Abschalten

Diese Woche habe ich einen seltsamen interessanten Vorschlag von einem Kollegen gehört, zum Thema Weltverbesserung. Der Mann ist in der Kinder– und Jugendpsychologie tätig und kämpft täglich gegen die Zunahme all der Entwicklungsstörungen auf diesem Gebiet: ADAS, Aggressivität und Unausgeglichenheit. Kinder lernen heute keine gesunde „Reizberuhigung“ mehr, über das Nachahmen des Verhaltens der Eltern, weil diese lieber mit dem Smartphone kommunizieren als mit ihnen. Von klein auf, beim Wickeln, Füttern, Essen, Schulaufgaben machen etc. ist das Gerät der Konkurrent um Aufmerksamkeit. Der Kollege erzählte mir neulich, dass er mehrfach den Satz bei seinen kleinen Patienten gehört habe: Die Mama/ der Papa mag sein Telefon lieber als mich.

So schlug er also vor, nicht das Internet, aber alle sozialen Netzwerke abzuschalten.

Da ich selbst ca. 3 Minuten in der Woche auf Facebook bin, um eben diese Texte hier zu posten und mich sonst auf Tagesschau und Spiegel oder FAS verlasse, die alles Wichtige etwas später erzählen und mit objektiven und zeitlich beruhigten Kommentaren versehen, hätte der Vorschlag keinerlei Konsequenzen für mein Leben. Doch da bin ich wohl eine der wenigen meiner Generation, denn gerade die 35-50 Jährigen sind die schlimmsten Netznutzer, wie eine Studie gerade bewiesen hat.

Was würde mit ihnen allen passieren, wenn es ab morgen, sagen wir viertelnachzwei, kein Intergram, Twitter, Facebook mehr gibt?

Ich glaube, eine Woche lang wären viele Menschen verwirrt. Sie würden ständig nach ihren Geräten greifen, ohne den kleinen erwünschten Belohnungskick zu bekommen? Aber dann würden sie anfangen, wieder „normal“ Kontakt aufzunehmen, zu Menschen, die sie in der analogen Welt kennen, ihnen direkt Mails oder SMSen schicken. Sie würden Nachrichten-Seiten besuchen im Netz und nach dem suchen, was sie interessiert und nicht mehr „futtern“, was ihnen geschickt wird. Vielleicht würden sie sich sogar wieder die Mühe machen und mehr telefonieren (Wahnsinn!).

Es würden keine unsinnigen Challenges mehr geben, wer die knochigsten Hüften hat oder sich mehr Kübel Eiswasser über den Kopf gießt und es würden keine dämlichen Katzenbilder mehr die Weltsicht zum Spassfaktor verblenden und wenn ein YouTube Video lustig wäre, müsste man es weiter mailen, statt zu posten und zu glauben, man stünde damit wie ein Star im Fokus fremder Aufmerksamkeit. Es gäbe keine Internet-Schminke-Mädchen mehr mit Millionen Followern und keine Shitstorms und keine Aufrufe von Rechts oder vom IS. Stalking wäre richtig schwierig und kein Chef könnte mehr die peinlichen Sauffotos von vor 10 Jahren recherchieren. Kein Mittagessen würde mehr sinnlos kalt, weil es erst fotografiert und gepostet wird und kein Kind würde mehr von seiner selbstherrlichen Mutter der Internetgemeinde vorgeführt. Man müsste den Beziehungsstatus wieder vorsichtig erfragen und nie wieder würde einem jemand schreiben „Isch find disch geil!“

Was würde uns fehlen? Mir fällt nichts ein.

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