Kunst und Krempel

Letzte Woche war ich auf den Salzburger Festspielen: Eine heile Welt im schönsten Dorf der Welt. Ich saß im Café Bazar an der Salzach mit Blick auf die barocke Skyline. Neben mir am Tisch hatte sich eine Gruppe Studenten der Kunsthochschule eingefunden: Eine Russin, eine Ungarin, ein Spanier (halb Deutscher) und ein Franzose. Sie sprachen alle möglichen Sprachen miteinander, studierten alle möglichen künstlerischen Fächer, spielten alle möglichen Instrumente, zeigten sich Videos auf ihren Smartphones und tauschten Ideen aus. Sie waren optimistisch, als gehöre ihnen die Welt (ohne Klimakatastrophe und ohne Flüchtlingswellen und Kriege). Es war schwer vorzustellen, dass sie je ein Problem mit der Globalisierung oder Digitalisierung haben könnten.

Dann kamen zwei Rentner und betrachteten im Stehen die Speisekarte. Der Kellner in Livree beäugte sie wirsch. Sie trabten mit kurzen Hosen, Klettverschlusssandalen und von Bäuchen ausgebeulten T-Shirts davon: Die Terrasse war für sie kein vorgesehener Ort, der Kellner wolle sie da sitzen haben. Auch mir waren die jungen euphorischen Menschen am Tisch lieber, als glotzende Rentner. Und das ist natürlich politisch völlig unkorrekt. Und auch die Studenten gingen mir mit ihrer Selbstüberschätzung nach einiger Zeit auf die Nerven: Als hätte diese ausgelaugte, ungerechte Welt nur auf sie und ihre Ideen gewartet, als würden sie endlich alles zum Guten wenden.

Es scheint zunehmend zwei Welten zu geben: Eine, die wir nicht mehr ertragen in ihrer Hybris, Rücksichtslosigkeit, Größenwahn und eine, die wir nicht mehr ertragen, mit ihrer Problemschwere, Unästhetik, Armut, ihren gescheiterten Träumen. Dazwischen sitzt man im Café und hört Konzerte, wohnt in kleinen Pensionen und sieht kritische Theaterstücke und fragt sich, wo man selbst hingehört, was die Antwort ist, auf all den sinnlosen Wandel und all die sinnlose Erstarrung.

Immerhin zeigt einem die Kunst, dass es nie anders war. Immerhin wird einem in der Oper klar, dass Donald Trump und Kim Jong-un gewöhnliche Witzfiguren der Geschichte sind, wie es sie in jedem Dorf, an jedem Hof, in jeder Regierung gab. Vielleicht ist das Schwierige an unserer heutigen Zeit: das aufkommende Bewusstsein, dass es keinen wirklichen Fortschritt gibt, dass trotz Waschmaschine und Atombombe immer Menschen da sind, die es ganz o.k. finden in der Welt und andere die kämpfen und wieder andere benutzen alles und jeden für ihre Interessen und tun so, als wäre das in Jedermanns Sinne und wieder andere gestalten eine Zukunft, die auch nicht wirklich anders wird.

Ach ja, am Domplatz wurde „der Jedermann“ gegeben, ein mittelalterliches Mysterienspiel, wie jedes Jahr. Und wie jedes Jahr waren einige Kritiken gut und andere schlecht, am Jedermann…

 

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