Liberté, Egalité, Fraternité

Diese Woche bin ich in Paris angekommen und werde den ganzen September hierbleiben. Paris ist ein bewohntes Museum, (für Deutsche) seltsam vom Krieg verschonte ganze Straßenzüge mit Cafés und Geschäften, wie eine Kulisse, in der das Pariser Leben aufgeführt wird. Den ganzen Tag, das ganze Jahr, für manche Menschen sogar das ganze Leben lang.

Vergleichbar mit New York scheint es zu reichen, wenn man sein Leben einfach hier verbringt: Man war mittendrin im echten Leben, in der echten Kultur, da wo alle immer sehnsüchtig hin wollen. Man war Teil einer Inszenierung, die das Leben selbst bedeutet und alles, was es essenziell ausmacht. Man war Teil eines Mythos, auch wenn die großen Zeiten dieser Städte längst vorbei scheinen. Menschen wandeln immer noch durch die Kulissen und das scheint das Leben vollauf zu erfüllen, ihm den einzig wahren Sinn zu geben.

Und es gehört zur Essenz des Lebens, dass in Städten wie Paris und NY Armut und Reichtum aufeinanderprallen, wie kaum sonst: Menschen liegen hier überall zwischen dem Müll auf der Straße und daneben gehen wunderschöne Frauen in teuren Designerkleidern mit Handy am Ohr ihrem freien schönen Luxusleben nach. Es ist manchmal schwer, das auszuhalten. Die Freiheit (die freie Gestaltung des Lebens), die auf der Gleichheit aller aufbaut, braucht grundsätzlich die Brüderlichkeit, das Mitgefühl. Das steht hier an jedem öffentlichen Gebäude, wie ein Mantra französischer Identität: Liberté, Egalité, Fraternité. Doch genau daran scheitert gerade nicht nur Paris.

In China werden Menschen, vom Internet überwacht, mittlerweile sozial „gerankt“, nach ihrer politischen Korrektheit, ihrer Intelligenz, Fleiß, Bildung und sozialen Umgebung bewertet. Wer sich mit „schlechten“ Menschen umgibt, dem wird das negativ angerechnet und umgekehrt. „Waste“ heißen Menschen, die sich in diese Leistungs- und Konkurrenz-Denke nicht eingliedern. In Paris und NY wird sinnbildlich deutlich, was gemeint ist.

Doch was würde passieren, wenn immer mehr Menschen diesem Druck nicht mehr Stand halten? Oder wenn sie sich die Freiheit nehmen, so wie ich, einfach einen Monat in Paris zu verbringen? Würde mir das Plus- oder Minuspunkte einbringen? Wollen wir so eine uniforme Leistungs-Bewertung, nur damit wir sagen können: Ich hab mich angestrengt, ich bin sicher oder ich habe das schöne Leben verdient? Was würde wir zulassen, um keine Menschen mehr auf der Straße sitzen und liegen sehen müssen, damit unsere Brüderlichkeit nicht andauernd in Frage gestellt wird? Soll man sie wegsperren oder zwangseingliedern, nur weil sie am Traum vom schönen Leben in den schönsten Städten der Welt offensichtlich gescheitert sind? Gibt es demnächst Aufnahmeprüfungen, um einen Monat in Paris oder NY verbringen zu dürfen?

 

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