Neue Helden

Die US-Forscher Held und Hein konnten 1963 erstmals das sogenannte „Embodyment“ nachweisen: Die Einbindung jeder Hirnleistung in die körperliche Erfahrung. Dazu schnallten sie jungen Katzen (direkt nach Öffnung der Augen) auf Rollgeschirre. Während die eine Hälfte der Katzen sich bewegen konnte, wurden ihre Geschwister – unbeweglich in ihrem Teil vom Gestell- mitgezogen.

Nach ein paar Wochen befreiten die Forscher die herangewachsenen Katzen allgemein aus den Geschirren. Die gezogenen, passiven Katzen, hatten zwar die gleiche Welt gesehen, wie ihre aktiven, laufenden Geschwister. Doch taumelten sie umher, stießen gegen Gegenstände und maunzten ängstlich: Sie hatten die Welt bisher nur sehend – und nicht körperlich – erfahren und waren daher lebensuntüchtig. Die bei Jungtieren typische Neugierde war einer Ängstlichkeit gewichen.

Und: Die beiden Hirnforscher fanden später bei der Obduktion der passiven Katzen ebenfalls anders ausgebildete Gehirne, als bei ihren Geschwistern, die Laufen gelernt hatten. Die motorischen Zentren waren deutlich unterentwickelt.  

Ist dieses Experiment auch zweifellos grausam, hat es doch deutlich gezeigt: Hirn und Erfahrung sind nicht zu trennen, bilden sich –existentiell – gegenseitig aus. Unsere Weltwahrnehmung der Welt, unsere Bewertungen und Reaktionen sind – existentiell und maßgeblich – von der körperlichen und sozialen Erfahrung bestimmt. 

Welche Erfahrungen müssen wir heute machen, um – befreit von Geschirren aus Wohlstand und bräsiger Sicherheit – unsere Ängstlichkeit abzulegen? Wie können wir neu laufen lernen, denken und wahrnehmen lernen? Sicher ist dabei: Wir müssen das selbst tun, denn jeder von uns hat ein Leben, in einem Körper, das nur er selbst neuen Erfahrungen aussetzen kann, um etwas zu verändern.

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