Der “Gefälltmirnicht” Button

Es ist also amtlich: Eines der wertvollsten Unternehmen der Welt ist ein soziales Netzwerk. Jetzt kann man natürlich sagen: Es ist nur wertvoll, weil so viele hoffen dort direkt maßgeschneidert auf die Käufer ihrer Produkte zu treffen. Aber die spannendere Frage ist ja: Warum melden sich so viele an, die sich ausspionieren lassen. Was ist für die menschliche Psyche so reizvoll an Facebook?

1.)    Der Mensch ist – wie schon so oft hier erwähnt – ein Gruppenwesen. Alles, was ihn also mit anderen verbunden fühlen lässt, bekommt einen emotionalen „Gefälltmir“ Button. Das kann in der realen Welt gemeinsames Biertrinken oder Fußballgucken sein oder in der virtuellen eben alle anderen Themen mit Gleichinteressierten. Es fühlt sich gut an mit anderen verbunden zu sein, weil es unser Überleben sichert. 358 Freunde sind doch der gefühlte Beweis: Ich hab eine Gruppe um mich, Leute, die mich kennen und meine Freundschaft bestätigt haben.

2.)    Der Mensch hätte gerne ein hohes Ansehen in seiner Gruppe, umso mehr Bestätigung und Aufmerksamkeit bekommt er von den anderen Gruppenmitgliedern, umso mehr kann er die Gruppe für seine Bedürfnisse einspannen. Ich erzähle also allen anderen Gruppenmitgliedern, wer ich bin, was ich schon alles erlebt und geleistet habe und was ich so mag. Und durch Facebook bekomme ich das Gefühl: Alle wissen das jetzt, interessieren sich dafür, registrieren mich als Original. Wenn alle meine 358 Freunde real vor mir in einem Saal sitzen würden und ich ihnen einen Vortrag hielte über meine Geschichte und meine Vorlieben, würde es mich wohl deprimieren, dass recht viele nach kurzer Zeit den Raum verlassen, telefonieren oder essen oder mit dem Nachbarn schwatzen. Aber da ich die Freunde eben nicht sehe, habe ich das Gefühl jeden dummen Witz, den ich reiße, jedes ausgefallene Haar, jede Nudel, die ich esse, interessiert die anderen. Ich kann glauben alle 358 Freunde sitzen da und warten nur auf meinen nächsten Zahnarztbesuch und lesen meine Lebenschronik von der Grundschule bis zur geplanten Grabbepflanzung mit Spannung. So gaukele ich und Facebook mir vor: Ich bin wichtig, ich bin originell und original, bemerkenswert, interessant.

3.)    Durch Facebook wird es sicher leichter jemanden zu finden und unverbindlich anzuschreiben. Doch die meisten in der Realität spannenden Menschen, Leute die viele gerne mal kennen lernen würde, benutzen Facebook dagegen nur als kostenlose PR Maschine. Sie antworten nicht auf irgendwelches Angestubse oder „ich finde Dich so toll“ Geschleime. Doch für die anderen bleibt das Gefühl mit diesen Menschen trotzdem in persönlichen Kontakt getreten zu sein, von ihnen persönliche (PR-) Nachrichten zu erhalten, über das nächste Konzert, das nächste Projekt extra informiert zu werden und nix zu verpassen. (Twitter funktioniert hier genauso).

 Der gemeine Facebooknutzer bekommt also einen Selbstwertpusch, weil Facebook sehr umfangreich unser Bedürfnis nach einem guten Platz in der Gruppe bedient. (Lassen wir mal die Abwertung anderer hier außen vor, die aber auch nur das eigene Selbstwertgefühl und Machgefühl bestärkt.)

Die schnelle und unkomplizierte Kommunikation ist ja nur von Wert, wenn man sich fragt: Wozu? Mit wem kommuniziere ich denn über was? Ist es ein kurzes Bla Bla, ein „ich bin da, du bist da“, was ist grad los, verpasse ich was (und dieses `was´ wäre dann auch noch zu definieren). Ist es eine Dauerverbundensein auf niedrigstem Empathie-Niveau. Oder ist es ein echter Austausch über Dinge, Emotionen, die mich bewegen und wo ich von anderer Seite wirklich Zuwendung und Hilfe bekomme. Wie viel wirklich lustige Dinge begegnen mir in dem Schwall, wie viel Fotos, Videos berühren mich wirklich mit ihrem Inhalt? Wie viel Zeit geht mir verloren? Warum lass ich mich gerne ablenken mit lauter lauwarmen Dauergedudel?

Ich war erstaunt zu hören, dass in den Ländern, die schon lange Facebook haben, die Neuanmeldungen stagnieren, bei 50%. Also die Hälfte der Menschen wird sich wohl nicht mehr beteiligen, (vielleicht gibt es noch ein paar Verschiebungen durch den demographischen Wandel).

An dieser Stelle muss ich zugeben: Ich verstehe Facebook nicht. Es funktioniert nicht bei mir als jemandem, dessen Lebensinhalt es ist, die tiefen Zusammenhänge in der Welt zu erkennen. Ich benutze es ausschließlich, um meinen Blog und sein aktuelles Thema zu promoten und mich von Leuten finden zu lassen, mit denen ich dann sofort auf Mail wechsle, wenn ich wirklich in Kontakt mit ihnen treten will. Aber es ist natürlich auch schön und puscht mein Selbstwertgefühl, dass mich viele Leute kontaktieren, die mich gar nicht kennen und gerne meine PR-Nachrichten bekommen wollen. Nur ich selbst bin in der Woche maximal 10 min auf der Facebook Seite.

Und dann kommt noch dazu, dass ich mittlerweile mehrere Freunde haben, die mitten im realen Gespräch auf ihre Smartphone schauen, um nix zu verpassen auf Facebook. Es gibt nichts, was mich schneller dazu bringt mich mit diesen Menschen einfach nicht mehr ernsthaft auseinander zu setzen oder sie zu treffen. Sie bekommen meinen persönlichen „Gefällt mir nicht“ Button und werden in meinem Freundeskreis stillgelegt, solange sie das Verhalten nicht ändern.
Es sind übrigens exakt dieselben Leute, die mit engen, dauerhaften Beziehungen Schwierigkeiten haben.


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Reife Früchte schmecken besser

Ein junger (25) sehr engagierter und intelligent formulierender Leser meines Blogs schrieb mir die Bitte, doch noch mal ausgiebiger auf die aktuelle Männer/Frauenproblematik einzugehen. Warum sollen sich Männer für ihre Triebe entschuldigen? Entstand die Emanzipation in den 70ern nicht aus Hass auf die Männer? Frauen sind doch immer schon die treibende, wenn auch leisere Kraft hinter den Männern… 

Kurzantworten:
Nein.
Ja.
Und das soll uns reichen?! 

Ausführliche Antwort:
Es gab in der Wochenendausgabe der FAZ einen Artikel über Karrierefrauen, die jenseits der Kinderfrage um die 50 plötzlich aussteigen: Sie fühlen sich einsam in den Chefetagen unter lauter Männern, sie müssen immer noch mehr leisten, um dort zwischen den Maschen der Männerseilschaften hindurch hinzugelangen und weiter zu kommen, sie stellen sich die Lebens-Sinnfrage konsequenter und merken deutlicher die Fremdbestimmung und den Mangel an Relevanz ihrer Arbeit.
Hört sich nicht nach Emanzen, sondern nach vernünftigen Menschen an. Es gibt auch Männer, die dort aussteigen, aber es sind wohl viel weniger.

Was macht die Gesellschaft mit Männern, die sich die Sinnfrage wirklich stellen, die Macht und Geld und Status und Erfolg entsagen? Was hat das für Konsequenzen in ihrem Verhältnis zu Frauen?
Ein schlauer Mensch, ein Aussteiger aus der Macht, hat mir am Wochenende verraten: Wenn man als Mann nicht mehr die klaren Überlegenheitsverhältnisse von Geld und Macht hat, dann fühlt man sich verunsicherter in einer Beziehung, die Frage warum werde ich geliebt und hoffentlich nicht verlassen, stellt sich auf unangenehme Weise neu.

 Mein junger Blogleser wies mich darauf hin, dass Männer nun mal attraktive Frauen wollen und sich versuchen mit Status selbst attraktiver zu machen.
Was immer „attraktiv“ ist und was immer Status meint in den verschiedenen Gruppen unserer Gesellschaft: Prinzipiell stimmt das wohl. Nur der neue Status ist anscheinend zunehmend: Psychische Gesundheit, ein gesundes Selbstwertgefühl und ein sinnvolles Leben. Das zieht auch attraktive Frauen an. Ist nur die Frage, ob sie selbst so einem Mann dann im Alltag auch gewachsen sind. Und ob wirklich reife Männer nicht ihren Schwerpunkt ein wenig verschieben auf starke attraktive Frauen. 

Das Problem von meinem Blog von letzter Woche, war ja nicht das sexuelle Interesse an mir als Frau und guter Freundin, das vielleicht auch nach Jahren der Freundschaft nicht versiegt ist. Das Problem war auch nicht der Versuch der Annäherung. Das ist sogar ein Kompliment. Ich will keinem Mann seine Triebe verbieten und ich hasse sie auch nicht. Das Problem war das deutliche: Nein! was überhört wurde, mehrmals. Das ist schwach. Da werde ich zur Zielscheibe von selbstsüchtigen Vorstellungen. 

Natürlich geht es in der Liebe immer auch um die Befriedigung eigener Bedürfnisse, alles andere wäre genauso krank, aber es geht auch um die Wahrnehmung des anderen auf Augenhöhe. Warum will ich diese Frau, diesen Mann? Passt sie/er zu mir – oder stell ich mir nur so gerne vor, wie alle meine Bedürfnisse erfüllt werden? Und eine gute Freundschaft ist noch lange keine gute Liebesbeziehung. Wohingegen eine gute Liebesbeziehung immer auch eine gute Freundschaft ist. Aber eben noch Entscheidendes mehr. Mit Attraktivität und Status hat das dann wenig zu tun, mit menschlicher Reife sehr viel. Sie ist das Zauberwort im Geschlechterfrieden.

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Warum zum Teufel!

„Warum zum Teufel! Bin ich nur eine Frau geworden? Ich bin verdammt, allein durch mein Geschlecht, niemals eine Freundschaft zu finden, weil kein Mann imstande ist, die Seele vom Körper zu trennen, weil nicht einer versteht, dass ich geliebt werden will um meines Geistes, meiner Begabung, oder um noch einmal das Wort zu gebrauchen, meiner Seele willen; weil jeder erwartet, dass ich gute Gespräche, die Neigung eines geistreichen Mannes durch Beischlaf erkaufe. Es ist zum Kotzen!“ (Brigitte Reimann) 

Dieses Zitat, dass ich in dem hervorragenden Buch von Else Buschheuer: „Verrückt bleiben!“ gefunden habe (kann ich jedem, auch jedem Mann, der diesen Blog hier gerne liest ausnahmsweise und uneingeschränkt aus vollen Herzen empfehlen), spricht wahrscheinlich vielen Frauen aus dem Herzen. 

Ich habe mein Leben lang Männer sehr geschätzt, auch wenn ich im Laufe der Zeit feststellen musste, dass sie nicht die besseren Menschen sind, sondern eben auch nur welche.
Doch jedes Mal wenn ich den Schutzraum einer Liebesbeziehung verlassen habe, benahmen sich selbst langjährige und enge männliche Freunde mehr oder weniger deutlich so, als wäre ich nun plötzlich zur potentiellen Kandidatin für ihr Bett geworden. Sicher kann man das auch als Kompliment sehen und sicher ist mir natürlich völlig bewusst, dass ich durch mein Äußeres (was ich selbst ja viel weniger zu sehen bekomme, als mein Gegenüber) bestimmte Sehnsüchte oder Ehrgeiz wecke. Und natürlich wird ja meine Intelligenz nicht automatisch nicht mehr wahrgenommen (ich würde sogar glauben, dass sie ehrlich und wahrhaftig viele Männer erst recht anspornt). Aber warum werden eigentlich sämtliche gefühlte DinA 0 Plakate mit greller Leuchtschrift: „Ich will nicht!!!!“ komplett ignoriert?!

Es ist ja nicht so, dass ich einen Freund nicht mehr als Mann wahrnehme (Gedankengänge wie: Man, dem x stehen diese Hosen aber echt gut, netter Hintern, oder y sieht richtig gut aus mit seiner Urlaubsbräune im Gesicht und auf seinen schönen Händen… sind mir durchaus bekannt). Deshalb würde es mir aber nicht im Traum einfallen (und das ist hier wörtlich gemeint, ich kenne nämlich mein Unterbewusstsein nach jahrelanger Therapie sehr gut) mit diesen Herren ins Bett zu gehen. Ich finde ja auch meine Freundinnen hübsch oder sexy und will nicht mit denen ins Bett (igittigitt…).

Ich bin doch kein Lämmlein, das einer mit nem Strick am Zaun angebunden hat und das leise vor sich hin mäht („mäh, mäh“) und darauf wartet, dass es einer mitnimmt.
Mann kann davon ausgehen, dass ich weiß was ich will, vor allem wenn er mich jahrelang kennt (und dass ich es deutlich machen würde, wenn ich was wollte).

Darüber hinaus kenne ich ja auch jahrelang als beratende Psychofreundin das Liebesleben der Herren, meistens ist es mir nach einigen Stunden Gespräch schon klar, wie ein Mann in dieser Hinsicht ticket: Das können wunderbare, hochspannende Freunde werden, die mich hoffentlich viele Jahre auf meinem Lebensweg begleiten, aber eben keine Liebespartner. Punkt. 

Eine Freundin, eine Biologin, erklärte mir gestern dazu: “Das ist halt der Trieb…” Aber ich glaube a.) Frauen haben auch einen Trieb, der bislang immer noch heruntergespielt wird und sie legen trotzdem mehr Feingefühl und Respekt mit vergleichbaren „Willnicht“ Signalen umgekehrt an den Tag. Und b.) weiß ich durch all meine Studien und Erfahrungen: Wir Menschen sind weit mehr Kultur, als Biologie. (Bis Anfang letzten Jahrhunderts glaubten Wissenschaftler ernsthaft, Lernen würde die Eierstöcke bei Frauen schrumpfen lassen!)

Also Jungs: Ein, vielleicht auch zwei Versuche kann ich noch als Kompliment werten, aber bitte registriert auch die Antwort…Bitte! Ich fürchte nämlich um unsere Freundschaften, wenn ich noch deutlicher werden muss. Warum reicht es Euch nicht „nur“ mit mir befreundet zu sein?! Ich finde das demütigend. Ihr seid mir doch so unglaublich wichtig! 

Ach es ist zum kotzen!

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Die reine Wahrheit über den Menschen – oder das kürzeste Psychologiebuch der Welt.

 Dreijähriger (beim Abholen vor dem Kindergarten): „Mami, kann ich auch das…was der Lukas hat?!“
Mami: „Ich weiß aber doch gar nicht, was der Lukas hat.“ 

Egal, wie wir versuchen die Wahrheit zu fassen (und wir können sie natürlich immer nur  in den Grenzen unseres menschlichen Hirns fassen), egal was wir für Überlegungen und Pläne für die Menschheit und ihre Zukunft und Vergangenheit aufstellen: Wir werden niemals ohne diese zwei Zeilen auskommen. Alles, was uns Menschen ausmacht, wird hier erwähnt: Jede Mondrakete, die wir planen, jeder Krieg, jede philosophische Theorie, jede Beziehung, jede Wunde, jede Heilung, jede Sehnsucht. Ich habe noch nichts gefunden, was sich nicht auf diesen Dialog nicht zurückführen ließe.

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Monacofritzchen

Auf meiner Reise nach Südfrankreich habe ich auch eine paar Leute getroffen, die in Monaco wohnen und arbeiten. Sie sind dort angestellt bei sogenannte „Family-Offices“ d.h. Firmen, die das Geld eines sehr reichen Menschen verwalten. 

Es gibt also hinter dem Monaco, wie es sich für Touristen zeigt (mit Casinoplatz und Schlossbesuch), ein anderes Monaco, wo Menschen aus aller Welt leben und arbeiten und zwar nicht nur um ab und zu Wasserhähne aufzudrehen und Lichter an und auszuknipsen, damit der Eindruck entsteht, der Besitzer der Wohnung wäre wirklich in Monaco und habe deshalb einen Steuervorteil verdient. Die wirklich reichen Leute (und in diese Gruppe gehört man erst ab ca. 500 Millionen Euro) haben dort ihre eigene Finanzverwaltungsfirma und müssen nicht auf Hausmeister zurück greifen, die mal ein paar Liter Wasser durch ihre Zähler laufen lassen. 

Die Finanzverwalter und Kunstsammlungsankäuferinnen, die mit dem Geld der sehr reichen Menschen arbeiten, treffen sich, da alle ja erst mal fremd sind in Monaco, regelmäßig z.B. immer Donnerstags in einer Hotellobby und lernen sich so alle schnell kennen. Wenn man mit ihnen durch Monaco läuft grüßen sie nach rechts und links, als würden sie durch die Fußgängerzone von Bad Tölz laufen, wo sie groß geworden wären. Es sind sehr gut ausgebildete, sehr weltgewandte und offene Menschen, die an einer Schnittstelle unserer globalen Gesellschaft sitzen und einen Einblick in eine Welt erhalten, in die kaum jemand wirklich sonst hinein schauen kann: Die Welt der Richtigreichen.
Die Finanzverwalter selbst verdienen sicher nicht schlecht, doch der Umgang mit den riesigen Geldmengen ihrer Chefs macht sie entweder sehr bescheiden und nachdenklich oder sehr sehnsüchtig („…einmal mit den großen Hunden, einmal so viel Neid von anderen Männern, so viel Respekt…“). Sie sind hin und wieder auch mit solchen Problemen konfrontiert wie: Wo bekomme ich den neusten Bugatti Rennwagen für meinen Chef her, der zwar 1,4 Millionen kostet, aber leider in den wenigen aufgelegte Exemplaren schnell völlig vergriffen ist…. 

Und damit wären wir bei der eigentlichen Erkenntnis, die mir die Berichte aus dieser Welt aus erster Hand gebracht haben: Es findet wohl das gleiche Spiel wie überall statt, nur auf einer höheren Stufe. Diese Superreichen haben genauso das Gefühl mithalten zu müssen, die Insignien ihrer Gruppe erfüllen zu müssen, um DAZUZUGEHÖREN. Das Dazugehören zu einer Gruppe ist eine der Grundkomponenten der menschlichen Psyche. Es gibt auch Leute mit 500 Millionen, vergleichsweise kleine Fische unter den Milliardären (ist ja auch nur eine halbe Milliarde), die Angst haben heraus zu fallen aus den ganz wichtigen Vereinen und Treffen dieser Welt, die Angst haben nicht schnell genug eines der ganz neuen, ganz teuren Autos zu fahren, ein zu kleines Boot oder Flugzeug zu besitzen. 

Wie mir berichtet wurde scheint es auf den entsprechenden Festen und Partys dieser Menschen nicht besonders interessant zuzugehen: Es gibt keine wirklich spannenden Gespräche zu spannenden Themen. Man spricht das gleiche Statusblabla aller Partys, nur auf einem etwas teurerem Niveau. Schade eigentlich. Man hofft ja selbst als Psychologin, dass es irgendwo doch noch eine überraschende Sorte Menschen gäbe, die der Banalität des Daseins nicht unterworfen wäre: Is nich! 

Die Frauen der Superreichen tragen alle die gleichen Superlabels und gleichen aufgespritzen Lippen. Das machen sie alles nur für die anderen Frauen und nicht für die Männer, denn die interessiert das wohl gar nicht. Sie sind alle ungefähr derselbe Typ: Jüngeres oder älterndes „Beinahemodel“, skrupellos, optimale Materialausschöpfung.
Abgesichert ist man als Frau in diesen Kreisen nur durch gemeinsame Kinder: Man ist die Mutter der Kinder eines Superreichen oder man ist gar nichts. So oder so ist Frau immer getrieben von der Angst vor Jüngeren, Gerisseneren. Ansonsten gibt es für Frauen in dieser Welt nur noch die Rolle `Tochter von´: It is a man´s world (verschwindend geringe Ausnahmen, keiner kannte eine persönlich). Charity und Kunst gehören selbstverständlich dazu: Es werden halt nicht Kuchen gebacken, sondern Museen und Stiftungen eröffnet. 

Eine Frage, die sich mir stellt:
Könnte Frau mit der Anstrengung und dem strategischen Denken, das anscheinen nötig ist, um in diese Kreise zu gelangen oder sich dort zu etablieren und zu halten, nicht etwas auf die Beine stellen, dass ihr ein Leben mit Erpressungen/Demütigungen und Angst und Abhängigkeit erspart? Rechtfertigt der Mehrwert eines Bootes oder Flugzeuges des Mannes (Klamotten sind preislich ab einem bestimmten Level wohl nicht mehr steigerbar) die anscheinend offensichtliche Langeweile, den Frust und die sie umgebende Boshaftigkeit? 

Fazit meiner Weltreise nach Monaco:
“Same procedure as everywhere, Miss Sophie? – The same procedure as anywhere, James!”(Außer vielleicht, dass sich Metzger Fritz aus Bad Tölz bzw. der Marketigchef aus Stuttgart-Gänshaide noch etwas glücklicher darüber schätzen können, warum ihre Frauen sie geheiratet haben…)


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Globale Franzocken

In meiner Jugend (und ich werde gleich noch ausführen, was ich damit meine) fuhr man im sommerlichen Ferienlager nach Frankreich (denn aus unseren benachbarten Erzfeinden sollten Freunde werden) und mühte sich mit seinen drei mühsam in der Schule erlernten Französischbrocken beim Tischtennisspiel um Völkerverständigung. Die Franzosen sprachen – und das war die Regel – keinerlei andere Sprache, als die, ihrer `Grande Nation´.


Tischtennis kann man immer noch in französischen Herbergen spielen, nur sprechen alle jungen Franzosen jetzt Englisch. Das ist sehr unpraktisch, wenn man zum Französischlernen extra an die Cote d ´Azur gefahren ist. Deshalb hab ich jeden Morgen nach vielen vielen Jahren (23!) wieder mal die Schulbank gedrückt.
Es ist ein sehr seltsames Gefühl wieder Tests schreiben zu müssen („Stifte raus, hier sind Ihre Aufgaben zum Subjonctiv, Sie haben zehn Minuten!“). Horror. Ich habe die ersten Nächte davon geträumt mein Abi nochmal machen zu müssen und nicht mehr schreiben zu können oder (als Variante) meine Uniexamen noch mal machen zu müssen, ohne irgendwas verstanden zu haben.

In meiner Klasse gab es viele 20-25 Jährige: Leute, die meine Kinder hätten sein können: Frisch aus der Schule oder der Uni, Italiener (innen), Norweger (innen), Brasilianer (…). Und es gab Rentner (innen), deren Tochter wiederum ich hätte sein können. Der Abstand nach oben und nach unten war fast gleich. Nur seltsamer Weise fühlte ich mich eher in der Gruppe der „Jungen“ zu Hause, als in der der „Rentner“. Das lag nicht daran, dass ich mich „wie 20 fühle“ (tu ich nicht). Ich war genauso wie die Rentner „just for fun“ (bzw. „Pour le plaisir“) an der Schule: Ich musste mich nicht, wie all die 20Jährigen für meine Zukunft qualifizieren, mich der globalen Finanzkrise entgegenstemmen, der Perspektivlosigkeit (besonders bei den jungen Italienern deutlich zu spüren) oder übermäßigen Erwartungen zukünftiger Arbeitgeber oder ehrgeiziger Eltern gerecht werden. Ich weiß nicht, wie diese Generation diesen Druck überhaupt aushält. Ich habe, genau wie die Rentner in der Klasse, bei den allmorgendlichen Politikdiskussionen innerlich und äußerlich nur den Kopf schütteln können, über mein Glück, nicht in dieser herrschenden totalen Negativstimmung einen Weg ins Berufsleben finden zu müssen.

Trotzdem: Ich trage dieselben Klamotten, wie die 20Jährigen, höre dieselbe Musik, benutze dieselben Medien. Ich bin schon mit Fernsehen groß geworden – auch wenn meine Geschichte vom ersten Handy, dass die ungefähren Ausmaß eines Baguettes besaß, zur Erheiterung beigetragen haben und ich noch genau weiß, wie die Hause Musik in den ersten Clubs gespielt wurde (sie wird dort aber immer noch gespielt). Meine Eltern sind geschieden, es war für mich als Mädchen klar, dass ich studieren werde und unklar ob ich Kinder will („später vielleicht….“). Ich habe nie Filterkaffee und immer schon Latte Macchiato getrunken und Praktika in den Semesterferien gemacht (wenn auch nicht in jeden) und bin ins Fitnessstudio gegangen. Das scheint mehr zu meiner Identität beigetragen zu haben, als das „hach ja, ich weiß noch nicht was ich mal später mache, schaun ma mal, ich probiere mal so ein paar Sachen aus…“

Ich bin neugierig: Ich sollte in zwanzig Jahren wieder so einen Sprachkurs machen (die sterben sicher nie aus, jedenfalls nicht solange ich lebe, das hängt damit zusammen, dass man das Leben in Südfrankreich einfach durch nichts ersetzen kann). Wie werde ich dann die „Jungen“ sehen, die dann meine Enkel sein könnten und wie werden die sein, die dann 40+ sind?
Früher war nicht alles besser. Ich bin froh, dass ich nach diesem „Früher“ geboren wurde, mit all der Freiheit, der Möglichkeit lange „jung“ zu bleiben – auch wenn das teilweise mehr Unsicherheit bedeutet: Denn auch meine Rente ist nicht mehr sicher.

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Lawinengefahr

Der Ex-Freund einer Freundin, ihre große Jugendliebe, kam unlängst beim Skifahren in eine Lawine und war ein paar Stunden verschüttet. Da er Arzt ist, wusste er genau, was er am besten tut, um so lange wie möglich durchzuhalten und schließlich haben ihn die Lawinensuchhunde rechtzeitig gefunden und er hat überlebt. Soweit so schrecklich und glücklich. 

Jedenfalls war er in der sehr seltene Situation, sich in einem völlig ruhigen Zustand Gedanken zu machen, was er wohl machen wird, wenn er die Sache überlebt. Er beschloss u.a. meine Freundin nach all den Jahren nochmal zu treffen.
Da die Beziehung damals von seiner Seiter etwas ungut abgebrochen wurde (man war jung und hatte noch viel auszuprobieren…), führte das Treffen dazu, dass ihr, wie sie mir sagte, „etwas wiedergut gemacht wurde“. Es war wohl so, als würde eine alte Wunde verheilen.
Was daraus wird (aus dem Wiedersehen und/oder den Wiedergutmachungen) kann man noch nicht abschätzen. Ich werde zu gegebener Zeit berichten.

Natürlich fand ich dieses seltene Experiment des Schicksals psychologisch hoch interessant. Und es stellt sich sofort die Frage: Was würde man selbst wohl in dieser Situation denken und beschließen?
Mit dieser kleinen Hausaufgabe möchte ich meine geschätzten Leser in die Osterferien entlassen (Ostern: Zeit des Neubeginns und Aufbruchs). Ich selbst werde in Südfrankreich einen Sprachkurs machen: Etwas, was ich schon immer mal machen wollte. Ich hoffe mir bleibt aufgrund meiner handelnden Entschlusskraft die Lawine erspart. Tja: Wenn sich das Schicksal doch bestechen ließe… .

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Krasse Schichtarbeit

Gerade komme ich von einem Dreh für eine Miniserie für den Privatsender mit den drei Buchstarben (ohne rote Kugel und ohne Zahl im Namen) nach München zurück, bei dem ich als „beratende Psychologin“ vor und hinter der Kamera engagiert war. Es ging darum zwei junge Männer (19 und 20) im Beisein ihrer Freundinnen von ihren Machoallüren zu befreien. Dachte ich. 

Mal abgesehen davon, dass ich feststellen konnte, dass die heutige Jugend besser ist als ihr Ruf (hiermit meine ich unsere Darsteller und unsere Redakteure), musste ich feststellen, dass man das vom Sender nicht unbedingt behaupten kann. Ich will hier nicht das „Unterschichtenfernsehen“ anprangern (dafür arbeite ich schon zu lange auch in diesem Bereich als Fernsehpsychologin), sondern wundere mich hauptsächlich darüber, wer wohl je beschlossen hat besonders krasse Emotionen auf besonders krasse Art vor der Kamera hervor zu holen (um nicht zu sagen anzustacheln), anstatt vielleicht zu den gleichen Themen mit dem gleichen Aufwand und den gleichen Kosten gute Unterhaltung zu machen. 

Meiner Erfahrung nach interessiert es junge Leute, egal welcher Schicht, warum wir so sind, wie wir sind: Eifersüchtig, neidisch, verliebt, faul, hilfsbereit, egoistisch, etc. Jedenfalls haben unsere Teilnehmer auch diesmal jeden kleinsten Tipp von mir und die dazugehörige Erklärung aufgesaugt und sofort umgesetzt. Wieso man immer nur gerne schreiende Menschen mit krassen Ansichten zeigt, die eigentlich nur das Gefühl von Fremdschämen beim Zuschauer auslösen, ist mir ein Rätsel. Man muss ja nicht in Fremdwörtern Psychovorträge halten (wenn ich das täte, würde ich eh schon lange nicht mehr vom Privatfernsehen engagiert), man könnte aber Geschichten erzählen, die über „Hauptsache die Protagonisten geben krasses Zeug vor der Kamera von sich“ hinaus gehen.

 Prinzipiell habe ich bei den Sendern und Produktionsfirmen als Zulieferer für die Sender nur mit sehr netten, sehr bemühten Redakteuren und Kamera/Tontechniker zu tun, die mit interessanten Fragen und Themen an mich heran treten. Warum wird dann aber immer die heftigste Aussage, die ich irgendwo im Neusatz am Rande erwähne, in den Beitrag geschnitten? Wer bestimmt das? Würde sonst wirklich niemand mehr zuschauen? Wie viel Prozent der Zuschauer sind wirklich so dumm, dass sie nur krasse Emotionen sehen wollen oder verstehen können und sonst abschalten?

 Auch wenn ich hier Gefahr laufe, wie Elke Heidenreich, bei der Kritik meines Arbeitgebers meinen Job zu verlieren, muss ich mir diese Fragen mal öffentlich stellen, denn nicht selten stell ich mir eine andere Frage während des Drehs oder beim Anschauen des Beitrags: Warum haben die mich überhaupt als Psychologin engagiert? Eine halbwegs attraktive Kommentatorin, die direkt das sagt, was sie sich aus meinem Inhalt irgendwie hin basteln,  wäre sicher günstiger gewesen und es wäre schneller gegangen.

 Würden Sie, liebe Leser, ihrem Partner eine Liebeserklärung bei einem Fußballspiel in der Allianzarena in der Halbzeitpause über Mikrofon aus der Mitte des Stadions machen? Nicht? Ich auch nicht! Unsere Protagonisten haben aber in einer ähnlichen Situation den Mut aufgebracht das zu tun und zwar um der armen Redakteurin ihren Job zu retten, weil irgendjemand mit Entscheidungsgewalt beim Sender die tolle Idee hatte unsere Machos mit diesem Plot am Ende der Miniserie ins kalte Wasser eines mit 10 000 Leuten gefüllten Stadions zu werfen. Ohne ihren Mut wäre wohl eine Woche Dreharbeit umsonst gewesen.

 Wie es unseren Teilnehmern nach Ausstrahlung der Sendung in ihrer Heimat, in ihrem Freundeskreis geht, scheint sowieso nicht von Bedeutung zu sein. Sie wollten ja unbedingt ins Fernsehen, weil sie das noch (im Gegensatz zu uns Intellektuellen) für was Besonderes halten, weil ihnen ständig verkauft wird: Du kannst über Nacht ein Star werden. Und welche Chance haben sie sonst etwas Besonderes aus ihrem Leben zu machen, wo doch heute überhaupt nur noch die Stars gesehen werden und anscheinend nur sie lebenswerte Leben mit viel Bewunderung leben… Jedenfalls haben die Jungs sich das Mikro mitten in der Arena geschnappt und ihren zitternden Mädels eine Liebeserklärung gemacht. Ab sofort ist das meine Benchmark für Empathie und soziales Mitgefühl.

Und deshalb kann ich jetzt weiter mit diesem Sender Geld verdienen, genauso wie alle Redakteure und alle Programplaner – und Hauptsache die Shareholder des Medienkonzerns bekommen ihre Rendite (also auch all die Rentenfonds und Stiftungen, die ihr Geld in die Aktien des Senders investiert haben, bei denen ich meine Altersvorsorge abgesichert habe…).
Und zum Glück für uns alle ist die „Unterschicht“ vor und hinter den Kameras unserer vielkritisierten Privatsender besser als ihr Ruf…

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Identitätssuche für Prinzessinen

Diese Woche habe ich ein Interview als beratende Psychologin für einen RTL Beitrag über „Morphsuits“ gemacht. Ein Morphsuit ist ein Ganzkörperanzug (…kondom) aus buntem undurchsichtigen Nylon, der sogar den ganzen Kopf einschließt, durch den man aber alles sehen kann (unter YouTube zu besichtigen). Es gibt mittlerweile eine große Netzt Gemeinde der Morphsuit Fans und Träger. Ich wurde also gefragt: Warum?


Tja, warum neutralisieren Menschen wohl ihre Identität mit einem knalligen Anzug, der ihnen viel Aufmerksamkeit verschafft und sie gleichzeitig nicht zur Verantwortung ziehen kann, weil man sie nicht erkenn?! Warum spielen sie damit in Fußgängerzonen Luftgitarre oder rennen als Gruppe durch den Park oder die Uni, verfolgt von Handykamerageklicke und den entsprechenden Resultaten auf Facebook 5 Min später?


Spiderman ist wohl der berühmteste Vorreiter dieser Mode und im realen Leben ein recht schüchterner Nerd (schon lange bevor die Nerds Mode wurden als totale Absage an die Perfektionsidentität und natürlich jetzt samt Brillenmode wieder zur Perfektion getrieben wird – man kann eben mit allem Geld verdienen, was Identitätssuchenden als Hilfe dient…). Im Anzug wird Spiderman zum Held des Alltags, hat besondere Fähigkeit, wird zu einem Anderen. Leider sind die modernen Morphsuitträger nicht von kryptonieden Spinnen gebissen, es bleibt ihnen daher nur die Alternative des Herumrennens und Ubahnfahrens (statt von Hausdach zu Hausdach zu schweben) – jedenfalls solang die Industrie noch nichts Neues erfunden hat, was den Menschen vortäuscht, dass sie endlich besonders toll sind, wenn sie es haben.


Wir Menschen haben immer schon davon geträumt in andere Identitäten zu schlüpfen. Fasching und Halloween (als mittlerweile voll etablierte, sichere Zweiteinnahmequelle der Kostümindustrie) sind hier erlaubte Identitätsprobierphasen. Genauso kommt diese Sehnsucht nach Identitätswandel auch mit der Tarnkappe bei Harry Potter (ca. um das Jahr 2000) und dem Nibelungenlied (ca. um das Jahr 1250) vor. Und in Märchen und Opern verkleiden sich ständig Männer als Frauen und umgekehrt.


Der kleine Sohn eines Freundes wollte eine Zeit lang nur noch im Prinzessinenkleid in den Kindergarten (weil die große tolle Schwester auch oft ein Kleid anhatte) – der Vater machte sich immense Sorgen und schenkte ihm einen riesigen Bagger, den er aber erst zum 5. Geburtstag anrührte, nämlich genau dann, wenn eine der „infantilen Identitätsfindungsphasen“ bei Kleinkindern dem Ende zu geht.


Die aktuelle infantilen Identitätsfindungsphase bei Erwachsenen rühren eher aus dem Problem unserer entzauberten Welt, die das Individuum zunehmend überfordert: Wer bin ich und wenn ja wie viele? Oder schlimmer noch: Wer muss ich sein und wie oft, um Anerkennung zu bekommen und mein Leben als gelungen zu definieren? Narzisstische Störungen nennen wir Psychologen dass: Hört sich schlimmer an, als es ist: Haben wir alle mehr oder weniger (manche eben etwas mehr, was nicht lustig ist, sondern traurig, vielleicht sogar bedenklich…) Sie rühren prinzipiell aus der Frage: Wer sieht mich (damit ich als ein wichtiges Mitglied meiner Gruppe/Gesellschaft akzeptiert werde und überleben kann)?


Natürlich gab es aufgrund des Beitrags auf RTL einen lauten Aufschrei und die gefühlte Hälfte aller Morphsuitanhänger hat mich per Mail wüst beschimpft und weil mittlerweile 1 Millionen (1 000 000!) Anzüge verkauft wurden, waren das sehr viele.
Leider gingen die Einwände über „die Psychologin ist doof“ und „stimmt alles gar nicht, wir haben sogar angehende Psychologen im Morphsuit-Team“ nicht hinaus (angehende Psychologen sind die schlimmsten Besserwisse – weiß ich aus Erfahrung): Der „zwanglose Zwang des besseren Argumentes“ (nach Habermas), eines meiner liebsten Regeln bei der essayistischen Wahrheitssuche, scheint bei den Morphsuitträgern noch nicht angekommen (und ich hab ja im Fernsehen nicht gesagt: “Was ein Scheiß, denen fällt wohl nix Besseres ein, um die Zeit rum zu bringen…”). Schade. Hinter der anonymen Masken der Morphsuitträger und `NurImNetztTrauIchMich-Narzissten´ scheinen also doch Menschen im Ringen mit sich selbst nicht genug Mut zu besitzen mit offenem Visier und guten Argumenten für ihre Identität zu streiten oder auch nur Luftgitarre in der Fußgängerzone zu spielen….

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Was ist Liebe?

Die Tochter eines Freundes fragte mich neulich: “Was ist denn überhaupt Liebe?” (Sie war in der Schule gehänselt worden, weil sie “angeblich” in einen Jungen verliebt war. Sie fand den aber nur “cool”, also ganz gut, weil er nicht so “eine Dumpfnase” wie die anderen Jung ist….

Gute Frage, liebe Marie, die Du Dir wohl noch häufiger im Leben stellen wirst.

Liebe ist ganz allgemein der Kitt zwischen den Menschen.
Liebe ist kein zufälliger Überschuss der Evolution, sondern die Motivation hinter all unserem Handeln. Sie lässt uns im optimalen Fall das Leben als wertvoll erscheinen: Wirkliche, erfüllende gegenseitige Wertschätzung, als tiefes Gefühl der Anerkennung und der sozialen Verbundenheit gibt unserem Leben Sinn. Aber Liebe, als erfüllendes Miteinander, muss man geben und nehmen lernen.

Wir klammern uns an die romantische Idee, die Liebe wäre eine Himmelsmacht, die uns Menschen von unseren irdischen Erfahrungen entbindet. Jedoch werden wir, je tiefer und intensiver die Beziehung zu einem anderen Menschen ist, um so mehr von den Verhaltens- und Emotionsmustern aus unserer Kindheit ferngesteuert: In unseren Partnerschaften (dem intensievsten Miteinander mit anderen Menschen) lieben wir den Anderen immer mit unserer gelernten, unbewussten Bindungserfahrung.

Tief in unserem Inneren ist ein Teil von uns immer noch das Kind, das hofft, dass man seine Not erkennt, ihm zeigt, dass es wertvoll und wichtig ist. Wir erwarten als Erwachsene von unserem Partner, dass er uns bedingungslos liebt, egal wie schwach wir sind, wie wir aussehen, was wir anstellen – so wie unsere Eltern es hätten tun müssen, als wir Kinder waren. Wir suchen im anderen unsere Eltern und bemühen uns auf die gleiche Art und Weise um seine Liebe, wie wir uns um die Liebe unserer Eltern bemüht haben. Leider bekommen wir daher (meist) auch nur die gleiche Art von Liebe.

Bei allen Menschen finden sich im Umgang mit dem Partner, Freunden oder Kollegen Reste dieser kindlichen unreifen Liebe und daraus hervorgehender alter Sehnsüchte. Diese Liebe sucht in den Augen der anderen immer die schmerzlich vermisste Wertschätzung: Der andere bestimmt mit seiner Zuwendung maßgeblich das eigene Selbstwertgefühl und Wohlbefinden – genauso wie es einstmals die Eltern taten.

Jede Beziehung zu einem Menschen mit infantilen Bestätigungs- und Liebesforderungen spiegelt aber auch die unreifen Anteile der eigenen Persönlichkeit. Die Liebesmuster der Partner passen zueinander wie Pusselteile: Die emotionalen Muster ergänzen sich in ihrem Kampf um Anerkennung und Aufmerksamkeit. Zu einer unreifen Beziehung gehören immer zwei.

„Die Hölle, das sind die anderen“, schreibt Jean Paul Sartre und man könnte hinzufügen …weil sie uns unseren Wert nicht so bestätigen, unsere Bedürfnisse nicht so befriedigen, wie wir es uns wünschen. Jeder, der in seiner Kindheit nicht genug Wertschätzung und gesunde Liebe erfahren hat, dessen Leben ist bestimmt von der Suche danach. Sie wird zur Priorität, zur treibenden Kraft und sie behindert unsere Entfaltung: Ein schlechtes Selbstwertgefühl macht unfrei und unglücklich.

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Robie und Romeo

Vor einiger Zeit bat mich eine Freundin, die eine halbwüchsige Tochter hat, dass ich mir doch mal die Twilight Filme anschauen sollte. Sie wollte die Auskunft haben, ob diese Vampirsaga nicht schädlich ist für ein junges Mädchen, das diesem „Schwachsinn“ komplett verfallen war.
Was tut man nicht alles für Freunde, dachte ich und war dann selbst völlig fasziniert von dieser abstrusen Teenagerlovestorry: Natürlich nur als Psychologin!

Immer wieder schaffen es Filme oder Schauspieler oder Schauspieler in bestimmten Rollen etwas in uns anzuzapfen, Sehnsüchte und Träume zu verkörpern, wie wir uns das Leben eigentlich vorstellen: Schön und heldenhaft und spannend und das alles überzuckert mit der ganz großen Liebe.

