den Universitäten verbannt, gebrandmarkt oder ignoriert wurde: Die Psychoanalyse.

Dabei ist den meisten Wissenschaftlern und Menschen nicht mal klar, dass es sich bei der Psychoanalyse von Anfang an um eine Wissenschaft handelte. Nahe am „echten Leid“ des Menschseins, hat sie ihre Theorie immer an der Praxis ausrichtete, an der realen Veränderung der allzumenschlichen Handlungen, am Heilerfolg – und am systemimmanenten selbstkritischen Hinterfragen ihrer Wissenschaftler und Therapeuten. Welche andere Wissenschaft schickt ihre Wissenschaftler auf die Couch, um die eigenen narzisstischen Verblendungen zu erkennen und  zu überwinden?! Welche andere Wissenschaft misst den Menschen an seinen narzisstischen Möglichkeiten und nicht an rationalitäts-verliebten Idealen, an dem ewigen „er sollte“?!

Doch woher sollen beunruhigte Menschen das wissen? Wo können sie wirkliche Antworten finden? Sind die Vorwürfe an eine angebliche „Lügenpresse“ auch völlig überzogen, so kann man doch sagen: Die „guten“ Zeitungen und Magazine bringen eine Menge Artikel mit Antworten aus der Forschung zu den Fragen unserer Zeit. Doch die offensichtlichen Widersprüche, das überholte Paradigma der Wissenschaft als Zweiteilung von Natur- und Geisteswissenschaften, wird immer noch nicht hinterfragt. Die Sinnlosigkeit und Leere vieler wissenschaftlicher Behauptungen wird oft nur wiederholt. Eine Anklage wird bisher nicht erhoben, gegen eine Wissenschaft, die weltfremd immer noch Denkverbote ausspricht, sich um Nachhaltigkeit oder die Lebenswelt der Menschen einen Dreck schert oder in einem unsinniges „leben und leben lassen“ dahindümpelt (statt offensichtliche Unwahrheiten zu benennen). So ist für jeden etwas dabei, ohne den Schwach-Sinn noch aussortieren zu können. Doch nur die überzeugende, argumentativ nachhaltige Wahrheit bietet Orientierung.

Und die Psychoanalyse, als Wissenschaft, die brauchbare Lebenswelt-wahre Antworten liefert wird verdrängt oder falsch dargestellt. Es sei denn man lässt die Psychoanalytiker selbst zu Wort kommen…. 

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Gute Laune beim Abstieg

Seit einiger Zeit wohnt eine Freundin bei mir, die mit unstetem Lebenslauf und ohne Wohnung versucht, hier in München sich wieder ein „normales“ Leben zurück zu erkämpfen. Sie war eine Zeit lang im Ruhrpott und eigentlich ist sie jemand, dem die gute Laune nicht so schnell abhandenkommt, die sich bemüht und fleißig ist und sich für nichts zu schade ist – außer Harz IV. Lieber jobbt sie im Supermarkt oder bei Amazon, auch wenn sie mal Sekretärin war (Teamassistentin heißt das ja heute) und gutes Geld verdient hat.

Sie wird nächstes Jahr 50 (man sieht es ihr nicht an). Und bisher ist sie immer irgendwie über die Runden gekommen, hat viel erlebt und viel gelernt in der Praxis. Sie ist aus dem Ruhrpott zurück nach München gekommen, weil es dort nach und nach immer schwerer wurde, wieder was Konstantes zu finden, mit einem Gehalt, das zum Leben reicht. München hat mehr Jobs – aber auch viel höhere Lebenskosten.

Sie ist stolz auf ihren ungeraden vielseitigen Lebenslauf. Sie bereut nichts. Ihr Lebenslauf ist ihre Identität. Ich bewundere sie dafür, dass sie nie ihre gute Laune verliert. Ihr Vater ist letztes Jahr gestorben (ein Unglück kommt selten allein). Er hat ihr immer viel Lebensmut, Zuversicht und ein gutes Selbstwertgefühl vermittelt. Viele meiner Freunde beerdigen gerade nach und nach ihre Eltern. Die Generation vor uns stirbt weg. Unsere Eltern verlassen uns endgültig, sie können uns nicht mehr helfen, wir können sie nicht mehr um Rat fragen. Und wenn man dann plötzlich auch noch merkt, man gehört nicht mehr zu „den Jungen“, wird die Sache ziemlich deprimierend. Die Jungen sind dreißig und stehen voll im Job und sind auf diese harte globale Welt besser vorbereitet, als meine Generation, denen man immer gesagt hat: Euch steht die Welt offen, lasst Euch Zeit, macht was Besonderes aus Eurem Leben ….

In der letzten Zeit wird sich viel Gedanken gemacht, wer denn da so überraschend so rechts wählt – in vielen westlichen Ländern. Es wird behauptet, diese Wähler hätten ein „Identitätsproblem“: Früher war ihr prekäres Dasein noch nicht prekär, man konnte sich durchschlagen, wenn man fleißig war und nicht neurotisch, dann ging das schon irgendwie. Und man nahm auch irgendwie am wachsenden Wohlstand teil. Doch heute geht es darum, nicht weiter abzurutschen, es geht darum, in Würde zu überleben, obwohl man immer mehr Bittsteller ist. Und je älter man wird, umso weniger hat man den Bonus des: „Wird noch“ oder „Hauptsache Party“ oder  „Rente, was ist das?!“

Wir alle müssen dieses „Midlife-Gewahrwerden“ durchleben. Doch während sich einige schon auf Erfolgen und Aufgebautem zwar noch nicht ausruhen, aber immerhin stolz berufen können, auf abnehmende Ängste, auf die Kurve, die man gut gekriegt hat, ist das für viele andere nicht so.  Vielleicht sollten die einen für die anderen Patenschaften übernehmen, vielleicht sollte es wirklich bedingungsloses Grundeinkommen geben. Aber es muss was passieren. Denn niemand kann ohne positives Selbstbild leben. Und wie lange halten wohl die noch durch, die sich nicht so schnell die Laune verderben lassen? In Österreich und England sind es nicht mal mehr 50% der Menschen.

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Unter Abgehängten

„Es gibt viele Möglichkeiten … unangenehm aufzufallen“, schreibt der Spiegel (30/2016) und beschreibt seitenweise Mitbürger aus aller Welt, die niemand sich „wünscht“, die man als „Alptraum“ empfindet: Viel und oft trinken und laut feiern, kurze Hosen und billige T-Shirts mit sexistischem Bild/Text-Aufdruck tragen über tätowierten Waden und Armen, übertriebener Körperkult oder Tendenz zum Übergewicht, schlechten Frisuren mit künstlichen Haarfarben, laute Fahrgeräusche des mobilen Untersatzes, Anpöbeln, Grölen, Schoppen von billigem Kitsch und Massenware, Zerstörung von allem Ursprünglichen durch die offene Gier nach platter Attraktion, Sensation, einfachen Reizen und deutlichen Statussymbolen, Neonbeleuchtung, rücksichtsloses Verhalten, sexistische Anmache, Dauerbenutzung des Handys, Daueraktivität in sozialen Netzwerken. Der Spiegel schreibt an dieser Stelle eigentlich über Massentourismus, aber diese Beschreibung passt ziemlich gut auf die Bereiche der Gesellschaft, die niemand mehr braucht.

Dunkler Teint und dunkle Haare, nicht akzentfreies Deutsch, Englisch, Französisch, Türkisch, Arabisch, Persisch, kleingewachsen, ohne Schulabschluss oder Ausbildung – diese Beschreibung von Migranten und Unterschichten anderer Gesellschaften ist immer wieder in anderer Artikel anerkannter Zeitschriften zu finden, die man ergänzend zufügen kann. Ganz allgemein gilt: Es wird diesen Menschen nicht zugetraut erfolgreich zu sein. Drohungen, Demütigungen, Mobbing, Schläge von Jugend an verschärfen aktiv die Situation bei männlichen Teenagern dieser nationalen und internationalen Unterschicht.

„Billigimage“ wird das auch genannt oder: „Verhalten der bildungsfernen Schichten.“ Was auf den ersten politisch-korrekten Reflex als ungerecht und pauschaliert erscheint, betrifft im Alltagserleben Einheimische und Zuwanderer gleicher Maßen; Radikalisierungen aller Art gehen aus diesen Demütigungen und Kränkungen hervor. Und die Gruppe der Abgehängten, die im kapitalistisch-klaren Einheitserfolgsbild des Westens sozialisiert werden und von klein auf erfahren, dass sie niemals in diesem Maßstab Geltung und Ansehen erlangen werden, wächst. Migranten der zweiten und dritten Generation, betrifft das genauso, wie Jugendliche der weißen Unterschicht. Und: Sie zeigen die gleichen Reaktionen, ob nun als religiöse Fanatiker, gewaltbereite Kleinkriminelle oder Rechtsradikale: Rücksichtsloser Geltungsdrang, infantiles Protzgehabe, angeblichen höheren Werten verpflichtet, nimmt sich den Raum, den man ihnen nirgends mehr zugesteht.

Sie sollen „ihr Geld dalassen“ (Spiegel), Produkte konsumieren, dienen höchstens noch als „User“ in erfolgreichen Firmenstatistiken. Doch letztlich sind sie die Verlierer der globalen neoliberalen Entwicklung. Ein „besseres“ Leben, Anerkennung in der Gesellschaft scheint ihnen zunehmend verwehrt, unerreichbar; orientierungslos, identitätslos, zukunftslos schließen sie sich den einzigen Gruppierungen an, die sie haben wollen: Den Radikalen, die vorgeben ihnen wieder Geltung und Status zu verschaffen.

IS und NPD bieten beide Instant-Ideologien mit einfachen Schlagwärtern, schwarz-weiß Denken. Das Selbstwertgefühl wird mit archaischen, einfachen Heldenbildern aufgeputscht. Ali (aus München) nimmt Andreas (aus Norwegen) zum Vorbild. Die armen ungewollten Teufel, lassen sich (un-frei-willig und unter zunehmendem Existenzstress), aus Mangel an positiven Lebensalternativen, an rechte Wahlurnen oder in Terrorismuscamps oder einfach nur in Chatrooms schicken. Sie sind dort nicht mehr einsam und gemobbed.

Die Basis des Bösen, nach der so oft heutzutage gefragt wird, ist also die: Tiefe narzisstische Kränkung der Ungewollten. In einer schwächeren Variante handelt es sich um Pegida-Demonstranten, Erdogan- und Brexit-Wählern: Kleinbürger, die davon träumen die zunehmende Ohnmacht- und Entwertungsgefühle abzuschütteln.

Doch das durfte so deutlich bisher nicht benannt werden, wird als „politisch-unkorrekt“ ideell geschönt – und verbirgt dadurch die Wirklichkeit und Sprengkraft dieser psycho-somatischen alltäglichen Dauerkränkungen. Die ach so schlauen, erhabenen Eliten pflegen hier – auf ihre Weise – ihr narzisstisches Selbstbild von Fairness, Offenheit, Gutmenschentum. Wenn man ideell und begriffs-korrekt darstellt, dass alle doch gleich sind und die Bildung alles richten könnte, muss man die Ordnung nicht in Frage stellen, neu Handeln, sich selbst verunsichern.

Finanz und Bildungseliten selbst verschärfen jedoch mit neoliberaler Gewinnmaximierung die Lage der sichtbar und spürbar psycho-somatisch Abgehängten seit der Jahrtausendwende (dazu zählen auch Elitekindergärten, Biosupermärkte und SUVs). Die Flüchtlingswellen haben diese Entwicklung nur verschärft und plötzlich offensichtlich gemacht.

Die Gefährdung des demokratischen Systems durch narzisstische Kränkung, die lebensnotwendige Identifikation mit höherem, ist psycho-somatische Wirklichkeit der Menschen in ihrem sozialen Umfeld. Man kann und darf sie nicht länger hinter der politisch korrekten Fassade von Bildungsidealen und Begriffsverschleierung verstecken. Wer besorgt von Prekariat spricht und im Flugzeug oder Restaurant nicht neben ihm sitzen will, wer seine Kinder auf bessere Schulen schickt, selbst in anderen Vierteln wohnt, ist Teil einer Ursache, der Gemeinschaft, die mit dem eigenen Gewinn und Erfolg den Abgehängten den Wert abspricht.

Ist eine friedliche Koexistenz mit den „Ungewollten“ noch möglich? Das kann nur eine Wissenschaft beantworten, die die Banalität der narzisstischen Intersubjektivität wirklich erfasst und erklärt. Das kann nur beantworten, wer die Dimension der Alltagsdemütigungen und Entwertungen, an der er selbst Teilhat, ehrlich analysiert und benennt. “Gewalt kann Gewalt auslösen, vielleicht ist es doch so einfach“, schreibt die Zeit vom 28.Juli 2016, nach zehn Tagen Dauerterror von Nizza, Würzburg, München, Ansbach, Rouen und erklärt den „Werther-Effekt“ zur typisch-falschen, pauschalen, atomaren Ursache für die Anhäufung von Selbstmorden, Amokläufen, Missbrauch der Missbrauchten. Punkt Ende im Baukasten pauschaler Begriffszuweisung ohne Erklärung oder Lösung.  

 Doch das Selbstwertgefühl, als existentielles Maß der Stellung in der Gruppe, als individuelle Wirklichkeit des narzisstischen Lebenstriebs, steht im Zentrum all unseres Menscheins und Lebensformen, all unserer Probleme und Lösungen. „Sie wollen wichtig sein“, die Amokläufer und die, die Videos von den Taten auf ihren Handys rumzeigen und die, die Schwächere mobben und die, die zu Pegidademos gehen oder Flüchtlingsheime anzünden. Man muss ihnen was geben, dass sie wichtig sein lässt, ohne Gewalt.

Die Anerkennung des anderen,  fängt immer auch bei der narzisstischen Selbstanalyse und Selbstkritik in eigener Sache an.

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München: Mitten drin, statt nur dabei

Ich sitze gerade, während ich dies schreibe, zu Hause in München, nicht weit weg vom Olympia Einkaufszentrum. Gerade stand ich noch im Stau, ich hätte eigentlich um 18.30 Uhr noch einen Termin gehabt, in unmittelbarer Nähe des OEZ… Die Rettungshubschrauber knattern über mein Dach, direkt neben meinem Haus ist eine der städtischen Kliniken. Es fühlt sich an wie im Krieg. Im Fernsehen kann ich sehen, was um mich herum höre, Feuerwehr, seltsame Stimmung, meine Kollegen vom Fernsehen.

Aber was mich wirklich nervt und was mir in dieser Situation noch mehr als sonst bewusst wird: Wen interessiert, was Manuela Schwesig gerade twittert?!?!?! Man liest es mir öffentlich vor, bei der erweiterten Tagesschau; seriöse angesehene Journalisten müssen die persönlichen, zutiefst narzisstischen Betroffenheitsergüsse von irgendwelchen Abgeordneten und/oder Bürgern ablesen, von ihren Computern?! Die CSU schreit natürlich schon jetzt auf Facebook nach „Maßnahmen“ und keiner weiß, wer überhaupt hinter all dem steht… Und natürlich bekommt der betreffende Politiker Breitseite – direkt von allen anderen… Und auch den Schwachsinn muss ich mir mittlerweile vorlesen lassen, in allen seriösen Nachrichtensendungen, auf allen Sendern.

Und natürlich sind alle -aber auch alle – von Merkel, bis Obama, bis Hollande „im Herzen bei uns Münchnern“ und bei den Opfern. Und das wird mit lustig-traurigen Emojis gepostet und, damit es mich auch ja erreicht, noch über die ARD und RTL im Fernsehen erzählt.

Wenn ich bis jetzt keinen Beweis hatte, dass „die sozialen Netzwerke“ absolut unsinnig sind und untergehen werden: Heute Nacht habe ich ihn life erlebt, diesen Beweis. Das Silicon Valley wird sich in Luft auflösen und irgendwann wird man hoffentlich über diese scheinheilige bzw. hilflose Emotionalität nur noch den Kopf schütteln, die niemanden was bringt, Betroffene nur ärgert und verhöhnt, wegen all der Scheinheiligkeit, die diese Welt nicht ein Stück ändert (das wäre ja auch viel zu mühsam und persönlich riskant, im Gegensatz zu twittern und süßen Emojis und den kurzen Momnten der Verbundenheit von Eliten und Abgehängten usw.). Über diese privatisierte Schwachsinn-Kultur, in Zeiten absoluter neoliberaler Kälte, wird man sich hoffentlich wundern, als narzisstische Ausgeburt unserer Zeit, so wie man heute die seelischen Ergüsse der adeligen Romantik seltsam findet, während die schlimmsten Kriege zwischen den eitlen Nationen und ihren verblendeten Anhängern tobten  – nur heute eben auf viel niedrigerem geistigen Niveau.

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Gotteslästerung

Es ist seltsam im Moment: Man macht morgens das Radio oder Fernsehen oder Internet an und muss fürchten, dass über die Welt über Nacht eine neue Katastrophe hereingebrochen ist. Nizza, Türkei – die Nachrichtensendungen kommen kaum mehr mit. Und die Frage Warum? bleibt ständig unbeantwortet.

Im Mittelpunkt steht jedes Mal die Religion, die islamische Religion, um genau zu sein. Es werden gegen die zunehmende restriktive Politik, die islamisch begründet wird oder – im Gegenteil – ihr zu Ehre Menschen umgebracht, wie in Paris und Nizza und wiederum in der Türkei.

Ich bin Atheist und eigentlich noch mehr: Ich bekämpfe aktiv jede Religion. Sie ist für mich eine narzisstische Störung. Früher war sie ein narzisstischer Witz: Kleine schwache Menschen ertragen ihre Lächerlichkeit und Sterblichkeit nicht, die nun mal all uns Menschen auferlegt ist, als Wissende um unser Selbst. Sie glauben, irgendeine Macht, die so mächtig ist diese Welt erschaffen zu haben (in all ihrer Grausamkeit), würde ein Auge haben, auf ihre kleine Existenz, ihre allzumenschlichen kleinen dummen Sorgen…. Wie gesagt: Ein Aberwitz. Man konnte bis vor ein paar Jahren noch mit dem Kopf schütteln (– wenn nicht Priester kleine Jungs missbraucht hätten und sich in ihrer Funktion so mächtig fühlten, dass sie dies immer wieder taten, weil die, die Gott für ihre Zwecke nutzen, sie immer wieder schützten vor der gerechten Strafe).

Mittlerweile empfinde ich Religion nicht mehr als Witz: Sie dient vielen gekränkten Narzissten dazu, andere Menschen in Massen zu töten, zu unterdrücken, zu vergewaltigen, zu quälen. Das ist kein narzisstischer Witz mehr. Und ich finde, jeder, der heute noch religiös ist, der glaubt, diese allzumenschliche Welt hätte irgendwas mit Gott zu tun (er wolle uns Menschen testen oder uns selbst entscheiden lassen oder ähnlichen Schwachsinn mehr), macht sich mitschuldig. Gott bleibt – egal wie – narzisstische Selbsterhebung, Kompensation der gekränkten Sterblichkeit. Man braucht keinen Gott, um gut zu sein: Im Gegenteil. Wer Dinge tut, weil er meint, Gott wolle das so, erhebt sich über seine banale lächerliche Existenz und will mehr sein, als er ist. Er oder sie glaubt für gute Taten belohnt zu werden. Gut ist man eigentlich nur, wenn man es tut, weil es richtig ist, den Menschen nützt. Punkt. Religion nützt ihnen nichts, sie belügt und missbraucht die Menschen. Sie verhindert, dass sie stark werden müssen, weil sie sich wie Kinder in falschen Vorstellungen wiegen können. Damit wurde immer schon Extremisten jeder Religion in die Hände gespielt (gegen Ungläubige, gegen Frauen, gegen die Gleichheit aller Menschen).

Schafft endlich diese verdammten narzisstischen Götter ab: Alle. Sucht Trost in Gruppen, die Frieden wollen, einfach so, weil es den Menschen dann gut geht. Jeder Gottesglaube kippt nur Öl ins Feuer des falschen Denkens und infantilen bösen Narzissmus.

In der Idee vom „letzten Menschen“ drückt Nietzsche die Überwindung des Glaubens an etwas Höheres (Technik, Fortschritt, Göttlichkeit) aus, eine Zukunft, „wo der Mensch nicht mehr den Pfeil seiner Sehnsucht über den Mensch hinaus wirft, und die Sehne seines Bogens verlernt hat, zu schwirren!“ Diese Welt ohne Spannung ist die Welt der “letzten Menschen“, die weder regieren noch gehorchen wollen. Nur ein gelegentliches Zanken bei baldiger Versöhnung ist wahrzunehmen, denn „sonst verdirbt es den Magen“. Sie haben „ihr Lüstchen für den Tag und für die Nacht“, liegen in der Sonne und blinzeln und sagen: „Wir haben das Glück erfunden.“

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Unlautere Kausalschlüsse

Wenn Kinder ihre Ohnmacht spüren, Angst haben oder Dinge nicht verstehen, entwickeln sie ein sogenanntes „magisches Denken“: Sie tun so, als hätte ihr Teddy die Macht, alle bösen Geister zu vertreiben. Oder sie erfinden Rituale, die alle bösen Dämonen bannen sollen. Es ist eine Form der Selbstermächtigung gegen die eigene Ohnmacht und Hilflosigkeit. Man spricht in der Wissenschaft dabei von „unlauteren Kausalschlüssen“: Zusammenhänge werden hergestellt, die keine sind. Was soll der Teddy wohl ausrichten oder das Hüpfseilspringen gegen die böse Welt bewirken?! Doch für die Psyche haben diese Handlungen sehr wohl Bedeutung und Beruhigung – jedenfalls für eine bestimmte Zeit.

Letztlich basieren auch alle religiösen Riten, ja die Erfindung von Gott selbst, auf demselben Mechanismus – nur dass wir uns hier im Kollektiv zu den unlauteren Kausalschlüssen zusammentun und damit noch eine stärkere Beruhigung erfahren: Wenn viele daran glauben, dass Beten und Kerzenanzünden in der Kirche hilft, dann muss es doch wirksam sein! Zumindest fühlt man sich unter Gleichgesinnten, Gleichängstlichen, Gleichohnmächtigen nicht mehr so alleine.

Dieser Tage ist eine neue Form des „magischen Denkens“ im Kollektiv zu beobachten: Die Wahl von Demagogen. Sie behaupten, dass mit der Ausweisung aller Fremden, mit dem Austritt aus Handelsabkommen, ja mit der alten Form der Geschlechterstellung alles wieder gut würde. Das Böse soll weg, die Ohnmacht wird beschwichtigt. Und natürlich ist es ein völlig unlauterer Kausalschluss, dass mit der Ausweisung aller Fremden oder gar einem Verbot des Islam alles gut würde. Dadurch wachsen keine neuen Arbeitsplätze und das wenige Geld für die bildungsschwachen Berufe, die die Fremden machen, ist den Einheimischen zu wenig, für ihr gutes altes Leben.

Wieso sollte Politik und Eliten etwas in Menschen investieren, die einfach nicht mehr gebraucht werden, wieso sollte der Sozialstaat sie aktiv aus ihren vergessenen Lebensnischen holen, nur weil er kein Geld mehr für Flüchtlinge ausgibt? Das hat er ja auch vor der Zuwanderung nicht getan. Und wieso sollten andere Länder die eigenen Waren kaufen, wenn wir den eigenen Einfuhrmarkt dicht machen? Wieso sollte ein Donald Trump wieder in den USA produzieren lassen, wo er und seine Elitemitstreiter dann auf Gewinne verzichten müssten? Niemals hat er ein solches Verhalten bisher an den Tag gelegt. Niemals hat er Rücksicht genommen auf Menschen, die er für schwach und dumm hält, weil sie sich nicht selbst retten können. Es gibt keinen Zusammenhang zwischen Trump oder Borris Johnson und dem „Kümmern um die Probleme der Unterschicht“.

Die Globalisierung ist nicht zurück zu drehen: Die Eliten und jungen Gebildeten profitieren zu sehr davon, sie ermöglicht ihnen ein freies interessantes Leben und viele Möglichkeiten und gute Verdienste. Auch die Digitalisierung ist nicht mehr abzuschaffen – und mit ihr die weitere Abschaffung von Arbeitsplätzen. Und so wie in England wird es in den USA oder Frankreich ein böses Erwachen geben, wenn die leeren Versprechungen der Demagogen, ihre Feigheit und Selbstsucht, nach ihrer „erfolgreichen“ Wahl durch die Verzweifelten, offensichtlich wird – offensichtlich werden muss, denn es sind ja nur leere Kausalschlüsse, falsche Zusammenhänge, die sie predigen.

Und trotzdem gibt es einen Zusammenhang, den die Eliten bisher hartnäckig ignorieren, von dem sie hoffen, dass er sich umgekehrt in Luft auflöst, als unlauterer Kausalschluss entpuppt: Die Abgehängten haben Wut und sie werden nicht still in ihren armseligen Ecken sitzen bleiben. Es sind viele und keine Mauer ist hoch genug gegen ihre Masse an Wut und Enttäuschung. Mr. Johnson hat das schon zu spüren bekommen. Wenn erst die Demagogen mit ihren falschen Versprechungen all die Enttäuschungen und die Wut der Unterschichten weiter mehren, auf wen werden diese dann schießen oder einstechen?

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Wir Eliten

Diese Woche war ich auf einem seltsamen Fest. Es waren die sogenannten „Eliten“ eingeladen: Menschen aus aller Welt, die in der Finanzbranche arbeiten oder mit Unternehmen viel Geld verdienen. Das Fest ging über mehrere Tage und ich hatte ausreichend Zeit diese Elitemenschen zu befragen und zu beobachten. Viele lebten in London oder New York. Wir alle zusammen feierten den 50ten Geburtstag eines gemeinsamen Freundes, eines Unternehmers, der gerne mal alle seine Freunde ein paar Tage um sich haben wollte und alle sollten alle kennen lernen. Das ist gelungen und soweit war es eine sehr gute und sehr großzügige Idee.

Das erste was mir auffiel war: die allgemeine Sorglosigkeit. Während man so kurz nach dem Brexit erwartet hätte, dass einige absagen oder ständig hektisch telefonieren würden, klagende Gesichter zögen oder wenigstens mal einen Kommentar wie „that´s a big shit“ von sich gäben, war nichts davon zu merken.

In näheren Gesprächen fragte ich nach: Habt ihr nicht Angst, vor dem wachsenden Populismus? Was ist wenn Donald Trump Präsident wird? Was wird jetzt aus London und dem Rest von England? Was wollt ihr machen gegen 30-50% Unterschicht, die rechts wählen, die sich abgehängt fühlen, die glauben, die Politik würde nur noch für Euch – die Eliten – arbeiten?

Manchmal erntete ich ein Lachen, manchmal ein Schulterzucken, es schien mir fast als hielte man mich für naiv, ob meiner direkten sorgenvollen Fragen. Klar war: Ja, das ist schon ein Problem, das alles mit dem aktuellen Rechtsruck. Doch keiner hatte auch nur die minimalste Idee einer realistischen Lösung. „Wir schaffen die Arbeitsplätze“ oder „wir sind doch die einzigen, die mit ihren Investitionen etwas tun, damit es besser wird“ – das waren die sich wiederholenden Antworten. Gerne wurde auch auf die Möglichkeiten des Internet verwiesen: Ideen haben, Kleinunternehmer werden, das ist die Möglichkeit für all die Nörgler und Entlassenen wieder Anschluss zu finden.

Letztlich wurde mir klar: Es betrifft diese Leute eigentlich nicht. Sie sind so global, finanziell frei und kosmopolit, dass sie jederzeit in ein anderes attraktives Land umsiedeln könnten. Die meisten von ihnen lebten ohnehin nicht mehr an Orten, wo sie aufgewachsen waren. Sie sind vernetzt, geschäftlich und privat mit der ganzen Welt. Ob England nun vor die Hunde geht: Wen interessiert es?! Es gibt ja New York oder Paris oder Berlin. Deshalb würde niemand auf irgendeine Möglichkeit und eigene Vorteile verzichten, um weniger global-maximal sein Geld gewinnbringend zu verwalten, sein Talent bestmöglich zu verkaufen.

Es scheint so, dass für die Eliten „die Politik“ schon der Feind ist, als Vertreter der Unterklassen oder als nutzloser „Barrikaden-Errichter“ und „Auflagenerfinder“, behindert sie nur den freien Fluss der Ideen, um noch mehr Gewinn und Fortschritt zu erzielen. Und: Es ist für die Elite nicht vorstellbar, dass Menschen sich von der Globalisierung und den schnellen Veränderungen bedroht fühlen, dass irgendjemand so unflexibel und dumm ist, nicht seinen Profit daraus zu ziehen, ein erfolgreiches Leben zu leben, in der schönen neuen Welt, mit all den schnellen Verbindungen und Möglichkeiten. Wieso sollte man auf solche „Spaßbremsen“, solche unwichtigen „Kreaturen“ Rücksicht nehmen, wo doch genug anderen – nämlich ca. 50% der Menschen – damit zurechtkommen, gute Ausbildungen und Möglichkeiten haben, Chancen der Digitalisierung nutzen, global reisen, arbeiten, Geld verdienen.

Wir alle waren auf diesem Fest das Beispiel für gelungene Globalisierung, für den Austausch und die Vorteile, die man haben kann, mit vielen Sprachkenntnissen und der Möglichkeit mal eben nach Italien zu fliegen für ein paar Tage, um die sogenannten „interessanten“ anderen Leute zu treffen. Letztlich waren wir uns alle ziemlich ähnlich, egal woher wir kamen. Es war selbstverständlich, so zu sein und sofort mit anderen Globalisierten sich austauschen zu können. Und gleichzeitig, an denselben Tagen, wurde einer Menge Menschen in England klar, dass sie mit Ihrer Wut-Wahl gegen uns Eliten nur ihren eigenen Abstieg beschleunigt hatten, dass sie zum Spielball der noch mächtigeren Elite geworden waren, die noch skrupelloser sind, die sich nicht mehr auch nur ein Stück sogen, um die Verliererschicht, sondern diese für ihre Zwecke belügen und benutzen. Sie glauben alles und jeden zum eigenen Machterhalt missbrauchen zu können – sogar Menschen, die schon ganz am Boden sind.

