10 Milliarden Abenteurer

Es scheint unvorstellbar, dass sich Jugendliche nach Syrien aufmachen, um dort für den IS zu kämpfen. Was glauben sie dort zu finden? Abenteuer? Ruhm? Veränderung? So unglaublich es scheint: Sie suchen dort nach Bedeutsamkeit. Und die scheint ihnen wichtiger zu sein, als die Freiheit, auf die wir im Westen so stolz sind. Doch gibt es diese Freiheit hier gar nicht (wie ich schon früher ausgeführt habe). Gerade an Jugendliche wird eine hohe normierte Leistungsanforderung gestellt. Man soll sich fügen, von Anfang an, in den vorgegeben Anspruch einer bürgerlichen Ordnung hineinwachsen: Ausbildung, Karriere, Familie, Konsum. Wo ist da noch Platz für Freiheit und Abenteuer, für das Gefühl etwas zu erreichen, das nicht schon vorgezeichnet ist. Viele Menschen – und nicht nur junge Migranten – haben das Gefühl, ihr Leben ist darauf ausgerichtet, das Krankenkassen- und Rentensystem aufrecht zu erhalten (im positiven Fall), weil man sonst an den Rande der Gesellschaft abgedrängt wird (im negativen Fall).

Beim IS und auch vorher schon beim Rekrutieren, bekommen die Jugendlichen und besonders junge Männer das Gefühl, gewollt und wichtig zu sein, in einer Gemeinschaft die Welt verändern zu können, zu mehr Sinn, höheren Zielen. Wohlstandssicherung interessiert viele Jugendliche nicht. Und Jugendliche, die in verwahrlosten Vororten wohnen, sind so weit weg von jeder Möglichkeit von Wohlstand, dass sie nicht mal wissen, was sie da sichern sollten. Wohlstandsicherung ist die Identität eines bürgerlichen Zeitalters, einer Werteordnung, die langsam zu Ende geht. Sie stiftet keine Identität mehr. Familie, Haus, Auto, sicherer Job, all-inclusiv Urlaub, langsamer Wohlstandswachstum bis hin zur Rente mit Kindern, die dann denselben Weg beschritten haben. Das war erstrebenswert für vom Krieg erschütterte Menschen – so wie für all die Flüchtlinge, die jetzt kommen. Für viele, die das immer schon hatten, stellt sich das sichere Leben als bedeutungslos und armselig dar.

Wir alle leiden unter einer immer bedeutungsloseren Welt, in der es nicht mehr darum geht neue Kontinente und Lebensbereiche zu entdecken, sondern in der immer nur weiter gekürzt und zusammen gerückt werden muss. Im übertragen Sinn haben wir alle oft mal das Gefühl, um uns schießen zu wollen, alles wegzubomben, was uns einengt.
Wem das eine zu drastische Sichtweise ist, den kann man auf die Pegida-demos verweisen, die in ihrer ganzen Bürgerlichkeit gerne selbst mal mit dem Maschinengewehr zuschlagen wollten. Mordinstrumente sind nicht mehr nur auf Plakaten abgebildet. Die Kölner Bürgermeisterin und einige Journalisten wurden schon zu blutige Opfer. Man stelle sich vor, die Pegida könnte über echte Waffen verfügen… Auch sie würde die Säulen unserer westlichen Freiheit treffen. Eigentlich haben sie dieselben Ziele, wie der IS: Die westliche Freiheit und ihre Institutionen in der Politik, Medien, Andersdenkende.

Die Menschen werden niemals in der Ecke sitzen und sich still und genügsam füttern lassen. Sie suchen nach Sinn und Veränderung und Bedeutung. Wie wollen die digitalen Problemlöser und Politiker 10 Milliarden Menschen einen Sinn geben, Abenteuer und das Gefühl, etwas zu erreichen?

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Im Westen nichts Neues

Wir verteidigen unsere Freiheit, unsere Art zu leben, gemeinsam gegen die Islamisten. Aber was ist das: Unsere Freiheit? Für viele Menschen ist das nur noch ein abstrakter Begriff. Sie selbst haben oft das Gefühl, dass ihre Freiheit immer weiter eingeschränkt wird – und das nicht erst durch die erhöhten Sicherheitsvorkehrungen. Und unsere westliche Lebensweise war auch schon vor den Flüchtlingswellen von wachsenden Ängsten bestimmt, der Angst sozial und finanziell immer weiter abgehängt zu werden, der Angst um den Arbeitsplatz, der Angst das Leben vor lauter Druck und Arbeit zu verpassen. Die Freiheit scheint nur noch in Werbeclips statt zu finden, sie ist ein paar unwirklichen jungen Leuten vorbehalten, die auf Dachterrassen oder an Sandstränden schlank, attraktiv, sorglos herumtanzen. Ein Blick auf Pegidademonstranten lässt die Frage aufkommen: Wo oder was soll denn hier westliche Dekadenz sein?

In Amerika müssen die Mitarbeiter der ersten Krankenhäuser rund um die Uhr bereits Sender tragen, die ihren Aufenthaltsort jede Sekunde aufzeichnen, wie lang sie mit wem reden, wie oft sie auf die Toilette gehen, Hände waschen, Essen. Natürlich soll das nur zu „ihrem Besten“ geschehen. Auf die Leistungsschwachen, Unmotivierten will man dann „zugehen“, um „gemeinsam Lösungen“ zu finden. Und die Kommunikation und Abläufe sollen zugunsten aller verbessert werden.

Theoretisch ist die Totalüberwachung und Totaloptimierung in all unseren Lebensbereichen möglich. Und zunehmend wird sie umgesetzt werden. Und wie die netten Werbebilder soll diese ewige Datenanalyse uns zu fröhlichen freien Menschen machen. Es ist ein ganz ähnlicher Widerspruch wie der, dass wir für unsere Freiheit erst mal Einschränkungen und Überwachung hinnehmen müssen.

Doch was wird aus all denen, die an der unteren Hälfte der Auswertungstabellen hängen? Sie haben bisher das Tempo für alle verlangsamt. Wie lange dauert es wohl, bis die, die jetzt im Mittelfeld sind bald am unteren Rand kämpfen, weil die anderen längst aussortiert sind, das System sie nicht mehr braucht. Und das System ist ganz klar von einer globalen Werteordnung bestimmt, dem neoliberalen Denken von Kostensenkung, Leistungssteigerung und Gewinn. Immer mehr übernehmen die Maschinen und das Netz die niederen Tätigkeiten – zunehmend auch die komplexeren.

Vielleicht gehen die Pegida-Anhänger bald nicht mehr auf die Straße, weil sie so viel Angst vor Sozialschmarotzern haben. Vielleicht gehen sie in 10 Jahren auf die Straße, weil dann hochmotivierte, intelligente, gutausgebildete junge Syrer längst über ihnen stehen, in dieser Nahrungskette und sie wegrationalisieren.

Also: Welche Freiheit verteidigen wir? Die der Großkonzerne? Die der Hedgefonds und Banken? Die der Reichen, der Programmierer? Vielleicht verteidigen wir am Ende nur die Freiheit der Datenschöpfer, Abgastestfälscher, Großbetrüger, die kaum zje ur Verantwortung gezogen werden, denen nie die Freiheit „so weiter zu machen“ ernsthaft beschnitten wird?

So schlimm die Anschläge der Terroristen waren: Man möchte sie fragen, welche freien, sündigen Menschen sie treffen wollten? Arme Teufel, die nach harter Arbeit im Waschsalon ihre Wäsche waschen, da sie weder Platz noch Geld haben für eine eigene Maschine? Menschen die gerade in Paris mit den horrenden Mieten sich keine Wohnung mehr leisten können, Menschen, die in Fußballstadien mal 2 Stunden ihren Lebensfrust vergessen wollen? Sie treffen Menschen, die schon längst von ganz anderen existentiellen Ängsten heimgesucht werden. Das sind nicht die wirklichen Feinde, das sind nicht die, die das westliche Leben bestimmen. Dekadenz findet hier schon lange nicht mehr statt.

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Männer, Frauen, Attentäter

Ich hatte einen Text vorbereitet, für diesen Samstag. Doch er scheint irrelevant, ob der Ereignisse in Paris. Ich denke vor mich hin, den ganzen Tag schon und versuche mich in menschlichen lebensnahen Erklärungen, jenseits der typischen Floskeln, die schon wieder den ganzen Tag über die Sender laufen.

Immer wieder werde ich als Psychologin gefragt: Warum tun Menschen sowas? Woher kommt der Hass, die Verblendung? Wenn ich mit einem Wort darauf antworten sollte, ist es: Hoffnungslosigkeit. Wer das Gefühl hat, sein Leben nicht mehr verbessern zu können, wer keine Perspektive hat, ist frustriert, wird wütend und irgendwann wendet sich dieser Hass gegen die vermeintlich Schuldigen. Nur betrifft dieser Frust nicht nur das wirtschaftliche, den Lebensunterhalt. Es ist auch vom Islam, der islamischen Kultur hausgemacht. Es gibt in der arabischen Welt genauso viel frustrierte junge Männer, wie in Europa. Die korrupte Politik nimmt ihnen auch dort die Perspektive, deshalb kommen sie ja nach Europa. Doch es gibt noch einen ganz anderen, fast wichtigeren Anlass für ihren Frust.

Die Attentäter von Paris waren allem Anschein nach, wie schon im Januar bei dem Anschlag auf Charlie Hebdot, „islamische-arabischer“ Abstammung. Das ist ein patriarchaler Hintergrund, der besonders bei jungen Männern einen Widerspruch zwischen Stolz und Frustration fördert – im sexuellen Bereich, neben der Selbsterhaltung (durch Arbeit) eine der Grundsäulen unseres Menschseins. Sexuell frustriert, weil ohne sexuelle Kontakte, die glaubensbedingt vorehelich verboten sind, werden doch gleichzeitig die so ersehnten Frauen abgewertet, dem Männlichen unterstellt. Dieser Dauerfrust, die religiös-bedingte Aufwertung, bei gleichzeitig gesellschaftlicher Abwertung durch die Perspektivlosigkeit, die Selbsterhebung über Frauen, bei gleichzeitig unerfüllter sexueller Sehnsucht nach selbigen, ergibt maximale psychische Sprengkraft. Das wird oft nur am Rande erwähnt, als würden wir Menschen uns immer noch schämen, für diese zutiefst biologische bzw. sündige Triebkraft, die sich unserem Verstand so widersetzt, als wäre das zu banal als Erklärung für das Grauen.

Haben die Attentäter und Kämpfer des IS (deren Motivation wohl maßgeblich Sexsklavinnen sind, als verlogener Kompromiss zwischen religiösen Gebot und Trieb), also nun eine Eigenverantwortung für ihren kulturbedingten, religionsbedingten Hass, bei gleichzeitiger Perspektivlosigkeit? Die „Fremdbestimmung“ in ihrem Leben ist sicher weit größer, als die von Jugendlichen, die nur in westlicher Prägung aufwachsen. Letzteren stehen viel mehr Entfaltungsmöglichkeiten offen – in jeder Hinsicht. Doch wir Menschen sind – Religion und Kultur hin oder her – willensfrei. Wir können reflektieren, logisch denken, die Widersprüche selbständig auflösen.