C.G. Jung hat festgestellt, dass es bestimmte Archetypen in der menschlichen Psyche gibt, Bilder und Themen, die sich immer wiederholen, in jeder Zeit, in jeder individuellen Gefühlswelt immer wieder neu aufgelegt werden. Das Romeo und Julia Motiv zum Beispiel: Liebe über alle Grenzen und Widerstände hinweg (insofern konnte ich meine Freundin in Bezug auf ihre Tochter beruhigen, denn auch diese seltsame Vampirlovestorry ist letztlich genau dieses Romeo und Julia Motiv – auch wenn es am Ende gut ausgeht, sofern man gerne als Vampir in ewiger Jugend und Schönheit mit einem siebzehnjährigen Milchbubi zusammen leben will….)

Aber um ehrlich zu sein: Ich fand Robert Pattison wirklich selbst ganz toll – bis ich ihn dann auf der Berlinale in der Pressekonferenz erleben durfte. Er war in Berlin, um seinen neuen Film „Bel Ami“ vorzustellen, in dem er einen jungen Aufsteiger im Paris der Jahrhundertwende spielt, der völlig talentfrei, nur mit seinem hervorragenden Aussehen über die Betten der Ehefrauen der guten Gesellschaft einen rasanten Aufstieg schafft.
Ein Journalist fragte Pattison, ob er in dieser Rolle nicht sich selbst verkörpere (es gab ein ziemlich hinterhältiges Gelächter) und stotternd gab der liebe Robie zu, dass ihm dieser Gedanke auch schon gekommen war beim Dreh.

Da saß er also vor mir, der Teenagerschwarm, der Mädchen und ihre Mütter gleichermaßen in den Wahnsinn treibt und war nichts weiter als ein an unpassenden Stellen lachender, uncharismatischer Rotzlöffel, der offensichtlich keinen Bock auf Pressekonferenzen und doofe Journalisten hatte, aber behauptete er sei ja so „thankfull“ für die Ehre so viele weibliche Fans zu haben: Er hätte dabei auch in der Nase bohren können, es wäre nicht weniger überzeugend rüber gekommen (und mal abgesehen davon stehen ihm die extrem kurzen Haare überhaupt nicht und er wusste nicht mal warum er sie abgeschnitten hat, als er gefragt wurde – typisches Problem von Selbstfindung, ich mach mich hässlich und schau mal, wer mich dann noch mag…). Darüber hinaus hatte er wirklich nicht gut gespielt und ohne seine gelben Kontaktlinsen nimmt man ihm seine zwei verschiedenen Gesichtsausdrücke auch nicht als Rolle ab. Fazit: Robert Pattison funktioniert nur als Vampir für mein Unterbewusstsein.

 Entzauberung tut weh. Sie nimmt uns die Motivation dafür, dass ein schönes, bedeutungsvolles, heldenhaftes Leben möglich wäre. Genau dazu hat die Evolution sie wohl erfunden, die starken mythischen Bildern mit ihren dominanten Emotionen: Wir sollen danach streben.
In unserer entzauberten Welt sind wir daher regelrecht süchtig nach Vampirschönlingen oder Zauberlehrlingen, denn wir hätten so gerne, dass es etwas Höheres gäbe, dass wir Erwählte sind und nicht banale Biologie, Leben ohne tieferen Sinn. Dann doch lieber sterben wie Romeo und Julia.

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Von Angie und Robie. Oder wie Stars gemacht werden…

Bin gerade von der Berlinale zurück, wo eine Presseakkreditierung es mir nach 5 Jahren Pause mal wieder ermöglichte viele, viele Filme zu schauen und direkt danach in der Pressekonferenz die dazugehörigen Schauspieler und Regisseure zu erleben und zu befragen. 

Fazit:
1.)    Journalisten, vor Jahren noch coole Leute mit einem coolen Job, Meinungsbildner mit hoher Kreativität, sind heute in weiten Teilen nur noch gehetzte, latent aggressive Menschen, die wahrscheinlich durch anhaltende Stellenstreichung völlig überarbeitet um ihren Job fürchten.
2.)    Angelina Jolie ist langweilig, hat genau zwei verschiedene Gesichtsausdrücke und trotzdem rasten selbst gestandene Filmfachleute aus, sobald sie irgendwo auftaucht.
3.)    Robert Pattison (Twilight – Teneestar) sieht mit kurzen Haaren bescheuert aus, lacht an unpassenden Stellen, beantwortet Fragen wie auswendig gelernt und hat eigentlich auch nur zwei Gesichtsausdrücke.
4.)    Meryl Streep ist toll.
5.) Diane Kruger wird in 10 Jahren filmwirtschaftlich nicht mehr vorhanden sein.

Erklärung:
Angelina Jolie hat ihre erste eigene Regiearbeit abgeliefert: In the Land of Blood and Honey. Thema: Bosnienkrieg, Vergewaltigungslager. Der Film ist ambitioniert, hat aber meiner Meinung nach etwas von einem Anfängerfilm mit zu guter Ausstattung (die weibliche Hauptfigur hat z.B.  kaum Tiefe, man versteht ihre Motivation nicht).  

Auf der Pressekonferenz ließ die schlaue Angie erst mal ihren gesamten original serbisch-muslimischen Cast, bis in die kleinen Nebenrollen mitgeschleppt aufs Podium, eine dreiviertel Stunde erzählen, wie sie zu dem Projekt kamen: “I had this casting for the role of… and than they liked me and than they told me who was behind the projekt and I could not beleve it, I thought `O My God Angelina Jolie´, and it was so wonderfull to work with her, Angelina is such a great….: Und das 15 Mal! So schlägt man Zeit tot, in der die immer gleichen Fragen gestellt werden können. 

Angie dar selbst saß winzig klein (sie ist max. 165 cm!) und wirklich magersuchtsgefährdet (um es mal nett auszudrücken) in der Mitte und schien zu meditieren, wahrscheinlich um den Irrsinn um sie herum nicht zu nahe an sich heran zu lassen. In dem Moment, wo dann endlich Fragen gestellt werden durften, ging es natürlich nur noch um sie und die Journalisten prügelten sich fast schon wieder, diesmal um das Mikrophon. Beste Frage: „Ist es nicht seltsam Angelina Jolie zu sein?“ 

Wie schafft man es die dümmsten Fragen (`Was hat der Film mit ihrem Leben zu tun´ – bei fast jeder Pressekonferenz zu hören – oder `Ist das Projekt wichtig für Sie´ – Nö, gar nicht ich hatte nur kein besseres…) noch so zu beantworten, als hätte man diese dämliche Frage noch nie gehört?! Angie: „I am realy thankfull for this question…“
Lustiger Weise hat sie damit alle Journalisten im Griff. Die Frau hat im echten Leben und in ihren Filmen genau zwei Gesichtsausdrücke (lasziv aggressiv und lasziv schmerzerfüllt). Aber sie ist der größte Medienprofi, den man sich vorstellen kann. Und das ist wohl ihr Geheimnis: Das geschickteste Image und die konsequenteste Inszenierung damit.

 Jetzt weiß ich auch, warum jeder – wirklich jeder – männliche Journalist seinen Beitrag damit anfängt: „Oh mein Gott, es ist wirklich Angelina Jolie mit der ich jetzt zusammen treffe, sie sitzt mir wirklich gegenüber, kommt wirklich auf mich zu….“. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz: Wenn nicht ständig so etwas über sie geschrieben würde, wäre es nicht so aufregend sie zu treffen.
Aber wir wollen ja so aufregende Leute in unserer banalen Menschenwelt haben! Denn das Leben muss doch irgendwo wirklich ganz toll sein, es kann doch gar nicht sein, dass so sinnlos gelebt und gestorben wird unter uns gottgleichen Kreaturen, die wir dies begreifen….. (Frei nach Nietzsche: „Das Volk ist der Umweg der Natur zu fünf, sechs große Menschen…“ Immerhin sind wir Umweg, immerhin Hintergrund!) Wir wollen unsere Wünsche und Sehnsüchte auf irgendjemanden projizieren können und kreieren ihn uns in dieser Starmaschinerie, die dann zum Selbstläufer wird: Wir wollen Träumen, Journalisten schreiben uns diese Illusion von tollen Leben aus ein paar banalen Fakten zurecht und wir kaufen sie und deshalb wird immer weiter geliefert. Es lebe die Identifikation, vielleicht die stärkste Eigenschaft des Menschen, um über sein Selbstwertgefühl sich selbst am Leben zu halten! 

Männer stehen auf eine Frau die zerbrechlich wirkt (man kann sie retten und hat somit eine tolle Rolle in dem Film) und gleichzeitig unglaublich stark und sexy ist (für die eigene Bedürfnisbefriedigung). Die Frau Jolie ist – wie gesagt – ein Medienprofie und hat sich die Narben an ihren geritzten Armen mit Tattoos überdecken lassen. Sie verwendet auch gerne Sätze wie: „Since I am a mother…“ oder „Brad and I…..“. Bindungsfähigkeit verleiht ja Tiefe – und wer hätte nicht gerne mit der perfekten Sexymutter 6 Kinder. (Nein, sie ist nicht mit dem 7. schwanger: Dazu ist sie viel zu dünn.) 

Aber wenn man genau hinschaut, wenn man in der Pressekonferenz sitzt und zum Glück nicht völlig gestresst in sein Laptop tippt oder Leute vor der Kamera verscheuchen muss, weil die gerne noch näher dran wären, als man selbst, dann merkt man, wie banal diese kleine Frau mit dem dicken Lippen da vorne ist: Selbst geschminkt und gestylt ist das einzig bemerkenswerte an ihr ihre Ruhe in dem Irrsinn. 

Bei dem Thema Bosnienkrieg – um nochmal auf den Film zurück zu kommen, denn es war ja eigentlich Filmfest, wo es um gute Geschichten und künstlerische Umsetzung geht – sind der lieben Angie natürlich Bewunderung und Lobeshymnen auf ihren „Anspruch“ sicher. Und das ist ja auch der Sinn der ganzen Sache. 

(Und nächste Woche was für die Mädels zum ent-träumen: Robert Pattison….).

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Die “Nestwohnung”!

Nach meinem Ausführlichen Ausflug in die Möglichkeiten der persönlichen Veränderung, begebe ich mich jetzt wieder in das Reich der möglichen Anlässe für eine solche Veränderung.
Ein besonderes Kleinod des heutigen Wahnsinns begegnete mir neulich bei einem Abendessen, bei dem mir die Gastgeber von ihren (nicht anwesenden) Freunden erzählten, die ihr gemeinsames Kind nach ihrer Trennung in einer „Nestwohnung“ aufzogen. Eine Nestwohnung ist eine Wohnung, in der das Kind immer lebt – und die Eltern nur abwechselnd (je nach Betreuungsplan). Die Eltern haben also noch je eine eigene, kinderfreie Wohnung. 

Das positive Argument für dieses seltsame Arrangement war der Aspekt, dass das Kind so immer seine Sachen um sich rum hat, nicht ständig etwas in der Wohnung des anderen Elternteils vermisst oder vergisst und nicht andauernd sein Umfeld wechseln muss. Aber: Der eigentliche Grund für die Nestwohnung war (wie ich trauriger Weise erfahren habe), der Gleichberechtigungsgedanke der Eltern: Jedes Elternteil wollte sein eigenes Leben und seine eigene Freiheit behalten und so mit der Aufzucht des Kindes völlig geleichermaßen belastet sein. 

Angeblich kannten meine Gastgeber mittlerweile zwei Paare, die auf diese Art ihre Kinder groß zogen. Der Trend geht also zum „Outsourcing“ der eigenen Kinder?!
Das erste, was mir dazu einfiel war: Diese Eltern haben sich verdient – aber kein Kind solche Eltern.

 Meistens wohnen die Kinder ja bei ihren Müttern nach der Trennung der Eltern und die Väter lassen sich alle Wochenenden sehen oder auch nur jedes zweite Wochenende. Die Mütter haben mehr Arbeit, die Väter wenig Anteil an der Entwicklung ihrer Kinder: Was der größere Nachteil ist, liegt wohl im Auge des Betrachters.
Oft haben die Väter auch noch Freundinnen oder neue Frauen oder sogar neue Kinder. Und alle wollen in Kindergärten, Schulen, Reitunterrichte und ins Ballett gefahren werden. Und dann muss ja auch noch das Geld verdient werden auf einem Arbeitsmarkt, der noch nie familienfreundlich war und es in weiten Teilen auch nicht sein wird. Kurz: Ich kann mir als Kinderlose kaum vorstelle, was das für eine Belastung ist, auch wenn ich es natürlich bei vielen Freunden ab und zu miterleben „darf“.

 Ich kenne Mütter die räumen ihre Wohnung, füllen den Kühlschrank und kaufen die Lieblingszeitung ihres Exmannes, wenn der am Wochenende anreist und die Kinder zu besuchen. Ich kenne Väter, die sich eine zweite Wohnung in der anderen Stadt mieten, um am Wochenende ihre Kinder sehen zu können. Ich hege unendlich viel Bewunderung für diese Mühen, für den Willen das eigene Ego ganz hinten anzustellen für ein paar Jahre, so dass die Kinder von der eigenen Lebensentscheidung (sich von dem Partner zu trennen, weg zu ziehen, neue Familien zu gründen) so wenig wie möglich belastet werden. Denn ein Kind in die Welt zu setzen – und sei es auch nur aus einem unkontrollierten Moment einer lauen Nacht heraus – bedeutet im höchsten Maß schuldig werden zu können am Leid eines anderen Menschen. Was müssen Nestwohnungseltern wohl für eine schlimme Kindheit gehabt haben, dass sie es nicht schaffen ihrem Kind eine bessere zu schenken.

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Wer ewig strebend sich bemüht … Teil IX (letzter Teil)

Geduld: 

„Ich habe mein Leben lang gearbeitet und jetzt das….“, ist der erste Satz, den Hans-Dieter (66) hervorbringt als er von der Diagnose Lungenkrebs erfährt. Er, der in seinem Leben mehrere Unternehmen geführt hat, in drei Ehen sieben Kinder zeugte und in verschiedenen Ausschüssen und Beratergremien nach wie vor die Wirtschaftspolitik seiner Region mitbestimmt, wird nun von ein paar entarteten Zellen in seinem Körper entmachtet. Die Fremdbestimmung durch die Ärzte, Behandlungspläne und die Entkräftung seines Körpers sind für ihn unerträglich. Er empfindet die Krankheit als ungerecht, doch zum ersten mal in seinem Leben scheint sich etwas nicht seinem Willen zu beugen. Seine Weltsicht und sein Selbstverständnis prallen mit 180km/h auf die Betonwand des Schicksals.
Als er nach der ersten Operation aufwacht steht überraschender Weise sein ältester Sohn Eckard (42) an seinem Bett, der vor Jahren geschworen hatte nie mehr mit dem Vater zu reden. Auch in den folgenden Tagen besucht er ihn regelmäßig, bringt die Enkel mit, die völlig unvoreingenommen und offen auf den nie gesehenen Großvater zugehen.
Hans-Dieter muss sich aus allen Ämtern zurück ziehen, seine dritte Frau bestimmt seine Ernährung und Tabletteneinnahme. Er hat jetzt viel Zeit zum Nachdenken. Eckart versucht seinem Vater klar zu machen, dass dies nur das Ende seiner bisherigen Weltsicht ist, dass es aber ein neues ganz anderes Leben geben könnte, mit anderen Werten, all den Dingen, die Hans-Dieter bis jetzt gering geschätzt hat: Die Krankheit habe ihm die Begrenztheit seiner Welt aufgezeigt, das was wirklich wichtig ist deutlich gemacht.
Nach ein paar Monaten fängt Hans-Dieter stotternd an von seiner Schuld zu reden, davon, dass er durch sein rücksichtsloses Auftreten das Leben seiner Kinder beschädigt hat, und dass ihn seine Schuld bedrückt. Eckard organisiert zu Hans-Dieters nächsten Geburtstag ein Familienfest. Leider sind die anderen Geschwister nicht bereit zu kommen.
Ein Jahr später läd Eckard erneut ein, bittet die Geschwister die Veränderungen des Vaters selbst zu begutachten – und wirklich, es kommen immerhin schon die beiden Halbschwestern mit ihren Kindern.
Zum siebzigsten Geburtstag haben Eckard und Hans-Dieter es dann endlich geschafft: Die gesamte Familie ist versammelt. So wird Hans-Dieters letzter Geburtstag zu seinem schönsten.

 Die Arbeit an unseren falschen Prägungen ist ein lebenslanger Prozess, bei dem wir uns immer wieder und weiter den alten Denkmustern stellen, unsere falschen Erwartungen an die Welt und unseren infantilen (egoistischen oder unterwürfigen) Umgang mit anderen Menschen entlarven müssen. Für diese Veränderung benötigen wir viel Geduld, denn die alten falschen Muster haben so lange unser Leben bestimmt, dass wir viele neue, emotional herausfordernde Erfahrungen machen müssen, um ihnen etwas entgegen zu setzen.

Wir haben die Verhaltensweisen und Denkmuster entwickelt, um mit den frustrierenden Gefühlen, den Ängsten und Demütigungen unserer Kindheit zurecht zu kommen – und in unserer Ursprungsfamilie haben sie uns einmal gute Dienste erwiesen. Doch jetzt schaden sie uns nur. Um unser Unterbewusstsein von dieser Tatsache zu überzeugen, bedarf es vieler Überzeugungskräfte: Wirkliche Verhaltensänderungen treten immer erst ein, wenn wir einen Vorteil von der Veränderung verspüren, extrem negativen Gefühle zu verkraften haben. Die alten Erfahrungsmuster müssen im Netz unserer Neuronen „überschrieben“ werden. Doch diese Neurogenese kann bis ins hohe Alter stattfinden – wenn man sich mit der Welt und sich selbst auseinander setzt, immer weiter an sich arbeitet und Neues lernt.

Je stärker unser Selbstwertgefühl wird, um so belastendere Probleme und Einsichten lässt das Unterbewusstsein an die Oberfläche kommen, denn es kostet die Psyche viel Kraft diese alten heftigen Emotionen zu unterdrücken. Deshalb erfahren wir ihre Verarbeitung auch als Erleichterung, begleitet von dem Gefühl der Freiheit. Doch sobald unser Selbstwertgefühl stark genug ist, fordern weitere Altlasten, schlimme Erinnerungen, notdürftig kaschierte Sehnsüchte Beachtung. Aus Angst vor dem Schmerz wünschen wir uns dann manchmal zurück in die Zeit der falschen Hoffnungen und verfallen wieder alten Abwehr- und Schwächemustern. Wir hoffen mit unserer bisherigen Auseinandersetzung schon „alles erledigt zu haben“, gesund und reif genug zu sein: Wir versuchen uns immer wieder zu drücken, vor den Schmerzen und den neuen Schritten, die wir machen müssen, um noch viel weiter zu gehen, ganz neue Dimensionen der Freiheit zu begreifen und zu erleben.

 Wenn wir uns verändern kommt alles in Bewegung: Unser Umfeld reagiert anders auf uns, wir sehen die anderen Menschen, uns und unser Verhältnis zu ihnen plötzlich im Licht anderer Werte. Neue Menschen und Dinge finden ihren Weg in unser Leben. Ab einem bestimmten Punkt merken wir deutlich, dass es uns besser geht, dass sich der Aufwand, die Tränen und die Ehrlichkeit gelohnt haben. Wir erreichen das, was wir vorher mit einem äußerlichen Image und Manipulationen immer nur vortäuschen konnten: Sicherheit, Charakterstärke, Souveränität, Selbstbestimmung, ein stabiles Selbstwertgefühl und das Wissen darum, dass wir mit jeder Situation im Leben fertig werden können. Wir können uns auf Menschen und Dinge wirklich einlassen, müssen nicht alles unter unsere Kontrolle zwingen, weil wir das Selbstverständnis haben auf jede Schwierigkeit angemessen zu reagieren. Wir leben „im Jetzt“, können uns „entgrenzen“ und „durchlässiger werden“, bekommen viel mehr mit von den Dingen, die um uns herum geschehen. Stärke, Integrität und Verantwortung für die Liebe und die Gefühle der uns wichtigen Menschen, besonders gegenüber unseren Kindern, zeigt sich darin, dass wir ihre Ängste und Unsicherheiten auffangen können, ohne uns deshalb über sie zu stellen.

Stolpert jemanden neben uns, stützen wir ihn, helfen ihm auf, um dann weiter zu gehen. Helfen ohne Helfersyndrom ist das Vertrauen in den Entwicklungswillen des anderen. Wenn er allerdings sitzen bleibt oder von uns getragen werden will, sollten wir uns von ihm verabschieden und allein weiter gehen. Je stärker wir werden, je freier wir uns anderen gegenüber verhalten, um so mehr Möglichkeiten geben wir ihnen, auch stärker und freier zu werden. Wir verlieren keine Energie mehr damit, uns über andere Menschen und prestigeträchtige Dinge zu stabilisieren und können nach und nach Interessen und Leidenschaften in uns entdecken und umsetzen, für die wir vorher weder Zeit noch Konzentration hatten. (Mit Yoga oder anderen Formen der Meditation kann man gut erkennen, wie weit die eigene Entwicklung schon fortgeschritten ist. Denn solange die zerrenden Sehnsüchte, die Unruhe und Selbstbezogenheit noch stark sind, finden wir, trotz aller Bemühungen, keinen richtigen Zugang zu dieser Spiritualität. Denn unser schlechtes Selbstwertgefühl verstellt uns mit seinen Ängsten und seiner Geltungssehnsucht die Gegenwart. Die Flucht in die Vollkommenheit einer fantasierten Zukunft oder die verblendete Vergangenheit halten uns fern vom Jetzt – dem einzigen Moment in dem das Leben wirklich statt findet und gestaltbar ist. So ist die `Jetzigkeit´ unseres Lebens ein hervorragender Gradmesser für unsere Reife, die bewusste Gegenwärtigkeit unserer Gefühle, der Spiegel unserer psychischen Entwicklung.)

Es gibt einen Trost auf diesem nicht einfachen Weg: Das Alter. Viele Menschen haben Angst vor dem Alter, denn im Alter lassen sich die falschen Muster unseres Lebens für Anerkennung und Liebe immer schlechter umsetzen. Es fällt uns immer schwerer, unser Selbstwertgefühl durch Erfolge, gutes Aussehen und andere Äußerlichkeiten zu stützen.

Es gibt aber eine völlig andere Sicht auf das Alter: Je älter wir werden und je mehr wir an uns gearbeitet haben, um so weniger Unsicherheit, Angst und „inneres Reißen“ gibt es in unserem Leben. Wir nehmen uns nicht mehr so wichtig, d.h. unser Ego tritt hinter die wirklich wichtigen Dinge des Lebens zurück. Nicht zufällig nennen wir das: Befreiung.

Freiheit ist ein Zustand, in dem das „innere Reißen“ aufgehört hat, unser Ego nicht mehr schmerzt. Der bewusste Wechsel in andere Verhaltensmuster ist das Maximum an Freiheit, das uns Menschen möglich ist. Man könnte sagen: Der Sinn des Lebens ist das Gefühl der Freiheit. Und unser Erfolg ist die Summe der Fehler, aus denen wir gelernt haben.

Die Nichtweitergabe von Lieblosigkeit und Rücksichtslosigkeit, die Überwindung von infantilem Egoismus macht die Welt auf jeden Fall besser.

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Wer ewig strebend sich bemüht … Teil VIII

Umlernen – neues Handeln: 

Erika (62) pflegt seit drei Jahren ihre Schwiegermutter Hannelore (85). Hannelore hat Erika auch schon früher schikaniert, ihr immer vermittelt, dass sie nicht „gut genug“ sein für den Sohn, obwohl Erika sich immer sehr bemüht hat allen Erwartungen gerecht zu werden.
Seit Erika Hannelore vor dem Pflegeheim bewahrt hat, schlägt ihr sogar noch mehr Misstrauen und Abwertung von der alten zänkischen Frau entgegen, die hilflos und missmutig an ihr Bett gefesselt ist und ihre Wut darüber und über vieles mehr an Erika auslässt. Erikas Mann, Hannelores Sohn Armin (65), versucht nicht zwischen die Fronten zu geraten, obwohl Erika immer noch hofft, dass er sich irgendwann auf ihre Seite, gegen seine schwierige Mutter stellen wird.
Eines Tages stürzt Erika die Treppe hinunter und bricht sich die Hüfte. Eine Pflegerin wird für die Schwiegermutter engagiert. Diese macht sich wenig aus deren Beschimpfungen und freundet sich mit Erika an, die nun selbst an ihr Bett gefesselt, wie eine Zuschauerin über Wochen ihre Familiensituation beobachten muss. Allmählich wird ihr klar, dass sie die Treppe hinunter gefallen ist, weil sie mit ihrer Kraft am Ende war. Sie weiß,
dass sie so nicht weiter machen kann, dass ihre Schwiegermutter niemals das Recht hatte, sie schlecht zu behandeln, und dass sie selbst sich durch ihre eigene Erziehung, Schuldgefühle und ein falsches Pflichtgefühl in dieser lebensunwerten Situation eingemauert hatte. Durch ihren schweren Unfall erkennt sie auch, wie kostbar das Leben ist. Sie beschließ die Pflegerin nach ihrer Genesung im Haus zu behalten und sich ihrer Schwiegermutter nur noch zuzuwenden, ihr vorzulesen oder sie zu füttern, wenn diese sich ihr gegenüber gebührlich benimmt.
Nachdem sie wieder laufen kann, fährt sie nach Jahren das erste mal mit ihrem Mann in den Urlaub, obwohl ihre Schwiegermutter das für Geldverschwendung hält und tagelang beleidigt ist, weil sie mit der Pflegerin alleine zurück bleiben muss. Doch nach einiger Zeit verändert sich die Stimmung im Haus zum Positiven, alle gewöhnen sich an Erikas neue Grenzen und auch Armin unterstützt endlich  ihre Freiheitsbestrebungen und ihr Recht auf ein lebenswertes Leben.

 Neben der Umwertung braucht es im Prozess unserer Selbstbefreiung auch noch das Umlernen – denn Einsicht und Neuorientierung allein reichen noch nicht aus für eine wirkliche Veränderung unserer Lebensverhältnisse. Wir müssen selbstbestimmt handeln!

Es ist notwendig, dass wir unsere Verhaltensweisen ändern, um freier zu werden. Wir müssen neue Grenzen setzen, gegenüber unserer eigenen Sehnsucht – aber auch gegenüber den Forderungen unserer Partner, Freunde, Kollegen, Vorgesetzten. Wir sind nicht verantwortlich für das Leben und Glück der anderen, aber die anderen sind auch nicht verpflichtet, unsere infantilen Wünsche nach Geborgenheit und Sicherheit zu erfüllen. Egal, wie sehr wir jemanden lieben und meinen ihn zu brauchen: Zuerst brauchen wir uns selbst, zuerst müssen wir uns selbst lieben und schätzen, damit unsere Liebe nicht mehr Abhängigkeit und Kindersehnsucht ist. Und auch wenn wir das nicht gleich schaffen und uns wieder die alten Muster einholen: Wir können es ja immer weiter versuchen!

Wir erreichen Stärke und Bewusstsein hauptsächlich durch unsere Krisen: Veränderung geht nicht ohne Anstrengung, oft genug nicht ohne Leid. Neues Handeln ist mühsam, aber gerade deshalb letztlich so wirksam und erfüllend. Schnell und einfach mag von Wert sein, wenn es um Topfspülen oder Pizzabestellung im Internet geht (und selbst da bleibt es oft ein Wunsch). Doch niemals sollten wir uns nur „schnell mal“ um unsere Selbstverwirklichung kümmern. Vereinfachung und Absicherung hat unser Leben nicht glücklicher gemacht, sondern nur leerer. Wir müssen Abstand davon nehmen, dass wir durch irgendein einfaches Mittel „Vollkommenheit“ und „paradiesische Lebensumstände“ erreichen. Im Gegenteil: Das Einfache und Schnelle führt uns weg von der Tiefe, von der Ergründung unserer Talente und Lebensaufgaben. Langsamkeit und Ausführlichkeit sind wertvoll, wenn wir unsere Wahrheit finden und umsetzten wollen. Wir gewinnen Befriedigung, wenn wir uns ohne Überanstrengung ausgiebig mit etwas beschäftigen, das uns interessiert. Doch nur sehr wenige Menschen erleben diesen „Flow“, dieses Einssein mit dem Fluss des Lebens in ihrem Alltag.

Je reifer unser Selbstwertgefühl wird, um so schneller merken wir, wenn uns jemand oder etwas nicht gut tut. Wir sollten uns immer wieder auf die Schliche kommen und feststellen, wo wir uns wieder wie Kinder fühlen und entsprechend verhalten.

Die asiatische Philosophie benutzt die Methode der „Achtsamkeit“, um sich in jedem Moment des Lebens seines Tuns gewahr zu werden, ohne Selbstverurteilung, ohne die eigenen Emotionen und Ängste abzuwerten. Diese Momente der Achtsamkeit sollten sich immer weiter ausdehnen, bis sie zur ständigen Wahrnehmungsform werden. Stück für Stück müssen wir unser Verhalten und Denken hinterfragen, Situationen erleben, in denen wir wieder genau an dem Punkt stehen, der unser ferngesteuertes Handeln provoziert – und dann einen Schritt in eine andere, neue Richtung machen, hinein in die Ungewissheit und in das Selbstvertrauen, dass wir es besser können, ohne falsche Zuwendung, erzwungene Aufmerksamkeit und eine perfekte Fassade überleben werden.

Um in seinem Leben aktiv anders zu handeln ist es sinnvoll sich Rituale zu schaffen, die dem täglichen Alltagstrott mit seinem automatisch ablaufenden Verhaltensmustern entgegenwirken: Jeden Freitag Nachmittag aufräumen; jeden ersten Sonntag im Monat Rechnungen sortieren; eine Stunde jeden Abend mit dem Partner reden, ohne Ablenkung, in der jeder dem anderen eine halbe Stunde von seinem Tag und seinen Probleme erzählt (auch wenn er keine Lust dazu hat und das nicht gelernt hat und es albern und zwanghaft findet und lieber stumm vor dem Fernseher sitzen will); einen festgelegten Abend in der Woche, an dem man etwas gemeinsam unternimmt und der von allen anderen Verpflichtungen frei gehalten oder im Sonderfall nachgeholt wird (einmal bestimmt der eine und einmal der andere das Programm); ein ständiger Samstag Nachmittag an dem man für sich Zeit hat, weil der andere die Kinder übernimmt, die man ihm selbst dann wiederum am Sonntag Morgen vom Hals hält; ein Beziehungsentwicklungsgespräch am ersten Tag des Jahres, wo man ausdiskutiert, was man bis Ende Dezember erreichen möchte (gemeinsame Wohnung anmieten, Pflegeheim für Onkel Hans finden, Reise auf die Galapagosinseln machen, den Dachboden ausbauen, etc.). Der eigenen Phantasie sind hier keine Grenzen gesetzt und die Wirkung einer kleinen, aber andauernden Veränderung im Alltagsablauf, die wirklich eingehalten wird, eines offen ausgesprochenen Problems mit Lösungsplan, ist verblüffend (siehe auch im Anhang: Praktische Übungen zum Umlernen und Freiwerden).

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Wer ewig strebend sich bemüht … Teil VII

Umwertung:

Jan (38) ist Schauspieler. Er hat immer vom großen Durchbruch geträumt – und es wirklich geschafft: Als Lieblingsdarsteller eines der besten Nachwuchsregisseure wurde er von der Kritik gelobt, dreht mittlerweile einen Erfolgsfilm nach dem anderen und wird jetzt auch vom breiten Publikum erkannt und geliebt. Der Ruhm kam über ihn wie ein Rausch – doch Jan hat sich sehr schnell daran gewöhnt. Jetzt scheint ihm sein Leben ziellos, eine Wiederholung immer gleicher Abläufe, bestimmt von dem Herstellungs- und Marketingprozessen der Filmproduktionen. Bei der Premiere seines neusten Films steht er nun wieder mal im Blitzlichtgewitter auf dem roten Teppich und bekommt von einem Journalisten die Fragen zugeworfen, wie es weiter gehen soll. Plötzlich wird ihm mitten in der Menge klar, dass egal welche Rollen er noch spielen, welche Filme er noch drehen, welche Erfolge er noch feiern wird, er niemals die Regeln des Lebens aus den Angeln heben kann: Er wird immer ein Mensch bleiben, der älter wird, andere Menschen braucht und sterben muss. Und selbst wenn er der größte Schauspieler seiner Zeit würde, wer würde sich in 100 oder 200 oder 1000 Jahren (dieser Nichtigkeit in der Zeit) noch an ihn erinnern auf dieser Erde (dieser Nichtigkeit im Universum)? Welche Erfindung, welche Weltsicht hätte dann überhaupt noch Gültigkeit? Plötzlich scheint Jan zum ersten Mal in seinem Leben von dem ungeheuren Druck befreit etwas besonderes sein zu müssen.

 Reichtum, Erfolg und gesellschaftliche Anerkennung sind kein Zeichen dafür, dass jemand Verantwortung für sich selbst übernommen hat. Sie sind oft nur Mittel, mit denen wir uns die (kompensierende) Anerkennung anderer erkämpfen, unser Selbstbild kaschieren und sichern wollen.

Verweigert uns unser Umfeld diese Anerkennung, werden die anderen, die Welt schnell zum Feind unserer Selbstbetätigung: Doch weder im Job, noch in einer Beziehung sind unsere Mitmenschen daran Schuld, dass wir nicht genug Anerkennung, Bestätigung und Aufmerksamkeit bekommen. Unser Selbstwert wird letztlich nicht stärker, wenn wir uns ständig gegen andere behaupten, wenn wir glauben, besser sein zu müssen und uns mit Dingen und Titeln und Erfolgen schmücken, die das beweisen sollen. Wir genießen zwar den ein oder anderen kurzzeitigen Triumph, doch bald schon jagen wir dem nächsten hinter her, weil unser Selbstwertgefühl durch diese aufgesetzten Äußerlichkeiten keine Heilung erfährt.

Der Buddhismus verfolgt das Ziel der Glückseligkeit, indem er jedes Bedürfnis abschafft. Das ist für uns westlich sozialisierte Menschen kaum möglich – und auch nicht nötig. Unser Glück hängt nicht so sehr davon ab, nichts mehr zu wollen, als vielmehr davon, Schwerpunke zu setzen, die unserer  Veranlagung besser entsprechen: Tiefe emotionale Verbindungen mit anderen Menschen, Verwirklichung unserer kreativen Fähigkeiten und Talente, auch wenn diese der kapitalistischen Werteordnung nicht entsprechen und daher von offizieller Seite kaum Anerkennung finden.

Wenn wir ohne den falschen Traum vom vollkommenen Diesseits oder Jenseits an unser jetzt gegebenes Leben herangehen, spüren wir die Pflicht, dieses eine Leben zu leben und ihm die größtmögliche Selbstgestaltung abzugewinnen. Und selbst wenn es danach weiter gehen sollte: Was würde es schaden jetzt wahrhaftig zu leben?

 Unsere Eltern haben uns nicht die Behandlung zukommen lassen, die wir verdien(t)en und deshalb müssen wir auch alle anderen Werte in Frage stellen, die wir aus ihrer Weltsicht übernommen haben. Jedes Verhalten, jede Charaktereigenschaft, die in ihren Augen als gut galt, jedes erreichenswerte Ziel, jedes subtile Oben und Unten ist von ihren Schwächen, der Unreife ihres Charakters und ihrer Weltsicht betroffen. Wenn wir uns das Recht nehmen uns selbst unsere eigenen Werte, unser eigenes Maß zu suchen und zu verwirklichen, wächst unsere Freiheit, unsere Stärke und unser Selbstwertgefühl. Dazu brauchen wir eine eigene Werteordnung, eine selbstgewählte Moral, ein individuelles Maß und den Willen uns ihnen aus freien Stücken zu verpflichten – auch wenn es manchmal unbequem ist.

Wirkliches Selbstvertrauen hat wenig mit Egoismus zu tun, auch wenn uns genau das dann so oft von unserem Umfeld vorgeworfen wird, sobald wir anfangen, unsere Grenzen (neu) zu definieren und uns gegen die Manipulation durch Schuldgefühle wehren. Im Grunde steht hinter diesen Vorwürfen nur der Egoismus der anderen, die uns nicht mehr für ihren eigenen Mangel, ihr eigenes inneres Kind einspannen können.

Wir können beschließen, uns nicht mehr schlecht behandeln zu lassen, nicht mehr beschimpfen zu lassen, versetzt, betrogen oder ausgesaugt zu werden, mit überhöhten Ansprüchen unter Druck zu geraten, in ständige Eifersucht verstrickt zu sein, etc.. Auch wenn es noch so weht tut und die Angst uns verfolgt: Wir sind uns selber zu viel wert, um uns das gefallen zu lassen! Und da wir uns selbst unsere Sehnsüchte erfüllen, brauchen wir es uns auch nicht mehr gefallen lassen. Keiner, weder Eltern, noch Lehrer, kein Priester oder Chef hat das Recht dazu seine Werteordnung als so richtig zu empfinden, dass er damit uns unseren Wert absprechen könnte. Niemand kommt mit Schuldgefühlen zur Welt. Schuldgefühle entstehen, weil unsere Umwelt wertet, und zwar uns und unser Tun als falsch bewertet. Doch Warum sollten wir automatisch faul werden, nur weil wir halbtags arbeiten? Wir hätten nun viel mehr Zeit für andere wertvolle Interessen und müssten uns und unsere Zeit selbst strukturieren. Warum ist nur bezahlte Arbeit „wertvolles Tun“? Warum brauche ich Schmerzen oder eine Krankheit, um mir eine Auszeit zu nehmen? Wer bestimmt denn, dass im Café sitzen und nachdenken sinnloser ist, als Überstunden? Was zeigt ein teurer Sportwagen oder ein großes Haus oder ein Designerkleid über seinen Besitzer? Wem müssen wir am Ende unseres Lebens Rechenschaft abgeben? Was brauchen wir wirklich? Hängt unsere Selbstentfaltung an äußeren Gegenständen, die wir meinen, besitzen zu müssen, um anderen zu zeigen wer wir sind? Sind die Dinge, mit denen wir uns umgeben, Sachen, mit denen wir uns wirklich auseinander setzen? Benutzen wir andere Menschen, um uns selbst zu stabilisieren? Warum bewerte ich etwas oder jemanden als gut oder schlecht? Warum tue ich, was ich tue?

 Das freie Leben gründet als gutes Leben auf einem Vertrag mit sich selbst, auf dem Bewusstsein der Eigenverantwortung. Wenn ich maßlos und rücksichtslos lebe, kann kein Geld der Welt mir am Ende meine Gesundheit retten oder mich vor Verschuldung oder Einsamkeit bewahren. Wenn ich meinen Partner immer wieder betrüge, darf ich mich nicht wundern, wenn ich am Ende alleine dastehe. Wenn ich meine eigenen Bedürfnisse immer vor die meiner Kinder stelle, wird ihr Verhältnis zu mir (irgendwann) schlecht sein und sie werden nicht glücklich werden. Wenn ich glaube, Pflicht und Ordnung sind die alleinige Wahrheit, wird mein Leben aus Pflicht und Ordnung bestehen. Nur: Am Ende wird niemand kommen, um das zu belohnen. Ich könnte es ja auch gar nicht annehmen, denn das Genießen einer Belohnung steht ja entgegen meiner Werteordnung. Wenn ich geizig bin, wird mich jeder für einen Geizhals halten, ganz egal, ob ich als Kind immer zu kurz gekommen bin.

Wir müssen unsere eigenen Grenzen finden: Es sind nicht die anderen, die unsere Grenzen erahnen müssen, um uns nicht zu verletzen. Wir können auch nicht von ihnen verlangen, dass sie Verständnis dafür haben, wenn wir nur an uns denken. Der großen Klage über die Orientierungslosigkeit im globalen Kapitalismus kann nur die eigene Wahrhaftigkeit entgegen gesetzt werden, Werte, die jeder von uns selbst lebt. Unsere offiziellen Regeln sind von Ausbeutung und Rücksichtslosigkeit geprägt; Politik, Kirchen und Wirtschaftsführer sind von Egoismus und moralischem Verfall unterwandert: Wir können uns nur selbst verpflichten den Anstand zu wahren, selbstbewusst gegen Verführungen und Schwäche ankämpfen. „So was tut man nicht“ ist ein Satz der seine Wahrheit nur im eigenen Denken und Handeln findet und mittlerweile dem offiziellen Verhaltenscodex entgegensteht. Es ist unrealistisch auf eine umfassende humanistische Wendung der Welt zu warten oder sie einzuklagen, noch dazu wenn wir sie nicht selbst in unserem Alltag bereit sind umzusetzen.

Der Sinn des Lebens, genauso wie unsere Moral und Werte sind letztendlich nicht objektiv zu beweisen. Deshalb ist das Leben aber nicht sinnlos. Der eigene Willen, sich moralisch zu verhalten, die Be-Mühung um Selbstkritik, Freiheit und Selbstbestimmung, kann dem Leben ausreichend Sinn geben. Setzen wir uns also bewusst neuen Erfahrungen aus und manipulieren wir die Erfahrungsmuster unseres Unterbewusstseins selbst!

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Wer ewig strebend sich bemüht … Teil VI

Eigenverantwortung:

Elisabeth (39) hat eine Therapie angefangen. Schnell wird klar, dass an ihrem mangelndem Selbstvertrauen maßgeblich ihr herrschsüchtiger und cholerischer Vater Schuld ist. Er hat die gesamte Familie unterdrückt und versucht sogar heute noch seiner Tochter seinen Willen aufzuzwängen.
Elisabeth hat endlich den Faden zu fassen bekommen, an dem ihr ganzes Leben aufgehängt scheint, das Problem hinter all ihren Problemen. Sie redet viel mit ihrer Freundin Karla (42) darüber und das hilft ihr die verpassten Chancen und gescheiterten Beziehungen, die aufgrund ihrer Angst und Unsicherheit ihr Leben bestimmten, zu betrauern.
Doch nach einem Jahr bricht es plötzlich aus der geduldigen Karla heraus: „Hör endlich auf mit dem Jammern und ändere doch mal was! Du verhältst Dich ja immer noch wie ein eingeschüchtertes Kind und stellst so nach wie vor dein Leben in den Schatten Deines Vaters.“

Es ist sehr wichtig für unseren Verarbeitungsprozess, die Wut und die Trauer über die Verhältnisse in der eigenen Familie zuzulassen. Doch mit ihren Schwächen haben unsere Eltern nicht nur uns das Leben schwer gemacht, sondern auch sich selbst. So schwierig es ist, sie zur Rede zu stellen, so wichtig ist es von dieser Anklage auch irgendwann Abstand zu nehmen. Denn die Vergangenheit ist ja nun mal nicht mehr zu ändern und eine bessere Kindheit und stärkere Eltern können nicht mehr eingeklagt werden.

