Ent-Täuschung

Diese Woche hat mir ein schwuler Freund geantwortet, dem ich zur neuen Möglichkeit der Eheschließung gratulierte: „Ist wirklich gerechter, warum sollt nur ihr Heteros in Ehen leiden müssen!“

Nichts ist wohl so überfrachtet mit Erwartung und Enttäuschung wie Eheschließungen, nichts führt uns Menschen so an den Rand der Irrationalität und des infantilen Narzissmus, wie die Hoffnung auf totales Glück, für immer durch jemand anderen verantwortet– und der zwangsläufige Realitätsabgleich. Nur die Wahl des amerikanischen Präsidenten ist vielleicht ähnlich regelmäßig mit horrender Enttäuschung auf übermäßige Zukunftsphantasien verbunden.

Fast 50% der Ehen scheitern. Doch was ist eigentlich mit den anderen 50%? Angeblich sind es die glücklichsten, die es je gab: Befreit von Zwang der Versorgung und materiellen Abhängigkeit, bereichert mit zahlreichen Urlauben und Bequemlichkeiten, von denen keine Generation vorher je auch nur zu träumen wagte. Aber wieso gehen dann trotzdem 50% unter? Reicht denen selbst diese Luxusrealität nicht?

Gerade wenn es um Beziehungen geht, um Scheidungen und Trennungen, wird das ganze Potential des narzisstischen Irrsinns, das wir Menschen verzapfen, alltäglich sichtbar. Es schwelt hier immer schon unter der Oberfläche. Doch heute wird es auch darüber hinaus zunehmend ungehemmt ausgelebt: Schließlich macht der Präsident der USA es vor. Vorstellung und Wirklichkeit, Traum und Erwartung scheinen immer deutlicher an vielen Stellen unseres Lebens auseinander zu fallen. Angeblich sind nur noch 1-2 Personen von 20 wirklich sozialkompatibel und gesund arbeitsfähig in den Unternehmen. Der Rest lebt dort seine Neurosen, Minderwertigkeitskomplexe und Größenwahnvorstellungen aus. Das war bei G20 diese Woche nicht anders.

Wohin führt all unser Kampf um mehr Gerechtigkeit und Freiheit und Gleichheit, um Wohlstand und Sicherheit, wenn der Irrsinn parallel zunimmt, Beziehungsfähigkeit und gesunder Menschenverstand immer seltener scheint? Da schaffen wir die Diskriminierung an einer Stelle ab, entmachten die Reste der irrsinnigen Weltmacht Kirche und schauen doch völlig hilflos dem Machtmissbrauch des Kapitalismus zu, der gerade wohl seinen Höhepunkt erreicht. Da kommen sie zusammen, die Staatschefs: Ein paar Hoffnungsträger und viele schlimme Narzissten, auch auf der Seite der Demonstranten. Und wahrscheinlich wird es wieder 500 Jahre dauern (wie nach dem Ablasshandel als Spitze des Machmissbrauchs der Kirche), bis wir die letzten Ungerechtigkeiten des Kapitalismus mit seinen Paradiesversprechen beseitigen, während dann schon wieder ein ganz anderer Irrsinn tobt, der mal als Hoffnung begonnen hat.

Oder sehen wir das alles nur so schlimm, weil wir von unserem Idealismus, wie die Menschheit zu sein hat, ständig enttäuscht werden? Haben wir ständig viel zu große Erwartungen an unsere kurzzeitige Verbindung mit der Lebensrealität, die aufgrund unserer banalen narzisstischen Natur zwangsläufig enttäuscht werden müssen?

Doch würde sonst jemand sich auf das Leben und die Ehe einlassen? Hoffnung und Enttäuschung, mehr gibt es wohl nicht. Das Leben, Homo-Ehen und G20 Gipfel, wie sie sein sollten, aber nie sein können: Wir sollten endlich unsere Erwartungen an uns selbst, den Menschen, runter schrauben. Als angebliche Verstandeswesen sind wir echt ein Witz – leider kein sehr lustiger.

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