Die sexuelle Frustration bei gleichzeitigem übermäßigem Stolz ist ein Prinzip des Islam – und nicht nur der Islamisten. Denn was jede islamische Kultur betrifft, egal wie orthodox oder liberal sie ist: Es gibt keine Gleichheit zwischen Frau und Mann. Oft wird die Ausrede des „Schutzes“ der Frauen ins Feld geführt. Sie betrifft den Kopftuchzwang, als auch die Dauerkontrolle durch männliche Angehörige. Doch die westliche Kultur baut auf den Rechtsstaat zum Schutz der Frauen. Und auch wenn männliche Übertritte gehen Frauen nicht aus der Welt sind, werden Frauen nicht auch noch durch ihre eigenen Angehörigen gemaßregelt (meistens).

Islamische Frauen hätten wohl noch viel mehr Grunde frustriert zu sein. Sie haben nicht nur keine Entwicklungsmöglichkeiten im „Gastland“ (die Vorbehalte gegen sie sind ähnlich groß, wie gegen arabische Einwanderer-Männer). Sie werden auch noch von den eigenen Leuten sexuell gemaßregelt – über die Eheschließung hinaus – und sie werden durch ihre eigene Kultur als minderwertig oder zumindest nicht gleichwertig gebrandmarkt. Warum werden die meisten Attentate dann aber von Männern ausgeführt? Sind Frauen zu solchem Hass aus Frust nicht fähig? Oder ist ihr Stolz durch all die Abwertung schon gebrochen? Oder fehlt ihnen schlichtweg das Testosteron, das beides verstärkt?

Es ist auffällig, dass diese Probleme durch die „islamische Zuwanderung“ in all ihren Facetten so dominant männlich sind. Wir Frauen sind die ständigen „Opfer“: Wir werden angeblich von Flüchtlingen vergewaltigt, wir sind die Minderheit bei Pegida (zumindest bei den Protagonisten, aber auch bei den Mitläufern) und werden als Dresdnerinnen doch alle in den Verdacht des rechten Lagers gesteckt. Wir stellen weit weniger Terroristen und gleich viele Opfer. Es gibt weit weniger weibliche Flüchtlinge. Und wahrscheinlich hätten die Einwanderungsländer weniger Ängste und Probleme mit Flüchtlingen, wenn doppelt so viele Frauen wie Männer kämen.

Ist das, was in Europa gerade passiert, vielleicht ein „Männer-Problem“ – über die Gegner und Religionen hinweg?

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Das perfekte Leben

Folgenden Text habe ich diese Woche in einem Werbeprospekt gefunden:

„Dies ist für Euch, Ihr Freidenker in Sachen (XY), für Euch, die Ihr mit Leib und Seele selbst über Euer Leben bestimmt. Für Euch, die Ihr Eure Kreativität pflegt und kopfüber in alle Möglichkeiten eintaucht. Für Euch, die Ihr Eure Vorstellungen befreit, die Ihr etwas tut und schafft und baut. Ihr, die Ihr aus allem, was Ihr seid etwas schafft. Für Euch, die Unerschrockenen, die Einzigartigen, die Inspirierten. Das hier ist für Euch, denn no one lives like you.“

Ich halte diesen Text für die Essenz unser heutigen Kultur, eines digitalen neoliberalen Zeitalters: Er spiegelt die große Krise des aktuellen Menschen, dem ständig erzählt wird, wie einzigartig und authentisch er sein soll, wie offen ihm die globale Welt steht, wie sehr wir alle eine große glückliche Gemeinde freier Konsumenten wären. Für das XY kann man jedes beliebige Produkt einsetzen, von alkoholfreiem Bier bis hin zu Billigmöbeln, Pizzaburgern, Smartphones oder einem neuen Klein-SUV aus Fernost. Letztendlich verkauft gerade fast jede Werbung ihr Ware mit genau diesem Slogan: Sei Du selbst und das bedeutet total einzigartig mithilfe unserer Massenprodukte.

An diesem Zwiespalt krankt unsere Welt: Ständig wird man aufgerufen, ICH zu sein und bekommt dabei in den immer gleichen Bildern gezeigt, wie so ein tolles ICH aussieht: Kreativ-frei, etwas verrückt und verträumt und – ach ja – unangepasst, ohne auf den Preis achten zu müssen. Also sowas von einzigartig gleich gefangen im hippen Konsum. So ein bisschen Multikulti, jung oder junggeblieben, partymachendlachendmitGetränkinderHandundlauterFreunden… Das ist das tolle global-digitale Leben und Silicon Valley findet für all unsere Probleme eine Lösung und dann leben wir alle fröhlich wie auf dem Google Campus, weil wir alle genau die Produkte jederzeit bekommen, die man uns für das tollte Leben vorgibt.

Es wirkt oft so als wären die Flüchtlingswelle und die zunehmende Angst der Leute vor dem eigenen (weiteren) Absturz lästige Hindernisse auf dem Weg zur perfekten Welt, mit lauter perfekt-unangepasst-kreativen ICHs. Nur leider ist es gerade umgekehrt: Die Menschen ziehen sich immer mehr auf ihre Selfies zurück, auf Fotos von ihrem Mittagessen und den immer gleichen Urlaubszenen (am Meer, auf der Skipiste), weil sie sich damit selbst vormachen und ihren Freunden demonstrieren wollen, dass sie noch Teil sind, von dieser tollen Werbewelt, von dem, wie man heute sein sollte, um sein Leben als gelungen zu definieren.

Gerade ist zu beobachten, wie das sommerartige Wetter im November!, das nach diesem extremen Sommer erste Trinkwasserknappheit in einigen Städten verursacht und uns Dauerkonsumenten eigentlich wirklich als Warnung dienen sollte, in eine fröhliche Selfie-Welt in Biergärten und Balkon-Cappuccinos verwandelt wird. Wir leben nach dem Motto: Egal, was die Realität gerade abspielt, solange wir noch tolle Fotos von uns und unserem Leben posten können, ist alles in Ordnung; solange wir uns noch in eine Werbewelt hinein retuschieren können, ist unser Leben gut.

Das traurige daran: Es gibt keine wirkliche Antwort auf die Probleme. Was soll aus all den Möbel-, Bier-, Pizza-, Auto- und Smartphone Verkäufern und den damit verbundenen Dienstleistern und Produzenten werden, wenn wir das alles nicht ständig neu kaufen würden? Wer sollte Ihre Krankenkassen und Mieten zahlen, in einer Welt, wo all das ohnehin immer teurer wird?

Ich habe neulich im Spiegel ein Foto gesehen, aufgenommen von einer Pegida-Bühne in Dresden, hinein in die Masse der Zuhörer, ein Gesichter-Massen-Foto von den Menschen, die auf ihre Ängste einfache Antworten wollen, klare Schuldige. Das Foto war das genaue Gegenteil zum eingangs zitierten Werbetext. Graue, verbitterte Gesichter, kaum eines unter 40 Jahren alt: Freidenker in Sachen Flüchtlinge, die mit Leib und Seele Angst haben. Fern von jeder Kreativität und ohne Möglichkeiten, tauchen sie ein in die Wut und den Hass, suchen Schuldige für ihr eigenes Versagen in dieser MulitkuliSelfiePartyWelt. Sie finden in der Vorstellungen „die sind schuld“ (Ausländer, Islam, Politiker, Medien) Befreiung, schaffen und bauen Vorurteile zur eigen Orientierung. Sie schaffen aus allem, was sie nicht sind, einen eindeutigen Feind. Erschrocken, in der Masse, scheint (wieder Mal) ihre einzige Antwort: Rassenhass. Das hier ist für Euch, denn no one lives like you.

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Die kindliche Weltsicht des Larry Page

Der Google-Gründer Larry Page gibt selten Interviews. Und seit seinem letzten Interview im Spiegel letzte Woche, weiß ich jetzt auch warum: Seine Weltsicht ist (wenn man es freundlich sagen will) infantil. Doch da er einen der größten Konzerne der Welt leitet, der all unsere Daten zur Verfügung hat und als „die“ Hoffnung der Zukunft gilt, sind seine Aussagen wirklich bedenklich – um nicht zu sagen erschreckend.

Page behauptet, „über die grundlegenden Problemfelder der Menschheit“ nachzudenken, er will „bewusst Großes vollbringen“. Dabei sind sein Verständnis von der Welt und sein Menschenbild vollkommen naiv, ja weltfremd. Das selbstfahrende Auto, das vor Verkehrsunfällen schützt, ist die magere Ausbeute der Ideen, die er ins Feld führt. Nur, was hat das mit den Problemen der Menschheit zu tun? Wir haben zwar 3000 Verkehrstote im Jahr in Deutschland, doch allein 10 000 Selbstmorde – meist als Resultat des Gefühls des Versagens und der Einsamkeit, zunehmender Entfremdung durch Jobverlust und wachsende Ängste: aufgrund der Digitalisierung. Und das ist nur ein kleines Beispiel von den unendlich vielen Problemen der Menschheit, dass aber auch gerade auf die Erfindungen eines Larry Page zurück zu führen ist.

Vom Spiegel wird er darauf angesprochen, wie er all den Jobverlusten durch die Digitalisierung begegnen will. Mit vagen Utopien, ohne Sinn und Zusammenhang, weicht er anfangs aus, erzählt etwas vom Pessimismus und unbegründeten Misstrauen gegenüber neuen Technologien, (besonders in Europa), von Filmen, in denen George Clooney mitspielt, Kitesurfen und „Weltausstellungen von früher“ und der damaligen Begeisterung der Menschen für den Fortschritt – ohne irgendein brauchbares Gegenargument zu liefern.

Und dann besitzt er noch die Dreistigkeit (oder eigentlich muss man es Dummheit nennen), Jobverlusten mit „mehr Urlaub“ begegnen zu wollen. Was habe man davon, „fünf Tage die Woche von neun bis fünf bei irgendeinem Konzern zu arbeiten, in einem stabilen Job, den man aber öder finde…“ –?! – Und Geld ist ja auch nicht alles, laut Larry Page: „Solange man genug Geld verdient, um seine Familie zu ernähren, ist das Einkommen nicht mehr der ausschlaggebende Faktor, sondern der Job muss einen Sinn machen“. Und überhaupt: Durch die gesteigerte Produktivität durch Digitalisierung könnten alleinerziehende Mütter dann auch mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen… Immerhin ist der Jobverlust „ein Thema, über das ich viel lese“, sagt Larry. Und er rechne mit „großen Umbrüchen“. Das ist alles, was er, der angebliche Retter der Welt, dem Spiegel dazu zu sagen hat. Das ist die Google-Welt des Mr. Page. Erschreckend.