Nachdem wir uns erst mit allen Fasern unserer Seele gegen die Erkenntnis der Schwächen und beschwerenden Einflüsse unserer Eltern auf unser Leben gesträubt haben, halten wir dann oft jahrelang an der Anklage fest. Wir wollen sie nicht aus ihrer Schuld entlassen, ihnen nicht die Absolution erteilen.

Doch wenn wir die Verantwortung für unser Glück nicht vollständig selbst übernehmen, vergeuden wir nur weitere Lebenszeit in falschen Mustern. Wir können das Schuldgeständnis unserer Eltern nicht erzwingen, uns die Gerechtigkeit nicht durch Klage oder „Weiterleiden“ erpressen. Am Ende kann nur Mitgefühl (mit uns selbst und mit ihnen) uns unseren Frieden bringen – und vielleicht noch ein Kopfschütteln darüber, dass das Schicksaal oft so seltsame Wege geht.

Wir sollten unseren Eltern verzeihen, aber nicht aus irgendeinem christlichen Demutsgebot heraus, sondern aus ganz selbstbezogenen, lebensnotwendigen Gründen: Die Einsicht in die Verantwortung für unser eigenes Leben ist Teil eines gesundenden Selbstwertgefühls. Unser erwachsenes Ich kann jetzt selbst die Verantwortung übernehmen für das Kind in uns, kann es trösten und seinen Gefühlen und Ängsten Geltung verschaffen. Wenn wir unseren Wert nicht von unseren Eltern bestätigt bekommen, müssen wir ihn uns selbst geben. Wir selbst müssen jetzt für unser inneres Kind sorgen, wir selbst müssen ihm die Liebe entgegen bringen, die es immer vermisst hat. Wenn wir selbst nicht die Verantwortung für unser (Un-) Glück, unser Leben, unsere Freiheit tragen wollen, bleiben wir immer weiter in diesen Kinderproblemen stecken.

Es sind nicht (mehr) die Eltern, die äußere Welt, die uns am Glücklichsein hindert: Es sind unsere Erwartungen an diese äußere Welt (an unsere Partner, Freunde und Kollegen), die uns in unserer Unfreiheit und unserem Unglück festhalten. Denn es sind die Erwartungen von hilflosen Kindern. Niemand wird sie mehr erfüllen – außer wir selbst. Daran werden wir wachsen und der Lohn ist: Freiheit und tiefe, gesunde Beziehungen zu anderen Menschen. Beides haben die, die an uns schuldig geworden sind, niemals erreicht. Wir können es besser machen als die anderen. Wir können stärker sein als unsere Eltern.

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Wer ewig strebend sich bemüht … Teil V

Anklagen und Verzeihen 

Tanja (36) trifft nach Jahren ihre beste Schulfreundin Judith (36) wieder. Nachdem die beiden ausgetauscht haben, was aus ihnen so geworden ist, fragt Judith Tanja nach ihren Eltern, denn sie war früher oft bei Tanja zu Hause und kannte ihre Familie gut. Als Tanja behauptet in ihrer Familie wäre wie immer alles in bester Ordnung, bricht es plötzlich aus Judith heraus: Sie habe es in ihrer Schulzeit als sehr seltsam empfunden, dass Tanjas Mutter der ganze Familie ihren Willen aufgedrängt hätte. Die Freunde der Kinder, genauso wie alle Sportarten und Hobbys, die Wahlfächer in der Schule und Urlaubziele wurden von Tanjas Mutter bestimmt und es gab kaum  ein Chance sich dagegen aufzulehnen. Nach Judiths Meinung ist Tanjas Mutter mit ihrer Herrschsucht daran Schuld, dass Tanja so schwer ihren eigenen Weg ins Leben gefunden hat.
Tanja ist völlig irritiert von Judiths Offenheit und nimmt ihre Mutter in Schutz: Sie wäre eben eine starke unabhängige Frau, hätte wirklich immer gewusst, was das Beste für alle war und mit ihren Urteilen hätte sie eigentlich immer richtig gelegen. Noch heute würde sie genau deshalb bei allen wichtigen Entscheidungen auf den Rat ihrer Mutter hören, genauso wie sie gerne ihre Kleidung nur zusammen mit ihrer Mutter einkaufe, die sich dann nach wie vor als sehr großzügig erweise.
In der darauf folgenden Nacht träumt Tanja, wie sie am Grab ihre Mutter in einem bunten Blumekleid tanzt. Völlig verstört wacht sie auf.

Neben den Gefühlen der Verzweiflung hindert uns noch etwas anderes an der Einsicht über unsere Vergangenheit: Wir wollen nicht ablassen von unserem Anspruch auf Wiedergutmachung der schlimmen Kindheitserfahrungen. Unser verletztes Selbstwertgefühl tut sich schwer die Grenzen der (erwachsenen) Realität anzunehmen, zu akzeptieren, dass es die „glückselige Seinsvergessenheit der Kindheit“, das Paradies für uns nicht gab – und auch niemals geben wird. Wir wollen unsere Eltern nicht vom Thron unserer Anerkennung stürzen, denn dann fiele auch unsere Hoffnung auf Wiedergutmachung mit hinunter. So verzeihen wir ihnen, noch bevor die wirkliche Auseinandersetzung begonnen hat. Wie sollten wir auch weiterhin mit ihnen umgehen, wenn wir ihre Schwächen erkennen und die Konflikte offen legen? Am Ende schicken sie uns womöglich weg und dann müssen wir für immer die Hoffnung auf die ersehnte Anerkennung begraben … .

Doch wenn unsere Eltern sich lieblos und schwach verhalten haben, haben wir dann nicht ein Recht wirklich wütend auf sie zu sein, obwohl gerade sie uns unser Leben schenkten, uns (doch irgendwie) großgezogen haben?! Und wenn die eigenen Eltern uns kein starkes Selbstwertgefühl zugestanden haben, waren dann wir Kinder falsch oder unsere Eltern? Die Bibel schreibt: Ehre Vater und Mutter. Aber was ist, wenn sie es nicht verdienen? Dürfen wir unsere Eltern lieben und ihnen gleichzeitig Vorwürfe machen wegen ihres Versagens?

Ja, das dürfen wir! Und dieses „dürfen“ ist begründet mit dem Recht auf Freiheit und Stärke: Wir werden frei, wenn wir unsere Schuldgefühle hinterfragen, denn der Boden unserer Schuldgefühle und unseres mangelnden Selbstwertgefühls sind der Frust und die unterdrückte Wut auf die Schwäche unserer Eltern. Solange wir sie gegen uns selbst richten, werden wir immer weiter die Fehler bei uns selbst suchen, ohne sie beheben zu können.

Wenn wir unsere Eltern mit ihrem Fehlverhalten konfrontieren, reden sie sich meist heraus, behaupten wir würden übertreiben, hätten nichts mitbekommen von belastenden Umständen, wir hätten unser Unglück selbst zu verantworten oder sie seien eigentlich die viel größeren Opfer. Doch Eltern waren immer zuerst da! Sie haben uns geschaffen und nicht umgekehrt.

Es ist für unsere Eltern fast unmöglich, Fehler einzugestehen, die Einsicht zuzulassen, die geliebten Kinder aus der eigenen Schwäche heraus behindert, vernachlässigt und schlecht behandelt zu haben. Die meisten Eltern können diese Verantwortung nicht auf sich nehmen, denn dazu müssten sie sehr stark sein und gerade das waren sie ja nicht, sonst hätten sie sich nicht so falsch verhalten. Die Wahrheit über die Vergangenheit bereitet beiden Seiten viel Schmerz. Deshalb kommen wir oft viel zu schnell überein, dass alles doch nicht so schlimm gewesen sei, dass Psychologen häufig falsch liegen, immer nur alles auf die armen Eltern schieben, ohnehin übertreiben und überhaupt alle erst mal selbst auf die Couch gehören. Letzteres mag sogar stimmen, es hilft uns nur selbst sehr wenig dabei glücklich zu werden. 

Wer je von seinen Eltern gehört hat: „Es tut mir leid. Ich habe mir die größte Mühe gegeben und trotzdem viele Fehler gemacht. Ich wusste es nicht besser, aber heute sehe ich es…“, der weiß, was diese Sätze für eine Wirkung haben können für unseren Seelenfrieden, für unser Selbstwertgefühl und gegen all die Selbstzweifel, die wir so lange mit uns herumgetragen haben. Das Aussprechen dieser Sätze kann bei Kindern und Eltern viel Erlösung, Versöhnung und Verständigung bewirken. Sie machen den eigenen Weg zu einem neuen Selbstbild und einem stabilen Selbstwertgefühl nicht unnötig, aber erleichtern ihn ungemein.

Leider werden die meisten Menschen, die erkennen, welchen Einfluss das unreife Verhalten ihrer Eltern auf ihr Leben und ihr Unglück hatte, diese Sätze niemals zu hören bekommen. Sie müssen selbst ihre Gewissheit finden, dass sie als Kinder vollkommen richtig waren und die Eltern leider zu schwach, das zu erkennen und zu respektieren. Sie müssen sich selbst den Wert einräumen, denen ihnen ihre Eltern versagten und versagen.

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Wer ewig strebend sich bemüht …Tei IV

Der nächste Schritt: Verstehen und Durcharbeiten

Ingrid (27) liebt ihren Freund Frank (33). Trotzdem bekommt sie ihm gegenüber immer wieder Wutausbrüche, schreit ihn wegen Lächerlichkeiten an: Es kommt über sie, ohne dass sie es steuern kann. Ihre Freundin rät ihr, dass sie Frank besser verlassen sollte, wenn sie zu solchen negativen Gefühlen ihm gegenüber fähig ist. Doch eigentlich hat Ingrid selbst furchtbare Verlustängste und fragt sich, wie lange Frank diese Wutausbrüche noch erträgt.
Eines Tages besucht sie ihre Mutter, die wieder einmal schlechte Laune hat und sie an Ingrid auslässt. Ingrid merkt wie enttäuscht sie ist, da sie sich auf den Besuch gefreut hatte. Plötzlich fällt ihr auf der Heimfahrt im Auto auf, dass sie ihre Mutter gleichzeitig liebt und hasst, bei jedem Besuch auf gute Laune hofft und auf ein schönes Beisammensein und eigentlich unglaublich wütend ist, dass die Mutter sie so oft so schlecht behandelt und enttäuscht. Ihr wird klar, dass ihr Leben lang ihre Liebe zu ihrer Mutter mit dieser Wut einherging, dass sie auch in der Beziehung zu Frank neben aller Liebe immer diese Wut findet – und dass sie hofft, das Frank diese Wut erträgt und sie trotzdem nicht verlässt.
Sie hat für den Moment das Gefühl ein Kronleuchter würde in ihrem Hirn aufglimmen, so ungeheuerlich ist ihr diese Einsicht: Sie muss anhalten, weil sie unfassbar aufgewühlt ist von dieser Erkenntnis. Es fühlt sich an, als würde sich in ihrem Kopf etwas verschieben.

„Erkenne dich selbst“ – dieser Satz von Sokrates, der auch über dem Eingang zum Orakel von Delphi steht, begründet unsere abendländische Kultur. Er ist der nächste Schlüssel zur Tür der Freiheit: Jeder Veränderung muss Erkenntnis voran gehen. Durch die richtige Analyse unserer Verhaltensmuster und Werteprägungen, unserer Grundkonflikte, beginnen wir lebens- und glücksfeindliche Werte und Denkmuster in Frage zu stellen. Nur so können wir sie nach und nach ablegen und uns neue Orientierung suchen und unser Leben verändern.

Wir müssen erkennen, was unsere Ängste und Zwänge, das „innere Reißen“ verursacht, was uns in die Sehnsucht nach Widergutmachung treibt, uns anfällig macht für die falschen Wege zur Erfüllung. Wir müssen verstehen, wie wir zu unserer Weltsicht und unseren Denkmustern, unserem schlechten Selbstwertgefühl gekommen sind, was uns zu Getriebenen machen. Auf dem Weg zur Freiheit müssen wir die Zusammenhänge, die Entstehungsgeschichte unseres Selbstbildes und Selbstwertes verstehen lernen, genauso wie die Werte unserer Familie, unserer Gesellschaft, das offizielle Richtig und Falsch, das uns fremdbestimmt und uns über unsere Ängste manipuliert. Wir müssen unsere Unfreiheit begreifen, um frei zu werden.

Verstehen ist, entgegen unserem Bild von kalter Logik, ein gefühlter „Aha-Moment“, ein emotionaler Vorgang: Es macht „klick“ und wir haben das Gefühl, den richtigen, wahren Zusammenhang erkannt zu haben. Wir „spüren“ es, wenn wir plötzlich kapieren, warum zwei plus zwei vier ergibt oder wenn wir erfassen, dass wir deshalb vom Ehrgeiz durchs Leben gepeitscht werden, weil unsere Eltern auf unsere Leistungen fixiert waren oder wenig Zeit und wirkliche Aufmerksamkeit für uns hatten und uns damit ständig ein Gefühl von Wertlosigkeit vermittelten.
Die Erkenntnisse über uns selbst, die „Wahrheit“ über das, was unser Leben bestimmt, ist eine Emotion, die uns in ihrer Stärke tief berührt. Alte Gefühle tauchen auf, die Enttäuschungen und Schocks unserer Kindheit werden uns bewusst, die Angst vor Zurückweisung, vor der überlebensbedrohenden Einsamkeit.

Wir kamen auf die Welt voller Lebens- und Entfaltungsdrang und diese unverstellte Direktheit unserer Liebe, diese Scham- und Schuldlosigkeit konfrontierte die uns umgebenden Erwachsenen mit ihren eigenen Hemmungen, unbewussten Enttäuschungen, weckt verdrängte Schmerzen und Wut. Sätze wie: “Was willst Du denn schon wieder?!“, „Das kleine Fräulein weiß ja mal wieder genau, wo es was zu holen gibt!“, “Sei doch nicht so langsam!“, „Du gehst mir heute mal wieder echt auf die Nerven!“, vermitteln Kindern schon im Kleinkindalter allein durch den Tonfall: Ich bin nicht richtig. So wird Lebendigkeit, Liebesbedürftigkeit und Lebenslust mit „schlecht“ bewertet und nach und nach gebremst durch Schuldgefühle.

Schuld wird selten direkt zugewiesen, sondern wirkt durch die elterliche Überforderung unterschwellig auf die heranreifende Psyche des Kindes. Schauen wir anderen Eltern im Umgang mit ihren Kindern zu, wird uns schnell die Tragweite dieser Tatsache bewusst – und was das für unser eigenes Leben bedeutet. Auf Dauer können diese Schuldgefühle, dieses „Ich –bin –nicht-richtig“ ganze Leben zerstören. „Ich kenne nur ein Mittel, um mit meinem Gewissen Frieden zu machen, und das heißt leiden, so viel es geht. So viel Leid wie möglich erfahren,“ schrieb Saint-Exupéry an seine Frau, zog in den Krieg und stürzte ab.

Auch wenn wir schon lange unglücklich sind, neigen wir leider dazu zu glauben, es hätte nichts mit unserer Vergangenheit, mit unseren alten Erfahrungsmustern zu tun. Wir halten daran fest, dass unsere Kindheit wunderbar war oder wir alles längst hinter uns gelassen haben. Wir versuchen der unfassbaren Frage zu entgehen: Warum waren die Menschen, die uns erzeugten, nicht stärker, warum haben sie nicht ihre Verantwortung getragen, warum haben sie uns in unserer Einzigartigkeit nicht erkannt und uns besser geholfen diese Einzigartigkeit optimal zu entwickeln? Warum haben sie uns so viele Steine in den Weg gelegt, ihre Schwächen und Probleme an uns ausgelassen, uns missbraucht für ihr eigenes schwaches kleines Selbst? Und um es erneut zu betonen: Die Gefühle, die mit diesen Fragen herauf kommen, sind so schlimm, so tief und verzweifelt, dass wir sie damals in der Kindheit bei ihrer Entstehung verdrängen mussten, weil wir sie nicht verarbeiten konnten und auch jetzt noch alles tun, lieber weiter in unglücklichen, verqueren oder oberflächlichen Beziehungen leben mit unbefriedigenden Jobs, gefangen in unserer Sehnsucht – nur um sie nicht mehr zu spüren.

Doch wir müssen den alten Schmerz wieder heraufholen aus der Tiefe unseres Unterbewusstseins, um ihn für immer los zu werden. Wenn wir uns diesen Gefühlen nicht stellen, unsere Seele nicht von ihnen reinigen, bleibt unser Leben durch diese alten, offenen Wunden beeinflusst. Jede Begegnung mit anderen Menschen wird wieder und wieder unter der Spannung unerfüllter Wünsche und gleichzeitiger Angst vor Zurückweisung stehen, jedem unserer Ziele haftet diese Unfreiheit und Ohnmacht an.

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Wer ewig strebend sich bemüht…. Teil III

Heute: Mut 

Karl (66) hat seit einem halben Jahr starke Schmerzen beim Wasserlassen, doch er geht nicht zum Arzt. Wenn es Krebs wäre müsste er sich mit dem Tod auseinandersetzen, nach dem Sinn seines bisherigen Lebens fragen und dem fühlt er sich nicht gewachsen. 

Renate (48) weiß, dass ihr Mann sie seit Jahren betrügt, aber sie spricht ihn nicht darauf an. Sie hofft, dass er irgendwann damit aufhören wird. Sie will nicht darüber nachdenken, warum er das tut, ob ihr Mann nicht richtig glücklich ist mit ihr – oder ob es nicht längst Zeit wäre einen Egomanen wie ihn zu verlassen. Der demütigende Betrug scheint ihr Selbstwertgefühl weniger zu bedrohen, als Statusverlust und Einsamkeit. 

Ines (27) macht jeden Tag Überstunden, um das Chaos, das ihr Abteilungsleiter täglich anrichtet, auszugleichen. Sie fragt weder ihn noch höher stehende „Entscheidungsträger“ der Firma, warum sie ihre Freizeit und Gesundheit für die Fehler eines anderen hinhalten muss. Sie hat Angst vor dem Konflikt, Angst vor der schlechten Laune ihres Chefs, wenn er seine Ziele nicht erreicht, sein neurotisches Selbstbild gekränkt und seine permanente Überforderung offensichtlich wird. Dabei weiß sie, dass er sie nach all den Jahren in der Firma nicht einfach kündigen kann und das viele ihrer Kollegen ebenfalls unter ihm leiden. 

Paul (9) wird täglich von seinen Mitschülern geärgert und herumgeschubst. Als die Sportlehrerin ihn fragt, woher er die blauen Flecken hat, erfindet er eine Geschichte. Er hat Angst, wenn er den Erwachsenen von den Rüpeleien der anderen Kinder erzählt, wird es noch schlimmer. 

Konstantin (33) wird von seiner Freundin Anke (35) gefragt, ob  er sie zu dick finde. Dabei findet sie sich selbst zu dick. Warum nimmt sie nicht ab, sondern fragt ihn? Warum sagt er ihr nicht offen, dass er sie mit fünf Kilo weniger Speck am Po schöner fände? Warum versteckt er sich hinter der Ausrede „Ich will sie nicht verletzen“, wenn es ihn doch ärgert, dass sie zu bequem ist mit ihm joggen zu gehen und er sich dabei im Park schon einige Zeit nach anderen Joggerinnen umdreht? 

Warum verhalten wir uns nicht richtig, obwohl wir eigentlich genau wissen, was das Richtige wäre? Warum fürchten wir uns so sehr vor der Veränderung, den Konsequenzen des richtigen Verhaltens? Warum sind wir schwach? Und warum schaffen es einige Menschen, trotz Unsicherheit, Angst und Schmerzen, an sich zu arbeiten, sich den eigenen Problemen zu stellen – und so viele andere aber nicht?

Kant schreibt in seinem berühmten Aufsatz zum Thema `Was ist Aufklärung?´: “Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ (Kant: „Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?“, 1784)

Kant und die Aufklärung haben sich bemüht den Menschen freier und selbstverantwortlicher zu machen, indem sie von ihm forderten über die (gesellschaftlichen) Verhältnisse zu reflektieren und sich selbst eine neue, vernünftigere Moral zu schaffen, entgegen der damals noch allgegenwärtigen Leitung durch die Kirche. Moralisches Verhalten sollte nicht länger mit Gottesfürchtigkeit begründet werden, sondern sich aus der Vernunft ergeben.

Auch wenn Kant von emotionalen Verhaltensmustern und der Stärke der Prägungen in der Kindheit noch nichts wusste und seine idealisierte Verstandesleistung mittlerweile zur Diskussion steht, ist seine Aussage über die Selbstverschuldung der eigenen Unmündigkeit aus „mangelndem Entschluss und Mut“ sehr interessant. Demnach wären Mut und Entschlusskraft die revolutionären Gefühle, die die alte Menschheitsfrage beantworten, warum einige Menschen Verantwortung für ihr Leben, ihre eigene Meinung, ihre eigenen Werte und Bewertungen übernehmen und andere nicht.

Der Blick nach innen erfordert Mut. Als Kinder sind wir oft von unseren Eltern ent-mutigt worden, ihre mangelnde Wertschätzung, ihr Fehlverhalten haben uns den Mut genommen, unseren eigenen Weg zu finden.
Wir müssen Mut und Entschlusskraft als etwas erkennen und erfahren lernen, das uns weiter bringt in Richtung Freiheit und Glück. Wir fürchten uns vor unserem Unterbewusstsein und seinen gehorteten Ängsten, die dorthin verdrängte Wut, die uneingestandenen Sehnsüchte, die Schatten der Vergangenheit. Aber in genau diesen unverheilten Wunden, liegt die größte Gefahr für das Glück unseres Lebens.

Gerade das, was wir selbst nicht sehen wollen, nehmen die Menschen in unserem Umfeld um so deutlicher wahr, leiden darunter, ärgeren sich darüber. Gerade weil wir uns der Infantilität unserer Ängste und Wünsche nicht bewusst werden wollen, sind wir so angreifbar.
Doch wenn wir um unsere wunden Punkte selbst wissen, wer sollte uns dann noch damit verletzen können? Wäre es nicht ein Stück Freiheit, jemandem, der einen schmerzhaft auf einen Fehler aufmerksam macht, zu entgegnen: „Ich weiß, und ich arbeite daran!“ Hätten wir den Angreifer dadurch nicht schachmatt gesetzt? Wie würden wir selbst auf jemanden reagieren, der diese Größe hätte, diese Reife? Mut ist der Moment sich mit der Kraft seines Verstandes die eigenen Wunden anzusehen, das eigene Versagen bei der Umsetzung seiner Wünsche und Träume einzugestehen: Warum möchte ich etwas sein, etwas haben (was für mich unerreichbar ist)? Warum kann ich das Leben in seiner Banalität nicht akzeptieren und in seinen realen Möglichkeiten leben?

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Wer ewig stebend sich bemüht… Teit II

Diese Woche möchte ich etwas zu den Widerständen vermerken, die sich uns bei unserem Plan sich zu verändern entgegen stellen. Beginnen wir wieder mit einem kleinen Fallbeispiel:

Christian (54) stammt von einem kleinen Bauernhof aus Oberbayern. Dort wuchs er mit sieben Geschwistern auf. Sein Vater war sehr streng, die Mutter sehr unglücklich. Als Kind hat Christian nur von einem geträumt: Reich sein.
Mit viel Geschick, Fleiß und seinem bayrischen Charme hat er es zu einem erfolgreichen Bauträger geschafft. Er wohnt in einem großen Haus mit mehreren Badezimmern und fährt im Sommer mit seiner teuren Limousine, die mit allen technischen Extras und sogar einer kleinen Champagnerbar ausgestattet ist, nach Verona, um sich dort in der ersten Reihe im Parkett direkt hinter dem Dirigenten romantische Opern anzuhören.
Mit dem Selbstverständnis des Reichtums stellte sich rasch eine neue Unzufriedenheit und Sinnsuche in Christians Leben ein. Daher beeindruckt er gerne junge Frauen mit seinem Luxus, um in ihren Augen seinen Erfolg wieder zu spüren – und so reicht nun auch schon seine dritte Ehefrau die Scheidung ein.
Christian wäre gerne selbst ein berühmter Opernsänger, vermutet das wahre Glück in einem großen künstlerischen Talent. Da diese Sehnsucht unerfüllbar bleibt, kann Christian sie in immer schöneren Bildern ausschmücken.
Im Winter mietet er sich in einem teuren Wellnesshotel in Kitzbühl ein. Dort trifft er Menschen, die noch mehr Geld haben als er, die mit einem Privatjet am Münchner Flughafen anreisen, nur um ein paar Tage Ski zu fahren. Sie haben Firmen überall auf der Welt, Villen am Meer und Apartments in New York und sie können sich niemals länger als fünf Minuten in einem Raum aufhalten, wo kein Bildschirm mit aktuellen Aktienkursen läuft. Plötzlich ist sich Christian sicher, dass er erst glücklich wird, wenn er es ihnen gleich tut. 

Es fällt schwer sich der Frage nach dem eigenen Glück aufrichtig zu stellen, wenn um uns herum scheinbar nur junge, glückliche, selbstbewusste, coole Leute an weißen Stränden herumtanzen, die alle keine Probleme zu kennen scheinen. Wir geben uns so viel Mühe glücklich zu sein, versuchen alle Vorgaben zu erfüllen – vielleicht haben wir uns ja nur noch nicht genug angestrengt und wenn wir nur erst dies oder das hätte, dann wäre doch endlich alles gut…?!

Wir suchen uns Ziele, die wir niemals verwirklichen können. Wir träumen von einem großen Talent, von großer Schönheit oder Jugend und da sie oft mit keinem Mittel der Welt zu erreichen sind, bleibt das System „Wenn-ich-das-hätte-würde alles-gut“ stabil. So können wir weiterhin glauben, die Probleme unseres Lebens würden sich mit dem Besitz dieser Dinge automatisch auflösen. Tagträume sind wie Pflaster für die verwundete Seele und viel einfacher, als sich in die Untiefen der eigenen Gefühlsmuster zu begeben und die Ansprüche und das eigene Selbstbild zu hinterfragen. Lieber hoffen wir weiter, dass unser Glück von etwas Äußerem abhängt, als uns der Ursache unserer treibenden Sehnsucht nach diesen unerreichbaren Traumzielen zu stellen. Aber warum halten wir jahrelang Zustände voller Frustration und Unzufriedenheit aus, nur um uns nicht verändern zu müssen?

Unser Unterbewusstsein kennt keine Zeit, d.h. die Sorgen, Nöte und Sehnsüchte unserer Kindertage sind dort zeitlos archiviert, die Ängste und Seelenschmerzen sind so frisch, als wären sie eben erst passiert. Auch wenn wir heute lächeln über unsere Kinderängste und Kinderwünsche: Unsere Psyche betreibt viel Aufwand, damit wir sie in ihrer ursprünglichen Heftigkeit nicht wieder spüren müssen. Sie kreiert Verhaltensweisen und Welterklärungen, die unsere alten unverarbeiteten Ängste und die Wut nicht an die Oberfläche unseres aktuellen Lebens kommen lassen. So lange es irgendwie geht versuchen wir mit den Glücksversprechen der Gesellschaft der Wahrheit unserer Gefühle zu entkommen, um diese schmerzvolle Einsichte und die unbequemen Konsequenzen zu vermeiden. Die Psyche will heilen – aber bitte ohne Schmerzen! Leider geht das nicht.

Darüber hinaus wird die ganze Ausrichtung unseres bisherigen Lebens durch die Einsicht in unsere Prägungen in Frage gestellt. Denn all unsere Ziele und Glaubensgrundsätze sind ja überschattet von den Defiziten und falschen Werten unserer Erziehung. Die Notwendigkeit der Trauer um die verlorene Zeit, die vergeudete Energie, die verpassten Gelegenheiten, ist ein großer Widerstand gegen die Wahrheit. Doch es braucht immer eine Zeit der Instabilität, um wirklich etwas zu ändern. Und daher kommen wir um diese irritierende, schmerzhafte Infragestellung nicht herum auf unserem Weg zur Freiheit.

Häufig gestehen wir uns erst ein, das wir nicht glücklich sind, uns leer und gejagt fühlen, wenn wir richtig zusammen brechen, unser Leben kollabiert und wir uns als totale Versager fühlen. Erst dann sind wir bereit dem Eingeständnis auch unbequeme Konsequenzen folgen zu lassen und wirklich etwas grundsätzlich zu ändern. Oft braucht es schockartige, existentiell bedrohliche Erlebnisse, eine schwere Krankheit, eine plötzlich gescheiterte Beziehung oder eine Kündigung im Job, um uns mit dem Verdrängten, mit dem Ursprung unserer Erfahrungsmuster wieder in Berührung bringen. Dann begreifen wir langsam, dass wir selbst etwas tun müssen, dass wir in etwas fest stecken, dass sich nicht mit dem nächsten Partner oder Job oder einem ausgiebigen Einkaufsbummel beheben lässt. Eine solche tiefgreifende Veränderung bereitet Mühe und Schmerzen, Unsicherheit und Angst. Sie bringt unser ganzes Leben durcheinander und deshalb haben wir auch so lange wie möglich versucht, einen anderen, weniger schwierigen Weg zu finden. Unser Selbstwertgefühl wird durch die Einsicht, das etwas nicht stimmt mit unserem Leben, mit uns selbst, noch weiter angegriffen.

Wir können diese Ambivalenz auflösen, die in unserem Unterbewusstsein konservierten Kinderschmerzen, Kindersehnsüchte verarbeiten und dadurch freier und stärker werden und glücklicher. Dieser Wunsch muss nur größer sein als die Angst vor der Reinigung alter Wunden und Glaubensgrundsätze. Es erfordert viel Mut, diesen Weg zu gehen, aber er lohnt sich. 

Es gibt eindeutige Hinweise auf diese vergrabenen Altlasten: Brauchen wir äußere Anerkennung in einem Übermaß, um unser schlechtes Selbstwertgefühl zu kompensieren, uns durch den Besitz bestimmter Dinge gut zu fühlen? Haben wir eigentlich gar keinen Zugang zur Welt, rennen ständig hinter etwas her und betrachten gleichzeitig alles um uns herum wie „Fremdkörper“, die uns letztlich nicht wirklich erfüllen? Brauchen wir von diesen Fremdkörpern immer mehr und neuere, teurere, chicere, größere, schnellere, hübschere, ohne dass die Sehnsucht endlich Ruhe gibt? Wie weit können wir die schönen Sachen, unsere Erfolge genießen, für uns ausschöpfen, geben sie uns Kraft? Oder suchen wir uns immer wieder Ziele, die völlig unrealistisch sind, die uns in der Utopie eines besseren Lebens festhalten? Glauben wir von manchen Menschen (oder ihrem Umfeld), sie könnten uns aufwerten und glücklicher machen? Stellen wir durch die Meinung anderer unseren Wert grundsätzlich in Frage oder erhebt uns jedes Lob in einen Rausch (der leider auch wieder schnell vergeht)? Ist uns die eigene Fassade wichtiger als ein ehrlicher Kontakt zu anderen, die dann auch um unsere Fehler und Schwächen wissen? Verbindet uns wirklich etwas mit den Menschen, mit denen wir uns umgeben? Können wir uns auf unseren Partner richtig einlassen, schaffen wir es ihm zu vertrauen?

Glauben wir sehnsüchtig, dass unser Glück sofort eintritt, wenn wir die Insignien des Erfolges nur hätten, dann ist das ein erster Hinweis darauf, dass wir damit alte Kindersehnsüchte stillen wollen. Eine wirklich glückliche Kindheit (und nicht eine, die wir uns als solche zurechtzimmern), mit genügend Liebe und Wertschätzung, lässt diese übermäßige, neurotische Sehnsucht nicht aufkommen. Natürlich strebt auch ein Mensch mit einer gesunden Kindheit nach Anerkennung und Liebe, aber er hat nicht diese ihn treibende, „reißende“ Sehnsucht, die ihn abhängig macht, unfrei und fremdbestimmt, die ihn an seine Träume fesselt oder ihn immer weiter rennen lässt in der Hoffnung irgendwann im „totalen Hype“ anzukommen. Die Übergänge sind (wie immer) fließend. Eine unreife Persönlichkeit fällt nicht völlig heraus aus den Prinzipien des normalen Verhaltens. Sie übersteigert sie nur. Der Traum vom totalen Glück ist nur eine Steigerung des Traums vom Glück.

Neben den bewussten Tagträumen gibt es auch noch die Träume, die wir im Schlaf haben und deren Inhalt wir nicht steuern können. Manchmal empfinden wir sie als schön, manchmal erschrecken sie uns. Nur wenn sie uns emotional sehr stark berühren, können wir uns nach dem Aufwachen noch an sie erinnern, denn eigentlich sollten unsere Traumemotionen unseren Schlaf nicht stören. Die Erlebnisse des vergangenen Tages sollen dezent in den Traumbildern verarbeit werden. Sind wir aber in unserer Wachphase sehr stark emotional gefordert (auch wenn wir das gar nicht so stark wahrnehmen oder wahrnehmen wollen) oder wenn unsere Erlebnisse an verdrängte Gefühle anknüpfen, holen unsere Emotionen uns in ihrer Intensität oft in den Nachtträumen wieder ein. Unsere Empfindungen sind dann in seltsamen Bildern verschlüsselt, um sie abzuschwächen und weiterhin vor unserem Bewusstsein zu „vertuschen“. In Schlafträumen ist unsere Psyche immer wieder mit unseren Ängsten und Sehnsüchten konfrontiert, die wir uns im wachen Zustand so nicht eingestehen können. Sie „dämmern“ herauf und fordern ihr Geltungsrecht ein – gegen alle Werte und Konventionen. Freud bezeichnete unsere Träume deshalb als „Königsweg zum Unterbewussten“.

Es gibt keine allgemeingültige Übersetzung der Traumsymbole: Das Unterbewusstsein jedes Menschen lässt seine Träume aus den eigenen Tageserlebnissen (Tagesresten) in Kombination mit den eigenen Emotionen, Lust- und Angstmustern entstehen. Dadurch ist die Bewertung der Traumsymbole zum größten Teil individuell. (Für den einen Menschen ist ein Hund etwas positives, etwas, dass er sich vielleicht immer gewünscht hat, weil er Hunde liebt. Jemand anderes hat dagegen Angst vor Hunden und wenn in seinen Träumen ein Hund vorkommt, steht das für etwas Bedrohliches. Andererseits empfinden die allermeisten Menschen es als wunderbar, wenn sie im Traum einfach fliegen können und fast jeder hat Angst, wenn er im Traum mit einem Flugzeug abstürzt.)

Ein eindeutiger Hinweis auf uneingestandene Ängste und Probleme sind Träume, die immer wiederkehren. Träumen wir regelmäßig davon aus großer Höhe herunter zu fallen oder nackt vor einer Menschenmenge zu stehen, ohne dass uns das je im Leben wirklich passiert wäre, können wir davon ausgehen, dass unsere Phantasie diese Situationen im Traum erschafft, um Hinweise zu geben auf verdrängte, drängende Gefühle. Ihre Bedeutung wird häufig schon klar, wenn man nur die Worte beachtet, mit denen wir selbst diese Träume erzählen und unsere Emotionen dazu beschreiben: „In die Tiefe stürzen, ohne Halt“, „bloßgestellt von allen begafft werden“. Ein Traumtagebuch, in das wir die Träume direkt nach dem Aufwachen in Worte übersetzen, kann uns hier große Dienste bei der Selbsterkenntnis leisten. Wenn die Emotionen erst mal aufgeschrieben vor uns stehen, dann lassen sie sich nicht wieder so schnell verleugnen.

Ein anderer Hinweis auf Altlasten in unserem Unterbewusstsein, die unser aktuelles Leben beeinträchtigen, sind emotionale „Ausraster“. Immer wiederkehrende Wutattacken, aber auch plötzliches unvermitteltes Weinen oder völlige Gefühlstaubheit stehen für starke Gefühle, die aus dem Unterbewusstsein heraufdrängen. Meist werden sie durch eine vergleichbare Situation, die an unsere Erfahrungen der Kindheit anknüpft, hervorgerufen oder verstärken sich im Laufe der Zeit, die diese belastende Situation anhält. Denn durch unsere Sehnsucht nach Wiedergutmachung drängt uns unser Unterbewusstsein ja immer wieder in die Wiederholung der Vergangenheit – bis wir sie endgültig bewältigen und uns von den alten Ängsten und Sehnsüchten befreien.

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Wer ewig strebend sich bemüht…. Teil I

Zum Jahresende beschließen wir ja immer wieder gute neue Vorsätze für das nächste Jahr: Alles soll anders werden. Wir wollen uns und unser Leben unbedingt verändern d.h verbessern. Nur leider klappt das sehr oft nicht.
Daher jetzt in den letzten Wochen des Jahres an dieser Stelle eine Kurzserie zum Thema Veränderung – und worauf es Schritt für Schritt ankommt (anhand einiger Fallbeispiele illusriert).

Nicole und Oliver kennen sich seit der Schulzeit. Nach dem Abitur beginnt Oliver in einer andere Stadt an einer angesehenen technische Universität zu studieren. Nicole zieht zu ihm, obwohl sie keinen Studienplatz hat. Anfangs kellnert sie in einer Kneipe, danach arbeitet sie in einer Boutique. Sie weiß nicht so recht, welcher Beruf sie interessiert und hat auch keine Lust sich wirklich mit dem Problem auseinander zu setzen. Gleichzeitig sehnt sie sich nach Sicherheit. Eigentlich wartet sie nur darauf, dass Oliver seinen Abschluss macht und sie mit ihm eine Familie gründen kann. Sie umsorgt ihn, der sich das gerne gefallen lässt, kümmert sich um den Haushalt und kocht. Sie vertraut auf seine Bequemlichkeit, begleitet ihn auf jede Studentenparty und ins Fitnessstudio, immer von der Angst getrieben, dass er irgendwo eine andere kennen lernen könnte.
Fünf Jahre später hat Oliver seinen Abschluss mit Auszeichnung in der Tasche. Zum Junggesellenabschied plant er mit seinen Kumpels ein Skiwochenende in Österreich. Heimlich mietet sich Nicole im selben Hotel mit ihren Freundinnen ein und als sich sogar ihre Schwester darüber wundert, behauptet Nicole, sie habe nur Angst, dass sich Oliver, wenn er zu sehr feiert, verletzen könnte.
Das frischvermählte Ehepaar zieht in die Nähe von Nicoles Eltern, bekommt drei Kinder und Oliver arbeitet als Ingenieur in einem großen Konzern. Nicole hat jetzt alles, wovon sie immer träumte: Oliver hat sie geheiratet, sie hat ein Haus und Kinder, sie hat es geschafft.
Eines Tages, die Kinder gehen schon ins Gymnasium, wird Nicoles Vater krank und stirbt nach einem halben Jahr. Oliver zieht sich in dieser Zeit immer mehr zurück: Am Schicksal seines Schwiegervaters wird ihm klar, wie schnell das Leben zu Ende und wie sehr es von den Erwartungen  anderer bestimmt sein kann. Nach der Beerdigung sagt er Nicole, dass er nicht länger bereit ist die ihm zugedachte Funktion in ihrem Lebensentwurf zu erfüllen und verlässt sie. Für Nicole bricht die Welt zusammen.

Probleme sind Aufgaben, die uns das Leben stellt. Und das Leben stellt uns immer wieder vor die gleichen Aufgaben, konfrontiert uns mit den unverarbeiteten Emotionen der Vergangenheit und fordert von uns ihre Bewältigung. Haben wir eine dieser Lebensaufgaben gelöst, kommen wir voran, fühlen uns sicherer, stärker, gelassener, können mit schwierigen Situationen besser umgehen und das Leben mehr genießen. Wir kommen der Freiheit ein Stück näher, wenn wir uns von der Fremdbestimmung durch alte Wunden lösen.

Versuchen wir die Schmerzen zu umgehen, treten wir auf der Stelle und geraten immer wieder in die gleiche Situation. Wir haben solange die gleiche Art von Beziehung, die gleiche Jobsituation, die gleiche Art von Freundschaften, Krankheiten, Süchten, bis wir die Aufgabe, die uns das Leben vorsetzt, wirklich angehen. Wir werden immer wieder und weiter darauf hingewiesen, wenn etwas nicht „gesund“, nicht gereift ist, wenn wir in Verhältnissen leben, in denen wir uns nicht entfalten können, die lieblos und rücksichtslos sind, in denen andere auf unsere Kosten ihren Interessen nachgehen. Das Leben legt uns Stolpersteine in den Weg, die anfangs klein sind und wenn wir sie ignorieren, immer größer werden: Wir stehen immer wieder vor den selben Problemen, wenn wir uns weigern falsche Verhaltensmuster, falsche Regeln zu erkennen, umzudenken, bewusst umzulernen und neue Orientierung zu suchen.

Doch selbst wenn wir schon auf dem richtigen Weg sind, träumen wir noch oft genug davon, es möge einer kommen, der alles „gut macht“. So etwas passiert nicht. Es passiert nur, wenn wir gar nicht mehr daran denken. Es passiert, wenn wir das Problem vorher selbst gelöst haben und so weit sind, diesem tollen Menschen, dem tollen Angebot ge-wachsen zu sein. Nur wer sich mit Schwierigkeiten auseinander setzt, sie nicht verdrängt, nicht vor ihnen flieht oder sie anderen zuschiebt, bekommt etwas „geschenkt“. Wenn wir darauf warten, dass sich etwas von alleine löst, verhalten wir uns wie Kinder, die ihr Leben nicht selbst bestimmen können.

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Harry Potter und der Papst

Dass das Leben etwas Sinnvolles ist und jeder von uns etwas Einzigartiges, ist wohl die größte Selbsttäuschung der Menschen. Und trotzdem scheinen wir es nicht zu ertragen, dass wir so unwichtig und sterblich sind. Wir harry-pottern uns zu Zauberern oder twilighten uns zu unsterblichen Vampiren. 

