J´accuse !

J´ accuse! – so hieß ein offener Brief des französischen Schriftstellers Émile Zola an Felix Fauré (den damaligen Präsidenten Frankreichs), der am 13. Januar 1898 in der Tageszeitung L´Aurore erschien. Er informierte die Öffentlichkeit über die wahren Hintergründe in der sogenannten Dreyfus-Affäre. Der Brief führt in einen Skandal und gab der Geschichte um den jüdischen Hauptmann Dreyfus die entscheidende Wende – in die „richtige Richtung“, hin zu dem, was uns Menschen im Positiven ausmacht und was wir alle gerne wären: Wahrhaftig, mutig, unbeugsam für Gerechtigkeit und Wahrheit.

Völlig zu Unrecht war der französische Hauptmann Alfred Deeyfus (aufgrund von Fälschungen) wegen angeblicher Spionage zugunsten der Deutschen zu lebenslanger Haft auf der berüchtigten Teufelsinsel verurteilt worden. Als sich bei einer erneuten Untersuchung seine Unschuld und Major Falsin – Estherházy (us altem Adel) als der wahre Täter herausstellten, hielt der Generalstab dennoch an der Täterschaft Dreyfus’ fest, der Jude und Elsässer war. Zola verwies in seinem Artikel auf den „Mangel an seriösen Beweisen“. Heute würde man sagen: Der Prozess unterlag rundweg Fake-News.

Zola bezichtigte ranghohe Offiziere des Generalstabs und der Militärjustiz sowie einige an dem Fall beteiligte Gutachter und konservative Presseorgane der Judenfeindlichkeit, der Lüge und der bewussten Rechtsbeugung im Fall Dreyfus. Zola wurde daraufhin der Verleumdung angeklagt, wie er es am Ende des Briefs vorausgesehen und in Kauf genommen hatte, und zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Um der Haftstrafe zu entgehen, floh er nach England, von wo er erst im Juni 1899 nach der Begnadigung zurückkehrte. Der französische Staat wäre fast kein Rechtsstaat mehr gewesen, all seine Errungenschaften in der geschichte standen in Frage.

Die französische Gesellschaft zeigte sich zu der Zeit als tief gespalten: Wer an Dreyfus’ Unschuld glaubte und Zola unterstützte, gab sich damit als Anhänger einer liberalen, säkularen Republik zu erkennen, der den Menschenrechten Vorrang vor den Staatsinteressen einräumte; wer an Dreyfus’ Schuld festhielt, verlieh damit seiner Sympathie für eine rechtskonservative Haltung Ausdruck, die in Militär und katholischer Kirche unverzichtbare Stützen des Staates sahen, denen im Zweifelsfall auch das Schicksal eines Einzelnen zu opfern war. Am Ende gewannen bei der Wahl 1902 die Linken und Staat und Kirche, Wissen und Glauben wurde per Gesetz getrennt. Dreyfus wurde 1906 erst freigesprochen und rehabilitiert.

Heute ist „J´accuse…“ Teil des französischen Nationalbewusstseins und Emile Zola liegt neben seinem Freund und Mitstreiter Victor Hugo im Pantheon, neben all den anderen großen Franzosen, in einem steinernen Sarg. Was würde er heute raten, in Zeiten der Globalisierung, der Einwanderer- und Terror-Problematik und all der Zweiteilung in der Gesellschaft, die er hier in Paris an jeder Ecke zu sehen bekäme? Was würde er sagen, zu einem verschuldeten Staat, der sich seinen sehr hohen Sozial- und Angestellten-Standard nicht mehr leisten kann und gleichzeitig (wie eh und je) von einer völlig abgehobenen Elite regiert wird? Wie sähe sein „j´ accuse“ heute aus?

Es gibt auch hier eine Wahrheit. Und wir müssen sie benennen, wenn uns nicht weiter alles harterrungen Gute, die Gerechtigkeit und Menschenrechte zwischen den Fingern zerrinnen soll. Wir brauchen sie, um endlich Taten daran anzubinden, die dringend das „Immer-Schlimmer“ verhindern müssen, gegen den aufkommenden Nationalismus, Rechtsradikalismus und all der Fake-News.

Man sagt hier in Frankreich, Albert Camus hätte mit seinem Fatalismus gewonnen, gegen die Linken, mit ihrem großen Ziel für die Geschichte. Denn von den Menschenrechten ist nicht nur hier unter dem Eifelturm nicht mehr viel übrig geblieben, wenn man ehrlich hinschaut. Und die meisten Menschen nehmen das fatalistisch hin. Menschenrechte sind auch hier nur noch ein Feigenblatt an den Scheibenwischern der SUVs mit denen man seine Kinder (in aller Betroffenheit) doch lieber in die „guten“ Schulen, in den guten Gegenden fährt.

Rollen wir also einfach, wie es Camus in seinem „Mythos vom Sisyphos“ beschreibt, den Stein hoch und runter? Oder klagen wir an? Hat die Linke ausgedient, weil dem Menschen nun mal nicht zu helfen ist und er über kurz oder lang wieder hinter alle Grenzen zurück fällt, die er so mühsam errungen hat? Hat er kein Talent zur Freiheit und gehört einfach besser verwaltet?

J´accuse wäre heute wohl eine Anklage gegen Handlungslosigkeit, die an eigenen Idealen festhält, obwohl sie längst weiß, dass wir niemals zuungunsten unseres Lebensstandards wirklich die Menschrechten verteidigen würden, unseren Luxus teilen und uns beschränken würden. Darin sind wir der katholischen Kirche gleich, die damals massiv hinter der Dreyfuss-Affäre unchristlich handelte, um die Erhabenheit der eigenen Seele zu verteidigen. Letztlich wissen wir leider, was die Wahrheit ist.

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