Nur ein paar Sätze später verweist er selbst dann auf den globalen Wettbewerb, für den man nicht zu langsam sein darf. Dieser globale Wettbewerb hat – wie wirklich mittlerweile jeder weis – mit Sicherheit überhaupt kein Interesse an mehr Urlaubstagen für seine Angestellten, denn er versucht seit Jahren eine Leistungssteigerung, indem er Stellen kürzt und seine übriggebliebenen Mitarbeiter immer weiter Arbeitszeit abtrotzt, mit Dauererreichbarkeit und Homeoffice – erreichbar durch mehr Digitalisierung. Und Menschen, die aus diesem neokapitalistischen System heraus fallen, weg-digitalisiert werden, haben dann in der Tat viel Zeit, nur leider auch kein Geld und keinen Job mehr.

Und so geht das unsägliche Interview weiter: Datenschutz verhindere nur Möglichkeiten, sagt Larry, z.B. die, sein Erbgut auf Ungewöhnlichkeiten untersuchen zu lassen und diese ungehindert mitgeteilt zu bekommen. Keine Idee von einer psychischen Belastung scheint den ach so klugen Kopf des Google-Gründers zu streifen. Tiefen Verunsicherung, die es beutet, erbkrank zu sein oder das Gefühl der „Aussätzigkeit“, sind ihm als Weltfremden völlig fremd. Stattdessen jammert Larry Page übe das Misstrauen gegenüber dem Fortschritt, von dem er behauptet: „Schnelleres Wachstum und größerer Fortschritt ist gut für Konsumenten.“ Darunter versteht er „gesteigerte Lebensqualität“ und eine „verbesserte Welt“.

Das verlorene Vertrauen in die „Institutionen“ macht er für den Pessimismus verantwortlich: „Die Menschen glauben nicht, dass Unternehmen in ihrem Sinn handeln.“ Na sowas. Mal abgesehen davon, dass die Institutionen nicht Unternehmen sind, sondern diese regulieren, wird an so einem Satz überdeutlich, warum wir unbedingt mehr Kontrolle mithilfe der Institutionen ausüben sollten, über die Unternehmen wie Google.

Es sind nicht nur „physikalische Grundsatzfragen“, die Larry Page nicht versteht (wie er selbst zugibt). Man kann nur hoffen, dass Google einfach bleibt was es ist: Eine Suchmaschine, die mit Werbung Geld verdient. Ich glaube die Zukunftsprognose, dass Google genau das bleibt, ist jedenfalls weit wahrscheinlicher, als dass Google irgendein Problem der Menschheit lösen. Am wahrscheinlichsten ist wohl leider, dass wegen dieser völligen Unreflektiertheit von Zusammenhängen – der neoliberalen Weltsicht mit der fortschreitenden Zerstörung unserer menschlichen Lebenswelt (sozial und ökologisch) – die Optimisten aus Silicon Valley die größten Probleme der Menschheit erst schaffen werden.

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Transit

Die anerkannteste deutsche Integrationsforscherin Faroutan hat letzte Woche erklärt, dass die neue Selbstdefinition Deutschlands gerade gestaltet wird – mehr narrativ, erzählerisch als politisch. Und genau das irritiert die Politiker, die sich gerne nach der Meinung der Bürger richten mit ihren Parolen, um die Wählerschaft nicht weiter zu verschrecken. Doch ihre Widersprüche spiegeln die Widersprüche, die viele Menschen haben, weil sie eben widersprüchlich Gefühle gegenüber diesen neuen Veränderungen in der Welt haben, die diesmal direkt vor ihrer Haustür passieren. Sie reden also alle darüber, aber es lässt sich keine feste einheitliche Meinung bilden, wie sie sonst so schnell parat steht, um sich dann selbst links oder rechts davon einzuordnen. Die meisten Menschen sind eben NICHT Pegida-Anhänger (mit den schnellen grausamen Klischee-Weltbildern, die dumme Menschen immer schnell parat haben, weil sie völlig überfordert sind, es nicht aushalten Widersprüche auch mal zu ertragen, etwas neues draus zu gewinnen). Und so haben sie einerseits Angst und andererseits hegen sie empathische Gefühle für die Flüchtlinge. Einerseits wollen sie ihren Wohlstand nicht gefährden, andererseits stimmt es gerade junge Leute froh, dass etwas passiert, was aus der Starre und dem Egoismus heraus führt, uns zwingt uns jenseits von Sicherheit und Konsum Gedanken zu machen. Einerseits begrüßen viele die hochmotivierten zukünftigen Arbeitskräfte, andererseits empfinden viele eine Angst vor dem Islam, der sich mit Gleichberechtigung, Gewaltverzicht und dem uneingeschränkten und öffentlichen Bekenntnis zu demokratischen Werten als absolute Grundlage ihrer Religion oft schwer tut.

Faroutan schlägt als Stichwörter für eine zukünftige gemeinschaftliche deutsche Kultur die Parole vor: „Pluralität, Solidarität und Gleichwertigkeit.“ Und gerade den Aspekt der Gleichwertigkeit finde ich daran besonders interessant. Er ist für mich als Philosophin und Psychologin die Grundlage für unsere globale Zukunft. Doch wir brauchen eine neue Werteordnung für diese Gleichwertigkeit, die unabhängig ist von der nationalen Zugehörigkeit. Denn werten werden wir immer, die Aufteilung in gute und schlechtere Menschen ist eine psychologische Grundlage des Menschen, die Basis seiner Orientierung.

Ich habe letzte Woche schon darüber geschrieben, wie scheinheilig bzw. unreif wir aus Angst und Unsicherheit Menschen nach ihrer Herkunft bewerten, weil das bisher unserer Ordnung entsprach, die aber in der zunehmenden Globalisierung immer fadenscheiniger wird. So zieht niemand 2 Millionen deutsche Alkoholiker zur Verantwortung, die ihre Kinder körperlich und psychisch misshandeln, ihre Leben schwer schädigen und auch sonst unserem Krankheitssystem und Arbeitssystem soziale Schäden in einem riesigen Ausmaß zufügen. Wenn ein „Ausländer“ sich so verhalten würde, würden wir ihn sofort zur Verantwortung ziehen und allzugerne „nach Hause“ schicken. Wenn ein Ausländer die Bürgermeisterin Kölns abstechen würde, …

Vor welchem Hintergrund geschieht diese seltsame Ungleich-Wertung? Sie geschieht argumentativ und rechtlich auf der Basis, hier oder dort geboren zu sein. Und obwohl jeder weiß, dass wir nichts dafür können, wo wir geboren werden, machen wir Menschen dafür verantwortlich, als wäre es ihr eigenes Verschulden. „Sollen sie doch zurück gehen, woher sie gekommen sind, wenn sie sich nicht benehmen können“, ist wohl einer der Grundgedanken der Recht-fertigung für Ausweisung aus unserem Wohlstand, nicht nur der Pegida-Demonstranten. Doch was passiert mit all den Pegida-Demonstranten, die sich schlecht benehmen, Politiker mit dem Tod bedrohen, Hetzparolen schüren? Jedenfalls ruft niemand danach, sie auszuweisen. Doch ihr Verhalten hat blutige Konsequenzen, wie man in Köln sehen konnte.

Wenn ich diese seltsam stumpfen, dickbäuchigen, voll-tätowierten, schlechtgekleideten, biertrinkenden Hansel auf einer Pegida-Demonstration im Fernsehen sehe, die lauter hohlen Schwachsinn schreien und ihr Selbstwertgefühl mit Fahne-Schwenken aufputschen müssen, weil sie eigentlich zumeist ziemlich kleine Lichter sind in unserer Werteordnung, kann ich mir das psychologisch erklären – und empfinde doch auch gleichzeitig Ekel, Verzweiflung über die narzisstische Natur des Menschen, seine Ängstlichkeit, die so oft aus Dummheit und schlechter Erziehung entsteht.

Wenn ich lese, dass Asylbewerber im eigenen Lager Homosexuelle schickanieren, ethnische Vorbehalte mit Gewalt austragen, möchte ich irgendein politisches Mittel besitzen, sie so zu bestrafen, dass sie das nie wieder tun, dass sie lernen, das man das nicht tut, wenn man in einer Demokratie mit Wohlstand leben möchte. Ich würde sie gerne zusammen mit den dummen Pegida-Demonstranten in ein Erziehungsheim schicken, wo man ihnen das Denken der Gleichwertigkeit und genug Selbstreife beibringt. Erst dann sollen sie wieder das Recht bekommen, in unserem Land sich selbst frei zu entfalten.

Je älter ich werde, je mehr ich gereist bin und nachgedacht habe, umso mehr komme ich zu dem Schluss, dass man den Wert eines Menschen – egal welcher Kultur und Religion – am Maß der Selbstreife messen kann. Doch leider gibt es keine rechtliche Handhabe, um Menschen dazu zu zwingen ihr infantiles Handeln in ein erwachsenes, reifes umzuerziehen. Aber immerhin ist es für mich die Basis der Gleichwertigkeit, die ich gut und logisch begründen kann: Der Maßstab der psychischen Reife. Sie macht für mich den Wert eines Menschen aus. Ich habe Menschen, die auf diesem Gebiet hohe Anerkennung von mir bekommen, überall getroffen auf der Welt – und ich habe sehr viele Menschen, über die ich nur den Kopf schütteln kann oder die mich sogar wütend machen, in meiner unmittelbaren Nachbarschaft, mit deutschem Geburtsrechten versehen und deutschen Pässen, deutscher Schulbildung, deutschem Wohlstand. Und manchmal würde ich sie gerne in eine Transitzone stecken, weit weg von mir, oder zumindest an der bayrischen Grenze, wo sie sich dann ihre Freiheit und Selbstentfaltung erst wieder verdienen müssen mit Selbsterkenntnissen und Empathiefähigkeit. Aber genau dieser Wunsch bringt mich natürlich gefährlich nahe selbst ans Lager der Intoleranten heran. Immerhin weiß ich darum.

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Man stelle sich vor…

Man stelle sich vor: Wir haben 1,77 Millionen Menschen in unsrem Land, die auf Kosten der Gemeinschaft ihren eigenen Schwächen frönen. Sie üben körperliche Gewalt aus gegenüber anderen, vorzugsweise Schwächeren, ruinieren ihre Gesundheit, für die jedes Krankenkassenmitglied dann bezahlen muss, arbeiten schlampig, bringen durch ihr Verhalten im Jahr 10 000 schwerbehinderte Babys auf die Welt und traumatisieren durch ihr Benehmen noch weit mehr Kinder. Und all das wird von uns toleriert, ja mit Verständnis gefördert. Und weitere 8 Millionen Menschen in Deutschland verhalten sich ab und zu ähnlich.

Diese riesige Menschengruppe mitten unter uns, von der ich hier rede, sind weder Ausländer aus fremden Kulturen, mit absonderlichen Gebräuchen, es sind keine Mitglieder einer besonderen Sekte oder Krieger des Islamischen Staats. Es sind Alkoholiker und Menschen, die kurz davor stehen, welche zu werden. Von 80 Millionen Deutschen betrifft das 10 Millionen, also jeden achten Menschen. Auch wenn die Menschheit (und sogar viele Tiere) von je her Alkohol genießen, weil man sich dann toll fühlt, mutig, selbstbewusst, stark, wird ein moralisch gutes Leben, als Grundlage für unsere Existenzberechtigung in einem freien, demokratischen Staat, bei zu viel Alkohol immer schwieriger. Wir brechen den Staatsvertrag der demokratischen Gemeinschaft, auch wenn wir noch so tolle Leistungsträger sind. Denn wir geben zunehmend unsere Eigenverantwortung an ein Rauschmittel ab, werden oder sind schon halb oder ganz süchtig. Während ein halbes Glas Wein am Tag die Gesundheit sogar fördert, ist jeder Tropfen mehr schnell körperlich und sozial zerstörerisch.