Wer glaubt, dies sei ein Auswuchs der Moderne, der irrt. Der christliche Glauben geht auch nur vom Erhalt der unsterblichen Seele im Jenseits aus, einer fortbestehenden Persönlichkeit im Paradies ohne Schmerz und Tod und mit übersinnlicher Kraft. Für diesen Aberwitz mit Orientierungsanspruch werden nach wie vor Städte lahm gelegt, Millionen ausgegeben, wie unlängst in Erfurt. Und alte Damen stehen mit verzücktem Blick mindestens so ergriffen am Rande des roten Teppichs, an dem auch die Twilight Stars entlangflanieren könnten, hinein in den Cinematempel zum Event der Verklärung. 
Es macht keinen Unterschied. Wir ertragen unsere Gewöhnlichkeit auf Dauer nicht. 

Es scheint ein Teil unserer Menschlichen Natur zu sein, dem Zauber des Übersinnlichen nur zu gerne zu erliegen. Nur dass die Kirche weit mehr Morde und Leid in ihrer so betonten Kulturgeschichte zu verzeichnen hat, als der Harry Potter Kult. Und dass die Kirche Anteile an Verlagen hält (z.B. Weltbild), die Pornographiebücher herausbringen. Dagegen weiß wohl jeder Zuschauer, das er zur Kasse gebeten wird, um anderen (Produzenten, Buchautoren, Darstellern) wiederum ihren Glauben zu ermöglichen: Den Glauben an ein besseres Leben durch finanziellen Erfolg, die Möglichkeit die eigene Bedeutung zu erheben im Rausch des Geldes. 

Aber manchmal versetzt der Glaube ja auch Berge. Und der höchste Berg ist sicher: Ein sinnloses Leben in ein sinnvolles zu verwandeln – wider alle Vernunft und trotz aller Bigotterie.

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Darwins Mauern

Fast 2/3 des Nettovermögens in Amerika liegt in den Händen von 5%  der Bevölkerung. In Deutschland besitzen diese oberen 5% immerhin „nur“ etwas weniger als die Hälfte. Damit klafft die Schere von arm und reich in den USA weiter auseinander als in Ägypten oder Tunesien. Eine kapitalistische Oligarchie entwickelt sich dort gerade, ähnlich der in Russland, Brasilien oder Mexiko.

Diese Hyperkonzentration von Wohlstand an der oberen Spitze der Gesellschaft gab es vorher schon einmal zu Zeiten der Industriellen Revolution: „Gilded Age“ wurde und wird sie genannt (nach Mark Twain) – geprägt von Massenarbeitslosigkeit, Armut und einer zerrissenen Gesellschaft. Heute sind es aber Hedgefond-Manager und Finanzmagnaten, statt Eisenbahnbauer, die das Geld aus der Gesellschaft herausziehen und damit die Macht übernehmen. Im vergangenen Jahr verdienten die 25 bestbezahltesten Unternehmensführer der USA mehr als ihre Konzerne Steuern zahlten.

Und die Ursache für all das liegt in: Politischen Entscheidungen! also der Deregulierung der Finanzindustrie betrieben durch eben ihren Lobbyismus bei den Politikern. Sanford Weill, Leiter der Citygroup, hat in seinem Büro in einem Rahmen den Stift hängen, mit dem Bill Clinton – auf Weills Betreiben hin – den Zusammenschluss von Investmentbanking und normalen Bankgeschäften unterschrieb. (Dazu kommen Steuersenkungen auf Kapitalerträge von 40% auf 15% und die Senkung des Höchststeuersatzes von 70% auf 35%.)

Mittlerweile wird auch wissenschaftlich anerkannt, dass sich das Wirtschaftswachstum verlangsamt, die Wirtschaftskrise sich ausbreitet, durch dieses erhebliche Ungleichgewicht in der US-Gesellschaft. Nur wer hat diese Politiker gewählt?

In unserer Demokratie gewinnt derjenige die Macht, der die hemmungslosesten Wahlversprechungen macht: Die Politik lebt somit auf ständigem Pump, um an der Macht zu bleiben, die dann aber hauptsächlich denen nutzt, die dort mit viel Geld und Einfluss persönlich ihre Interessen vertreten können. Und jeder Kleinbürger fällt auf die Versprechen rein, dass ihm durch seine Wahl ein Vorteil zukommen würde.

Beim Kleinbürger und bei den Großen der Finanzbranche zählt nur der eigene Vorteil. Wir sind nicht die Krönung der Schöpfung, aber wir können uns darauf einstellen. Nur unser System ist schon lange nicht mehr so strukturiert, dass durch den Egoismus jedes einzelnen der Wohlstand aller gemehrt würde, so wie Adam Smith es angestrebt hatte.
Heute überleben nur noch die Tauglichsten (die Allgemeinheit bleibt auf der Strecke), jedenfalls solange, bis ihre Mauern und Zäune, ihre Warnanlagen und Überwachungskameras noch nicht überwunden werden von der blinden, wütenden Masse, die nichts mehr zu verlieren hat. Die Dummheit ist besonders gefährlich, wenn sie als solche verkauft wurde. Vielleicht hätte Sanford Weill daran denken sollen, als er den Kugelschreiber in sein Büro gehängt hat. Vielleicht hätte er daran denken sollen, dass letztlich die größeren Gruppen mit dem höheren Leidensdruck siegen – auch bei Darwin. Ich frag mich dann immer, warum diese mächtigen Männer daran nicht denken…

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Die 70% Frage

Gerne wird heute die hohe Scheidungsrate von den Medien angeklagt, zusammen mit dem versteckten Vorwurf unserer mangelnden Beziehungsfähigkeit aus purem Egoismus. Dieser Vorwurf stimmt aber nur zur Hälfte. Denn viele Beziehungen werden viel zu lange ertragen, trotz Lieblosigkeit und einem massiven Ungleichgewicht von Geben und Nehmen und schlechtem Benehmen. Dazu kommt ein Mangel an Selbstwertgefühl (oftmals angefeuert durch die Medien), die Angst den Weg nicht alleine weiter gehen zu können und das alles aus der Gewohnheit von Lieblosigkeit aus Kindertagen.

Dass überhaupt irgendjemand eine Beziehung aufrecht erhält mit einer Belastung von zwei oder noch mehr Kindern und vielleicht sogar darüber hinaus immer wieder aufs Neue den richtigen Abstand, das richtige Maß an Vertrauen und Spannung hin bekommt, ist wohl die größte Leistung, zu der unsere Psyche überhaupt fähig ist. Warum wird das eigentlich niemals erwähnt in den Statistiken: Ich finde es unglaublich erstaunlich, dass jede zweite Ehe hält!

Die Scheidungen nach der gemeinsamen Aufzucht von Kinder gehen zu 90% von Frauen aus: Sie müssen sich heute nicht mehr aus finanzieller Not mit den Lieblosigkeiten ihrer in die Jahre gekommenen Ehemänner abgeben. Oft haben sie diese Trennung lange gedanklich vorbereitet und aus Rücksicht auf die Kinder den Schritt nicht eher gewagt. Und eigentlich ist es doch sehr bewundernswert, dass jemand den Mut aufbringt ein völlig neues Leben aufzubauen in einem Alter, in dem alle vorherigen Generationen schon begonnen hatten mit dem Leben abzuschließen.

Sicher gibt es daneben auch viele Menschen, die ihren aktuellen Partner durch die Schablone einer irrationalen Maßtabelle sehen und ewig mit der Maxime unserer Konsum- und Wegwerfkultur im Kopf  leben (vielleicht gibt es doch noch was Besseres…), dem Prinzip von Angebot und Nachfrage und der Analyse des eigenen Marktwertes. Manche lassen sogar von Anfang an jeden potentiellen Partner über die Klinge dieser überzogenen Erwartungen springen. Doch es gibt fast genauso viele Menschen, die um ihre Beziehungen kämpfen, obwohl sie sich täglich fragen: Wie weit bin ich in meiner Beziehung eigentlich noch glücklich?

Jeder von uns kann sich das selbst und am besten im Stillen mal beantworten: Was erwarte ich für eine „Glücks-Quote“ für meine Beziehung und was für eine lebe ich gerade?
Reichen 50% zu 50% aus oder 60% zu 40% (wobei hier natürlich 60% Glück gemeint sind gegenüber 40% Unzufriedenheit – denn anders herum kann man ohnehin nur zur Trennung raten oder eben die Frage stellen: Warum tun Sie sich das an?).
Was kann ich erwarten? Ist 70% Glück zu 30% Unglück realistisch? Ich kenn aber auch Leute die leben eine 80% zu 20% Beziehung und warum soll mir das nicht auch passieren können? Darf ich darauf hoffen oder arbeite ich lieber darauf hin? Woran hängt es, dass mir das nicht zu Teil wird?

Feindliche Partnerschaften sind der häufigste Grund für psychische und körperliche Störungen, für Depressionen, Tinnitus, Migräne, Schlafprobleme: Mobbing in der Partnerschaft ist definitiv noch viel schlimmer als Mobbing im Büro.
Ein feindliches Umfeld (finanzielle Umstände, Krankheit, etc.) lässt Paare zusammen rücken. Aber ist das dann Glück? Da hilft es uns auch überhaupt nicht, dass immer wieder erzählt wird, dass es früher diesen Anspruch an das persönliche Liebesglück kulturell ja gar nicht gab und Kinder und Vermögensmehrung und Einfügung ins vorgegebene Gesellschaftsgefüge wichtig waren (gerade wieder ist dazu ein vielbeachtetes Buch erschienen von Eva Illouze: „Warum Liebe weh tut.“)
Die Menschen waren damals oft genug sehr unglücklich, auch wenn sie es noch nicht als persönliches Versagen bewertet haben. Und außerdem: Heute ist es eben nicht mehr so.

Heute ist der Faktor Sexyness als ein wirklich neuer Faktor der Moderne hinzugekommen. Dieser bringt einigen Menschen einen besonderen Vorteil, der ihnen früher durch den genauso ungerechten Familienstand nicht zum Teil wurde. Dafür kommt der damals sehr wichtige „schöne Charakter“, gutes Benehmen und Handeln, heute viel zu kurz: Ein Mensch galt als hässlich (egal wie er aussah), wenn er sich hässlich benahm, hässlich handelte.

Genauso, wie man heute an seinen psychischen Prägungen und Erfahrungen herumbastelt, versuchte man in der Romantik des 19. Jahrhunderts seinen guten Charakter zu schulen. Dieser stand noch völlig unter dem Regime des Bewusstseins, doch letztlich versuchen wir heute auch nur über Bewusstwerdung unserer unbewussten Prägungen an unser Ziel zu kommen: Die Optimierung unserer Beziehungsfähigkeit mit dem Zweck der Optimierung unseres Glücks. Das Ideal, das uns vorschwebt, hat sich (jedenfalls bei uns Frauen) seit dem 19. Jahrhundert kaum geändert.

70% oder nicht 70% – das ist und bleibt hier die Frage.

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Despoten

In Brüssel gibt es ca. 700 Finanzlobbyisten. Sie setzen sich mit Nachdruck dafür ein, dass kein neues Gesetz den Interessen der Banken, Hedgefonds, Versicherungsfirmen und Private-Equity-Firmen zuwider läuft. Kein Restaurant ist ihnen zu teuer, um dem entsprechenden Abgeordneten zu erklären, dass Spekulationen mit Agrarrohstoffen keine Auswirkung auf die Welternährung hätten. Sie schicken vorgefertigte Gesetzestexte und erklären ihnen genau, wo sie ihr Kreuz auf der Abstimmungsliste machen sollen. Für ihre Machtspielchen haben sie 400 Millionen Euro im Jahr zur Verfügung.
Doch jetzt haben sich die Parlamentarier das erste Mal gewehrt: Sie haben eine alternative Expertise, ein Gegengewicht zu all den Finanzwirtschaftslobbyisten geschaffen. Dahinter steht die erstaunliche Einsicht, dass der mangelnde Sachverstand der Politiker unsere Demokratie gefährdet. 140 Abgeordnete haben sofort unterschrieben. Erstaunlich: Einige scheinen sich wirklich daran erinnert zu haben, wozu sie ihre Ämter innehaben oder warum sie mal in die Politik gegangen sind. Sie spendeten sogar für die Findungsphase dieser Institution privates Geld!
Jetzt haben sie den geeigneten Kopf für diese Abteilung Finance Watch gefunden: Thierry Philipponnat, ein Franzose, der 20 Jahre selbst in der Bankenbranche für UBS und BNP Paribas hochkomplexe Finanzgeschäfte absolviert hat – bis ihm 2006 der Sinn seines Tuns abhandengekommen ist und er die französische Abteilung von Amnesty International leitete. Er habe nix dagegen, dass Leute in der Finanzbranche schweinereich würden, aber nicht wenn die Allgemeinheit dafür die Risiken tragen, sagt er.
Man fragt sich ja, warum diese Finanzlobbyisten und ihre Chefs nicht verstehen, dass sie mit ihrer Gier und ihren Gewinnvorgaben die Welt an den Abgrund führen, in der auch sie leben. Es gibt kein Zaun, der letztlich hoch genug wäre, um eine wütende, leidgeplagte Masse abzuhalten sich irgendwann die Schuldigen vorzuknöpfen.
All den Bänkern da draußen sei deshalb folgendes Foto als Mahnmal auf den Schreibtisch gestellt:


Die Dinge ändern sich. Immer.

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Heldendämmerung

Eine 2009 veröffentlichten Studie im Auftrag kirchlicher Männerorganisationen in Deutschland filterte vier unterschiedliche Männertypen heraus, die die Presse letzte Woche erneut bestätigte:

1.)   Den „(teil-)traditionellen Mann“, der sich noch immer als Haupternährer der Familie sieht, aber zunehmend die Berufstätigkeit von Frauen und Müttern anerkennt. Dieser Gruppe gehören 27 Prozent der knapp 1500 befragten Männer zwischen 17 und 85 Jahren an.

2.)   Den „modernen Mann“ (19 Prozent), der für eine gleichberechtigte partnerschaftliche Arbeitsteilung in Beruf und Familie ist.

3.)   Den „balancierenden Männertyp“ (24 Prozent), der sich aus den traditionellen und modernen Werten das herausfiltert, was in sein Lebenskonzept passt (also ein Mittelding aus 1. und 2.)

4.)   Den „suchenden Mann“ (30 Prozent). Er hat seinen festen Platz in der Gesellschaft, in Familie und Beruf noch nicht gefunden. 

Nach dieser Studie wäre „die große Krise des Mannes“ auf 30 Prozent der Männer beschränkt. Die meisten Männer zwischen 25 und 55 würden sich wahrscheinlich zur Gruppe 3 gehörig fühlen – auch wenn ihre Frauen das wahrscheinlich so auslegen würden: Wenn er was im Haushalt machen soll, dann ist er traditionell; wenn es um´s Bezahlen geht aber modern…
Auch der Typ Nummer 1 wäre für moderne Frauen bis 59 Jahren (und wahrscheinlich auch oft genug darüber hinaus) nicht akzeptabel.
Typ 4 geht ohnehin gar nicht: Bindungsunfähig und meist mit einer Mutterproblematik belastet.

Fazit: Wir Frauen haben mit 81 Prozent der heutigen Männer Probleme. Das entspricht ungefähr den Beschwerdethemen, die bei mir als Psychologin von Frauen eingehen. Und umgekerhrt treffe ich auf  vierfünftel aller Männer, die merken, dass die Frauen nicht mehr mit ihnen zurecht kommen: „Zu hohe Ansprüche“ lautet meistens die Beschwerde der Männer und „Mann kann es ihnen nicht mehr recht machen“.

Ich glaube, wenn es mehr wahrhaftige Teilnehmer der 2. Gruppe gäbe, wäre das Problem auf beiden Seiten gelöst.


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Sei Du selbst und anderer Stuss

Liebe Kritiker,

wie kommen Sie immer wieder darauf, dass ich prinzipiell unglücklich bin, weil ich mich über die Zustände in dieser Welt aufrege und dagegen anschreibe? Wie kommen Sie dazu mir immer wieder mal diesen Satz zu schreiben: Ist doch egal, was die anderen tun oder denken – Hauptsache man selbst weiß wie es wirklich ist und wird glücklich damit (oder so ähnlich)?! Nein! Mit Verlaub: Das ist kompletter bauernpsychologischer Stuss.

Genau an dieser Einstellung „Hauptsache ich komme zurecht“ krankt unsere Welt. Dieser Satz mag für die kurze Zeitspanne der Pubertät in gewissen Bereichen seine Gültigkeit haben, darüber hinaus ist es eine infantile und egomane Einstellung. Es ist uns auch nie egal was andere von uns denken, denn wir sind Gruppenwesen, die existentiell davon abhängig sind, dass andere positiv von uns denken, damit sie uns notfalls helfen. Gerade Menschen die behaupten, es wäre ihnen egal, was andere von ihnen denken, tun dies wie trotzige Kinder, weil sie oftmals tief gekränkt wurden von der Meinung anderer. 

Wieso sagen und schreiben mir besonders männliche Leser immer wieder diesen dämlich Satz: Du hast doch alles, warum machst Du es Dir so schwer? – Warum sollte ich es mir leicht machen und mit der gewonnenen Langeweile und Gleichgültigkeit mein Leben vergeuden?! Für mich ist es in keinster Weise ein Ziel ein leichtes Leben zu haben. Wieso auch, warum sollte das besser sein, als ein Leben, dass sich ständig an schwierigen Erfahrungen reibt?! Ich bin kein verzweifeltes kleines Mädchen, was seufzend vorm Computer sitzt und die böse Welt nicht versteht. 

Es ist nicht hinzunehmen, dass man selbst ein glücklicher Mensch ist und seinen Platz im Leben gefunden hat und dadurch einem die Welt in ihren schädlichen Vorstellungen egal wird. Wenn ich nicht mehr an den Missständen in der Welt Anstoß nehme und mich über die von mir erkannten Irrwege aufrege, bin ich tot. Das wird sicher irgendwann eintreten, aber im Moment fände ich es sehr schade. 

Es ist absolut nicht hinzunehmen, wenn die Menschen um einen herum subtile Komplexe entwickeln, weil sie nicht den Standartmassen von Models gewachsen sind oder den Körper der eigenen Freundin oder des eigenen Freundes verwünschen. Es ist nicht hinzunehmen, wenn die Mehrheit annimmt Herr zu Guttenberg ist ein hervorragender Politiker, wenn er vom ersten Tag an eigentlich ganz offensichtlich nur ein Blender war, viele aber an diesen falschen Messias glauben wollten (wohin das führt, sollten neben uns Deutschen auch mittlerweile alle anderen wissen). Ob Models dämliche Interviews geben und noch schwachsinnigere Zeitungen das abtrucken und in ästhetischer Oberflächlichkeit das Heil der Menschheit preisen oder Herr Guttenberg als gegelter Betrüger der Kanzler der Herzen war, finde ich persönlich besonders erschreckend, weil ich in diesen „Paradiesesvorstellungen“ das Betäubungsmittel für die Eigenverantwortung sehe – das höchste Gut der Menschen. 

Wir leben in einer Kultur und in einer Zeit, in der nicht mehr der Feind in einer großen politischen Gegenmacht und in klaren Grenzen zu finden ist (nicht nur die Amerikaner spüren das gerade sehr deutlich). Es ist nicht mehr so einfach Gut und Böse auseinander zu halten. Die Grenze verläuft in unserem eigenen Denken und besonders in unserem Verhalten, unserem Selbstbild, unserem alltäglichen Handeln: Der Krieg findet in unseren eigenen Köpfen statt. Wachsender Wohlstand ist nicht mehr das Ziel der Zukunft, weder für die Welt noch für uns selbst. Doch wir sind nach wie vor im Alltag unserer hochindustriellen kapitalgesteuerten Wertewelt diesen Glaubensgrundsätzen ausgesetzt. Sie hängen uns wie falsche Götter täglich vor der Nase: Ganze Häuserwände sind mit neuen futuristischen Autobildern verhüllt, jede Strumpfhose die wir kaufen schickt ein langbeiniges Vorbild in unser Unterbewusstsein. Wir sollen immer noch all das kaufen, brauchen für all das Öl, was aus Ländern kommt, die all das gerne in die Luft sprengen würde (aus Neid oder aus religiöser Besserwisserei, was auch nichts anderes als Neid ist). Es ist als säßen wir hungrig vor einem vollgedeckten Tisch und wüssten, dass die Speisen alle vergiftet sind. Und dann kommt noch ein Schlaumeier von einem Kellner vorbei und sagt einem: Sei einfach Du selbst!

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Von Models und Investmentbänkern

Folgendes Interview mit irgendeinem einigermaßen bekannten deutschen Fotomodel habe ich letzte Woche in einem Hochglanzmagazin bei meinem Zahnarzt gefunden. Es ist für mich ein Sinnbild unserer gerade sehr kranken Welt: 

Zeitung: Was war bisher Dein aufregendster Job?
Model: Ich finde es immer total aufregend für ein Shooting an einem tollen Ort gebucht zu werden, vor allem bei Bikiniaufnahmen kommt man an die schönsten Strände der Welt. Einmal hatte ich ein Shooting mit einer Würgeschlange, aber ich wollte es natürlich unbedingt gut hin bekommen. Das war eine tolle Erfahrung, ach war ich nervös.
Zeitung: Wie kleidest Du Dich privat?
Model: Lässig bis chick.
Zeitung: Du bist ja hübsch und begehrt… Was ist Dir außer Mode sonst noch wichtig?
Model: Ich verbringe viel Zeit mit Freunden und meiner Familie, Menschen die mich gerne haben. Ich brauche das zum Ausgleich für die vielen Reisen.
Zeitung: Es wird ja oft behauptet, dass Models nicht richtig essen…
Model: Andere müssen sich sicher runter hungern, um Erfolg zu haben. Bei mir sieht das glücklicherweise anders aus. Ich achte auf meine Ernährung und treibe viel Sport… solange man das mit dem Süßkram nicht übertreibt, ist das sicher auch mal erlaubt.
Zeitung: Was möchtest Du nach Deiner Modelkarriere machen?
Model: Ich habe mein eigenes Modelabel gegründet. Somit bleiben andere Möglichkeiten, falls es mal mit dem Modeln irgendwann vorbei sein sollte.
Zeitung: Bist Du eine Fashionista?
Model: Ich finde es schon immer erschreckend wie viel Geld ich schon wieder für Klamotten ausgegeben habe, wenn ich meine monatlichen Kontoauszüge checke. Mein letzter Kauf: Schuhe – was sonst (lacht). 

Und natürlich hat sie als Kind eine Zahnspange getragen und die Jungs haben sie immer geärgert, weil sie so groß und dünn war…. 

Hätte dieses Mädchen ein durchschnittliches Aussehen, würde sich über ihre Oberflächlichkeit wohl nur ihr nächstes Umfeld ärgern. Doch dieses offensichtlich dumme, uninteressante Mädchen ist eines der Vorbilder in unserer Kultur: Shoppen, sich mit Freunden treffen, gut aussehen. Irgendwo zwischen: „Hach, was bin ich natürlich“ und „was hab ich als Model für ein tolles Leben“ (viel Geld, viel Aufmerksamkeit und das alles ohne Diät…).
Wir leben in einem System, dass Frauen und Männer an solchen Mädchen misst: Mit jeder Werbeanzeige, mit jedem Klatschmagazinbeitrag, mit jedem Blockbuster (der Models als Selbstverständnis an der Seite jedes wirklichen Helden beschreibt).

Gutes Aussehen ist sicher etwas, was die Menschen schon immer beachtet haben: Es ist ein Element in unserem hierarchischen Denken, unserer Weltbewertung, die wir brauchen zur Orientierung und für stabile Gruppenstrukturen, also zum Überleben. Aber gutes Aussehen war noch nie so ausschließlich, universell und dogmatisch, wie heute. Schuld daran sind die großen Modekonzerne und eine globale Schönheitsindustrie, die mit ihren Vorgaben Bedürfnisse schafft, indem sie bei den Konsumenten Komplexe erzeugt. Früher gab es verschiedene Geschmäcker, individuelle Ausrichtungen. Heute gibt es Models mit einheitlichen Maßen und ihren immer wieder beschriebenen Leben im oberflächlichen Rausch von Bewunderung und Konsum und einer pseudomäßigen Leichtigkeit ohne Problemzonen und Alter – als wäre es möglich für immer Kind zu sein, dass sich die ganze Welt um einen dreht, ohne eigene Leistung einfach so Anerkennung und Liebe zu erfahren.

Meine Frage: Warum glauben wir den Mist? Warum wollen wir ihn immer wieder lesen und lassen uns dermaßen veräppeln? Warum lassen wir uns an Werten messen, die diese Welt zu Grunde richten? Warum regen wir uns nicht mehr darüber auf? Empört Euch! Denn genau für solche Mädchen schwärmen die meisten Investmentbänker …

….und an alle meine Kritiker, die mir so gerne schreiben: Gerade weil ich jahrelang selber Model war, weiß ich wovon ich hier schreibe. Ich habe hunderte von diesen Mädchen kennen gelernt – sie taugen nicht als Vorbilder. Sie taugen vielleicht dazu ein männliches Selbstwertgefühl für eine begrenzte Zeit künstlich aufzupusten. Und es ist dieses „nach außen etwas scheinen wollen, durch angeblich tolle Markenartikel und Markenmenschen“, das uns immer weiter weg treibt von der Wahrheit eines erfüllten Lebens. Die Schönheitsindustrie wird solange ihre Macht behalten, solange wir uns an ihren äußerlichen Vorgaben orientieren, ihr Konsumglück glauben und Komplexe einreden lassen. Die Macht liegt nicht in der Hand der Protagonisten auf den Plakaten, sie liegt (wie schon immer) letztlich in der Hand der Masse, der globalen Jedermanns – wenn sie sich nicht mehr ausbeuten lassen wollen!

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Ichsuche mit Google

Wir sollen, wir wollen individuell sein, sind auf der Suche nach unserem Ich: In Modeshops und Autosalons, beim Kauf unseres Handys oder unserer Kosmetik oder unseres Sofas. Wir versuchen uns durch unsere Lieblingssorte Fruchtjogurt von anderen abzugrenzen und sind doch nur Teil einer Zielgruppe irgendeiner Marketingstudie. Durch unsere Spuren im Internet werden wir immer berechenbarer und genauer erfasst – in unserer Individualität. Google weiß wahrscheinlich mehr von unserem Ich, als wir selbst. Und sie haben die Daten längst verkauft – leider nicht an uns. So manch einer würde sich einen unsinnigen Selbstfindungskurs ersparen, wenn er wüsste, was das Internet über ihn weiß. Denn wir selbst und die Industrie definieren uns durch Dinge, die wir kaufen, besitzen oder als nächstes kaufen wollen – also vor allem durch konsumierbare Dinge.

Entweder ist uns das egal, weil wir nichts zu verbergen haben, uns selbst gut genug kennen und immun sind gegen Werbung und falsche Träume (von uns selbst). Oder wir nehmen nicht mehr daran teil. Doch selbst meine Tante mit ihren 87 Jahren, die noch nie einen Computer bedient hat, hinterlässt in unseren Verwaltungssystemen so viele Spuren, dass sie täglich mit der Post Werbung erhält, die speziell auf die Abzocke alter Leute zugeschnitten ist, sie erhält Anrufe, die den einzigen Zweck haben ihr Alter und ihre kleine Rente auszubeuten.

Also bleibt uns nur die Immunität. Doch die Werbung mit ihren Bildern von der Möglichkeit eines erfüllteren Lebens durch den Kauf ihrer Produkte ist sehr geschickt und allgegenwärtig. Sie versucht uns mit ihrem Wissen über unsere Konsumpersönlichkeit immer vehementer Dinge anzudrehen, denen unsere Sehnsüchte nicht allzu oft widerstehen können. Selbst Nobelpreisträger haben ein Interessen-Profil. Und ob man nun Stöckelschuhe oder Petrischalen kauft: Einer verdient immer an uns.

Vielleicht sollten Sie morgen mal im Netzt nach Micky Mause suchen, wenn sie das noch nie getan haben oder mitten im Winter drei Tage nach roten Gartenstühlen. Suchen sie nicht ihr Ich, denn nur Google weiß wirklich, wie das aussieht. Suchen sie nach etwas völlig anderem.

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Matrix im Käferzelt

 Wir werden alle immer überflüssiger: Alle, die wir nicht Shareholder im großen Stil sind, werden überflüssiger. Wie die Afrikaner. Und alle Slumbewohner. Nur etwas langsamer und etwas gesünder. Wer nicht genug Geld hat, um genug Druck auf die Global Player auszuüben, wer nicht genug Kaufkraft hat oder kein Geld aus Firmenbeteiligungen herausquetschen kann, nimmt immer weniger Teil am Kapitalismus, der unsere Welt regiert und unsere Regierungen regiert. 

Die meisten Menschen sind nicht (mehr) systemrelevant. Nur was machen all die unwichtigen, überflüssigen Menschen in Zukunft? Werden sie weiter für 7 Euro die Stunde arbeiten und gerade noch ihre Miete zahlen und gerade noch ihre Kinder zur Schule schicken und gerade noch genug Essen und Kleidung kaufen gehen (oder auch nur still vor ihren Fernsehern dem Unterschichtenprogramm folgen)? Was werden die Reichen machen in ihren Villen? Werden sie immer noch mehr Designerkleidung und große Autos kaufen und noch mehr Angestellte haben, die ihre Kinder zur teuren Privatschule fahren, damit auch die dann später in großen Häusern teure Partys feiern mit den immer gleichen anderen Reichen und mit eigenen Flugzeugen in streng bewachte andere Villen fliegen können? Was ist der Sinn im Leben, der einen, wie der anderen? 

Die Gesellschaft fällt auseinander wegen der allgemeinen Hoffnungslosigkeit. Zu viel Geld schafft jede Hoffnung auf Verbesserung ab. Und zu wenig Geld auch. Beide Male bestimmt das Geld zu sehr das Leben. Auf was soll man noch hinarbeiten, warum soll man sich noch engagieren, wenn man alles schon hatte oder hat? Warum soll man sich noch engagieren, wenn man eh keine Chance hat irgendetwas zu erreichen?

Ob man nun das 10.x am ersten Wiesnsamstag im Käferzelt auf dem Oktoberfest in der oberen Etage die Korken knallen lässt, zwischen all den anderen teuren Seidendirndln (schnell mal gekauft, einmal gezeigt um den Status zu wahren)  oder ob man niemals im Käferzelt mitfeiern wird, auch nicht im Billigdirndl – beide Mal findet man extrem frustrierte Menschen.

Und trotzdem würden alle lieber das 10.x Boris Becker auf dem Klo begegnen, als nur davon zu träumen. Und genau deshalb ist der Kapitalismus so erfolgreich: Er lebt von den Träumen, bis er sie auffrisst – und selbst dann gibt es keine Alternativen. Denn jeden Idealismus, jedes „wahre Leben“ wird infiltriert vom kapitalistischen System, wird sofort wieder genutzt, um uns etwas zu verkaufen und sei es der Traum vom „wahre Leben“. Und wenn wir das nicht kaufen wollen oder können, sind wir eben überflüssig. Selbst die Jugendproteste auf den Straßen der Weltmetropolen werden uns schon wieder als neue Kultur verkauft, die Trendscouts versuchen schon wieder eine neuen vermarkt baren „Stil“ heraus zu destillieren, die Konzerne versuchen panikartig sich darauf einzustellen.

Aber wozu das alles?

(Antworten, die über „am Sommertag auf einer Wiese sitzen“ oder „meinen Kindern beim Schlafen zusehen“ hinausgehen, nehme ich gerne entgegen.)

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Wer bestimmt, was richtig ist?

Die Wissenschaft stellt mit ihren Experimenten und Theorien, ihren Laboren und Instituten, Professorenposten und Forschungsetats das System, mit dem wir heute versuchen Wahrheit zu erkennen und in der Gesellschaft zu manifestieren. Die Suche nach Wahrheit scheint in uns zu liegen, auch wenn wir nie objektiv genug sein können, sie ein für alle mal zu erfassen. „Wahr ist nur, was nicht in diese Welt passt“, schrieb Adorno und kam doch ohne „das Aufscheinen der Wahrheit“ nicht aus, jenem kurzen Moment, in dem wir glauben, etwas Grundsätzliches erkannt zu haben.

Wir haben herausgefunden, dass wir mit einem Stein Nussschalen zerschlagen können, und dass der Penicillinpilz Bakterienkulturen angreift. Unser Wissen führt aber auch dazu, dass wir mit Antibiotikazugabe bei der Tiermast unsere große Lust auf Fleisch befriedigen und gleichzeitig die eigenen Abwehrkräfte und Fruchtbarkeit schwächen. Hinter all dem steht unsere ewiger Wunsch nach einem „besseren Leben“ und wir sind gerade erst dabei zu erkennen, dass das bessere Leben wenig mit ständig steigender Bedürfnisbefriedigung zu tun hat.

Eine objektive, immergültige Wahrheit wurde zusammen mit Gott im Laufe der Philosophiegeschichte abgeschafft. Wo es keine allgemeingültige Wahrheit mehr gibt, kann es auch kein unverrückbares Richtig und Falsch, Gut und Schlecht mehr geben: Eine grundsätzliche Moral existiert heute nicht mehr.

Unsere Werte sind niemals zeitunabhängig und objektiv beweisbar. Sie sind immer (nur) Ideen in unseren Köpfen. Sie existieren nicht außerhalb von uns, sie sind von Menschen erfunden und somit veränderbar und würde der Mensch verschwinden, so gäbe es auch nicht länger die Ideen von Richtig und Falsch. Tiere suchen nicht nach Sinn, nach Werten, Moral und Wahrheit, weshalb sie auch keinen Genozid begehen.

Unser Glaube an Richtig und Falsch ist jedoch der Grundsatz unserer Kultur und gibt uns die überlebenswichtige Orientierung. Deshalb haben Werte eine ungeheure Macht, wir stellen unser Leben in ihren Dienst oder löschen sogar andere aus. Wenn man die Werte eines anderen Menschen in Frage stellt, behauptet, sie hätten keine letztgültige Wahrheit, wären subjektiv und relativ, kann man in Bayern dafür ein Glas Bier ins Gesicht geschüttet bekommen und in Teheran oder Guantánamo gefoltert werden. Kriege entzünden sich in den Tempeln, denn wir beanspruchen für unsere Wahrheiten und Werte schnell mehr als nur unseren Glauben.

Viele, besonders ältere Menschen insistieren auf die universale Richtigkeit ihre Werteordnungen (und befinden sich mit dieser Sehnsucht nach der eigenen Letztgültigkeit im illustren Kreis von Hegel, Marx und vielen anderen sogenannten Geistesgrößen, die mit ihren Wahrheiten viel Schaden angerichtet haben). Denn die ständige Veränderung der Welt ist ein Spiegel der eigenen Vergänglichkeit: Die hart erkämpfte Position in der Gesellschaft schwindet, das eigene Richtig und Falsch veraltet und es stellt sich die Frage nach dem Wert des so verbrachten Lebens – und der dafür erbrachten Opfer. Neue junge Menschen mit Geltungsdrang, eigenen Ideen und Machtansprüchen erscheinen auf die Bildfläche der Kultur. Doch auch ihnen wird ihre Endlichkeit irgendwann bewusst werden und die Vergänglichkeit ihrer Ikonen. Und immer wieder stellt sich so die Frage nach dem Sinn des Ganzen.

Lange Zeit hat der Mensch versucht, seine Moral durch Gottes Willen zu manifestieren. Gott ist eine mögliche Antwort auf das große X hinter unseren Fragen, das wir im Laufe der Zeiten und Kulturen immer wieder anders füllen. Der Beweis für sein Dasein entspringt immer nur der (eigenen) Erfahrungswelt: Gott hat genauso wie all unsere anderen wertgebunden Wahrheiten, keine allgemeingültige, menschenunabhängige Existenz. Gäbe es keine Menschen, würde niemand mehr nach dem Sinn des Lebens fragen. Gott soll zwar auch der Vater aller anderen Lebewesen sein, aber das scheint die überhaupt nicht zu interessieren.

Die Psychologie hat ihre eigene Wahrheit über Gott: Unsere Sehnsucht nach dem Vater im Himmel, der bestimmt, was Richtig und Falsch ist, bewusst über uns wacht, uns persönlich kennt, liebt, straft oder belohnt ist aus psychologischer Sicht nur eine kindliche Sehnsucht nach einer schützenden Übermacht, die unsere Anstrengungen anerkennt, uns im Diesseits oder Jenseits Gerechtigkeit wiederfahren lässt und Wiedergutmachung für alles erlittene Leid. Religiöser Glaube gleicht der Sehnsucht nach Geborgenheit, Beachtung, Zuwendung und Wertschätzung; die monoton wiederholten religiösen Handlungen und ritualisierten Sätze gleichen Zwangshandlungen gegen die Ohnmacht des Schicksals, zur Abwendung von möglichem Ungemach. Religion und Gott beruhigen unseren infantilen Narzissmus: Wir glauben zu wissen, was Gott will, um dann mit „artigem Verhalten“ unser ängstliches Ego aus der Willkür der Welt herauszuretten. Wir verkünden Gottes Wahrheit, um uns Bestätigung zu verschaffen von ihm und von den anderen in unserer Glaubensgemeinschaft. Wir integrieren uns in sein Regelwerk, um unser Überleben in der Gruppe der Gläubigen zu sichern und uns das „Sterbenmüssen“, diese größte Kränkung unseres Egos, gemeinsam zu erleichtern. Das gibt uns Kraft und lässt uns vieles besser erdulden, denn unser persönliches Leid bekommt einen höheren Sinn und das streichelt unser Selbstwertgefühl. Somit hat der Glaube an Gott eine Existenzberechtigung und einen Überlebensvorteil – jedenfalls solange wir nicht der Verführung erliegen unseren Gott zusammen mit unserem Selbstwertgefühl so weit aufzublasen, dass wir uns über andere erheben, sie vom Gedanken der Gleichberechtigung ausschließen, bedrohen oder umbringen. 

Mit den Resultaten unseres Wissenschaftsbetriebs ist es heute oft nicht besser bestellt, als mit den Wahrheiten der Kirchen. Die Institute der Naturwissenschaft und ihre Erkenntnisse sind ebenfalls Produkte unseres Geistes und auch in forschenden Köpfen herrscht die Sehnsucht nach Anerkennung und Aufmerksamkeit und der Glaube, dass viel Geld gut ist.

Unsere wissenschaftlichen Wahrheiten sind stark von der Fragestellung, der moralischen Motivation und den Einkommensverhältnissen des Fragenden abhängig. Unsere Forschung beobachtet immer nur Teilaspekte, die aus dem großen Naturzusammenhang herausgenommen werden. Ihre Auswahl und die Durchführung der Experimente (auch die hier erwähnten) sind vom Denken, den Erwartungen und Werten des Wissenschaftlers abhängig, genauso wie die Interpretation der Ergebnisse. Konzerne und andere Interessengemeinschaften können sich Wissenschaftsergebnisse kaufen, indem sie Geld in diese Wahrheitsmaschine einschleusen, um selbst wiederum mit den Resultaten Geld für sich und ihre Aktionäre zu verdienen: 

Alles was heute „wissenschaftlich bewiesen“ scheint, entspringt nur einem von Menschen gemachtem System der Wahrheitsfindung und seinen Institutionen. (Ein wunderbares Beispiel für das Wechselspiel von Wahrheit und Werten im Wandel der Zeit ist unsere Meinung über und unser Umgang mit Sexualität. Bis vor vierzig Jahre war der von der Kirche verkündete Glaube, dass Onanieren zum Rückenmarksschwund führe, weitverbreitet. In unserer heutigen Werteordnung gibt dagegen der Staat eine wissenschaftliche Studie in Auftrag, um zu prüfen, ob Viagra von der Sozialkasse bezahlt werden muss, weil der Mensch ein Recht auf Sex habe und bei unzureichender Ausübung eventuell krank wird.)

Auch beim Schuldgefühl, als bestes aller Manipulationsmittel, hat die Wissenschaft das Christentum beerbt: Das von der Kirche erzeugte Schuldgefühl gegenüber unserem Seelenheil wurde vom Schuldgefühl gegenüber unserem Körper abgelöst, dass nun der Wissenschaft und ihren Produkten die Ablassgroschen in den Kassen klingeln lässt.

Da wir den Fortschritt für einen Zugewinn an Wahrheit halten, glauben wir, dass unser System der Wissenschaft besser in der Wahrheitsfindung ist, als alle anderen davor. Und weil wir bei Kopfschmerzen zu Aspirin greifen können, sind wir bestechlich geworden, allen Antworten aus dem Wissenschaftsbetrieb zu folgen.

Was passiert, wenn wir davon überzeugt sind, die Wahrheit für alle Menschen und für immer gefunden zu haben, hat uns die Geschichte mit ihren Religionskriegen, ihren nationalistischen und kommunistischen „Wahrheiten“ (hoffentlich) zu genüge gezeigt. Unsere Vorstellungen von Richtig und Falsch, von Gut und Schlecht, von Wichtig und Wahr sollten daher immer wieder hinterfragt werden. Nichts, was als Richtig oder Falsch galt und gilt, nichts, was irgendjemand für Richtig oder Falsch hält – und sei er auch in unserer Gesellschaft, auf unserer Erde noch so anerkannt – ist für alle anderen oder für alle Zeiten richtig oder falsch!

Dieser ewige Wandel der Werte bedeutet für uns Unsicherheit – und Freiheit. Es sind die zwei Seiten der selben Medaille. Wir können uns niemals darauf verlassen, dass das, was wir glauben oder wie wir leben beständig bleibt, doch wir haben auch immer die Freiheit, es mitzugestalten. Die Möglichkeit zur Freiheit, die Tatsache, dass niemand für alle Zeit bestimmen kann, was richtig und falsch ist, ist gleichzeitig der Trost für die ewige Unsicherheit: Wir können unsere Werte selbst bestimmen, auch wenn wir das immer wieder aufs neue tun müssen. Jeder kann sich sein eigenes Maß suchen.

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Die große Liebe und der liebe Gott

Warum gibt es in der Liebe überhaupt so viele Probleme und Verletzungen? Das ist mit Sicherheit die häufigste Frage, die mir als Psychologin gestellt wird.

Die Antwort darauf lautet: Die Liebe ist keine Himmelsmacht. Sie ist lediglich der soziale Kitt, der dafür sorgt, dass wir Menschen mit anderen zusammen leben, damit wir überleben und Nachkommen großziehen. Denn wir sind Gruppenwesen und brauchen die anderen zum Überleben für uns und unseren Nachwuchs. Und deshalb hat die Evolution ein paar Gefühlshormone erfunden, die uns aneinander schweißen. So ist gerade in der Liebe der eigene Vorteil grundsätzlich. 

