Die ewige Wiederkehr des Gleichen

Nietzsche sprach von der „ewigen Wiederkehr des Gleichen“: In der Geschichte der Menschheit sind immer wieder Grundmuster des Verhaltens aufgetaucht, die anscheinend viel mit unserer psycho-somatischen Natur, den Kernphänomenen des Menschseins zu tun haben. Immer wieder versuchen wir z.B. Paradiese zu erreichen, wir versuchen unsere Sterblichkeit zu überwinden, mit verschiedenen Mitteln jung und schön oder heldenhaft und stark zu werden oder zu wirken. Wir häufen Besitz an, wenn wir können, schon im Mittelalter hatte jeder Bauer und Handwerker mit wirtschaftlichem Erfolg, Truhen voller Kleider und Luxusgegenständen (der Besitz von vielen Status-Artikel ist keine Erfindung der Neuzeit, sondern eine der psycho-somatischen Evolution). Und wir werten andere Menschengruppen/Völker gerne ab, geben ihnen die Schuld an allem Übel, während unsere Lebensweise die bessere und uns zustehende ist, der wahre Fortschritt.

So passiert, im Sinne der ewigen Wiederkehr des Gleichen menschlicher Natur gerade, was den sogenannten indigenen Völkern in Zeiten der Kolonialisierung schon passiert ist: Wir werden aus einem analogen Leben in ein digitales umerzogen – angeblich zu unserem Besten, angeblich im Sinne der Zivilisation. Es wird uns erzählt (von Menschen die damit viel Geld verdienen), wir wären bisher analoge Wilde in veralteten sozialen Strukturen gewesen, digital-unzivilisiert und alles würde in Zukunft besser, weil das so sein muss, weil das der Fortschritt ist, die zukünftige Zivilisation, unabwendbar.

Heute sind, nach 300 Jahren der Ausbeutung, Umerziehung, Abwertung, Enteignung und Verknechtung der indigenen Völker, ihre „traditionellen Lebensweisen“ unter Artenschutz gestellt. Sie dürfen wieder leben wie ihre Vorfahren – aber natürlich auch nur noch wie im Museum ihrer eigenen Kultur. Wir bewundern ihren Einklang mit der Natur, ihr Wissen um Überlebenspraktiken und natürliche Zusammenhänge. Wir bewundern ihr inneres Gleichgewicht, ihre Selbstverständlichkeit gegenüber Leben und Tod, soziales Miteinander. Wir haben aus heutiger Sicht ein schlechtes Gewissen, wegen der Arroganz unserer westlichen Kultur und all dem Unrecht, das diese Hybris mit sich gebracht hat.

Vielleicht werden die Menschen in 100 Jahren kopfschüttelnd oder mit Wehmut und lächelnd über so viel Naivität zurückblicken, auf den Beginn des Jahrtausends, auf die Zeit, als Gesichtserkennung durch Überwachungskameras, Datenchips unter der Haut, die Abschaffung des Bargelds und die Totalvernetzung des Lebens ihren Anfang nahmen: Die vielen großen Versprechen der Digitalisierung und Vernetzung werden, wie das Versprechen von der unsinkbaren Titanic, dann als Größenwahn bekannt sein, als Peinlichkeit der menschlichen Natur, die wieder mal glaubte, ihr stünde das Himmelreich zu.

Vielleicht sind dann die Mahner und die, die damals (also jetzt) schon wussten, dass diese totale Digitalisierung, die Umrechnung des Menschen in kontrollierbare Daten, auch nicht das wirkliche Glück und irgendeinen wirklichen Fortschritt bedeuteten, keine ewigen Pessimisten mehr, sondern Menschenkenner (so wie vor 100 Jahren Kurt Tucholsky und Sigmund Freud oder eben Nietzsche). Vielleicht wird dann der freie Wille, der gemäßigte und durchdachte Gebrauch der neuen Technik propagiert, nach all dem Leid, den uns die Kolonialherren aus dem Silicon Valley zugefügt haben.

Sicher ist: Der Mensch bleibt der Mensch – oder er ist eben kein Mensch mehr. Wir brauchen soziale Verbundenheit und Anerkennung. Wir brauchen Perspektiven und Gerechtigkeit. Der einzige wahre Fortschritt war bisher deshalb die Gleichstellung der Frauen und die Anerkennung der Kindheit als wichtige Entwicklungsphase. Beides wurde möglich durch Maschinen, die Gerechtigkeit herstellten, weil sie Muskelkraft überwanden. Heute gibt es viel Ungerechtigkeit zwischen den Völkern. Nur hier könnte die Digitalisierung für wirklichen Fortschritt sorgen. Doch dazu wird, gemäß der ewigen Wiederkehr des Gleichen, wohl erstmal Leid entstehen, das dem zweier Weltkriege entspricht, dem ewigen Versuch entsprungen, den Fortschritt der Maschinen erstmal für den Größenwahn und nicht im Sinne des banalen besseren sozialen Lebens und mehr Gerechtigkeit zu verwenden.

 

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