Kunst-Konsum

Der Idealismus (und in diesem Fall darf man ihn so pauschal benennen) dachte immer, dass die Erziehung mit Kultur den Menschen zu einem vernünftigeren, intelligenteren Wesen machen würde, dass er sich so mit sich selbst und der Welt besser auseinander setzen würde. Mann kann, wenn man hier in den Pariser Museen unterwegs ist, sagen: Zumindest das Interesse an der Kunst ist riesig. Man kommt sich vor, wie in der ehemaligen DDR, überall muss man anstehen, doch eben nicht für Bananen, sondern für andere besondere Konsumprodukte: die berühmten Kunstwerke.

Beobachtet man die Menschen aus allen Ländern dieser Welt in den weltbekannten Museen von Paris, merkt man schnell, dass dieses Streben zur Kunst wenig mit dem Interesse an Bildung und Auseinandersetzung mit der Welt zu tun hat und viel mit Status und Konsum. Man kann hier Menschen sehen, die ohne ein Mal aufzuschauen, mit ihren Smartphones die Bilder abfilmen, schnellen Schrittes von Bilder-Star zu Bilder-Star rennen. Wenn man zu lange die Details betrachtet und ihnen versonnen im Weg steht, wird man aktiv gebeten zur Seite zu treten, für das Trophäen-Foto.

Die Transformation der Kunst in Konsum zeigt sich aber ganz besonders erst in den immer ausgedehnteren Museumshops. Hier wird in Form von Schlüsselanhängern und Kühlschrankmagneten gekauft, was vorher nicht richtig angesehen wurde: Hauptsache Aneignung, Ich-Erweiterung im Haben (nicht im Sein). Statt dass die Kunst den Menschen zum Besseren hin erzieht, ihm sein Sein und Vergehen, seine Kriege und Sehnsüchte vor Augen führt, hat der Mensch die Kunst banalisiert. Nirgends wird einem das so klar, wie hier in Paris. Tausende Touristen aus Asien, Süd- und Nordamerika wollen teilhaben am königlichen Glanz der alten Paläste und des dargestellten Adels, am Genie der großen Künstler, wie Rodin und Delacroix und den pittoresken Cafés berühmter Philosophen. Und dabei zerstören sie den Zauber, banalisieren sie alles, was all die Orte und die Kunst bedeuten, all die Außergewöhnlichkeit geht kaputt durch diese Massen, die ein Stück davon haben und erleben wollen. Nur wenig wird verschont, man muss es suchen.

Andererseits läuft man natürlich selbst gerade durch diese erhabene Vergangenheit und Kunst. Selbst wenn man sich dabei chic genug kleidet (was man daran feststellen kann, dass man auf Französisch und nicht auf Englisch angesprochen wird), bleibt man selbst Tourist. Selbst wenn man Kunstgeschichte studiert hat, interessieren einen genauso die Schönheit und Erhabenheit, wie alle die anderen Touristen – eben nur etwas professioneller, drängender.

Was wäre die Alternative? Ein Test vorm Betreten des Louvres? Reduzierte Besichtigungen? Noch teurere Eintrittspreise? Es gibt für dieses Streben nach dem „schönen erfüllten Leben“ von fast 8 Milliarden Menschen, die weltweit Paris ganz oben auf ihrer Liste stehen haben (als Status, Bereicherung, Erfüllung ihrer Träume), keine Alternative. So wie wir mit unserem narzisstischen Drang unsere Umwelt zerstören, zerstören wir auch Paris.

 

 

 

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