Doch wir Menschen hätten gerne einen höheren Sinn in unserem Leben und da der liebe Gott als Sinnstifter in unserer westlichen Welt schon länger in Frage gestellt ist, suchen wir den Sinn unseres Daseins in einem Gefühl (der großen Liebe), das von der Evolution völlig banal als ein paar Hormonmoleküle in unseren Hirnen angelegt ist. Sehr unromantisch. Sehr real. 

Natürlich gibt es eine zweite Ebene. Denn warum verlieben wir uns nicht in jeden x-beliebigen Menschen, sondern in den/die eine? Das hat viel mit den sozialen Prägungen aus unserer Kindheit zu tun, denn unser Liebesgefühl wird durch die Erfahrungen mit unseren Eltern geformt, wie mit einem Waffeleisen: Gefühlshormone rein – Lochmuster raus. Und wenn auf dieses Liebes-Lochmuster mehr oder weniger das Lochmuster des anderen passt, dann verlieben wir uns. Schon wieder sehr unromantisch und real. 

Bleibt natürlich die Frage, warum wir Menschen uns so schwer tun mit der unromantischen Realität. Warum können wir nicht akzeptieren, dass wir nicht so besonders und spirituell erhaben sind, sondern nur komplexe Molekülsysteme, die sich in Jahrmillionen bis hin zum organischen Menschenhirn als immerhin komplexeste Organisation von Molekülen entwickelt haben (warum auch immer)?! 

Die Liebe als sozialer Kitt und die narzisstische Selbsterhöhung (das magische Denken gegenüber uns selbst und der Welt, in der wir leben) sind zwei Strategien, die eigentlich beide auf das gleiche Ziel ausgerichtet sind: Motivation zum Lebenserhalt. Wir brauchen sie, um in dieser feindlichen Welt aus wilden Tieren und Finanzkrise noch genug Kraft und Hoffnung aufzubringen, um weiter zu machen.

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Wird man als Frau oder Mann geboren oder dazu gemacht ? Endlich die Antwort…

Zurück aus dem Urlaub möchte ich meine Leser mit einer sensationellen neuen Studie begrüße, die für mich eine meiner Hauptfragen in einer entscheidenden Grundsatzfragen der Menschheit endlich beantwortet. Ich habe folgendes in der “Presse” gefunden:

An den Eliteuniversitäten der USA stellen Frauen in der Mathematik 8,3 Prozent der Professorenschaft, in der Chemie 12,1, in der Physik 6,6. Das Problem ist so alt wie bekannt, in Harvard etwa hielt man 2005 eine Konferenz darüber ab, Universitätspräsident Summer persönlich eröffnete sie mit der Bemerkung, Frauen fehle nun einmal die „innere Befähigung“ für Naturwissenschaft, Mathematik und Technik. Der Saal wurde laut und leerte sich, bald darauf musste Summer seinen Sessel räumen.
Damit war Macht demonstriert, aber das Problem nicht gelöst: Haben Frauen andere Fähigkeiten, und wenn, sind sie angeboren oder anerzogen, „Nature or Nurture“? Dass die Geschlechter sich auch im Gehirn bzw. dessen Denkweise unterscheiden, ist etwa bei der Orientierung im Raum offenkundig: Männer setzen auf abstrakte Geometrie, Frauen auf konkrete Anordnung, sie erkunden einen neuen Markt systematisch, und sie erinnern sich auf einem vertrauten exakt daran, wo sie letztes Mal gut eingekauft haben. Männer hingegen steuern im Kaufhaus schnurgerade ihre Reviere an – die Heimwerkerabteilung oder die für elektronisches Spielzeug –, sie enteilen auch wieder auf kürzestem Weg. Beides ist vermutlich Erbe der Jäger und Sammler: Die Männer jagen, sie brauchen rasch grobe Orientierung – dort links hinten steht das Wild! – und später den kürzesten Weg zurück; die Frauen sammeln, sie müssen Neuland Schritt für Schritt erforschen und sich später exakt daran erinnern, wo welche Frucht reift.

Diese Differenz in der Wahrnehmung des Raums ist unumstritten – und sie wird mit einer unterschiedlichen Befähigung für manche Wissenschaften in Verbindung gebracht: Mathematik, Physik und Chemie etwa haben eine enge Beziehung zum Raum – Strukturen, Formeln, Diagramme: alles, was sich mit Kreide auf eine Tafel malen lässt –, viele Entdeckungen in diesen Fächern sind dem abstrakten Raumbezug von Männern zu danken. Das wurde oft bestätigt, gelöst ist das Problem von „Nature vs. Nurture“ damit allerdings auch nicht. Ist es überhaupt lösbar, oder ist es gar ein Scheinproblem?

So scharf ist die Grenze zwischen Natur und Erziehung nicht, wie sie die Streiter auf beiden Seiten gern hätten: Die kulturspezifische Arbeitsteilung der Jäger und Sammler könnte sich genetisch verfestigt haben; und dass der Sohn eines Naturforschers auch Naturforscher (oft in einem anderen Fach) wird, muss nichts mit den Genen zu tun haben. Aber wie soll man es klären, wie kann man „Nature“ und „Nurture“ analytisch trennen? Man bräuchte Vergleichsgruppen, die genetisch identisch sind, aber andere Sozial- und Erziehungsssysteme haben. 

Auf der Suche danach ist Soziologe Moshe Hoffman (UC San Diego) in Nordostindien fündig geworden. Dort gibt es zwei Stämme, die genetisch eng verwandt sind und in ähnlichen Umwelten leben. Aber sozial sind sie anders organisiert: Die einen, die Kari, leben patrilinear, bei ihnen besitzen Frauen kein Land, und der älteste Sohn erbt alles; bei den anderen, den Khasi, ist es umgekehrt, hier erbt die jüngste Tochter, Männer besitzen kein Land, Männer müssen ihren Verdienst an die Frauen aushändigen.

Das schlägt auf die Bildung durch, bei den Matrilinearen gehen Töchter und Söhne gleich lange zur Schule, bei den Patrilienaren die Söhne drei Jahre länger.
Aber wie lange auch immer sie gehen, eines bekommen sie in ihren Kulturen nie zu Gesicht: Puzzles. Hoffman hat eines angefertigt – das Bild eines Pferdes in vier Teile zerschnitten –, 1279 Testpersonen gingen ans Werk, unter Zeitdruck, für Geschwindigkeit gab es Geld. Bei den Patrilinearen zeigte sich das bekannte Bild: Männer brauchten 42,5 Sekunden, Frauen 57,2. Aber bei den Matrilinearen waren beide fast gleich rasch – Männer: 32,1, Frauen: 35,4 –, und beide waren rascher als die Männer der Patrilinearen. „In der matrilinearen Gesellschaft verschwindet die Kluft zwischen den Geschlechtern“, schließt Hoffman.  Es ist allerdings nicht klar, an welchem Detail der Kultur das liegt, den Anteil der längeren Bildung veranschlagt der Forscher auf ein Drittel. “Bildung und eine frauenfreundliche Gesellschaft” sehen die Forscher aber auf jeden Fall als Voraussetzungen dafür, dass auch die weibliche Hälfte der Bevölkerung bei Aufgaben, die ihnen scheinbar “nicht liegen”, besser abschneiden. Allerdings bleibt dann noch die Frage offen, ob eine egalitäre Gesellschaft reichen würde – oder, wie im Fall der Khasi, die Macht in weiblichen Händen sein muss…

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Manifest der Wahrhaftigkeit

Liebe Leser,
mit folgendem Manifest möchte ich mich bis September in den Urlaub verabschieden. Mein Hirn braucht Pause. Liebe Grüße und bis bald an dieser Stelle. Ich werde es Euch dann wissen lassen. 

MANIFEST DER REIFEN CHARAKTÄRE  
(15 Thesen statt 1500 Seiten narzisstischer Schwachsinn) 

1.) Ich akzeptiere in meinem Selbstverständnis, dass ich ein endlicher Mensch auf einer kleinen blauen Kugel in einem riesigen Universum bin. Nichts was ich tue oder denke kann dies ändern und die Welt aus ihren Angeln heben.
2.) Wenn es den lieben Gott gibt, hat er eine tolle Möglichkeit gefunden sich aus allem raus zu halten.
3.) Ich übernehme für mich und meine Handlungen Eigenverantwortung. Ich versuche aus meinen kulturellen und familiären Prägungen heraus zu einem freieren und selbstentschiedeneren Lebenswandel zu gelangen mit einem gesunden Selbstwertgefühl. Das reicht mir vollkommen als Lebenssinn.
4.) Ich lehne jedwede Verschwörungstheorie ab.
5.) Ich beurteile letztlich alle anderen Menschen, egal welcher Kultur, Religion, Rasse, Geschlecht, Körperdimensionen oder Alter sie angehören, nach ihrem Handeln und nicht nach meinen Vorurteilen (die ich wohl leider nie ganz ablegen kann). Ist ihr Handeln selbstsüchtig, rücksichtslos und/oder größenwahnsinnig, habe ich ein Recht dagegen einzuschreiten.
6.) Ich nehme mich nicht zu wenig und auch nicht zu viel wichtig. Ich erwarte nicht, dass andere meine Probleme lösen und mir ein schönes Leben bereiten, ich spiele mich aber auch nicht zum Retter meiner Mitmenschen auf. Ich versuche mich und meine Mitmenschen nicht zu sehr mit meinen emotionalen Verwirrungen zu belasten und schütze mich selbst vor denen der anderen.
7.) Ich hinterfrage bei jedem Konflikt mit anderen, was mein Anteil an dem Problem ist und versuche die Sichtweise des anderen zu verstehen (Objektivierung). Wir alle erhoffen uns (teilweise auch durch ein auf den ersten Blick unlogisches Verhalten) einen Vorteil für uns selbst. Denn wir sind Menschen: Das sollten wir nie vergessen.
8.) Ich missbrauche meine Mitmenschen nicht dafür mir Erleichterung für meine psychischen Spannungen zu verschaffen oder mein Selbstwert zu heben.
9.) Wenn ich Anderen Leid zufügen muss (weil ich meine Grenzen verteidige, weil ich ihnen dadurch helfe z.B. bei einer Operation, weil es einen umumgänglichen Veränderungsprozess gibt) bringe ich Mitgefühl für dieses Leid der anderen auf und verhalte mich danach.
10.) Ich füge niemals anderen Leid zu, nur weil ich meine schlechten Gefühle an ihnen auslassen möchte und nicht dafür haftbar gemacht werden kann (Eigenreferenz der Moral).
11.) Ich lüge nicht (und schon gar nicht wiederholt) aus Angst vor der Wahrheit.
12.)  Ich erziehe meine Kinder zu eigenständigen, gesunden Menschen und missbrauche sie nicht als meine Seelenstütze oder als Selbstverwirklichungsmaterial.
13.)  Ich nehme materielle Dinge als das, was sie sind: Materie, die mit unseren Bewertungen befrachtet wird (denn 200 PS, braune Handtaschen oder linkdrehende Fischeier braucht niemand um zu leben.)
14.) Ich akzeptiere die ewige Veränderung und finde darin mein eigenes Tempo.
15.) Ich akzeptiere den Tod und mein letztliches Unvermögen das Große und Ganze und seinen Sinn zu verstehen. Denn nur der Mensch fragt nach dem Sinn, nur er wertet. Seine soziale Natur verlangt danach. Doch seine Angst vor dem Tod und seiner letztendlichen Bedeutungslosigkeit können ihm und allen anderen auf vielfältige Weise das Leben kosten.

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Von Menschen und Monstern

Ist der Attentäter von Oslo ein Monster? Auf jeden Fall ist er ein Mensch. Und er funktioniert im Rahmen des menschlichen emotionalen Spektrums, also mit den Emotionen, die jeder von uns kennt: Wut, Enttäuschung, Sehnsucht nach Anerkennung – nur all diese Emotionen befinden sich in seiner Persönlichkeit in einer übersteigerten Form, die aus einer tiefen Verunsicherung des eigenen Wertes herrührt. Seine Krankheit nennt sich „schwere narzisstische Persönlichkeitsstörung“. Sie resultiert immer aus jahrelangen Kränkungen und Enttäuschungen in der Kindheit z. B. durch Verlassenwerden durch einen Elternteil, Überforderung des zurückbleibenden Elternteils, dass seine eigene Kränkung an das Kind weiter gibt (sein Vater, der ihn und die Mutter früh verlassen hatte, konnte sich nicht schnell genug von ihm distanzieren – und wahrscheinlich von seiner eigenen Schuld sich nicht genug um den Jungen gekümmert und ihm ein positives Wertgefühl vermittelt zu haben.). So was findet hundertausendfach statt in unserer westlichen Kultur. Wieso rastet dann aber ein einziger dermaßen aus während die anderen einfach nur Lügengeschichten erzählen, ihre Lebenswelt mit ein paar Angebereien aufplustern oder durch Bindungsunfähigkeit und Promiskuität auffallen? Das wird sich wohl niemals klären lassen – doch die Wurzel des Übels ist dieselbe. 

Es gibt für den Menschen nichts Wichtigeres als die Anerkennung in seiner Gruppe, seiner Gesellschaft. Er braucht sie zum Überleben. Doch die Strukturen, die Ausrichtung und Zukunft unserer Gesellschaft ist von immer radikalen und rascheren Umbrüchen erfasst. Die Globalisierung der kapitalistischen Kultur bedroht immer mehr das Anerkennungs- und das Sicherheitsgefühl der Einzelnen. Schwache Psychen reagieren darauf mit der Sehnsucht nach einem eindeutigen Gut und Schlecht, Richtig und Falsch. Sie sehnen sich nach Überschaubarkeit, nach der Deutlichkeit, wer auf ihrer Seite steht und wer der Feind ist. Multikulti, Globalisierung, Toleranz, Gleichberechtigung bedroht sie: Es gibt viele, die die Sehnsucht haben nach einem eindeutigen „Wir“ und einem eindeutigen „die da nicht“, nach einem Wertekanon, der andere ausschließt. Bei muslimischen Fundamentalisten ist das genauso, wie bei radikalen christlichen Konservativen. Bei einem einzelnen mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung, der sozialistische Jugendliche massenweise erschießt und sich dabei als wahren Christen und Weltretter versteht genauso, wie bei der konservativen amerikanischen Politikern, die lieber die Weltwirtschaft und das Weltklima in den Abgrund stürzen und Hungerkatastrophen in Afrika mitverursachen, nur um ihren „American Way of life“ weiter durchsetzen zu können und sich dabei noch auf Gott zu berufen.

Der Versuch radikaler Linker Gleichheit mit Gewalt durchzusetzen hat nicht geklappt, der Versuch radikaler Konservativer die eigenen Vorteile mit Gewalt zu halten wird auch nicht klappen, genauso wenig wie der alle Ungläubigen in irgendwelche Höllen zu schicken. Es gibt kein Schwarz und Weiß, es gibt immer nur Grau (Nietzsche). In jedem von uns. Damit sollten wir uns dringend anfreunden, wenn wir nicht zu Amokläufern gegen die Wahrhaftigkeit werden wollen. Denn sie beginnt immer bei unserem Selbstwertgefühl, seinen Kränkungen und Sehnsüchten.

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Nachschlag

Aufgrund meines Blogbeitrags vor zwei Wochen über den Neurosengleichstand der Geschlechter habe ich einige interessante Geschichten zugesendet bekommen, die einen wirklich den Kopf schütteln lassen über uns Großstädter um die 40. Ich könnte jetzt ein Buch schreiben zum Thema „Verlassenwerden“ (der Titel muss vielleicht etwas positiver klingen z. B. „Verlassen. Werden.“) Aber eine Geschichte muss ich hier wirklich als Nachschlag schon mal vorab offiziell machen: 

Ein Bekannter von mir ist ein gutbeschäftigtes Fotomodell. Er wurde zu einem Casting in eine Werbeagentur gebeten. So weit, so gewöhnlich. Er fing sich erst an zu wundern als er eine Stunde völlig ohne andere Schönheitskonkurrenz am Gang der Agentur saß und die Mitarbeiter langsam anfingen sich in den Feierabend zu verabschieden, bis nur noch im Büro des Chefs Licht brannte. Schließlich wurde er zu diesem hinein gerufen…. (nein dieser war keine Frau und auch kein schwuler Mann. Das Schicksaal schreibt meist originellere Geschichten als unsere Phantasie!) 

Das erste, was meinem Bekannten auffiel beim Betreten des Büros war die unglaubliche Ähnlichkeit des Chefs mit ihm selbst. Es war geradezu verblüffend (und wenn man jemand anderen sich selbst ähnlich findet, dann muss die Ähnlichkeit schon sehr groß sein, weil man sein Gesicht nun mal als etwas sehr gewohntes und eigenes empfindet.)Nachdem der Chef der Agentur lange herumdrugste und viel zu persönliche Fragen stellte, wurde es meinem Bekannten zu bunt und er drohte damit das Büro umgehend zu verlassen, wenn er nicht augenblicklich erfahren würde, für was und wozu er hier eigentlich gecastet würde. Da fragte der Werbeagenturchef das Model frei heraus, ob dieser nicht mit dem Ausweis des Chefs zu einem Institut für Vaterschaftstest gehen könnte und im Namen des Chefs (das war wörtlich gemeint) einen machen könnte. Er war nämlich von seiner schwangeren Ex-Freundin verklagt worden und hatte nun keine Lust 27 Jahre Alimente zu zahlen….

 PS: Das ganze wäre ihm 3000 Euro wert gewesen.

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Gefährliche Träume

Coca Cola hatte vor kurzer Zeit einen Werbespot: Das Leben, wie es sein sollte! Zu sehen waren junge Männer in schwierigen Situationen, z. B. völlig deprimiert vorm Tiefkühlfach im Supermarkt nach einer Cola greifend und plötzlich stand die Ex-Freundin mit dem Neuen vor dem Protagonisten und fragte mitleidig, wie es ihm gehe. Und da tat sich das Dach des Supermarktes auf und an einem Seil, von einem Hubschrauber herabgelassen, stieg eine wunderschöne Frau herab und holte den Protagonisten aus dieser Höllenszene heraus und er rief noch im Davonfliegen der Ex-Freundin zu: „Du kennst mich, ich komm zurecht…“ Und dann wieder der Slogan: Coca Cola präsentiert das Leben, wie es sein sollte!

Das Leben wie es sein sollte: Das ist unser Traum von uns selbst in idealen Lebensumständen und Situationen, mit den perfekten Jobs, an perfekten Stränden, mit perfekten coolen Freunden und dem perfekten Partner oder der perfekten Familie mit perfekten Kindern – jugendlich, unbeschwert, wunderschön.

Die Evolution hat uns die Phantasie gegeben, um uns für unsere Zukunft zu motivieren: Wir malen uns diese Zukunft aus, erhalten einen positiven Kick für unser Selbstwertgefühl (was immer Vorteile für unser Überleben meint) und versuchen sie dann in die Realität umzusetzen.
Häufig benutzen wir aber auch die Phantasie um schwierige Situationen zu überstehen: Wir flüchten in unsere Phantasiebilder. Kinder tun das besonders oft, weil sie ohnmächtig sind und wenn ihr Umfeld, ihre Eltern, von denen sie abhängig sind, ihnen zu wenig Aufmerksamkeit und ehrliches Interesse schenken. Kinder malen sich dann nicht selten aus, wie sie selbst sein werden, wenn sie groß sind, was für ein tolles Leben sie dann haben werden: Ein Leben, wie es sein sollte…

Leider merken viele Kinder nicht, dass sie eigentlich äußerlich längst erwachsen sind und so rennen sie Jahr um Jahr diesem Traum weiter hinterher, verlassen ihre Freundinnen, weil diese doch noch nicht perfekt genug sind oder finden nirgendwo den perfekten Mann, der alle ihre Ansprüche erfüllt, versuchen immer noch weiter hinauf zu klettern in der Hierarchie des materiellen Wohlstandes und kommen nie an in ihrem Traum, im Leben, wie es sein sollte. Darüber vergeht ihr Leben, wie es ist – ihnen aber nie genügt.

Die Phantasiewelt ist ein Schutzmechanismus, die Höhle, in die wir im Sturm der negativen Emotionen und Ängste hineinkriechen. Sie würde uns wahrscheinlich auch in Gefangenen- und Foltersituationen gute Dienste erweisen. Doch in der freien westlichen Kultur wird sie zur Plage, zum Tor in unsere Seele, durch das Industrie und Werbung in uns eindringen können, um mit ihren Bildern unsere Lebenszeit zu kaufen, indem wir immer weiter schuften, um uns die Produkte für das Leben auf den Plakaten zu kaufen – für das Leben wie es sein sollte. Aber wann hat sich je, da man deprimiert im Supermarkt nach einer Flasche griff, das Dach aufgetan und ein wunderschöner Mensch kam herabgesegelt und hat uns mit ins Paradies genommen?

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Man kann bei der Auswahl seiner Eltern nicht vorsichtig genug sein….

Diese Woche hat der deutsche Bundestag über das PID Verfahren debattiert und abgestimmt: Die Suche nach erbkranken Genen beim befruchteten Zellklumpen vor der Einpflanzung in den Mutterleib ist jetzt in Deutschland in engen Grenzen erlaubt. D.h. Eltern, die Gefahr laufen ihrem zukünftigen Kind eine schwere Erbkrankeit weiter zu geben, dürfen die befruchteten Eizellen untersuchen lassen, um der Mutter dann nur gesunde Eizellen einzupflanzen.
Die großen Fragen (neben der Frage was mit den restlichen befruchteten Zellen passiert) waren: Laufen wir nicht Gefahr damit den ersten Schritt zum Designerbaby zu gehen? Werden nicht alle behinderten Menschen dadurch abgewertet? 

Jede Mutter, jeder Vater wünschen sich ein gesundes Kind. Sie möchten für ihr Kind kein Leid: Sie möchten nur das Beste für ihr Kind. Aber was ist das Beste?
95% der Föten mit Down Syndrom werden heute abgetrieben. Kaum eine Mutter möchte anscheinend sich selbst ein Kind mit einer solchen Behinderung zumuten. Die Kinder selbst sind bekanntlich sehr glückliche, liebenswerte Menschen, die oftmals weniger unter ihrer Behinderung leiden, als ihr Umfeld. Leider haben sie keine hohe Lebenserwartung und können in den seltensten Fällen je für ihren Lebensunterhalt selbst aufkommen. Wessen Leid wird hier also verhindert?

 Jede Mutter, jeder Vater wünschen sich ihr Kind gesund heranwachsen zu sehen, stolz auf dieses Kind zu sein, ihm beim Erreichen seiner Ziele zu helfen, vielleicht irgendwann sich selbst in den Enkeln wiederzufinden (und damit denn Sinn des eigenen Lebens) und alle Anstrengungen dort aufgehoben zu finden. Dafür wird das Kind schon in der Kita mit Englisch oder Chinesisch beschallt, mehrsprachig aufwachsende Kinder werden von anderen Eltern beneidet, die Grundschuljahre stehen unter dem Druck des Auswahlverfahrens für das Gymnasium, eine Realschuleinstufung kommt schon fast einem kompletten Lebenserfolgsbankrott gleich und wird von Eltern nur mit großem Schamgefühl und vielen Entschuldigungserklärungen zugegeben, das Abitur erfolgt auf Privatschulen, die weitere Ausbildung ebenso und schließlich ist der Klang des Namens des Arbeitgebers für die stolzgeschwellte Elternbrust entscheidend und später auch noch der des Partners dieses herangewachsenen Kindes: „Mein Schwiegersohn ist ja Anwalt, Arzt, Vorstand….“.
Und nebenher werden eine Kindheit und Jugend lang Fotos gezeigt und kommentiert mit Begriffen wie süß, hübsch, stramm, schöne Augen etc. und der Sohn hat dann hoffentlich das Zeug für eine bildhübsche Freundin, denn der potentielle Ehepartner wird immer in Hinblick auf eine „gute Partie“ beurteilt.

Unsere Arbeitgeber wollen nur die „Besten“, das Bewerbungsfoto ist entscheidend, schon geringe Gewichtsabweichungen können vielfach zum Ausschluss führen. Selbst die katholische Kirche, die so sehr gegen die PID gewettert hat, die uns das „Gottesspiel“ verbieten möchte, züchtet sich ihre Eliten heran, setzt auf die Intelligenten in ihren Reihen, die ihre Sache, ihre Macht, den altehrwürdigen Laden möglichst weit nach vorne bringen!

Jede Mutter, jeder Vater machen sich Gedanken, wenn das eigene Kind nicht den vorgewünschten Weg geht, vielleicht sogar erheblich vom Weg abkommt oder auch nur keinen Partner findet und im Job unglücklich wird. Man stellt sich als Eltern dann wieder und wieder die Frage nach seinem eigenen Zutun, der eigenen Schuld.

Mal abgesehen davon, dass die PID Eltern mit Erbkrankheiten viel Leid erspart, ist es absolut bigott zu glauben, unser gesamtes menschliches Leben stände nicht unter dem Regime von Auswahlverfahren. Der Mensch wertet, das ist Bestandteil seiner sozialen Strategie in der Gruppe, die mit diesen sozialen Strategien das Überleben sichert.
Möchte unsere Familienministerin Frau Schröder ein behindertes Kind zu Welt bringen oder eines von dem sie weiß, dass es schon früh an Alzheimer erkranken wird? Vielleicht ist ihr die Haarfarbe egal, aber sicher nicht seine Gesundheit! Die christlichen Politiker hatten vor kurzem noch einen sehr attraktiven, sehr smarten und scheinbar sehr intelligenten Politiker in ihren Reihen, dessen großes angeborenes politisches Talent über die Maßen von der eigenen Partei gelobt und genutzt wurde um Wählerherzen zu gewinnen. Aber vielleicht gibt es ja mal irgendwann eine PID für das Betrügergen…

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Erwachsenengarten

Eine Bekannte hat mir hat mir neulich folgende Geschichte erzählt:
Sie war sechs Jahre mit ihrem Freund zusammen, als sie eines Tages in ihrem Lieblingscafé in München vom Wirt mit mitleidigem Gesicht empfangen wird. Er drückte ihr sein großes Bedauern über das Scheitern ihrer Beziehung aus. Meine Bekannte war etwas verwirrt, da sie noch am selben Morgen mit ihrem Freund friedlich und glücklich am Frühstückstisch gesessen hatte. Doch der Wirt schwor ihr, dass ihr Freund ein paar Tage zuvor mit seiner neuen, schwangeren Freundin direkt vor ihm gestanden sei und diese Frau ihm als neue Frau an seiner Seite mit zukünftigem gemeinsamen Nachwuchs vorgestellt hatte.
Wer jetzt schon denkt „ohje, ohje“, möge erst das Ende dieser Story vernehmen:
Meine Bekannte hat natürlich ihren Liebsten sofort im Büro aufgesucht und ihn zur Rede gestellt, in der Hoffnung es handle sich um eine Verwechslung oder einen schlechten Scherz. Leider musste sie da von ihrem kleinlauten Freund erfahren, dass dieses werdende Kind im Bauch der anderen Frau nicht einmal das erste gemeinsame Kind ist. Das erste Kind war nämlich schon drei Jahre alt. 

Es gibt Geschichten, da ist man selbst als Psychologin für einen Moment sprachlos. Glücklicherweise ist die Bekannte mittlerweile glücklich verheiratet mit einem grundehrlichen Mann und hat ein sehr süßes Kind mit ihm. Aber die Frage bleibt natürlich: Warum macht jemand so was? Und sind nur Männer zu so was fähig? 

Ich kann aber noch eine andere Geschichte erzählen:
Ein Freund von mir, ein gutsituierter smarter Typ, wurde auf einer Feier von der Freundin der Gastgeberin wild angeflirtet. Er gab ihr deutlich zu verstehen, dass er durch gerade erfolgter Trennung nach langer Beziehung nicht bereit wäre für eine feste Partnerschaft. Die Dame gab vor, auch nicht auf etwas Festes aus zu sein. Eine wilde Nacht folgte und danach leider doch einige Bemühungen der Frau um eine Liebesbeziehung, die er aber zurückwies.
Drei Monaten später folgte ein Brief mit dem Ultraschallbild eines Fötus und hiernach ein Brief vom Rechtsanwalt. Mein Freund übernahm die Verantwortung, kümmert sich seit der Geburt rührend um seinen kleinen Sohn (ja es ist seiner), auch wenn ihm die verschmähte Mutter seit dem die Hölle heiß macht. Dumm gelaufen, dachte er sich immer und nahm sein Schicksaal klaglos hin, bis zu dem Moment, als die Gastgeberin der damaligen Party, mittlerweile mit der Mutter seines Kindes verstritten, ihm kleinlaut erzählte, dass diese „Schwangerschaftsaktion“ mit Temperaturmessung, Partytermin und ihm als Wunschkandidat für eine folgende, glückliche, absichernde Ehe damals genau geplant war. Wirklich dumm gelaufen.

Und die Moral von der Geschicht (bzw. den Geschichten)?
Neurosen, Selbstwertprobleme und infantiles, rücksichtsloses Verhalten sind nicht geschlechtsspezifisch.

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Homo Internet oder kleine Neros

 Vielleicht geht das jedem so, der im Internet sogenannten Content d.h. Inhalte einstellt, also seine geistige Arbeit präsentiert in Form eines Blogs, Filmbeiträgen oder in Artikeln in Zeitschriften, die auch online erscheinen: Man wird manchmal unglaublich schonungslos angegriffen, mit Worten und Behauptungen, die einem so im normalen zwischenmenschlichen Alltag niemals begegnen. Das reicht von schulmeisternden Schlaumeierein bis hin zu Spekulationen über den psychischen Zustand. Selten ist es gut begründete, durchdachte Kritik, über die sich jeder Schaffende freut. 

Der Mensch identifiziert sich gerne mit Menschen, die er bewundert, die sich aus der Anonymität heraus trauen, etwas zum Vortrag, zur Darstellung bringen. Er lässt aber auch gerne die anderen den Kopf hin halten und schaut lieber zu, versucht durch die Identifikation mit den Protagonisten etwas zu erleben und zu lernen und ist froh sich nicht draussen in der Manege zu befinden und selbst kämpfen zu müsse. Die emotionalen Reaktionen von Zuschauern reichen deshalb von Mitgefühl bis Schadenfreude: Schließlich bekommt der da im Rampenlicht ja auch die Aufmerksamkeit. Dafür muss er dann aber auch mit der Meinung der Zuschauer rechnen, denn schließlich wird ja die ganze Show für diese abgehalten. 

Doch der Zuschauer ist der Show auch ausgeliefert, kann nur zu- oder wegschauen und bestimmt eben nicht aktiv an deren Gestaltung mit, sondern hebt oder senkt NUR den Daumen. Vielleicht entsteht gerade aus seiner Ohnmacht oder seinem Neid auf die Aktiven diese Lust am Urteil: Wer urteilt, verurteilt, scheint doch mitwirken zu können. Er schwingt sich zum Richter auf, jemanden der über den Dingen steht, genau weiß, was das alles (ihm) wert ist. Er macht sich selbst wichtig. 

Neben Google Maps, Homebanking, dem Kulturveranstaltungskalender und Wikipedia, die unser Leben ungemein vereinfachen, wird das Internet zum Magneten für alle unreifen Persönlichkeitsstrukturen, alle Neurosen: Bindungslose Stubenhocker finden hier Kontakt, Perverse Objekte ihrer Begierde, Neider Ventile für ihre Missgunst und Größenwahnsinnige ihre Illusionswelten – alles auf Knopfdruck und bequem vom Sessel aus. Sie müssen sich ihren Mankos nicht mehr im richtigen Leben stellen, die Motivationsenergie des Leidensdrucks, kompromittierende Situationen werden vermieden: Triebabfuhr in eine Endlosschleife, am Existenzminimum. Niemand zwingt sie mit realen Reaktionen sich ihren Problemen zu stellen. 

Was aber wird aus dem simplen mehr oder weniger neurotischen Zuschauer, der eigentlich nicht selbst gestaltet, der sich mit seiner Meinung, seinem Verhalten nie der Öffentlichkeit stellt, der es lieber genießt, andere über die Klinge springen zu sehen oder sogar noch nachhilft? Was wird aus all den anonymen Richtern und Besserwissern? Wie wird es ihnen am Ende gehen, bei ihrem Rückblick auf ihr Leben? Werden wir irgendwann die erste Generation von Internetnutzern in den Altersheimen sitzen haben, die sich fragen, ob ihnen das Internet ihr Leben aus den Fingern gesaugt hat, sie ruhig gestellt hat wie ein schweres Psychopharmaka?

Die Rechnung wird immer am Ende gemacht und für manche Menschen ist sie dann sehr hoch.

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Die Kuh Heidi

Aufgrund des Beitrages im Nachtcafé des SWR von letzter Woche habe ich über hundert E-Mails erhalten: Viel Lob, glücklicher Weise und auch etwas Kritik. Die Kritik lief fast immer darauf hinaus, dass ich ja immer noch aussehe wie ein Model, besonders in solch einer Sendung mit hohen Schuhen und viel Make-up und somit immer noch meine Mitmenschen mit dieser Fassade der Perfektion unter Druck setze. Das Lob lief darauf hinaus, dass ich als „trojanisches Pferd“ immerhin versuche etwas „innere Werte“ in die Medienwelt einzuschleusen. Einig waren sich alle darüber, dass Heidi Klum ne dumme Kuh ist. Es gab sogar einen Verlag, der mich bat, explizit ein Buch zu schreiben gegen Heidi Klum. 

Ich kenne Heidi Klum nicht persönlich, d.h. ich habe sie mal kurz auf einer Modenshow Anfang der 90er getroffen und kann mich noch an ihre lebhafte Art erinnern. Sie war aber noch nicht so berühmt wie heute. Ich kenne sie also eigentlich auch nur aus ihrer Sendung und ihren Boulevardinterviews aus dem Fernsehen.

Ich erlebe täglich selbst, was die Leute über einen denken, wenn man im Fernsehen auftritt: Das Publikum macht sich sein eigenes Bild. Es ist entweder positiv emotional berührt, weil man seine Meinung vertritt oder es ist verärgert, weil man sich in ihren Augen nicht richtig verhält. Wie mag es da Heidi Klum gehen, die ja noch 1000 x mehr im Fokus der Aufmerksamkeit steht, polarisiert und mit ihrer Sendung im Moment sehr stark unsere Kultur bestimmt (auch wenn sie dabei sicher eher ihren eigenen Geldbeutel im Sinn hat… Oder ist das auch schon eine Unterstellung?) Sicher ist: Sie verdient viel Geld, sie hat ein sehr ausgeklügeltes Vermarktungssystem für sich, ihre Mädchen und ihre Sendung. Hat sie sonst noch ein anderes Anliegen? 

Man muss dafür geboren sein wirklich in der Öffentlichkeit zu stehen. Andy Warhols Forderung nach 15 Min. Berühmtheit für jedermann sind als solche ja nun schon berühmt. Mal im Fernsehen gewesen zu sein ist interessant, zu sehen „wie es da läuft“, hinter die Kulissen zu schauen. Aber häufig im Fernsehen zu sein braucht a.) etwas, dass man „verkauft“ – auch wenn es nur eine eigene Meinung ist, b.) ein dickes Fell oder einen Vorteil für den eigenen Narzissmus. 

Kann man wirklich etwas verändern, wenn man seinen Kopf und dessen Inhalt hinhält in den heutigen Medien? Bewegt man wirklich etwas als „Lichtblick im Banalitäts-Dschungel“? Gibt es das überhaupt noch Vorbilder jenseits von „ich will auch mal so berühmt sein, viel Geld zum Shoppen haben und auf tolle Partys gehen“? Lohnt sich die Mühe einer fundierten, gut überlegten, eigenen Meinung? Oder ist man nur Angriffsfläche für all die, die aus dem sicheren Versteck der Anonymität schießen, um zu sein…? 

Es ist sicher gut, dass wir keinen zu hohen Respekt mehr haben vor den Fernsehpromis, dass wir kritisch ihr Tun beurteilen, Banalität als solche erkennen, auch wenn wir trotzdem ständig und immer mehr von ihr umgeben sind. Qualität erkennt man immer noch, Wahrheit setzt sich wohl immer durch. Aber warum sollte man sich als Mensch mit Qualitäten dieser Löwengrube freiwillig aussetzen? Denn gerade dann fehlt einem ja der Narzissmus dazu, der von der ganzen Aufmerksamkeit profitieren könnte. Wer bin ich, dass ich glaube, etwas bewegen zu können? Lässt einen nicht gerade diese Frage schon scheitern in der jetzigen Medienwelt und ist gleichzeitig die Voraussetzung für Qualität?

 Und trotzdem freut man sich, wenn jemand verstanden hat, dass man sich ehrlich bemüht.

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Bin ich schön? Und was dann?

Am Mittwoch letzte Woche war ich Teilnehmerin der Talksendung „Nachtcafé“ im SWR zum Thema „Schönheitswahn“ (wen es interessiert: Wird diese Woche Freitag den 17.6. um 22 Uhr ausgestrahlt). Es gab eine hitzige Diskussion zwischen einer Schönheitschirurgin (natürlich pro Schönheits-OPs), einem gelifteten Tagesschausprecher (gegen OPs weil verunstaltet), einer Medizinjurnalistin (gegen OPs aus Prinzip) und einem jungen Mädchen (22), die eine Palmersunterwäschen Kampagne gewonnen hatte aus lauter Bewerberinnen „von der Straße“ und nun fest daran glaubte (trotz ihrer 1,60m) sie sei ein Model. Sie hatte sich dafür sogar den Busen operieren lassen (damit war sie natürlich „total glücklich“ und hatte das völlig „selbstbestimmt“ entschieden und entwarf ansonsten als “Unternehmerin” Hundekleidung). Sie warf eifrig mit Fachbegriffen wie “Editorial” und “Shooting” um sich und war im Grunde genommen das traurige, lebensechte Beispiel über das die Sendung verhandelte.

Ich bin weder gegen noch wirklich für Schönheits OPs. Ich habe mir im Alter von 19 Jahren selbst die Nase operieren lassen, weil ich wegen meiner alten Nase furchtbar gehänselt wurde und als Teenager natürlich nicht das Selbstbewusstsein hatte da drüber zu stehen (auch ich war damals “total glücklich” und hatte das “völlig selbstbestimmt” entschieden” – glaubte ich jedenfalls). Ich kümmere mich auch nach wie vor um mein Äußeres, achte auf meine Figur und wüsste nicht, ob ich nicht wieder etwas machen lassen würde, wenn mich was an meinem Körper wirklich stören würde und der Eingriff nicht zu gefährlich wäre und zu langwierige Folgen haben könnte. Ich habe über meine Nase nach der OP nie wieder nachgedacht – insofern wurde viel Energie frei, die ich in andere Interessen gesteckt habe.

Und genau darum geht es mir beim heutigen Schönheitswahn: Seine Ausschließlichkeit. Nichts scheint so wichtig, so glücksversprechend, so identitätsstiftend wie Schönheit. Und wir reden hier nicht mal mehr von vielen verschiedenen Attraktivitätsformen: Nein! Uns schwebt nur noch das globale Modelmaß vor: 1,77m-1,80m groß, sehr dünn, völlig gleichmäßiges, langweiliges Gesicht. Intelligenz: Irrelevant. Charakterstärke: Irrelevant. Bildung: Irrelevant. Irgendwelche Interessen jenseits von Make-up und Mode: Irrelevant. Moralisches Verhalten: Irrelevant. Empathievermögen: Irrelevant. Schlechtes Benehmen: Irrelevant.

Wenn man Heidi Klums Sendung sieht kann man es kaum fassen, welche dummen Verhaltensweisen und Fähigkeiten dort über alle Maßen wertgeschätzt werden, von einer Jury aus sich in Szene setzenden Wichtigtuern und Egomanen, ihr lächerliches Getue euphorisch zum Weltmittelpunkt erklärend. „Ich sehe nicht dass Du es wirklich willst!“, einer von Klums Standartsätzen – WAS wirklich willst?! Exaltiert auf sehr hohen Schuhen laufen, zweite Klasse nach New York fliegen und dort (kreisch) an irgendeiner banalen Party teilnehmen?

Leider glauben viele junge Mädchen genau das wäre das Höchste aller Dinge – oder wie die 14 jährige Tochter einer Bekannten neulich tief seufzend gestand: „Ich weiß doch, dass ich das eh nie schaffe…“ (Ihre Mutter hatte mir gerade erklärt, ihre Tochter würde die Heidi Klum Sendung differenziert wahrnehmen und sich davon nicht beeinflussen lassen.)

Wir können das Rad nicht zurück drehen: Schönheit ist mehr denn je zum wichtigsten Thema unserer Kultur geworden. Wir sind umgeben von Fotos und Filmen mit schönen Menschen. Unser unterbewusstes Schönheitsempfinden hat sich längst darauf eingestellt, bei Männern und bei Frauen. Wir wählen unsere Politiker nach ihrem Aussehen, die dann über unser Schicksal bestimmen. Schönheit ist zur Ersatzreligion geworden mit dem Versprechen auf ein diesseitiges Paradies.

Doch wir können das Rad weiter drehen: Der Schönheit Anderes an die Seite stellen, Dinge, die für unser Glück viel wichtiger sind. Denn niemand wird glücklich, nur weil er die Frage „Bin ich schön?“ eindeutig mit ja beantworten kann. Wie wäre es denn mal mit der Frage: Bin ich eine gute Freundin/ ein guter Freund? Bin ich ausreichend selbstkritisch und versuche die Position anderer zu verstehen? Kümmere ich mich genug um meine wichtigen Beziehungen?  Habe ich von irgendwas mehr Ahnung als von mir selbst? Was kann ich eigentlich für mein Aussehen? Wieso sollte mich Gott so bevorzugen nur um mein Ego zu befriedigen?

Am Ende der Sendung kam ein älterer Zuschauergast zu mir und sagte mir: „Sie müssen sich doch nicht so aufregen, das steht Ihnen aber gar nicht!“
Wird der Don Quichotte eigentlich heute noch gelesen?

