Kampf um Humanität

Als ich in der Schule war, haben die Lehrpläne – typisch für meine Generation – jedes Jahr wieder irgendeine Abhandlung der Nazizeit vorgeschrieben. Wie kam es zur Nazi-Macht? Was heben die anderen Länder gemacht? Und vor allem: Der Holocaust. Als müsste gerade meine Generation, bestimmt durch unsere 68er Eltern und ihren Umgang mit der Schuld ihrer Eltern, ein für alle Mal die totale Abschreckung implementiert bekommen, um sie „für immer“ weiter zu geben, quasi genetisch einzuspeichern. Wie wir heute wissen, ist das nicht gelungen.

Die Schrecken der anderen Kriege wurden dagegen im Geschichtsunterricht rationalisiert, als typische Erscheinungen der Welt dargestellt, verschuldet von der „Institution Zeit“. Die KZs waren dagegen hochemotionale Abgründe des Menschseins, schienen mit dem Krieg an sich, dem logischen Elend der Schützengräben, nicht viel zu tun zu haben. Es schien so, als wäre Hitler eigentlich ein ganz normaler Mann und Staatsführer gewesen, wie der alte Fritz oder Wilhelm II – wenn da nicht die KZs gewesen wären.

Und so kam in mir die Frage auf: Warum haben sie es nicht geschafft, meine Großeltern und ihre Generation, diesen Mann zu erschießen? Warum haben sie nicht auf die Humanität verzichtet, bei diesem einen Mann, um die Humanität für so viele zu sichern – also die Humanität jenseits der logischen Kriege?

Dürfen die humanistischen Werte nur mit dem Diskus verteidigt werden (und Kriege gibt es sowieso)? Sind sie nicht deshalb immer irgendwie im Hintertreffen, bis der Hass und Narzissmus sich mal wieder so exorbitant ausgetobt haben, dass man sich wieder auf sein Bisschen Humanität besinnen kann, besinnen muss, bis dann der nächste Krieg wieder losbricht?! Ist die ganze Humanität ein einziges: „Hach ja so ist der Mensch eben“ – außer natürlich bei den KZs?

Ab wann war klar, dass Hitler Hitler war – und eben nicht irgendein anderer Kriegstreiber, wie sie die Geschichte hundertfach hervor gebracht hat, trotz all ihrem Bemühen um Humanität? Wie lange muss man den Versuch walten lassen, dass sich jemand selbst diskreditiert, die Humanität „einfach so“ doch mal siegt, statt neuer Kriegstreiberei? Muss man nicht – nach all der Erfahrung mit dem Menschen in der Geschichte – auch für die Humanität mit unhumanen Mitteln kämpfen dürfen, das aufziehende Unheil stoppen dürfen – zumal seine Folgen immer dieselben waren, wissenschaftlich somit gesichert sind?

Der Hitler Attentäter Georg Elser wusste anhand der Juden-Dekrete sehr früh, was Sache war, dass Menschen aus seinem direkten Umfeld nicht mehr als Menschen gelten sollten, dass sie entwertet, entrechtet und gedemütigt wurden, obwohl sie gerade noch die ganz normalen Nachbaren waren.

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