Mittelalte Männer


Mittelalte Männer stehen im Zentrum unserer heutigen Probleme. Sie haben sich verzettelt, wollen Dinge, zu denen sie nicht fähig sind, die so nicht mehr funktionieren, die von der globalen Entwicklung nicht mehr gebraucht werden.

Einer von ihnen soll es nun richten, allerorts. Einer, der es geschafft hat, aus den Untiefen des Lebens als Sieger hervorzugehen. Schnell entsteht der Sog der Utopie: Jetzt wird alles viel viel besser, besser noch, als in der besseren Vergangenheit. Dieser Führer ist Macher und Seelsorger zugleich, einer, der die Sorgen und die Kränkungen ernst nimmt, von mittelalten Männern, und ihnen endlich wieder alles verschafft, wozu sie selbst nicht mehr oder noch nie in der Lage waren.

Müßig zu sagen, dass das nicht mehr geht, Utopien noch nie irgendeine Verwirklichung erfahren haben, solange es Menschen gibt. Müßig auch die Frage: Warum sollen mittelalte Männer, die ihr Leben lang ihre eigenen Schwächen auf dem Rücken ihrer Frauen und Kinder ausgetragen haben, irgendein Recht haben, „einfach so“, wieder ihr Ansehen zu bekommen, dass ihnen nur in den seltensten Fällen im Laufe der Geschichte, hätte zustehen dürfen. Wären Männer nicht mit ihrer Muskelkraft überlegen gewesen, hätte es nicht bis zur Erfindung der Maschinen gedauert, ihre Vorherrschaft anzugreifen und geltungslogisch in Frage zu stellen. Auch wie irgendjemand je denken konnte, Männer hätten ihre Emotionen besser im Griff, als Frauen, ist durch nichts in der Geschichte gerechtfertigt.

Zurück zu den mittelalten Männern heute. Es ist ja nicht so, dass sie nichts könnten, sie wissen nur nicht so genau, wie man es am besten einsetzt heute, was man daraus machen kann, ohne damit einfach immer nur weiter seine eigene Überlegenheit anzustreben. Sie sind auch rechte redefaul, teilen nicht mit, wie es ihnen geht, was sie sich fragen. Dagegen wird lieber ein Schuldiger benannt, der die Umsetzungen des eigenen Machtstrebens verhindert (Fremde, Frauen, Politiker).

Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung. Den Satz kenne ich seltsamer Weise noch aus meiner Grundschulzeit. Er wurde laut (und natürlich ohne eigentliches Verständnis) über den Hof gebrüllt, im ein oder anderen Bandenkampf. Aber Selbsterkenntnis ist nicht das Ding der meisten mittelalten Männer. „Toxische Männlichkeit“ heißt dieses Verhalten und Denken neuerdings und es ist auf eine bestimmte Altersgruppe zentriert: Die Mittelalten.

Für Frauen meines Jahrgangs (also auch die Mittelalten) ging es, entgegen den Behauptungen in unserer Erziehung, nicht einfach nur nach oben. Ich kenne Frauen, die bereuen es, doch nur Kinder bekommen zu haben und jetzt einen Teilzeitjob zu machen, der sie nicht befriedigt. Weil die Kinder (als eigentlicher Lebensplan) sind zunehmend aus dem Haus und nie wurde ein brauchbarer Gedanken daran verschwendet, was man jetzt wohl die letzten 30 Jahre seines Leben machen könnte. Ich kenne auch Frauen, die haben keine Kinder und eine Karriere (mehr oder weniger) und Angst vor der Einsamkeit. Es gibt auch welche, die haben beides und vor lauter Kampf, bleibt keine Zeit für Identitätsprobleme. Keine von ihnen hofft auf einen starken politischen Führer, der alles gut macht. Sie haben eigentlich keine Vorstellung davon, wie sie „eigentlich richtig“ wäre, die Welt. Sie erwarten vielmehr oft von ihren Männern, dass die sich verändern, mehr engagieren für private Belange. Aber die Männer träumen eben – mehr oder weniger – von irgendeiner Utopie und glauben „das Land geht vor die Hunde“.

Und hier liegt, glaube ich, der Schlüssel: Das Private ist politisch, aber das politische auch privat. Warum finden es Männer nur so furchtbar und unmännlich und schwach, sich um ihre Frauen zu kümmern, in der Familie geliebt und gebraucht zu werden? Und Punkt. Hier werden täglich Helden gesucht. Warum ist es für Männer unerträglich, weniger zu verdienen, als ihre Frauen oder ihre Frauen das Einkommen heimbringen zu lassen? Und eigentlich: Warum werden Frauen, ihr Sein und Tun, ihre Identität, von mittelalten Männer immer noch soooo abgewertet?!

 

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