Digital genial?

Bisher habe ich mich beim Thema Digitalisierung vor allem mit dem Datenschutz und Fremdbestimmung der User durch ihre Datenanalyse auseinandergesetzt. Es gab Versuche, meine Web-Seite zu häcken, denn ich hatte versäumt diese up-zu-daten. Ich beschäftige mich nicht gerne mit sowas, aber heute kann diese Nachlässigkeit bzw. der Protest gegen den „Internet-Stress“ lebenseinschränkende Folgen haben (so konnte ich jetzt 3 Wochen meinen Blog nicht schreiben). Wir haben also ein digitales Leben und müssen uns darum kümmern. Und angeblich bedeutet das ja auch unsere Zukunft und irgedwann wird dann ja durch die Digitalisierung alles besser. 

Doch jetzt bin ich auf erschreckende neue Daten gestoßen, wissenschaftlich hochseriös, psychologisch eigentlich nicht überraschend. Aber für unsere Zukunft und unsere Hoffnung auf die Digitalisierung, die alle Probleme lösen soll, absolut bedenklich:  

Das Forschungsprojekt „Digitalisierung und sozial-ökologische Transformation“ der TU Berlin hat, in Zusammenarbeit mit dem Institut für ökologische Wirtschaftsforschung, 2018 das erst Mal die Umweltfakten zur Digitalisierung vorgelegt. (Sie sind in dem Buch von Tilman Santarius und Steffen Lange: „Smarte grüne Welt – Digitalisierung zwischen Überwachung, Konsum und Nachhaltigkeit“, ab nächste Woche nachzulesen.)

Die Studie der TU belegt, dass die Digitalisierung ihr versprochenes und existentiell notwendiges Ziel, den öko-sozialen Wandel des Wirtschaftslebens, nicht erfüllt: Die Zustände werden durch die Digitalisierung nur massiv verschlimmert. Die Digitalisierung versöhnt nicht Ökonomie und Ökologie, schont nicht Ressourcen, sondern fördert den Stromhunger in allen digital unterstützen Lebensbereichen (von Kommunikation bis Banktransfer, Datenspeicher für Filme, Bilder, Dokumente und als besonders schlimmes Strommonster, die digitale Währung).  

Die Digitalisierung ist für Wirtschaft und Politik in erster Linie ein Wachstumsmotor. Allein das „Internet der Dinge“ oder eine effizientere Kommunikationstechnik wird nicht sparsamer produzieren, sondern zu Ungunsten der Umwelt. Der Aufbau neuer Infrastruktur und das gesteigerte Konsumverhalten zerstören unseren Planeten noch schneller, als je zuvor (jenseits vom Thema Arbeitsmarkt und Datenschutz, die bisher im Fokus der Diskussionen stehen). Mit der Produktion von immer neuen Buchlesegeräten, iPads, Smartphones und digitalen Brillen, die ständig als Statussymbole neu gekauft werden, übersteigt der Ressourcen und Energieverbrauch jede Einsparung um ein Vielfaches: Das Wirtschaftswachstum hat großes Interesse daran – auf Kosten der Umwelt.  

Alles Geld, was Menschen im Netz einsparen oder mit dem Netz und den davon profitierenden Firmen immer mehr verdienen, stecken sie in: neuen Konsum (angeheizt durch immer geschickteres Marketing). Dazu kommt, dass Kleidung und andere Produkte immer schneller, zugunsten neuer Dinge, entsorgt werden. Und diese Entwicklung wird, durch alle Einsparungen und mehr Effizienz mithilfe der Digitalisierung, nicht nennenswert aufgehalten. Allein unser Filmkonsum wird, durch die neue 3D-Technik, erneut um das 40fache Energie verbrauchen (heute schon entfallen darauf 70% des Datenaufkommens und des digitalen Stromverbrauchs).

Auch die erneuerbare Energie ist nicht unendlich erweiterbar, da Stahl und seltene Erden, genauso wie Lebensraum für seine Gewinnung, begrenz sind.

Die vielgepriesene effizientere Mobilität, als Lieblingsprojet der IT-Propheten, vermeidet darüber hinaus kein Verkehrsaufkommen, sondern steigert noch die Auslastung der Verkehrsmittel: Auch hier ist nur, mit all der schönen neuen Technik, ein Anstieg von Individualverkehr, Güterverkehr und entsprechender Infrastruktur und Ressourcenverschwendung geplant (und wird vielfach politisch unterstützt). Selbstfahrende Autos sollen den Privatwagen-Markt beleben, nicht vermeiden!

Der Rebound-Effekt zeigt sich auch jenseits der Ökologie und des Wirtschaftswachstums , in unserem Leben: Wir sparen mit der Digitalisierung Zeit, machen Überweisungen und Urlaubsbuchungen etc. in der U-Bahn – und investieren die gesparte Zeit nicht in Ruhe und Erholung. Wir verwenden sie für stressige Aktivitäten und weiteren Konsum, für die Kommunikation mit noch mehr Menschen, eine umfangreiche Selbstdarstellung (die ständig erneuert werden muss) und Informationen, die wir so schnell wie möglich wissen wollen, ohne sie sinnvoll für unser Leben zu nutzen. Der Kapitalismus ist auch hier spitzfindig, um die aus Effizienz gewonnene Kapazität sofort wieder für sich zu reklamieren. Ein aufgeklärtes verantwortungsvolles Leben, findet trotz all der alternativen Informationen im Netz, nur in Nischen statt, die kaum Wachstum erfahren (Carsharing, Teil- und Tauschsysteme, nachhaltige Produkte), da sie nur in privater Eigenverantwortung und gegen Politik, Industrie und den Mainstream entstehen.

Demnach ist meine gehäckte Internet-Seite nicht mein größtes Problem. Auswege liegen – wie immer – in unserer Vernunft, die leider wenig Macht über unseren Narzissmus, unseren inneren Schweinehund hat.

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