Passend zum Ende des Oktoberfestes werden die aktuellen Zahlen zum Thema Alkohol veröffentlicht. Denn gerade Alkohol ist die gefährlichste Droge der Menschheit. Zum einen weil sie toxisch auf die Zellen wirkt, diese also mit ihren giftigen Molekülen zerstört. Zum anderen weil Alkohol so akzeptiert ist in der Gesellschaft, ja geradezu gefördert wird, durch das Image der Lebensqualität, des Gemeinsinns oder der Coolness. Während das Oktoberfest schon mal als die größte offene Drogenszene der Welt beschrieben wird, ist der Alltag, ohne besonderen Trinkanlass, eigentlich noch viel schlimmer.

Wir schreiben den Menschen Eigenverantwortung zu. Der Mensch hat nur ein gutes Leben verdient, wenn er sich im Griff hat, anstrengt, fleißig sein Bestes gibt. Gerade verlangen wir genau das von all den Zuwanderern. Es wird zur Grundlage für ihr Aufenthaltsrecht, ihre Motivation und ihr Benehmen ist der Schlüssel für ihre Integration, unsere Akzeptanz für ihr Hiersein. Doch selbst saufen wir uns millionenfach die Hucke zu. Sicher kann man im großen Leistungsdruck unserer Erfolgsgesellschaft dafür ein Grund sehen. Genauso ist Alkohol aber auch ein Grund für Versagen bzw. die Reaktion darauf.

Und die Angst zu versagen, dem großen Druck nicht mehr standzuhalten und dann durch die immer größeren Maschen des sozialen Netzes zu fallen, lässt uns wohl gleicher Maßen zum Alkohol greifen, wie es zur Ablehnung von Fremden führt. Das ist keine Anklage, sondern eine Beschreibung des Menschen bzw. vieler Menschen. Wir sollten also Mechanismen schaffen, Werte, Gesellschaftssysteme, in denen die Möglichkeiten für gesunde Eigenverantwortung wieder gefördert und die Angst zurück gedrängt wird. Das wäre gut für unsere Gesundheit und gegen unsinnige Vorbehalte gegenüber Fremden. Dazu muss sich jeder fragen, wie er in das Gefühl der Angst und des großen Drucks geraten ist, mit dem wir uns durch Schnaps und einfachen Parolen Erleichterung zu verschaffen suchen. Und wie ließe sich mehr Selbstwirksamkeit im eigenen Leben verschaffen, weg von zu hoch gesteckten Erwartungen, zu großen Ausgaben und anderen falschen Träumen und Selbstlügen. Wie ist es möglich in einer guten Gemeinschaft aufgehoben und anerkannt zu sein – ohne Alkohol und Angst vor sonstigen Abstürzen? Nur so können wir den Maßstab, den wir zu recht an neue Mitglieder unserer Gesellschaft anlegen, anlegen müssen, selbst gerecht werden. Denn die Bedrohung für unsere Lebensweise kommt weit weniger von außen. Sie ist durch den wachsenden Leistungsdruck lang schon mitten unter uns.

Der Attentäter von Köln ist jemand, der durch übermäßigen Alkoholkonsum aufgefallen ist.

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Luxus Menschenrechte

Angela Merkel hat diese Woche gesagt, der Zustrom der Flüchtlinge ist nicht aufzuhalten. Doch noch mehr als mit der Unsinnigkeit eines 3000 km langen Zauns, ist diese Aussage mit den Menschenrechten zu begründen. Sie sind die Basis für unser Zusammenleben, für unsere Gesellschaft und Kultur. Sie sind auch die Basis für unseren Wohlstand. Und diese Menschenrechte verpflichten uns nunmal Kriegsflüchtlingen zu helfen. Schon die Abschiebung von Elendsflüchtlingen ist dabei schwierig zu argumentieren.

Leider vergessen die Politiker viel zu oft, dass die Menschenrechte nicht nur für ihre eigenen Länder gelten, sondern für alle Menschen. Und so werden die Machenschaften großer Firmen demokratischer Staaten in fremden Ländern nicht bestraft. Während man sich zu Hause noch halbwegs an die Menschenrechte hält, werden fremde Länder und Menschen zu bloßen „Viehzeug“, Material oder Konsumenten herabgestuft, mit denen man machen kann, was der Gewinn so hergibt.

Die jetzt zerfallende arabische Welt war für den Westen nie mehr als ein Öllieferant. Diktatoren, die die Energiezufuhr für unser Wohlstandleben garantierten, wurden unterstützt, egal was sie ihren Untertanen antaten, egal ob sie ihre Länder verelenden ließen. Das gleiche gilt für die meisten afrikanischen Staaten. Da die Regierungen dieser Staaten, die Menschenrechte nicht einhalten, war die Ausbeutung einfacher, kein selbstbewusster Wohlstandbürger widerspricht.

Doch das Elend nimmt zu. Und nun ist es an einem Punkt angelangt, dass es zurückschlägt, den Westen überrollt. Jeder der sich über die Flüchtlingswelle beschwert, muss wissen, dass der eigene Wohlstand, die großen Gewinne der eigenen heimischen Firmen, genau auf dem Rücken dieser armen Menschen entstanden ist, in deren Herkunftsländern unsere Firmen mithilfe korrupter Regierungen die Menschenrechte mit Füßen treten.

Es gibt gerade eine weitere Stufe und noch viel schlimmere Entwicklung in diese Richtung. War bisher die Ausbeutung von Rohstoffen im Interesse der Märkte, sind es mittlerweile Nahrungsmittel. Seit der letzten Finanzkriese von 2008 hat das viele billige Geld die Landwirtschaft erreicht. In den armen Ländern werden tausende Kleinbauern enteignet, vertrieben, Urwälder werden abgeholzt. Das Land wird den Konzernen zum Anbau vor allem von Palmöl zur Verfügung gestellt. 40% Gewinn ist dort noch zu machen. Selbst die kommunistische Insel Kuba wird gerade von den Großinvestoren der Landwirtschaft überrannt, die von der ersten politischen Öffnung sofort kapitalistisch profitieren wollen.

Der Film „Landraub“, der diese Woche in den Kinos anläuft, erzählt von zukünftigen Flüchtlingswellen der Verelendeten, der Enteigneten, gegen die die heutigen wie eine kleine Wanderung anmuten. Es ist völlig klar: Wenn man nichts gegen das Elend in den korrupten Ländern tut, sie weiterhin der Gier der Kapitalmärkte und Diktatoren überlässt, werden wir immer mehr überrollt von den Elenden dieser Welt. Unser Wohlstand ist durch ihre Ausbeutung entstanden – und das rächt sich jetzt und bedroht unseren Lebensstandard.

Entweder müssen wir zukünftig noch weiter unterscheiden zwischen uns, den Menschen, die verdient haben, im Reichtum zu leben und denen anderen, die wir zurück schicken, bzw. gar nicht mehr rein lassen. Doch auf der Grundlage der Menschenrechte lässt sich das jetzt schon schwer begründen. Oder wir müssen etwas tun gegen den Großkapitalismus, gegen die Gier der Geldmärkte. Das Elend nimmt zu, je weiter wir auf Wirtschaftswachstum setzen, je weiter wir uns verschulden, um unseren Lebensstandard zu halten, mit dem Geld von Banken, die die Armut in dieser Welt immer weiter voran treibt.

Das eigentliche Problem ist nicht Syrien oder Afrika. Das Problem ist der ungebremste Kapitalismus, ob er nun Öl braucht oder Palmöl produziert. Er schafft immer größere Probleme, die unsre Umwelt und unsere Sozialsysteme vielfältig zerstören. Immer mehr Kinder werden geboren, um die Familien sozial abzusichern, immer mehr Nahrung wird gebraucht, immer mehr Umwelt wird zerstört, immer mehr Arme machen sich wegen der Perspektivlosigkeit auf den Weg in den Norden. Dieses System nützt 1% der Menschen, die so reich werden, dass es für sie kein Maß mehr gibt. Sie besitzen so viel wie der Rest der Menschheit zusammen. Warum lassen wir uns das gefallen? Wann kommt jemand, der sich nicht mehr kaufen lässt in der Politik, dem die Welt und ihre Menschen wichtiger sind? Wie groß muss die Bedrohung vor unserer Haustür werden? Immerhin ist sie jetzt endlich vor unserer Haustür zu sehen. Aber ist das gut? Was sicher ist: Nur das Elend vor der Tür kann die Wende bringen. Dazu muss man aber den wahren Feind kennen. Das einzige, was sicher ist: Nationalistisches Gebrüll ist der falsche Weg. Mit nationalistischen Hochgefühlen werden dumme ängstliche Bürger abgespeist, damit die Mächtigen und Reichen weiter ihre Vorteile vertreten können. Sollen sich doch „die da unten“ gegenseitig die Hütten abbrennen und Köpfe einschlagen. Das lenkt willkommen ab von denen, die ihren Gewinn genau daraus ziehen.

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Gute Menschen

In der Geschichte vom „Guten Mensch von Sezuan“ hat Brecht drei Götter auf die Erde geschickt, weil die Klagen der Menschen so unüberhörbar laut im Himmel zu hören sind und den Frieden dort oben stören. So suchen die Götter nun einen einzigen guten Menschen auf der Erde, um ihm ein wenig bei seiner Arbeit zu helfen, um sich dann wieder zurückziehen zu können. Sie schenken einer guten Frau einen Teeladen und verdrücken sich. Doch dieser Laden wird von all den Elenden bald überrannt und ausgebeutet. Und da die Frau ja gut ist, kann sie die Elenden natürlich nicht abweisen. Am Ende sind alle arm und ratlos, auch die Götter.

Mal davon abgesehen, dass es vielleicht nicht ganz ungerecht ist (im Großen und Ganzen Zusammenhang) ein paar reichen Firmenkonsortien die Immobilien zweckzuentfremden (schließlich ist die Armut vieler Flüchtlinge die Grundlage für den Reichtum der westlichen Großhandelsketten, besonders auch der Baumärkte), stoßen wir an die Grenzen unserer demokratischen Werte, durch zu viel und zu schnell hereinbrechendes Elend. Hartnäckig stellt sich die Frage: Welche Menschen wollen wir in unserem Land haben? Die schnelle Antwort darauf ist: Menschen, die unsere demokratischen Werte leben. Doch jetzt wird es schon schwierig. Denn eigentlich müssten wir dann auch alle Deutschen ausweisen, die sich in ihrem Denken und Verhalten gegen die Demokratie stellen und alleine das wäre schon undemokratisch.

