Birnen-Dämmerung

Vor einigen Jahren musste ich die Beerdigung einer Verwandten mitorganisieren. Ich war erstaunt, als die Pfarrerin auch nach den schlechten Seiten der toten Person fragte. Sie sei selbst schon auf Beerdigungen gewesen, wo sie glaubte, sie sei auf dem falschen Begräbnis, da der gelobhudelte Inhalt der Trauerreden ungefähr das Gegenteil gewesen wäre, von dem, was die tote Person ausgemacht hätte.

Mir ging es diese Woche so beim Begräbnis von Helmut Kohl: Der patriarchalen, selbstherrlichen „pfälzer Birne“ meiner Jugend. Ich weiß noch, wie unerträglich es für mich als 19-Jährige war, dass diesem Idioten, der für alles stand, was ich im jugendlichen Eifer ablehnte, die deutsche Einheit zufiel (zumal meine Familie von Teilung und Einheit Deutschlands sehr betroffen war). Auch jeder meiner Freunde wusste: Der eigentliche Impuls kam aus der Sowjetunion, Kohl musste nur „ja, ich will“ sagen. Und dafür wird er bis heute gefeiert, geehrt. Während der Rest seiner Untaten, Verrat am deutschen Rechtssystem (in der Spendenaffäre), sein kränkbares kleinbürgerliches Denken und Verhalten und seine Ehefrauen (die eine hat er mit Rücksichtslosigkeit und Lieblosigkeit in den Tod getrieben, im selbstsüchtig-narzisstischen Verhalten der anderen findet man Kohls Charakter bestätigt) unter den Tisch gekehrt werden.

Man soll über Tote nicht schlecht reden, denn sie können sich nicht wehren. Diesen Satz fand ich immer schon seltsam. Zum einen hätten sie sich ja zu Lebzeiten wehren und ändern können, denn die Vorwürfe gegen Tote sind niemals neu. Zum anderen können wir alle etwas daraus lernen: Am Ende bleibt die Erinnerung an den guten oder schlechten Charakter. Was in Erinnerungen an Menschen im Fokus steht, ist ja (gerechter und wahrhaftiger Weise), nicht der Erfolg, Geld, Macht. Es ist der Mensch, sein Verhalten, unsere Meinung über die Qualität seines Alltagsdaseins. Und das Schlimmste ist wohl, wenn es bis zum Grab hin arge Streitigkeiten gibt, aus den vom Toten verursachten alten Verletzungen heraus. Wer nicht will, dass alle denken: „Endlich ist er unter der Erde“, der sollte zu Lebzeiten was dagegen unternehmen.

Der Begriff „streitbar“ ist auf Beerdigungen ein einheitliches Wort für das schwierige, rücksichtslose, unbelehrbare Verhalten des Toten im Leben. Das hat mir die Pfarrerin damals erklärt. Ich hoffe auf meiner Beerdigung redet man über meine rasende Wut, wenn ich glaube Menschen würden aus Feigheit und Schwäche anderen (mir) Leid zufügen, meiner tiefen unverhältnismäßigen Verachtung für Dünnbrettbohrer und patriarchales Gehabe, meinen völlig überzogenen Glauben an die Wissenschaft und was sie zu leisten vermag, gepaart mit der bedenklichen Wut auf Religion, besonders die katholische. Aber man möge bitte niemals sagen, ich wäre streitbar.

Kohl wird für mich immer die birnenförmige Strichzeichnung sein, auf dem Autoaufkleber eines Freundes. In diesem Cartoon hielt sich der Altkanzler ein Bügeleisen ans Ohr und in der Sprechblase war zu lesen: „Hier Kohl“. Am Ende bleibt eben immer der Charakter.

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