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Venedig sehen und sich wundern

Die vergangene Woche war ich zum ersten Mal in Venedig auf der Biennale bei den sogenannten Preview-Tagen. Eigentlich sind diese Tage für die besonders wichtigen Leute der Kunstszene gedacht – dachte ich. Ich habe mir stilvolle Menschen in stilvollen Gesprächen über besonders gute Kunst vorgestellt. Die Realität sah aber so aus, dass es besonders viele Menschen in Trägerhemdchen schwitzend in besonders langen Schlangen vor den Pavillons in der Hitze standen und, sobald irgendwo ein Buffet aufgebaut wurde, sich eine Horde Nichteingeladener mit einer Horde Eingeladener um ein paar Häppchen und schlechten Sekt schlug (was vielleicht auch an den Preisen in den venezianischen Cafés und Restaurants lag). Und wieder wurde der Traum vom Paradies, vom perfekten Leben irgendwo und sei es auch nur für ein paar Tage von der Realität dermaßen zerkratzt, dass die Enttäuschung danach doppelt groß war. Und wieder musste ich mir eingestehen, dass auch ich nach wie vor und trotz hiesiger oftmals aufgegriffener Desillusionierung immer noch in manchen Ecken meines Hirns ein Paradies-Victim bin. Warum aber träumen wir/ich immer wieder, immer noch davon, dass es irgendwo in der Vergangenheit, in der Gegenwart oder in einer fernen Zukunft einen perfekten Platz mit perfekten Menschen gäbe, Menschen, die gebildet sind, sich zu benehmen wissen, gut gekleidet respektvoll mit sich und uns allen anderen umgehen? Warum können wir die Hoffnung auf diese wunderschöne Werbewelt nicht fahren lassen – trotz hundertfacher anderer Erfahrung?

Unser Leben wird immer anstrengender, unsicherer durch die globalisierte Finanz- und Wirtschaftswelt immer bedrohter. Und wir bekommen keinen Ausgleich dafür. Dafür wird uns immer häufiger die Superwelt der Superreichen in wunderschönen retuschierten gutzusammengeschnitten Bildern vorgeführt. (Ich selbst schaue mir besonders gerne Sendungen an von erfolgreichen Buchautoren in einsamen Häusern an Seen im altenglischen Stil, deren Agenten sie durch jede Schreibkrise begleiten und immer fest an sie glauben.) Irgendwo muss es das doch geben, das wunderschöne Leben, dass uns ständig versprochen wird! Es kann doch nicht ständig alles schlimmer und wir selbst immer älter werden!

Im Hafen von Venedig standen riesige Jachten auf denen von unten Menschen zu sehen waren, von denen man annahm, dass sie sich gerade wunderbar stilvoll amüsieren. Doch wahrscheinlich hatten die Frauen oben an Deck einen unglaublichen Stress mit dem Altern (ob der sie nun zehn Jahre früher oder später erreicht, ist ja eigentlich egal) oder sie finden vor lauter Reichtum niemanden der sie wirklich liebt und sie durch Krankheit und Verlusterfahrung hindurch begleiten wird. Vielleicht haben sie völlig gestörte Kinder zwischen Drogensucht und Versagensängsten. Und wer weiß, was die Männer so treiben, wie weit ihnen ihre Erfahrungen mit dem Materialismus überhaupt noch einen respektvollen Zugang zum anderen Geschlecht und anderen Menschen möglich macht (das würde ich Strauss-Kahn und Schwarzenegger und die erfolgreichen Vertreter der Hamburg Mannheimer und die Gewerkschaftsvertreter von Volkswagen wirklich gerne mal fragen: Fängt man sich auf Sex-Partys nicht auch irgendwann mal an zu langweilen? Aber vielleicht ist der Reiz an der unbegrenzte Verfügbarkeit von Frauen für mich als solche niemals zu verstehen….).

Auf jeden Fall sahen die Menschen oben auf den Parties der Yachten so aus, als wären sie so glücklich wie in der Werbung. Denn auf einer 100 Meter Yacht im Hafen von Venedig zu liegen, während die Linden aus den Giardini herüberduften und die Kunstwelt einem die Welt völlig neu erklärt, da muss man doch nun wirklich im besten aller Leben sein.

Oder ist es vielleicht auch beruhigend, dass es nirgendwo dieses beste aller Leben gibt? Wenn selbst Max Frisch und Kafka und Nabokov normale Menschen in realen Leben mit Glück und Unglück waren, warum sollte ich mir dann ständig so einen Stress machen?

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Die Apps – Identity

Kennen Sie diese seltsamen kleinen Quadrate auf den i-Phone Displays – die sogenannten Apps? Das sind kleine Programme, die man sich selbst zusammen sucht nach dem eigenen Bedarf: Applikationen – Aufgesetzte Äußerlichkeiten zur Verzierung des eigenen Lebens. Sie zeigen einem die Zeit an, die Aktienstände, die eigenen Fotos und wo man sich gerade befindet. Sie unterhalten und verwalten uns. Und sie sagen so viel über die eigene Person aus, dass die Industrie hohe Summen bietet, um zu ihrem Nutzen daraus unsere Persönlichkeitsprofile zu erstellen.

Die Apps für ein erfolgreiches Leben stimmen mittlerweile universal und global überein: Da wäre zuerst mal das richtige Aussehen: Sportlich, schlank! (für die Damen BH-Größe 80B), gerade Nase.

Dann auch sehr wichtig: Die richtige Ausbildung (Menschen mit hohen Ansprüchen sollten ihr Leben mindestens mit einen Master oder sogar einen Doktortitel uptunen). Auch Fremdsprachen Apps solle man hier noch dazu nehmen: Englisch (während der Schulzeit am besten in einem Jahresaufenthalt in den USA herunterladen) ist obligatorisch, eigentlich Grundausstattung. Eine weitere Fremdsprache für die Perfektion wäre wünschenswert. Als Erwachsener sollte man dann auch im Ausland noch mindestens ein Jahr gearbeitet haben (am besten für ein global bekanntes Unternehmen).

Natürlich ganz wichtig: Der richtige Partner-Apps. Durch nichts stellt man sein perfektes Leben so gut dar, wie durch seinen Partner. Ein hässlicher oder erfolgloser Partner, der womöglich nicht die richtigen Sportarten treibt, geht gar nicht. Hier sollte man sich wirklich ausgiebig Zeit nehmen bei der Suche, die einzelnen Funktionen genau auf sich abstimmen und auch auf Details wie Hinternbreite, Kaffeemaschine und Automarke achten.

Überhaupt: Auch das eigene Auto ist natürlich ein ganz wichtiger Apps – schließlich will niemand beim ersten Blick auf das eigene Lebensdisplay für primitiv oder fahr-lässig gehalten werden. BMW, Audi und Porsche (aber nur die großen Modelle in gedeckten Farben). VW geht gar nicht (nur für Spießer, Schulabgänger mit frischem Führerschein und Hausfrauen).

Dann wären da noch die Kinder: Mindestens zwei, besser drei – um zu zeigen, dass man es sich leisten kann, an die Zukunft glaubt und sozial ist. Ein Luxusapps für die moderne Erfolgsfamilie ist hier mittlerweile wieder die eigene Haushälterin oder, als abgespeckte Variante, das Aupairmädchen aus Russland. Auch ein Hund im eigenen Garten macht sich natürlich gut.

Des Weiteren gibt es noch viele kleiner Apps, die in der Masse aber nicht unerheblich sind für das optimale Smart-Leben: Urlaube zum Beispiel sollten immer in der richtigen Mischung von kurzen Städtereisen mit Kulturanstrich und langen, teuren Sandstrandurlauben herunter geladen werde. Ab und zu ein bisschen Abenteuer beim Kitesurfen oder Bergwandern gibt besonders bei Männern die perfekte Abrundung. Auch die richtigen Unterhosen von der richtigen Designermarke und das Pferd mit Reiter auf dem farbigen Freizeithemd sorgen als Miniapps für die optimale Lebensästhetik.

Leider gibt es da auch noch Apps, die natürlich ganz schlecht auf so ein strahlendes, buntes Lebensdisplay passen: Der demenzkranke Vater, die Pleite der Firma, die Frau, die einen verlässt, der eigene Herzinfarkt. Da hat das Schicksal noch einige Programmierfehler zu beheben. Für den einen oder anderen Störapps gibt es da schon Lösungen (z. B. das Pflegeheim), aber so richtig ausgereift sind diese Abwehrprogramme, besonders für ältere Geräte noch nicht.

Und bitte lassen Sie die Finger von dem ganzen Individualitätskram. Das basiert alles auf völlig veralteten Programmiersprachen, die kaum mehr jemand gelernt hat und die das gesamte System nur stören. Wo kommen wir denn da hin? Wie soll denn da die Industrie noch wissen, wie sie uns vermarkten kann?

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Triebtäter und kleine Jungs

Strauss-Kahn, Kachelmann, Schwarzenegger, Berlusconi, Assange: Was ist los mit den Männern? Kollidiert hier nur der männliche Trieb, seine Gene zu verteilen, mit dem gescheiterten Versuch ihn mit Treue und Partnerschaft zu domestizieren? Oder ist das Ganze nicht viel mehr ein Problem des Selbstbildes und Selbstwertgefühls und vor allem des Bildes, was wir vom erfolgreichen Mann heute haben? 

Sicher ist: Alle diese Männer haben ein starkes Ego, das sie vorangetrieben hat. Und man dürfte diesem Ego (wie jedem Ego) den Erfolg beim anderen Geschlecht als Grundmotivation voranstellen und als eines der besonderen „Schmankerl“, das wir der Macht und dem Erfolg zuordnen. Doch was veranlasst diese Männer auf dem dünnen Grad zwischen „Super Typ“ und „Das Schwein“ den einen entscheidenden Schritt daneben zu treten? 

Die Antwort darauf ist natürlich eine psychologische: Unsere Psyche wird durch Macht korrumpiert. Unsere Persönlichkeit ändert sich, wenn ihr andauern Sonderregeln zugestanden werden, ein überhöhtes Maß an Aufmerksamkeit, Bewunderung und Wichtigkeit. Irgendwann glauben wir dann: Für uns gelten die Regeln der normalen Menschen nicht mehr, wir können uns Dinge raus nehmen ohne bestraft zu werden oder den Gesetzen des menschlichen Lebens unterworfen zu sein. (Ich spreche hier extra von „Wir“, denn es würde fast jedem von uns so ergehen – vielleicht dem Dalai Lama nicht.) Wir messen, wenn wir dauerhaft eine Sonderstellung haben, irgendwann mit zweierlei Maß: Wir und die anderen banalen normalen Menschen. Dann schwängern wir die Hausangestellte und die Ehefrau macht trotzdem weiter mit, betreibt sechzehn Liebesbeziehungen nebeneinander oder glaubt Zimmermädchen mit unserer Wichtigkeit und 62jährigen sexuellen Potenz beglückt zu müssen. Und plötzlich schlägt die Uhr zwölf und der Zauber ist vorbei und alles wird zu Asche…. 

Oft sitzen in diesen großen Zampanos immer noch die kleinen Jungs, die einmal in den gängigen Klischees unserer Kultur für „erfolgreiche Männer“ ihre eigene großartige Zukunft heraufdämmern sahen, die sich schon als Halbwüchsige in schillernden Bildern das viele Geld, die viele Macht und Überlegenheit – und die vielen schönen Frauen ausmalten, die (wenn die Welt endlich von ihrer Großartigkeit erfahren hätte) ein deutliches Zeichen dafür wären, dass man ihnen als Kinder Unrecht getan hatte. (Bei Frauen gibt es übrigens die entsprechenden Bilder der vielbewunderten Prinzessen – nur das dort dann nur ein einzelner Mann auf einem sehr teuren Pferd daher geritten kommt. Gut muss er übrigens auch aussehen.) 

Es wird immer kleine verletzte Kinderseelen geben. Aber vielleicht sollten wir uns einmal ein paar Gedanken machen über die Klischeebilder, die wir diesen kleinen und großen Kindern täglich vor die Nase hängen, die in jeder Zeitung und jedem Boulevardmagazinbeitrag uns rund um die Uhr Soma artig ins Unterbewusstsein rieseln. Denn diese unrealistischen, demütigenden, einschränkenden, rein äußerlichen Trugbilder für Erfolg und Glück bringen nicht nur sehr prominente Männer in ihren Leben zu Fall. Sie führen jeden von uns, der in ihnen die Wiedergutmachung für sein banales, unterschätztes Dasein erhofft, in die Irre und lassen ihn sein Leben in Anbetung von lächerlichen Götzen verschwenden.

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Das super Model für die Frau

Da geht aktuell ständig die Welt unter und wir Frauen beteiligen uns mal wieder nicht. Wir tun weiterhin so als ginge uns das große Weltgeschehen überhaupt nichts an. Wir flanieren durch die Schuhgeschäfte und sitzen in den Nieschen der Schönheitssalons und lackieren uns die Fingernägel. Denn wir Frauen werden aktuell besonders von einem Vorbild regiert: Dem superdünnen, superjungen Supermodel. Nichts zwingt schlaue, selbstbewusste, beruflich erfolgreiche Frauen mehr in die Knie, als die dummen, albernen Mädchen aus Heidi Klums Sendung (die als besonderen Preis ein Titelbild auf der Cosmopolitan gewinnen) oder all ihre (doch noch etwas erfolgreicheren) Kolleginnen in der Vogue oder der Palmersreklame, die in eine Size Zero Jeans passen und mit ein paar netten Fotos meist dürftig und zeitlich sehr begrenzt ihren Lebensunterhalt bestreiten. Und das Seltsamste daran ist: Auch die Supermodels selbst werden vom Jugend- und Schlankheitswahn permanent in Schach gehalten. Denn wer bei 1.80 m in Kleidergröße 34 passen muss, dem kann man zuschreiben, dass sich all seine Gedanken und Tätigkeiten auf die Kalorienverbrennung konzentrieren und ihm (bzw. ihr) somit schlichtweg die Lebensfreude absprechen.

Wie konnte es nach dem Aufbruch der 68er und trotz immer besserer Bildungsergebnisse der Frauen und Mädchen dazu kommen?
Die Antwort ist relativ einfach: Alice Schwarzer und Rita Süssmuth taugen nicht zu Orientierungsbildern. Kaum eine Frau möchte so kämpferisch und androgyn (um nicht zu sagen kampf-männisch) daherkommen und somit jeder Romantik und Partnerschaft eine direkte Totalabsage erteilen. Das Auftreten dieser 68er Frauen war sicher notwendig, um überhaupt Bewegung in den selbstgefälligen Machismus der Nachkriegszeit zu bringen (entsprungen aus der Frauenfeindlichkeit des dritten Reichs und der meisten anderen Epochen davor). Doch wie Heike Makatsch mal so schön in einem Spiegelinterview sagte: Ich danke ja auch nicht täglich dem Erfinder der Glühbirne, wenn ich das Licht anschalte!

Leider hat sich aus der Abkehr von der „Schwanz-ab-Einstellung“ der Emanzen der ersten Stunde nicht ein starkes und weibliches Frauenbild entwickelt, sondern wir Frauen sind direkt zu den Prinzessinnenfabeln von `Sex and the City´ bis `Kate heiratet William´ (oder Tom) zurückgekehrt. Und schlimmer noch: Wie wir als Prinzessinnen auszusehen und uns deppert, unterwürfig zu verhalten haben, ist mittlerweile global universell festgelegt. Denn nur ein Vorbild ist heute noch stärker als das des Supermodels: Das Supermodel im Brautkleid! (Die Bestellungen der genauen Kopie von Kate Middletons Hochzeitskleid fand innerhalb von Stunden reißenden Absatz von Bombay bis Sidney, von Boston bis Shanghai, von Bochum bis Sao Paulo!) Und wo hatte der liebe William seine Kate das erste Mal erblickt: Auf einem Laufsteg…. Und auch die Mädels aus SatC hatten letztlich nur die Suche nach „dem Richtigen“ im Kopf, obwohl sie ja eigentlich erfolgreiche Anwältinnen, PR Beraterinnen etc. waren: Nichts war so wichtig wie die richtigen Schuhe zum angesagten sexy Outfit und das alles für die (kreisch) ach so süßen Typen (aber bitte mit Erfolg und fettem Bankkonto).

Warum gibt es aber keine weiblichen, intelligenten, individuell attraktiven, humorvoll-charmanten Vorbilder?
Die Schuldigen hierfür kann man getrost bei den Medien und in der Schönheitsindustrie suchen. Dieser riesige, global ausgerichtete Markt versucht seine Produkte mit viel Geld in den Medien zu platzieren, die dann ausführlich den sterilen, überzeichneten Prominenten Aufmerksamkeit zukommen lassen, die diese seltsamen Äußerlichkeitsregeln verkörpern und diese Produkte bewerben (die meisten Serien, genauso wie sämtlich Frauen- und Klatschzeitungen sind mittlerweile ein einziges großes Productplacement für Schönheit- und Luxusartikel, wobei man die Geschichten und Beiträge nicht mehr von der Werbung unterscheiden kann). Und alle Beteiligten bekommen und verdienen viel Geld, indem sie den meisten Frauen auf diesem Planeten suggerieren: Du bist nicht perfekt, Du bist nicht schön genug …. und darauf kommt es an, denn nur wer richtig schön ist, hat ein tolles Leben und viel Aufmerksamkeit und viele Handtaschen und viel Erfolg bei den Männern (am besten reichen Männern, denn dann musst Du Dich nicht mehr anstrengen für den ganzen Luxus und bekommt alles geschenkt. Und Kate Middleton hat jetzt einen tollen Etat für ihre Garderobe und muss nichts mehr machen, außer teuer schoppen und teuer kucken und bekommt dafür die maximale Anerkennung).

Sich anzustrengen, sich etwas zu erarbeiten, für etwas zu interessieren (was nicht mit Äußerlichkeiten zu tun hat) galt von jeher als Männerideal. Schon die Prinzessinnen in den meisten Märchen mussten nur wunderschön sein, um einen Prinzen zu bekommen. Und auch wenn Evolutionsbiologen uns unablässig mit zahlreichen Untersuchungen immer wieder bestätigen: Männern ist das Aussehen bei Frauen immer noch das Wichtigste (als Motivation für ihren eigenen Erfolg und ihre Genweitergabe) und Frauen ist der Status bei Männern wichtiger als alles andere (um den eigenen Nachwuchs und sich selbst während der Aufzucht gut durchzubringen) – man könnte sich mal fragen, wie kommen eigentlich so viele hässliche Kleinbürger überhaupt zu Kindern? Und warum sehnen wir uns so nach „inneren Werten“, nämlich genau danach für unser „Ich“, unseren Charakter, unsere Besonderheiten, unsere innere Einzigartigkeit geliebt zu werden?

Partnersuche ist nicht alles. Doch leider ist sie in unserer Kultur zur Ersatzreligion aufgestiegen. Sie wird (besonders für Frauen) vor jeden anderen Erfolg gestellt: Partnersuche ist zum hauptsächlichen Lebenssinn und Lebensglück hochstilisiert worden. Und für diese Suche müssen wir Frauen eben wunderschön sein. (Erfolg hindert da nur und greift den ersehnten Mann in seinem Selbstbewusstsein nur an.) Die meisten Filme und Geschichten behandeln genau dieses Thema (wie haben sie sich gefunden – die romantische Akquisesituation …und was hat er sich ein Bein ausgerissen und war charmant und kreativ und das alles nur für sie, die ein wenig unbeholfen und tollpatschig, aber zuckersüß durchs Leben stolpert….).
Leider setzt die Realität ihren Schwerpunkt auf die Phase danach, auf das `Und dann lebten sie „glücklich“ bis an ihr Lebensende´. Es wird abgeblendet bevor die ganzen Geschichten mit den Problemkindern, den sterbenden Eltern, den eigenen zunehmenden Gebrechen, der plötzlichen Arbeitslosigkeit und den Falten und Oberschenkeldellen kommt. Und unser Leben besteht (besonders ab 40) zum großen Teil aus diesen Themen. Da wird es plötzlich ziemlich egal, was für ein schickes Brautkleid man mal getragen hat, und dass man in eine Viktoria Beckham Jeans passt oder in ein sehr flaches Auto. Und genau in all diesen „Nachabspannsituationen“ wird eines gebraucht: Stärke! Und wie die Statistiken uns verraten sind es gerade die Frauen, von denen diese gefordert wird, die diese selbstverständlich zu leisten haben – und es auch tun.

Warum schaffen Frauen es dann aber vorher nicht für sich ein ordentliches Gehalt zu verhandeln? Warum stellen sie ihre Leistungen, ihr Können, ihre Qualitäten so unter den Scheffel?
Die Antwort liegt wiederum in der Dominanz der Medienbilder. Wie selten sind Berichte von erfolgreichen Businessfrauen und wie häufig von sexy Stars?  Alle Leistungen und Talente jenseits von „Schön und sexy“ fallen hinten runter oder werden sogar als negativ bewertet. Alle Herzlichkeit, Zwischenmenschlichkeit, Geduld, Aushaltevermögen, emotionale Großzügigkeit werden völlig überblendet vom Status eines sexy Po. Da kann man es den Männern fast nicht übel nehmen, dass auch sie nirgendwo anders hinschauen. Auch sie haben es in unserer plakatierten Werbewelt nicht anders gelernt. Die Macht der Bilder stärkt immer nur die Sehnsucht nach diesen Äußerlichkeiten. Sie gehen direkt ins Hirn, wie Drogen, Glücksversprechen – total an der Realität vorbei. Und außerdem: Solange der Erfolg für die Männer reserviert bleibt, müssen sie ja auch keine neue Rolle finden.
Und wenn schon erfolgreich, dann bitte unweiblich. Alle individuelle Schönheit, eigene Stile und Darstellungsformen sind in der modernen Businesswelt unerwünscht. Frauen verkleiden sich als Männer, wenn sie in ihrer Welt Erfolg haben wollen. Alles andere lenkt ab (besonders die männlichen Kollegen auf ihrem Weg nach oben.) Diese Uniformierung negiert die Weiblichkeit im Arbeitsalltag und umso mehr wird ihr dann mit Miniröcken und megahohen Schuhen außerhalb der Büros entgegengewirkt. Erfolgswelt bleibt Männerwelt, mit männlichen Ansprüchen an totale Verfügbarkeit, Regeln des Aufstiegs und der Bewertung und Uniformierung. „Women know your limits“, scheint am Eingang der Bürotürme zu stehen: Passt Euch hier ja an, wenn ihr hier schon rein wollt, geht ja keinen eigenen Weg. Selbst die vielbeschworenen weiblichen `Soft-skills´ werden in ihrer Reichweite genau bestimmt und in sterile Begriffe wie `Teamwork´ und `Kommunikationskompetenz´ gezwängt: Bitte keine Extravaganzen oder gar individuelle Weiblichkeit!

Warum sollten Frauen diese Welt anziehend finden? Wo können hier wirkliche weibliche gelebte Vorbilder entstehen?
Es gab mal eine Zeit, da waren starke, individuelle, charmante, gebildete und schlagfertige Frauen das höchste Ideal: Ich spreche von der Kultur in den großen Metropolen vor dem 2. Weltkrieg: In Berlin, Paris oder New York der zwanziger Jahre lebten Frauen ihren weiblichen Charme und ihre Stärke nebeneinander und vor den bewundernden Augen der Männer, die sich damit auseinandersetzen mussten. Sicher gab es damals noch nicht wirklich Chefinnen. Und sicher können wir nicht mehr zu Hüten mit Gesichtsnetz oder Fuchsfell über der Schulter zurückkehren. Doch wir sollten uns weigern uns vom Regime der normierten Äußerlichkeit weiterhin gängeln zu lassen (und das gilt für Männer und für Frauen – es soll ja mittlerweile Männer geben, die sich schämen, wenn sie nicht auf den gängigen Modeltyp stehen). Wir sollten uns weigern das hübsche, junge Paar als einziges Lebensmodel zu akzeptieren, bei dem die Frau nach dem ersten Kind maximal noch Teilzeit arbeitet.

Es gibt völlig andere Modelle. Man kann sie sich aber nur individuell erschaffen und selbstbewusst gegen den Strom leben. Was wäre, wenn morgen niemand mehr Frauenzeitschriften und Klatschblätter lesen würde, wenn auf den Werbeplakaten nur noch reale Durchschnittsfrauen abgebildet wären? Wie lang würde es dauern bis sich unsere Wahrnehmung verändern würde, der Geschmack wieder vielfältiger würde? Was wäre, wenn Angela Merkel und Frau von der Leyen und alle erfolgreichen Frauen zukünftig Kleider trüge und nicht nur bei der Eröffnung irgendwelcher Opernfestspiele (und ohne überbetontes Dekolleté, was wohl immer dem Mangel an geschulten und geübten Geschmack und Umgang mit Weiblichkeit geschuldet ist)? Vielleicht würde dann Weiblichkeit nicht mehr „mit sich klein machen“ gleichgesetzt. Vielleicht hätten Frauen dann mehr Anreiz zum Erfolg und echte, weibliche Vorbilder würden sich auch in der Businesswelt herausbilden. Vielleicht würden sich bewusst weibliche Frauen mehr trauen und besser für sich verhandeln. Denn eines ist sicher: Als verkleidete, zweitklassige Männer, die von übertrieben Modelmaßen gegängelt werden und eigentlich auch nur geheiratete Prinzessinnen sein sollen, können Frauen nur schlecht ein gesundes Selbstwertgefühl entwickeln.

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Vorsatz oder Versehen – Warum Schummeln die Würde des Menschen angreift

Nun ist es also raus: KT zu Guttenberg hat VORSÄTZLICH betrogen. Das ist schlecht für seine politische Karriere, aber gut für seine Zurechnungsfähigkeit. Denn wer in über 100 Fällen “aus Versehen” abschreibt, dem müsste man seine geistige Gesundheit oder zumindest seinen freien Willen absprechen.
Die Universitäten von Minnesota und British-Columbia führten 2008 eine interessante Studie durch: Über 150 Probanden wurden einem einfachen Mathe-Test unterzogen, der zum Schummeln einlud und darüber hinaus richtige Antworten mit je einem Dollar belohnte. Die Hälfte der Versuchsteilnehmer bekamen zuvor einen “Info-Text”. Dort wurde der freie Wille als Illusion behauptet. Die solcherart informierten Probanden schummelten viel mehr als die Vergleichsgruppe: Der Unterschied lag bei deutlichen 27 Prozent! 
Der Glaube an den freien Willens ist nötig, damit der Mensch moralisch handelt. Wir brauchen das Gefühl, frei wählen zu können, um uns gegenüber anderen verantwortlich zu verhalten. Grundsätzlich liegt sogar die Würde des Menschen in dieser Freiheit begründet. Deshalb fällt es uns auch so schwer Menschen Respekt entgegen zu bringen, die sich offensichtlich nicht eigenverantwortlich und selbstbestimmt verhalten, sondern wie Kinder ausschließlich von ihren Bedürfnissen, Ängsten und eigener Vorteilssuche bestimmt sind, ohne die geringste Objektivität sich selbst und anderen gegenüber.

Grundsätzlich bestätigen alle unsere Überlegungen über die Grenzen des freien Willens unseren Glauben an seine Existenz. In ihnen wird immer nur die Einschränkung von etwas verhandelt, das wir Freiheit nennen. So glauben wir, dass Kinder ihren freien Willen noch entwickeln und deshalb erst ab einem  bestimmten Alter für ihren Willen verantwortlich gemacht werden sollten (Kinder! – Nicht Verteidigungsminister). Wir anerkennen Substanzen, die Einfluss auf unseren Gehirnstoffwechsel nehmen und unsere Willensfreiheit und Zurechnungsfähigkeit einschränken und deshalb sogar ein Strafmaß verringern können. Dagegen kann ein „vorsätzlicher“ Wille besonders hart geahndet werden…..
Die Annahme, man hätte sich mit seinem Verhalten und Handeln auch anders entscheiden können, geht davon aus, dass wir Einfluss auf unser eigenes Verhalten haben. Jeder Strafvollzug, jede Therapie, jedes Selbsthilfebuch und jeder Rat unter Freunden basiert auf dem grundsätzlichen Glauben des Menschen, dass jeder prinzipiell einen eigenen, selbstbestimmten Willen hat, d.h. sein Verhalten, seinen Lebensweg bewusst zum Positiven verändern kann.
Unser Streben nach Glück ist der Trick des Lebens, uns am Leben zu erhalten. Wenn wir das Gefühl bekommen, keinen Einfluss mehr auf unsere Lebensgestaltung zu haben, wenn wir die Hoffnung verlieren, etwas verändern zu können, keinen freien Willen mehr zu haben, hat das Leben keinen Sinn mehr. Ohnmacht ist auf Dauer für den Menschen nicht zu ertragen. Selbst wenn die Freiheit nur minimal ist und nicht allen zu Teil wird: Es muss sie als Möglichkeit geben, damit wir überhaupt das Gefühl von menschlichem, menschenwürdigem Leben haben.
Um einen Willen auszuführen, müssen wir werten. Wir müssen etwas für gut befinden, um es zu wollen oder für schlecht, um Abhilfe zu schaffen: Ohne Bewertung keine Entscheidung – unser Wille hätte keinen Sinn. Doch was wir als wertvoll erachten, welche charakterlichen Eigenschaften wir für gut oder schlecht befinden, welche Ziele wir für erstrebenswert halten, wann wir ein Leben als gelungen definieren oder uns selbst als Versager, das lernen wir durch die Werte unseres ersten Umfeldes und gerade die können wir uns nicht aussuchen. Sie werden von unserer Kultur/Familienkultur bestimmt.
Vollkommen frei können wir niemals sein, denn dann wären wir im „leeren Raum“ und könnten nicht existieren. Die Prozesse in unserem Hirn haben sich während der Evolution im Wechselspiel mit unserem Umfeld entwickelt und geben den Rahmen für unsere Möglichkeiten vor: Die Umwelt liegt mit ihren Anforderungen allen Kulturen zugrunde. Und unsere kulturelle Lebensgemeinschaft bestimmt wiederum, was uns wichtig ist und was wir als richtig oder falsch erachten. Hier liegen die Grenzen unserer Freiheit, doch nur durch unsere Gruppe und ihre sozialen Regeln ist es uns überhaupt erst möglich zu existieren.
Jede Kultur schafft sich Systeme, die ihren Werten Wahrheit geben sollen. Besonders die Wissenschaft dient uns heute in unserer westlichen Kultur als „Wahrheitsmaschine“, die neue Werte etabliert und alte hinterfragt. (Dadurch bekommt sie aber auch einen hohen Status und ihre Titel wecken Begehrlichkeiten.)
Unsere Regeln und Gesetze ändern sich, wenn sich unsere Bewertung von Verhaltensweisen und Dingen ändern. Wir versuchen uns nicht nur mit unseren Regeln und Werten an gegebene oder neue äußere Umstände anzupassen, um zu überleben, sondern auch durch Erkenntnisse und Überlegungen unser Leben „besser“ zu machen. Doch können diese Ideen vom „besseren Leben“, besonders wenn sie Allgemeingültigkeit beanspruchen, unsere Freiheit und Selbstbestimmung auch einschränken. Das gilt für die Ideologie des Kommunismus genauso, wie für den aktuellen Schönheitswahn – und für die Versprechungen des Erfolges und des Ansehens eines promovierten Politikers.
Bleibt die also die Frage: Wie frei war der Wille des Herrn zu Guttenberg in einer (Familien-)kultur, die so sehr auf Erfolg ausgerichtet ist? Und wollen wir von einem Menschen mit einer solch massiven Ausrichtung auf den eigenen Erfolg regiert werden?

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Von Prinzen und Fröschen…..

Warum träumen wir davon, dass ein edler Prinz/ eine wunderschöne Bürgerliche in unser Leben und mit uns vor den Altar treten möge – und alles wäre gut?
Die Vorstellung, ein Mensch könnte plötzlich in unser Leben treten und alles würde dadurch in Ordnung kommen, basiert auf der Hoffnung er/sie würde uns alle Anerkennung und Liebe geben, deren Defizite sich im Laufe unseres Lebens aufgestaut haben. Doch genau dieser Traum hält uns weiter in den alten Mustern unserer Kindheit fest, die oft genug von schlechter Liebe, Ohnmacht, (subtilen) Machtspielen und anderen Grausamkeiten geprägt wurden, sodass wir ständig auf deren Wiedergutmachung hoffen…..
Wir glauben immer noch an Prinzen und Prinzessinnen und daran, dass der andere verantwortlich sei für unser Glück. Das stimmt sogar! Nur, „der andere“, das waren unsere Eltern. Sie waren verantwortlich für das Glück unserer Kindertage. Aber jetzt sind wir erwachsen. Doch leider zeigen gerade unsere Liebesbeziehungen oft unsere Unreife und den Versuch, uns wie Kinder, über andere unser eigenes Wertgefühl zu stabilisieren.
Die Entwicklung unserer Persönlichkeit und unseres Selbstwertgefühls und die Entwicklung unserer Liebesfähigkeit, sind zwei Seiten derselben Medaille. Sie sind der Kern unseres Lebens, vielleicht sogar der Sinn unseres Lebens, denn sie machen das menschliche Leben aus. Die Reife unseres Selbstwertgefühls und die Reife unseres Vermögens mit anderen gut auszukommen zeigen die Reife unserer Persönlichkeit. Dabei ist die Liebesbeziehung die „Königsdisziplin“ der Psyche. Unser Selbst wird durch unseren Liebespartner in vielfältiger Form bestätigt oder angegriffen; sein Verhalten uns gegenüber zeigt uns den Wert, den wir für ihn haben als Spiegel unserer ersten Liebe, der Liebe zu unseren Eltern: „On revient toujour à son premier amour“ (Freud).
In diesem Wiederholungszwang liegt das große Geheimnis aller (gescheiterten) Liebesbeziehungen. Hier wirkt die ungeheure Macht der Sehnsucht nach Wiedergutmachung: Das in der Kindheit erlittene Liebesleid, mangelnde Anerkennung und das schwache, unreife Verhalten der Eltern soll uns von einer Personen wiedergutgemacht werden, die genauso schwach, unaufmerksam, gescheitert, vereinnahmend ist, wie unsere Eltern. Der Andere soll sich (endlich) für uns ändern und sich verhalten wie ein reifer, starker Erwachsener, der immer schon ahnt, was unser inneres Kind gerade braucht. Je größer unsere Sehnsucht ist, je neurotischer unsere Liebesmuster sind, um so wahrscheinlicher ist hier die Wiederholung unserer negativen Erfahrungen.
Viele Beziehungen stumpfen im Laufe der Jahre ab, weil auch hier unsere Erwartungen an die Liebe denen von Kindern gleichkommen: Einfach so, ohne eigenes Zutun, ohne Leistung wollen wir immer weiter geliebt werden. Wir werfen dem Partner vor, dass er sich nicht mehr genug engagiert, wir meckern an ihm herum, verletzen ihn mit sarkastischen Bemerkungen, weil er nicht dem romantischen Held, der fürsorglichen Prinzessin gleicht, den/die wir in unserem ungereiften kindlichen Narzissmus meinen verdient zu haben. Wir glauben der andere sei nicht (mehr) der oder die „Richtige“ als Ausgleich für den Frust der Vergangenheit, den wir gleichzeitig an ihm auslassen.
Manchmal passt ein Paar wirklich nicht mehr zusammen, wenn sich einer in der Beziehung nicht weiter entwickelt und einseitig in seinen infantilen Forderungen stecken bleibt, wohingegen der andere sich aus alten Mustern befreit. Doch häufig genug haben sich beide nicht dem eigentlichen Grund ihrer Sehnsüchte gestellt und trennen sich, weil sie ihre Ansprüche vom anderen nicht befriedigt bekommen. Sie begreifen nicht, dass die Erfüllung ihrer Kindersehnsüchte niemals mehr möglich ist.
Bei jeder Trennung sollte man sich daher fragen, ob die eigenen Forderungen an den anderen wirklich gerechtfertigt sind. Es ist uns häufig nicht klar, dass wir mit unserem Verhalten den Partner regelrecht in die Rolle unserer Eltern drängen. Wir klagen ihn an und klammern uns gleichzeitig an ihn, immer in der Hoffnung, dass er bei uns bleibt, Verständnis hat, egal was wir machen, so wie gute Eltern ihren Kindern immer wieder alles verzeihen müssen, ihr Wohlergehen fördern und sie in den Mittelpunkt ihres Lebens stellen. Oder wir ziehen uns schweigsam zurück, da der andere sich nicht die Mühe macht mit der Gefühlswünschelrute unsere enttäuschten Sehnsüchte aufzuspüren.
Dabei wünschen sich beide Seiten nichts sehnlicher, als (endlich) um ihrer selbst willen geliebt zu werden. Doch dieses Selbst ist beiderseits so unterentwickelt und unfähig zu echter Nähe und gesunden Gefühlen, dass es sich ja gerade über die Äußerlichkeiten wertvoll zu machen sucht. Die Idee von der perfekte Liebe beschwört daher einen Teufelskreis, denn sie steht immer nur im Dienste des eigenen Narzissmus, der Hebung des eigenen Selbstwertgefühls, der Befriedigung der eigenen Bedürfnisse. Das Gegenüber ist nur eine (austauschbare) Funktion in diesem falschen Spiel um Wiedergutmachung – und davon wird das Selbst nicht satt.
Da wünschen wir der lieben Katy mal, dass ihr Prinz nicht zum Frosch wird….

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Gehören wir alle auf die Couch?

Die meisten Menschen gehen davon aus, dass der normale Mensch und der “Irre” sich grundlegend unterscheiden. Spricht man dann über den alltäglichen Irrsinn von Menschen, die jahrelang ihre Partner betrügen, immer neue Schulden machen oder sich nicht trauen ihrem Chef zu widersprechen, heißt es oft: “Aber wenn das schon irre ist (neurotisch, unreif, infantil, fixiert, unnormal, idiotisch etc.), ja dann müsste man ja alle Leute in Therapie schicken!” 
Der gemeine Mensch ist in der Grundlage seiner Psyche von recht einfachen Kräften bestimmt. Psyche ist keine Zauberei und kein mysthisches Energiefeld. Die Psyche agiert logisch. Doch unsere Erfahrungen haben in Kombination mit unserer genetischen Veranlagung (Temperament, Talente) bei jedem Menschen eine andere Auswirkung auf die Entwicklung seiner Psyche und auf sein Selbstbild. Die selbe Erfahrung (z.B. Sucht oder eine andere psychische Krankheit oder der Tod eines Elternteils) wiegt bei einem Menschen schwerer als bei einem anderen. Das hängt von vielen verschiedenen innerpsychischen und äußeren Faktoren ab, die be- oder entlastend wirken können und die die Wissenschaft gerade erst zu erforschen beginnt. Daher darf man Lebensläufe niemals vergleichen.
Man kann Schicksale und Traumata (Trauma altgriechisch für `Wunde´; in der Psychoanalyse wird mit Trauma ein schwer zu verkraftendes Schockerlebnis bezeichnet) wegen der Zeitumstände, der charakterlichen Vorprägung und dem gesellschaftlichen Umfeld nicht gegeneinander aufrechnen. Viele Menschen, die unglücklich sind, denken, sie hätten eigentlich nicht mal das Recht, sich schlecht zu fühlen. Andere Menschen hungern, haben im Krieg ihre Angehörigen verloren oder sind schwer verletzt. Aber diese Gedanken lösen die Probleme nicht. Jedes Leid hat ein Recht darauf, ernstgenommen zu werden. Leid ist auch nicht an materiellen Mangel gebunden, was man schon daran sehen kann, dass arme Völker trotzdem glückliche Menschen hervorbringen. Nur weil andere (angeblich) Schlimmeres erdulden mussten, wird das eigene Leid nicht unwichtig. Das Leben kann durch dieses Leid genauso verstümmelt werden, wie durch Bomben, Hunger und Krieg. Es gibt keinen allgemeingültigen Maßstab für Leid.
Häufig zeigen sich die schmerzhaften Untiefen der Seele erst, wenn die äußeren Wunden verheilt sind. Im Krieg und in großer Not treten unsere zwischenmenschlichen Probleme und unser Selbstwertgefühl in den Hintergrund. Die Psyche schaltet auf eine Art Notprogramm und kümmert sich zuerst um die Sicherstellung der Primärbedürfnisse – Dinge, die man direkt zum Überleben braucht wie Nahrung, Medizin, etc.. Schlimme Erlebnisse, schwer zu verarbeitende Emotionen werden beiseite geschoben, verdrängt, denn das körperliche Überleben steht immer an erster Stelle. Die seelischen Schmerzen lassen sich aber nicht ewig unterdrücken. Bei einem kollektiven Trauma, wie zum Beispiel dem eines Krieges, betreffen diese psychischen Nachwirkungen ein ganzes Volk und seine Nachkommen, obwohl die Kinder und Enkel den Krieg nur aus Erzählungen kennen. (Über die Forschung der Epigenetik findet dieses vererbte Leid langsam seine Anerkennung).
Da die Schwere der in der Kindheit erlittenen psychischen Wunden nicht sichtbar ist, werden sie – trotz der mittlerweile eindeutigen Beweise der modernen Hirnforschung – von den meisten Menschen immer noch missachtet oder als Lappalien abgetan. Doch diese inneren Leiden können das Leben zur Hölle machen, auch wenn man im materiellen Wohlstand und in Sicherheit lebt. Wenn es uns dauerhaft seelisch schlecht geht, ist das sehr ernst zu nehmen! Auch wenn wir letztendlich alle die Selbstverantwortung für unser Leben und Handeln übernehmen müssen (unseren Partner nicht betrügen dürfen, keine Schulden machen sollten und uns gegen Unverschämtheiten wehren müssen), ist für die Ursache des neurotischen Verhaltens, für die Wunden der Kindheit, immer Mitgefühl angebracht.
Es gibt psychische Leiden, die genetisch bedingt sind, d.h. der Gehirnstoffwechsel hat zu wenig Endorphine oder Rezeptoren für Endorphine, die das Wohlbefinden steuern. Bei Psychotikern ist das oft der Fall. Sie müssen mit Medikamenten behandelt werden, die diese Mängel ausgleichen. Immer öfter werden jedoch bei psychischen Problemen Medikamente verabreicht, obwohl die Ursache für die Symptome soziale Umstände sind, die im Umfeld, der Familie, am Arbeitsplatz gesucht werden müssen. Doch eine Veränderung der krankmachenden Lebensumständen scheint vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen und eigenen Ansprüchen an das Leben unmöglich.
Im Moment ist es gerade sehr in Mode, hyperaktive Kinder mit dem Psychopharmaka Ritalin ruhig zu stellen oder Burnouts und Depressionen bei Erwachsenen mit dem Antidepressivum Prozac auszugleichen. Doch Kinder werden nicht „einfach so“ aggressiv oder hyperaktiv. Hyperaktivität ist eine (gesunde) Reaktion auf Reitzüberflutung und zu großen Druck und ein eindeutiges Zeichen für einen Mangel an Orientierung, klare Regeln, wirkliche Aufmerksamkeit und Ruhe. Depressionen sind oft ein Signal für anhaltende Überforderung, unterdrückte Aggression und die Behinderung der Selbstverwirklichung.
Medikamente sind immer einfach zu nehmen und viele Menschen wollen eine einfache Lösung für ihre Probleme. Sie gehen zum Arzt, der das möglichst schnell „reparieren“ soll.
Wir sind es gewohnt, wegen jeder Schramme, jedem Schnupfen Doktoren und Heilpraktiker aufzusuchen. Nur: Gegen unseren Seelenschmerz ist kein einfaches Kraut gewachsen. Daher versuchen wir ihn so lange wie möglich zu ignorieren, mit Wunschträumen, Selbstlügen und Konsum zu betäuben – bis es zum Gefühls-Infarkt kommt.
Krankheiten sind immer ein Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt, sind Hinweise darauf, dass wir Emotionen dauerhaft unterdrücken. Stress, ständiger Ärger oder Mangel an sozialer Zuwendung sind auf Dauer nicht zu ertragen. Wenn unsere Grenzen ständig rücksichtslos überschritten, der „eigene Raum“ dauerhaft eingeschränkt wird, ist der Verlust unserer körperlichen Gesundheit oft das unleugbare Zeichen dafür. Sogar Unfälle passieren meistens in Phasen, in denen Konzentration, Kraft und Selbstwahrnehmung gestört sind. Körperliche Schmerzen finden in ihrer Dringlichkeit eher unsere Beachtung und Anerkennung als psychische Probleme. Unterdrückt man dann auch noch diese Signale mit Medikamenten, kann man davon ausgehen, dass an einer anderen Stelle ein stärkeres Warnsignal auftritt, da das eigentliche Problem ja nicht behoben ist. Meistens zeigt uns schon die spezielle Eigenart des Krankheitsbildes, worum es eigentlich geht: Der Chef fällt uns in den Rücken; auf dem Weg nach oben wird die Luft immer dünner; das Herz rast; wir werden dünnhäutig. Diese sogenannten psychosomatischen Krankheiten zeigen, dass die Psyche viele einleuchtende Symbole findet, um darauf hinzuweisen, welches Problem wir eigentlich haben.
In unserer auf Äußerlichkeit ausgerichteten Werteordnung werden oft nur die äußeren Symptome bekämpft, ohne nach tieferen Ursachen zu forschen. Ist der äußere Krankheitsmakel nicht mehr zu sehen, gilt man als geheilt.
Besonders gut zu beobachten ist der derzeitige Einfluss der westlichen Werteordnung auf die Bewertung von Krankheiten in China oder Indien. Dort gilt die traditionelle ganzheitliche chinesische oder ayuvedische Medizin zunehmend als „Armeleutemedizin“ und verliert immer weiter an Ansehen. Dagegen hält die westliche Medizin mit ihren starken chemischen Substanzen Einzug in den medizinischen Praxen und ins Denken der Menschen. Gerade bei chronischen Krankheiten versagt die klassische westliche Medizin aber sehr oft. Doch die Behandlung dieser dauerhaften Störungen, verbunden mit zahlreichen Nebenwirkungssymptomen füllt die Kassen der mächtigen globalagierenden Pharmaindustrie.
Es gibt kaum eine Kultur, die so schlecht mit Krankheiten und emotionalen Problemen umgeht, wie die westliche. Während in vielen anderen Gesellschaften körperliche und seelische Dissonanzen zum Leben gehören, sogar mit dem tieferen Sinn des Menschseins in Zusammenhang gebracht werden, gelten sie im Kapitalismus als „Störung“, als unerwünschter Nebeneffekt auf dem Weg zum perfekten Leben. Das vollkommene Paradies winkt auf den Plakaten der Straßenbahnenhaltestellen und an den Rolltreppen der Einkaufszentren und da passt es uns gar nicht, dass uns bei ihrem Betreten der Rücken so entsetzlich schmerzt. Das Eingeständnis von seelischem und körperlichen Leid, dass sich nicht beherrschen lässt, sprengt die Ausrichtung auf kaufkräftige Makellosigkeit.
Wenn es dann aber keinen Ausweg mehr gibt, das Konstrukt von unserem perfekten Leben zusammen fällt und wir uns das eingestehen müssen, wundern wir uns oft, wie viele andere Menschen uns auf einmal begegnen, denen es ähnlich ergangen ist, die – wenn auch hinter vorgehaltener Hand – zugestehen, ebenfalls Probleme zu haben.
Häufig genug regeln wir aber auch mit unserem Körper, was wir mit unserem Selbstwertgefühl nicht schaffen: Durch Krankheit ziehen wir Grenzen, entziehen uns Ansprüchen oder drücken uns vor der notwendigen Eigenverantwortung und Selbständigkeit und erzwingen Versorgung und Zuwendung. Doch genauso wie Siege hauptsächlich mit dem Kopf errungen werden, kann man Krankheiten durch Denken heilen – wenn dem Denken und Erkennen ein neues Selbstverständnis und diesem ein neues Handeln folgt.

