Ich, Mensch

Wir Menschen sind verletzlich. Wenn man unsere Kinder bedroht oder sogar tötet, unsere selbstverständliche Sicherheit angreift, unser Wohlstand gefährdet scheint, sind wir schnell verunsichert. Doch was wäre gewonnen, wenn es nicht so wäre? Wir sind dieser Tage wieder mal gekränkt, erschüttert, erinnert, an unsere Sterblichkeit und an die Zerbrechlichkeit demokratischer Freiheiten und Selbstsicherheiten. Wir wollen dagegen auf „die Barrikaden“ gehen, denken uns: Das kann ja wohl nicht wahr sein, dass Fremde oder Andersdenkende oder andersdenkende Fremde uns in unserem Selbstverständnis des guten Lebens angreifen.

Ich habe bis diese Woche den Namen Ariana Grande noch nie gehört. Sie hat 100 Millionen (in Worten Einhundert Millionen) Follower auf Instagram, 7 Milliarden! Mal wurde ihre Videos geklickt. Sie ist damit Nummer 2 weltweit, in der absoluten, globalen Werteskala unserer Zeit: Aufmerksamkeit im Internet. Sie verkörpert in ihren Bildern das Maximum an Sexyness, das perfekt inszenierte Leben. Millionen von sehr jungen Menschen, Kindern, nehmen sich das als Vorbild.

So ungefähr das Gleiche kann man von den inszenierten Bilder des IS sagen: Männliche Sexyness, Heroentum in schwarz, Männer, die sich als Sieger mit göttlichem Auftrag bebildern und viele viele Bewunderter finden. Auch wenn es nicht an einer Person fest zu machen ist, geht es hier wie da um Sehnsucht, Image, das totale Paradies der Anerkennung: Narzissmus in seiner reinsten Form.

Junge Leute probieren diese Rollen ihrer Vorbilder, die ihnen einen tollen Platz in der Gemeinschaft, Anerkennung und ein tolles Leben versprechen, in Gedanken und Träumen aus. Das ist normal. Und es interessiert mich nicht (außer vielleicht als entwicklungspsychologisches Merkmal).

Es interessiert mich aber, dass jede Art von Narzissmus, der andere in Mitleidenschaft zieht, von der Politik, für die ich Steuern zahle, unschädlich gemacht wird. Das gilt für Heidi Klum, die junge Mädchen in eine lebenslange Magersucht, Selbstzweifel und Unglück lockt, genauso wie für Terrorjugendliche. Bei all der Datenflut, die besonders diese narzisstisch Instabilen im Netz hinterlassen, ist es leicht, rechtzeitig Abhilfe zu schaffen, rechtzeitig Prediger aller Art zu verbieten oder zu verhaften.

Aber weiter möchte ich mich damit nicht beschäftigen. Ich hatte selbst nie einen besonders narzisstischen Hang, für irgendeinen Vorbild zu schwärmen, nicht mal mit 15 hat mich sowas interessiert. Ich weiß auch, dass im Jahr über 3000 Menschen im Straßenverkehr sterben und nehme trotzdem, wie fast jeder, ohne Furcht und Zweifel weiter daran teil. Der Mensch ist verletzlich. Er ist Mensch. Punkt. Gegen meine narzisstischen Größenwahnphantasien kann ich immerhin selbst was tun. Gegen die Gefährlichen sollte die Politik dringend was tun, auch gegen die, in unserer Kultur. Ansonsten kann ich nur jedem raten, am Narzissmus-Hype jeder Art im Netz einfach nicht Teil zu nehmen. Stell Dir vor, Heidi Klum demütigt junge Frauen und keiner will das mehr sehen; stell Dir vor Ariana Grande postet was und keinen interessiert es; stell dir vor, es ist Terror und die Polizei kümmert sich drum, wie um die Verkehrstoten (übrigens auch übermäßig viele Kinder und junge Menschen). Was wäre wohl, wenn wir uns nicht mehr so wichtig nehmen würden, mit unseren narzisstischen Träumen und unserer Unsicherheit?

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.