Opfersein oder Nichtsein, das ist hier die Frage

Eine Demokratie muss andere Meinungen aushalten können. Das ist eine der heutigen Floskel, die unüberlegt, eine Selbstversicherung und Beschwichtigung der Ängste beschwören will. Oft gehört dieser Tage, ist sie dennoch falsch. Wir müssen ganz sicher nicht die Meinungen der Rechten aushalten, die eine Überlegenheit weißer männlicher Dominanz „einfach so“ (ohne überzeugende Beweise und Argumente) beschwören. Wir müssen nicht die Meinungen der Harvey Weinsteins und all seiner Brüder im Geiste aushalten, dieses „ist doch nichts passiert“. Genauso muss ich aber auch nicht der #metoo-Bewegung der ewig klagenden Opfer folgen, als quasi absolut-korrekte Meinung von Frauen über die Ungerechtigkeit dieser Welt. Denn ich habe sehr gute Argumente dafür, dass diese ganze Klagerei und ewigen #Aufschrei-Kampagnen wenig bringen. Handlung ist gefragt, meine Damen! Denn Haltung bzw. Meinung, ohne Taten, ist viel zu schwach.

Ich habe letzte Woche an dieser Stelle beschrieben, dass jeder Frau solche Übergriffe, sexuelle Anspielung (verbal oder haptisch), früher oder später begegnen. Ich frage mich nur, warum so viele, wie die Lämmer, immer nur weiter nach Hilfe blöken, anstatt sich Hörner wachsen zu lassen, mit denen sie das nächste Mal kräftig zustoßen. Denn ich kann mir kaum vorstellen, dass ein grapschender Chef, dessen Frau man mal anonym oder direkt darüber unterrichtet hat, was ihr Mann im Büro so treibt, so schnell weitermacht. Auch die einfache Frage, an den Grapscher selbst, ob er seiner Tochter das wünschen würde, bewirkt oft Wunder. Vielleicht muss man dann den Job wechseln, aber das muss man doch sowieso, bei so einem Chef.

Worauf ich wiederum hinaus will: Warum werden wir Frauen nicht gnadenlos kreativ in unserer Gegenwehr?! Warum glauben wir, wie die kleinen Mädchen, dass uns nur von „oben“ geholfen werden kann?! Man braucht nicht mal einen schwarzen Gürtel in Karate, um im Bierzelt auf dem Oktoberfest einem betrunkenen Mann so richtig eine runter zu hauen. Man stelle sich vor, dass würden alle begrapschten Frauen machen. Den seltsamer Weise wehren sich die meisten geschupsten und benachteilten Männer auf irgendeine Weise – und rufen nicht nach Hilfe. 

Sehr gut funktioniert auch – aus Erfahrung in meinem Umfeld– die wöchentliche Postkarte, an die Heimadresse übergriffiger Chefredakteure, mit nur einem Wort in Leuchtschrift. „Grapscher“ oder „perverses Schwein“. Wunderbar verstärken lässt sich der Effekt, wenn man die Hausnummer um eine Ziffer verrückt, mal zu diesen oder jenen Nachbarn schickt (das hat eine Bekannte von mir von ihrem grapschenden Chef befreit).

Außerdem haben wir Frauen die Verpflichtung, all unseren Schwestern und Töchtern gegenüber, laut Beschwerde zu erstatten. Denn, wie man bei Weinstein gerade sieht, irgendwann lässt die Masse der Beschwerden keinen Zweifel und kein „Wegreden“ mehr zu. Und hier wird die Selbstgerechtigkeit der Opfer sehr deutlich: Ich selbst überwinde meine Angst und Scham nicht, fühle mich in meiner Schwäche hilflos, anstatt den entscheidenden Schritt zu gehen, der uns Menschen gegeben ist, der unsere Willensfreiheit ausmacht: Die Eigenverantwortung. Wenn ich mich nicht wehre, anderen Frauen damit helfe und ein Vorbild schaffe, dann bin und bleibe ich Teil des Verbrechens, dann tue ich es mir früher oder später ein Stück weit selbst wieder an. Denn diese Opferhaltung des „ich kann nicht“, „ich schaff das nicht“, ist darüber hinaus die beste Voraussetzung wieder Opfer zu werden. Täter suchen Opfer, finden sie instinktiv, in schwachen wehrlosen Menschen.

Nein, wir müssen die Meinung der anderen nicht hinnehmen, wenn sie so offensichtlich falsch und selbstgerecht ist, über keinen Beweis verfügt. Wir haben heute nicht mal mehr den Spielraum die Meinung von patriarchalen Armleuchtern, Leugnern der Klimaerwärmung oder rechten Vollpfosten hinzunehmen. Das alles, diese Altherren-Dominanz des „weiter so“, des „früher war es für uns besser“, ist etwas, gegen das dringen jede(r) aktiv zu kämpfen hat. Wir können uns diese selbstgefälligen Lügner und Leugner nicht mehr leisten, mit unserem Gejammer. Ein selbstgefälliges Opferdasein ist Teil des Problems und hört dringen auch und gerade im Verhalten von Frauen geändert, wenn wir als Menschheit überleben wollen.

 

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