Immerhin: Borris Johnson jedenfalls, kann sich nicht mehr frei bewegen in den nächsten Jahren in England.  Es muss eine Lösung gefunden werden, auch wenn es scheinbar keine gibt. Und eines können wir jetzt schon vermeiden: Es noch schlimmer zu machen, als es ist. Hoffentlich haben die Österreicher das nun immerhin an den Engländern genau beobachtet: Populistische Eliten scheren sich noch weniger um das Wohl der unteren 50%, als sorglose, nur egoistische Eliten.

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Ohne Antwort

Was haben der Todesschütze von Orlando, die AfD, Donald-Trump-Wähler und der Brexit gemeinsam? Sie haben keine Antworten. Sie schreien nur laut und voller Hass: Nein! Nein ist keine Lösung. Kränkung und Angst und eine völlig übersteigerte Vorstellung, wie es laufen sollte für sie selbst, die eigene Aufwertung durch die Abwertung von anderen (die Fremden, Homosexuellen etc.) – das verbindet sie.

Ich habe einige Freunde in der Mitlife-Kriese, die ihre Wohnungen und ihren Freundeskreis ausmisten und glauben mit dem Wegwerfen wären ihre Probleme gelöst. Sie fühlen sich befreit – zumindest ein Wochenende lang. Und am Montag sitzen sie wieder in ihren Büros und merken: Es hat sich nichts geändert. Doch ihre inneren Verhaltensmuster wollen sie nicht als Ursache sehen: Zu mühsam, zu schmerzhaft. Und vielleicht muss ja nur der nächste perfekte Politiker, pardon Partner kommen und der macht dann alles gut und hält seine himmlischen Versprechungen. Jedenfalls reicht das dann für einen kurzen Rausch, für einen kurzen Pusch des Selbstwertgefühls, durch hochtrabende Hoffnungen.

Populisten und der IS sind Rattenfänger, die angeblich einen klaren Feind benennen können, der an „allem schuld ist“. Das ist nicht nur dumm, es führt auch immer weiter ins Elend. Nur: Das werden sie erst in 20 Jahren wissen, vielleicht auch schon in 10 – und bis dahin wird irgendein anderer Schuldiger benannt werden. Nur sie selbst nicht, mit ihrem Hass, mit ihrem pauschalen Anti, ohne Lösungen für die Probleme. Wir Deutschen können ein lautes trauriges Lied davon singen. Kränkung, kleingeistiger Größenwahn und unsinnige Schuldzuweisung ist das Rezept für Hass, Bomben, Zerstörung, Mord und Totschlag. (Wem das zu dramatisch klingt: Orlando und Jo Cox – gerade eben erst, letzte Woche – sind die traurigen Beweise. Und nach dem Krieg haben die kleinen Geister dann allen anderen die Schuld zugewiesen und sie selbst haben von nix gewusst….

„Die Globalisierung“ wird von Populisten und Terroristen pauschal als „der Feind“ benannt, bei dem man „nicht mehr mitmachen will“ (Zitat Gauland von der AfD). Protesthandlungen (Bomben, Todesdrohungen für Politiker), Protestwahlen (rechts) erschrecken die Eliten hinter ihren hohen Zäunen, in ihren hohen Häusern – immerhin. Und vielleicht ist dieser Hass, über den die Machhabenden so erstaunt sind, das einzig Wahrhaftige in der aktuellen Situation. Man will sich damit in die „natürliche Natur“ zurückkatapultieren, in die gute alte Nation, die „natürliche Ordnung“, wo alles natürlich gewachsen war, Bänker noch nicht die Erde beherrschten und ruinierten und Frauen noch daheim blieben und weiße Männer in allen Schichten was zu sagen bzw. das Sagen hatten.

Was habt „Ihr da oben“ gedacht, was die Menschen machen, deren Schicksal Euch egal ist seit Jahrzehnten, denen ihr nichts übrig lasst, die ihr demütigt und entwertet?! Habt ihr geglaubt, dass sie sich in Luft auflösen? Noch leben wir in Demokratien und jede Stimme zählt immer noch gleich viel bei den Wahlen. Es sollte den sogenannten Eliten klar sein, dass diese Gruppe auf deren Kosten die Globalisierung ausgetragen wird, die nur „den Reichen“ bisher genützt hat, ständig wächst. Es sollte den Fantasten in Silicon Valley klar sein, dass jeden Arbeitsplatz, den sie auf dem Gewissen haben, einen wütenden mehr produzieren, der als Uber-Fahrer weder seine Miete noch die Bildung seiner Kinder bezahlen kann. Die Probleme heute sind mit keiner App zu lösen, mit keinem selbst-fahrenden Auto und irgendwelchem Geschwafel von Kreativität, die angeblich automatisch tausende neue Jobs schafft, wenn die Menschen nur Zugang zu allen Netzinhalten hätten: Die meisten Menschen haben diese Fähigkeiten nicht!

Der Zentrale Wert der Wirtschaft sollte nicht länger das Verschieben von immer größeren Geldmengen sein. Es sollte das Selbstwertgefühl sein. Es bedarf dringend eines neuen wissenschaftlich-wahrhaftigen Menschenbildes. Wir sind keine Maschinen, die man einfach abschalten und in die Ecke stellen kann.  Der Narzissmus entwickelt – bei Kränkung und Abwertung – eine Macht, die selbst die Bankentürme von London erreicht, die die englische Währung über Nacht und überraschend um 31% abgewertet hat. Bei aller Dummheit der Rechtspopulisten, sollten die Eliten nicht so dumm sein, zu glauben das höre einfach wieder auf. Der Brexit war nur der Anfang auf der großen Bühne.

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Auch ich

Vor ein paar Tagen saß ich auf einem Billigflug nach Italien: 39 Euro nach Apulien. Um mich herum lauter Menschen, die zum Teil schon betrunken eingestiegen waren. In Jogginghosen gekleidet, begannen sie über die Bänke hinweg laut und primitiv, ungeniert, ihren Urlaub – auf eine Art und Weise, die mir selbst völlig fremd ist. Schlecht blondierte Haare, Übergewicht, schlechtes Benehmen, auch den Stuartessen gegenüber.

Wir flogen in eine „Randregion“ der EU, die durch bestimmte Billigflüge gerade zum neuen Tourismusziel avanciert, gefördert von der EU, weil dort außer mafiösen Strukturen, nichts wächst seit Jahrzehnten, das Geld fehlt, für all die wunderbaren Kulturgüter. Diese Information habe ich von einem Freund, den ich dort gerade besuche, der dort aufgewachsen ist und viele Jahre im Ausland war und jetzt zurück gekommen ist, um den Tourismusaufbau zu begleiten, selbst zu etablieren. Die Apulier wollen hier aber nicht die „Proleten“ (wie auf Malle). Sie haben extra Bauvorschriften gegen Massenhotels erlassen, selbst die Mafia kommt dagegen nicht an.

In Mallorca wurde diese Woche das erste Mal hart durchgegriffen, gegen Trinkgelage am Strand, gegen die Alkoholexzesse, für die so viele extra nach Malle reisen. Schnelle Befriedigung durch Rausch, Essen und Trinken im Überfluss, das Leben soll jetzt gut sein – nicht morgen, nicht erst wenn man sich mühsam „verbessert“ hat, mit Bildung und Sparen und Rentenabsicherung, die ohnehin nichts bringt bei den Geringverdienern. In Frankreich reisen Schägertrupps an zur EM, um mal richtig zu saufen und dann die Sau raus zu lassen. Es gibt immer mehr Menschen – bildungsferne Schichten – die wollen oder können sich nicht (mehr) verbessern, die wollen sich nicht mehr im kapitalistischen System nach oben kämpfen, weil sie es nicht können, weil es zu lange dauert, weil ihre Herkunft ihnen nicht das nötige Durchhaltevermögen anerzogen hat, weil ihre geschundenen Psychen, die Dauerabwertung (als Kinder durch lieblose Eltern und dann nahtlos weiter durch die Gesellschaft) nach schnellem Rausch und kurzem Größenwahn giert.

Alle wollen nette gebildete Touristen, aber durch die Billigflüge kommen auch die anderen, die nur an den Strand wollen, die die Kirchen und Kultur nicht interessieren (nicht mal besonders die Spiele bei der EM (mit den viel zu teuren Karten der korrupten FIFA). In den kleinen Dörfern voller Sehenswürdigkeiten und jahrtausendalten Kulturzeugnissen in Apulien, gerade noch unberührt, sind schon die immer-gleichen Nippes Buden mit den immer-gleichen Fertigeiskarten zu sehen. Es ist ein heikler, dünner Grad, zwischen Geldverdienen mit den Massen und Bewahrung der Schätze, die sie anziehen sollen.

Jahrhunderte lang wurden diese Städtchen am Mittelmeer erobert, zurückerobert, neue Religionen etabliert, die Bürger haben sich mal gewehrt, mal ergeben, waren mal stolz und mal versklavt. Zwischendurch hat das ein oder andere Mal die Pest alle – Feind und Freund – dahingerafft. Habgier, Machtgier, Leid und Wiederaufbau. Es scheint sich nichts geändert zu haben, auch wenn wir in Europa mal 70 Jahre glaubten es gäbe einen sozialen Fortschritt, ohne Aggression, ohne Kriege.

Es gibt viele schwarze Einwanderer hier, keiner will sie. Sie sollen Oliven ernten helfen und dann unsichtbar werden, bis zur nächsten Ernte, wo sie für 3 Euro die Stunde ausgebeutet werden. Stolze schwarze Männer, die den freizügigen proletigen Touristinnen in die fülligen Dekolletés starren. Dahinter, auf der schön hergerichteten Promenade der mittelalterlichen Küsten-Städtchen, flanieren Rentner, mit Rucksäcken und in Sandalen, graue Haare, graue Kleidung.

Gibt es irgendeine Chance dem zu entkommen? Die sozialen Zukunftsutopien sind alle in Katastrophen geendet. Der menschliche Narzissmus zeigt sich leider immer zu 90% in seinen primitiven Formen und alle zeigen auf die anderen, die Schuld haben, am Elend der Menschheit, die stillos, bildungslos, rücksichtslos ihren kleinen Vorteil suchen. Auch ich.

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Verantwortung

Die grünennahe Heinrich-Böll Stiftung hat beim ZEW (Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung) eine Studie in Auftrag gegeben. Der Arbeitsmarkt- und Finanzwissenschaftler Holger Bonin sollte eine sogenannte „Generationenbilanz“ der aktuellen Flüchtlingsintegration erstellen. Zu deutsch: Wieviel kostet die Integration der Flüchtlinge – und wieviel bringt sie an späteren Steuern, die die Integrierten dann zahlen werden, dem Staat wiederum ein.

Eine solche Einbürgerung dauert zwischen 10 und 20 Jahren. Und nach Bonins Berechnung wird der Staat am Ende wohl auf ca. 200 Milliarden Euro sitzen bleiben. Das erhöht die Finanzierungslücke des deutschen Sozialstaats um weitere 7%. Humanitäres Handeln, die reale Umsetzung der Menschenrechte, als Grundlage unserer Kultur und unseres Selbstverständnisses, kostet etwas.

Der Soziologe und Migrationsforscher Ruud Koopmans von der Humboldt Uni Berlin weiß, dass die islamische Herkunftskultur die Integration erschwert, durch die sogenannte größere „Wertedistanz“. Deshalb haben islamische Migranten auch bisher eine höhere Arbeitslosenquote. Das liegt nicht nur an den schlechteren Bildungsabschlüssen. Die Rolle der Frau, die Ablehnung von Kontakten mit Einheimischen und die schlechten Sprachkenntnisse sind auch daran schuld. Und: Die Diskriminierung durch deutsche Einheimische hat sich in keiner „statistisch relevanten Größe“ dabei bemerkbar gemacht.

Kulturelle Assimilation ist unbedingt erforderlich für die Arbeitsmarktintegration und das Rückzahlen der Integrationskosten. Die größte Gefahr des Scheiterns besteht darin, dass die Asylbewerber nur unter sich bleiben – was aber gerade durch ihre stammesorientierte Kultur wahrscheinlich ist. Dagegen hilft nur Wohnortzuweisung, damit Asylbewerber sich quasi zwangsweise im ganzen Land verteilen und durchmischt wohnen. Koopmans drängt auch dazu, dass pflichtgemäß Deutsch und deutsche Kultur gelernt werden müssen und der Unterhalt nach 5-10 Jahren spätestens selbst verdient werden soll. Ansonsten sollte die Abschiebung drohen (sofern das Herkunftsland nicht mehr im Krieg ist).

Die Zeit der großen humanen Hoffnungen scheint vorbei. Die Wissenschaft scheint eindeutig und einheitlich wie selten in ihren Aussagen zur Integration und den großen sozialen Gefahren. Die Willkommenskultur braucht gesetzliche Pflichten. Doch bräuchten nicht alle Menschen, also auch die in Deutschland geborenen, „mehr Druck zur Eigenverantwortung“? Betrifft das nicht besonders auch die unteren Schichten, also den AfD-wählenden „Ausschuss“, den die Wirtschaft in den westlichen Demokratien allgemein nicht mehr braucht? Sind nicht auch sie gleichermaßen unschuldig für ihre Situation, die letztlich aus der Rücksichtslosigkeit eines globalen Turbo-Kapitalismus entstanden ist?

Sie rufen nach Hilfe, so wie die Flüchtlinge. Sie sehnen sich nach Sicherheit, so wie die Flüchtlinge. Doch das ist so, wie bisher nicht mehr finanzierbar, schon gar nicht auf Dauer. Und der Staat scheint offensichtlich den Problemen nur noch hinter her zu laufen, ohne dem Wandel der Zeit gewachsen zu sein oder neue grundlegende Veränderungen vorzunehmen. Doch wir müssen aus dem tiefen Gefühl für Gerechtigkeit, das unserer menschlichen Sozial-Psyche zugrunde liegt, für die die sich bemühen, die Chancen schaffen. Alle, die einfach nach dem Staat rufen – AfD-Wähler und Flüchtlinge – die denken sie müssten sich nicht ändern, die anderen wären verpflichtet für sie zu sorgen, sind die große Gefahr für Demokratie und Zukunft. Doch alle, die aufwachen, die kämpfen, müssen unterstützt werden.

Es werden die kleinen Projekte sein, auf kommunaler Ebene, das Engagement und die Eigenverantwortung in den kleinen Gemeinschaften, die die Rettung bringen werden. Besser jeder sieht das, in der Tragweite für seine eigene Zukunft, so schnell wie möglich ein. Es hilft nichts mehr, nach Papa- oder Mama-Staat zu rufen, Ungerechtigkeit anzuprangern, wie Dreijährige, die nicht fähig sind, selbst aktiv zu werden. Wir müssen alle viel schneller und viel mehr erwachsen werden. Und die Einsicht, dass die Kindheit der sozialgesicherten Nachkriegszeit nun endgültig vorbei ist, dass niemand mehr kommen wird, der uns füttert und versorgt, ist der erste Schritt. Dabei hilf nicht mehr Leistungsdruck in der Erziehung, sondern ein anderes Verständnis von innerer Stärke und sozialem Miteinander. 

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Konkreter Kinderkram

Die sogenannten „erstarkenden rechten Kräfte“, die plötzlich in den westlichen Demokratien so  dominant werden, kritisieren die „abstrakten Bürgerrechte“, die an Pässe und Rechtstaatlichkeit gebunden sind. Sie prophezeien einen baldigen Zusammenbruch und dann – im vielbeschworenen, herbeigesehnten „Ausnahmezustand“ bzw. „Ernstfall“ – eine „Reinigung“ durch den Volkszorn. Die „eigentliche, wahre Zusammengehörigkeit“ wird sich dann (endlich wieder) zeigen. Dabei wird nicht genau gesagt, ob dieser Zusammenschluss  ethnisch, religiös-kulturell ist, oder… ja was?!

Der „Sklavenmoral der Abstraktion des Rechtstaates“ und der globalen Menschenrechte, ohne Herz und Wut und Rache, wird einer Art „alttestamentarischen Naturgewallt“ als Gruppenzugehörigkeit gegenüber gestellt. Intellektuelles abstraktes Blabla soll, wenn es dann endlich „hart auf hart“ kommt, von „wahrer Erfahrung“, von Kampf und Ehre und gemeinsamer Stärke und Blut und so – irgendwas zwischen Abendland und Protektionismus (Hauptsache ohne Islam) – abgelöst werden.

Seltsame Sehnsucht tun sich da auf, die ihren Inhalt eigentlich nicht genau zu benennen weiß. Verklärte Geschichte wird irgendwie „ausgelaugten Millionenstädten“ gegenüber gestellt, wo keiner mehr keinen kennt und das Essen nur noch aus Chemie besteht. Die jahrzehntelange Duldungsstarre wird durch den großen Aufbruch ins „Eigentliche“ abgelöst, durch einen neuen kollektiven Selbstentwurf, unter patriarchalen, weißhäutigen Vorzeichen. Und die Vergangenheit und Zukunft verbinden sich zu einem immerwährenden, wahren, nationalistischen stolzen „Utopia- Jetzt“.

Selbstherrliche Kleinbürger, träumen also davon endlich die Ohnmacht abzuschütteln, aufzubrechen, in die eigene große Geltung. In einer blockbusterartigen Selbst-Überhöhung, rettet der getretene Versager am Ende, nachdem überall die Bomben hochgegangen sind, unter heroischer Musik, dem Rauch entsteigent, im zerrissenen vollgebluteten Männerunterhemd, alle anderen. Und seine Frau kehrt reumütig von irgendeinem reichen, gegelten Fuzzi zurück zu ihm, seine vormals ignoranten Kinder werfen sich ihm an den Hals – so wie der Rest der nunmehr ethnisch und religiös einheitlichen Nation.

Dem gegenüber steht das humanistische Gymnasium, gepaart mit freien Märkten bzw. dem „richtigen (ökologisch korrekten) Konsum“, was auch nicht mehr funktioniert. Das „Eigentliche der analogen Natur“ wird darin beschworen, das eher romantisch als biologistisch verstanden wird und den digitalen Determinismus natürlich ablehnt. „Böse Selbstzwang-Technologie“ von mobilen Geräten, „totale Überwachung“, „Selfie-Wahn“ steht hier auf großen Wahnschildern. Und auch hier wird die stärkere Gemeinschaft beschworen, wenn auch rassen- und religionsübergreifend, auf der Basis der Menschenrechte.

Seltsame Träume sind das – und auffällig ähnliche dazu: Ein klares Richtig und Falsch, gemessen an einem diffusen Früher mal. Doch früher war ja selbst die Zukunft besser, wie Karl Vallentin schon bemerkte. Und auch wenn der Mensch ein Gruppentier ist, ist er gleichzeitig und grundlegender ein narzisstischer Egoist. Die Früchte eines guten Zusammenlebens stehen ihm erst zu, wenn er seinen eigenen naturgegebenen primären Narzissmus zur Selbstreife bringt. Gesunde Selbstkritik ist hier das Zauberwort.

Was fällt so schwer daran zuzugeben, dass die eigenen Vorfahren einen Völkermord begangen haben, wenn das eigene Selbstbild stark ist und objektiv?! Wer wirkliche Selbstreife hat, braucht kein Nationalgefühl, muss sich nicht am wahren Deutschsein, Türkischsein, Russischsein, Jüdischsein, Amerikanischsein selbst erbauen. Hier trifft sich die AfD mit dem so verhassten Islam – und allen anderen selbstgerechten Kleinbürgern dieser Welt, ob sie nun Trump oder Putin wählen, Netanjahu oder Erdogan.

Wie bei einzelnen Menschen gibt es auch staatliche bzw. kulturelle Selbstreifegrade. Die westlichen Demokratien befinden sich demnach, aufgrund von Stress und Orientierungslosigkeit, in der Gefahr einer akuten Regression: Frühere kindlichere Selbstreifegrade tauchen auf, suchen nach einfachen Antworten, stellen sich als Opfer dar, ohne die eigenen Missetaten zuzugeben, die einen erst in den Konflikt gebracht haben. Es wird geschrien und an den Haaren gezogen, statt sich entschuldigt und überlegt, wie man es besserer, gerechter machen kann.

Nun wird also das ultimative Kinderparadies gesucht. Nur wer soll hier nach welchen Maßstäben Regeln aufstellen? Dass sich Kinder selbst erziehen, ist ein überholtes Ideal der Alt-Achtundsechziger, vergleichbar mit der Vorstellung freies Taschengeld für die großen Kinder, würde eine Umverteilung zu den kleinen automatisch garantieren.  

Da muss man sich wohl die Mühe machen, jedes Kind „da abzuholen, wo es steht“, wie es so schon in der modernen Pädagogik vermerkt wird. Unterschiedliche Begabungen fördern, wertschätzen, statt nur das Recht des Stärkeren walten zu lassen. Wer möchte, dass der kleine Bürger nicht mehr die AfD wählt, sollte ihm etwas vermitteln, das ihn auf seine Leistung, seine Art zu leben stolz sein lässt. Er sollte ihm nicht täglich Filme zeigen, von den reichen Kids, die einfach so alles bekommen (wie die Kardashians) . Wer möchte, dass die reichen Kids sich beteiligen, muss sie konsequent in die Ecke stellen, bevor sie wieder mitspielen dürfen. Und Konsequenz ist bei Lob und Strafe das A und O in jeder Kinder-Erziehung.

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Frauenschänder und andere Psychopathen

Nach dem Hoechsterhaus nun die Leichengarage in Schwalbach im Taunus, ein Nachbarort meiner Heimatstadt. Und immer die Frage: Wie kann das sein, der Mann wirkte doch so normal, ruhig, höflich.

 Wenn ein Massenmörder und Frauenschänder sich auffällig verhalten würde, wäre es wohl bald vorbei mit dem Massenmorden. Aber was genau ist die Vorstellung der Menschen, wie ein Massenmörder sich passend verhält?! Auf jeden Fall nicht so normal, wie man selbst, das ist schon mal klar.

Massenmörder, die zumeist ihre Opfer sadistisch quälen, sind fast alles sogenannte Psychopathen, die in ihrer Kindheit selbst gequält worden sind. Psychopathen sind Menschen, die auffällig wenig Spiegelneuronen haben, von Natur aus also wenig Empathieempfinden haben, schlecht die Emotionen anderer wahrnehmen und diese eben auch nicht spiegeln bzw. mitempfinden können. Kommt dann noch ein großer Frust aus einer qualvollen Kindheit dazu, wird dieser dann „eiskalt“ an anderen Menschen ausgelassen.

Der Hirnspezialist und Berater des amerikanischen Verteidigungsministeriums James Fallon untersuchte jahrelang Gehirne von solchen Schwerverbrechen und bemerkte eine typische psychopathische Abnormalität, den Mangel an Spiegelneuronen und empathie-typischen Reaktionen. Hunderte von Hirnscans hat er dafür analysiert, auf der Suche nach besonders ausgeprägten Regionen. Bereiche, die für Einfühlungsvermögen, Schuldbewusstsein und Angstempfindung zuständig sind, waren in den Köpfen der Straftäter sichtbar verringert. Er war überzeugt den wissenschaftlich überzeugenden Beweis dafür gefunden zu haben, dass bestimmte Menschen von Natur aus Verbrecher sind.

Eines Tages geriet sein eigener Hirnscan unter verschlüsselten Namen in eine der Untersuchungen und er musste feststellen, dass er eindeutig die Hirnstrukturen eines Schwerverbrechers besaß. Nach einer weiteren Genanalyse war klar: Er als erfolgreicher Wissenschaftler und Familienmensch besaß von Natur aus die Veranlagung zu gewalttätigem, impulsiven, risikoreichem, wenig einfühlsamen Verhalten. Und unter seinen Vorfahren gab es zahlreiche Mörder.

Fallon hatte eine sehr glückliche Kindheit voller Geborgenheit und Aufmerksamkeit. Zwar liebte er den Nervenkitzel beim Sport und war ein wilder Pary-Gänger und schwieriger Pubertierender. Seine Eltern förderten ihn aber auch aktiv dazu auf, viele soziale Dinge zu machen. Fallon ist sich heute sicher, wenn seine guten Familienstrukturen und sein erfüllender Job wegfallen würden, wäre er immer noch in großer Gefahr abzurutschen.

So gerne die schockierten Nachbarn der deutschen Massenmörder es weit von sich weisen, irgendetwas gemein zu haben mit diesen Verbrechern, so gerne Menschen heute glauben, das Verhalten hänge nur von den Genen ab und den Hirnstrukturen: Das ist falsch. Die Hirnstrukturen und Genaktivität sind entstanden durch die Umwelt – auch und gerade durch die soziale Umwelt. Und psychopathisches Verhalten scheint so erfolgreich zu sein in der Evolution, dass es immer noch existiert: Psychopathen sind sehr gut angepasst und gleichzeitig sehr bedacht auf ihren Vorteil. In früheren Zeiten ist ihr Wille zu töten, ihre Aggressivität wohl sehr angesehen gewesen unter Soldaten und Kriegern.

Und doch ist eben der ausschlaggebende Punkt die liebevolle Erziehung, die heute Verbrecher von Nichtverbrechern unterscheidet – und das nicht nur bei den Psychopathen. Es sind also die wissenschaftlich so schlecht angesehenen „Soft-Skills“, die uns letztlich zu dem machen, was wir sind. Sie gelten an den Universitäten als zweitrangig und unexakt, ein wenig esoterisch und Blabla. Wir sollten aber dringend anfangen, die Wissenschaften, die diese Dinge untersuchen, aufzuwerten. Exakte Wissenschaften gibt es sowieso nicht: Das ist Hybris und Machinteresse einiger Wissenschaftler, allen voran die aus der Hirnforschung. Denn unsere Gene können und sollten wir nicht verändern. Unser Verhalten aber sehr wohl. Und die Parameter, die da großen Einfluss haben, wie Liebe und Anerkennung, sind elementar für unsere Existenz. Ein Mangel bringt leicht kränkbare Gemüter und eben auch Psychopathen hervor. Und die Grenzen zwischen ihnen sind fließend: Die Psychopathen haben mit der Empathielosigkeit, die oft zwischen Menschen herrscht, die die Pegida und AfD gerade wieder laut herausschreit und ausspricht, mehr zu tun, als den guten deutschen Nachbarn lieb ist. 

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Auch die Wissenschaft ist Schuld

Es gibt kaum einen Punkt, auf den sich unsere Gesellschaft so gut einigen kann, wie die Kapitalismuskritik. Der Hauptvorwurf scheint zu sein: Die moderne kapitalistische Werte- und Herrschaftsordnung macht psychisch und physisch krank. Konkurrenz- und Leistungsdruck, Informationsflut, ständige Erreichbarkeit, Unvereinbarkeit von Familie und Beruf, Kinder mit ADAS, Bourn-Out, Depressionen, Selbstausbeutung als Standard – all das sind die Vorwürfe, die seit der Jahrtausendwende den baldigen Kollaps des Turbo-Kapitalismus prophehzeihen bzw. eine Reformation begründen.

Ausgerechnet der Psychoanalytiker und ehemalige Leiter der berühmten linken, kapitalismuskritischen „Frankfurter Schule“ (FIS) Martin Dornes hat jetzt ein Buch geschrieben („Macht der Kapitalismus depressiv?“), in dem er behauptet: „Wir waren früher schon genauso krank wie heute (oder sogar kränker).“ Zwar gibt es wirklich viel mehr Krankschreibungen aufgrund  psychischer Diagnosen und es werden erheblich mehr Psychopharmaka verordnet, doch das liegt daran, dass psychische Probleme nicht mehr so stigmatisiert werden und das Versorgung und Diagnoseangebot besser ist: Früher haben die Menschen viel mehr geraucht und getrunken, um ihre unerkannten, verdrängten Probleme ruhig zu stellen. Außerdem altert die Gesellschaft und die Scheidungsrate steigt und somit auch die Wahrscheinlichkeit der Altersdepressionen und Einsamkeit.

„Die Absicht, daß der Mensch glücklich sei, ist im Plan der Schöpfung nicht enthalten“, hat Sigmund Freud am Ende seines Lebens vermerkt.  Ist der Kapitalismus also nur das „gemeine Unglück“, über das wir ohnehin nicht hinaus kommen, welches das „hysterische Elend“ der feudalen Sozialstrukturen und Kirchenmacht abgelöst hat?

De facto hat der Kapitalismus den Menschen der westlichen Welt ca. 30 Lebensjahre mehr verschafft; er hat den Frauen die Gleichberechtigung beschert (zumindest nach dem Gesetz), Kinderarbeit und Sklaven abgeschafft, Sozial- und Krankensysteme erschaffen, Menschenrechte als Wertehintergrund etabliert. Doch in den letzten 15 Jahren frisst der Kapitalismus offensichtlich seine Kinder, wird der systemimmanente Zwang, immer neue Gewinne zu schaffen, zu einem für die Menschheit nie dagewesenen Problem. Umweltzerstörung und Erosion der Sozialsysteme, Verteilungskriege, Flüchtlingswellen, Enteignung, Turbonahrung; vom Trinkwasser, bis zur Schulbildung, von der Krankenversorgung bis zur Rente: Alles wird vom Anspruch an wachsende Rendite unterwandert –  bis hin zum technischen Menschenbild und den verwertbaren Ergebnissen in der Wissenschaft. Die sozialen Sicherheiten der Demokratie, als große Errungenschaft menschlichen Empathie-Verstandesvermögen, drohen zu scheitern. Das uneingeschränkte globale Recht des Kapital-Stärkeren setzt sich immer weiter durch.

