Gute Nachsätze

40% der Berufstätigen wollen kürzer arbeiten. Für viele ist es ein Vorsatz fürs neue Jahr. Mehrere Studien haben ergeben, dass 4 Stunden Arbeit am Tag die höchste Produktivitätsrate haben.

In seinem Essay „Lob des Müßiggangs“ beschwor der Philosoph und Mathematiker Bertrand Russel bereits 1935: „Der Weg zu Glück und Wohlfahrt liegt in einer organisierten Arbeitsbeschränkung.“ Sie erlaube angeblich, dass sich der Mensch mit hehren Dingen beschäftige wie Malerei, Literatur, Forschung und Kunst. Russel, der schon versucht hatte, letztgültige Formeln der Mathematik zu beschwören und daran scheiterte, dass diese immer nur selbstbezüglich und weltfremd um sich selbst kreisten, irrte auch in seinem Plan, die Menschen mit 20 Stunden Arbeit die Woche glücklicher zu machen. (Denn Russel war Positivist, rechnete sich die Welt schön, ohne selbstkritisch gerade in dieser Hybris, das prinzipielle Scheitern jeder Utopie an sich selbst zu erkennen.)

Denn jede utopische Schönrechnerei wird an der Psyche und Lebenswirklichkeit des Menschen und seiner narzisstischen Veranlagung scheitern. Zum einen (und Wichtigsten) stellen sich viele Menschen mehr Freizeit schön vor – und wüssten sie nach spätestens 6 Wochen nicht mehr selbständig zu füllen. Fernseh- und Internetsucht werde die Leere füllen, die die Mühe und das mangelnde Interesse an Literatur und Kunst, dass bei den meisten Menschen realistisch gesehen vorherrscht, hinterlässt. Kunst und Kultur gehören zum typischen Statusblabla und gehen meist über ein Musical und den Restaurantbesuch nicht hinaus. Die realen Zahlen der Theater- und Museumsbesuche und verkauften und gelesenen Bücher, im Verhältnis zur Bevölkerung, lassen da kein Zweifel zu. Der Rest ist Langeweile, sinnloser Konsum und Status-Verlustängste.

Außerdem ist „die Arbeitsmenge“ eine Scheingröße. Sonst wären die massiven Reduzierungen von Arbeitsplätzen in Firmen, zur Kostenersparnis, in den letzten Jahren kaum möglich gewesen. Man braucht für die Arbeit genau die Zeit, die einem dafür vorgegeben wird. Und wer die Arbeit in 20 Stunden macht, statt in 40, oder wer sich Stellen teilt, verdient eben auch nur die Hälfte.

Doch der weit größere Irrtum ist die – schon im Kommunismus und gerade in der Utopie vom bedingungslosen Grundeinkommen – immer wieder auftauchende Annahme: Der größte Teil der Menschen hätte die Fähigkeit zu echten Selbstverwirklichung, ohne narzisstische und neurotische Kompensation. Denn „der Mensch“ wird nur zur Hälfte von außen geknechtet und in seiner Freiheit von fremden Mächten beschränkt. Die andere Hälfte seiner Freiheit und seines Glücks verdirbt er sich selbst, mit seinen Ängsten und Eitelkeiten, seinem Geltungsdrang und Egoismus und seiner Sehnsucht, irgendwann,würde für ihn alles gut und das Paradies auf Erden wäre für ihn machbar. Vor allem scheitern wir nämlich an unseren Erwartungen. In diesem Sinne: Einen guten Rutsch ohne gute Vorsätze.

 

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