Die Ungerechtigkeit bleibt also von vorneherein bestehen: Es ist reiner Zufall, in welches Land wir geboren werden. Und während die einen sich schlecht benehmen und trotzdem am Wohlstand und an der freien Entfaltung teilhaben dürfen, ertrinken gute, friedliche Menschen im Mittelmeer. Und: Wir können keine guten Menschen mehr sein, jedenfalls nicht mehr für alle.

Es scheint, dass unser moralisches Empfinden mit der Realität nicht zusammenpasst. Wir würden gerne allen die gleiche Chance zugestehen. Aber wir können nicht alle Flüchtlinge aufnehmen – alleine weil das die Demokratie, also die Grundlage des Guten, gefährdet (auch für Grüne und Linke Politiker). Also muss man leidende Menschen abweisen und bei den immer noch vielen anderen ein Auswahlverfahren einführen, dem sich unsere eigenen Bundesbürger niemals unterwerfen mussten.

Und wonach wählen wir aus, wenn theoretisch alle das Recht auf Asyl hätten? Nach Ausbildung, Alter und Motivation. Und was wird, wenn wir genug Motivierte, gut Ausgebildet und Integriert haben, wenn unser Arbeitsmarkt wieder gesättigt ist, alle Ausbildungsstellen besetzt sind? Der Zustrom wird nicht abreißen. Selbst wenn in Syrien je wieder Frieden herrschen sollte, ist Afrika voll von Menschen, die nach Europa wollen. Wie wählen wir dann aus? Die USA haben ein Bewerbungsverfahren für ihre Greencard. Trotzdem kommen weiter Tausende illegal in die USA aus Südamerika.

Plötzlich müssen wir alle die Verantwortung tragen, für das seit hundert Jahren mit eigenen wirtschaftlichen Interessen geschaffene Elend, das uns heute überrollt. Plötzlich versuchen unsere Politiker hektisch Perspektiven in den Ländern zu schaffen, die bisher nur Spielbälle waren, ausgebeutet nach dem Recht des Stärkeren. Doch je schwächer ein Staat und seine Institutionen sind, umso mehr Kinder bekommen die Menschen in diesem Staat, da die Familie das einzige Sozialsystem ist, die einzige Unterstützung liefert – und genau das führt wiederum zu immer mehr Korruption, denn die eigene Leute bevorteilt man natürlich genau deshalb zuerst, sobald es was zu holen gibt. Und das führt wiederum zu Armut und Perspektivlosigkeit und Frust – und zu immer mehr Heranwachsenden, die in diesen Zuständen leben. Wie will man das plötzlich ändern? Jedes Sozialsystem würde sofort von der Korruption unterwandert, wie in Brechts Theaterstück. Jeder Aufstieg wird aber genau von dieser Korruption verhindert… „Return of misery“, dieses Theaterstück des Alltags werden wir sobald nicht mehr absetzen können, von unserem Spielplan.

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Warnung vor dem bissigen Flüchtlingskind

Mein Blogbeitrag von letzter Woche hat wohl zu einem Missverständnis geführt, dass ich hier unbedingt aufklären möchte. Er war eindeutig gegen die selbstgefällige intellektuelle Selbstdefinition der meisten Journalisten gewendet und gegen die großen Worte der Politiker, die bisher wenig Taten vollbracht haben – und nicht gegen die Flüchtlinge. Ich glaube, das dürfte auch durch meine Beiträge der letzten Wochen klar sein. Dennoch habe ich sofort und erschreckender Weise von „rechten Strömungen“ Zuschriften erhalten, die mich auf unglaublichen Schwachsinn im Netz aufmerksam machen wollten – wohlgemerkt: wohlgesonnen – um Ängste zu schüren und völlige Falschmeldungen über das Flüchtlingsthema zu verbreiten.

Erschreckend fand ich auch die prompte Reaktion einer langjährigen Bekannten, noch dazu einer Ärztin und Mutter dreier Töchter, die mir schon häufiger versucht hat, solche zum Teil falschen und auf jeden Fall hetzerischen Informationen unterzujubeln, obwohl ich sie mehrfach gebeten hatte, mich von ihrer Verteilerliste zu nehmen. Das muss man sich vorstellen: Ein Mensch, der einen hippokratischen Eid geschworen hat und ständig von der Gefahr für ihre eigenen Kinder spricht, als Krankenhausärztin laut Verdiensttabelle (und privater Auskunft aus meiner Familie) über 8000 Euro im Monat verdient, genauso wie ihr Mann, der ebenfalls Chirurg im Krankenhaus ist, dass so jemand behauptet, es kämen 5 Millionen Flüchtlinge, wir würden alle dem Islam unterworfen und steuerlich enteignet, wegen der Flüchtlinge… Sie wäre wohl selbst die erste, die aus einem Land fliehen würde, das Bomben auf die eigenen Leute wirft, gerade wegen ihrer Kinder und sie wäre wohl verdammt froh, wenn in einem anderen Land jemand ihren Töchtern zu essen geben würde, ihnen ärztlich Hilfe gewähren würde und ihr und ihrer Familie Hoffnung geben würde, ihren Töchtern eine gute Bildung verspricht.

Offiziell, diese Woche veröffentlicht, sind dieses Jahr etwas mehr als 500 000 Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Auch wenn das viele sind und noch mehr kommen werden: Nach dem 2. Weltkrieg waren es 15 000 000 Millionen. Auch wenn es eigentlich Deutsche waren, haben die ansässigen Deutschen sie genauso abgelehnt und als fremd empfunden wie „Ausländer“. 2 von diesen 15 Millionen waren meine beiden Eltern. Sie haben sich ein Leben aufgebaut, meine Mutter, schwer traumatisiert ein Leben lang von der Flucht als Kleinkind, ist, so lange sie lebte, ihre psychischen Probleme nicht losgeworden. Ich habe mein Buch „Ich, Rabentochter“ darüber geschrieben (eben über dieses Buch hat sich die erwähnte Ärztin damals bei mir gemeldet, tief gerührt von meiner Familiengeschichte). Ich selbst hatte in diesem Land professionelle medizinische Hilfe für die Spätfolgen des Krieges, die meine Generation weitreichend betrifft. Das Thema der Kriegsenkel ist gerade aktueller denn je.

Ich konnte studieren, als Tochter von ehemals bettelarmen Flüchtlingen, an zwei der besten Universitäten Deutschlands, ohne etwas dafür zu bezahlen. Ich konnte mir ein freies und erfolgreiches Leben aufbauen, mit Krankenversicherung und im Vertrauen auf unseren Rechtsstaat. Ich habe dann einen Ausländer geheiratet, dessen Familie aus Marokko nach Frankreich eingewandert war, der innerhalb von 6 Monaten perfekt Deutsch sprach und eine Firma mit über 150 Arbeitsplätzen aufgebaut hat. Sein Vater war einfacher Arbeiter, ein Leben lang am Fließband. Es kann also überhaupt keine Verwechslung der Fakten geben: Ich halte Zuwanderung für ein absolutes Erfolgskonzept. Und wenn ich auch glaube, dass es nicht so einfach wird, dass unsere Politiker dringend handeln sollten und uns Journalisten mit ihrer moralischen Selbstbespiegelung „wie wir uns als Deutsche sehen sollten“ keinen Gefallen tun (sondern nur sich selbst darstellen – moralische Aufrufe haben noch niemals irgendwas gebracht, sie sollten lieber Fakten nennen und beschreiben), glaube ich fest daran, dass wir die aktuellen 500 000 und bestimmt auch noch viele mehr aufnehmen können.

Es kommt auf die Mechanismen an, diese Menschen erfolgreich zu integrieren, sie zu fördern aber auch zu fordern. Das kann ich als Psychologin fundiert behaupten. Und eben auch die, die ihre falschen Vorstellungen nicht in selbständige Eigenverantwortung wandeln, müssen ermahnt werden und dann auch zurück geschickt werden, besonders wenn sie unsere Errungenschaften der Gleichberechtigung und religiösen Toleranz nicht leben. Dass Menschen Träume haben und sich die Welt schöner malen als sie ist, das ist normal. Wie oft habe ich als Psychologin auch von Deutschen schon gehört: Das habe ich mir nicht so vorgesellt, wenn ich das gewusst hätte… Wir haben Hoffnung und Phantasie als Schutzmechanismen der Psyche bekommen. Sie lassen uns neue Wege gehen, in der Sehnsucht auf Erfolg. Die Realität sieht dann oft anders aus. Aber deshalb kann man sie trotzdem bewältigen. Als jemand, der selbst lebenslang mit den Spätfolgen des Krieges kämpft, bin ich trotzdem meinen Eltern und Großeltern dankbar dafür, dass sie mich in ein Land geboren haben, wo ich immerhin Chancen hatte, das Beste daraus zu machen. Es gibt Menschen in meiner Familie, die haben es nicht so gut geschafft, haben diese Chancen nicht nutzen können. Warum das so ist, ist ein Thema (das Thema der Willensfreiheit), das mich ein Leben lang zum Nachdenken gebracht hat. Es ist das Thema der Gerechtigkeit, die es niemals geben wird und die man doch ein großes stück weit gesteuert verbessern kann. Es wird sich jetzt wieder an tausenden Einwanderern zeigen, von denen mit Sicherheit viele ihre Chancen nutzen werden, Erfolgsgeschichten schreiben werden, trotz Traumatisierung. Und einige werden es nicht schaffen, in sozialer Abhängigkeit und religiösem Wahn verhaftet bleiben. Die Frage ist: Hätte mein Leben den Bach runter gehen sollen, weil es andere (selbst aus meiner Familie) nicht geschafft haben?!

Hier also die Warnung an alle, die mich noch mal falsch verstehen sollten oder mich gar für ihre Hetzpropaganda einspannen wollen: Das nächste Mal zeige ich sie an, bei den Behörden und bei ihrem Arbeitgeber. Das möchte ich unmissverständlich klar machen. Es wäre nicht das erste Mal, dass ich das tue und es ist definitiv die letzte Warnung!

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Fake und Fakten

Manchmal hat man ein Thema so über, dass man – obwohl es das aktuelle und zukünftige Geschehen bestimmen wird, wie kaum etwas anderes, nichts mehr darüber hören möchte – außer Fakten. Mir geht es gerade mit dem Flüchtlingsthema so. Jeder Journalist muss einen besonders klugen Essay darüber schreiben, wie weit wir alle Flüchtlinge sind, es Flüchtlinge schon immer gab oder was das alles für unsere Gesellschaft, Moral und Europäische Werte bedeutet. Ich habe keine Lust mehr dieses neunmalkluge Blabla zu lesen, wie wir Deutschen uns jetzt selber sehen und gesehen werden. Ich möchte gerne nur noch hören, wie viele Gesetze konkret vom Bundestag und Rath verabschiedet wurden, um die Bürokratie endlich zu beschleunigen, was die Wirtschaft getan hat, um den händeringend gesuchten Arbeitskräften Deutsch und Fachkräftewissen beizubringen. Ich möchte wissen, woher bezahlbare Wohnungen für all die Flüchtlinge kommen (und dabei vielleicht auch für die Deutschen) und wie viele Menschen wo in Deutschland erfolgreich integriert wurden.

