Erdogan und die Milchkühe

Diese Woche hat Recep Erdogan holländische Milchkühe abgeschoben, heim in die EU. „Die erste Gruppe Holsteiner ist verladen und wird zurückgeschickt“, hat der türkische Verband der Viehproduzenten verlauten lassen.Vielleicht droht Erdogan demnächst: Noch eine Wahlverbot irgendwo in der EU und ich komme in den Hausflur des Europaparlaments und schrei Sau!

Infantiler Narzissmus nennt man das in der Psychologie, der Volksmund nennt es Kindereien. Doch selbst als Psychologin fragt man sich unwillkürlich: Will er die totale Macht über ein Volk von vorwiegend humorlosen Deppen?

Da hilft nur beinharte, existentielle Philosophie:

„Alle Revolutionen haben bisher nur eines bewiesen, nämlich, dass sich vieles ändern lässt, bloß nicht die Menschen“, hat Karl Marx gesagt. Und der realexistierende Sozialismus hat es dann, leider und für alle Utopisten nicht nachhaltig genug, geltungslogisch bewiesen. Dabei wusste man um die Zeitlosigkeit unseres Narzissmus als Kernphänomen des Menschen seit der Aufklärung: „Das ganz Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen“, brachte es Blaise Pascal auf den Punkt der uns möglichen wirklichen Wahrheit.

Albert Camus drückt es in der Moderne, jenseits zweier technisch hochgerüsteter Weltkriege, gleich zu Beginn seines Buches „Der Mythos des Sisyphos“ nicht viel positiver aus: „Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Sich entscheiden, ob das Leben es wert ist, gelebt zu werden oder nicht, heisst auf die Grundfrage der Philosophie antworten.“ Immerhin: Sisyphos ist für Camus trotzdem ein glücklicher Mensch, denn sein Schicksal gehört ihm. Er allein kann als Wissender seiner Existenz wählen, ob und wie und welchen Stein er rauf und runter rollen will – im Gewahrsein der Sinnlosigkeit seines narzisstischen Strebens.

In der Idee vom „letzten Menschen“ hatte dann Nietzsche beschrieben was folgt, wenn man den Glaubens an etwas Höheres als ewige narzisstische Utopie überwindet, das menschliche Leben in seiner Sinnlosigkeit lebt, wie es am friedlichsten und leidlosesten möglich ist. Er beschreibt eine Gesellschaft, „wo der Mensch nicht mehr den Pfeil seiner Sehnsucht über den Mensch hinaus wirft, und die Sehne seines Bogens verlernt hat, zu schwirren!“ Diese Welt ohne Spannungen ist die Welt der “letzten Menschen“: Sie wollen weder regieren noch gehorchen. Nur ein gelegentliches Zanken bei baldiger Versöhnung ist wahrzunehmen, denn „sonst verdirbt es den Magen“. Sie haben „ihr Lüstchen für den Tag und für die Nacht“, liegen in der Sonne und blinzeln und sagen: „Wir haben das Glück erfunden.“

Aber Milchkühe heim schicken geht natürlich auch.

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.