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Quotenmänner und Qutenfrauen in der perfekten Liebe…

Unser seltsames Geschlechterverständnis bestimmt nicht nur die Ungerechtigkeiten im Berufsleben (siehe Blog vom letzten Montag), sondern hat auch eine erhebliche Auswirkung auf unsere Liebesbeziehungen. Es gibt in der rigiden Werteordnung unserer Zeit genaue Angaben dazu, was eine „tolle“ Frau, ein „richtiger“ Mann haben muss, um in der Liebe erfolgreich zu sein. Denn die Liebesbeziehung ist zum Hauptwegweiser in unserer modernen kulturellen Ausrichtung geworden: Sie ist der letzte soziale Halt in einer immer strukturloseren Welt.
Bei unserer Jobsuche, Selbstsuche und bei unserer Partnersuche orientieren wir uns bewusst und unbewusst an den uns permanent umgebenden Bildern und Maßen. Besonders Menschen, die durch die Erfahrungen in ihrer Kindheit ein lädiertes Selbstwertgefühl haben, versuchen durch eine Ausrichtung an den offiziellen Idealen dieses zu stabilisieren. Sie versuchen ihren eigenen „Marktwert“ zu steigern und träumen vom perfekten Partner, der ihnen die vermisste Rücksicht und Bestätigung entgegen bringt und jeden Wunsch von den Augen abliest. Und repräsentativ sollte er sein, damit die Bestätigung aller anderen sicher ist und man sich durch seinen Anblick ständig selbst erheben kann.
Psychologische Untersuchungen haben gezeigt, was wir alle längst wissen, auch wenn wir es so nicht offen zugeben würden: Das Wichtigste am Traumpartner ist heute Aussehen und Status. Sie stehen auf der heimlichen Wunschliste ganz oben – auch wenn wir erst einmal Humor und gemeinsame Interessen nennen, sobald wir nach unseren Präferenzen gefragt werden. Woher kommt dieser Widerspruch?
In unserem zunehmend von Äußerlichkeiten dominierten Werteverständnis, in der uns das Glück stets mit Schönheit und Reichtum präsentiert wird, tummeln sich weiterhin die Reste anderer abendländischer Wertvorstellungen. Wir sollen demnach tiefgründig sein und auf die inneren Werte unserer Mitmenschen schauen. Hier findet sich schon die erste von zahlreichen Dissonanzen bei diesem für unser Glück so wichtigen Thema: Oberflächlichkeit gilt in unserer Welt der Äußerlichkeit als schlecht, obwohl genau diese Werte von jeder Plakatwand zu uns herunter lächeln. Wir wissen wohl, dass uns diese Äußerlichkeiten nicht glücklich machen, doch Geld und gutes Aussehen überblenden durch die übermäßige Fokusierung unserer Kultur schnell mangelnden Humor und intellektuelle Dumpfheit: Da muss jemand schon sehr witzig sein, damit wir seine Körperfülle oder sein unsymmetrisches Gesicht vergessen.
Die Liebe ist in unserer modernen Zeit zur Ersatzreligion mutiert. Sie wird zum mystisch aufgepumpten Lebenssinn, zum „Gefühl nicht von dieser Welt“, mit dem Glorienschein der Übersinnlichkeit oder Göttlichkeit versehen und zieht all unsere unerfüllten Erwartungen und Hoffnungen auf sich. An was sollen wir noch glauben, was verspricht unserem Leben noch Erfüllung und Sinn, wenn nicht die Liebe? Der oder die „Richtige“ soll uns irgendwann begegnen und dann wird alles gut. Was der oder die Richtige haben muss, bekommen wir täglich auf allen Kanälen präsentiert. So hat die Erwartung an das Aussehen von Männern, neben den Erwartungen an ihren wirtschaftlichen Erfolg, in den letzten Jahren enorm zugenommen. „Ein Mann muss (mir) was bieten können“, ist die gängige Aussage in TV-Serien und an Freundinnenstammtischen. Und leider steht hier der Traum von Status und materiellem Luxus über allen anderen Punkten der Wunschliste. Dann soll er auch noch der coole Hero sein, ohne Speckbauch und Haarausfall, der zeigt, wo es lang geht und gleichzeitig der einfühlsame Seelenpartner, der jede Verstimmung und Verlustangst unaufgefordert mit romantischen Liebesbeweisen absichert. Frauen wollen von Männern verstanden werden, wozu Mann zweifellos die Erfahrung und Reflektion von eigenen Emotionen braucht. Aber welche Frau fragt ihren Mann schon selbstverständlich nach seinen Gefühlen und Ängsten?
Von einer modernen Frau erwarten Männer heute, dass sie einem Beruf nachgeht – also nicht auf finanzielle Absicherung spekuliert. Dabei darf sie aber nicht mehr verdienen, als der Mann (denn auch wenn er nicht mehr der Versorger ist, braucht er noch die finanzielle Überlegenheit zur Selbstdefinition). Sie muss ihren Verdienst neben Kindern und Haushalt weiter erhalten, damit sie nicht als Hausmütterchen in der Versorgungsfalle landet. Sie soll den Mann bewundern ohne etwas zu fordern, tolerant sein gegenüber all seinen Schwächen, dabei sexy und interessant, immer gemessen an den retuschierten Vorgaben ihrer unwirklichen Geschlechtsgenossinnen aus Paris und Mailand.
Warum stellen wir diese völlig widersprüchlichen und überhöhten Ansprüche an das andere Geschlecht? Warum verfolgen wir in den Medien so gerne die Geschichten von fiktiven Supermännern und Superfrauen, die – im Gegensatz zu uns – all die Ansprüche zu erfüllen scheinen? Warum sehen wir nicht, dass die Forderungen, die wir an die Gegenseite stellen auch uns selbst unter Druck setzen?
Werden wir selbst nicht geliebt um unserer selbst willen, klagen wir laut die oberflächlichen Ansprüche der Gegenseite an. Wir wollen umsorgt sein und verstanden und gleichzeitig bewundert und unhinterfragt geliebt. Doch: Nur Kinder haben das Recht auf diese vollkommene Geborgenheit und instinktive Betreuung all ihrer Bedürfnisse, ohne selbst etwas dafür leisten zu müssen. Nur Kinder haben ein Recht darauf, dass man sie liebt, egal wie sie aussehen, dass man ihnen ständig ihre Fehler verzeiht und sie trotzdem respektiert, für jede ihre Leistungen, den kleinsten Fortschritt lobt. Sie haben ein Recht darauf, ständig im Mittelpunkt des Lebens ihrer Eltern zu stehen. Aber wir sind erwachsen – auch wenn das Kind in uns sich nach dieser vermissten Zuwendung, Wertschätzung, Wiedergutmachung und Sicherheit sehnt. So scheitert unser Traum vom perfekten Partner regelmäßig an der Realität unseres Erwachsenendaseins und dann glauben wir, es läge daran, dass wir nicht perfekt genug sind, nicht die vorgegebenen Bilder der Werbung erreichen oder wir behaupten das selbe von unserem Partner. So kostet uns diese mächtige Vollkommenheitsidee, die Sehnsucht nach dem Paradies ein ums andere Mal unser Glück.
Sowohl bei den männlichen, als auch bei den weiblichen Idealbildern fällt die Unvereinbarkeit ihrer Anforderung auf, die ein automatisches Scheitern beinhaltet und damit verbunden das ewige Gefühl nicht „gut genug“ zu sein für das perfekte Leben, „nicht genug zu bekommen“ – im scheinbaren Gegensatz zu anderen. Und wir suchen nach unseren Fehlern, lassen sie uns operativ entfernen, verhüllen sie mit teuren Marken, denn die Medien zeigen uns immer wieder, dass glückliche Menschen schön und reich sind. Mit einer Mischung aus Schuldgefühl und Vorwurf hadern wir mit unserem Schicksaal.
Und auch das Scheitern unserer Träume lässt sich noch wunderbar vermarkten…..

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Wie hoch ist die Männerquote beim gleichberechtigten Denken?

Der größte Feind der Frauenquote ist nicht Frau Schröder oder Frau Merkel, sondern unser so tiefsitzendes herkömmliches Verständnis von Männern und Frauen – und zwar bei beiden Geschlechtern. Unsere kulturellen Prägungen sind subtil und manch ein Elternteil, das laut behauptet: “Ich erziehe meine Kinder völlig gleich“, würde sich wundern über seine unbewussten Vorurteile, die in unhinterfragten Details zu Tage treten. Tränen werden nach wie vor weit weniger bei einem Jungen toleriert, als bei einem Mädchen und erheblich früher mit Argumenten wie „Du bist doch schon ein großer Junge“ zu unterbinden versucht. Eltern sorgen sich mehr um die selbständig werdende Tochter, als um den Sohn. Die phantasierten Schreckensszenarien sind mindestens um eine sexuelle Variante umfangreicher. Und auch wenn das so nicht ausgesprochen wird, finden solche Dinge natürlich auf die Dauer einer Kindheit massiven Einfluss in das Selbstbild des heranwachsenden Menschen. Welcher Vater fordert schon seine Tochter zu sexuellen Eroberungen auf, klopft ihr anerkennend auf die Schulter und erzählt seinen Freunden stolz von ihrem großen Erfolg bei Männern, weil jeden Morgen ein anderer Typ am Frühstückstisch erscheint? Welche Mutter träumt davon, dass ihr Sohn Ehemann einer Zahnärztin oder Firmenvorständin (allein das Wort zeugt von seiner Ungewöhnlichkeit) wird oder Kindergärtner? Und selbst wenn wir einen raufenden, mit Autos spielenden Jungen haben und ein Mädchen, das sich nur für Puppen interessiert und keinen Pulli anzieht, der nicht rosa ist: Wie bewerten wir diese Dinge? Ist ein Junge durchsetzungs-stark, weil er sich körperlich durchsetzt? Findet sein Vater das gut oder schlecht? Wie viele Väter vermitteln ihrem raufenden Junior Diplomatie und Einfühlungsvermögen und sind tief in ihrem Inneren davon überzeugt, dass ihr Sohn dadurch kein „Weichei“, sondern ein glücklicher Familienvater und Arbeitskollege wird? Warum bekommen Frauen, trotz ihrer allgemein attestierten besseren sozialen Kompetenz, weniger Geld für die gleiche Arbeit? (Hierin sieht man wohl am deutlichsten die diskriminierende und umfassende Abwertung des Weiblichen in unserer kapitalistischen Werteordnung: Das Geld, unser Maß aller Dinge, wird den Frauen nicht zugestanden und weist sie als Menschen zweiter Klasse aus.) Die „soft skills“ gelten offiziell als weibliche Ideale und somit in unserer immer noch männerbestimmten Kampfordnung als unterlegen. Warum ist das immer noch so?
Die patriarchalen Werte unserer Gesellschaft sind in ihrer jahrhunderte langen Selbstverständlichkeit kaum vierzig Jahre in Frage gestellt. Die meisten der heute lebenden Männer sind noch in ihrem Schatten erzogen worden. Diese Vorstellungen basieren auf gefühlsfeindlicher Soldatenerziehung, die aber im Widerspruch zu den heutigen Anforderungen stehen. Bis vor sechzig Jahren sollten sich Männer in den Schützengräben der Kriege keine Gedanken machen über den Sinn des Lebens und nicht mit den Kameraden ihre Zweifel und Gefühle austauschen. Ihre Söhne sitzen heute in Chefetagen und Regierungsämtern und tun sich schwer mit Teamwork, Mitarbeiterlob und weiblicher Gleichstellung.
Nur: Diese altertümlichen Ansichten und Alltäglichkeiten kann sich auf Dauer keine Firma und darüber hinaus auch keine Gesellschaft mehr leisten. Sollten wir nicht deshalb damit aufhören Werte, die jeder Gesellschaft, jedem Individuum förderlich sind, als weiblich oder weich zu bezeichnen? Denn das macht es Männern doppelt schwer sie anzunehmen, besonders wenn Mann versucht, damit sein Selbstwertgefühl zu stabilisieren. Wieso soll ein Verhalten, was größten Mut und Ehrlichkeit fordert, umfassende Reife und tiefe Stärke fördert, weich sein oder weiblich oder unterlegen?
Frau- und Mannsein ist in weiten Teilen gelernt. Daher ist unser Verhältnis zum anderen Geschlecht durch neue Überlegungen und Erfahrungen auch veränderbar. Sollten wir nicht den gleichen Anspruch an Männer und Frauen haben: Charakterstärke und ein starkes Selbstwertgefühl, ohne kranken Narzissmuss, utopische Wiedergutmachungsansprüche und übertriebenes Ego? Ist es nicht so, dass Frauen und Männer attraktiv und sexy sind, wenn sie sich wirklich für etwas interessieren, eine Meinung haben, kommunizieren können und sich Gedanken machen, Verantwortung übernehmen, für sich selbst und andere Sorge tragen, sich etwas zutrauen, freigiebig sind und über sich selbst lachen können? Gilt ein Mann nicht auch vor anderen Männern als unreif, wenn er Frauen als Sexobjekte für seine Bestätigung sieht? Wird eine Frau automatisch zur Emanze, weil sie sich gegen schwache Männer und deren unbegründet behauptetes männliches Vorrecht zur Wehr setzt? Kann sie nicht stark sein und weiterhin Männer großartig finden, die großartige Menschen sind? Warum erwarten Frauen von Männern immer noch (materielle) Überlegenheit und begeben sich dafür in Abhängigkeit? Gibt es nicht auf beiden Seiten schwache Charaktere, die versuchen, mit alten Stereotypen ihre Schwächen zu kaschieren und ihre infantilen Defizite zu kompensieren?
Wir sollten Bilder von starken Menschen zeichnen und leben, die für beide Geschlechter gleichermaßen gelten.

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Was hat unser Selbstbild mit unseren Liebesbeziehungen zu tun? (Eine Grundregel unserer Psyche…)

Ein Kind braucht neben seinem entstehenden eigenen Willen und seiner Entdeckerlust das Gefühl der Akzeptanz und des „Zurückkommenkönnens“. Je früher hierbei angstintensive Erfahrungen statt finden, umso weniger kann diese Angst verarbeitet werden und umso größer sind die schädlichen Spuren, die sie in der Psyche hinterlässt.
Kinder können nicht weg, sie können ihre Eltern nicht verlassen, denn sie brauchen sie zum Überleben. Deshalb lieben Kinder ihre Eltern, egal wie schlecht sich diese verhalten und egal wie frustriert die Kinder trotz all ihrer Liebe dadurch sind. Wenn die Eltern die naturgegebene Abhängigkeit ihres Kindes missbrauchen, um ihr eigens schwaches Selbstwertgefühl zu stärken, wird dem Kind eine kompensierende Rolle zugewiesen, es wird nicht als eigenwertiger Mensch wahrgenommen, der seinen Weg ins Leben finden soll. Wenn die Eltern an ihrem Kind Machtansprüche und Aggressionen ausleben oder ihm vermitteln, das es ihnen etwas weg nimmt, ihr Leben unangenehm einschränkt, hinterlässt das viel Frust und gravierende Störungen im Selbstwertgefühl und in der Persönlichkeitsentwicklung. Das Gefühl „was ich fühle, was ich bin ist nicht gut und darf nicht (so) sein“ wird zur Grundlage der Selbstwahrnehmung und führt automatisch dazu, diesen „Mangel“ auszugleichen. 
Im Idealfall entwickeln wir unsere Selbst-Ständigkeit mit Urvertrauen und starten mit einer unterstützenden Liebe in die zu erobernde Welt. Unsere Gefühle müssen unseren Eltern eine liebevolle Beachtung wert sein, damit unser Selbst Realität werden kann: Die Reaktion der Eltern auf ihr Kind manifestiert sich in seinem Selbstbild. Verhalten sich Mutter und Vater nicht liebevoll, ohne „Glanz in den Augen“ (wie der berühmte Psychoanalytiker Daniel Stern so treffend formuliert), uninteressiert, aggressiv, schuldzuweisend oder überängstlich und klammernd, kann das Kind kein gesundes Selbstbild entwickeln. Es entsteht Angst vor dem Verlust der Liebe und der schützenden Zuwendung oder Angst vor den Gefahren der Eigenständigkeit. Diese Angst erzeugt die Probleme in jeder weiteren Liebesbeziehung dieses beginnenden Lebens: Ein unsicher gebundenes Kind lernt nicht mit Unterstützung seiner Bezugspersonen seine Gefühle zu regulieren. Durch den ständigen Frust kommt es zu keiner gesunden Frustrationstoleranz und Enttäuschungen können schlecht verkraftet werden: Das Kind ist von den ständigen Gefühlskonflikten überfordert, sein kindlicher Narzissmus kann nicht zu einem gesunden sozialen Verhalten heranreifen. Es wird übermäßig aggressiv, egoman oder völlig eingeschüchtert.
Kinder leiden nicht nur, wenn sie geschlagen und misshandelt werden. Viel häufiger findet eine subtile, leise, permanente Abwertung der eigenen Rechte statt.
Als Kinder versuchen wir unserer Ohnmacht zu entgehen und entwickeln Verhaltensweisen, von denen wir (in unserer Naivität) annehmen, sie hätten einen positiven Einfluss auf unser Ansehen in der Familie, auf die herrschenden Probleme und somit auf unser eigenes Wohl. Diese Verhaltensmuster nehmen wir später mit hinaus in die Welt. Es sind Strategien, die uns im Umfeld unserer Kindheit einen Vorteil gebracht haben, aber doch nur unreife Lösungsversuche waren, um mit den belastenden Ambivalenzen unserer Gefühle umzugehen.
Verläuft der Individuierungsprozess nicht wohlwollend, wird Liebe und Bindung mit starken negativen Gefühlen abgemischt, fehlt uns später die Fähigkeit zwischen unseren Bindungsbedürfnissen und unserer Eigenständigkeit abzuwägen. Das hat schwerwiegende Folgen für unser Leben und alle unsere Beziehungen: Jeder, der uns zu nahe kommt, bedroht unsere Autonomie und jeder der uns zurückweist, treibt uns in die Angst vor dem Verlust der lebensnotwendigen Liebe, die gleichzeitig wieder die Angst vor Abhängigkeit und mangelnder Eigenständigkeit birgt. Umgekehrt kann eine sichere, liebevolle Bindung an die Eltern selbst gegen ungünstige Erbanlagen Widerstandskraft verleihen. Und je mehr wir gesunde Sicherheit im Zusammenhang mit sich entwickelnder Selbstständigkeit erfahren, umso stärker ist das Gefühl der „Selbst-Richtigkeit“, das sich dadurch entwickelt.

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Wie entsteht der freie Wille – oder eben nicht?

Es tut mir wirklich leid, dass über das ganze Guttenberggetöse die Arbeit einer hervorragenden und ehrlich promovierten Politikerin völlig in den Hintergrund gedrängt wurde. Ich spreche von Frau von der Leyen, die (gegen ihre eigene Partei) versucht endlich die richtigen Wege in der Erziehungs-Bildungs- und Frauenpolitik einzuschlagen (ein vormals linkes Thema, das aber endlich in der politischen Mitte angekommen ist, wo es in seiner großen Bedeutung wahrgenommen werden kann. Es täte der Politik ja allgemein besser, wenn es ihr mehr um die Sache und weniger um ihre eigenes Profil und ihren Status ginge).
Die politischen Themen von Frau von der Leyen sind unbequem, wenig glamourös und die Resultate sieht man auch erst frühestens in 15 Jahren. Aber es sind sehr wichtige Themen für die Zukunft unseres Landes. Diese Frau hatte glücklicher Weise eine eindeutige klare Meinung, ohne hü und hott, die sie begründen kann, denn sie hat die relevanten Studien gelesen: Sie weiß wovon sie spricht.
Die neuen Untersuchungen zur Hirnforschung und Hirnentwicklung weisen eindeutig darauf hin, dass jedes einzelne deutsche „Unterschichtenkind“ (wie Harald Schmidt es politisch völlig unkorrekt, aber umso klarer genannt hat), egal mit welchem kulturellen Hintergrund,  besonders in den ersten Lebensjahren gefördert, betreut und versorgt werden muss: Es ist sonst ab dem sechsten Lebensjahr nicht mehr zu retten und für sich selbst und für die Gesellschaft für immer eine Last. Denn nach dem sechsten Lebensjahr sind schwere emotionale Schäden und Fehler in der Intelligenzförderung nicht mehr wieder gut zu machen: Das Gehirn ist in seinen Grundlagen fertig entwickelt und man wird diese Strukturen nicht mehr wirklich ändern können.
Wir haben in Deutschland keinen Überfluss an Kindern. (Denn ein Kind zu bekommen bedeutet gerade für gutausgebildete Frauen die Aufgabe von Karriere, finanzielle Sicherheit und Selbständigkeit.) Mal davon abgesehen ist es unmenschlich ohnmächtige, hilflose Kinder im Stich zu lassen, mit Eltern, die selbst ohnmächtige, hilflose Kinder waren (zumeist erst gerade mal vor 17, 18 Jahren) und die Verantwortung für das Wohl ihrer Kinder leider nicht übernehmen können. Und diese Kinder werden in 17, 18 Jahren wieder ohnmächtige, hilflose Kinder auf die Welt bringen, wenn wir nichts dagegen unternehmen. (Hohn ist hier in keiner Weise angebracht: Jeder von uns kann froh sein, dass er in seiner Kindheit nicht permanent angeschrien und häufig geschlagen, mit Toastbrot und Süßigkeiten abgespeist  und vor dem Fernseher geparkt wurde.) Doch leider machen wir diese Menschen weitgehend für ihr Schicksal selbst verantwortlich: Wir sprechen ihnen den freien Willen zu selbst etwas an ihrer Misere zu ändern.
Wir können für unsere Erfolge, unser Glück weniger, als wir denken. Jeder der sich mit der aktuellen Hirnforschung beschäftigt, weiß, wie sehr wir an unsere Gene und unsere emotionalen Prägungen der frühen Kinderjahre gebunden sind: Mit unserem Charakter, unseren Entscheidungen, unseren Handlungen. Sind die Erfahrungen unserer Kindheit besonders frustrierend, bestimmen die dazugehörigen Emotionen, die Angst, die Enttäuschungen, die Wut, die Sehnsucht nach Wiedergutmachund besonders stark unser Denken und Handeln. Denn dann kommt die Vernunft kaum gegen diese starken Gefühle an und die Möglichkeit zwischen zwei Entscheidungen, zwischen zwei Handlungen abzuwägen, geht verloren. Wir leben wie ferngesteuert. Unsere positiven Veranlagungen können sich nicht entfalten, unsere Identität wird bestimmt von diesen alten Frustrationen und Sehnsüchten, von einem Selbstbild, das sich in der ehemals lieblosen Behandlung spiegelt.
Aber auch bei relativ normaler Erziehung, einem weitgehend liebevollem Elternhaus ohne traumatische Erfahrungen, übernehmen die Prägungen der Kindheit zusammen mit unseren genetisch bedingten individuellen Charaktergrundzügen einen großen Teil der Regie in unserer Identität. Jeder, der schon einmal versucht hat, etwas in seinem Verhalten zu verändern, kann das an sich selbst beobachten. „Ja ich weiß, dass ich nicht mehr so viel Geld ausgeben sollte….“ Aber dann stehen da diese Schuhe im Schaufenster oder das neue Handy…. „Ich weiß, dass ich zu viel arbeite, mich zu ungesund ernähre…“. Aber dann kann nur ich die Aufgabe wirklich richtig erledigen und da bleibt keine Zeit zum Kochen…. Die Sehnsüchte, der Frust über Job und andere Enttäuschungen, ein schlechtes Selbstwertgefühl lassen uns oft wie Marionetten an den Fäden unseres Unterbewusstseins zappeln. Ängste lassen uns ständig zu viel arbeiten oder teure Versicherungen abschließen, Frust lässt uns den nächsten emotionalen “Kick” suchen. Erst wenn der Leidensdruck zu groß wird, wenn die ewige Wiederholung der falschen Handlungen uns zu viel Leid zugefügt hat, schafft es unser „Wille“ die lang schon gehegte vernünftige Einsicht umzusetzen, den Schritt in die richtige Richtung zu machen. Daher ist das Leid, vor dem wir so oft versuchen zu fliehen, ein notwendiges Übel, um unser Leben tiefgreifend zu verändern. Also: Seit dankbar für jedes Leid, denn es hilft Euch das Übel aus Eurem Leben zu vertreiben.
(Das gilt übrigens auch für unsere Liebesbeziehungen, aber davon nächste Woche mehr…)

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Hochachtung für Japan

Die Menschen in Japan reagieren trotz des ungeheuren Leids, das plötzlich über sie herein gebrochen ist, für unsere westliche Einschätzung ungewöhnlich diszipliniert und geduldig: Niemand drängelt sich in den langen Schlangen der Supermärkte oder Flugschalte vor, niemand wird wütend, wendet Gewalt an oder schreit vor Panik herum. Haben die Japaner also eine anderes „Gefühlssystem“ als wir? Nein haben sie nicht. Alle Menschen haben das gleiche Gefühlspektrum. Doch jede Kultur hat ihre eine Werteordnung. D.h. was uns aufregt, was uns positive oder negative Gefühle verursacht, was wir als angemessene Reaktion verstehen, ist sehr unterschiedlich. Für Japaner ist es unhöflich und ein schlechtes Verhalten seine Mitmenschen mit den eigenen Gefühlen zu belästigen. Sicher hat sich so ein Wertedenken durch ein sehr dichtes Nebeneinanderleben herausgebildet, doch deshalb gibt er hier keine genetische Veränderung, sondern eine typische kulturelle Anpassung des Verhaltens an die Lebensumstände.
Die erfolgreichste Überlebensstrategie des Menschen, der Grund warum er sich auf diesem Planeten mit seiner Population so durchgesetzt hat, ist sein großes Anpassungstalent, sein Vermögen durch Lernen (also nach der Geburt) sich seiner direkten Umwelt und seiner überlebenswichtigen Gruppe einzufügen. Die Instinkte des Menschen sind, im Gegensatz zu denen vieler anderer Lebewesen, stark reduziert zugunsten dieses Lernvermögens. Deshalb ist unser Nachwuchs auch vergleichsweise überlebensuntauglich – am Anfang. Doch gerade Kleinkinder lernen schnell von ihrem Umfeld, sie passen sich in die soziale Ordnung ein, lernen über die Familien-Kultur die Notwendigkeiten für ihr Überleben in ihrem Lebensraum. (Leider macht sie das auch so anfällig für soziale „Störungen“, also ein Umfeld, dass ihnen schlechte Regeln und Umgangsweisen vermittelt.) Sind die Neuronen in ihren Hirnen erst mal verknüpft (und das geschieht hauptsächlich und grundlegen in den ersten drei bzw. sechs Lebensjahren), hat sich ihre Umwelt mit ihren Verhaltensregen und Bewertungen sozusagen „eingebrannt“ in ihren Köpfen. Diese Prägung kann dann nicht mehr verändert werden, sie kann nur noch (je nach Alter) etwas modifiziert werden. Deshalb fallen die Japaner trotz der unvorstellbaren emotionalen Belastung auch jetzt nicht aus ihren Verhaltensgrundsätzen heraus.
Mal davon abgesehen bringt ihnen ihre äußere Ruhe in der jetzigen Situation viele Vorteile. (Haiti war mit seinem Erdbeben ein gegenteiliges Beispiel: Panik und Plüderungen waren Reaktionen einer sehr viel temperamentvolleren aber auch materiell schlechter gestellten Kultur. Alleine durch diese Folgeerscheinungen ist noch viel mehr Leid entstanden und es ist zu weiteren menschengemachten Traumata, psychische Wunden gekommen.)

Jedes Individuum hat aber auch ganz eigene „Talente“ mit solchen Extremsituationen umzugehen. In der Fachsprache heißet das Resilienz: Die Fähigkeit seine Psyche vor traumatischen Eindrücken zu schützen und diese gut zu verarbeiten. Ob also eine posttraumatische Belastungsstörung zurück bleibt, trotz vergleichbarer Schicksalsschläge, hängt sehr stark von der individuellen Stabilität der Psyche ab. Diese Stabilität ist besonders deutlich im gesunden oder unstabilen Selbstwertgefühl abzulesen, das wiederum durch die familiären (liebevollen oder lieblosen) Prägungen unserer Kindheit mitbestimmt wird.
Doch auch der kollektive Umgang mit Katastrophen, das Vermeiden von Gewalt und Panik, verhindert bestmöglich weitere Traumata. Und deshalb kann man für die japanische Mentalität nur tiefe Hochachtung empfinden.


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Sind wir schon über den Guttenberg?


Würden Sie diesen Mann, Karl Theodor Schmid, trotz seiner gefälschten Doktorarbeit zum Kanzler wählen?

Über die heftigen Reaktionen auf meinen Blogbeitrag zu Herrn zu Guttenberg von letzter Woche war ich sehr überrascht. Sie reichten von Begeisterung über die gesellschaftliche Hintergrundanalyse von Privilegien und Statustiteln in unserer heutigen Gesellschaft, bis zu dem Vorwurf, ich würde mich als Lebensgefährtin eines Adeligen ja wohl ziemlich bigott verhalten (was man über facebook nicht alles raus findet…) und der Beitrag wäre „Hobbypsychoblödsinn“, „substanzlos und eine dümmliche Aneinanderreihung von Vorurteilen“ und „schwach“ (eindeutig von einem enttäuschten Guttenberganhänger.) Leider fehlte eine begründete Entgegnungen auf meine Argumente, dass Herr zu Guttenberg allen wirklichen Ehrenfrauen und Männer (adelig oder nicht) keinen Dienst erwiesen hat. Dafür war der Kritiker umso persönlicher in seinen Beleidigung.
Es gibt von Habermas die wunderbare Erkenntnis vom „zwanglosen Zwang des besseren Arguments“, der ich sehr verbunden bin. Und jeder Hobbypsychologe kann in seinem Umfeld feststellen, dass jemand, der pauschale Verunglimpfungen statt Argumente für seine Ansichten und Glaubensgrundsätze hat, immer persönlich beleidigend wird, weil er letztlich an einer empfindlichen Stelle seines Selbstbildes getroffen wurde und versucht den Schmerz schnell mit rüdem Gegenschlag abzuwehren.
Dass Kaiser und Adel ihre Privilegien bis zur (wissenschaftlichen) Aufklärung mit `Gottes Gnaden´ begründeten, ist eine geschichtswissenschaftliche Grundtatsache, wird in jedem Geschichtsunterricht der Oberstufe vermittelt, im ersten Semester jedes Geisteswissenschaftsstudium und in jedem Terra X Fernsehbeitrag über das Mittelalter erklärt. Ich finde das weder dümmlich noch schwach, sondern sehr wichtig, denn es erklärt uns sehr viel über das gewandelte Selbstverständnis des Menschen und die Veränderung der Werteordnung, an der wir unser Richtig und Falsch und unser Selbstbild heute ausrichten.

Es stimmt übrigens auch: Ich lebe seit zwei Jahren mit einem Menschen zusammen, der genauso wie Herr zu Guttenberg den Titel des Freiherr oder Baron tragen könnte, wenn Österreich nicht alle Titel wohlweißlich nach dem ersten Weltkrieg abgeschafft hätte, um das Ansehen eines Menschen in seinen Handlungen zu begründen – und nicht in seinem ererbten Namen. Mein Freund hat sich mit harter Arbeit als damals junger Familienvater zwei Doktortitel erarbeitet und auch noch selbst finanziert und versucht heute täglich und oft genug auch am Wochenende nach bestem Wissen und Gewissen Menschen zu behandeln und zu helfen. Im Moment muss er sich jedoch häufiger fragen lassen: Na Herr Dr., welcher ihrer Titel ist denn eigentlich echt…
Außerdem bekomme ich gerade bei sechs Söhnen (alle zwischen 17 und 22 Jahren alt) der Familie mit, was es bedeutet der nächsten Generation beizubringen, dass neben dem Stolz auf Familientradition und Namen, eben dieser Stolz gerade nur mit eigener Leistung und ehrenhaftem Verhalten gerechtfertigt werden kann: Man adelt sich durch sein Verhalten, sonst ist jeder Titel nicht mehr als “Smoke on the water”. Oder wie mein zutiefst bürgerlicher Vater (ein Forstbeamter) mir und meinen Schwestern beibrachte: Es gibt Dinge, die tut man nicht! Abschreiben, lügen und sich dann noch als Opfer darstellen gehörte dazu.  

Genauso wie Gottes Privilegien nicht mehr gelten, gilt auch seine Moral nicht mehr: Wir fürchten uns nicht mehr vor Gottes Strafe und der Hölle. Wenn Gott uns aber nicht mehr maßregelt, bleibt nur die Eigenverantwortung: Wir müssen mit unseren Handlungen einem selbstbestimmten, selbstbegründeten Codex folgen. Es ist neben unserem BGH der eigene alltägliche Versuch des optimalen Ausgleichs zwischen Altruismus und eigenem Vorteil: Die Wahrhaftigkeit. Weichen wir zu oft davon ab, werden wir früher oder später die Quittung bekommen. Es kommt dann darauf an, aus dieser Erfahrung zu lernen. Man kann von niemandem erwartet, dass er fehlerlos ist. Aber unsere Mitmenschen können erwarten, dass wir aus unseren Fehlern lernen. Leider ist das alles sehr anstrengend. Deshalb sehnen wir uns nach einem Erlöser, einen der für unsere Ehre kämpft, für uns tiefgründig und verlässlich ist. Und so wurden wir gerade mal wieder darauf hingewiesen, dass wir zwar nicht in die Hölle, aber schnell in Teufels Küche kommen, mit unserer kindlichen Sehnsucht nach Heilsbringern, mit unserem naiven Glauben an das Höhere.
Ein zusammengeklauter Doktortitel passt zu einer Persönlichkeit, die zwischen Schein und Sein schwer unterscheiden kann, die in ihrer Abhängig von äußerer Anerkennung, keine gesunde Selbstkritik (mehr) hat, die viel zu schnell anderen Leuten in der Kompanie die Schuld zuweist und sie hinauswirft, nur um ja selbst gut darzustehen als entscheidungsstarker Ehrenmann.
Herr zu Guttenberg wird wohl trotz der 100 Strafanzeigen, die jetzt gegen ihn gestellt wurden, zurückkommen. Es wird sich zeigen, ob er selbst sich zu schnell verziehen hat, so dass er aus seinen Fehlern nicht lernen konnte: Wer trotz schwerem Betrug immer noch so geliebt wird, verspürt zu wenig Leidensdruck, um sich seiner Tat wirklich bewusst zu werden. Wenn er der Blender bleibt, der er bisher war, wird er wieder scheitern. Dann werden wohl nicht nur der Kapitän der Gorch Fock Herr Schatz und General Schneiderhahn es ausbaden müssen, dass Äußerlichkeiten eine so mächtige Projektionsfläche sind für unsere Sehnsüchte und Hoffnungen.

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Schein als Sein

Karl Theodor zu Guttenberg sieht gut aus, er kann gut reden und sich gut verkaufen. Was kann er eigentlich sonst noch? In der Kundus- und Gorch Fock-Affäre hat er sich völlig widersprüchlich, aber umso markiger geäußert und danach völlig planlos Leute entlassen. Auch beim Abschaffen der Wehrpflicht hatte er nie wirklich einen Gegner: Niemand will die Wehrpflicht behalten, sie ist längst schon überholt und zu teuer und die Industrie brauch dringend und so schnell wie möglich die jungen Nachwuchskräfte. Trotzdem wurde und wird er als „Ausnahmetalent“ gefeiert, ihm flogen die Herzen zu und kleben hartnäckig an ihm fest.  
Guttenberg hat einen Titel: Den des Freiherren/Baron. Dafür hat er nichts geleistet. Denn wir glauben nicht mehr an einen lieben Gott, der manche von uns von Geburt an, ohne Begründung oder besondere Fähigkeiten, an eine höhere Stelle setzt.  Denn mit Gottes Wohlwollen hatte Jahrhunderte lang der Adel seine Privilegien und Sonderrechte begründet. Und Gott durfte man nicht in Zweifel ziehen, es gab noch keinen Ersatz für ihn.  
Heute gibt es die Wissenschaft als Ersatz für Gott: Unsere Forschung, unsere Erkenntnisse über die Natur haben Gott eigentlich unmöglich gemacht. Und weil die Akademien heute die Kirchen ersetzen (und die Adelsschlösser oftmals sogar besetzen und viele Adelige legen dort ehrliche Arbeiten ab), sind ihre „Fürsten“, ihr Doktoren und Professoren besonders angesehen. Nur muss man für diese Titel etwas leisten. Man bekommt sie nicht mehr einfach so von Geburt an geschenkt. Selbst wenn man genug Intelligenz mitbekommen hat (und hier ist die “Ungerechtigkeit Gottes” immer noch zu beklagen – genauso wie bei der Verteilung des Aussehens), muss man trotzdem noch lernen und arbeiten und sich anstrengen für so einen Titel. Baron ist man einfach so, Dr. nicht.