Statusängste machen sich breit, nicht nur in der unteren Mittelschicht: Die eigene Zukunft nicht mehr im Griff zu haben, die Selbstwirksamkeit einzubüßen, Verlust von Verbindlichkeit, Perspektiven, Handlungsmöglichkeiten, zeigt sich aber oft (noch) nicht in den „harten-exakten“ Verdienstzahlen. Die aktuellen Sozialforschungen haben das wachsende Unbehagen aber in den „weichen-wortgebunden“ Denk- und Stimmungsinhalten der Menschen statistisch eindeutig nachgewiesen. Doch was sind schon Denkinhalte gegen biologische Fakten?!

Die wachsende nationalistisch-rechte Anhängerschaft in den großen westlichen Demokratien, zeigt, dass die biologisch und verhaltensbiologisch  nicht zu erfassende „Statusangst“ brandgefährlich ist. Sie existiert – auch wenn sie nicht von den exakten Wissenschaften in randomisierten Doppelblindstudie bewiesen werden kann. Diese Stausangst ist zutiefst narzisstisch und es kümmert sie wenig, welche logisch exakten Ergebnisse die Wissenschaft produziert, an welchen Begriffen die analytische Philosophie gerade ihren Geist ausschüttet oder ob die Hirnforschung noch keine neuronale Entsprechung gefunden hat.

So wie das Statusstreben den Kapitalismus getragen und hat wachsen lassen, so zerstört die Statusangst all seine Errungenschaften. Doch die Psychoanalyse als Wissenschaft des Narzissmus, der Psychodynamik der Selbstbilder, der wissenschaftlichen Betrachtung von Kränkung und Verdrängung, wurde aus den Universtäten verbannt, von der akademischen Psychologie und Hirnforschung als überholt erklärt.

Es wäre längst die Pflicht der Wissenschaft gewesen, ihre falschen unrealistischen Menschenmodelle abzugleichen mit der Lebenswelt. Es wäre ihre Pflicht gewesen, die vollkommen falschen Grundannahmen der Wirtschaftswissenschaften anzugreifen, die Kollegen verantwortlich zu machen, für ihre falschen Lehren, mit wissenschaftlichen Argumenten das System auszuhebeln, anstatt sich immer weiter in seinen Dienst zu stellen, kaufen zu lassen. Doch in einer Wertewelt in der einerseits konstruktivistische Sinnfelder keine empirisch Kraft haben, und empirische Erkenntnisse jedes soziale Engagement haltlos zurückweisen: Wie soll da wirkmächtige Wahrheit entstehen und die Menschen gegen das von ihnen selbst verursachte Leid verteidigen?!

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Wieso gibt es die AfD?

Zeigt man Eingeborenen Südamerikas einen Film über New York, können sie vielleicht nicht sagen, was sie gesehen haben, weil sie keine Begriffe für Hochhäuser, Taxis und Straßen haben. Sie werden aber durchaus beunruhigt und irritiert sein vom Gesehenen und nach einer Bewertung dieser fremden Realität zugunsten ihres Überlebens suchen.

Menschliches Denken basiert immer auf narzisstischem Lebenswillen, wertet nach guter stabilisierender bedürfnisbefriedigender Eingebundenheit, nach besseren Möglichkeiten. Somit sind Gedanken ohne Inhalte nicht leer und Anschauungen ohne Begriffe nicht blind (was Kant nicht behauptet hat), da eine Trennung der Gedanken von ihren angeschauten, emotional begriffenen und gewerteten Inhalten geltungslogisch nicht möglich ist. Gedanken sind vielmehr angeschaute begriffene Inhalte, die ihre Wertung durch die Ausrichtung im eigenen vorhandenen sozialen Kontext des Überlebens erfahren. Und jede Abstraktion und Allgemeingültigkeit bleibt am Lebensbeispiel angebunden.

Der ewige Zweifler Descartes, dessen Leben zwischen wildem körperlich-triebhaften Eskapismus und totaler denkender Zurückgezogenheit schwankt, macht den Zweifel an vorgegeben Wahrheiten zur Grundlage der Philosophie, auf der Grundlage der gelebten Zweiteilung seines Lebens: Zwischen fleischlichen Lüsten und reinem Denken, stellte sich für ihn stets die Frage nach dem Eigentlichen. “Aus diesem universalen Zweifel, wie aus einem festen und unbeweglichen Punkt, habe ich die Erkenntnis Gottes, deiner selbst und aller Dinge, die es in der Welt gibt, herzuleiten beschlossen,“ schrieb er in seinem Hauptwerk „Meditationen über die erste Philosophie„ von 1641. Der Zweifel wird zur Gewissheit, das eigene Denken wird zur Gewissheit: Ich denke also bin ich. Und diese Gewissheit vertritt einen narzisstischen Anspruch, der den narzisstischen Zweifel am eigenen Wert beruhigen soll und erhebt sich damit über die sterbliche Körperlichkeit und sündige Banalität hinaus.

Kant war ein Pedant in Pünktlichkeit, Ordnung und seinem stets gleichen Tagesablauf (heute würde man ihm wohl vielleicht eine mittelmäßige Zwangsneurose diagnostizieren, wenn man es nicht immer noch als preußische Tugend wertet). Er hat nie geheiratet, seine Heimatstadt Königsberg nie verlassen und das größte Drama seines Lebens war die Entlassung seines Dieners Lampe, was seine Gewohnheiten durcheinander brachte. Um dem daraus entstehenden Durcheinander  rational zu begegnen (der Diener hatte ihn allabendlich auf exakt dieselbe Art und Weise in seine Bettdecke gewickelt), schrieb er auf einen Zettel: „Lampe muss vergessen werden!“ Vor diesem Hintergrund gelingt der wohl konsequenteste Schritt in der Philosophiegeschichte: Wir können die Wirklichkeit als Ding- an-sich, also die absolute Wahrheit nicht erkennen. Und trotzdem war die Metaphysik Kants eigentliches Ziel. Gibt es etwas im Menschen, das sein banales, körperliches Sein überdauert, etwas Unsterbliches, Freies, Göttliches? Je fragwürdiger und lebensweltlicher unsere Erkenntnis wurde, umso mehr hat Kant versucht, sie mit Verhaltens- und Erkenntnisregeln rational zu bezwingen (was zum berühmten „kategorischen Imperativ“ führte als Gesetz des: Du sollst). Hierin ist Kant ein direkter Vorläufer der analytischen Philosophie aber genauso auch der heutigen Hirnforscher: Je relativer das Erkenntnisvermögen wird, umso mehr versucht man mit Rationalität/Biologismus den begrenzten Erkenntnisbereich zu festigen, womit man immer nur deutlicher macht, wie begrenzt das menschliche Erkennen ist. Doch genau damit bleibt Kant dem Ding-an-sich wenigstens bewusst und reflektiert verhaftet, weswegen die Menschen bis heute etwas „anfangen können“ mit seiner Philosophie.

Von Nietzsche stammt der Ausspruch: „Ein verheirateter Philosoph gehört in die Komödie.“ Seine Jugend lang war er von Frauen umgeben: Mutter, Großmutter, Schwester, zwei Tanten. So wird deutlich, dass sein noch weit berühmter Ausspruch: „Du gehst zu Frauen? Vergiss die Peitsche nicht“,(aus seinem berühmten Buch Zarathustra und dort von einem alten Weiblein ausgesprochen wird), wohl eher genau das Gegenteil meint, von dem, was landläufig daraus gemacht wurde: Nietzsche hatte ein Leben lang Angst vor der leiblichen, lebensweltlichen Macht der Frauen und der daraus zu spürenden Triebhaftigkeit des Lebens, unter deren Peitsche der geistvollste Mann als Komödiant deutlich wird. Seine Heiratsanträge wurden jedenfalls mehrfach abgelehnt. „Ich habe meine Schriften jeder Zeit mit meinem ganzen Leib und Leben geschrieben.“ Das Leib- und Lebensweltliche wurde seine Wahrheit. Nietzsche  als Philosoph mit dem Hammer hat als erster alle menschlichen Ansprüche auf Gott dem Trieb unterworfen. Der dadurch ausgerufene Nihilismus, die körperliche Bedingtheit unseres Erkennens, die Wahrheit der Lebenswelt ist aber nur nihilistisch, wenn man einem der Sinn im triebhaften Alltagsleben nicht reicht für die Selbstdefinition und soziale Regulation. Wahrheit, Gott, Moral: Alles ein „Gemächt des Menschen“ in der „ewigen Lust des Werdens“, des Lebens, die auch noch die „Lust am Vernichten“ miteinschließt. Und darin versucht der Mensch deswegen und trotzdem mit seinem „Willen zur Macht“ zum „Übermenschen“ zu werden, in „ewiger Wiederkehr“.

Es gibt die AfD, weil wir trotz all unserer schlüssigen rationalen Überlegungen und logischen Theorien, in erster Linie narzisstische Menschen bleiben. Vielleicht sollten sich die Theoretiker und Politiker (frei nach Brecht) ein anderes Volk wählen, damit sie das nächste Mal nicht so überrascht sind, über diesen Narzissmus, der noch die größten Theorien der Menschheit beherrscht.

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Was wir von Shakespeare lernen können….

Seit einiger Zeit bin ich einem seltsamen, aber grundlegendem Phänomen auf der Spur: Der Dauerbewertung von Frauen. Ständig und überall werden Frauen bewertet, unaufgefordert, selbstverständlich. Es werden Sätze über Frauen gesagt, die so niemals über Männer gesagt werden. Zum Beispiel die Aussage: „Sie ist ja sehr ehrgeizig…“. Bei Frauen hat das immer einen Anklang von Kritik. Zum einen würde dieser Satz „Er ist ja sehr ehrgeizig“ so nicht gesagt, über einen Mann. Man würde ihn etwas anders und mit einer positiven Betonung sagen: Der Mann ist ehrgeizig! Es schwingt dabei mit: Der will was erreichen, das ist ein Kämpfer, dem kann man was zutrauen. Bei  Frauen hat dieser Satz dagegen immer den latenten Vorwurf der Verbissenheit. Da will eine Frau etwas erreichen und wird dadurch schon verhaltensauffällig, rücksichtslos, unweiblich, zickig.

Gerade läuft ja wieder die unsägliche Sendung, in der Heidi Klum wochenlang hübsche, sehr junge Frauen quält und runter macht und ihnen vermittelt, das Wichtigste auf der Welt für Frauen ist: in hohen Schuhen laufen zu können und die richtige „Attitude“ zu haben… Und die Nation schaut millionenfach diesem Sadismus zu. Die Teilnehmerinnen hoffen, dadurch etwas zu erreichen, in dem von anderen definierten vorgegebenen Frauen-Leben, Bewunderung und Ansehen zu gewinnen als Model, als Mensch der vor allem schön aussehen muss auf Fotos und beim herumlaufen. Mal davon abgesehen, dass das Model-sein an sich schon eine völlige Abwertung von Frauen bedeutet, da es Bewunderung und Geld verspricht für reine Äußerlichkeiten, die andere für schön befinden, die aber nichts mit eigener Leistung oder Persönlichkeit zu tun haben, wird Frauen dieses ideale Dasein der totalen Passivität heute schlimmer denn je gepredigt.

„Ich weiß auch von Eurer Schminkerei mehr als genug. Gott hat Euch ein Gesicht gegeben, und ihr macht Euch ein Eigenes. Ihr tänzelt, schwenkt die Hüften, und ihr lispelt. Ihr verhunzt Gottes Geschöpfe und tut, als wäre Eure Geilheit Naivität. Pack dich ins Kloster!“ – das wirft Hamlet der unglücklichen Ophelia an den Kopf, seit mehr als 400 Jahren. Die erste große Männerfigur der Moderne, die durch Zögerlichkeit und eigene Schwäche alle ins Unglück stürzt, wirft den Frauen ihr bisschen Macht vor, den mühsamen Versuch, an einer kleinen erlaubten Stelle etwas mehr Anerkennung und Aufmerksamkeit zu bekommen, selbst Einfluss zu nehmen auf das eigene Wirken. Selbst dieses vergängliche schwache Stück Macht der jugendlichen Schönheit wird Ophelia nicht zugestanden.  Es wird gemaßregelt und abgewertet und zum Vorwurf erhoben. Hamlet fragt nicht selbstkritisch, was sein eigener Anteil ist, an dieser angeblichen Täuschung, nein, er will diesen Anflug von Selbstermächtigung ins Kloster verbannen. Für sich selbst weiß er keinen Rat, aber für Ophelia ist klar: halt Dich zurück. Am Ende jedoch ist dann sowieso nur eine tote Frau eine gute Frau, am besten in der Blüte ihrer Jugend, damit man sie weiter in ihrer ach so heiligen Unschuld anhimmeln kann, ohne dass Mann auf die eigene Geilheit und Feigheit und Schwäche verwiesen zu wird, die all die Hamlets dieser Welt so quält.

Immer wieder wird Frauen Abwertung oder Bewertung für ihre Äußerlichkeiten zu Teil, die von anderen als das Maß ihres Schicksals festgelegt wurde. Auch andere Frauen bewerten Frauen ständig, die Allgemeinheit scheint es nicht zu ertragen, selbständiges eigennützigen Tun von Frauen selbigen zuzugestehen. Was beim männlichen Narzissmus als Erfolg und Karriere durchgeht, wird bei Frauen zur uncharmanten Verbissenheit, was bei Männer Networking ist, ist bei Frauen Intrige.  Männer versuchen auch gerne über die Hintertür der Komplimente wieder Einlass zu bekommen, sich ihre Wichtigkeit selbst zu erteilen, mit wertenden Kommentaren: Da werden Frisuren beurteilt auf dem gleichen Niveau wie Doktorarbeiten oder Karrieresprünge –  und der Urteilende erteilt sich völlig ungefragt das Recht, diese für toll, schön oder „weiter so“  zu befinden. Niemand hat ihn darum gebeten, niemand braucht diesen dummen Kommentar. Aber wehe man wert sich dagegen: „Das war doch nur nett gemeint, meine Güte bist Du verkrampft…“ Ein ehrlicher Blick in den Spiegel und Frau weiß, ob etwas gut aussieht oder nicht, nur sie weiß und kann beurteilen, wieviel Mühe es gemacht hat, ihr Ziel zu erreichen. Immer wieder wird auch deshalb nur Bewunderung ausgesprochen – gerne auch für das „starke intelligente Auftreten“ – um dann mit der Frage nachzulegen, ob man sich mal persönlich treffen könnte, ob es denn da schon einen besonderen Mann im Leben gäbe, der Posten des Mr. Right schon vergeben wäre… Was denken sich Männer dabei? Jedenfalls trauen sie Frau nicht zu, trotz all der Intelligenz und Tatkraft, sich bei Bedarf einen passenden Mann zu suchen und nicht auf eine Mail von irgendeinem bewundernden unreflektierten narzisstischen Trottel zu warten.

Man muss sich oft nur die Frage stellen: Werden Männer sowas auch gefragt, lassen sie sich diese Unverschämtheit und Bewertung von außen, diese Selbstermächtigung der anderen über die eigene Person, gefallen?! Es gibt ja auch eine Menge dreister, unsensibler Frauen auf der Welt. Aber nicht mal die schreiben einem erfolgreichen selbstbewussten Mann „Du, Deine Frisur sieht jetzt viel besser aus, als letztes Jahr, sehr gut, weiter so…“ oder „Du hast so ein intelligentes selbstsicheres Auftreten, toll. Und wie sieht es eigentlich an der Beziehungsfront aus?!“ 

Niemand hat je die Schuhe von Lutz Bachmann kommentiert. Doch wie hoch die Absätze der Schuhe von Frauke Petri sind, dass wird selbst in England seitenweise von seriöser Politik-Presse beschrieben. Statt Frau Petri am Inhalt ihrer schwachsinnigen Reden zu messen, wie man es bei Tilo Sarrazin und Horst Seehofer macht,  wird über ihr Out-fit geredet. Kann man Frauen noch mehr demütigen, ihre persönlichen Leistungen noch mehr als unwichtig oder banal deklassieren? Warum schreit an dieser Stelle nicht mal jemand nach der Verantwortung der Medien?! Ist es von Wichtigkeit für die Öffentlichkeit, dass Angela Merkels Frisur diskutiert wird oder ihr Make-up?! Wohl kaum. Jedenfalls scheint das starke Übergewicht von Peter Altmeyer oder Sigmar Gabriel nicht zur Debatte zu stehen, in Bezug auf ihre Politik.

Doch solange Frau Klum und ihre männlichen Juroren jungen Frauen immer wieder weißmachen, Frau muss sich ihren Wert von einer Jury erteilen lassen, werden weitere Generationen von Frauen dieser Kultur zum Opfer fallen. Warum urteilt man nicht mal so über Männer – nur um ihnen klar zu machen, wie sich das anfühlt, welche Dreistigkeit und Unverschämtheit und Machtansprüche dahinter stehen? Weil das keiner sehen will, weil es unerträglich ist für Männer und für Frauen, der Abwertung von Menschen zuzusehen, die doch stark sein sollen, selbstwirksam und zielstrebig?! Der einzige Mensch, von dem ich gerne einen Kommentar über mein Aussehen und mein  Inneres hören möchte, von dem ich aktiv einfordere, mich immer mal wieder zu beurteilen und dessen Bewertung ich mir zu Herzen nehmen, ist mein Mann. Und dass ich einen habe, der diese Kritik bestmöglich leistet, dass kann mir absolut und  selbstverständlich zutrauen.

Und welcher männliche Leser jetzt glaubt, ich möchte nicht weiter Kommentare und Diskussionen zu meinen Texten haben, hat missverstanden, was ich meine. Für Argumente gegenüber meiner Arbeit bin ich stets offen – solange sie sich auf meine Arbeit und nicht auf meine Wert als Person beziehen. Es ist einfach was anderes, mir zu schreiben, „weiter so, Du bis eine tolle Frau“, als auf meine Themen einzugehen und meine Texte völlig unabhängig von meinem Wert als Mensch zu diskutieren. Es ist schön zu hören, dass Menschen mit meinen Texten etwas anfangen können, aber mein Frauendasein ist davon völlig unabhängig (außer vielleicht bei diesem Text hier gerade…). Oder würde Sie, lieber Leser, liebe Leserin, einem Mann schreiben: „weiter so, Du bist ein toller attraktiver Mann…“ wenn er etwas zur Flüchtlingskrise oder zum Kapitalismus schreibt?! Sehen Sie….

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Wir sind genau hier: Teil III

Auffällig ist: Der Kapitalismus ist in seiner „Überholtheit“ im Leben der westlichen Menschen am schmerzhaftesten beim Zeitgefühl und beim Selbstwertgefühl zu spüren. Wir schlafen immer weniger, gelangen schneller von A nach B, essen Fastfood und Fertiggerichte, züchten Turbomais und verkürzen die Mastzyklen bei Schweinen und Hühnern, kaufen immer schneller analog und digital ein, betreiben speed-dating, machen Power-Yoga oder verhelfen mit elektrischen Impulsen unseren Muskeln zu schnellem Wachstum. Doch je mehr wir rennen, umso weiter scheint das Gefühl des sinnvollen Lebens und des „Gute-Zeit-habens“ zu entschwinden. Was passiert mit der gesparten Zeit? Was haben wir gewonnen, wenn wir als erste wissen, dass Prince gestorben oder ein Germanwings-Flugzeug in den Alpen zerschellt ist?

Viel „gesparte Zeit“ geht für noch mehr Mails und Internet-Aktionen drauf. Die Aufmerksamkeitsdefizite und Sehnsüchte der anderen (kauf bei mir, bewundere mich, lese meine Texte etc.), scheinen uns immer weiter die Zeit zu stehlen – so wie unser eigener Anspruch an Verdienst, Wichtigkeit, Perfektion und Geltung den anderen versucht immer weiter ihre Konzentration zu rauben. Das ist ein Problem der Grenzsetzung, der „Erziehung zur Selbstberuhigung“, so wie man kleine Kinder nach und nach dahin bringt, sich mit sich selbst zu beschäftigen, den eigenen Interessen zu folgen, ohne dass das ständig beobachtet, kommentiert und gewertet werden muss. Und jedes halbwegs labile Selbst verfällt schnell den infantilen Mechanismen, durch äußere Anerkennung und Bestätigung endlich inneren Halt und ein gesundes Selbstwertgefühl zu bekommen. Trifft aber der Wille zum starken Selbst (als salutogenetische Kraft) auf falsche Bestätigung, unmenschliche Werte, ausbeuterische Interessen,  verfestigt sich die infantile Sehnsucht mehr, als dass sie sich in einem gesunden reifen, objektiven Selbst auflöst.

Es gibt viele Menschen, die versuchen aus der spürbaren Selbstauflösung (im Dauer-Gerenne und der Dauer-Überwachung) auszubrechen, indem sie mit einem Italienischkurs oder dem Klarinettespielen anfangen – und geraten so nur noch mehr unter Druck, spüren ihr „Versagen“ noch deutlicher. Schnell wird klar: Der Sinn des Lebens und ein gefestigtes Selbst sind nicht zu finden, indem man eine romantische Idee der (bürgerlichen) Jugend wieder aufgreift, die offensichtlich weiterhin der Selbstperfektion entspricht (Instrumente und Sprachen sind deutliche Aushängeschilder für die kapitalistisch-bürgerliche Idee vom irgendwie-unbestimmten „kreativen Erfolg durch Interessen“). Der Grad zwischen gesunder Selbstreife, die gesunde Grenzen setzen kann und für-sich-lebt, im Gegensatz zur „Leistungsdruck-suche-nach-sich-selbst“ ist ein schmaler. Freiheit und Selbstbestimmung bedeutet nicht an einer einzigen Stelle dem gängigen Kanon des Leistungsprinzips eine Extravaganz hinzuzufügen.

 „Die Muße ist die Schwester der Freiheit“, hat Sokrates gesagt. Doch viele Menschen halten Ruhe nicht aus. Sie füllen ihre „gewonnene Zeit“ mit Dingen, die ihr Selbstwertgefühl (von außen) erheben und bestätigen sollen. Auch der Glaube an ein Jenseits oder ein perfektes Paradies (in der Partnerschaft oder Rente) ist, wie der Italienischkurs, ein deutliches Zeichen dafür, dass wir es eben jetzt nicht hinbekommen, das sinnvolle ungehetzte Leben. Ca. 80 Jahre haben wir, um unseren Lebenshunger in dieser Welt zu befriedigen. Diese Endlichkeit lässt viele realitätsferne Ansprüche aufkommen, wie das Leben zu sein hat, um erfüllt und sinnvoll zu sein. Dahinter steht immer die Erfahrung – seit frühster Kindheit – in der (kapitalistischen) Familie, Schule, Gesellschaft – etwas sein zu müssen, um Sinn zu empfinden: Man ist nicht etwas (als Kind oder Erwachsene) und lebt dann, sondern man lebt angeblich nur richtig, wenn man bestimmte (immer monochromere) Idealtypen erfüllt.

Eine genauere Vermessung unserer Körper und Lebensdaten ist eine Art „infantile Selbstbetreuung“ bzw. kindliche „magische Selbstberuhigung“, durch die digital-kapitalistische Maschine. Wir schreiben ihr paternalistische Schutzmechanismen zu, indem wir versuchen ihrer einseitigen Geltungs- und Werteordnung zu entsprechen: Guter Schlaf, ausreichend Bewegung, gesunde Ernährung – darauf achten (neben  dem Smartphone) bürgerliche Eltern bei ihren Kleinkindern. Hier und da wird noch mit Pillen nachgeholfen. Doch der Sinn des Lebens und gelebter Zeit ist eben nicht in der Perfektion der Körperfunktionen und Leistungsbilanz auszumachen. Das bleibt immer ein äußerliches Ideal, ein Jenseits, das uns nicht im Jetzt-Leben ankommen lässt. Es bleibt eine äußere Reizberuhigung, weil die innere individuelle Reife, das eigene Sicherheits- und Wertgefühl fehlt, sich (bisher) nicht entwickelt hat.

Komplexe Zusammenhänge und einzelne Lieblingsthemen werden nicht mehr ausreichend durchdacht und erkannt. Wer in seinem eigenen Leben ankommen will, der kann mal versuchen, sich ein völlig verqueres Hobby zu suchen. Selbst seine Einkommens-Arbeitszeit, all sein Interesse am und im Netz kann man dem Eisstockschießen, einem Garten oder dem Nähen und Verschenken von Tragetaschen widmen. Wer Selbst sein will und erfüllte Zeit haben will, sollte beides kapitalistisch-unsinnig füllen und all die aufkommenden Zweifel und Kritik bewusst aushalten.

Wer das nicht schafft – und das sind viele -, braucht definitiv Hilfe und ist im Grad der erwachsen Selbstreife nie angekommen. Denn gegen der postmoderne Beliebigkeit und die Anerkennung aller Meinungen, die man angeblich respektieren muss, steht die gut argumentierte Wahrheit, die den Schwachsinn vieler sinnentleerter Leben als solche benennt. Da so viele Menschen gehetzt und ausgebrannt von sich selbst sagen, ihre Leben lassen den Sinn vermissen, sollte man dieses Leid auch beim großen Namen nennen. Eine „Blabla-Akzeptanz“ all dieser unfreiwilligen, gescheiterten Lebensführungen muss als solche deutlich kritisiert werden, um etwas zu ändern.

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Wir sind genau hier: Teil II

Das große Problem in der Kindererziehung, was weltweit alle Fachleute so ziemlich gleich einschätzen, sind die (oft mit ihren eigenen Leben)unzufriedenen: Eltern. Tiger- oder Helikopterelter sind von ihren Vorstellungen von erfolgreichen Kindern bestimmt, die sie selbst gerne als Aushängeschild für ihre eigenen Leben haben möchten. Die eigene Angst vor dem weltweiten Wettbewerb und sozialen Abstieg wird dabei massiv auf die Kinder übertragen, vorgelebt. Eigene Entscheidungen werden nicht mehr aus Ruhe und Sicherheit getroffen, sondern aus Angst. Kinder machen dabei nicht mehr die Erfahrung, dass sie richtig sind, wie sie sind, dass sie ihr Leben selbst kontrollieren dürfen oder können. Selbst das Spielen mit Lego folgt heute in definierten Bausätzen genauen Anweisungen und Vorgaben für ein erfolgreiches Endprodukt. Und Eltern kaufen sie, damit die Kreativität ja den wirtschaftlichen Erfolg ihrer Kinder fördert!

Viele Eltern haben das Gefühl, ein erfolgreiches Kind kann kein glückliches Kind sein. Ein gesundes Selbstwertgefühl entwickelt sich so nicht; Optimismus, Dankbarkeit und Mitgefühl – die vielleicht größten Mankos bzw. Heilmittel für unserer Zeit – sind fern. Diese autoritäre und gleichzeitig tiefverunsicherte Erziehung erhöht das Risiko für Angststörungen und Depressionen und verringert die Eigenmotivation. Es sterben mehr Jugendliche durch Selbstmord, als durch Krieg und Kriminalität zusammen.

Dem eigenen Kind mehrere Lösungen vorzuschlagen und ihm die Wahl zu lassen, Vertrauen zu schenken, dass es das Richtige für sich findet oder sonst aus seinen Fehlern lernt: Das gibt es nicht mehr in den Familien – und auch nicht in den Firmen.

Bei Amazon hat jeder Mitarbeiter einen Scanner, der jede Sekunde seinen Standort und sein Handeln erfasst. „Georgy“ wird er unter dem Mitarbeitern genannt – nach George Orwells Überwachungsroman „1984“. Dazu kommen dutzende Kameras. Ist einer minutenlang untätig, wird Alarm ausgelöst und der Mitarbeiter muss zu einem Gespräch der „Prozessoptimierung“. Befriedigung aus dem System ziehen jedoch die Leistungsstarken, die nicht mehr den Schlendrian der anderen mittragen müssen. Harte Fakten statt dumme Ausreden oder ungerechte Förderung hinter den Kulissen schaffen für die Leistungsträger, die Starken, Willigen, Gesunden ein gerechteres Aufstiegs und Bezahlungssystem. Auch Diebstähle und andere Vergehen werden unmöglich. Die maximale Optimierung sichert die Arbeitsplätze. Erfolg wird hier – genauso wie beim letzte Woche erwähnten Hedgefond – immer kapitalistisch in Geldgewinn gemessen.

Gerade bei flachen Hierarchien und hoher Identifikation mit der Firma, wird dieser Konformitätsdruck über die „Firmenphilosophie“ besonders groß und die Ausbeutung der Mitarbeiter reicht besonders weit. Das wird besonders deutlich bei der Familienplanung: Ist die firmenfinanzierte Option, seine Eizellen einfrieren zu lassen, wirklich Freiheit oder doch weit mehr Bevormundung durch die Firma (wie bei Facebook und Google)? Und: Was können leistungsgetrimmte Kids autoritärer Eltern dem entgegen setzen?

Es gibt letztlich zwei Positionen, die ein Angestellter zu seiner/ihrer Firma einnehmen kann: Die eigene Meinung entspricht der Norm und Firmenpolitik. Oder man teilt die Werte des Systems nicht und duldet sie nur. Dazwischen befindet sich eine Art „Epochengefühl“, das die Frage nach dem Sinn des Lebens berührt: Sind wir nur Zufallsprodukte, bestimmt von Biologie, Gesellschaft, kapitalistischen Zwängen, kleine austauschbare Rädchen im Getriebe, die ihre Energie im System abliefern, verfügbar, beherrschbar und am Ende sterben wir einfach? Oder können wir selbst entscheiden, wie wir sein wollen? Wer wundert sich, dass diese Frage, bei der jetzigen Erfolgserziehung und dem zunehmenden Überwachungsdruck am Arbeitsplatz, bis hinein ins Privatleben, immer dringender und bedrohlicher wird für viele Menschen.

Vielen gelingt das Leben und Arbeitsleben nur durch eine andauernde Selbst-Versicherung ihrer Leistungsstärke oder durch Abgrenzung gegenüber vermeintlich noch schwächeren, noch fremdbestimmteren Menschen (siehe AfD-Wähler). Doch diese Mittel der Selbstvergewisserung spiegeln eigentlich mehr die Gefahren der Selbstauflösung, als dass sie ihr etwas entgegen setzen. Wir sollen offiziell ja unsere Freiheit leben – aber bitte im Sinne einer Erfolgsbilanz. Das ist aber keine Freiheit mehr: Wir können wählen – aber bitte nur das richtige.

