Diskursive Hilflosigkeit

Überall werden gerade „diskursive Räume“ gefordert: Zum Austausch, für die freie Rede, für den demokratischen Diskurs, gegen den Hass – sprich: gegen die aufkommende AfD. Das Problem dabei ist ein vollkommenes psychologisches Unverständnis diese Wählerschaft, dem man versucht, mit geisteswissenschaftlicher Ratio und der Macht des Wortes beizukommen. Diese Überschätzung der Worte und unserer Ratio, also unserer vernünftigen Einsicht, weist auf ein anhaltendes falsches idealistisches Menschenmodell hin und auf latente Selbstüberschätzung der Bildungs-Eliten.

Sicher können Worte verletzen und heilen – wobei das eine sehr schnell geht und das andere sehr lange dauert. Und dabei sind es eben nicht die Worte, die unsere Existenz bestimmen (wir waren lange vor unseren Worten da), sondern unsere Gefühle, die immer um unseren Selbstwert kreisen, um unsere Stellung in der Gruppe, unser Ansehen, unsere (Über-)Lebens-Wichtigkeit. Unser Selbstwertgefühl steht hinter all unserer Wahrnehmung der Welt, es ist der Grund für unser Verhalten und Wahlverhalten. Es ist die Grundlage aller Worte. Wenn wir das Selbstbild und Selbstwertgefühl der AfD-Wähler nicht verstehen (wollen), sind „diskursive Räume“ und jede Aufforderung, den Hass fallen zu lassen, nur lächerlich oder sogar Öl ins Feuer.

Die AfD-Wähler sind wütend, weil sie nicht bekommen, was man ihnen versprochen hat: Wohlstand, Wachstum, „einfach so“. Es sind Menschen, die darauf warten, dass die „anderen“ (die Regierung, die Reichen, die Politik) ihnen endlich das geben, was sie erwarten. Es ist eine zutiefst infantil narzisstische Haltung, die die Wählerschaft der AfD ausmacht. Und es ist psychologisch nicht verwunderlich, dass das im Osten, wo 30 Jahre der Staat alles bestimmt hat und selbständiges Denken nicht erwünscht war, so stark verbreitet ist. Sie sind gekränkt, die AfD-Wähler, und mittlerweile merken sie auch, niemand braucht sie mehr, die Welt mit ihren wachsenden existentiellen Problemen nimmt immer weniger Rücksicht auf Menschen, die sich nicht selbst helfen wollen oder können. Ihre Arbeitskraft wird durch Maschinen ersetzt; ihre passive Erwartungseinstellung passt nicht zu all den wachsenden globalen Anforderungen. Wer zukünftig seinen Wohlstand auch nur erhalten will, muss sich richtig anstrengen. Von wachsendem Wohlstand ist längst schon keine Rede mehr.

Letztlich gibt es keine Lösung für all die Menschen, die mit schlechter Ausbildung und mangelnder Eigeninitiative nicht mehr gebraucht werden, von unserer Wirtschaft, deren Fähigkeiten von Maschinen übernommen werden, deren Genörgel und Versorgungsansprüche nicht mehr erfüllt werden können. Sie werden zwar gefährlich, wenn sie, wie in den USA, nur 2 Parteien wählen dürfen und eine davon von nazi-ähnlichen Denkweisen angeführt wird. Ansonsten gibt es keine politische Antwort auf das Problem diese Wählerschaft und man lässt sie wohl auch in Zukunft bei ihren 13-20% herumdümpeln, schließt sie aus, von jeder Entscheidungsgewalt. Die junge nachwachsende Generation wächst mittlerweile heran, im Bewusstsein sich anstrengen zu müssen, nichts mehr erwarten zu dürfen. Wer das nicht schafft, wählt auch in jungen Jahren bald AfD, aber es sind vorwiegend die älteren Männer, die noch anders geprägt, gekränkt und ohne Perspektive als Wutbürger noch ein bisschen Macht spüren: wenigstens die „Bestimmer“ mit ihren albernen Aufforderungen zum Dialog können sie abstrafen und treffen. Die Politik wartet wie Jahrzehnte bei den Arbeitslosenzahlen, darauf, dass sich das Problem durch den demographischen Wandel von alleine löst. „Diskursive Räume“ sind hierbei nur Feigenblätter für die eigene intellektuelle rechtschaffene Überlegenheit.

 

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