Freiheit heute

Freiheit ist ein zentraler Begriff in der Geschichte der Menschheit, bis in die Gegenwart hinein. Die Selbstgestaltung des Lebens in der Gemeinschaft und gegenüber der Natur ist das, was uns Menschen weitestgehend abhebt, vom Rest der Lebewesen. Und trotzdem reicht unsere Freiheit und Selbstbestimmung nie so weit, wie wir es, aufgrund der narzisstischen Natur unseres Bewusstseins, gerne hätten.

All unsere großen aktuellen Probleme kreisen daher auch um das Thema Freiheit. Doch häufig wird ihr Inhalt nicht definiert, ist ihre Abgrenzung schwammig und pauschal, wird die Freiheit als emotional aufgeladenes „Schlagwort“ verwendet. Regierungen streiten um Handelsfreiheit, Reisefreiheit, Entfaltungsfreiheit (die wir anscheinend doch nicht allen Menschen gleich zugestehen wollen und können). Wir verteidigen unsere „Freiheit der westlichen Lebenskultur“ gegen Islamismus und Terroristen. Wir unterwerfen uns, zum Schutz unserer Freiheit, zunehmender Überwachung oder Bündnissen mit Diktatoren, die ihrem eigenen Volk keine politische Freiheit zugestehen (China, Türkei etc.). Wir werden durch die Digitalisierung durchleuchtet, berechenbar, manipulierbar. Unsere privatesten Daten gelangen an Orte, von denen wir nichts wissen, werden von Konzernen und Geheimdiensten ausgewertet, die dann gezielt versuchen, unsere Freiheit, zugunsten ihres Erfolges, zu unterwandern. Die Produktion der Waren orientiert sich immer stärker am Mainstream der Konsumentenwünsche und schränkt die Wahlfreiheit dadurch ein: Es wird nur noch produziert, was den Geschmack der Masse trifft. Gleichzeitig überfordert die freie Wahl in der riesigen Konsumwelt viele Menschen.

Die ständig weiter zunehmende Masse an Werbebildern und geschönten „Lebenszeugnissen“ in den sozialen Netzwerken, geben stets vor, ein angeblich „freies“ Leben zu führen und folgen doch nur einem ästhetischen Standard (weiße Strände, Partys auf teuren Dachterrassen mit schönen jungen enschen, perfekte Natur, kühle Lifestyl-Getränken in der Hand). Der zunehmende Widerspruch fördert gezielt fremdbestimmende Sehnsüchte. Gleichzeitig wird unsere Arbeitskraft minderwertig, überflüssig und unsere Wahlmöglichkeiten werden dadurch eingeschränkt.

Durch „Nuddging“ versucht uns die Politik mittlerweile zu besseren Verhaltensweisen zu drängen: Um das bisherige Wohlstands-System zu erhalten, werden unsere Freiheiten subtil vom Staat beschnitten. Big Brother entscheidet, was das Beste für uns ist (pünktlich Steuern zahlen, weniger Energie verbrauchen, nicht Rauchen, gesünder Essen, mehr Bewegung etc.). Denn weder Wissenschaft, Wirtschaft oder Politik trauen den Menschen heute noch eine vernünftige, selbstbestimmte, eigenständige Verwaltung ihrer Freiheit zu. Doch diese neue Sicht auf den (zunehmend) fremdbestimmten Menschen und seine unbewussten Verhaltensautomatismen wird nicht öffentlich und frei zur Debatte gestellt. Stattdessen wird das Bild von der determinierten Biomaschine Mensch immer weiter manifestiert, mit dem Versprechen, ihn reibungslos und besser zu verwalten.

Auf der anderen Seite bedroht die zunehmende Verunsicherung und Wut die innere und äußere Freiheit vieler Menschen, „flutet“ unsere Weltsicht und bedroht unsere demokratischen Werte. Unsere Sozialsysteme, Krankenversicherung, Schulbildung zerfallen in unterschiedliche Standards, der drohende Abstieg wird greifbar. Angst – dieses dominante psycho-somatische Gefühl – schränkt Erkenntnisfähigkeit und Sozialkompetenz ein. Angst wird größer, dominanter, fremdbestimmender, je unreifer unsere Selbststrukturen, unsere Möglichkeiten der eigenständigen „Reizberuhigung“ dieser Basisemotion sind.

Angst ist aber kein atomistischer pauschaler Warnmechanismus. Sie erklärt sich nicht durch ihr bloßes Auftreten, ihre Benennung, wie es in der akademischen Psychologie üblich ist (s.o.). Sie ist immer eingebunden in ein komplexes System des psycho-somatischen Selbstwertgefühls, in eine kulturelle Werteordnung. So wie es kulturell unterschiedlich ist, wofür wir uns schämen, ist es auch unterschiedlich, wovor wir und wie stark wir Angst haben – und wie wir mit dieser Angst umgehen.

Viele Menschen nehmen Freiheit vor lauter Angst, Unsicherheit und Orientierungslosigkeit nur noch als abstrakten Begriff wahr, als Norm, ohne konkreten Inhalt oder als Privileg der Eliten. Doch auch schlanke, erfolgreiche und gut gekleidete Menschen, mit perfekten Partnern und Traum-Familien, haben immer stärker den Gedanken: Will ICH das wirklich? Kommt da noch was (jenseits der ewigen Leistungssteigerung)? Bestimme ich mein perfektes Leben überhaupt selbst?

Freiheit ist ein psycho-somatische Komponente in der menschlichen Überlebensstrategie. Unser Überlebenswillen als (teilweise) Selbstbestimmung ist von Anfang an unserem menschlichen Dasein immanent: Unser Bewusstsein gebiert unseren Narzissmus und ist Freiheit und Unfreiheit zugleich.

Die prinzipielle „Angebundenheit“ an unsere körperlich-psychische, evolutionierte Existenz begrenzt unsere Möglichkeiten, auch wenn wir diese Möglichkeiten durch Erkenntnisse, Erfindungen und persönliche Selbstwirksamkeit erweitern können. Um diese Möglichkeiten der Freiheit individuell auszuschöpfen und selbstbestimmt umzusetzen, muss unser narzisstischer Lebenstrieb durch die heranwachsenden Selbststrukturen eine Reizregulierung und Reifung entwickeln: Genau hier liegt die von vielen Menschen empfundene Dissonanz, zwischen Erkennen und Handeln. Diese Dissonanz zwischen Wissen, Wollen und Können ist der geltungslogische Kern der Willensfreiheit.

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