Bisher sind 46 Flüchtlinge erfolgreich in Lohn und Brot gebracht worden und 13 Auszubildende haben in deutschen Betrieben angefangen. Bei 1 000 000 Flüchtlingen dieses Jahr ist das beängstigend wenig.

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Old New York Teil III

Letztes Wochenende war ich in den Hamptons, dem Sylt der USA. In East-Hampton saß ich am Strand-Büdchen und aß (aus Mangel an Alternativen) ein Soja-Jogurt-Eis (in Sachen Ernährungswahn sind uns die Amerikaner immer noch einen Schritt voraus. In meinem Lieblings-Coffee-Shop gab es 4 verschiedene Milchoptionen und von vegan über glutenfrei alles an Müsli, was das moderne essgestörte Herz begehrt). Der Montag nach diesem Wochenende war der erste Montag im September und somit traditionell der „Labor Day“, der Feiertag der Arbeiter. Dieses verlängerte Wochenende ist das offizielle Ende des Sommers in den USA. Die Familien kehren aus dem Hamptons in die Stadt zurück, die Väter hören auf zu pendeln, zwischen der City (unter der Woche) und ihrer Familie in den Hamptons (am Wochenende). Jeder, der sich dort irgendwie ein Häuschen leisten kann, verbringt dort möglichst viel Zeit, um der schwülen Hitze in New York im Juli und August zu entgehen (meist über 32 Grad Celsius).

In New York kann man ganz andere Häuschen besichtigen, im sogenannten „Tenement-Museum“ in der Lower East Side. Dort wurden im 19. Jahrhundert (gegen das große Elend der vielen Zuwanderer) erste Mietshäuser errichtet, in der heuten so schicken typischen Backstein-Eisenfeuertreppen-Optik. In diesen ca. 15 m breiten und 5 Stockwerke hohen Häusern lebten auf jeder Etage 4 Familien, jede Familie hatte ca. 30 m2 zur Verfügung: Eine winzige Küche mit fließend Wasser (ein totaler Luxus zu dieser Zeit), ein winziges Zimmer zur Straße (das einzige mit Fenster) und eines zum Schlafen (ohne Fenster). Dazu kam 1/2 Klo, also ein Klo für je zwei Familien pro Etage. Das war Vorschrift. So lebten also auf 30 m2 oft zwei Eltern mit 2-6 Kindern. Und im ganzen Haus bis zu 120 Personen!

Die Lower East Side hieß 1840 auch „klein Deutschland“ und New York war die 3. größte deutsche Stadt. Die Nachfahren der damaligen Einwanderer (nach den Deutschen wohnten dort vor allem osteuropäische Juden, dann Italiener, dann auch Chinesen) sind heute alteingesessene Amerikaner. Viele haben erfolgreiche Leben vorzuweisen, Firmen gegründet oder Geschäfte, lehren an Universitäten. Sie sprechen meist nicht mehr die Sprache ihrer familiären Herkunftsländer, sie sind Amerikaner, mit einem blauen Pass, dem Sehnsuchtsdokument so vieler Menschen.

Eines dieser Häuser wurde unverändert seit den 30er Jahren (der Zeit der letzten großen Einwanderer-Welle) zurück gelassen. Der Besitzer war nicht mehr bereit, nach den neusten Vorschriften zu renovieren und so wurde das Haus verschlossen und vergessen und heute ist es ein Museum, durch das man sich führen lassen kann, in kleinen Gruppen. Man kann an den Schichten der Tapeten die Schichten der Zeit und der Einwanderer Wellen begutachten, die unvorstellbare Enge und hygienischen Bedingungen. Man kann sogar die Fotos einiger ehemaliger Bewohner bewundern und die, ihrer Nachfahren.

Die Frau, die uns durch die Räume des Hauses führte, war selbst Asiatin, die Nachfahrin eingewanderter Chinesen. Sie fragte uns am Ende der Runde, woher wir kommen. Ich war die einzige Deutsche. Und eine der älteren Besucherinnen (eine Rentnerin aus Texas) fragte mich auf dem Weg nach draußen, ob ich von der massiven Einwanderer-Welle gehört hätte, die am Wochenende über Deutschland hereingebrochen war. Nein hatte ich nicht. Ich war ja in den Hamptons, wo am Arbeitertag, die erfolgreichen Einwanderer von damals ihren Erfolg feiern, in ihren teuren Strand-Häusern. Und ich überlegte mir auf dem Rückweg, ob wir wohl auch eines Tages so ein Museum haben werden, in dem staunende Besucher durch die gestapelten Container der jetzigen Asylantenheime geführt werden und sich fragen: Wie haben die das ausgehalten, mit welchen Hoffnungen sind sie gekommen, was ist aus ihnen und ihren Nachfahren geworden? Und die Nachfahren vieler Syrer und Afrikaner sitzen dann vielleicht gleichzeitig in ihren Ferienhäusern auf Sylt und genießen ihren wohlverdienten Wohlstand, den sie und ihre Vorfahren sich hart erarbeitet haben, nachdem ihnen ein neues Land eine Chance dazu gegeben hat.

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Old New York Teil II

Deutschland und die USA haben zurzeit (und wohl auch darüber hinaus) ein gemeinsames Problem: Die Zuwanderer aus armen Ländern, sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge oder Wohlstandsasylanten. In den USA kommen sie aus Latein-Amerika. Bei uns aus dem ehemaligen Jugoslawien und Afrika. All diesen Menschen ist eines gemein: Die Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit in ihren Heimatländern.

In New York hat jedes Restaurant oder Café typischer Weise vor dem Lokal eine Zulieferungsluke im Boden auf dem Gehsteig: Zwei Metalltüren mit einer Treppe darunter, die in den Keller führt, wo die Lebensmittel und Getränke lagern. Aus diesen Luken kommen, wie aus einer Unterwelt, jede morgen unzählige Hispanios hervor, wenn die Naturalien angeliefert werden und nehmen sie in Empfang. Auch in den riesigen Trucks oder in den Müllwagen sitzen neben den Afroamerikanern unzählige Hispanios. Auf den Baustellen (New York ist eine einzige Baustelle – irgendwo muss das viele Geld ja hin) findet man sie und gerade wenn man in Manhattan ist, hat der Unterschied der zarten schlanken gepflegten Investmentbanker-Frauen zu den groben verdreckten Arbeitern eine physische Präsenz:
Zwei Welten, von denen man fast schon annehmen kann, dass sie nicht mehr einer menschlichen Rasse angehören. Die einen verdienen oft nicht mal den offiziellen Mindestlohn, bekommen, im Gegensatz zu europäischen Asylbewerbern, keinerlei Hilfe vom Staat. Doch es gibt unzählige illegale Jobs für sie, ohne Schutz und ohne Rechte werden sie hier ausgebeutet. Die anderen geben in den teuren Geschäften tausende Dollar auf einmal aus, für Luxus-Gegenstände. Oder auch nur 20 Dollar für ein Frühstück (so wie ich selbst jeden Morgen hier).

Und wie in Europa hat keiner eine Lösung dafür. Ein paar Republikaner (allen voran Donald Trump) und CSUler (allen voran Horst Seehofer) machen für sich Wahlwerbung, indem sie versprechen, all die Illegalen raus zu werfen, oder wenigstens ihren Zuzug zu stoppen. Aber eigentlich werden sie auch gebraucht, sichern den Wohlstand der Oberschicht als billige Haushaltshilfen, Restaurantarbeiter, Handwerker. Ihre Herkunftsländer sind von Korruption durchsetzt, bis in die politische Führung hinein. Das wird sich nicht ändern, es hat Tradition, es ist dort Teil der Kultur seit Jahrhunderten.

Erschreckend ist für mich: Selbst die USAler mit all ihrem „Machbarkeitswahn“, mit ihrem „wir werden mit Big-Data alle Probleme lösen“ haben für dieses Problem keine Lösung. Niemand hat einen Ausweg, alle wissen, dass man (diese) Menschen nicht stoppen kann, in ihrem Streben ihr Leben zu verbessern. Hoffnungslosigkeit ist, genauso wie Krieg, nicht zu ertragen (und selbst im Krieg gibt es wenigstens noch die Hoffnung, dass er endet und dann alles gut wird).

Und viele bekommen Kinder, in der Hoffnung, diese werden es dann besser haben und um irgendeine Zukunft zu haben. Das gilt für die Wohlständigen, wie für die Illegalen: Die große Hoffnung liegt auf den Kindern, die schon irgendeine Lösungen finden werden. Doch sie bleiben nicht Kinder, sie werden Erwachsene, die keiner haben will, die nur gut ausgebildet gewollt sind, die das Klima erwärmen und die eine Hoffnung auf ein besseres Leben haben wollen, zur Not einfach nur mit eigenen Kindern – und wenn nicht, hält sie keine Grenze, kein Zaun und Meer auf. Ich bin gespannt, wann Donald Trump damit anfängt, den Armen das Kinderkriegen zu verbieten.

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Old New York

Nach zwei Jahren halte ich mich wieder mal in New York auf. Man denkt ja, diese Stadt, die angeblich nie still steht, müsste sich in 24 Monaten runderneuert haben. Aber so ist es nicht. Es existieren immer noch dieselben Geschäfte. Selbst mit meiner aufgehobenen und stolz im Geldbeutel herumgetragenen Sammelkarte für Kaffee (nach 10 bezahlten bekommt man einen frei), konnte ich in meinem Lieblingscafé einfach weiter machen, als wäre nichts geschehen. Was teuer war, ist teuer geblieben. Ein paar neue sehr teure Hochhäuser sind dazu gekommen (bzw. wachsen gerade in den Himmel). Einige spektakulär, viele langweilig banal: Unästhetische Investorenarchitektur.

Das neue World Trade Center ist fertig und man kann mit einem Aufzug hochfahren. Im Aufzug sieht man virtuell New York entstehen, vom Sumpfland über die ersten Häuser und ersten Wolkenkratzer bis hin zum heutigen Freedom Tower (wie das neue WTC ja jetzt heißt). Dann kommt man oben an und steht erst mal im dunkeln und dann gibt es einen Trommelwirbel und eine Wand fährt hoch und man hat den ersten Blick auf die City: Viel Tam Tam gegen die Enttäuschung. Klar ist es schön, wieder von so hoch oben einen Blick auf die Stadt zu haben, aber es ist eben weder so hoch, noch so schön wie vorher. Ein Schnell-Imbis und dichtes Gedränge ersetzen nicht die „Windows of the World“.

Das neue Whitney-Museum ist fertig, im wirklich schönen Meatpacking-District (für uneingeweihte: Links auf der Manhattan-Halbinsel, Mitte-unten am Hudson-River). Soll spektakulär sein, von Piano Renzo, alle feiern es. Ich weiß nicht so genau wieso (vielleicht weil man sowas feiern und toll finden muss). Es ist ein etwas verschachtelter Bau, eingequetscht zwischen wiederum entstehenden teuren neuen Wohngebäuden, mit viel Alu außen, mehr aus den 80ern als von heute. Jeder Museumsbau in den kleinen Städten von Österreich (Graz, Salzburg) ist eigentlich besser. Die Eröffnungsausstellung („Amerika is hard to see“) zeigt alle amerikanische Kunst des letzten Jahrhunderts. Naja, das Museum Brandhorst im München hat zum Teil bessere Stücke von den Künstlern.

