Industrie 4.0

In der Neuzeit waren die technischen Revolutionen stets die Ursachen für die entscheidenden Veränderungen in unserer Lebenswelt: Rationale Überlegungen und vernünftige Diskurse waren niemals der Auslöser. Der Fortgang der Geschichte erfolgt als Reaktion auf die vom Narzissmus getriebenen Entwicklungen, der ewige Versuch durch Erfindungen ein bessers Leben zu haben. Wer also heute überrascht ist, über irrationales Verhalten von Wählern und die emotionale Dominanz ihrer Entscheidungen, sollte wissen: Der Mensch hat noch nie rational entschieden, gehandelt oder gewählt. Das kann er gar nicht.  

Manchmal sind seine Entscheidungen „auf der richtigen Seite der Geschichte“. Doch sind sein Wertgefühl und seine Hoffnung auf eine bessere Zukunft instabil und angegriffen, übertreffen die großen narzisstischen Illusionen jede Logik und Geltungslogik (aus bisherigen Erfahrungen), die wir aus der Geschichte ziehen können. Die politischen Ansichten sollen  dann nur die eigene Bedürftigkeit stabilisieren.

Die Suche und Hoffnung auf den eigenen zukünftigen Vorteil, ist stets ein narzisstischer, unbewusster, der oft schlecht zum moralischen Selbstbild passt. Nur wenn sich – zufällig – die Moral mit materiellem Zugewinn deckt, erweckt das nach außen hin den Anschein von sozialem Fortschritt, rational-sozialem Verhalten.

Das Streben nach dem besseren Leben hat vor allem ein narzisstisches Ziel: Mehr Status, Anerkennung, Bestätigung. Und das muss nicht materiell sein. Alternatives Statusdenken (ökologische Korrektheit oder gute Bildung) lehnt kapitalistisch-materielle Statussymbole sogar eher ab, ohne dabei natürlich auf andere Statussymbole zu verzichten (Bildungstitel, Ökobilanz, alternative politisch korrekte Marken etc.).

Das Selbstwertgefühl in der eigenen Gruppe hat das Denken und Handeln der Menschen von jeher bestimmt. Dabei liegen intellektuelle oder politische Korrektheit, in ihrem narzisstischen Anspruch, gleichauf mit wirtschaftlichem Elitedenken. Das kapitalistisch-demokratische Gesellschaftssystem gibt sich den Anstrich des rationalen materialistischen Fortschritts – und funktionierte doch nur so lang, wie es das Selbstwertgefühl und narzisstische Streben der meisten Menschen mit materiellem Status stabilisierte.

Von den Dampfmaschinen (Industrie 1.0) über die Elektrifizierung (Industrie 2.0), die Maschinen als Mitarbeiter (Industrie 3.0) gingen technischer Fortschritt, Wohlstand, Stabilität und narzisstische-materialistische Selbstaufwertung 150 Jahre Hand in Hand. Doch die seit ca. 20 Jahren stattfindende Digitalisierung aller Arbeitsschritte (Industrie 4.0) löst diesen Vertrag der narzisstisch-materialistischen Utopie (Reichtum für alle), einer andauernden Selbstwertstabilisierung durch Wohlstand und Fortschritt, gerade auf. Die einhergehende Klimakatastrophe, als Bedrohung der Zukunft, hat dabei noch immer weit weniger narzisstische Relevanz als Arbeitsplätze und Statusautos.

Industrie 4.0 (als typisch deutscher Begriff) wird von der Industrie gefeiert wie ein Heilsbringer, der das narzisstische System der vergangenen Jahrzehnte weiter vorantreibt, als Kapitalismus der Zukunft schmerzhafte Veränderungen und einen Kulturwandel doch noch vermeiden kann. Doch neben der Beschwörung „ungeahnter Möglichkeiten“, die wie alle Utopien gerne vorgeben unseren banalen narzisstischen Lebensalltag hinter sich zu lassen, geht auch die große „Disruptions-Angst“ mittlerweile bei Managern und Gutverdienern um. Man könnte den Anschluss verpassen, abgehängt werden, dem Fortschritt selbst zum Opfer fallen. Silicon Valley treibt scheinbar die Welt in rasender Geschwindigkeit vor sich her. Doch utopische Gewinnversprechen, neue Märkte und eine optimale Durchleuchtung und Manipulation des Kunden, versuchen die Hoffnung immer noch über die Ängste siegen zu lassen. Vernünftig ist beides nicht.

So bleibt mittlerweile die existenzbedrohende Angst und Ohnmacht nicht mehr nur an denen hängen, die dieses System bereits aussortiert hat. Mangelnde Perfektion, Geschwindigkeit und Kosten-Nutzenrechnung verteilen die steigenden Gewinne auf immer weniger Profiteure. 

Der Chefankläger der Nürnberger Prozesse Robert Jackson wollte 1946 grundsätzlich deutlich machen: Für die Grausamkeiten zwischen Völkern sind nicht höhere Gewalten, abstrakter Wesen, juristische Institutionen oder Ideologien zuständig: sondern Menschen.

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