Scham und Angst sind die zentralen Gefühle in diesem Spiel. Überall dort, wo die eigene Meinung nicht zur Firma passt, halten die Angestellt die Dissonanz nicht lange durch. Durch den steigenden Druck geben die meisten Menschen ihre Meinung lieber auf, als Einkommen, Standort, Familie etc. zu gefährden. Das wird bei zunehmendem Alter immer schlimmer.  Doch Menschen, die sich treu bleiben und dafür Unsicherheit, Wechsel, Mobbing etc. auf sich nehmen, überstehen das (Berufs-)Leben meist besser, haben nicht das Gefühl sich aufzulösen oder zunehmend fremdbestimmt ihre Identität zu verlieren. Oft finden sie nach etlichen Mühen eine Position und Firma, die ihrer Meinung und Weltsicht entspricht, in der sie aber trotzdem nicht der Konformität anheimfallen. Von dieser inneren positiven Kritik profitieren die Unternehmen – wenn sie sie zulassen.

Selbstkontrolle und Kränkung und Angst stehen dicht nebeneinander. Bisher ist niemand auf die Idee gekommen das einfach so anzunehmen, auszuhalten, bestehen zu lassen – und sich damit schon zu Wehr zu setzen. Nicht die Freiheit ist das Problem, es ist der Mangel an innerer Stärke. Diese lässt sich aber nicht in Psychotypen, Einzelfunktionen oder begrenzten Krankheitsbildern fassen, sondern als Entwicklung des Selbst von der infantilen Abhängigkeit, bis zur objektiv-selbstkritischen Realitätserfassung.

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Wir sind genau hier

Was ist eigentlich gerade los? Was sind die Einflüsse, die großen Problemstellungen, die möglichen Lösungen? Erfasst noch irgendjemand, worum es gerade geht? Hier ein Versuch, die großen Kräfte, die gerade miteinander in unseren bewussten und unbewussten Teilen kämpfen, zu benennen:

Agorithmen erstellen unsere individuellen Verhaltens- und Bewegungsmuster, vermessen unsere Körperdaten, unsere Stimme, unsere Art zu reden, unserer Glaubwürdige, unsere Kreditfähigkeit – und schaffen erschreckend genaue psychologische Profile. Kunden und Kriminelle werden so aufgespürt. Gleichzeitig werden wir immer weiter gezwungen, unsere Daten abzuliefern und darüber hinaus den Service, den das Internet bietet, selbst zu erledigen: Homebanking, Homeshopping, Informationenrecherche, Reisebuchung, Dokumentenanträge, Wohnungssuche und Verkauf von vielerlei Dingen erledigen wir selbst – und geben auch noch Feedback, ob alles gut war.   

In vielen Städten werden mittlerweile DNA-Profile von jedem Hund erstellt und in einer Datenbank erfasst. Bei nicht entsorgten Hundehaufen, können so die schuldigen Besitzer ausfindig gemacht und (mit bis zu 1000 Euro) zur Verantwortung gezogen. Bei diesem „Kot-Krieg mit Hitech-Methoden“ machen viele Hundebesitzer freiwillig mit, da sie endlich nicht mehr generalverdächtigt werden. Dieses Beispiel steht für das immer weiter um sich greifende „Nudging“ – Anstubsen. Zu deutsch: Die heimliche Erziehung des Bürgers zu einem besseren, sozialeren Verhalten.  

Der aktuell erfolgreichste Hadgefonds Manger Ray Dalio schwört auf die Totalüberwachung seiner Mitarbeiter – und eine rücksichtslos geäußerte Kritik, bei jedwedem Fehler. Er lässt seine Leute – brutal und ehrlich – nichts durchgehen. Der psychische Schmerz, den man angesichts eines offen angeprangerten Fehlers verspürt, führt zu besserer Arbeit bei Menschen, die volle leistungsstarke Eigenverantwortung übernehmen, falsche Eitelkeit und gekränkten Befindlichkeit überwinden wollen, um zu lernen und ihre Grenzen bewusst an der harten Realität auszumessen.

In alteingesessenen Konzernen geht – vor allem bei den Führungskräften – die meiste Zeit für die Festigung und den Ausbau der eigenen Machtstellung und Netzwerke verloren: Es wir nur maximal 20 – 40% der Zeit wirklich gearbeitet. Kritik ist unerwünscht, Machtpolitik bestimmt die Karriere. Viele Beschäftigte können nicht mehr definieren, was ihr Aufgabengebiet eigentlich ist, was hinter Titeln wir „Key Account Managerin“ oder „Marketing Coordinator“ steht. Befehl und Gehorsam, Oben und Unten schaffen immer häufiger kritikloses Missmanagment, Korruption, überzogene Boni, bei gleichzeitiger mangelnde Anerkennung der Untergebenen und hohem Krankenstand.

Viele IT-Firmen wollen mehr Demokratie: Wie man wo und wann Aufgaben erledigt, entscheiden die Mitarbeiter selbst. Kaffeemaschinen, Raumgestaltung – alles soll selbst und aktiv gemanaged werden. Es gibt dadurch sehr viele Informationen, aber man kann immer offen sagen, was nervt. Es gibt nur noch flache oder „thematische Hierarchien“: Ein Chef pro Thema. Doch mehr Selbstbestimmung heißt auch mehr Selbstverantwortung. Und die Gewinne sind immer noch das Wichtigste, den die externen Geldgeber wollen finanziellen Erfolg sehen – egal wie. Technik, die Menschen Gutes tut, muss also immer Technik sein, die sich vermarkten lässt. Trotzdem wollen sich viele Mitarbeiter gerne mit dem Produkt identifizieren, achten auf eigene Life-Work-Balance und hoffen so, nicht länger als „Arbeitsmaschinen“ ausgebeutet zu werden. Zusammenarbeit ist wichtiger als Einzelleistung.

Doch viele empfinden genau dadurch nach einiger Zeit eine Art „psychologische Zudringlichkeit“ der Firma, eine „kollektive Hirnwäsche“ (wie bei Google, Appel und Facebook). Die Arbeit und das Privatleben können nicht mehr unterschieden werden, Entmündigung, Infantilisierung, Zwangstherapie und das ewige Gefühl immer defizitär zu bleiben, nie gut genug zu sein, sind die Folge. Denn die Eigenverantwortung bleibt ja dem Gewinn der Firma verpflichtet – und nicht dem eigenen Empfinden.

Bei soziologischen Untersuchungen  fällt eine neue Gruppe in den westlichen Gesellschaften auf: Die verbitterte Wohlstandmitte der Selbstgerechten. Diese Menschen sind gebildet und verdienen gut, glauben sich weltoffen. 10% der Wohlstandsbürger sind dieser Gruppe zuzurechnen. Sie haben trotz ihres gehobenen Lebensstandards das Gefühl, dass sie unterschätzt werden, in ihrer Kompetenz und von Bedingungen kontrolliert werden, die sie hinter ihren Möglichkeiten zurückfallen lassen. Sie haben einen deutlichen „Hass auf die Welt“, von der sie sich nicht ausreichend geachtet fühlen. Sie misstrauen der Politik im Ganzen und den Medien im speziellen.

Daneben gibt es die zunehmenden, missgelauten Kleinbürger, in ihren kleinen begrenzten Lebenswelten, mit fließendem Übergang zum Dienstleistungsproletariat. Die Zukunft scheint ihnen nichts mehr zu versprechen, man ist abgehängt und man wehrt sich nur noch gegen das „totale Aus“  (in Deutschland: Harz IV). Diese Menschen wissen, dass sie spätestens in der Rente staatliche Zuschüsse benötigen werden. Die Unterschichtengruppe stellt weitere 20% der westlichen Wohlstandgesellschaft. Auch sie wählen zunehmend rechts und können das Lied vom Pseudoerfolg ihrer Wirtschaftsnationen nicht mehr hören.

Wie ich letzte Woche schon erwähnt habe: Die Besitzer der steuerhinterziehenden Off-shore-Konten begründen diesen selbstsüchtigen Abschied von der Gemeinschaft damit, dass sie nicht länger Geld zahlen wollen für die Sozialschmarotzer und Imigranten. Sie gebrauchen zwar auch weiterhin das steuerfinanzierte Verkehrsnetz, den Sicherheitsapparat und alle anderen demokratische Institutionen, doch das wird von ihnen ignoriert. Sie haben offensichtlich eine eigene Vorstellung von Menschenrechten. 10% ihrer Gewinne sind sie durchaus bereit abzugeben für die Gemeinschaft – doch mindestens 30% werden gebraucht, um eine Demokratie am Laufen zu halten.

Der gekränkte Frust der zunehmend rechtswählenden Mittel- und Unterschicht richtet sich auch gegen diese Superreichen, die anscheinend Politik und Medien längst in ihrem Sinne gekauft haben (die „Lügenpresse“ beritet nur noch im Sinne der Macht- und Geldhaber). Die Begründung der Sozialschmarotzer, die nachweislich unrechtmäßig Sozialleistungen beziehen, sind genauso selbstgerecht – nur andersherum: Die Oberen arbeiten ungestraft in die eigene Tasche und kaufen sich mit Lobbyismus den Rechtsstaat.

1200 Euro sind im Moment im Gespräch für das „bedingungslose Grundeinkommen“, das weltweit in den Wirtschaftsnationen immer mutiger angedacht wird: Für alle, die nicht mehr gebraucht werden, deren Renten nicht sicher sind, die zu wenig verdienen, um davon zu leben. Die Frage, die im Moment in ersten Feldversuchen geklärt werden soll: Werden die Menschen ganz aufhören zu arbeiten, obwohl sie für zahlreiche Jobs, von der Altenpflege bis zur Müllabfuhr, vom Kindergarten bis zur Supermarktkasse noch gebraucht werden (auch wenn sie von dem Geld, was diese Arbeit wert ist, kaum mehr leben können, heute und in ihrer Rente)?

Das bedingungslose Basis-Einkommen soll Menschen ihren Stolz zurückgeben, ihr Wertgefühl: Sie sollen sich wieder als Teilnehmer der Gesellschaft, als gebraucht und geschätzt verstehen. Oder wird doch nur zu teure Bürokratie damit abgebaut, also noch mehr Menschen aus der sinnvollen, selbstwert-gebenden Arbeit entlassen?

Es gibt also zunehmend Menschen, die der Kapitalismus nicht mehr braucht, die mit ihrer rechten Gesinnung die Demokratie gefährden. Daneben existieren sehr reiche Menschen, die den Kapitalismus zu ihren Gunsten nutzen und sich die Demokratie kaufen und sie damit ebenso zerstören (mal abgesehen von der Umwelt). Fragt sich, wie lange der bedrohte Mittelstand, der noch voll Steuern zahlt (weil er muss) und noch demokratisch wählt, weiter mitmacht. BMW – Bäcker, Metzger, Wirte gehören genauso dazu, wie mittlere Angestellte großer Konzerne, selbständige Steuerberater oder normale Krankenhaus-Ärzte. Ist diese Entwicklung eine Krise des Kapitalismus oder der Moral? Oder ist Korruption (unten und oben) grundsätzlich im Kapitalismus, da dieses System davon lebt, dass alle auf bessere Zustände für sich selbst hoffen?

Es gab eine Philosophierichtung, die die Übermacht der sozialen und politischen Welt angeklagt hat und das „authentische Leben“ dagegenstellte: Der Existenzialismus. In letzter Instanz führen wir demnach unsere eigenen individuellen Leben, bemessen deren Scheitern oder Gelingen für uns selbst. Staatliches Sicherungsnetz und rechtsstaatliche Demokratie sind dafür nur die bestmögliche Grundlage, Mittel zum Zweck.

Allerdings ist im Existentialismus die Eigenverantwortung der Dreh und Angelpunkt. Das einzige eigene Leben darf daher nicht einfach nörgelnd, mosernd, gekränkt dahingelebt werden. Das Leben soll in einzigartiger Weise geführt werden: authentisch, ursprünglich und echt – und das alles gut begründet selbstbestimmt. Dieser „wahre willensfreie Mensch“ wird aber nicht (wissenschaftlich) begründet. Und eigentlich gibt es ihn nicht, wie man an der vielen Hundescheiße sehen kann. Er ist eine rationale Utopie, genauso wie der homo oeconomicus des Kapitalismus. Wir müsen reguliert werden und kontrolliert werden, sonst verabschieden die einen sich in den unbegrenzten Reichtum und die anderen in den Frust.

Heute scheint es wohl nur vorgegebene „Lebensmuster“ zu geben, zwischen denen man die sehr begrenzte Wahl hat. Vom Genussleben (ohne Reflektion und politischer Beteiligung), bis hin zur bekennenden Moral mit Engagement, mit und ohne Gott. So einfach bewusst und eigenverantwortlich, wie die existentialistischen Philosophen Kierkegaard, Jaspers, Heidegger, Sartre und Camus es behauptet haben, ist der Mensch leider nicht. Sinnvoll leben kann man nur, wenn man das Gefühl hat, die Rücksichtslosen werden zur Verantwortung gezogen, alle müssen sich beteiligen, alle müssen für den Rechtshintergrund aufkommen: An-sich-sein und für-sich-sein ist im Alltag der Angst und zunehmenden Kränkung realitätsfremdes philosophisch-rationales BlaBla.

Denkt man also die anderen Einflüsse auf den Existenzialismus weiter – Nietzsches (als Zerstörer jeder Metaphysik) und die der Psychoanalyse – kommt man schnell darauf: Eigenverantwortung muss immer auch soziale Verantwortung sein, um die Triebe bewusst zu regulieren, damit nicht automatisch Anarchie und das Recht des Stärkeren herrscht. Altruismus funktioniert von alleine nur in der kleinen Gruppe, bei Menschen, die man kennt, für die man (begrenzt) Empathie empfindet. Stammesgesellschaften funktionieren so – und sind bekanntlich der Tod der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Korruption und die Suche nach dem Vorteil  nur für die eigenen Leute ist hier unausweichlich, Menschenrechte gelten werden dann nicht mehr umgesetzt. Wir müssen also mit Regulation von oben dieses „natürliche“ Stammesdenken maßregeln, wollen wir unser „natürliches“ Gerechtigkeitsempfinden zum Grundgesetz für wirklich alle Menschen machen: Entweder Vorteil für uns oder sicheres Selbstverständnis als (guter) Mensch für alle (siehe Flüchtlingsthematik – gerade werden die Menschenrechte mit dem Türkei-Abkommen zugunsten unserer eigenen Vorteile mit Füßen getreten).

Letztlich ist das Leben absurd vergänglich. Soweit haben die Existenzialisten die Wahrheit erfasst. Dagegen hilft auch keine Religion mehr, die ständig betonen muss, dass Gott einen ja so liebt und man dadurch etwas so besonderes wird oder sich artig gottgefällig verhält: der selbstgerechte Narzissmus dahinter ist allzulange schon offensichtlich. Reicht aber Genuss mit Bewusstsein zum Ertragen des Sisyphus-Lebens? Reicht das als Sinn? Und wieviel Kontrolle braucht es, damit wir alle so in Ruhe leben können? Wieviel Nudging (Anstubsen von Oben) ist nötig, um unbeschwert unbewusst im Flow genießen zu können? Vielen Menschen macht die Sinnlosigkeit Angst, die Abkehr vom Fortschrittsglauben (nach der Abkehr vom Jenseits) – weswegen so krankhaft am Silicon Valley Glauben festgehalten wird. Doch auch dort wird die Sinnlosigkeit – jenseits der vorübergehenden Kapitalvermehrung – immer offensichtlicher.

Doch Freiheit als Pflicht (Eigenverantwortung) ist eben auch keine richtige Freiheit mehr, sondern unrealistischer Dauer-Bewusstseinswahn. Daher brauchen wir (also die meisten von uns Dahintrottenden) wohl diese „anstubsende Erziehung“, um bessere Menschen zu werden. Wir würden das ja gerne bewusst und frei wollen und umsetzen – doch so gut sind wir nicht, wir können es eben nicht: Der innere Schweinehund und der eigene Vorteil lassen Superreiche und Unterschicht scheitern und gefährden die Menschenrechte und somit unser aller demokratische Gerechtigkeitsgrundlage. Und gerade die ist wichtig, für den eigenen Vorteil, den wir alleine willentlich nicht gerecht mit allen teilen wollen und doch mit allen teilen müssen, um ihn zu haben.

Wer ewig strebend sich bemüht, Sinn und Selbst zu entwickeln, den können wir erlösen. Darauf hat der Chor der Engel im Faust verwiesen. Der Kampf darum vermag ein Menschenherz auszufüllen, frei nach Camus. Das Schicksal und seine Kämpfe annehmen, die anderen so weit wie notwendig verpflichten mitzumachen, ist wohl die allzumenschliche Freiheit, die auf dieser Erde möglich ist.

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Unwertes Leben

In einem Bericht der ARD über die „Panamapapers“ wurde diese Woche erwähnt, dass dem deutschen Staat durch diese „Off-Shore-Konten“ geschätzt 50 Milliarden an Steuerannahmen im Jahr entgehen. Und in guter, linker, politisch korrekter Manier wurde vorgerechnet (von der hübschen blonden Moderatorin  – einem Sinnbild an intellektueller Attraktivität), wieviel Sozialwohnungen für Flüchtlinge oder andere Bedürftige man damit bauen könnte.

 

Durch verschiedene Zusammenhänge in meinem Leben kenne ich ein paar Leute, Leistungsträger, Erfolgsmenschen, die alles tun, um möglichst wenig Steuern zu bezahlen, auf ihre Einkommen, die weit bzw. sehr weit über dem bürgerlichen Durchschnitt liegen. Ich war sogar schon bei Treffen mit schweizer und deutschen Bankern dabei, die vollkommen im Ernst „Anlagestrategien“ präsentierten, am Rande der Legalität und mit reichlich Tricks verschachtelt, um das „hart verdiente Geld“ vor dem Zugriff des Staates zu sichern.

 

Immer wieder stelle ich solchen Menschen in meinem weiten Bekanntenkreis die Frage, wenn sie sich beschweren über ihre „Zwangsabgaben“ an die Gemeinschaft, also den bösen Staat: „Du benutzt die Straßen, die kannst die Polizei rufen, wenn Du Einbrecher hast, Du schickst Deine Kinder auf Schulen und Unis, Du hast die Sicherheit des Rechtstaates und die einer Zukunft ohne Kern-Energie: Warum willst du so wenig wie möglich dafür bezahlen?“

 

In jeder Antwort, die ich bisher bekommen habe, auf meine provokante Irritation der Sichtweise wohlhabender Menschen auf die Welt, wurden zur Selbstentschuldigung die „Sozialschmarotzer“ genannt. Man will nicht zahlen für dieses – ja was – unwerte Leben?! Seit letztem Jahr gehören für Off-Shore-Kontenbesitzer in diese Gruppe vor allem Flüchtlinge aus der arabischen Welt. Insofern benennt die ARD-Moderatorin unfreiwillig genau das Problem, ohne darauf zu verweisen: Off-Shore Konten sind ein politisches Statement für alle Menschen, die ohne Not, also aus einen puren Luxusleben heraus, Steuern hinterziehen. Man will schon lange nicht mehr die Versager der Gesellschaft alimentieren, die „fetten Diabetesfresser“, die „Alks“ und „Prols“ und Loser des Ostens und schon gar nicht die bärtigen Terroristen und „Frauengrapscher“. Die Härte der Wortwahl zeugt vom Sozialdarwinismus nahe an Hitlers Rassengedanken – nur eben mit dem Verweis auf Unterschichtenmerkmal, statt auf Kopfform und arische Haarfarbe.

 

Auch Donald Trump, die polnische und ungarische Regierung, Putin und natürlich auch alle Zionisten beziehen sich genau auf diese Wertung: Die Unterscheidung der eigenen (genetisch-religiösen-leistungsstarken) Vorzüge, von den anderen, die es irgendwie nicht verdient haben an den Vorzügen teilzunehmen. Die „Anderen“, Schlechteren haben es – und das schwelt dabei letztlich unbewusst immer mit –  nicht mehr verdient, menschenwürdig zu leben, weil sie es irgendwie selbst nicht leisten.  Die Verteilungskämpfe, der Druck wird immer härter und der Gedanke des „Aussiebens“ scheint heute schon so selbstverständlich, dass kaum mehr jemand sich darüber zu wundern scheint. Jedenfalls im Denken dieser Off-Shore-Menschen ist diese eigene (immer scheinheilig begründete) „Erhabenheit“ zutiefst verankert, als Grundlage des Selbstbildes: Darwinismus pur.

 

Wenn ich frage: „Was soll mit den anderen passieren, den Arabern, den diabeteskranken Unterschichten-Kindern, den Flüchtlingen, den Hispanios etc. etc. etc.“, wird kontinentalübergreifend mit den Schultern gezuckt: Selbst ein Gedanke über deren Verbleib scheint schon Verschwendung an „unnützes menschliches Leben“. Doch wirklich logisch zu-ende-gedacht haben das bisher ja schon die Nazis. Die Frage nach all ihren Greul: Wie können Menschen anderen so etwas antun, kann man damit beantworten, dass das nicht über Nacht kam. Brutale Ausgrenzung hat immer eine lange gedankliche und verhaltenshinführende Vorgeschichte: Rassengedanken, eigene Überlegenheitsbilder, die Idee von mehr Lebensraum, mehr Luxus, besseren Schulen, bessere Ärzteversorgung für sich etc..

 

Was aus den anderen wird, ist dabei nur scheinbar egal. Letztlich lösen sie sich nicht in Luft auf, haben die Unverschämtheit, weiter leben zu wollen, ihr kleines Glück zu finden und die Überlegenen zu stören. Sie verbrauchen Ressourcen, belasten Umwelt und Gesundheitssystem – wie mir neulich ein typischer Off-Shore-Konten-Besitzer erklärte. Sie belasten also uns wertvollen Menschen mit ihrem unwerten Leben. Das Wort „Krepieren“ ist immer in der Luft bei so einem Denken. Jeder, der Off-Shore-Konten besitzt muss diese Schuld mit sich ausmachen. Er/Sie (auch als Ehefrau) ist kein Mitläufer. Es ist aktives Verhalten, der Gemeinschaft Geld zu entziehen, weil „unwertes Leben“ keine Sozialwohnung verdient hätte.

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Ordnungsamt

Diese Woche war ich auf einer KFZ-Meldestelle. Eine riesige Menschentraube stand davor und entpuppte sich bei näherem Hinsehen als Asylantragsteller, die von deutschen Menschen in Leuchtwesten in die Vorgaben einer bebänderten Reihe gelotst wurden. Der Eingang daneben galt den Fahrzeugen und Führerscheinen der Deutschen bzw. all der Menschen, die in Deutschland am Straßenverkehr teilnehmen dürfen. Auch hier war der Migrationshintergrund offensichtlich hoch, weit höher jedenfalls, als es mir sonst im Alltag der Großstädte auffällt, in denen ich lebe.

Auf deutschen Ämtern zieht man eine Nummer und wartet. Das hatte ich dann über zwei Stunden gemein mit all den anderen um mich herum: Ich war eine Nummer und ich war den Bewertungen des beamtlichen Dienstpersonals ausgeliefert, dass aufgrund meiner Unterlagen entschied, ob ich irgendwie, irgendwann eine Chance hätte, ein bestimmtes Fahrzeug weiter zu fahren, das an der richtigen Adresse angemeldet sein musste, mit der richtigen Nummer und den richtigen Verweisen aus Handelsregistern und Versicherungsdaten etc. Um es abzukürzen: Es ist mir nicht gelungen. Und neben mir gab es viele andere Menschen, die der (Amts-)Sprache und dem Sinn von Recht weit hilfloser ausgeliefert waren, als ich.

Am schwarzen Brett der Dienststelle hingen Plakate und kleine Prospekte, die zum richtigen „Streuverhalten“ im Winter aufforderten („Toi, toi, streu“) oder mit „Ich will Dich sehen!“ den richten Gebrauch von Leuchtwesten im Straßenverkehr erklärten (zu besichtigen an den  Sicherheitsleuten der Schlangen-Verwaltung vor der anderen Tür). Es gab eine Cafeteria, in der im Verhältnis 6 zu 1 die Bildzeitung zur FAZ verkauft wurde und ein gar nicht so schlechter Cappuccino und Donuts. Monitore zeigten selbst dort noch an, welche Nummer an welchem Schalter zu erscheinen hatte. Immer wieder gab es überraschende Sprünge, genauso wie zähe Warteverzögerungen (einmal brauchte die Nummer 465 37 Minuten an Schalter 9, bis dann die nächste Nummer zu Schalter 9 gerufen wurde.)

Als Frau mit 180 cm Körpergröße, westlich gekleidet, war ich in diesen Räumlichkeiten ein Alien. Ich sah die Menschenmassen draußen vor der Scheibe, die noch weit davon entfernt waren, ein Auto mit deutscher Zulassung zu fahren. Sie standen im Regen vor der Tür, Kinder tobten um die Begrenzungen der Schlange. Auch um mich herum wurde kaum Deutsch gesprochen. Und trotzdem fügten sich alle in das System der Zahlen und Nummern und Unterlagen des deutschen Ordnungsamtes. Die Frauen und Männer hinter den Schaltern waren streng, sprachen oft laut und in möglichst einfachen Sätzen. Die Wartenden kauften deutsche Brezen in der Cafeteria und tranken italienischen Café dazu.

Die Angst der AfD-Wähler war an diesem Ort zum Greifen nahe. Ich habe neulich in einem Interview mit einer Philosophin, die lange an fernen Unis gelehrt hat, gelesen: Die arabische und fernöstlich Welt kann mit unseren „Abstraktion“ nicht viel anfangen. Unsere allgemeingültigen Modelle (der Wissenschaft, Menschenrechte, Verwaltung etc.) werden nicht so geschätzt, wie reale Beziehungen, Alltag. In vielen Ländern steigt man einfach ins Auto und fährt. Keiner interessiert sich für TÜF, ASU, Versicherung, Anmeldeort, Meldeadresse des Halters. Man zahlt dort keine KFZ Steuer, die fest vom Konto mit gleicher Meldeadresse eingezogen wird. Immer wieder mussten die Beamten im Ordnungsamt auch  betonen: Bei uns ist das so, Sie brauchen das und das, sonst dürfen sie nicht fahren, sonst kommt die Polizei, da kann man nichts machen, auch nicht mit Geld….

Die Nummern der Monitore, die Ordnung, Gleichstellung, umfassende Zulassungsunterlagenbürokratie hat mir Sicherheit gegeben. Ich hab mich nicht mal so sehr geärgert, dass ich unverrichteter Dinge nach Hause geschickt wurde, zu einer anderen Meldestelle geschickt wurde, obwohl vorher 2x meine Unterlagen geprüft worden waren und alles da zu sein schien. Ich bin ein Mensch der „Abstraktion“, der logischen Gesetze, des Glaubens, dass man alle Menschen einladen kann, sich an diese allgemeingültigen gerechten Abstraktionen zu halten, weil sie logisch sind und nun mal ein besseres Leben ermöglichen, die Grundlage sind, für unseren Wohlstand, unsere Sicherheit. Die Familie, die Stammeszugehörigkeit als Sozialsystem steht hier nicht über dem Gesetzt, man darf die Beamten nicht korrumpieren, kann sie nicht bestechen, um für sich und die Seinen eigene Vorteile zu ergattern, gegen Gesetzt und Ordnung und Wissenschaft. Ich hatte das Gefühl, jeder in all den Schlangen am Ordnungsamt hat das akzeptiert oder vielleicht sogar reflektiert.

Ich kann nur jeden AfD-Wähler einladen, zu einem Besuch auf seinem Ordnungsamt. Dort erlangt man die Weisheit: Wir müssen „nur“ zusehen, dass wir von dieser „Bürokratie der Abstraktion“, der Umsetzung der Allgemeingültigkeit, Gerechtigkeit, Gleichheit nie abweichen. Eine bessere Erziehung zum Deutschsein, eine beruhigendere Realität des Staates gibt es wohl nicht. Deshalb kommen die Menschen zu uns, deshalb haben wird das, was alle anderen wollen: Sicherheit, Wohlstand, die Verlässlichkeit der logischen Zusammenhänge in unseren Gesetzen, die umgesetzt werden.

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Alles beim Alten mit dem Neuen

Immer wieder gab es im Laufe der Geschichte Zeiten großer Umbrüche. Der letzte große Kulturwandel war die Aufklärung: Die alte Gott-Adel-Kirchenordnung wurde von den Kulturprinzipien Wissenschaft und Bürgertum abgelöst. Die Menschheit musste ihre Wahrheiten, ihre Bedeutung, ihren Lebenssinn neu ordnen. Oder wurden die Menschen neu geordnet? Wenn ja: Wodurch? Gibt es eine Art Kraft, eine Art „Schwarm-Intelligenz“ bzw. „Schwarm-Emotion“, die uns vorantreibt zum ewigen Wandel? Wenn ja, würde ich sie in unserer narzisstischen Triebkraft vermuten.

Jedes Kind kommt auf die Welt und will leben, will seine Bedürfnisse befriedigt bekommen, will für sich seinen Platz in der Welt, seine Geltung, seinen Lebenssinn erobern. Dabei ist es egal, ob das in rigiden Gesellschaftsordnungen stattfindet oder in freieren: Die Kraft des Menschen für sich etwas Eigenes, Neues zu schaffen, die herrschenden Strukturen ein Stück weiter zu drehen, hat in der Summe zu den großen Umbrüchen geführt. Gerade erleben wir wieder einen. Der große Trost dabei: Keine Macht regiert ewig. Machthabende fürchten nichts so sehr, wie diese Triebkraft, dieses Streben nach der eigenen Geltung jeder neuen Generation.