Vielleicht bewahrheitet sich hier in Manhattan das, was sonst immer nur theoretisch dahingesagt wird: Geld tötet Kreativität. Alles hier scheint etabliert und gesetzt und gesättigt – sicher auf höchstem Niveau. Aber das macht es auch nicht besser. Die Menschen, die rum laufen, versuchen Erfolg auszustrahlen (eine Hochburg des positiven Denkens). Die erfolgreichen (nach New Yorker Maßstab) fliegen darüber hinweg mit ihren Helikoptern. Im Frankfurter West-End gehen genau die gleichen Elite-Spießer morgens in ihre Banktürme-Büros, wie hier. Ich kann nicht drum herum reden: Manhattan steht still, im uniformen hippen Bar- und Restaurantstyling. Die Datenanalysen von Google und co. haben hier anscheinend voll eingeschlagen. Alle französischen Restaurants sehen gleich perfekt französisch aus, alle italienischen gleich italienisch etc.

Ich werde mir mal die nächsten Tage die neuen hippen Viertel in Brooklyn anschauen. Mal sehen, ob dort vom Geist dieser Stadt noch was zu finden ist.

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Die Unberechenbaren

Jedes Jahr sterben über eine Millionen Menschen – weltweit – im Straßenverkehr. Mehr als in den aktuellen Kriegen. Schweden hat daher schon 1997 das Gebot der „Vision Zero“ ausgerufen: 0 Verkehrstote. Andere Skandinavier ziehen zunehmend nach mit ihren Sicherheitsmaßnahmen, aber auch New York u.a. große nordamerikanische Städte sind gerade sehr interessiert und holen sich Rat. Zum Teil werden die Straße umgebaut, Geschwindigkeiten begrenzt, unzählige Blitzer aufgestellt. Das System übernimmt jetzt die Verantwortung für unser Leben auf den Straßen – denn nicht nur Kinder sind (noch) zu dumm, um sich an die Regeln zu halten. Zukünftig wir automatisch die Atemluft des Fahrers nach Alkohol untersucht und das Handy stellt sich aus, sobald wir im Auto sitzen – ob wir wollen oder nicht. Ob das alles die „freie Fahrt von freien Bürgern“ in Deutschland je einschränken wird, hängt wohl von Druck der EU ab, die auch erste Schritte in Richtung dieser Fremdbestimmung der Bürger zu ihrem eigenen Schutz unternimmt.

Jeder kennt jemanden, der bei einem Verkehrsunfall umgekommen ist – oft eben auch junge Menschen. Es sind sinnlos verschwendete Leben. Und es ist nun mal so: Wir tun nicht das, was vernünftig und das Beste für alle wäre, sondern dass, was unserem Selbstwertgefühl gut tut: Rasen, Alkoholpegel unterschätzen, wichtig und amüsiert herumtelefonieren. Das Auto ist das verlängerte Ich, das Fahrrad für viele mittlerweile auch (nur dass Fahrradfahrer aus mangelndem Schutz eben mehr abbekommen bei Unfällen). Also was ist dagegen einzuwenden, dass nun hart durchgegriffen wird, dass unsere Daten aus unseren Autos immer mehr ausgewertet werden und das eben auch für unsere Sicherheit?

Immer mehr werden wir von Algorithmen organisiert und „das Menschliche“ in uns wird zunehmend zum Störfaktor im perfekten Maschinengetriebe, das es gilt auszumerzen: Alles, auch der letzte Rest Unlogik in uns, soll berechenbar oder ferngesteuert werden. Angeblich wird unser Leben dadurch völlig anders sein in Zukunft: angefangen bei einer geplanten Zeugung, einer überwachten Kindheit, globaler Internet-Universitäten, unsere Liebessuche auf den Onlineportalen, unserer Krankenversorgung und Mobilität. Auch alle Berufe werden sich ändern, bis hin zur Restverwertung im Alter und zum Tod. Unsere Schuhe, Rasierer, Kühlschränke, Lernmittel, Küchengeräte, Unterhaltungsgeräte, Lichtquellen, Hygieneartikel und Autos: alles wird vermessen und vermisst uns. Von Alpha bis Omega gehören wir alle bald den großen Internetfirmen, die uns über unsere Daten steuern, unsere Verhaltensbiologie und Bequemlichkeit zu ihrer Gewinnmaximierung machen – oft unter dem Vorwand der Sicherheit und Gesundheit und Optimierung des Lebens. Und aus den Daten werden immer neue Berechnungs-Module und Technik entstehen. Von vielen dieser Überwachungen und Fernsteuerungen bekommen wir nichts mit – heute schon. 7 Milliarden Biomaschinen werden bereits analysiert und neuprogrammiert. Doch wozu? Angeblich um alles Leid zu eliminieren (wie die Internetgiganten behaupten).

Aber ist diese Fremdbestimmung nicht das größte Leid, was den Menschen zustoßen kann? Was wäre schlimmer, als dass Ingenieure mit ihrer Vorstellung von Richtig und Falsch, Gut und Schlecht, ihrem neoliberalen Leistungs- und Effizienzdenken die Menschen bestimmen?! Oder müssen wir nun alle zu energiesparenden, gebildeten Vernunfts-Menschen zwangsbekehrt werden, damit dieser überbevölkerte Planet weiter bestehen kann? Wird unser (ungerechtes) Schicksal weiter neutralisiert, durch das Aufheben von Zufällen, Unfällen, Kasten und Beschränkungen, weil man mit dem Netz heute alles selbst wissen, sein und verändern kann? Können wir mit dem Netz nicht doch endlich Menschen finden, die zu uns passen, oder welche, die unsere Produkte kaufen? Befreit uns das Netz nicht von der Ungerechtigkeit unseres Umfeldes bei unserer Geburt oder den Fehlern der anderen (betrunkener Autofahrer, schlechter Ärzte, voreingenommener Lehrer, unzureichender Singles etc.)?

Es gibt in der Philosophie seit einigen Jahren den sogenannten „realistic turn“, die Überprüfung der Theorie an der Realität – sowohl von ihrer Wahrheit als auch von ihrem Sinn und Zweck in der Lebenswelt (viele Theorien sind ja völlig gescheitert in der Realität, z.B. der Marxismus oder Idealismus). Wir können also auch die wilden Theorien über „Gut“ und „Böse“ des Netzes nur an den realen Menschen überprüfen. Sind wir Marionetten oder Befreier unserer selbst, durch das Netz? Die Antwort ist: Beides. Und das ist eine Antwort, die den Ingenieuren des Netzes nicht gefallen dürfte. Denn für all die Maschinen-Denker soll der Mensch bitte einheitlich sein. Ein Auto oder ein Toaster funktioniert ja auch immer gleich, in jedem Exemplar komplett identisch. Dabei machen sich wiederum viele der Internet-Gurus diese Tatsache, dass Menschen so unterschiedlich mit dem Netz umgehen, für ihr Marketing zu Nutze: Sie behaupten die Befreiung des Menschen in Richtung Individualität durch das Netz, gerade sie, die alle Menschen gerne gleich machen würden, nennen ständig zu ihrer Verteidigung herausragende Beispiele, wie Mensch sich selbst Bildung zugeführt haben und Ideen verwirklicht haben. Und gleichzeitig suchen sie (hinten herum) nach einheitlichen Punkten der Fremdbestimmung und gezielter allgemeiner Fernsteuerung aller Menschen – und Freigeistern heben dieses Prinzip der Gleichmache bzw. Chancengleichheit ja auf…

Die meisten Menschen können schon heute ohne ihr Smartphone keine Minute mehr leben, werden nervös, klappen psychisch regelrecht zusammen. Viele lesen, kaufen, sehen nur noch, was ihnen aufgrund ihrer Datenanalyse empfohlen wird. Aber es gibt auch Menschen, die über das Netz an Leser kommen, die ihre Gedanken teilen, die kritische Gedanken (über das Netz im Netz) zu kritischen Denkern bringen (wie ich es selbst versuche). Es gibt Menschen, die jedes Mittagessen posten müssen und mit geschönten Sefies ihr Minderwertigkeitsgefühl versuchen zu stabilisieren. Sie machen und machten von je her in der analogen Welt jeden Modetrend mit, glauben den Stars ihre Marketinglügen oder denken fettloses Essen mache schlank. Und es gibt Menschen, die noch nie eine Werbung angeklickt haben, noch immer mit der Straßenkarte in den Urlaub fahren, keine Mails aufs Handy lassen, mit Bargeld zahlen und das Netz bewusst und gezielt nutzen, um ihr Schicksaal selbst in die Hand zu nehmen.

Der Mensch wird nur dann zu seinem fremdbestimmten Daten-Ich, wenn er durch seine narzisstischen Macken berechenbar wird, abhängig wird von der Anerkennung der anderen, seiner Suche nach mehr Bestätigung und falschen Größenselbst-Bildern im Netz. Der entscheidende Punkt ist hierbei die Selbstoptimierung, die das eigene Selbstwertgefühl endlich mit Hilfe des Netzes heilen soll. Dagegen stehen die Anti-Selbst-Optimierung, die Ideen, die Kreativität, die das Netzt für sich selbst zum Werkzeug macht (und nicht zur Orientierung und Maßregelung). Das entscheidende Element bei der Frage „frei“ oder „berechenbar“ ist der Narzissmus, der in seiner kranken Form vom Netz und seinen Herrschern ausgebeutet wird oder der, in seiner gesunden Form, als ein Wille zur Selbstverwirklichung, als eine Lebenskraft der Ideen und Impulse das Netz gebrauchen lernt.

In diesem Sinn: Bleibt unberechenbar bis zum Tod. Werdet nie bequem, nie abhängig von der Technik. Gebraucht sie und behaltet den Überblick. Versucht ihr zu entgehen, wenn es möglich ist oder sie zu irritieren, verweigert Euch den Algorithmen. Lasst Euch nicht mit Likes kaufen. Und stellt Euch vor, es ist Kapitalismus (im Netz) und keiner macht mit.

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Eine Klasse für sich

Die Asylbewerber sind nicht nur Fremde, sie sind vor allem arme, meist ungebildete Menschen, Menschen zweiter Klasse in einer globalisierten Welt. In der globalisierten Welt herrscht von China bis Südafrika, von Brasilien bis Russland, von London bis zu den Malediven und vor allem in den USA die neoliberale Werteordnung. Sie bestimmt, wer wertvoll ist und wer ein Mensch zweiter Klasse ist, einer, der besser nicht geboren wäre, den niemand braucht, dessen Lebens- und Überlebenswille nur Schwierigkeiten bringt für alle Etablierten.