Wer als Bundestagsabgeordneter mit Karriereabsichten auf 100 (in Worten: Einhundert) Seiten seiner Dissertation abschreibt, ist entweder dämlich und überheblich. Oder hat die Arbeit nicht mal selbst geschrieben. Beide Male ist er ein vorsätzlicher Betrüger. Punkt. Sich als Opfer der Medien dazustellen ist unehrenhaft und falsch. Er hat eine schwerwiegende Straftat begangen: Vorsätzlich!
Warum fällt es uns aber so schwer offen zuzugeben: Der Guttenberg hat im großen Stil gelogen? Warum haben 5 (in Worten: Fünf) Doktorväter nicht so genau hingesehen und sich gerne mit dem aufstrebenden  Absolventen ihrer Uni geschmückt (sein Foto war bis vorletzte Woche auf Website der Uni Bayreuth). Mal abgesehen davon war sein Jura Examen so schlecht, dass er eigentlich nicht hätte promovieren dürfen und musste dazu extra eine Sondergenemigung ausgestellt bekommen. (Zum Glück unterstützt die Familie zu Guttenberg die Uni Bayreth finanziell im großen Stil….).Warum wollten viele ihn trotzdem weiter in der Politik sehen, obwohl ja gerade er immer mit seiner Ehrenhaftigkeit geprahlt hat? Was sagt das über uns und unsere Gesellschaft, unsere Lebenskultur aus?

Der Traum von Erfolg und Anerkennung ohne Anstrengung ist bei uns Menschen weit verbreitet. Wir alle spüren den ständig wachsenden Druck, wir alle haben keine Ausweichmöglichkeit, denn wir müssen im Hier und Jetzt jeden Tag bestehen, von Kindheit an Prüfungen absolvieren und um unsere Anerkennung kämpfen. Daher träumen wir davon Bewunderung einfach so zu bekommen, von Geburt an etwas Besonders zu sein, ohne es beweisen zu müssen, tun und lassen zu können, was wir wollen, ein Leben mit Luxus und Status zu führen, ohne darum kämpfen zu müssen. Wir wären gerne ein Genie, dem alles gelingt, jemand, der durch eine Laune des Schicksaals von vorne herein heraus gehoben ist aus der Menge, reich geboren wird und schön, schon im Namen automatisch einen Titel verliehen bekommen hat. Dieser Traum speist die Klatsch- und Boulevardzeitungen und treibt ihre Auflagen nach oben.
Herr zu Guttenberg und seine schöne Frau (die übrigens neben ihrem Adelstitel eine Fachausbildung im Textil- und Modebereich hat) schienen diesen Traum zu leben, sie schienen die von den Göttern geküssten zu sein. Wir haben uns mit ihnen identifiziert, durch sie an diesem Traum teilgenommen. Es gab wieder in all der Banalität unseres Alltag etwas Höheres, Hoffnungsvolles, das seinen Glanz über uns alle ausschütten sollte (am besten als zukünftiger Kanzler). Doch der Schein ist zerbrochen an etwas, das jeden Schein immer zerbrechen lassen wird: Das Sein. Da das Sein immer stressiger, unsere Sicherheit und unser Lebensstandart immer gefährdeter ist, versuchen wir mit dem Schein längst schon allzu oft Gleichgewicht herzustellen (das reicht von Pushup-BHs bis zu geschönten Lebensläufen bei der Job- und Partnerwerbung). Schaffen wir es nicht mehr mitzuhalten, stellen sich automatische die Lügen ein, die darüber hinweg täuschen sollen. („Jeder hat doch schon mal gemogelt…“ ist gerade zur Verteidigung von Guttenberg aus dem Volk zu hören.) Der Schein als Sein ist so normal geworden, dass wir Herrn zu Guttenberg eigentlich nicht mehr als das erkennen, was er ist: Ein völlig überschätzter, aber immerhin schöner Schönredner. Und ein Betrüger – der unsere Hoffnungen und Träume im ganz großen Stil enttäuscht und enttarnt hat.

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Burn. Out.

Die klinisch korrekte Diagnose für die Modekrankheit „Burnout“ wäre eigentlich in den meisten Fällen: Erschöpfungsdepression. Die schwammige Diagnose „Burn-out“ wird heute schnell und häufig erteilt, wenn ein Mensch aus der Mitte der Leistungsgesellschaft zusammenklappt und nicht mehr kann. Deshalb ist Burnout fast schon ein schickes Leiden, dass von „Unentbehrlichkeit“ und „Wichtigkeit“ zeugt, von „Gründlichkeit“ und „Gewissenhaftigkeit“ und „Perfektion bis zu Selbstaufgabe“. (Insofern steht dieses Leiden in der christlichen Tradition, nach der ein Mensch auf Erden sich quälen muss, um dann irgendwann Anerkennung / Paradies zu finden.)
Burnout ist also eigentlich nur ein Etikettenschwindel ohne wissenschaftlichen Konsens. Ursprünglich war es eine metaphorische Umschreibung für den früher gängigen Begriff: „Am Randes des Nervenzusammenbruchs“. Dennoch stehen dahinter ernstzunehmende psychische Probleme: Depressionen, gefolgt von Angststörungen, Panikattacken, ein starker Realitätsverlust und Wahnvorstellungen. Doch die soziale Akzeptanz von diesen beim wirklichen Namen genannten psychischen Erkrankungen ist gleich Null und mit dem Makel des Losers und Versagers und sozialen Abstiegs behaftet. Burnout klingt da harmloser bzw. ist in unserer Erfolgsgesellschaft regelrecht salonfähig (sogar bei Männern), denn damit hat man den Nachweis erbracht, ein funktionierendes, tragendes Rädchen in der Arbeitsmaschinerie zu sein. Denn der Begriff Burnout impliziert, dass die Betroffenen sich besonders verausgabt und überdurchschnittliches Engagement im Job gezeigt hätten.
Leider hilft die ganze Schönfärberei aber nicht bei der Lösung des Problems. Denn anhaltend lässt sich nur durch eine komplette Veränderung der eigenen Lebensführung und Neu-Bewertung von Wichtigem und Erstrebenswertem wirklich etwas an diesem z.T. lebensbedrohlichen Zustand ändern. Nur eine Umwertung des eigenen Selbstwertes und aller sozialen Beziehung und der Werteordnung in der Gesellschaft kann dauerhaft etwas gegen diesen Zustand der Totalerschöpfung bewirken.
Die Krankheit verursacht Kosten für Pharmaka im Millionenbereich. Zweifelhafte Stresskuren werden teuer angeboten. Unsere westliche Gesellschaft schlägt also Profit aus dem Arbeitspensum bis zur Erschöpfung und aus deren Heilung dann auch noch.
Die Frage bleibt natürlich: Was ist los mit unseren so vielberufenen Werten? Wie weit bestimmen Konzernen und Firmen unsere Kultur, die sich auf ihren Webseiten sinnfrei Firmenphilosophien verleihen, die meist nicht über das falsche Lächeln der Models auf den Fotos daneben hinausgehen? Was soll das den bedeuten: Verantwortung und Bei uns steht der Mensch/Kunde immer im Mittelpunkt (und als das andere dumme Bla Bla, was man auf diesen teuer gestalteten virtuellen Eingangsportalen finden kann), wenn nur die Zahlen zählen und die Angst vor den Shareholdern und einer schlechten Konjunktur solche eine Macht bekommen haben über uns alle? Warum ist uns das Geld und der Erfolg in der Hierarchie wichtiger als das Leben?
Burnout betrifft Menschen, die vom Perfektionismus getrieben sind, die sich keine Fehler erlauben, Rückschläge als persönliche Kränkungen empfinden, sich nicht abzugrenzen können, indem sie ständig erreichbar sind, sich für alles zuständig fühlen und generell an einem geringen Selbstwertgefühl leiden. Sie haben kein internes Kontrollsystem mehr und keinerlei Auszeiten. Gerade sie brauchen Geld, Erfolg und Hierarchie, weil sie ihrem schwachen Selbst Halt geben. Bournout ist also die Bezeichnung für das Scheitern dieses trügerischen, neurotischen Systems. Doch das Scheitern ist der erste Schritt zur Heilung. Und immerhin macht diese „annehmbare Diagnose“ wieder darauf aufmerksam, dass wir Menschen Seelenwesen sind.

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Grundsätzliches über Beziehungen

Wir Menschen haben zwei große Bestrebungen: Wir wollen geliebt werden, ja geradezu verschmelzen mit unseren geliebten Menschen in der vollkommenen Sicherheit, dass sie uns niemals verlassen. Und gleichzeitig wollen wir unabhängige Individuen sein und das Ziel unserer Selbst-Entfaltung verfolgen. Dabei konkurrieren wir mit allen anderen um Anerkennung und einen guten Platz in der Gemeinschaft (manchmal sogar mit geklauten Texten von anderen Leuten…). Denn auch die anderen wollen ihre Bedürfnisse möglichst umfangreich von uns befriedigt bekommen.
Immer sind wir also gleichzeitig Individuum und Teil einer Gruppe. Für unser Überleben ist dieser Antagonismus notwendig: Der Zusammenhalt der Gruppe, genauso wie das Streben des Einzelnen gewährleisten den Erhalt des Lebens. Sowohl die Befriedigung unserer Bedürfnisse durch andere, ihre Zuwendung und Aufmerksamkeit, als auch das Gefühl etwas zu können, eigene Ideen zu verwirklichen, unabhängig und stark zu sein, befriedigt unser Selbstwertgefühl. Doch aus diesem Widerspruch von Anziehung und Konkurrenz, Sehnsucht und Abhängigkeit, Liebe und Frust, Nähe und Distanz entstehen alle unsere sozialen Konflikte in Partnerschaften, Familien oder Arbeitsgemeinschaften. Denn nur selten haben wir das richtige Gleichgewicht zwischen Narzissmuss und Altruismus in unserer Kindheit gelernt. (Dabei meint Narzissmus in der Psychologie bzw. Psychoanalyse nicht Selbstsucht oder Eitelkeit, sondern Überlebenswille oder „Wille zum Selbst“.)

Da in jeder Gemeinschaft, jeder Beziehung der Konflikt zwischen den eigenen Sehnsüchten und denen des Gegenüber neu verhandelt wird, hat man auch in jeder Beziehung die Möglichkeit zu reifen. Doch besonders Liebesbeziehungen sind ein Katalysator bei der Persönlichkeitsentwicklung. Gleichzeitig behindert uns nichts so sehr, wie eine destruktive Partnerschaft. Sicher ist: Wir suchen uns immer einen Partner auf dem gleichen Reifestand. Und: Beide Partner können sich nur  zusammen entwickeln.
Daher müssen wir uns bei wahren Liebe also immer fragen: Welchem alten Plagiat an Beziehungsmuster sitze ich hier gerade auf? Wo kopiere ich meine alte Sehnsucht nach Anerkennung von Menschen die mich schon einmal genau so behandelt haben, wie mein aktueller Partner…
Mit der Echtheit ist es eben nicht so einfach. Aber die Wahrheit ist letztlich unbestechlich. Das gilt für Doktorabeiten und Nahostdiktatoren: Vincit veritas – Die Wahrheit siegt. Am Ende immer. Und davor steht Leid, bis wir sie erkennen.
(Mehr zum “wahren” Partner in Kapitel 2 meines Buches “Gestatten:Ich”)

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Ein Plädoyer für die WUT

Wut ist eine seltsame Macht. Als eines der stärksten menschlichen Gefühle kann es uns so überfluten, dass wir unser Verhalten nicht mehr mit der Vernunft steuern können und Dinge tun, die wir hinterher bereuen. „Das habe ich nicht gewollt“ sagen wir dann. Aber ein Teil von uns (ein unbewusster Teil) hat es eben doch gewollt. Deshalb haben wir Angst vor der Wut, sie hat ein schlechtes Image: Aggression scheint immer ein schlechter, vernunftloser Ratgeber zu sein. Gerade hat uns aber das ägyptische Volk gezeigt, dass die richtige Portion Wut viel verändern kann: Wut ist ein Gefühl, dass uns nach vorne bringt. Doch dazu müssen wir sie rechtzeitig als solche erkennen und respektieren. Nur lange unterdrückte, aufgestaute, ignorierte Wut ist gefährlich, denn sie kann plötzlich den Flächenbrand in unserer Seele auslösen, vor dem wir uns so fürchten. Warum haben wir aber so Angst vor der Wut?
Als Kinder werden wir zwangsläufig frustriert durch das Verhalten unserer Eltern, denn sie können nicht dauerhaft alle unsere Bedürfnisse befriedigen. Wir müssen lernen zurück zu stecken, uns in die Gemeinschaft der Familie, der Gesellschaft einzufügen. Das ist sinnvoll, denn nur in der Gemeinschaft können wir überleben: Der Mensch ist ein Gruppenwesen. Deshalb lernen wir unseren Frust so zu kommunizieren, dass wir weiterhin in der Gruppe akzeptiert werden. Doch oft genug, bei schwachen, hilflosen Eltern, die mit ihrem Verhalten keine orientierungsgebenden Vorbilder sind, die ihre eigenen Bedürfnisse an den Kindern auslassen, viel zu hohe Erwartungen an sie haben, über ihre Kinder ihr eigenes schwaches Selbst zu kompensieren suchen, bildet sich bei den Kindern ein Frust, der nicht mehr in die heranreifende Persönlichkeit integriert werden kann. Er muss unterdrückt werden, staut sich auf oder wendet sich gegen das eigene Selbstbild, aus Angst aus den ohnehin labilen Familienverhältnissen ausgestoßen zu werden, nicht überleben zu können. Und genau vor dieser alten unverarbeiteten Wut haben wir alle so Angst. Denn, bricht sie dann irgendwann doch hervor (meistens ausgelöst durch ähnlich frustrierende Situationen im späteren Erwachsenenalltag), ist kein Halten mehr – und wir zerstören viel von dem, was wir glauben unbedingt zum Leben zu brauchen, was uns äußeren Halt gibt. Das ist immer erst mal sehr schmerzhaft und Veränderung ist immer schwierig. Aber wenn dann einige Zeit, einige Jahre vorbei gegangen sind, sehen wir das vielleicht doch etwas anders: Sofern sich wirklich etwas geändert hat und uns der Wutausbruch nach dem Abflauen nicht nur wieder in neue alte Verhältnisse hat stolpern lassen.
Wünschen wir den Ägyptern also so viel weitere Wut, dass sich richtig was verändert.

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Von Schwätzern und Besserwisserinnen

Die Universität of California in Santa Cruz hat über zehn Jahre viele hundert Testpersonen mit Aufnahmegeräten bestückte und ihre tägliche Redekapazität aufzeichnete. Die gerade erfolgte Auswertung hat ergeben, dass Männer durchschnittlich deutlich mehr reden als Frauen. Bei Gesprächen mit ihren Frauen oder mit Fremden haben die meisten Männer ein besonders starkes Mitteilungsbedürfnis und widersprechen ihren Gesprächspartner sehr viel öfter, als Frauen das tun. Nur über persönliche Dinge reden sie insgesamt weniger.
Wir neigen dazu, die Schwierigkeiten zwischen den Geschlechtern mit pseudowissenschaftlichen Evolutionsbehauptungen zu erklären: Frauen haben immer Beeren gesammelt und dabei geschwätzt, Männer mussten auf der Jagd den Mund halten … deshalb wollen Frauen reden und Männer nicht etc.. Mittlerweile füllen findige Komiker mit diesen Scheintheorien ganze Stadien und erklären uns von Fernsehgewohnheiten bis zu Handtascheninhalten unser Leben. Dabei wird sich wortreich über angeblich typisch weibliche Eigenschaften, wie Geschwätzigkeit oder Nestbauverhalten, schenkelklopfend lustig gemacht, wohingegen Männer immer nur wahllos ihre Gene unters Volk bringen und Bier trinken wollen. Als Fazit bleibt dann: Männer und Frauen können sich nicht verstehen, das ist von Natur aus so und wird auch immer so bleiben.
Wieso weisen dann aber homoerotische Beziehungen die gleichen zwischenmenschlichen Probleme auf wie Heterobeziehungen? Und hätte die Natur nicht im Sinne besserer Überlebenschancen dafür sorgen müssen, dass Männer und Frauen gut miteinander auskommen, um gemeinsam psychisch und körperlich gesunden Nachwuchs heranzuziehen? Denn nichts greift den Körper und Überlebenswillen mehr an, als Angst, psychische Instabilität und gescheiterte soziale Bindungen.
Viele der aktuellen Studien und die neuesten Erkenntnisse der Gehirnforschung haben gezeigt, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern oft nur aus Vorurteilen vor dem Hintergrund kultureller Werteprägung bestehen. Hinter der Behauptung, unsere Differenzen wären von den Genen bestimmt und wir könnten somit nichts gegen unsere Verhaltensmuster tun, steht wohl vielmehr eine einfache Ausrede, mit der wir der Mühe entgehen wollen, uns mit den eigenen Verhaltensmustern auseinander zu setzen.
(Wer mehr zu diesem Thema wissen möchte: Siehe “Gestatten: Ich – Die Entdeckung des Selbstwertgefühls” Kapitel 5)


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Im Dschungel der Narzißten

Warum macht uns das Dschungelcamp süchtig sobald wir nur 5 Minuten zugeschaut haben?
Ekel, Angst, Wut, Scham das sind so mit die stärksten Emotionen, die wir kennen. Und entgegen althergebrachter Meinung sind wir Menschen vor allem nicht Verstandeswesen – sondern emotionssüchtig. Emotionen geben allem eine Bedeutung, einen Wert (gut, schlecht, gefährlich, freundlich), einen Sinn: Wir fühlen, um uns zu orientieren. Durch die emotionalen Stromstöße werden wir durch den Parcours des Lebens geflippert.
In unserer heutigen Welt dürfen wir sie aber nicht mehr so oft ausleben, unsere Emotionen, müssen Wut und Angst und Enttäuschung im Alltag unterdrücken, müssen funktionieren, um nicht ausgeschlossen zu werden vom Erfolg.
Das Camp versucht mit seinen „ungewöhnlichen“ Versuchsanordnungen (jeder Psychologe wäre froh so ein Experiment genehmigt zu bekommen) den Teilnehmern Emotionen zu entlocken und serviert diese dem Zuschauer. Denn gerade negative Emotionen schauen wir uns lieber bei anderen an: Wir werden zu Voyeuren. Durch Fremdfühlen (oder Fremdschämen) werden wir all die aufgestauten eigenen Emotionen los. Und wir lernen durch das Zuschauen etwas (weniger wie man Würmer isst, mehr wie man sich in einer Gruppe verhalten sollte, um Anerkennung und eine stabile Position zu bekommen. Und im speziellen Fall dieser Staffel: Authentizität ist nun mal alles und der Zuschauer lässt sich nicht veräppeln durch eine gespielte Rolle, die interessant machen soll). Und dann dürfen wir auch noch Richten: Wir haben in der Gruppe der Dschungelcamper die Macht – ohne Konsequenz für uns selbst.

Und warum opfern sich einige Gladiatoren in der grünen Arena? Auch hier steht etwas grundsätzlich Wichtiges für den Menschen dahinter: Geld und Aufmerksamkeit. Aber wie mickrig ist das gegen unseren narzißtischen Gewinn als Zuschauer.


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Die dunkle Seite der Macht

1961 wurde in New Haven das berühmte Milgram-Experiment durchgeführt. Es bewiest eindrucksvoll, wie normale Bürger unter bestimmten Umständen zu sadistischen Handlangern werden können, wenn eine Machtinstanz und Werteordnung dies von ihnen verlang: Versuchspersonen teilten bereitwillig starke Stromstöße an Opfer aus, weil ihnen von vermeintlichen Wissenschaftlern gesagt wurde, dies sei Teil eines wichtigen Versuchs – und das Experiment wolle man ja wohl nicht scheitern lassen! Trotz der qualvollen Schreie ihrer vermeintlichen Opfer erfüllten sie -  zum Teil sogar sehr ehr-geizig – die Anweisungen.
Gerade hat der Psychologe Jerry M. Burger von der Santa Clara University in Kalifornien das Experiment erneut durchgeführt und damit die Hoffnung zerstört, die Menschheit hätte sich seit den frühen 60er-Jahren weiterentwickelt. Dabei gab es keine Unterschiede zwischen Alten und Jungen, Männern und Frauen, sozialen Schichten, Frommen und Ungläubigen oder den Anhängern unterschiedlicher Religionen oder Weltanschauungen: Nur ein Drittel widersteht der Versuchung der Macht, zwei Drittel nicht – so ist der Mensch.
So scheinen also zwei Drittel der Menschen auf der dunklen Seite der Macht zu stehen, “nur” weil ihr Referenzrahmen, ihr Selbstwertgefühl zu schwach ist, um sich der hierarchischen Struktur ihres Umfeldes zu wiedersetzen. Jeder von uns kann das in Alltagssituationen nachvollziehen: Es wird uns etwas gesagt und wir müssen – wenn wir nicht ohnehin der Anweisung direkt folgen – uns erst einmal klar machen, was richtig und was falsch ist. In der Zwischenzeit haben wir das beschämende Gefühl der Unsicherheit oder sogar der Bedrohung, als könnte uns etwas schlimmes passieren, weil wir nicht konform laufen: Wir fürchten uns wie unartige Kinder vor der Strafe und davor angeprangert und ausgeschlossen zu werden. Denn die Gruppe und ihre Anerkennung ist für uns überlebenswichtig.
Vielleicht würde es uns helfen wenn wir das “Ich nicht!“ üben würden im Alltag: Wenn sich alle in der Abteilung auf ein Opfer eingeschossen haben, hinter seinem Rücken lästern und die Augen verdrehen (man könnte mit dem Opfer unter vier Augen besprechen, warum es immer aneckt), wenn sich alle in einer Schlange versuchen vorzudrängeln (man könnte mit ausgesuchter Höflichkeit jemanden vorlassen), wenn die Freundin mit einem teuren Urlaub angibt oder der Nachbar mit einen neuem Auto vorfährt (man könnte sich neidlos freuen und sich selbst überlegen, was das eigentlich über die Person aussagt). Die Unabhängigkeit, die uns ein „Ich nicht!“, ein starkes Selbstwertgefühl mit einer eigenen Werteordnung verschafft, wappnet uns nicht nur davor andere niemals zu quälen. Sie erhöht unsere Lebensqualität, denn sie weitet unsere Freiheit gegen jede Form der Fremdbestimmung aus. Eine eigene eingeübte Moral gibt dem Leben Sinn, jenseits aller religiösen Hoffnung auf ein Paradies mit genügend Anerkennung für diesseitiges artiges Verhalten. Denn selbst wenn es Gott gäbe, hat er einen sehr guten Weg gefunden sich aus allem raus zu halten. Wahrscheinlich hat er seinen eigenen Referenzrahmen.

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Von Auserwählten

Es gibt in unserer Zeit keine größere Schande, als der niederen Allgemeinheit anzugehören: Wir wären gerne etwas Besonderes, durch die Laune der Götter mit einem großen, übermenschlichen Talent gesegnet und der Erbärmlichkeit eines alltäglichen Lebens für immer enthoben. Natürlich muss unser Umfeld das erst noch erkennen, denn, wie alle verkannten Genies und häßlichen Entlein, müssen wir zuerst die herrschenden Widerstände von Ignoranz und Demütigung überwinden, damit es dann so richtig schön wird (siehe „Harry Potter“ oder „Matrix“ oder „Amadeus“ oder „Die Hart“ oder „Aschenputtel“ oder „Herr der Ringe“ oder „Good Will Hunting“ oder die „Coke Zero Werbung“….). Selbst den profanen Ruhm haben wir längst durchschaut: Nein wir wollen kein mediengesteuerter Hanswurst sein: Wir wollen auserwählt sein, „THE ONE“!
Früher gab es viele „ehrenwerte“ Positionen in einer Gesellschaft: Man konnte stolz sein auf sein Handwerk, seinen Beamtenstand, sein Regiment, seine Familientradition. Es war leichter seine Identität, sein Selbstwertgefühl zu begründen in der vergebenen Pflichterfüllung seiner Gesellschaftsposition: Das Leben wurde alleine dadurch sinnvoll, die Anerkennung war gesichert, der Respekt auch. Nur die Freiheit hat darunter gelitten – besonders, wenn man das Pech hatte als Frau auf die Welt zu kommen, ohne besondere Anpassungs-, Haushalts- und Muttertalente.
Unsere heutige Freiheit kann nur nutzen, wer ein starkes Selbstwertgefühl besitzt: Auf der sehr seltenen Gabe wirklichen Talents begründet – oder auf der Liebe von Eltern, die ihr Kind als etwas Besonderes wahrnehmen, nur weil es da ist, die es nur so weit begrenzen, wie es für ein respektvolles Miteinander mit Anderen notwendig ist und die ihm ansonsten das Gefühl geben: „So wie Du bist, bist Du genau richtig. Du bist auserwählt zum glücklichen Menschen!“
Wir anderen folgen wohl ewig weiter dem weißen Hasen, in der Hoffnung auf unsere höhere Bestimmung.

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Hungernde Kinder in der ersten Welt

Einer meiner ersten Blogfans hat mich gebeten mal etwas zum Thema Jugendwahn in unserer Gesellschaft zu schreiben. Jugendwahn zeichnet sich nicht nur dadurch aus, dass wir gerne jünger aussehen wollen. Das ist eigentlich nur der private Leid-Anteil, der vielleicht noch einer bestimmten Industrie zu viel Geld verhilft. Viel schlimmer ist das verantwortungslose Verhalten, das hinter der geglätteten Fassade hervorquillt: Es ist das in der Fachsprache so bezeichnete „innere Kind“, das hier die Regie führt, ein unreifer Teil der Persönlichkeit, eine Gefühlslage, die an der ungestillten Sehnsucht unserer Kindertage hängen geblieben ist. Neben der Egozentrik, die wir ja auch bei Kindern gut beobachten können, geht mit dem infantilen Verhalten immer eine große Unsicherheit einher: Kinder wissen noch nicht wer sie sind, genauso wenig wie infantile Erwachsene. Sie fordern von ihrem Umfeld geliebt zu werden, Anerkennung zu bekommen, einfach nur weil sie da sind! Wer das nicht ausreichend oder um seiner selbst willen in seiner realen Kindheit erfahren hat, neigt hochgradig dazu einen infantilen Charakter auszubilden. Aber wieso kippt dann eine ganze Gesellschaft, eine Kultur in eine solche Unreife?
Es gibt in unserer Gesellschaft immer weniger „gesunde“ Familien, glückliche Eltern, die durch gute und schlechte Zeiten hindurch ihre Kinder gemeinsam groß ziehen. Häufig müssen dann auch noch diese Eltern immer mehr arbeiten und es bleibt allgemein immer weniger Zeit für die Kinder d.h. Zeit die man ungestresst und in Ruhe miteinander wertschätzend verbringt, ohne mit den Gedanken schon bei der vollen Waschmaschine und der nicht beendeten Kundenpräsentation zu weilen. Der Verlust von tiefem emotionalem Austausch führt zu emotionshungernden Kindern, die sich dann als „innere Kinder“ in der Hülle von Erwachsenen weiter nach Aufmerksamkeit und Zuwendung sehnen. Und unsere Werbung erzählt ihnen, dass sie dafür gestylte Körper brauchen und glatte Gesichter und ein jugentliches Auftreten: Alles mitnehmen was geht, immer aktuell, immer überall dabei. Aber genau das verhindert tiefe Bindungen, die von Verantwortung und sich Einlassen leben, die “satt mache” und die man weiter geben könnte an die eigenen Kinder, damit sie gesunde reife Erwachsene werden und den Teufelskreis durchbrechen. Im Grunde genommen herrscht in unserer westlichen Kultur eine immer größer werdende emotionale Hungersnot und ein Raubbau an unserer psychischen Gesundheit. Doch wer in der globalisierten Welt seinen Lebensstandart mit Urlaub und Neuwagen halten will, muss einen Preis zahlen. Denn der Status in der Gruppe, die andere große grundlegende Disposition unserer Psyche, ist vielleicht noch stärker, als unser Hunger nach Geborgenheit. Wir werden sehen.

PS: Wer mehr und Genaueres zu diesem komplexen Thema erfahren will, den kann ich leider nur wieder auf mein Buch “Gestatten:Ich” verweisen.

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Moralische Vorteile fürs neue Jahr

Alle neuen Jahre wieder rufen die Kirchen (die ja von Tuten keine Ahnung haben) nach mehr Moral und weniger Gier. Unter Moral und Werten verstehen wir „selbstloses Handeln“ d.h. Handeln, das nicht auf unseren eigenen Vorteil ausgerichtet ist (um diesen Punkt von letzter Woche noch mal aufzugreifen). Doch das alleine schon ist unmöglich, denn der Mensch handelt – genau wie alles andere Leben auf diesem Planeten – immer nur im Sinne seines eigenen Vorteils: Leben will nichts als Leben und weiteres Leben zeugen.
Doch die Stategien dieses Überlebenskampfes sind mannigfach. Für den Menschen ist es ratsam: Das Ansehen in seiner Gruppe, seiner Familie, Bürogemeinschaft, seinem Freundes- und Kulturkreis zu steigern. Denn alleine kann er nicht überleben und je besser seine Position, um so größer seine Überlebensvorteile. Dazu braucht es die vielbeschworenen Werte und die Moral. Denn sie bestimmen, was gut ist und was böse, was wertvoll ist und wie man sich selbst zu Ansehen und einem guten Status verhilft. Altruismus ist hier sogar die bessere und nachhaltigere Strategie: Moral bringt mir auf Dauer mehr, als Gier!
(Erst wenn der Mensch so viel Macht hat, dass er glaubt, die anderen seien so minderwertig und unwichtig, dass sie an seinem Ansehen nicht mehr kratzen können, kommt es zu exessiven Übergriffen, die man in Kinderheimen und Gefängnissen beobachten kann und die das berühmte „Milgram-Experimen“ so eindeutig und gerade wieder aufs Neue belegt hat.)
Hinter all unserem Handeln steht also der Plan uns Ansehen zu verschaffen, mit unchristlicher, dominater Herrenmoral  oder altruistischer, nächstliebender Sklavenmoral (wie Nietzsche sagen würde): Egoismus und Altruismus sind daher nur die zwei Seiten der selben Madaille – und die Internate und kirchlichen Kinderheime nur einer der vielen Schauplätze dieser Wahrheit.
Nur: Ein „guter Mensch“ hat auf lange Sicht den größeren eigenen Vorteil.

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Wer ewig strebend sich bemüht … Teil V

Nächster Schritt: Anklagen und Verzeihen 

Tanja (36) trifft nach Jahren ihre beste Schulfreundin Judith (36) wieder. Nachdem die beiden ausgetauscht haben, was aus ihnen so geworden ist, fragt Judith Tanja nach ihren Eltern, denn sie war früher oft bei Tanja zu Hause und kannte ihre Familie gut. Als Tanja behauptet in ihrer Familie wäre wie immer alles in bester Ordnung, bricht es plötzlich aus Judith heraus: Sie habe es in ihrer Schulzeit als sehr seltsam empfunden, dass Tanjas Mutter der ganze Familie ihren Willen aufgedrängt hätte. Die Freunde der Kinder, genauso wie alle Sportarten und Hobbys, die Wahlfächer in der Schule und Urlaubziele wurden von Tanjas Mutter bestimmt und es gab kaum  ein Chance sich dagegen aufzulehnen. Nach Judiths Meinung ist Tanjas Mutter mit ihrer Herrschsucht daran Schuld, dass Tanja so schwer ihren eigenen Weg ins Leben gefunden hat.

Tanja ist völlig irritiert von Judiths Offenheit und nimmt ihre Mutter in Schutz: Sie wäre eben eine starke unabhängige Frau, hätte wirklich immer gewusst, was das Beste für alle war und mit ihren Urteilen hätte sie eigentlich immer richtig gelegen. Noch heute würde sie genau deshalb bei allen wichtigen Entscheidungen auf den Rat ihrer Mutter hören, genauso wie sie gerne ihre Kleidung nur zusammen mit ihrer Mutter einkaufe, die sich dann nach wie vor als sehr großzügig erweise.

In der darauf folgenden Nacht träumt Tanja, wie sie am Grab ihre Mutter in einem bunten Blumekleid tanzt. Völlig verstört wacht sie auf. 

Neben den Gefühlen der Verzweiflung hindert uns noch etwas anderes an der Einsicht über unsere Vergangenheit: Wir wollen nicht ablassen von unserem Anspruch auf Wiedergutmachung der schlimmen Kindheitserfahrungen. Unser verletztes Selbstwertgefühl tut sich schwer die Grenzen der (erwachsenen) Realität anzunehmen, zu akzeptieren, dass es die „glückselige Seinsvergessenheit der Kindheit“, das Paradies für uns nicht gab – und auch niemals geben wird. Wir wollen unsere Eltern nicht vom Thron unserer Anerkennung stürzen, denn dann fiele auch unsere Hoffnung auf Wiedergutmachung mit hinunter. So verzeihen wir ihnen, noch bevor die wirkliche Auseinandersetzung begonnen hat. Wie sollten wir auch weiterhin mit ihnen umgehen, wenn wir ihre Schwächen erkennen und die Konflikte offen legen? Am Ende schicken sie uns womöglich weg und dann müssen wir für immer die Hoffnung auf die ersehnte Anerkennung begraben … .

Doch wenn unsere Eltern sich lieblos und schwach verhalten haben, haben wir dann nicht ein Recht wirklich wütend auf sie zu sein, obwohl gerade sie uns unser Leben schenkten, uns (doch irgendwie) großgezogen haben?! Und wenn die eigenen Eltern uns kein starkes Selbstwertgefühl zugestanden haben, waren dann wir Kinder falsch oder unsere Eltern? Die Bibel schreibt: Ehre Vater und Mutter. Aber was ist, wenn sie es nicht verdienen? Dürfen wir unsere Eltern lieben und ihnen gleichzeitig Vorwürfe machen wegen ihres Versagens?
Ja, das dürfen wir! Und dieses „dürfen“ ist begründet mit dem Recht auf Freiheit und Stärke: Wir werden frei, wenn wir unsere Schuldgefühle hinterfragen, denn der Boden unserer Schuldgefühle und unseres mangelnden Selbstwertgefühls sind der Frust und die unterdrückte Wut auf die Schwäche unserer Eltern. Solange wir sie gegen uns selbst richten, werden wir immer weiter die Fehler bei uns selbst suchen, ohne sie beheben zu können.

Wenn wir unsere Eltern mit ihrem Fehlverhalten konfrontieren, reden sie sich meist heraus, behaupten wir würden übertreiben, hätten nichts mitbekommen von belastenden Umständen, wir hätten unser Unglück selbst zu verantworten oder sie seien eigentlich die viel größeren Opfer. Doch Eltern waren immer zuerst da! Sie haben uns geschaffen und nicht umgekehrt.

Es ist für unsere Eltern fast unmöglich, Fehler einzugestehen, die Einsicht zuzulassen, die geliebten Kinder aus der eigenen Schwäche heraus behindert, vernachlässigt und schlecht behandelt zu haben. Die meisten Eltern können diese Verantwortung nicht auf sich nehmen, denn dazu müssten sie sehr stark sein und gerade das waren sie ja nicht, sonst hätten sie sich nicht so falsch verhalten. Die Wahrheit über die Vergangenheit bereitet beiden Seiten viel Schmerz. Deshalb kommen wir oft viel zu schnell überein, dass alles doch nicht so schlimm gewesen sei, dass Psychologen häufig falsch liegen, immer nur alles auf die armen Eltern schieben, ohnehin übertreiben und überhaupt alle erst mal selbst auf die Couch gehören. Letzteres mag sogar stimmen, es hilft uns nur selbst sehr wenig dabei glücklich zu werden. 

Wer je von seinen Eltern gehört hat: „Es tut mir leid. Ich habe mir die größte Mühe gegeben und trotzdem viele Fehler gemacht. Ich wusste es nicht besser, aber heute sehe ich es…“, der weiß, was diese Sätze für eine Wirkung haben können für unseren Seelenfrieden, für unser Selbstwertgefühl und gegen all die Selbstzweifel, die wir so lange mit uns herumgetragen haben. Das Aussprechen dieser Sätze kann bei Kindern und Eltern viel Erlösung, Versöhnung und Verständigung bewirken. Sie machen den eigenen Weg zu einem neuen Selbstbild und einem stabilen Selbstwertgefühl nicht unnötig, aber erleichtern ihn ungemein.

Leider werden die meisten Menschen, die erkennen, welchen Einfluss das unreife Verhalten ihrer Eltern auf ihr Leben und ihr Unglück hatte, diese Sätze niemals zu hören bekommen. Sie müssen selbst ihre Gewissheit finden, dass sie als Kinder vollkommen richtig waren und die Eltern leider zu schwach, das zu erkennen und zu respektieren. Sie müssen sich selbst den Wert einräumen, denen ihnen ihre Eltern versagten und versagen

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Wer ewig strebend sich bemüht … Teil V

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Jörg und Julian und die Frauen (Teil II)

Weihnachten ist vorbei und vor der Tür steht das nächste Jahr. Und auch nach der Winterpause werden 2011 wieder Frauen auf die Jörgs und Julians dieser Welt hereinfallen. Sie werden im besten Fall schimpfen und im schlimmsten Fall gegen sie vor Gericht ziehen, für Gerechtigkeit und Rache und gegen all die “bösen Jungs”. Und all die anderen Jungs und alle besorgten Freundinen und Mütter werden sich fragen: Warum fallen sie (die Frauen) immer wieder auf solche Männer herein?
Der Mensch ist IMMER auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Das ist die Strategie seiner Gene. Doch er braucht die Gruppe zum Überleben. Das erst macht ihn manchmal altruistisch, denn für seine sichere Position in der Gruppe muss er seine Bedürfnisse zügeln, um das eigene Überleben (das größte seiner Bedürfnisse) nicht zu gefährden. Was für einen Vorteil versprechen sich also Frauen von einer Bindung an Jörg und Julian für ihr Leben? Was versprechen sie sich zu bekommen, für das was sie ihnen erst mal bereitwillig, “frei-willig” geben?
Ruhm und Geld. So weit, so einfach: Es soll auf sie abfärben, ohne große eigene Anstrengung ihnen eine gute sichere Position in der Gruppe verschaffen. 
Und doch sind gerade Männer wie Jörg und Julian sehr einfach zu durchschauen. Sie nutzen ihre Ruhm und ihr Geld nur für ihren eigenen Vorteil. Warum sollten sie etwas davon abgeben? Warum hoffen genau das einige Frauen trotzdem? Warum hoffen Menschen von schlechten Menschen Liebe und Fürsorge zu bekommen, obwohl jede Erfahrung (persönliche und öffentliche) dagegen steht? Das ist die Kernfrage jeder verzweifelt gescheiterten Beziehung.
Die Antwort ist komplex und einfach zu gleich: Es ist die Sehnsucht nach Wiedergutmachung, die Sehnsucht von einem Menschen, dessen Art, Verhalten und Charaktermuster wir aus unserer Kindheit, unserer Erfahrung kennen, endlich die Liebe zu bekommen, die uns ein sicheres Überlebensgefühl gibt, Geborgenheit und Anerkennung. (Für alle Betroffenen habe ich das ausführlich im 2. Kapitel meines Buches GESTATTEN: ICH erklärt).
Somit bringt die Klage gegen einen  Jörg und Julian vor Gericht wenig. Die Muster und die falsche Sehnsucht werden so nicht getilgt. Und ihr Freispruch ist genau deshalb sehr wahrscheinlich. Denn hier haben sich letztlich erwachsene Frauen auf erwachsene Männer eingelassen – auch wenn innere Kinder mit ihren Sehnsüchten und narzißtischen Egos die Regie hatten. Auch wenn die Herrn ein “Nein” schwer akzeptieren konnten: Vielleicht wurde es vor lauter enttäuschter Hoffnung viel zu leise gesagt.

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Jörg im Glück

Was haben Jörg Kachelmann und Julian Assange gemeinsam?
Sie benutzen ungern Kondome, bevorzugen Sexspiele und eine erhöhte Varianz bei den Mitspielenden.
Was unterscheidet sie von vielen, vielen anderen Männern?
Die unglückliche Kombination von ausgeprägten Charakterschwächen und erhöhten Gelegenheiten.
Wären wir anders, wenn wir andere Möglichkeiten hätten, wenn uns das Leben offener stünde? Sicher wären wir das. Oft genug träumen wir davon, im Lotto zu gewinnen und finanzielle Freiheit zu genießen. Oder wir hätten gerne Macht, um zu bestimmen, wo es lang geht. Wir wünschen uns auch den Zugang zu Gesellschafstgruppen, die wir selbst als interessant empfinden. Kurz: Wir träumen von einem besseren Leben – wenn, ja wenn wir nur die Möglichkeiten dazu hätten. Viele Menschen versuchen sogar mit großer Anstrengung sich diese Möglichkeiten zu erarbeiten. Was dann passiert, wenn die Träume Realität werden, sieht man am Fall Kachelmann und Co.: Die meisten Menschen nutzen ihre neuen Möglichkeiten (erkämpfte und gewonnene), um schlechtere Menschen zu werden, weil sie jetzt für ihr Ego ein noch größeres Auslaufgehege zur Verfügung haben. Anderen werden unter diesem gesteigerten Joch der Qual der Wahl endgültig depressiv.
Und warum ist das so?
Wir haben im Kathalog der vorgegebenen Erfolgsbilder und offiziellen Glücksversprechen, an dem sich unsere Gesellschaft ausrichtet, die uns von Werbung und Bouleward täglich vorgebetet werden, nur Maßstäbe, die unsere infantilen, egomanen Sehnsüchte befeuern…
Fazit: Lieber Jörg, lieber Julian: Glück ist, wenn man mit seinen Möglichkeiten zufrieden leben lernt!
Und unter uns Frauen: Das mit den J-Namen ist reiner Zufall. Denn noch schlimmer, als die Jungs mit den J-Namen, sind Verschwörungstheoretiker. Aber dazu ein anderes Mal….

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Herzlich Willkommen…

…auf meinem Blog. Hier werde ich immer montags ein paar Überlegungen zum Weltgeschehen anstellen – mit philosophischen und psychologischen Untertönen. Viele der hier verhandelten Gedanken findet man auch in meinen Büchern. Sie sind Versuche unsere so viel beschworenen Werte und Wertungen zu hinterfragen und ihre Bedeutung für unser Selbstverstännis, unsere Selbstbilder und Selbstbewertung klar zu machen. Was finden wir gut, was finden wir schlecht, was macht uns selbst wertvoll, was rechtfertigt unser Leben und gibt ihm Sinn, was verstehen wir unter Glück und was glauben wir dazu zu benötigen? Die Welt, soweit wir sie erfassen können, ist nichts anderes als unsere Vorstellung von ihr. Und deshalb kann man sie ändern.

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