Es fängt ganz langsam an, verschiedene Menschen basteln in Garagen an neuer Technik, andere befreien mit ein paar scheinbar unauffälligen Gesetzesneuerungen die Märkte, in der Hoffnung auf Reichtum. Wieder andere leben neue Lebensformen, brechen mit Konventionen. Strömungen finden zusammen, verstärken sich. So haben die Umwälzungen in der arabischen Welt genauso viel mit den Kriegen zwischen den verschiedenen Stämme und muslimischen Religionsrichtungen zu tun, wie mit dem Internet, den Bildern vom westlichen Leben, das nur ein paar Mausklicks entfernt scheint. Es kommt zu Umbruch-Phänomenen wie Donald Trump oder Putin. Gleichzeitig lebt immer noch jemand wie Fidel Castro und wird vom ersten schwarzen US Präsidenten besucht.

Jemand hat mal gesagt, alle Zeiten und menschlichen Kulturrichtungen finden immer gleichzeitig auf der Erde statt. Es gibt demnach keinen Fortschritt, sondern eine andauernde Verschiebung bestimmter Kulturformen und Phänomene. In weiten Teilen Russland, groß Asiens und Afrikas haben Menschen kein fließendes Wasser oder Strom, bestellen Felder mit Ochsen und der Hand – wie vor tausenden Jahren. Das Internet ist neu und trotzdem führt es nur zu den immer gleichen Problemen von Gier, Macht und Ausbeutung.

Attentate mit und ohne Bomben hat es schon immer gegeben (früher war Gift das Mittel der Wahl), um durch Zerstörung Einfluss zu nehmen auf das politische Geschehen. Auch die Religiosität und die (mehr oder weniger subtile) Beherrschung der Frauen scheinen Themen zu sein, die seltsam aktuell bleiben. Auch das Aus- und Einwandern ist ein Merkmal, dass sich durch die Zeiten hindurch nicht verändert hat – einhergehend mit den immer gleichen Geschichten von Erfolg oder Scheitern.

Nicht mal das Massensterben aufgrund von Umweltkatastrophen ist neu. Auch wenn es heute hausgemacht ist, ist es doch genauso Teil der Natur, nämlich unserer menschlichen Natur, unserer narzisstischen Triebenergie, die wir nicht beherrschen: Der eigene Vorteil, der Vorteil der eigenen Gruppe bestimmt immer wieder alles, was dem Menschen zustößt. Man kann das hinnehmen, man kann versuchen, die Kultur ein winziges Bisschen in eine bestimmte Richtung drängen. Aber letztlich ist es die ewige Wiederkehr des Gleichen, wie Nietzsche es beschrieben hat.

Gerade gewöhnen wir uns an einen seltsamen neuen-alten Kriegszustand. Er besteht aus politischen Kämpfen in der EU, aus Flüchtlingen und Attentate.  Die Woche zwei Bombenanschläge: Wie lange dauert es wohl, bis die großen Worte und die Gesten nicht mehr berühren? Wie lange dauert es, bis wir mit den Schultern zucken und einfach weiter machen? Man kann auch täglich an anderen Dingen sterben, die Wahrscheinlichkeit ist erheblich höher, vom Auto überfahren zu werden oder an Krebst zu sterben, als an einer Bombe.

Es ist unsere Einstellung zum „Wandel des ewig Gleichen“, die unser persönliches Leben ausmacht. Es ist die Neugierde auf das was kommt – oder die Angst, den eigenen Vorteil zu verlieren, die unser Leben grundsätzlich bestimmt. Und so war es immer: Die Neugierigen, die den Wandel annehmen und flexibel darauf reagieren, im Fluss des Lebens, werden weit weniger auf der Strecke bleiben. Wir können selbst entscheiden, ob wir Opfer oder Lebende sein werden. Immerhin: Auch das ist stets Teil aller Kulturen gewesen.

Die Menschen in Idomeni sind aktiv aufgebrochen in ein neues Leben. Was werden sie jetzt tun? Zurück können sie sicher nicht mehr, selbst, wenn sie zurück in ihre alte Heimat gehen….

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Fressen contra Moral

Der Mensch ist ein psycho-somatisches Wesen. Er ist seinen körperlich-infantilen Bedürfnissen mehr verhaftet, als der hohen bewussten Selbstreife: Die Selbstreife, die das eigentliche Menschliche ausmacht, jenseits tierischer Instinkte, ist eine dünne Firnis, die nur wenige stabil entwickelt haben. Das kann man gerade an der Politik der westlichen Welt gut beobachten. Statt humanistischer oder christlicher Werte, regiert die Angst, den eigenen Überlebens-Vorteil zu verlieren. Das Fressen kommt vor der Moral, hat Brecht schon festgestellt. Und heute könnte man zufügen: Der eigene Wohlstand kommt vor der Moral, der SUV und Zweitwagen, die Urlaubsreise in ferne Lande, die Privatschule der Kinder und die teure Designerkleidung kommen vor der Moral – jedenfalls für eine große Gruppe der AfD Wähler und der heimlichen AfD-Denker.

Insofern haben die Schichten am unteren Rand der Gesellschaft noch eine schlüssige Ausrede, bzw. logische Begründung für ihr egoistisches Verhalten und ihre AfD Entscheidung vom letzten Sonntag: Für sie geht es jeden Monat wirklich ums Überleben in einer Gesellschaft, in der immer alles teurer wird und die einfachen Jobs immer weniger werden. Deshalb hat sich die AfD, auf der Suche nach Parteithemen, die Bedürfnisse dieser Leute jetzt auf die Nach-Wahl-Fahnen geschrieben: Nur „Ausländer raus“ ist kein Parteiprogramm, das hat man eingesehen. Also ist man jetzt auch noch kapitalismusfeindlich – auf eine sehr infantile schwarz-weis Denkweise. Damit es auch jeder Wähler kapiert. EU ist doof, TITIPP ist doof und Frauenarbeit auch. Das war´s schon.

Doch ohne Turbokapitalismus hätte es so ein Phänomen wie die AfD gar nicht gegeben. Immer deutlicher wird klar, dass der Kapitalismus, der angeblich die demokratischen Werte stützt und vorantreibt, innerlich nichts mit ihnen zu tun hat. Kapitalismus ist Sozial-Darwinismus auf einer höheren modernen Stufe. Denn die Gewinne müssen immer mehr werden und anscheinend kann selbst die drohende Gefahr, die aus sozialer Ungleichheit entsteht, das Gewinnstreben nicht aufhalten. Der Kapitalismus frisst daher nicht nur seine eigenen Kinder (also die Demokratie, wie man bei 24% AfD Wählern gerade sieht), sondern irgendwann auch sich selbst, da er seine Grundlage (unsere Umwelt, unsere Gesellschaften) zerstört.

Auch ohne den Syrienkrieg kommen immer mehr Menschen aus Afrika und anderen kapitalistisch ausgebeuteten Ländern zu uns – und es werden immer mehr werden. Der Syrienkrieg und der Zerfall des Irak und Afghanistans sind nur ein Turbo für diese Entwicklung. Selbst der Islamismus ist eine Folge des Kapitalismus, der wirtschaftlichen Interessen der westlichen Nationen.

Wenn man es genau nimmt, stehen unsere moralischen Werte, unser Gerechtigkeitsempfinden, das uns zu den Menschenrechten gebracht hat, die humanitären Werte von Gleichheit und Menschenwürde geschaffen hat, entgegen unsrem Streben nach immer mehr Wohlstand und seiner Schattenseite: der Gier. Letztlich sind es die reifen Selbstwerte der Hilfsbereitschaft und Menschlichkeit, die den infantilen, narzisstisch gestörten Selbstreifegraden entgegenstehen, die aus innerer Unsicherheit und Gier mit Status, eigenen Vorteilen, Nationalempfinden versuchen, die unsichere Identität zu festigen. Das kann man wissenschaftlich gut begründen. Empathie mit sich selbst kontra Empathie mit anderen – das ist die psychische Reifung vom Kind zum Erwachsenen, von einer archaischen Kultur, über die monotheistischen Religionen, hin zu den Menschenrechten.

Das Grundgefühl der Hilfsbereitschaft, contra das der Angst, das Gefühl des Vertrauens in die möglichen Handlungsweisen, contra hilflose Panik, ist völlig unabhängig von der politischen Regulierung. Das Rechtssystem, das durchgreifen muss, wenn Menschen – egal welcher Herkunft – die humanitären Gesetze nicht einhalten, hat nichts mit unserer inneren Sicherheit oder Unsicherheit zu tun. Es gab in allen Gesellschaftsformen reife und unreife Menschen. Es ist eine Sache, die eigene Kultur und Werte und Errungenschaften zu schützen und eine völlig andere, Menschen von außerhalb daran teilhaben zu lassen. Das eine ist der Staat, das andere sind wir selbst.

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Ich, Gutmensch

Nach neusten soziologischen Studien (des berühmten Soziologen Heinz Bude Uni Kassel), sind AfD-Wähler Menschen, die sich gekränkt und in ihrer Lebenswirklichkeit verkannt fühlen. Dazu gehören vor allem wertekonservative CDU-Wähler und das Dienstleistungsproletariat, das von häufig wechselnden Jobs, ohne bestimmte Fachkenntnisse für sehr wenig Geld (kurz über dem Harz IV Satz) lebt. Also: Mittelklasse und abgestiegenes Kleinbürgertum wollen einen Staat, der sich kümmert. Sie wollen ihre Identität mit Werten stabilisieren, für die öffentlich allgemein eingestanden wird. Sie haben Angst vor der Angst der Politiker, die nicht mit fester Hand das Richtige tun. 

Doch schaue ich mit Herrn Seehofer an, der anscheinend diese unfreiwilligen Tipps für Politiker befolgt, empfinde ich das nur als lächerlich: Ein Alt-Herren-Casper, der glaubt er wüsste wo es lang geht, in seinem undifferenzierten schwarz-weiß Denken. Dabei zeigt Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg, einer ehemaligen Hochburg deutsche-konservativer Mentalität, dass man auch konservativ sein kann, indem man entschieden Menschlichkeit zeigt, politisches Gemeinwesen beschwört. Es reicht eben nicht nur gespielte Entschiedenheit: die Argumente müssen überzeugen, für alle, die nicht einfach dumm schwarz-weiß denken.

Wir brauchen starke Vorbilder in der Politik, für all die schwachen Menschen. Doch die Vorbilder/Politiker dürfen eben nicht irgendwas sagen, sondern etwas, das Weitsichtig hat und differenziert überlegt ist. Wer menschliche Verbundenheit klar darstellt, seine Argumente vorbringt, warum Abgrenzung z.B. zu tiefst „unmenschlich“ ist d.h. Menschen noch niemals zum Besseren geführt hat, der kann (glaube ich) mittlerweile egal welcher Partei angehören. Kretschmann als Grüner beruft sich auf Merkel und ihre Politik und Weitsicht der Menschlichkeit. Ich glaube sie  hat die große Einladung an Syrer ausgesprochen, weil die Industrie seit Jahren nach Facharbeitern schreit. Dass nun alle „Hungerleider“ her kommen und viele nicht arbeiten wollen – so stellt es die AfD dar – hat sie sicher nicht beabsichtigt. Keiner hätte das. Aber es ist nun mal notwendig jetzt auf die humanitäre Grundlage all unserer Werte zu setzen: Das Völkerrecht. Es ist notwendig Geld zu geben, damit die Flüchtlinge auch vor den Grenzen der EU versorgt werden. Es ist die Rechnung, die wir wohl zahlen müssen, für all unseren jahrzehntelangen, rücksichtslos angehäuften Wohlstand. Es ist notwendig, die Schwarzen Schafe endlich wieder heim zu schicken – genauso, wie die schwarzen Schafe unter uns, die mit Brandsätzen Flüchtlingsheime anzünden, mit aller Härte zu bestrafen.

Keiner weiß, ob sie nicht ohnehin alle gekommen wären, die sogenannten Flüchtlinge, vielleicht nur nicht so schnell. Seit vielen Jahren ertrinken Menschen aus Afrika – ohne große Einladung – im Mittelmeer.

Auffällig ist, dass die AfD vor allem von Menschen gewählt wird, die eigentlich Probleme mit der Globalisierung haben. Es ist eigentlich der neoliberale Kapitalismus, der seit mindestens zwei Jahrzehnten unsere Welt und Werte massiv bedroht, unsere Erde offensichtlich zerstört, mit der Politik des billigen Geldes, des Turbowachstums, der viele Menschen „wertlos“ macht, aussortiert, ihnen Identität und Einkommen raubt und die Schraube immer weiter andreht. Warum stellt sich die AfD und Pegida nicht vor die EZB in Frankfurt und demonstriert gegen die 0% Zinspolitik eines Mario Draghi, also eines Goldmann-Sachs-Kapitalisten erster Güte? Viele CDUler, die gerade zur AfD überlaufen, haben auf diesem Finanzmarkt bisher viel Geld verdient, auf Kosten der Armen dieser Welt. Plötzlich geht das nicht mehr, plötzlich stehen die Folgen vor der eigenen Haustür, sitzen als Unternehmensberater auch in der eigenen Firma und bedrohen den eigenen Job. Und daran sollen jetzt die Flüchtlinge schuld sein?! Und ohne sie wäre alles wieder gut?! Selbstkritik ist das Element, mit dem Psychologen eine hohe Selbstreife, eine wirklich erwachsene Psyche messen.

Wenn die alten Parteizugehörigkeits-Identitäten nicht mehr funktionieren, die alten Klassenzugehörigkeiten verrutschen, sich auflösen, die Nationalitäten und ihre Bürger und deren Abstammung verschwimmen, Familienstrukturen erweitert werden, dann kommt man mit Angst nicht weiter. Angst ist ein Symptom, ein Zeichen, dass man aufmerksam sein muss, selbstwirksam werden muss, die Passivität verlassen sollte. Es kann uns nicht mehr in unserer Wohlstands-Nische gut gehen, in der wir uns nach dem 2. Weltkrieg mit unser Schuld und Arbeits-Demut eingerichtet haben. Wir müssen Verantwortung übernehmen – für uns selbst – zumindest mit einer argumentativ gut begründeten Meinung, am besten aber mit eigen, neuen Handlungen. Gute Taten, Taten die Sinn machen, Perspektiven, die schlüssig sind, geben neue positive Identität, befreien von der Angst. Das muss nicht direkte Flüchtlingshilfe sein, es reicht schon die Eigenverantwortung für das eigene Schicksal wieder in die Hand zu nehmen, nicht auf den Staat zu warten. Man könnte sich auch vor die EZB stellen mit einem Plakat hochhalten, wo drauf steht: „Draghi geh heim, mit deinem billigen Geld, das alles  Menschliche zu Geld-Gewinn werden lässt.“

In diesem Sinn: Lasst uns Gutmenschen sein.

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Fakten

Es ist Zeit für Fakten; Fakten bieten uns die letzte Form der Orientierung. Allerdings ist Ihre Deutung eine Eigenleistung, eine Meinung, die wir uns selbst zulegen müssen. Die AfD schafft Fakten, nämlich eine eindeutige Anzahl von Menschen, die sie wählen. Im Osten sind es nach aktuellen Umfragen: 19%. Im tiefen Westen, also Baden-Württemberg (kaum ein Bundesland ist deutscher): 11%. Das ist die Anzahl der Menschen, die …ja was?

In den USA hat der Vorwahlkampf ähnliches zu Tage gebracht – vor allem die Anzahl der Menschen, die sich dort als eine Art „Herrenrasse“ der Menschheit verstehen; dazu in aller Deutlichkeit: die Notwendigkeit, dass sich etwas ändern muss, an der heiligen amerikanischen neoliberalen Gesinnung. Wenn auch jeder Donald-Trump-Wähler genau das nicht will, ist jedem denkenden Amerikaner klar, dass dieser schlecht frisierte Scharlatan keinerlei Antworten kennt, auf all die Probleme, die die zunehmende Ungerechtigkeit des herrschenden Wirtschaftssystems hervorbringt. „Amerika first“, „white man first“: Was für Handlungen folgen daraus? Will er die Farbigen und Mexikaner alle an die Wand stellen oder den ganzen Nahen Osten niederbomben? Aus wachsender Ungleichheit sind in Deutschland vor 70 Jahren genau solche Handlungen hervorgegangen. Niemand wollte es wahrhaben – am Anfang.

Ähnlich wie bei Seehofers Hau-drauf-Lösungen werden dadurch immer nur andere Probleme anderswo auftauchen. Grenze zu. Punkt. Damit ist kein Problem zu lösen. Und je größer die humanitäre Katastrophe der Flüchtlinge in Griechenland wird, umso deutlicher wird das gar nicht so unvernünftige Beharren von Angela Merkel auf Europa als Lösung. Bis September 2017 ist noch viel Zeit, um viele neue Fakten zu schaffen. Merkels  Alleingang bei der „Einladung“ der Flüchtlinge war nicht vernünftig, weil er ein viel zu einfacher schneller Satz war, das gleiche, was jetzt Trump und Seehofer machen. Die Folgen werden nicht bedacht. Wir können Probleme nicht mit einfachen „Basta-Lösungen“ lösen.

In jedem Artikel über das Vernichtungslager Ausschwitz wird klar, was für Handlungen folgen können, wenn man solche Sätze umsetzt. Juden sind an allen Problemen Schuld. Alle Mexikaner, Araber raus, Amerika den Amerikanern, Deutschland den Deutschen, dann ist alles wieder gut. Juden sind verlogen, die gesamten Medien sind verlogen. Mit dem Foto, von Erika Steinmeier gepostet in dieser Woche, auf dem schwarze Kinder ein blondes Mädchen in ihrer Mitte bestaunen, sind wir definitiv beim Rassengedanken angekommen.

19% bzw. 11% AfD sind im Durchschnitt 15% Deutsche die mit einfachen Antworten menschenverachtende Handlungen befürworten. Es bleibt mir nur erneut festzustellen: Diese Menschen müssen dumm sein, sonst würden sie aus logischen Schlussfolgerungen und Erfahrung wissen, dass einfache Antworten noch nie Verbesserung gebracht haben, das menschliche soziale Leben ist dafür zu komplex. Ich habe im ganzen AfD-Wahlprogramm keine komplexe Analyse als Begründung ihrer Handlungen gelesen, nicht eine. Einfache Scharfmacher-Parolen sind keine Analyse. Und für mich stellt sich in der ganzen Thematik, neben der Flüchtlingsfrage, immer auch die Frage: Wohin mit ca. 15% dummer Menschen in Deutschland? Immerhin ist aus Unvorsicht gegenüber dieser Gruppe, aus Unterschätzung ihrer Macht, schon mal die Hölle auf Erden entstanden.

Eine einfache Antwort wäre: Was geht es mich an, ob sie zurechtkommen…oder: Werft sie raus, lasst sie elend zugrunde gehen, an Alkoholismus, Arbeitslosendepression, Perspektivlosigkeit, Frust. Ist doch ihr Pech, wenn sie (zumeist) mit schlechten Genen und in schlechte soziale Umstände geboren wurden, kann halt nicht jeder einen guten Lebensstandard haben. Wir werden halt nicht alle ins gleiche Land – pardon – gleiche Umfeld geboren…. Intelligent first… Leistungsträger first (was immer automatisch bedeutet: der Rest soll vor die Hunde gehen). Würde ein AfDler zur Vernunft gebracht, wenn man ihn selbst seinen eigenen Parolen und Forderungen aussetzt? Man würde sich auf ihr Niveau begeben, das könnten sie gut argumentiert zu Recht entgegnen. Man wäre selbst dumm. Die AfD kann verdammt froh sein, dass sie nicht mehr Wähler hat….

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Staatsstreich

Eine Menge Menschen, die gegen Flüchtlinge protestieren, erwarten von der Politik, dass sie sich erst mal um ihre Probleme kümmert, dass ihnen geholfen wird – und nicht den Fremden. Es ist das Gefühl in einem ohnehin prekären Leben noch weiter an den Rand gedrückt zu werden. Wenn man sie nach ihrer Eigenverantwortung für ihre Lage fragt, wird allen anderen, Politikern, Medien etc. die Schuld zugeschoben, das eigene Versagen, der eigene Anteil an der Misere wird nicht bedacht.

Wie weit ist der Mensch selbst verantwortlich? Er ist nicht verantwortlich für seine Intelligenz und Intelligenz hat viel mit dem Erfassen der Situation zu tun und auch viel Einfluss auf den Erfolg. Intelligente Menschen werden überall gebraucht. Doch leider sind nur 20% aller Jahrgänge im eigentlichen Sinne intelligent, fähig, komplexe Strukturen zu erfassen, zu abstrahieren (und somit zu studieren). Doch auch intelligente Menschen scheitern an mangelnder Charakterstärke. Denn die ist völlig unabhängig von der Intelligenz, für den Erfolg aber genauso wichtig. Sie hängt sehr stark von der Erziehung ab, ist somit also, genauso wie die Intelligenz, eine Laune des Schicksaals.

Was ist nun aber mit dem Rest, mit den nicht sehr intelligenten, nicht sehr charakterstarken Menschen? Ich tippe mal auf einen Prozentsatz von mindestens 30%, sowohl bei den Flüchtlingen, als auch bei den Deutschen, die wirklich deutliche Schwächen in der einen oder anderen Richtung haben. Was soll eine Gesellschaft mit diesen Menschen machen? (Immerhin findet hier eine Form der Gruppen-Integration statt, über alle Grenzen und Völker hinweg.)

Es ist unethisch über so etwas zu diskutieren. Andererseits sind es diese Menschen, die Hass-Tiraden im Internet verbreiten, die immer schwerer Arbeit finden, sich ungesünder ernähren und die Gesundheitssysteme belasten, weniger gute soziale Absicherungen haben. Jenseits der Flüchtlingsproblematik sind sie ein Problem des digitalen Zeitalters, da diese Menschen zunehmend ihre Arbeit verlieren, ihren Frust aber nicht mit neuer Kreativität kompensieren, mit Weltoffenheit und Hilfsbereitschaft. Dumme schwache Menschen würden sich auch beim bedingungslosen Grundeinkommen nicht ehrenamtlich engagieren, sich um neue eigene Lebenswege kümmern. Sie würden weiter nörgeln und jedem Demagogen hinter herlaufen, der ihnen verspricht, dass sie mehr bekommen und die Machthaber abgesägt werden.

Dumme schwache Menschen, das ist natürlich eine Pauschalierung, jenseits irgendeiner psychologischen  wissenschaftlichen Einordnung. Dennoch ist es eine Gruppe, mit der wir täglich kämpfen, jeder von uns. Sie begegnen uns überall, bei der Parkplatzsuche, an der Kasse im Supermarkt, im Büro (da vor allem), wir haben sie als Nachbaren, manchmal sogar geheiratet. Und ohne eine genau Diagnose könnte jeder von uns bestätigen, das sind Menschen, die größere Zusammenhänge, die Folgen ihres schlechten Benehmens nicht verstehen oder die sich trotzdem selbst immer wichtiger nehmen, die sozial nicht kompatibel sind, mit weltoffenem selbstkritischem Verhalten.

Wir brauchen also nicht weniger Flüchtlinge. Wir brauchen weniger Menschen ohne Eigenverantwortung, mit wenig Intelligenz und viel Charakterschwäche. Was würde wohl passiere, wenn der Staat ihnen mal einen Streich spielt, man deutsche, irakische, afghanische, syrische „Sozialschmarotzer“ (sie vom guten Willen und der Hilfsbereitschaft der anderen schmarotzen) alle ausfliegt, in ein unbestimmtes Land, wo ihnen alles zur Verfügung steht, ihnen aber niemand hilft daraus etwas zu machen, sie ihre Sozialstrukturen, Regeln und Gesetze selbst finden müssten? Das würde mich wirklich mal interessieren.

 

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Bürger-Rechte

Ganz früher mal galt das Recht des Adels und der Fürsten: Man wurde in Privilegien und Machtposition hineingeboren, der liebe Gott verteilte die Stellungen in der Gesellschaft. Wer die oberen Machtposition und Privilegien angriff, wurde körperlich gezüchtigt oder zerstört, wurde demonstrativ zur Mahnung aller anderen geköpft, verbrannt, gevierteilt, ertränkt. Waterboarding, als Foltermethode des Mittelalters, sollte Machtverhältnisse und Privilegien erhalten. 

Heute lassen wir die Menschen wieder ertrinken. Die Zäune Europas werden dicht gemacht, damit der Wohlstand und die sozialen Vorzüge der EU erhalten bleiben. Wer das Glück hat, in Europa geboren zu sein, darf daran teilnehmen. Viele, die dieses Glück gerade erst errungen haben (alle Oststaaten), verteidigen es am schärfsten gegen anderen, die auch darauf hoffen. Die Polen hoffen, dass die Briten nicht ihre Sozialleistungen kürzen – und nehmen selber keine Flüchtlinge auf.

Nur wer heute in den „Adelstand des Europäers“ geboren ist, soll auf Rechtsicherheit und soziale Sicherungsnetze zählen dürfen. Der Rest ist quasi selbst schuld oder Gott ist schuld, dass er zum „dritten Stand“ der globalen Gesellschaft gehört, aus Afrika oder der arabischen Welt stammt, aus Stammeskulturen und religiösen Fanatismus, korrupten Ländern mit Unterdrückung und Armut, ohne Bildungschancen. Wenn diese globalen Unterschichten es nicht hinbekommen, sich politisch zu emanzipieren, ist das quasi der Grund dafür, dass sie es nicht anders verdient haben. Doch: Unsere europäischen Länder sind auch deshalb reich, weil sie Jahrhunderte lang diese anderen Länder ausgebeutet haben.

Unser Bürgertum hat dem Adel die Macht abgenommen, durch Logik, Wissen, Leistung, Chancengleichheit, Vernunft, Fleiß und aufgeklärte Bildung. Mit Moral wurde das unsinnige „gottgegebene“ Privileg in Frage gestellt und abschafft. Der Wert eines Menschen wurde nicht mehr durch Herkunft und Familie festgestellt, sondern durch seine Leistung für die Gesellschaft. Und gleichzeitig galt Humanität als Begründung der eigenen Überlegenheit gegenüber der alten Ordnung.

Worauf sollen wir nach Adelsmacht und Bürgergesellschaft heute unsere Privilegien in der globalen Gesellschaft gründen? Humanität, Fleiß, Gleichheit, Empathie, Mutterinstinkt, Intelligenz – alles Erfindungen der bürgerlich-aufgeklärten Gesellschaft, die als Maßstab für Menschen galten, gelten nicht mehr gegenüber all den Ausgebombten und Hungerleidern, die zu uns kommen wollen. Das Argument: Wir können diese Werte nicht mehr aufrechterhalten, wenn zu viele kommen aus fremden Wertewelten, wenn zu viele auf unsere Empathie und unsere Menschenrechte hoffen und selbst nicht dazu fähig sind. Gleichzeitig gibt es keine Möglichkeit (mehr) das zu beweisen.

Und: Schon vor der Flüchtlingswelle konnte man sich fragen, wie lange werden wir diese Werte noch auf die Griechen und Portugiesen anwenden? Wie lange werden sie noch für die Menschen der Unterschicht in unseren eigenen Gesellschaften gelten? Diese Menschen verloren schon lange vor den Flüchtlingen ihren Status als vollwertige Bürger.  Wir ließen auch damals schon immer mehr Menschen in ihrem Elend ertrinken, mit dem Argument: Wir müssen unsere Bürger-Werte vor denen schützen, wir müssen schützen, was wir aufgebaut haben – ob das nun gerecht ist oder nicht.

Ist der Bürger heute wieder Adel? Menschenrechte sind zunehmend wieder ein „gottgegebener Luxus“, erteilt durch die Geburt (in Länder, Schichten, Familien). Sie können längst schon keine logische, moralische Grundlage mehr für unsere Identität als Bürger sein. Sie sind Privilegien, von denen wir immer mehr Menschen ausschließen., weil sie eben nicht bei und oder in Bildungsfamilien hinein geboren werden.

Wie man Menschen aus korrupten (Stammes-)Gesellschaften, mit Hang zum religiösen Fanatismus reformiert, damit wir Menschen dieser Gesellschaften als Bürger anerkennen, weiß ich aber auch nicht.

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Die Online-Krankheit

Es gibt nun endlich erste seriöse Studien dazu, wie der „Dauer-Handy-Online-Konsum“ sich auf unser Dasein auswirkt. Harvard, als wohl angesehenste Universität der Welt, hat sich dem Thema gewidmet. Besonders einschneidende Probleme sind bei Jugendlichen zu bemerken. Doch auch bei Erwachsenen machen sich ähnliche Symptome bemerkbar. Hier sind die 10 entscheidenden Ergebnisse:

1. Es gibt deutliche Merkmale der Sucht: Wer sich ohne sein Handy und seine Apps hilflos fühlt, hat definitiv schon die Grenze der psychischen Gesundheit überschritten. Ähnlich wie beim Alkohol ist die Menge der Betroffenen erschreckend hoch und man denkt: Aber dann sind ja fast alle abnormal und krank. Es kommt aber nicht auf den Konsum an sich an, sondern eben darauf, ob einem etwas fehlt, wenn man das Handy/Alkohol nicht hat. Und das merkt man daran, wie oft man an das Suchtmittel denken muss – oder ob man es vergisst bzw. sogar erleichternd findet, es nicht zu haben. Das Handy als Organisationshilfe ist nicht das Handy als Suchtmittel.

2. Jugendliche, die mit viel Internetkonsum und Apps groß werden sind: weniger empathisch (können sich also weniger in andere einfühlen und deren Stimmung erkennen). Sie sind ängstlicher und unselbständiger. Auch bei Erwachsenen ist das bei erhöhtem Online-Missbrauch zu bemerken. Es sind Verhaltensweisen, die man bei kleinen Kindern als „unsicher gebunden“ beschreibt. Die Menschen haben also nicht das Gefühl von beschützenden liebevollen Personen ihres Alltags sicher in die soziale Gruppe eingebunden zu werden. Es sind sogenannte Persönlichkeitsstörungen, bei denen durch einen emotionalen Dauernotstand die Konzentration auf die eigenen ängstlichen Gefühle fixiert bleibt. Man kann das eigene Gefühlsleben nicht (mehr) selbst regulieren und versucht mit dem digitalen Austausch Sicherheit zu gewinnen, was aber immer weiter in die Unsicherheit führt.

3. Die eigene Identität, Beziehungsfähigkeit und Kreativität ist von der Verunsicherung betroffen. Die Selbständigkeit und das Selbstbild werden durch die Dauerhilfe durch Apps und die virtuelle Dauerkommunikation ersetzt. Es wird sich ständig über äußere Kommunikation abgesichert, anstatt über innere Kommunikation mit sich selbst ein Selbstvertrauen und sichere Einschätzungen zu gewinnen und eigenen Gefühlen zu vertrauen: Die Meinung aller wird wichtiger als die eigene Meinung, die man gar nicht mehr bilden kann. Das Selbstvertrauen wird dadurch ausgehöhlt oder entsteht erst gar nicht.

4. Die Meisten Kommentare, Likes zu allem, was man im Internet kommentieren kann, sind Zeitverschwendung. Sie haben keinen Inhalt, sind für das Leben, ein dauerhaftes Wohlfühlen, die Auseinandersetzung mit der Welt und lebenswichtigen Dingen, nicht sinnvoll. Das Schreiben, Posten und Kommentieren höhlt die Persönlichkeit aus, die dazu da ist echte physische Beziehungen zu haben, eine erfüllende, sinnvolle Tätigkeit und Konflikte mit anderen und dem eigenen Dasein zu bewältigen (Alter, Krankheit, Enttäuschungen, Ziele etc.). Viele Leute verwenden Techniken, weil sie neu sind – nicht weil sie sinnvoll sind für ihr erfülltes Leben.

5. Im Netzt werden oft nur noch Dinge abgerufen, die zur Schein-Stabilisierung wichtig sind. Politische Zusammenhänge treten hinter Klatsch und Tratsch und Traumwelten von Luxus, Schönheit und Aufmerksamkeit zurück. Das erfolgreiche Leben besteht demnach aus schicken Klamotten, dem Traumpartner, niedlichen Kindern und teuren Urlauben. Es scheint planbar. Doch weder schaffen es die meisten Menschen diese Perfektion zu erreichen, noch sind sie dann glücklich. Viele glauben heute nur alle Anweisungen befolgen zu müssen, dann tritt (wie bei einem Programm oder Spiel) das gewünschte Ergebnis des Erfolges ein. Doch weder der vorgegeben geschönte Erfolg ist damit zu erreichen, noch gäbe dieser Erfolg das Gefühl ein sinnvolles Leben zu haben.

6. Bildung von Identität ist ein sozialer Prozess: Man brauch realen sozialen Kontakt dafür, mit Konflikten und vielen zwischenmenschlichen Zeichen. Sie ist nicht durch abstrakte Symbole (Likes, Emoticons und SMS) zu erlangen. Sie ist auch nicht durch die bloße Bestätigung und Kritik von außen zu bekommen, sondern durch eine selbständige Einschätzung der eigenen Dinge und die Relativierung der äußeren Reaktionen. Selfies und Likes sind dabei wie Bilder von etwas, auf das man Hunger hat, aber nicht essen kann: Es ist eine Art nicht-reale Bestätigung, die nicht satt macht, da sie meist von Menschen kommt, die wir nicht gut kennen, mit denen wir wenig Zeit verbringen, in der realen Welt. Diese ganzen Aktionen stehlen Zeit und verhindern andere Möglichkeiten, die wir für die echte Bildung von Identität brauchen. Das perfekte, gelikte Bild von sich selbst, Marken, die das Bild aufwerten sollen, lassen uns sehnsüchtig zurück, da diese Bestätigung nicht wirklich das Selbstwertgefühl satt macht. Leider versuchen wir gerade deshalb immer stärker mit Likes satt zu werden, ein Teufelskreis beginnt. Das Bild hat keinen Kern.

7. Wir sind noch niemand, wenn wir uns selbst als Marke inszenieren. Marken sind Zeichen, die mit positiven Assoziationen verbunden werden, aber keinen lebensweltwichtigen Inhalt haben (Nähe, Interesse). Selbst ein König kann beziehungsunfähig sein und innerlich schwach. In realen Beziehungen fällt das auf. Doch nur durch reale Beziehungen, reale Kreativität werden wir Selbst-satt.

8. Die Anzahl der wahren Freunde hat sich verringert, obwohl die virtuellen Freunde immer mehr werden.

9. Viele Menschen (Jugendliche und Erwachsene) fühlen, dass etwas zutiefst falsch läuft mit ihrem digitalisierten Leben. Aber sie können es weder benennen, noch einen Ausweg alleine finden. Viele fühlen eine tiefe Ambivalenz zu ihrem Handy und sozialen Netzwerken: Eine Droge die man hasst. Man genießt die technischen Möglichkeiten nicht, man fühlt sich getrieben.

10. Man kann Apps immer noch löschen, genauso wie den eigenen Account bei sozialen Netzwerken.

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Arbeitslos macht frei?

Unsere Welt scheint sich rasend schnell zu ändern. Aber woran spüren wir das wirklich bzw. woran werden wir es spüren? Bisher gab es erst eine wirklich große Veränderung in der Art, wie Menschen konkret ihr Leben führen: durch die maschinelle Technisierung. Bis ca. 1900 haben die meisten Menschen ein Leben geführt, dass sich von dem des Mittelalters und sogar der Jungsteinzeit wenig unterschied. Das Leben war kurz und durch harte Arbeit und den direkten Überlebenskampf bestimmt. So ist das Leben in vielen Drittweltländern heute noch – und einher geht immer die Abwertung und Entmachtung von Frauen. Je härter das Leben, umso mehr brauchen Frauen die Männer zum Überleben, was sie stets abhängig macht und durch zahlreiche Geburten immer noch abhängiger.

Nach der ersten technischen Revolution gab es nun Berufe, die keine körperliche Kraft mehr benötigten, Frauen konnten sich selbst ernähren, wurden unabhängiger und verwalteten ihre Leben zunehmend selbst. Eine Weile versuchten Kirche, Moral und Männer sie noch daran zu hindern. Heute ist die Intelligenz und Bildung ausschlaggebend für das Arbeitsleben und den Verdienst, es gibt immer weniger Berufe, in denen körperliche Kraft gefragt ist, sie werden weitestgehend von Maschinen übernommen. Und: Männer und Frauen sind in Sachen Intelligenz gleichbegabt.

Was passiert aber nun, wenn selbst die intelligente Arbeit von den Maschinen übernommen wird und bald nur noch sehr wenig Menschen gebraucht werden für sehr wenig Arbeit? Was macht der Rest: Männer und Frauen, die nicht die Intelligenz für Computerspezialisten haben oder diesen Job schlichtweg nicht wollen? Und was wird erst, wenn die Computer sich selbst reparieren und programmieren? Ein paar Jobs werden wohl immer noch übrig bleiben. Doch neulich las ich eine Schätzung, dass letztlich nur noch 20-30% der Menschen wirklich mit ihrer Arbeitskraft gebraucht werden. 70-80% Arbeitslose?! Erst langsam dämmert dieses Problem der Öffentlichkeit entgegen, dabei ist es ziemlich genau vorherzusagen und auch schon an zahlreichen Stellen der Arbeitswelt sichtbar.

Ich bin mir sicher: Die nächste (zweite) wirklich große Veränderung, die der Mensch erlebt (nach der Gleichstellung der Frau) wird die Abschaffung der Arbeit sein.

3D Drucker werden zukünftig jedes Bauteil passgenau vor Ort herstellen, das weltweite Verschiffen von Waren wird massiv schrumpfen (so wie die realen Geschäfte gegenüber dem Onlinehandel heute schon). Sicher werden immer Reste der alten Strukturen bleiben und eigentlich ändert sich unser Alltagsleben nicht wirklich, ob wir per Knopfdruck bestellen oder unsere Krankendaten und sonstige Lebensdaten sonst wo hin gesendet werden (was schon lange von uns unbemerkt passiert). Aber wenn wir nicht mehr arbeiten müssen: Das wäre wirklich ein völlig anderer Lebensalltag.

Werden wir dann verpflichtet zur gemeinnützigen Arbeit und bekommen ein Grundeinkommen vom Staat? Zu welcher Schulbildung raten wir dann unseren Kindern? Werden noch mehr Völkerwanderungen auftreten? Gerade die arabischen Staaten haben ja schon von jeher die Situation der zu wenigen Arbeit, und das ist der Hauptgrund ihrer Auswanderung in den Westen (in der gesamten arabischen Kultur ist aber an die Arbeit die Möglichkeit der Heirat gebunden und die Möglichkeit überhaupt Sex zu haben, was wirklich weit über Arbeit hinausgeht).

Hält der Mensch das wirklich aus, nichts mehr zu erstreben, dass nicht mit Geld gemessen wird? Wie wird oder würde sich jeder von uns verhalten? Würden wir überhaupt noch Familien gründen, wenn unsere Kinder eigentlich nicht mehr gebraucht werden? Oder erfinden wir dann eine neue außergewöhnliche Hoffnung, wie alles besser wird durch die Digitalisierung und unsere Kinder im Übermorgenparadies leben werden…

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Bin ich nützlich?

Mit sogenannten „Kostenfunktionen“ lassen sich widerstreitende Interessen verrechnen. Man versucht damit zu bestimmen, welches Handeln und Verhalten den größtmöglichen Nutzen für die Allgemeinheit hervorbringt. Natürlich gab es schon eine philosophische Schule, die damit versuchte, Gesellschaften optimal zu regeln. Doch dieser sogenannte Utilitarismus (engl. Nutzen=utility) scheiterte daran, dass „Nutzen“ natürlich hochgradig von menschlicher Wertung abhängt, von dem, was wir als nützlich empfinden. Und das wird von verschiedenen Interessengruppen völlig verschieden bewertet. Nützt das ewige Wirtschaftswachstum unser aller Umwelt oder dem westlichen Wohlstand? Wie groß ist die Gruppe, deren Nutzen berechnet wird: Alle Menschen oder nur eine Nation, Kontinent?

So darf man im Sinne des Utilitarismus durchaus auch Menschen töten, wenn das für viele andere Menschen von Nutzen ist: Es wäre z.B. für die Gesellschaft billiger, wenn man Verbrecher (Mörder, Kinderschänder, Vergewaltiger) erschießt, anstatt sie teuer in Gefängnissen unterzubringen oder auch noch zu therapieren. Während hier noch viele zustimmen würden, wird es aber sehr schwierig, die Grenze zu ziehen. Sollte dann nicht auch schon ein Autobahnraser, der wiederholt andere gefährdet, erschossen werden? Was ist mit einer depressiven Frau: Sollte man ihr das Kinderbekommen verbieten, weil sie ihre Kinder durch ihre Krankheit belastet? Und was wäre mit Menschen, die einen IQ unter 90 hätten oder Behinderte….?!

Schnell wird klar: Wir brauchen eine von der Nützlichkeit unabhängige Wertung des Menschen – obwohl in der Praxis dieser Nützlichkeitsgedanke oft mitschwingt. Bei den Flüchtlingen ist das gerade überdeutlich: Welche Einwanderer nützen uns? Wer ist durch Jugend, Ausbildung, Integrationswillen mehr wert als andere? Und wie kann man das messen? Doch müssten wir dann nicht auch viele Pegida-Anhänger ausweisen? Sie machen Ärger, rufen zu Gewalttaten auf, verursachen Polizeikosten. Viele von ihnen leben in der Unterschicht (deshalb haben sie so viel Angst vor den Zuwanderern, die ihnen die schrumpfenden Arbeitsplätze streitig machen). Und gerade die Unterschicht verliert immer mehr ihren ohnehin geringeren Nutzwert: Immer mehr Arbeit wird von kostengünstigeren, fehlerfreien Maschinen übernommen.

Der Utilitarismus ist nicht von ungefähr in den USA entstanden, wo noch stärker als bei uns alles nach seiner kapitalistischen Nützlichkeit bewertet wird – vor allem auch Menschen. Je besser unsere Maschinen werden, umso mehr verlieren wenig qualifizierte Menschen ihre Nützlichkeit. Computer sind einfach mehr Wert, wenn man ihre Effizienz, Kosten und Präzision mit den Menschen vergleicht.
So müssen wir uns nicht nur bei dem Thema Zuwanderung, sondern auch wegen unserer eigenen Wertigkeit dringend von diesem kapitalistischen Nützlichkeitsgedanken verbschieden und einen anderen etablieren: z.B. den des glücklichen ausgewogenen Lebens, den der kreativen Lösungssuche.

In Finnland startet dieses Jahr der Versuch, 10000 Menschen ein bedingungsloses Grundeinkommen von 1000 Euro im Monat zukommen zu lassen, ohne Bedingungen, ohne Beweis ihrer kapitalistischen Nützlichkeit. Die Frage dahinter: Machen Menschen sich (wenigstens zum großen Teil) für die Gemeinschaft nützlich, auch wenn man das nicht mehr an Gehältern misst, nicht mehr als Gegenleistung für Geld einfordert? Was entwickelt sich, wenn der Druck des Überlebens genommen wird, wenn man Arbeit und Nützlichkeit vom Geld entkoppelt? Die Hoffnung ist, dass kaum einer auf dem Sofa sitzen bleiben wird, da alle Menschen den Drang haben, einen guten Platz in der Gemeinschaft zu finden: Der Wille, eingebunden und respektiert zu werden durch ihre Nützlichkeit für die Gemeinschaft – die oft heute nicht richtig erfasst wird – soll sich bestenfalls durchsetzen in dem Experiment.

Hoffen wir es, dass das gelingt. Hoffen wir, dass der Mensch uns dieses Mal positiv überrascht.

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Das bessere Leben

Bei all dem Unheil, was in dieser Welt gerade tobt, möchte ich heute mal etwas dagegen stellen, was harmlos-grotesk (wie aus der Welt gefallen) wirkt: Diese Woche erreichte mich über einen Freund, der als Model arbeitet, folgender Aufruf für die neuen Gesichter des Partnersuch-Portals Parship. Wen es immer mal interessiert hat, wie es hinter den Kulissen der perfekten Werbefotos zugeht, hier ein typisches Beispiel, wie die Sehnsüchte des modernen Menschen bedient werden:

Liebes Modell,
wir starten heute mit einem deutschlandweiten E Casting für Parship.
Für die TVC‘s der neuen Kampagne sind wir auf der Suche nach 3 Frauen und 2 Männern!
Alle Models/Darsteller müssen akzentfrei Deutsch sprechen (keine Ausnahmen)!! Ethnizitäten können gern gemischt sein, alle müssen aber deutsche Muttersprachler sein!
Wir suchen sympathische attraktive, sportliche, gepflegte Männer und Frauen. Sie haben eine starke Persönlichkeit und eine positive Ausstrahlung. Eben 100% Beauty, aber kombiniert mit natürlicher Ausstrahlung und authentischem Auftreten vor Kamera. Wichtig: akzentfrei Deutsch sprechen ist Pflicht! Ethnizitäten können gern gemischt sein!
Frauen (20 – 38 Jahre alt)
Gesucht sind Frauen (blond + brünett + dunkelhaarig), gern Models mit Spieltalent und –Erfahrung. Hübsche, aber dennoch nahbare Frauen.
Beauty Beauty Beauty!!
Mann (ca. 25 – 35 Jahre alt)
Gesucht sind Männer, gern Models mit Spieltalent und –Erfahrung. Gutaussehende, dennoch nahbare Typen.
Mann (ca. 35 – 45 Jahre alt)
Gesucht sind Männer, gern Models mit Spieltalent und –Erfahrung. Gutaussehende, dennoch nahbare Typen.
Bei der Vorstellung gern einen Steckbrief/ein Profil geben, über sich selbst erzählen (Hobbies, Lieblingsessen etc.), kann auch ein erfundenes Profil sein. Ansonsten bitte bestmöglich die angehängten Skripts
umsetzen.
1.200 Tagesgage inkl. Fitting, inkl. Reise*
*es wird ein Fotoshooting geben, das mit einem halben Tag angesetzt ist (also 600€). Sollte das Shooting länger dauern (d.h. mehr als 5h) wird die volle Tagesgage gezahlt.
WICHTIG: Aus rechtlichen Gründen muss sich jeder ausgewählte Darsteller auf parship.de unter seinem echten Namen anmelden. Es wird aber kein Fotoupload oder sonstige Aktivität auf dem Portal erwartet. Man kann sich auf seinem Profil auch unsichtbar
stellen und bekommt damit keine Anfragen. Es ist also eine Proforma-Anmeldung.
Liebe Grüße
M. R. xy Casting-Agentur, Hamburg

Castingtexte:
einfach eine gemütliche Position mit dem ipad/iphone zuhause suchen und loslegen!
Frau:
„Ist doch egal, wie ich den Richtigen finde, Hauptsache, ich finde ihn. Ich parshippe jetzt!“
„Ich such nicht den besten Sprücheklopfer, sondern den, der am besten zu mir passt. Ich parshippe jetzt!“
„Ich träum von der großen Liebe. Und jetzt mach ich einen Plan daraus. Ich parshippe jetzt!“
Mann:
„Für mich ist PARSHIP sowas wie ein Navi für die Partnersuche. Ich parshippe jetzt!“
„Ich will keine aufregende Kennenlern-Geschichte, ich will eine aufregende Beziehung. Ich parshippe jetzt!“
„Ich such eine ernsthafte Beziehung- also, die darf dann natürlich auch Spaß machen. Ich parshippe jetzt!“

Während Menschen täglich im Mittelmeer ertrinken, Urwälder für Palmöl-Plantagen gefällt werden, damit Börsianer immer noch Renditen von 40% einfahren und in Köln und anderswo Frauen sexuell bedrängt werden, gibt es immer noch zahlreiche Menschen, die den perfekten Partner suchen und die durch Bilder von ihm angelockt werden sollen, damit sie glauben diesen im Internet zu finden.

Es stellt sich die Frage: Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Warum wundert es uns, dass Menschen ihr Leben riskieren, um dem Krieg und dem Elend daheim zu entgehen und in eine Welt zu gelangen, deren größtes Problem es zu sein scheint, Beauty, Beauty, Beauty planmäßig zu finden? Letztlich ist es wohl ein Beispiel dafür, dass wir irgendwie versuchen weiter zu machen wie bisher, auf unserer Insel der Glückseeligen, das auch Menschen, die in Sicherheit und Wohlstand leben, versuchen ihr Leben immer noch weiter zu verbessern, ihre Zukunft toller haben wollen, als die Gegenwart.

Vielleicht ist das der Grund der großen grassierenden, wachsenden Angst: Wir wissen nicht mehr, wie wir das moralisch in unseren Selbstbilder zusammenbringen sollen, das existenz-bedrohende Leid, das zunehmend vor unserer Haustür landet und unsere Luxus-Gesellschafts-Probleme, die ja nach wie vor weiter existieren. So prallen die Sichtweisen aufeinander: Wie optimiere ich mein Leben, hole das Optimum (perfekte Werbewelt) für mich raus, gewinne einen wunderschönen Menschen für mich – gegen: wie überlebe ich und meine Kinder Bomben, Flucht und Religionskriege?!

Ein schlauer Mensch hat mal gesagt: Es finden immer alle Zeiten und Zustände gleichzeitig statt auf der Erde. Demnach gibt es keine echte Entwicklung. Was nützt es uns Daten über die Kontinente in rasender Geschwindigkeit zu senden, wenn wir nicht anders damit umgehen, als im Mittelalter? Was nützt uns all unser Wissen über Naturkatastrophen, wenn wir uns gerade selber welche schaffen? Der Mensch bleibt der Mensch, mit seinen Hobbys und Lieblingsessen und seinem Willen, für sich Besseres zu erreichen, was ihn in unsichere Boote auf hohe See steigen lässt, im Glauben in Deutschland bekäme jeder ein Haus und einen Job, einfach so. Was Parship für uns ist, sind die Träume von Sicherheit, Wohlstand und Ansehen für marokkanische oder afghanische junge Männer. Was Einsamkeit und Depressionen für uns sind, sind Bomben und Perspektivlosigkeit für syrische Familien. Genau das macht uns alle aus: Die ewige Suche nach dem besseren Leben. Nur müssen wir aufpassen, dass wir uns dabei nicht alle vernichten.

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Sex und Macht: Teil II

Folgendes schrieb mir ein Leser als Kommentar zu meinem Blog-Beitrag von letzter Woche: „3 Dinge darf man dem Deutschen nicht nehmen: Geld, Haus, Frau – ein Satz, der unter Kollegen ausgesprochen, kurzes Schweigen und darauf zustimmendes Gemurmel sowie Kopfnicken auslöste – auch bei mir.“

Mal davon abgesehen, dass ich die Reihenfolge dieser Aufzählung schon irritierend finde, macht der Kommentar etwas offensichtlich, das sonst nur unter der Oberfläche schwehlt und bis zur Silvesternacht regelrecht als Thema zwischen den Geschlechtern ausgeschlossen wurde – obwohl es Frauen ständig begegnet. Es ist eine Art „Funktionalisierung“ des Weiblichen, um das Männliche davon abzugrenzen und (immer noch) darüber zu stellen. Ein Nebeneinander scheint nicht möglich. In der Silvesternach hätte aber die Polizei (Polizistinnen und Polizisten) die Pflicht gehabt, Frauen zu beschützen. Das war nicht die Aufgabe irgendwelcher deutsche Männer.

Ich glaube beide Seiten, Männer und Frauen, können hier nur begrenzt nachvollziehen, wie es der anderen Seite geht. Eigentlich wäre es eine Sache der mächtigen Frauen der Politik, da etwas deutlicher zu machen. Doch das ist „dünnes Eis“ und kaum jemand möchte sich mit diesen gleichzeitig archaischen und doch aktuellen Befindlichkeiten der Geschlechter offen auseinander setzen.

Es ist für mich letztlich nicht nachzuvollziehen, wie es Männern geht, die das Gefühl haben „ihre Frauen“ werden angegriffen (denn man greift ja nicht ihren eigenen Körper an, sondern einen anderen Körper, der Männern aber trotzdem zu „gehören“ scheint). Ich wehre mich gegen den Gedanken, dass Männern mit einem stärkeren Trieb „von Natur aus“ darauf „programmiert“ sind, ihre Frauen und deren Körper zu „beherrschen“ – auch wenn das die meiste Zeit in der Geschichte so war. Ich bin fest davon überzeugt, es steckt immer noch eine überkommene Erziehung hinter diesen seltsamen Befindlichkeiten von Männern, die sich schwer tut (zumindest Männer in mittleren Jahren und darüber), eine neue Sichtweise zu finden. Wir sollten dringend mal das dumme Argument „von Natur aus“ weg lassen: Natur erleben wir immer nur kulturell vermittelt. Der Begriff der Natur ist einer, der immer gerne zitiert wird, wenn einem die Argumente fehlen, um die eigene sexuelle Kultur zu erklären oder in Frage zu stellen. „Von Natur aus“ waren Frauen ja seit Jahrhunderten dümmer und auf Kinder fixiert. Heute machen sie die besseren und zahlreicheren Schul- und Studienabschlüsse und bekommen zugunsten von Erfolg und Macht oft keine Kinder mehr.

Jungen Frauen und Männern sehen das heute auch völlig anders: Es wird Gleichberechtigung bis ins Denken hinein gelebt. Das weiß ich aus zahlreichen Interviews. Archaische Männer scheinen dagegen andere archaische Männer am härtesten zu treffen, indem sie deren Frauen sexuell erbeuten oder misshandeln. Auch zahlreiche Geschichten aus der griechischen Mythologie werden bemüht, als Zeichen dafür, dass das schon immer so war und daher Berechtigung hätte, so zu bleiben. Wieso wollen sie sich und ihre Frauen nicht von diesem Schwachpunkt befreien? Würde es nicht weniger Übergriffe gegen, wenn Mann weiß, der Stolz des Gegners wäre damit nicht zu treffen?

Ich glaube als Mann kann man nicht nachvollziehen, wie es ist, gegen den eigenen Willen, „Gegenstand“ von Männern zu werden – sowohl beim Übergriff, aber auch als definierter und gefühlter „Besitz“. Es fühlt sich „lächerlich“ an, jedenfalls für selbständige, selbstbewusste Frauen. Es ist schön, wenn „mein Mann“ mich als Person „behalten“ will. Aber es ist absolut albern, wenn er mich als Besitz von anderen Männern beschützen will oder mich oder seinen Stolz gar „beschmutzt“ sieht, durch sexuelle Übergriffe von anderen. Es fühlt sich für mich auch schon lächerlich an, in dieser aktuellen Diskussion ständig so viel Schwachsinn lesen zu müssen, über sich und das eigene Geschlecht. Ich möchte von keinem Mann beschützt werden, der nicht auch jederzeit einen schwächeren Mann schützen würde, egal welcher Herkunft, wenn dieser in Bedrängnis gerät, durch aggressive Horden.

Wenn ich vergewaltigte Frauen trainiert habe, dann ging es vor allem darum, ihnen beizubringen, sich nicht mehr als Opfer, als Gegenstand wahrzunehmen. Übergriffe wehrt man vor allem psychologisch ab, indem man sich als Person mit starkem Willen, starker Gegenwehr bemerkbar macht: Über eine Person ist nicht so leicht Macht zu bekommen, wie über einen Gegenstand. Und wie ich letzte Woche schon bemerkt habe: Bei sexuellen Übergriffen geht es nicht um Sex, sondern um Macht. Leider werden gerade Frauen oft Opfer, wenn sie sich selbst prinzipiell als wert- und wehrlos empfinden.

Es ist wohl die eigene Ohnmacht vieler deutscher Männer, ob der Flüchtlingsflut und der damit ausgelösten Ängste, die plötzlich archaische „Stütz-Muster“ wieder laut werden lässt. Und Mann kann diese Ängste besser zugeben, wenn man sich gleichzeitig als potenter Beschützer seines Eigentums (Töchter, Frauen) hervortut. Denn das ist männlich und Ängste sind ja in dieser archaischen Denkweise weibisch und schwach.

Vielleicht ist das eine Frage der Zeit: Je wehrhafter Frauen werden, je mehr Macht sie in den Gesellschaften dieser Welt bekommen und je mehr Selbstwertgefühl, umso weniger werden sie als Objekte im Machtbereich von Männern gesehen. Dann werden sie auch weniger im Alltag attackiert (Köln war hier eine Ausnahmesituation). Und ihre Männer hätten mit ihnen mehr Mitgefühl, wenn es doch mal zu Übergriffen kommt – und weniger verletzten Stolz.

Wenn Ihr uns helfen wollt, liebe konservativ-denkende Männer, dann fangt doch mal bei Euch selber an umzudenken, bis tief in Euch hinein: Gleichberechtigung zu etablieren. Denn dieser archaische Schwachsinn macht mir mindestens so viel Angst, wie emotional aufgeladene Männergruppen auf der Straße. Denn gerade dieses archaische Denken lässt Männer – egal welchen Herkunft – übergriffig werden.

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Sex und Macht

Kaum eine Frau, die ich kenne, hat nicht schon mal eine beängstigende Situation männlicher Übermacht erlebt. Viele Frauen wechseln die Straßenseite, wenn ihnen eine Gruppe von Männern entgegenkommt, in einem aufgeheizten, meist alkoholisierten Zustand (Junggesellenabschiede, Vatertage, sonstige Sauftouren).
Jetzt wird gerade viel geredet über die sexuellen Übergriffe der Silvesternacht in Köln. Es scheint einzutreten, wovon Pegida und NPD seit langem erfundene Schreckensbilder malen: Die fremden arabischen Männer starten sexuelle Attacken, vergewaltigen und plündern. Doch die meisten Frauen haben solche Momente und Übergriffe schon auf dem Schulhof, in der U-Bahn oder bei Volksfesten erlebt – von Männern, die keinen oder keinen sichtbaren Migrationshintergrund haben. Es sind nicht die Fremden, es sind alkoholisierte Männer in Gruppen – ganz allgemein – die diese beängstigende Dynamik aufkommen lassen. Gerade die NPD-Mitglieder und größten Gegner der arabischen Asylanten, sind bisher hier die Hauptstraftätergruppe.

Ich habe früher viel Karate gemacht und ich habe Frauen mit „schlechten Erfahrungen“ trainiert ihre Angst zu überwinden, sich wehren zu können, ihre Ohnmacht gegen Wut und Kraft einzutauschen. Ich weiß noch: Kein männlicher Trainer aus dem Verein wollte das machen. Es herrschte eine Art Schuldgefühl, zu derselben Geschlechtergruppe der Aggressoren zu gehören, selber einen sexuellen Blick auf Frauen zu haben, auch wenn der natürlich nicht zwangsläufig in Übergriffen mündet. Aber ich weiß als Psychologin, dass sich viele Männer prinzipiell schwer tun, mit der „sexuellen Kommunikation“ im Alltag und bei fortgeschrittenem Interesse. Nicht nur Asylanten bräuchten hier dringend mal Kurse und die Möglichkeit ernsthafte Fragen zu stellen.

Was auch verwundert, ist die Tatsache, dass plötzlich vor allem Männer über das Thema der Übergriffe diskutieren. Frau Merkel und die frischgewählte Oberbürgermeisterin von Köln sind nur mit der „zarten“ Bemerkung vernehmbar: Sie könnten sich natürlich als Frauen in die Situation der Frauen der Silvesternacht hineinfühlen. Man scheint keine männlichen Wähler verschrecken zu wollen oder nicht schwach scheinen zu wollen, nicht als Opfer-Frau. Und so übernehmen die „Beschützer-Männer“, wie in archaischen Zeiten, das Regiment. Es wird in typisch männlichem Duktus von „der ganzen Härte des Gesetzes“ geredet. Doch unsere Gesetze sind schon lange hart genug, sie werden nur nicht umgesetzt – weder in den seltenen Urteilssprüchen (nur 8% der Anzeigen folgt eine Verurteilung und die dann meist nur als Bewährungsstrafe), noch im Alltag. Viele der Frauen, die ich damals trainierte, haben mir erzählt, das sei die zweite große Verletzung gewesen, die zweite Beschämung: Die Täter kommen davon, verhöhnen die Ofer, werden bestätigt in ihrem scheinbaren „männlichen“ Recht, ihren sexuellen Willen durchzusetzen. Das Leid, was ein solcher Übergriff auslöst, die Angst und spezifische Abwertung als minderwertiges weil weibliches Wesen, dessen Willen und Würde Mann übergehen und erniedrigen kann, ist für viele Richter nicht nachvollziehbar. Es muss für diesen Bruch im Selbstwertgefühl kein Sex stattgefunden haben, der Übergriff auf den Körper ist aber noch verheerender.

Oft wird vor Gericht angeführt, die Ablehnung der Frau sei nicht eindeutig gewesen. Angeblich ist das ein weites Feld: Zustimmung und Verweigerung zum Sex, der schon bei der Kleidung oder bei einem freundlichen offenen Umgang anfängt. Wahrscheinlich sehen das die arabischen Männer von Köln auch so. Und bei Partylaune und Alkohol bekommen übergriffige Männer aller Kulturen dann angeblich nicht mehr mit, ob „ja“ oder „nein“ gilt. Viele halten es auch für „natürlich“ ihren Sex dominant auszuleben. Und genau hierin scheinen Richter dieser Argumentation oft zu folgen.

Leider haben einige Frauen – wie im Kachelmann-Fall – wohl auch vor Gericht nicht die Wahrheit gesagt, sich absichtlich als Opfer dargestellt, um sich zu rächen. Was sie allen anderen Frauen damit antun, ist ihnen nicht klar oder egal. Hier reicht ein Fall aus, um der alten Argumentation wieder freien Lauf zu lassen: Frauen wissen nicht was sie wollen, provozieren und haben daher eine Mitschuld.

Es geht bei sexuellen Übergriffen aber eigentlich gar nicht um Sex. Es geht um Macht. Und genau daran kann jeder Mann messen, ob er das Richtige tut oder eine bestimmte Grenze überschritten hat. Sobald aus der Anziehung ein Machtgefühl wird – alleine oder in der Gruppe – ist Mann auf dem falschen Weg. Denn auf der anderen Seite spüren wir Frauen genau diesen Moment sehr genau, wo aus Interesse etwas wird, das bei uns augenblicklich Angst auslöst.

Selbst wenn man sich als Mann nach einem Flirt oder irgendeinem anderen Austausch mit einer Frau, die einem gefällt, zurückgewiesen fühlt, nicht versteht, warum sich eine Frau plötzlich abwendet: Mann muss diese Kränkung hinnehmen, auch wenn man keine Erklärung dafür hat, enttäuscht und frustriert ist (Frauen müssen das übrigens umgekehrt auch oft hinnehmen). Es gibt keinen anderen Weg. Ein Zugriff, um seinen eigenen Willen, sein Machtgefühl gegen diese Ohnmacht der Zurückweisung durchzusetzen, ist genau der Moment, wo etwas anfängt falsch zu laufen. Wenn Mann in einer Gruppe ist von Männern, die sich plötzlich stark und mächtig fühlen gegenüber Frauen, ist es genau dasselbe: Es läuft etwas falsch. Es ist eigentlich ganz klar und einfach: Der Selbstwertpusch als Gefühl der „Mächtigkeit“ überschreitet die Grenze.

Für Frauen, die diesen Machtübergriffen ausgeliefert waren, hilft nur dementsprechend eines: Eine Selbst-ermächtigung muss vollzogen werden, nach der Tat. Man muss das Gefühl habe, mit der Wut Gehör zu erkämpfen, Anerkennung zu finden für das erlittene Leid und die wahnsinnige Angst. Gerechtigkeit muss hergestellt werden. Das ist noch wichtiger, als irgendeine Karatetechnik, auf die man beim nächsten Angriff vertrauen könnte.

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Hallo 2016

War das jetzt ein seltsames Jahr, das Jahr 2015? Was hat sich wirklich konkret für jeden von uns geändert? Ist es eher die subtile Beunruhigung oder eine wirkliche Veränderung, die das Jahr 2015 gebracht hat?

Bisher haben wir keine terroristischen Anschläge erlebt in Deutschland. Und selbst wenn es uns im nächsten Jahr wie die Franzosen treffen sollte, die im Januar 12 Tote und im November noch mal 130 Tote hatten: Wir haben jährlich 3000 Verkehrstote und 10000 Selbstmorde. Es ist eher die Reaktion, das erhöhte Sicherheitsaufkommen, das unser Leben verändern würde. Es gibt viele andere Todesursachen, keiner weiß, ob er das Ende des nächsten Jahres erleben wird. Es ist eher die Angst, die das Leben innerlich verändert, als dass es äußerlich wirklich anders abläuft, durch die Syrienkrise und ihre Folgen.

Die Flüchtlinge kosten Geld. Doch jahrelang hat die BRD Schulden gemacht und kaum einer hat das in seinem Alltag bemerkt. Wenn Herr Schäuble jetzt wegen der Flüchtlinge die „Schwarze 0“ nicht halten kann, woran würden wir es merken? Wir leben in einem reichen Land und sicher könnte man noch mehr Geld für Kindergärten und Altenpflege ausgeben. Aber würden wir das wirklich tun, wenn die Flüchtlinge nicht kommen würden? Wer weiß, wie wir in 5 Jahren darüber denken. Sicher ist die Anstrengung zur Integration wichtig, es braucht enorme Bemühungen. Aber wer nichts damit zu tun haben will, muss es nicht. Er muss nicht mehr Steuern zahlen deswegen und seine Kinder erhalten auch keine schlechtere Schulbildung. Für viele Menschen haben die Flüchtlinge nichts konkret verändert in ihrem Leben – außer einem subtilen Gefühl der Verunsicherung, vielleicht.

Betrachtet man die Umfragen seriöser Institute zum Jahr 2015, fällt auf, dass die „Unterschichten“ am meisten Angst haben, vor den eventuellen Veränderungen, von denen man immer noch nicht weiß, ob sie überhaupt in einem bemerkenswerten Ausmaß stattfinden werden. 1 Millionen Flüchtlinge auf 80 Millionen Deutsche. Bemerken wir das wirklich im großen Stil? Bemerkten wir bisher 16 Millionen Deutsch-Türken (außer jemand lebt in Kreuzberg-Berlin vielleicht)?

Es gibt auch Menschen, die haben so eine Art „Wohl-Weh“ über all die großen Diskussionen, die Neuerungen durch die unerwartete Hilfsbereitschaft und Diskussionen über Zuwanderung und die Krise aus der arabischen Welt, die plötzlich zu uns gelangt ist: Es kommt endlich wieder was in Bewegung, es ist nicht schon alles klar und berechenbar. Es wird spannend vor der eigenen Haustür, man muss eine Meinung bilden, nachdenken, wissen, was man wie warum fühlt. Man kann neugierig sein auf 2016 und all die Jahre danach, auf 2020 und ob wir es wirklich „geschafft haben“, das „wir schaffen das“.

Die Hilflosigkeit der Unterschichten ist eine psychologische Hilflosigkeit der Ohnmacht. Man hat es bisher nicht geschafft, besonders erfolgreich sein Leben selbst zu gestalten. Jetzt kommen andere Hilflose und wollen auch geholfen bekommen. Man hat in unserer Gesellschaft schnell das Gefühl zu den Loosern zu gehören und vielleicht will man sich auch etwas erhaben fühlen, immerhin über die fremden Bittsteller, denen man ein Recht auf Hilfe absprechen kann, weil man selbst immerhin einen deutschen Pass hat.

Manchmal denke ich mir solche Sachen aus: Was würde wohl passieren, wenn jeder Pegida-Gegen-Demonstrant auf einen Pegida-Demonstranten zuginge und ihn fragen würde: „Ihnen geht es nicht sehr gut, Sie haben Angst, erzählen Sie doch mal….?“

Auch ohne Geld und auch mit Angst und Weltschmerz kann man zu Pegida-Gegen-Demos gehen, kann selbst-bestimmt ein Zeichen setzen, kann es besser machen, kann (ehren-amtlich) helfen. Das Beste gegen die Angst ist Hilfsbereitschaft, andere Menschen, die voller Angst versuchen für sich den richtigen Weg zu gehen, kennenzulernen. Gegen Angst hilft nicht ständige Forderungen für sich selbst oder Beschimpfungen der Politiker und Medien. Gegen Angst hilf aktive eigenmächtige Handlung. Gegen „deutsche Angst“ hilft ein Besuch in einem Flüchtlingsheim, die eigene Integration in die Gemeinschaft anderer Helfender und die Dankbarkeit der Menschen, denen man hilft. Das Wundermittel gegen Angst ist Hilfe, da man dann nicht mehr ohnmächtig, sondern selbstwirksam sein Leben aktiv bestimmt.

Glück ist zumeist die Hilfe oder Freundlichkeit anderer. Ausprobieren hilft. Es ist immer wieder seltsam, wie wirksam das ist (obwohl gerade zum Jahreswechsel diese „priesterlichen Worte“ oft wie leere Hüllen erscheinen). Wir sind soziale Wesen und jede Form der guten Kommunikation und des guten Umgangs miteinander (Vertrauen, Wohlwollen, Ehrlichkeit, Freundlichkeit etc.) hat die Menschheit bisher nach vorne gebracht. Kann man an jeder Supermarktkasse beobachten und bei jeder Parkplatzsuche…

In diesem Sinne: Guten Rutsch.

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Meine Dissertation über Willensfreiheit ist erschienen….

Liebe Leser, diese Woche zu Weihnachten und für alle guten Vorsätze fürs neue Jahr – ein Tipp in eigener Sache:

http://www.waxmann.com/buch3364

Frohes Fest. Und möge die Macht der guten Vorsätze mit Euch sein. Und bei wem das nicht so gut klappt, der kann jetzt nachlesen warum….

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Indentity welcome

Was ist so deutsch am deutschen Umgang mit den Flüchtlingen? Die Angst? Wohl kaum. Das Schuldgefühl? Schon eher. Aber vor allem: Der Umgang mit den nationalistischen Parolen. Deutschland den Deutschen. Wer oder was soll das sein? Menschen, die kein Kopftuch tragen? Menschen, die in eine Kirche gehen, statt in eine Synagoge? Reicht das?

Während die Franzosen genau wissen, was ihre Identität ist (Rousseau, Voltaire, Sartre, Froschschenkel, Burgunder-Wein, Gänseleber, Hermes-Halstücher), ist all sowas in Deutschland sehr belastet (Goethe und Nitzsche wurden von den Nazis zweckentfremdet, Halstücher waren Erkennungszeichen der SED Jugend oder der BDM- Mädels und Würste stiften keine Identität). Was ist es denn also, das Deutsche, das wir bewahren wollen, vor dem Zustrom der Fremden?

Zumindest in Bayern scheint die katholisch geprägte Gleichwertigkeit der Geschlechter auf dem ungefähren Stand eines aufgeklärten Islam zu stehen. Aber vielleicht ist das der eigentliche Grund: Die Konkurrenz wiegt schwerer, als die Angst vom Identitätsverlust. Wir sind ohnehin so unsicher, wer wir sind – und da kommen jetzt welche und wissen es für sich vielleicht besser….

Statt der pauschalen deutschen Identität, hilft da nur die persönliche. Ich z.B. bin selbst doppeltes Flüchtlingskind, mit tschechischem Einschlag. Ich gehöre einer Generation an, wo die Frauen das erste Mal unbehelligt studieren konnten. Ich interessiere mich dafür, wie Persönlichkeit entsteht, wie man sie wissenschaftlich vermessen kann und „heilen“ kann, so dass sich Menschen anhaltend besser fühlen. Ich will wissen, wie Wahrheit entsteht. Ich habe in mehreren Städten gelebt, viele Länder besucht. Ich habe Freunde aus allen Ethnien und vielen Kulturen. Ich liebe Nietzsche und Proust und Truman Capote. Ich werde leicht wütend. Ich wäre gerne manchmal stiller und weniger ein Klugscheißer (gelingt mir selten und dann ist mir das Thema oft wurscht, was dann natürlich leichter ist). Ich habe Angst vor der Erderwärmung und fahre Smart und versuche meine Heizung nicht so doll aufzudrehen. Aber ich fliege eben oft mal wohin, zum reinen Amüsement und verpeste damit meine persönliche CO2 Bilanz. Ich mag keine selbstgerechten Menschen, die sich nicht hinterfragen.

Die Frage ist: Gibt mir all das genug Sicherheit, um mich von den Flüchtlingen nicht bedroht zu fühlen? Antwort: Es gibt mir genug Sicherheit, allen Menschen, die ihr Leben reflektiert und bewusst versuchen aufzubauen, offen zu begegnen. Es macht mich wütend, wenn Menschen mit Vorurteilen und ohne Offenheit für meine/unsere Offenheit zu uns kommen oder schon immer bei uns sind. Ich will, dass man sie deutlich zur Rechenschaft zieht, wenn sie nicht friedlich auf die neue Kultur zugehen.

Fazit: Es braucht kein Pro- und Kontra-Flüchtlinge. Es braucht für mich einen Maßstab für Menschen, die sich bemühen. Und es braucht eine Executive für Menschen, die das nicht tun. Wir können „offene Persönlichkeiten“ und Integrationswillen messen, wissenschaftlich. Wir können eventuelle Gesetze begründen.
Wir können neue Maßstäbe einführen – gerade weil wir als Deutsche keinen überkommen unreflektierten Nationalismus haben.

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Würde

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das bedeutet, kein Mensch darf als Objekt, als Mittel zum Zweck benutzt werden. Wenn jemand ein Flugzeug abschießt oder einen Zug entgleisen lässt (in denen Menschen sitzen), um andere Menschen zu retten, die z.B. in einem Gebäude sitzen, auf die der Zug oder das Flugzeug zurasen, ist er ein Mörder, obwohl er vielleicht mehr Menschen gerettet hat, als er getötet hat.

Doch dieses Gebot der Würde, was unser Menschsein ausmacht, uns gerechtfertigt erhebt über alle anderen Lebewesen, wird ständig und überall übertreten. Der IS benutzt Gefangene als Schutzschilde gegen die zunehmenden Flugzeugangriffe. Erdogan und Putin benutzen ihre Völker für ihre persönlichen Ziele. Horst Seehofer benutzt die Flüchtlinge als Mittel für seine Popularität, um sich als starker Mann aufzuspielen./p>

Aber auch in unserem Alltag benutzen wir ständig andre, um unsere Ziele zu erreichen. Und je abgebrühter wir dabei sind, je weniger wir ein schlechtes Gewissen haben und Empathie empfinden, umso mehr werden andere Mittel zum Zweck, umso weniger gestehen wir ihnen ihre Würde zu. Es gibt Frauen, die heiraten Männer, um versorgt zu sein. Je weniger sie diese Männer lieben, je mehr sie kaltblütig für sich Vorteile erwarten, umso stärker verstoßen sie gegen die Würde des anderen. Jetzt kann man natürlich auch sagen, die Männer sind selbst daran schuld, irgendwas erwarten sie selbst von diesen Frauen. Bei Kindern wird es daher noch schlimmer, Kinder können nichts dagegen tun, um nicht für ihre Mütter oder Väter nur Mittel zum Zweck zu sein (z. B. um nicht arbeiten zu müssen, um sich zu stabilisieren, um immer jemanden zu haben, der einen liebt und nicht weg kann). Die Würde kann man also nur Menschen nehmen, die sich nicht wehren können. Kinder lieben ihre Eltern wirklich. Sie brauchen sie zum Überleben, aber Eltern sind für Kinder niemals Mittel zum Zweck: Die Abhängigkeit schafft die Liebe. Väter lieben ihre Kinder und lassen sich viel von sehr berechnenden Müttern gefallen; Mütter lieben ihre Kinder und verlassen deshalb sehr oft nicht grausame Väter. Chefs benutzen Mitarbeiter, die abhängig sind von ihrem Job; man benutzt Bekanntschaften in guter Position, um weiter zu kommen… Ständig wird die Würde anderer Menschen in unserem Alltag im Kleinen und im Großen angetastet.

Es gibt sogar Flüchtlingshelfer, die fühlen sich durch die Flüchtlinge wieder wertvoll, sie werden gebraucht. Aber deshalb sind die Flüchtlinge nicht nur Mittel zum Zweck. Den Unterschied macht die Empathie. Wir können sogar zu Gegenständen Empathie aufbauen. Insofern wäre ein geliebtes Auto nicht nur Mittel zum Zweck, um von A nach B zu kommen. Doch ein Auto hat keine Würde und eben auch kein Recht auf Würde, selbst wenn jemand ihm die zuteilt.

Empathie gegenüber dem anderen als Mensch macht die Würde aus. Sie macht das schlechte Gewissen aus, wenn wir ihn trotzdem für unsre Ziele benutzen. Umgekehrt ist wirklich Selbstreife damit verbunden, Menschen so wenig wie möglich als Mittel zu sehen. Selbst wenn sie uns helfen unsere Ziele zu erreichen, steht die Empathie im Vordergrund und nicht das Ziel.

So werde ich also in den nächsten Tagen meinem Getränkehändler im Supermarkt ein paar selbstgebackene Plätzchen vorbei bringen, der mir immer unaufgefordert die Wasserkisten zum Auto trägt. Und dem Computerspezialisten, der mir gestern mit drei Klicks den Drucker wieder angeschlossen hat, bringe ich eine Packung Mon Cherié, weil die bei ihm immer rum stehen und er sie anscheinend gerne isst. Es sind Menschen, die mir oft Mittel zum Zweck sind UND für die ich tiefe Empathie empfinde, weil sie einfach helfen und allen anderen, also auch mir, Würde geben. Indem ich das wahrnehme, gebe ich ihnen Würde zurück.

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10 Milliarden Abenteurer

Es scheint unvorstellbar, dass sich Jugendliche nach Syrien aufmachen, um dort für den IS zu kämpfen. Was glauben sie dort zu finden? Abenteuer? Ruhm? Veränderung? So unglaublich es scheint: Sie suchen dort nach Bedeutsamkeit. Und die scheint ihnen wichtiger zu sein, als die Freiheit, auf die wir im Westen so stolz sind. Doch gibt es diese Freiheit hier gar nicht (wie ich schon früher ausgeführt habe). Gerade an Jugendliche wird eine hohe normierte Leistungsanforderung gestellt. Man soll sich fügen, von Anfang an, in den vorgegeben Anspruch einer bürgerlichen Ordnung hineinwachsen: Ausbildung, Karriere, Familie, Konsum. Wo ist da noch Platz für Freiheit und Abenteuer, für das Gefühl etwas zu erreichen, das nicht schon vorgezeichnet ist. Viele Menschen – und nicht nur junge Migranten – haben das Gefühl, ihr Leben ist darauf ausgerichtet, das Krankenkassen- und Rentensystem aufrecht zu erhalten (im positiven Fall), weil man sonst an den Rande der Gesellschaft abgedrängt wird (im negativen Fall).

Beim IS und auch vorher schon beim Rekrutieren, bekommen die Jugendlichen und besonders junge Männer das Gefühl, gewollt und wichtig zu sein, in einer Gemeinschaft die Welt verändern zu können, zu mehr Sinn, höheren Zielen. Wohlstandssicherung interessiert viele Jugendliche nicht. Und Jugendliche, die in verwahrlosten Vororten wohnen, sind so weit weg von jeder Möglichkeit von Wohlstand, dass sie nicht mal wissen, was sie da sichern sollten. Wohlstandsicherung ist die Identität eines bürgerlichen Zeitalters, einer Werteordnung, die langsam zu Ende geht. Sie stiftet keine Identität mehr. Familie, Haus, Auto, sicherer Job, all-inclusiv Urlaub, langsamer Wohlstandswachstum bis hin zur Rente mit Kindern, die dann denselben Weg beschritten haben. Das war erstrebenswert für vom Krieg erschütterte Menschen – so wie für all die Flüchtlinge, die jetzt kommen. Für viele, die das immer schon hatten, stellt sich das sichere Leben als bedeutungslos und armselig dar.

Wir alle leiden unter einer immer bedeutungsloseren Welt, in der es nicht mehr darum geht neue Kontinente und Lebensbereiche zu entdecken, sondern in der immer nur weiter gekürzt und zusammen gerückt werden muss. Im übertragen Sinn haben wir alle oft mal das Gefühl, um uns schießen zu wollen, alles wegzubomben, was uns einengt.
Wem das eine zu drastische Sichtweise ist, den kann man auf die Pegida-demos verweisen, die in ihrer ganzen Bürgerlichkeit gerne selbst mal mit dem Maschinengewehr zuschlagen wollten. Mordinstrumente sind nicht mehr nur auf Plakaten abgebildet. Die Kölner Bürgermeisterin und einige Journalisten wurden schon zu blutige Opfer. Man stelle sich vor, die Pegida könnte über echte Waffen verfügen… Auch sie würde die Säulen unserer westlichen Freiheit treffen. Eigentlich haben sie dieselben Ziele, wie der IS: Die westliche Freiheit und ihre Institutionen in der Politik, Medien, Andersdenkende.

Die Menschen werden niemals in der Ecke sitzen und sich still und genügsam füttern lassen. Sie suchen nach Sinn und Veränderung und Bedeutung. Wie wollen die digitalen Problemlöser und Politiker 10 Milliarden Menschen einen Sinn geben, Abenteuer und das Gefühl, etwas zu erreichen?

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Im Westen nichts Neues

Wir verteidigen unsere Freiheit, unsere Art zu leben, gemeinsam gegen die Islamisten. Aber was ist das: Unsere Freiheit? Für viele Menschen ist das nur noch ein abstrakter Begriff. Sie selbst haben oft das Gefühl, dass ihre Freiheit immer weiter eingeschränkt wird – und das nicht erst durch die erhöhten Sicherheitsvorkehrungen. Und unsere westliche Lebensweise war auch schon vor den Flüchtlingswellen von wachsenden Ängsten bestimmt, der Angst sozial und finanziell immer weiter abgehängt zu werden, der Angst um den Arbeitsplatz, der Angst das Leben vor lauter Druck und Arbeit zu verpassen. Die Freiheit scheint nur noch in Werbeclips statt zu finden, sie ist ein paar unwirklichen jungen Leuten vorbehalten, die auf Dachterrassen oder an Sandstränden schlank, attraktiv, sorglos herumtanzen. Ein Blick auf Pegidademonstranten lässt die Frage aufkommen: Wo oder was soll denn hier westliche Dekadenz sein?

In Amerika müssen die Mitarbeiter der ersten Krankenhäuser rund um die Uhr bereits Sender tragen, die ihren Aufenthaltsort jede Sekunde aufzeichnen, wie lang sie mit wem reden, wie oft sie auf die Toilette gehen, Hände waschen, Essen. Natürlich soll das nur zu „ihrem Besten“ geschehen. Auf die Leistungsschwachen, Unmotivierten will man dann „zugehen“, um „gemeinsam Lösungen“ zu finden. Und die Kommunikation und Abläufe sollen zugunsten aller verbessert werden.

Theoretisch ist die Totalüberwachung und Totaloptimierung in all unseren Lebensbereichen möglich. Und zunehmend wird sie umgesetzt werden. Und wie die netten Werbebilder soll diese ewige Datenanalyse uns zu fröhlichen freien Menschen machen. Es ist ein ganz ähnlicher Widerspruch wie der, dass wir für unsere Freiheit erst mal Einschränkungen und Überwachung hinnehmen müssen.

Doch was wird aus all denen, die an der unteren Hälfte der Auswertungstabellen hängen? Sie haben bisher das Tempo für alle verlangsamt. Wie lange dauert es wohl, bis die, die jetzt im Mittelfeld sind bald am unteren Rand kämpfen, weil die anderen längst aussortiert sind, das System sie nicht mehr braucht. Und das System ist ganz klar von einer globalen Werteordnung bestimmt, dem neoliberalen Denken von Kostensenkung, Leistungssteigerung und Gewinn. Immer mehr übernehmen die Maschinen und das Netz die niederen Tätigkeiten – zunehmend auch die komplexeren.

Vielleicht gehen die Pegida-Anhänger bald nicht mehr auf die Straße, weil sie so viel Angst vor Sozialschmarotzern haben. Vielleicht gehen sie in 10 Jahren auf die Straße, weil dann hochmotivierte, intelligente, gutausgebildete junge Syrer längst über ihnen stehen, in dieser Nahrungskette und sie wegrationalisieren.

Also: Welche Freiheit verteidigen wir? Die der Großkonzerne? Die der Hedgefonds und Banken? Die der Reichen, der Programmierer? Vielleicht verteidigen wir am Ende nur die Freiheit der Datenschöpfer, Abgastestfälscher, Großbetrüger, die kaum zje ur Verantwortung gezogen werden, denen nie die Freiheit „so weiter zu machen“ ernsthaft beschnitten wird?

So schlimm die Anschläge der Terroristen waren: Man möchte sie fragen, welche freien, sündigen Menschen sie treffen wollten? Arme Teufel, die nach harter Arbeit im Waschsalon ihre Wäsche waschen, da sie weder Platz noch Geld haben für eine eigene Maschine? Menschen die gerade in Paris mit den horrenden Mieten sich keine Wohnung mehr leisten können, Menschen, die in Fußballstadien mal 2 Stunden ihren Lebensfrust vergessen wollen? Sie treffen Menschen, die schon längst von ganz anderen existentiellen Ängsten heimgesucht werden. Das sind nicht die wirklichen Feinde, das sind nicht die, die das westliche Leben bestimmen. Dekadenz findet hier schon lange nicht mehr statt.

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Männer, Frauen, Attentäter

Ich hatte einen Text vorbereitet, für diesen Samstag. Doch er scheint irrelevant, ob der Ereignisse in Paris. Ich denke vor mich hin, den ganzen Tag schon und versuche mich in menschlichen lebensnahen Erklärungen, jenseits der typischen Floskeln, die schon wieder den ganzen Tag über die Sender laufen.

Immer wieder werde ich als Psychologin gefragt: Warum tun Menschen sowas? Woher kommt der Hass, die Verblendung? Wenn ich mit einem Wort darauf antworten sollte, ist es: Hoffnungslosigkeit. Wer das Gefühl hat, sein Leben nicht mehr verbessern zu können, wer keine Perspektive hat, ist frustriert, wird wütend und irgendwann wendet sich dieser Hass gegen die vermeintlich Schuldigen. Nur betrifft dieser Frust nicht nur das wirtschaftliche, den Lebensunterhalt. Es ist auch vom Islam, der islamischen Kultur hausgemacht. Es gibt in der arabischen Welt genauso viel frustrierte junge Männer, wie in Europa. Die korrupte Politik nimmt ihnen auch dort die Perspektive, deshalb kommen sie ja nach Europa. Doch es gibt noch einen ganz anderen, fast wichtigeren Anlass für ihren Frust.

Die Attentäter von Paris waren allem Anschein nach, wie schon im Januar bei dem Anschlag auf Charlie Hebdot, „islamische-arabischer“ Abstammung. Das ist ein patriarchaler Hintergrund, der besonders bei jungen Männern einen Widerspruch zwischen Stolz und Frustration fördert – im sexuellen Bereich, neben der Selbsterhaltung (durch Arbeit) eine der Grundsäulen unseres Menschseins. Sexuell frustriert, weil ohne sexuelle Kontakte, die glaubensbedingt vorehelich verboten sind, werden doch gleichzeitig die so ersehnten Frauen abgewertet, dem Männlichen unterstellt. Dieser Dauerfrust, die religiös-bedingte Aufwertung, bei gleichzeitig gesellschaftlicher Abwertung durch die Perspektivlosigkeit, die Selbsterhebung über Frauen, bei gleichzeitig unerfüllter sexueller Sehnsucht nach selbigen, ergibt maximale psychische Sprengkraft. Das wird oft nur am Rande erwähnt, als würden wir Menschen uns immer noch schämen, für diese zutiefst biologische bzw. sündige Triebkraft, die sich unserem Verstand so widersetzt, als wäre das zu banal als Erklärung für das Grauen.

Haben die Attentäter und Kämpfer des IS (deren Motivation wohl maßgeblich Sexsklavinnen sind, als verlogener Kompromiss zwischen religiösen Gebot und Trieb), also nun eine Eigenverantwortung für ihren kulturbedingten, religionsbedingten Hass, bei gleichzeitiger Perspektivlosigkeit? Die „Fremdbestimmung“ in ihrem Leben ist sicher weit größer, als die von Jugendlichen, die nur in westlicher Prägung aufwachsen. Letzteren stehen viel mehr Entfaltungsmöglichkeiten offen – in jeder Hinsicht. Doch wir Menschen sind – Religion und Kultur hin oder her – willensfrei. Wir können reflektieren, logisch denken, die Widersprüche selbständig auflösen.

Die sexuelle Frustration bei gleichzeitigem übermäßigem Stolz ist ein Prinzip des Islam – und nicht nur der Islamisten. Denn was jede islamische Kultur betrifft, egal wie orthodox oder liberal sie ist: Es gibt keine Gleichheit zwischen Frau und Mann. Oft wird die Ausrede des „Schutzes“ der Frauen ins Feld geführt. Sie betrifft den Kopftuchzwang, als auch die Dauerkontrolle durch männliche Angehörige. Doch die westliche Kultur baut auf den Rechtsstaat zum Schutz der Frauen. Und auch wenn männliche Übertritte gehen Frauen nicht aus der Welt sind, werden Frauen nicht auch noch durch ihre eigenen Angehörigen gemaßregelt (meistens).

Islamische Frauen hätten wohl noch viel mehr Grunde frustriert zu sein. Sie haben nicht nur keine Entwicklungsmöglichkeiten im „Gastland“ (die Vorbehalte gegen sie sind ähnlich groß, wie gegen arabische Einwanderer-Männer). Sie werden auch noch von den eigenen Leuten sexuell gemaßregelt – über die Eheschließung hinaus – und sie werden durch ihre eigene Kultur als minderwertig oder zumindest nicht gleichwertig gebrandmarkt. Warum werden die meisten Attentate dann aber von Männern ausgeführt? Sind Frauen zu solchem Hass aus Frust nicht fähig? Oder ist ihr Stolz durch all die Abwertung schon gebrochen? Oder fehlt ihnen schlichtweg das Testosteron, das beides verstärkt?

Es ist auffällig, dass diese Probleme durch die „islamische Zuwanderung“ in all ihren Facetten so dominant männlich sind. Wir Frauen sind die ständigen „Opfer“: Wir werden angeblich von Flüchtlingen vergewaltigt, wir sind die Minderheit bei Pegida (zumindest bei den Protagonisten, aber auch bei den Mitläufern) und werden als Dresdnerinnen doch alle in den Verdacht des rechten Lagers gesteckt. Wir stellen weit weniger Terroristen und gleich viele Opfer. Es gibt weit weniger weibliche Flüchtlinge. Und wahrscheinlich hätten die Einwanderungsländer weniger Ängste und Probleme mit Flüchtlingen, wenn doppelt so viele Frauen wie Männer kämen.

Ist das, was in Europa gerade passiert, vielleicht ein „Männer-Problem“ – über die Gegner und Religionen hinweg?

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Das perfekte Leben

Folgenden Text habe ich diese Woche in einem Werbeprospekt gefunden:

„Dies ist für Euch, Ihr Freidenker in Sachen (XY), für Euch, die Ihr mit Leib und Seele selbst über Euer Leben bestimmt. Für Euch, die Ihr Eure Kreativität pflegt und kopfüber in alle Möglichkeiten eintaucht. Für Euch, die Ihr Eure Vorstellungen befreit, die Ihr etwas tut und schafft und baut. Ihr, die Ihr aus allem, was Ihr seid etwas schafft. Für Euch, die Unerschrockenen, die Einzigartigen, die Inspirierten. Das hier ist für Euch, denn no one lives like you.“

Ich halte diesen Text für die Essenz unser heutigen Kultur, eines digitalen neoliberalen Zeitalters: Er spiegelt die große Krise des aktuellen Menschen, dem ständig erzählt wird, wie einzigartig und authentisch er sein soll, wie offen ihm die globale Welt steht, wie sehr wir alle eine große glückliche Gemeinde freier Konsumenten wären. Für das XY kann man jedes beliebige Produkt einsetzen, von alkoholfreiem Bier bis hin zu Billigmöbeln, Pizzaburgern, Smartphones oder einem neuen Klein-SUV aus Fernost. Letztendlich verkauft gerade fast jede Werbung ihr Ware mit genau diesem Slogan: Sei Du selbst und das bedeutet total einzigartig mithilfe unserer Massenprodukte.

An diesem Zwiespalt krankt unsere Welt: Ständig wird man aufgerufen, ICH zu sein und bekommt dabei in den immer gleichen Bildern gezeigt, wie so ein tolles ICH aussieht: Kreativ-frei, etwas verrückt und verträumt und – ach ja – unangepasst, ohne auf den Preis achten zu müssen. Also sowas von einzigartig gleich gefangen im hippen Konsum. So ein bisschen Multikulti, jung oder junggeblieben, partymachendlachendmitGetränkinderHandundlauterFreunden… Das ist das tolle global-digitale Leben und Silicon Valley findet für all unsere Probleme eine Lösung und dann leben wir alle fröhlich wie auf dem Google Campus, weil wir alle genau die Produkte jederzeit bekommen, die man uns für das tollte Leben vorgibt.

Es wirkt oft so als wären die Flüchtlingswelle und die zunehmende Angst der Leute vor dem eigenen (weiteren) Absturz lästige Hindernisse auf dem Weg zur perfekten Welt, mit lauter perfekt-unangepasst-kreativen ICHs. Nur leider ist es gerade umgekehrt: Die Menschen ziehen sich immer mehr auf ihre Selfies zurück, auf Fotos von ihrem Mittagessen und den immer gleichen Urlaubszenen (am Meer, auf der Skipiste), weil sie sich damit selbst vormachen und ihren Freunden demonstrieren wollen, dass sie noch Teil sind, von dieser tollen Werbewelt, von dem, wie man heute sein sollte, um sein Leben als gelungen zu definieren.

Gerade ist zu beobachten, wie das sommerartige Wetter im November!, das nach diesem extremen Sommer erste Trinkwasserknappheit in einigen Städten verursacht und uns Dauerkonsumenten eigentlich wirklich als Warnung dienen sollte, in eine fröhliche Selfie-Welt in Biergärten und Balkon-Cappuccinos verwandelt wird. Wir leben nach dem Motto: Egal, was die Realität gerade abspielt, solange wir noch tolle Fotos von uns und unserem Leben posten können, ist alles in Ordnung; solange wir uns noch in eine Werbewelt hinein retuschieren können, ist unser Leben gut.

Das traurige daran: Es gibt keine wirkliche Antwort auf die Probleme. Was soll aus all den Möbel-, Bier-, Pizza-, Auto- und Smartphone Verkäufern und den damit verbundenen Dienstleistern und Produzenten werden, wenn wir das alles nicht ständig neu kaufen würden? Wer sollte Ihre Krankenkassen und Mieten zahlen, in einer Welt, wo all das ohnehin immer teurer wird?

Ich habe neulich im Spiegel ein Foto gesehen, aufgenommen von einer Pegida-Bühne in Dresden, hinein in die Masse der Zuhörer, ein Gesichter-Massen-Foto von den Menschen, die auf ihre Ängste einfache Antworten wollen, klare Schuldige. Das Foto war das genaue Gegenteil zum eingangs zitierten Werbetext. Graue, verbitterte Gesichter, kaum eines unter 40 Jahren alt: Freidenker in Sachen Flüchtlinge, die mit Leib und Seele Angst haben. Fern von jeder Kreativität und ohne Möglichkeiten, tauchen sie ein in die Wut und den Hass, suchen Schuldige für ihr eigenes Versagen in dieser MulitkuliSelfiePartyWelt. Sie finden in der Vorstellungen „die sind schuld“ (Ausländer, Islam, Politiker, Medien) Befreiung, schaffen und bauen Vorurteile zur eigen Orientierung. Sie schaffen aus allem, was sie nicht sind, einen eindeutigen Feind. Erschrocken, in der Masse, scheint (wieder Mal) ihre einzige Antwort: Rassenhass. Das hier ist für Euch, denn no one lives like you.

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Die kindliche Weltsicht des Larry Page

Der Google-Gründer Larry Page gibt selten Interviews. Und seit seinem letzten Interview im Spiegel letzte Woche, weiß ich jetzt auch warum: Seine Weltsicht ist (wenn man es freundlich sagen will) infantil. Doch da er einen der größten Konzerne der Welt leitet, der all unsere Daten zur Verfügung hat und als „die“ Hoffnung der Zukunft gilt, sind seine Aussagen wirklich bedenklich – um nicht zu sagen erschreckend.

Page behauptet, „über die grundlegenden Problemfelder der Menschheit“ nachzudenken, er will „bewusst Großes vollbringen“. Dabei sind sein Verständnis von der Welt und sein Menschenbild vollkommen naiv, ja weltfremd. Das selbstfahrende Auto, das vor Verkehrsunfällen schützt, ist die magere Ausbeute der Ideen, die er ins Feld führt. Nur, was hat das mit den Problemen der Menschheit zu tun? Wir haben zwar 3000 Verkehrstote im Jahr in Deutschland, doch allein 10 000 Selbstmorde – meist als Resultat des Gefühls des Versagens und der Einsamkeit, zunehmender Entfremdung durch Jobverlust und wachsende Ängste: aufgrund der Digitalisierung. Und das ist nur ein kleines Beispiel von den unendlich vielen Problemen der Menschheit, dass aber auch gerade auf die Erfindungen eines Larry Page zurück zu führen ist.

Vom Spiegel wird er darauf angesprochen, wie er all den Jobverlusten durch die Digitalisierung begegnen will. Mit vagen Utopien, ohne Sinn und Zusammenhang, weicht er anfangs aus, erzählt etwas vom Pessimismus und unbegründeten Misstrauen gegenüber neuen Technologien, (besonders in Europa), von Filmen, in denen George Clooney mitspielt, Kitesurfen und „Weltausstellungen von früher“ und der damaligen Begeisterung der Menschen für den Fortschritt – ohne irgendein brauchbares Gegenargument zu liefern.

Und dann besitzt er noch die Dreistigkeit (oder eigentlich muss man es Dummheit nennen), Jobverlusten mit „mehr Urlaub“ begegnen zu wollen. Was habe man davon, „fünf Tage die Woche von neun bis fünf bei irgendeinem Konzern zu arbeiten, in einem stabilen Job, den man aber öder finde…“ –?! – Und Geld ist ja auch nicht alles, laut Larry Page: „Solange man genug Geld verdient, um seine Familie zu ernähren, ist das Einkommen nicht mehr der ausschlaggebende Faktor, sondern der Job muss einen Sinn machen“. Und überhaupt: Durch die gesteigerte Produktivität durch Digitalisierung könnten alleinerziehende Mütter dann auch mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen… Immerhin ist der Jobverlust „ein Thema, über das ich viel lese“, sagt Larry. Und er rechne mit „großen Umbrüchen“. Das ist alles, was er, der angebliche Retter der Welt, dem Spiegel dazu zu sagen hat. Das ist die Google-Welt des Mr. Page. Erschreckend.

Nur ein paar Sätze später verweist er selbst dann auf den globalen Wettbewerb, für den man nicht zu langsam sein darf. Dieser globale Wettbewerb hat – wie wirklich mittlerweile jeder weis – mit Sicherheit überhaupt kein Interesse an mehr Urlaubstagen für seine Angestellten, denn er versucht seit Jahren eine Leistungssteigerung, indem er Stellen kürzt und seine übriggebliebenen Mitarbeiter immer weiter Arbeitszeit abtrotzt, mit Dauererreichbarkeit und Homeoffice – erreichbar durch mehr Digitalisierung. Und Menschen, die aus diesem neokapitalistischen System heraus fallen, weg-digitalisiert werden, haben dann in der Tat viel Zeit, nur leider auch kein Geld und keinen Job mehr.

Und so geht das unsägliche Interview weiter: Datenschutz verhindere nur Möglichkeiten, sagt Larry, z.B. die, sein Erbgut auf Ungewöhnlichkeiten untersuchen zu lassen und diese ungehindert mitgeteilt zu bekommen. Keine Idee von einer psychischen Belastung scheint den ach so klugen Kopf des Google-Gründers zu streifen. Tiefen Verunsicherung, die es beutet, erbkrank zu sein oder das Gefühl der „Aussätzigkeit“, sind ihm als Weltfremden völlig fremd. Stattdessen jammert Larry Page übe das Misstrauen gegenüber dem Fortschritt, von dem er behauptet: „Schnelleres Wachstum und größerer Fortschritt ist gut für Konsumenten.“ Darunter versteht er „gesteigerte Lebensqualität“ und eine „verbesserte Welt“.

Das verlorene Vertrauen in die „Institutionen“ macht er für den Pessimismus verantwortlich: „Die Menschen glauben nicht, dass Unternehmen in ihrem Sinn handeln.“ Na sowas. Mal abgesehen davon, dass die Institutionen nicht Unternehmen sind, sondern diese regulieren, wird an so einem Satz überdeutlich, warum wir unbedingt mehr Kontrolle mithilfe der Institutionen ausüben sollten, über die Unternehmen wie Google.

Es sind nicht nur „physikalische Grundsatzfragen“, die Larry Page nicht versteht (wie er selbst zugibt). Man kann nur hoffen, dass Google einfach bleibt was es ist: Eine Suchmaschine, die mit Werbung Geld verdient. Ich glaube die Zukunftsprognose, dass Google genau das bleibt, ist jedenfalls weit wahrscheinlicher, als dass Google irgendein Problem der Menschheit lösen. Am wahrscheinlichsten ist wohl leider, dass wegen dieser völligen Unreflektiertheit von Zusammenhängen – der neoliberalen Weltsicht mit der fortschreitenden Zerstörung unserer menschlichen Lebenswelt (sozial und ökologisch) – die Optimisten aus Silicon Valley die größten Probleme der Menschheit erst schaffen werden.

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Transit

Die anerkannteste deutsche Integrationsforscherin Faroutan hat letzte Woche erklärt, dass die neue Selbstdefinition Deutschlands gerade gestaltet wird – mehr narrativ, erzählerisch als politisch. Und genau das irritiert die Politiker, die sich gerne nach der Meinung der Bürger richten mit ihren Parolen, um die Wählerschaft nicht weiter zu verschrecken. Doch ihre Widersprüche spiegeln die Widersprüche, die viele Menschen haben, weil sie eben widersprüchlich Gefühle gegenüber diesen neuen Veränderungen in der Welt haben, die diesmal direkt vor ihrer Haustür passieren. Sie reden also alle darüber, aber es lässt sich keine feste einheitliche Meinung bilden, wie sie sonst so schnell parat steht, um sich dann selbst links oder rechts davon einzuordnen. Die meisten Menschen sind eben NICHT Pegida-Anhänger (mit den schnellen grausamen Klischee-Weltbildern, die dumme Menschen immer schnell parat haben, weil sie völlig überfordert sind, es nicht aushalten Widersprüche auch mal zu ertragen, etwas neues draus zu gewinnen). Und so haben sie einerseits Angst und andererseits hegen sie empathische Gefühle für die Flüchtlinge. Einerseits wollen sie ihren Wohlstand nicht gefährden, andererseits stimmt es gerade junge Leute froh, dass etwas passiert, was aus der Starre und dem Egoismus heraus führt, uns zwingt uns jenseits von Sicherheit und Konsum Gedanken zu machen. Einerseits begrüßen viele die hochmotivierten zukünftigen Arbeitskräfte, andererseits empfinden viele eine Angst vor dem Islam, der sich mit Gleichberechtigung, Gewaltverzicht und dem uneingeschränkten und öffentlichen Bekenntnis zu demokratischen Werten als absolute Grundlage ihrer Religion oft schwer tut.

Faroutan schlägt als Stichwörter für eine zukünftige gemeinschaftliche deutsche Kultur die Parole vor: „Pluralität, Solidarität und Gleichwertigkeit.“ Und gerade den Aspekt der Gleichwertigkeit finde ich daran besonders interessant. Er ist für mich als Philosophin und Psychologin die Grundlage für unsere globale Zukunft. Doch wir brauchen eine neue Werteordnung für diese Gleichwertigkeit, die unabhängig ist von der nationalen Zugehörigkeit. Denn werten werden wir immer, die Aufteilung in gute und schlechtere Menschen ist eine psychologische Grundlage des Menschen, die Basis seiner Orientierung.

Ich habe letzte Woche schon darüber geschrieben, wie scheinheilig bzw. unreif wir aus Angst und Unsicherheit Menschen nach ihrer Herkunft bewerten, weil das bisher unserer Ordnung entsprach, die aber in der zunehmenden Globalisierung immer fadenscheiniger wird. So zieht niemand 2 Millionen deutsche Alkoholiker zur Verantwortung, die ihre Kinder körperlich und psychisch misshandeln, ihre Leben schwer schädigen und auch sonst unserem Krankheitssystem und Arbeitssystem soziale Schäden in einem riesigen Ausmaß zufügen. Wenn ein „Ausländer“ sich so verhalten würde, würden wir ihn sofort zur Verantwortung ziehen und allzugerne „nach Hause“ schicken. Wenn ein Ausländer die Bürgermeisterin Kölns abstechen würde, …

Vor welchem Hintergrund geschieht diese seltsame Ungleich-Wertung? Sie geschieht argumentativ und rechtlich auf der Basis, hier oder dort geboren zu sein. Und obwohl jeder weiß, dass wir nichts dafür können, wo wir geboren werden, machen wir Menschen dafür verantwortlich, als wäre es ihr eigenes Verschulden. „Sollen sie doch zurück gehen, woher sie gekommen sind, wenn sie sich nicht benehmen können“, ist wohl einer der Grundgedanken der Recht-fertigung für Ausweisung aus unserem Wohlstand, nicht nur der Pegida-Demonstranten. Doch was passiert mit all den Pegida-Demonstranten, die sich schlecht benehmen, Politiker mit dem Tod bedrohen, Hetzparolen schüren? Jedenfalls ruft niemand danach, sie auszuweisen. Doch ihr Verhalten hat blutige Konsequenzen, wie man in Köln sehen konnte.

Wenn ich diese seltsam stumpfen, dickbäuchigen, voll-tätowierten, schlechtgekleideten, biertrinkenden Hansel auf einer Pegida-Demonstration im Fernsehen sehe, die lauter hohlen Schwachsinn schreien und ihr Selbstwertgefühl mit Fahne-Schwenken aufputschen müssen, weil sie eigentlich zumeist ziemlich kleine Lichter sind in unserer Werteordnung, kann ich mir das psychologisch erklären – und empfinde doch auch gleichzeitig Ekel, Verzweiflung über die narzisstische Natur des Menschen, seine Ängstlichkeit, die so oft aus Dummheit und schlechter Erziehung entsteht.

Wenn ich lese, dass Asylbewerber im eigenen Lager Homosexuelle schickanieren, ethnische Vorbehalte mit Gewalt austragen, möchte ich irgendein politisches Mittel besitzen, sie so zu bestrafen, dass sie das nie wieder tun, dass sie lernen, das man das nicht tut, wenn man in einer Demokratie mit Wohlstand leben möchte. Ich würde sie gerne zusammen mit den dummen Pegida-Demonstranten in ein Erziehungsheim schicken, wo man ihnen das Denken der Gleichwertigkeit und genug Selbstreife beibringt. Erst dann sollen sie wieder das Recht bekommen, in unserem Land sich selbst frei zu entfalten.

Je älter ich werde, je mehr ich gereist bin und nachgedacht habe, umso mehr komme ich zu dem Schluss, dass man den Wert eines Menschen – egal welcher Kultur und Religion – am Maß der Selbstreife messen kann. Doch leider gibt es keine rechtliche Handhabe, um Menschen dazu zu zwingen ihr infantiles Handeln in ein erwachsenes, reifes umzuerziehen. Aber immerhin ist es für mich die Basis der Gleichwertigkeit, die ich gut und logisch begründen kann: Der Maßstab der psychischen Reife. Sie macht für mich den Wert eines Menschen aus. Ich habe Menschen, die auf diesem Gebiet hohe Anerkennung von mir bekommen, überall getroffen auf der Welt – und ich habe sehr viele Menschen, über die ich nur den Kopf schütteln kann oder die mich sogar wütend machen, in meiner unmittelbaren Nachbarschaft, mit deutschem Geburtsrechten versehen und deutschen Pässen, deutscher Schulbildung, deutschem Wohlstand. Und manchmal würde ich sie gerne in eine Transitzone stecken, weit weg von mir, oder zumindest an der bayrischen Grenze, wo sie sich dann ihre Freiheit und Selbstentfaltung erst wieder verdienen müssen mit Selbsterkenntnissen und Empathiefähigkeit. Aber genau dieser Wunsch bringt mich natürlich gefährlich nahe selbst ans Lager der Intoleranten heran. Immerhin weiß ich darum.

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Man stelle sich vor…

Man stelle sich vor: Wir haben 1,77 Millionen Menschen in unsrem Land, die auf Kosten der Gemeinschaft ihren eigenen Schwächen frönen. Sie üben körperliche Gewalt aus gegenüber anderen, vorzugsweise Schwächeren, ruinieren ihre Gesundheit, für die jedes Krankenkassenmitglied dann bezahlen muss, arbeiten schlampig, bringen durch ihr Verhalten im Jahr 10 000 schwerbehinderte Babys auf die Welt und traumatisieren durch ihr Benehmen noch weit mehr Kinder. Und all das wird von uns toleriert, ja mit Verständnis gefördert. Und weitere 8 Millionen Menschen in Deutschland verhalten sich ab und zu ähnlich.

Diese riesige Menschengruppe mitten unter uns, von der ich hier rede, sind weder Ausländer aus fremden Kulturen, mit absonderlichen Gebräuchen, es sind keine Mitglieder einer besonderen Sekte oder Krieger des Islamischen Staats. Es sind Alkoholiker und Menschen, die kurz davor stehen, welche zu werden. Von 80 Millionen Deutschen betrifft das 10 Millionen, also jeden achten Menschen. Auch wenn die Menschheit (und sogar viele Tiere) von je her Alkohol genießen, weil man sich dann toll fühlt, mutig, selbstbewusst, stark, wird ein moralisch gutes Leben, als Grundlage für unsere Existenzberechtigung in einem freien, demokratischen Staat, bei zu viel Alkohol immer schwieriger. Wir brechen den Staatsvertrag der demokratischen Gemeinschaft, auch wenn wir noch so tolle Leistungsträger sind. Denn wir geben zunehmend unsere Eigenverantwortung an ein Rauschmittel ab, werden oder sind schon halb oder ganz süchtig. Während ein halbes Glas Wein am Tag die Gesundheit sogar fördert, ist jeder Tropfen mehr schnell körperlich und sozial zerstörerisch.

Passend zum Ende des Oktoberfestes werden die aktuellen Zahlen zum Thema Alkohol veröffentlicht. Denn gerade Alkohol ist die gefährlichste Droge der Menschheit. Zum einen weil sie toxisch auf die Zellen wirkt, diese also mit ihren giftigen Molekülen zerstört. Zum anderen weil Alkohol so akzeptiert ist in der Gesellschaft, ja geradezu gefördert wird, durch das Image der Lebensqualität, des Gemeinsinns oder der Coolness. Während das Oktoberfest schon mal als die größte offene Drogenszene der Welt beschrieben wird, ist der Alltag, ohne besonderen Trinkanlass, eigentlich noch viel schlimmer.

Wir schreiben den Menschen Eigenverantwortung zu. Der Mensch hat nur ein gutes Leben verdient, wenn er sich im Griff hat, anstrengt, fleißig sein Bestes gibt. Gerade verlangen wir genau das von all den Zuwanderern. Es wird zur Grundlage für ihr Aufenthaltsrecht, ihre Motivation und ihr Benehmen ist der Schlüssel für ihre Integration, unsere Akzeptanz für ihr Hiersein. Doch selbst saufen wir uns millionenfach die Hucke zu. Sicher kann man im großen Leistungsdruck unserer Erfolgsgesellschaft dafür ein Grund sehen. Genauso ist Alkohol aber auch ein Grund für Versagen bzw. die Reaktion darauf.

Und die Angst zu versagen, dem großen Druck nicht mehr standzuhalten und dann durch die immer größeren Maschen des sozialen Netzes zu fallen, lässt uns wohl gleicher Maßen zum Alkohol greifen, wie es zur Ablehnung von Fremden führt. Das ist keine Anklage, sondern eine Beschreibung des Menschen bzw. vieler Menschen. Wir sollten also Mechanismen schaffen, Werte, Gesellschaftssysteme, in denen die Möglichkeiten für gesunde Eigenverantwortung wieder gefördert und die Angst zurück gedrängt wird. Das wäre gut für unsere Gesundheit und gegen unsinnige Vorbehalte gegenüber Fremden. Dazu muss sich jeder fragen, wie er in das Gefühl der Angst und des großen Drucks geraten ist, mit dem wir uns durch Schnaps und einfachen Parolen Erleichterung zu verschaffen suchen. Und wie ließe sich mehr Selbstwirksamkeit im eigenen Leben verschaffen, weg von zu hoch gesteckten Erwartungen, zu großen Ausgaben und anderen falschen Träumen und Selbstlügen. Wie ist es möglich in einer guten Gemeinschaft aufgehoben und anerkannt zu sein – ohne Alkohol und Angst vor sonstigen Abstürzen? Nur so können wir den Maßstab, den wir zu recht an neue Mitglieder unserer Gesellschaft anlegen, anlegen müssen, selbst gerecht werden. Denn die Bedrohung für unsere Lebensweise kommt weit weniger von außen. Sie ist durch den wachsenden Leistungsdruck lang schon mitten unter uns.

Der Attentäter von Köln ist jemand, der durch übermäßigen Alkoholkonsum aufgefallen ist.

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Luxus Menschenrechte

Angela Merkel hat diese Woche gesagt, der Zustrom der Flüchtlinge ist nicht aufzuhalten. Doch noch mehr als mit der Unsinnigkeit eines 3000 km langen Zauns, ist diese Aussage mit den Menschenrechten zu begründen. Sie sind die Basis für unser Zusammenleben, für unsere Gesellschaft und Kultur. Sie sind auch die Basis für unseren Wohlstand. Und diese Menschenrechte verpflichten uns nunmal Kriegsflüchtlingen zu helfen. Schon die Abschiebung von Elendsflüchtlingen ist dabei schwierig zu argumentieren.

Leider vergessen die Politiker viel zu oft, dass die Menschenrechte nicht nur für ihre eigenen Länder gelten, sondern für alle Menschen. Und so werden die Machenschaften großer Firmen demokratischer Staaten in fremden Ländern nicht bestraft. Während man sich zu Hause noch halbwegs an die Menschenrechte hält, werden fremde Länder und Menschen zu bloßen „Viehzeug“, Material oder Konsumenten herabgestuft, mit denen man machen kann, was der Gewinn so hergibt.

Die jetzt zerfallende arabische Welt war für den Westen nie mehr als ein Öllieferant. Diktatoren, die die Energiezufuhr für unser Wohlstandleben garantierten, wurden unterstützt, egal was sie ihren Untertanen antaten, egal ob sie ihre Länder verelenden ließen. Das gleiche gilt für die meisten afrikanischen Staaten. Da die Regierungen dieser Staaten, die Menschenrechte nicht einhalten, war die Ausbeutung einfacher, kein selbstbewusster Wohlstandbürger widerspricht.

Doch das Elend nimmt zu. Und nun ist es an einem Punkt angelangt, dass es zurückschlägt, den Westen überrollt. Jeder der sich über die Flüchtlingswelle beschwert, muss wissen, dass der eigene Wohlstand, die großen Gewinne der eigenen heimischen Firmen, genau auf dem Rücken dieser armen Menschen entstanden ist, in deren Herkunftsländern unsere Firmen mithilfe korrupter Regierungen die Menschenrechte mit Füßen treten.

Es gibt gerade eine weitere Stufe und noch viel schlimmere Entwicklung in diese Richtung. War bisher die Ausbeutung von Rohstoffen im Interesse der Märkte, sind es mittlerweile Nahrungsmittel. Seit der letzten Finanzkriese von 2008 hat das viele billige Geld die Landwirtschaft erreicht. In den armen Ländern werden tausende Kleinbauern enteignet, vertrieben, Urwälder werden abgeholzt. Das Land wird den Konzernen zum Anbau vor allem von Palmöl zur Verfügung gestellt. 40% Gewinn ist dort noch zu machen. Selbst die kommunistische Insel Kuba wird gerade von den Großinvestoren der Landwirtschaft überrannt, die von der ersten politischen Öffnung sofort kapitalistisch profitieren wollen.

Der Film „Landraub“, der diese Woche in den Kinos anläuft, erzählt von zukünftigen Flüchtlingswellen der Verelendeten, der Enteigneten, gegen die die heutigen wie eine kleine Wanderung anmuten. Es ist völlig klar: Wenn man nichts gegen das Elend in den korrupten Ländern tut, sie weiterhin der Gier der Kapitalmärkte und Diktatoren überlässt, werden wir immer mehr überrollt von den Elenden dieser Welt. Unser Wohlstand ist durch ihre Ausbeutung entstanden – und das rächt sich jetzt und bedroht unseren Lebensstandard.

Entweder müssen wir zukünftig noch weiter unterscheiden zwischen uns, den Menschen, die verdient haben, im Reichtum zu leben und denen anderen, die wir zurück schicken, bzw. gar nicht mehr rein lassen. Doch auf der Grundlage der Menschenrechte lässt sich das jetzt schon schwer begründen. Oder wir müssen etwas tun gegen den Großkapitalismus, gegen die Gier der Geldmärkte. Das Elend nimmt zu, je weiter wir auf Wirtschaftswachstum setzen, je weiter wir uns verschulden, um unseren Lebensstandard zu halten, mit dem Geld von Banken, die die Armut in dieser Welt immer weiter voran treibt.

Das eigentliche Problem ist nicht Syrien oder Afrika. Das Problem ist der ungebremste Kapitalismus, ob er nun Öl braucht oder Palmöl produziert. Er schafft immer größere Probleme, die unsre Umwelt und unsere Sozialsysteme vielfältig zerstören. Immer mehr Kinder werden geboren, um die Familien sozial abzusichern, immer mehr Nahrung wird gebraucht, immer mehr Umwelt wird zerstört, immer mehr Arme machen sich wegen der Perspektivlosigkeit auf den Weg in den Norden. Dieses System nützt 1% der Menschen, die so reich werden, dass es für sie kein Maß mehr gibt. Sie besitzen so viel wie der Rest der Menschheit zusammen. Warum lassen wir uns das gefallen? Wann kommt jemand, der sich nicht mehr kaufen lässt in der Politik, dem die Welt und ihre Menschen wichtiger sind? Wie groß muss die Bedrohung vor unserer Haustür werden? Immerhin ist sie jetzt endlich vor unserer Haustür zu sehen. Aber ist das gut? Was sicher ist: Nur das Elend vor der Tür kann die Wende bringen. Dazu muss man aber den wahren Feind kennen. Das einzige, was sicher ist: Nationalistisches Gebrüll ist der falsche Weg. Mit nationalistischen Hochgefühlen werden dumme ängstliche Bürger abgespeist, damit die Mächtigen und Reichen weiter ihre Vorteile vertreten können. Sollen sich doch „die da unten“ gegenseitig die Hütten abbrennen und Köpfe einschlagen. Das lenkt willkommen ab von denen, die ihren Gewinn genau daraus ziehen.

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