Donald Trump hat gerade die sogenannten „Wohlstands-Flüchtlinge“ aus Lateinamerika, die illegal in die USA einwandern, als Abschaum und Kriminelle bezeichnet und behauptet, es wären nur die Schlechten, die kämen, gerade weil sie so nichts-nutzig wären. Das würden in Deutschland sicher auch viele Menschen so laut äußern, wenn sie dann nicht sofort den Stempel der Rechtsradikalen tragen würden – und somit selbst zu den Nichts-Nutzen zählen würden. Und in dieser Denkweise muss man dann auch die Frage stellen, wie nützlich arbeitslose ungebildete Rechtradikale sind, die sich betrinken, um dann Ausländer zu verprügeln und Häuser anzuzünden. Oder wie nützlich sind eigentlich noch Rentner oder Ehefrauen wohlhabender Supermanager, die nur Geld ausgeben und Porsche Cayenne fahren, oder bayerische Politiker, die sich beim Bau von Fußballarenen bestechen lassen…

Es herrscht in unserer Welt allgemein eine Ideologie der Ungleich-Wertigkeit. Das hat auch psychologische Gründe: Wir werten ständig alles, wir werten auf und ab, da wir uns versuchen zu orientieren: immer nach oben, nach dem besseren Überleben. Und diese Erde ist mittlerweile so überbevölkert, so unter Stress, dass diese wertende Orientierungssuche immer härter und mitleidsloser ausfällt. Denn gegen unsere vorschnellen, egoistischen Urteile hilft nur das Mitgefühl, die Empathie mit denen, die von uns selbst unter uns gestellt werden. Das schafft normalerweise Zusammenhalt und lässt Gruppen stabil alle miteinbeziehen. Doch je härter die Lebensbedingungen werden, umso weniger Empathie bringen wir auf für die Schwachen.

Ohnmacht und unsichere Verhältnisse führen zu „Nützlichkeitsrassismus“, oder auch „vernünftiger Rassismus“ genannt, wie es in Bayern die CSU gerade versucht, salonfähig zu machen. (Von den Nazis wurde einst ein „nützlicher Antisemitismus“ propagiert.) Angst führt dazu, nichts mehr geben zu wollen, sich selbst zu schützen – sei es auch mit noch so dummen Argumenten, Hauptsache sie beruhigen das eigene Selbstwertgefühl. Doch woher kommt diese zunehmende Angst? Sie war lange vor der Asylbewerberwelle da.

Es gibt Schuldige, aber sie suchen nicht Asyl. Sie werden im Gegenteil von jeder Institution dieser Erde angeworben, mit offenen Armen empfangen. Es sind die Superreichen, die, für die extra Zeitungen mit ihren Produkten aufgelegt werden, die in extra-luxuriösen Ressorts von all der Armut und Zweitklassigkeit verschont werden sollen, für die Jachten und Flugzeuge gebaut werden und die die Börsen und Hedgefonds leiten und die durch deren Gewinnsucht alle anderen zunehmend unter Druck setzen. Nur: Keiner zündet ihre Häuser an oder lauert ihnen auf, um sie mit Baseballschlägern zur Strecke zu bringen. Alle versuchen nahe an sie heran zu kommen, um in ihrem Schatten das bessere, wertvollere Leben und Selbstwertgefühl zu erlangen, im Sinne der globalisierten neoliberalen Werteordnung.

Was würde wohl passieren, wenn unser Hass sich gegen diese Schuldigen wendet, gegen diese Klasse für sich? Das ginge natürlich nur, wenn sich die Orientierung an neoliberalen Werten ändert. Aber was für Werte hätten wir dann? Stell Dir vor es herrscht Kapitalismus und keiner macht mit!

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Ich bin Einer

Das Magazin „Der Spiegel“ schreibt diese Woche in seinem Leitartikel, „durch die neuen Ergebnisse der Evolutionsmedizin lasse sich endlich erklären, wie und warum Bewegung dem Hirn zuträglich ist.“ Und das Magazin stellt die sensationell dumme Frage: „Kann das Gehirn vielleicht sogar nur dann optimal arbeiten, wenn der dazugehörige Körper regelmäßig außer Puste kommt? Wird umgekehrt die Seele krank, wenn dem Leib die Fitness fehlt?“ Mich machen solche dämlichen Sätze jedes Mal, wenn ich sie in anerkannten Zeitungen lese, unglaublich wütend. Sie zeugen von Naivität (wenn man es nett umschreiben will) und von mangelhafter Recherche (wenn man es wissenschaftlich genau betrachtet).

Jetzt ist es natürlich nicht so, dass jeder Journalist Neurobiologe sein kann, auch wenn er solche Artikel schreibt. Im Gegenteil: Das wäre bzw. ist „der Wahrheit“ eher abträglich. Denn die meisten Neurologen, verbreiten (wie die meisten Naturwissenschaftler auch) immer noch die Mär von der Trennung von Körper und Geist. Dabei verwenden sie gerne auch mal den völlig religiös-überkommenen Begriff der „Seele“, um das „ganz große Fass“ der „Mensch-haftigkeit an sich“ auf zu machen. Doch der Begriff der Seele ist ein rein historisch religiöser und hat eigentlich in einem Wissenschaftsartikel über unser Hirn nichts zu suchen. Er rührt aus der Zeit, da die Menschen noch nicht um ihre narzisstische Verblendung wussten, als sie noch ernsthaft und ohne Zweifel, davon ausgingen, es gäbe einen Gott und es gebe in ihnen selbst einen Teil der göttlich und somit unsterblich sei. Diese Selbstüberhöhung ist offiziell eigentlich gestorben, seit Nietzsche behauptete „Gott ist tot“ und damit darauf verwies, dass nichts auf dieser Welt (weder Gott noch irgendein Glaube an die absolute Wahrheit in der Wissenschaft) uns je von unserer banalen menschlichen Sichtweise befreit, dass wir immer angebunden bleiben werden an die Sterblichkeit unserer biologischen Grundlage und all ihrer Irrungen, die wir als Erkenntnis verkaufen – um am Ende doch nur allzumenschlich zu streben.

Descartes war der erste, der Leib und Seele, Körper und Geist trennte. Er wollte im Sinne der Aufklärung den Körper wissenschaftlich erforschen. Doch wohin dann mit der Angst vor dem Tod und der Kränkbarkeit, ob der eigenen Banalität? So wurde die göttliche Seele des Mittelalters nun in den göttlichen Verstand gepackt: Unsere Logik und Erkenntniskraft wurde göttlich und die Neurologen (und der Spiegel) halten an dieser falschen narzisstischen Zweiteilung fest bis heute: Hauptsache irgendwas an uns ist noch überlegen und/oder göttlich.

Ein paar große Hirnforscher haben mittlerweile ein Einsehen und geben zu, dass man den „tollen Geist“ zu lange unterschieden hat, im Hirn versuchte zu finden, ohne zu berücksichtigen, dass das Hirn auch nur ein Körperorgan ist, dass einfach nur dazu da ist, den Körper möglichst gut überleben zu lassen, mit sozialen Bindungen in Gesellschaften voller Hierarchie und Statusdenken. Der Geist ist das Selbst, das sich ständig am Selbstwertgefühl misst, um zu wissen, wie sicher sein Status in der Gruppe ist. Der Geist ist ein ver-körperlichter, gemessen am eigenen narzisstischen Sicherheitsgefühl. Auch, dass Neurologen mehr Ahnung hätten, als alle anderen Weisen, gehört zu diesem Statusdenken, das doch rein körperlich ist und dem ein: „Ich will möglichst gut, also an hoher Stelle im Sozialverband überleben“ zugrunde liegt. Unser Geit ist zutiefst körperlicher Egoismus und folgt nur dem Prinzip des Überlebens und der Weitergabe von Leben in möglichst glücklichen Umständen für dieses Ziel.

Es wäre nicht so ärgerlich, dass Körper und Geist/ Seele immer noch getrennt beschrieben werden, wenn daraus nicht so viel Leid entstanden wäre. Der Körper, wie eine Maschine von der Naturwissenschaft (Medizin, Neurologie, Bio-Physik) beschrieben und behandelt, wird einfach mit Medikamenten vollgepummt. Der Geist gilt als unabhängig davon (mal überlegen logisch, mal von Emotionen verdorben). Doch auch Logik und Gefühl lassen sich längst schon nicht mehr wissenschaftlich trennen. Was richtig und falsch ist, ist eine Emotion, auch bei Matheaufgaben.

Was haben uns die Wissenschaftler in ihrem Größenwahn der reinen logischen unverfälschten Erkenntnis seit 400 Jahr nicht alles verkauft – zu ihrem Wohl und Ansehen und zu unserer Fremdbestimmung als biologische Maschinen, deren privates Seelen-Leben abgespalten vom Rest nur die Leistungsfähigkeit und das rationale ökonomische Verhalten behindert – und eigentlich nur eine zu vernachlässigende Nebensache sein soll.

Wenn Sie, liebe Leser, sich jetzt wundern, wo genau denn nun diese Grenzen sind, zwischen Körper, Geist, Seele, Logik und Emotion: Wundern Sie sich nicht. Denn es gibt keine Grenzen. Es gibt uns nur als ver-körperlichte Charaktere, die emotional-logisch denken bzw. abhängig von ihren Lernmustern bestmöglich zu überleben versuchen.

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Let´s be silent about Sex

Der Philosoph Michel Foucault hat in seinem mehrteiligen Buch „Sexualität und Wahrheit“ beschrieben, wie der Sex, seit der Beichte im Mittelalter, aus seiner Privatheit herausgezerrt wurde, ins Licht der Wissenschaft. Seit dem 19. Jahrhundert wurde er immer weiter vermessen und normiert, unter dem Vorwand der Gesundheit als Machtmittel des Staates und der Wissenschaft. Sie drangen tief in die Köpfe und Körper der Bürger ein. Wer das übertrieben findet, braucht heute nur irgendeine banale Frauenzeitung aufschlagen, die von neuen angeblich bahnbrechenden Studienergebnissen berichtet, über Höhepunkte, Stellungen, fruchtbare Tage, Häufigkeit, Partnerwechsel, Größen, Erregungspunkte, Stimmungen, Psychostoffwechsel etc. Und immer kann und soll man sich an diesen neuen Vorgaben und Normen messen, seine eigenen Abweichungen erfassen. Und ein besonderes Rätsel scheint dabei die Sexualität von Frauen.

Es scheint für die Wissenschaft – unter dem Vorwand von Glück in der Beziehung, Erfüllung des bürgerlichen Perfektionismus in der Partnerschaft – ein Unding, dass die weibliche Sexualität so unergründlich und unregelmäßig, so ungenau und unmöglich zu normieren ist. Es werden ständig neue G-Punkte und Erregungszonen erfunden und wieder verworfen, es soll sogar bald ein neues Pink-Viagra für Frauen geben, mit dem man endlich Zugriff auf die weibliche Lust bekommt, sie machbar macht und selbst steuern kann, damit sie die Vorgaben der Lust erfüllt.

Sicher gibt es Frauen und Beziehungen, die unter Lustlosigkeit leiden. Und es gibt auch immer den Hinweis am Rande auf die Psyche und das Selbstbewusstsein und die Freiheit, die damit einhergehen. Aber dass man das nicht einfach steuern kann, von außen regulieren kann, dass es Schwierigkeiten gibt in unserer körper-perfekten Welt, schein der Wissenschaft und den an Machbarkeit gewöhnten Menschen verhasst und unerträglich.

Der Maschinen-Mensch soll funktionieren – auch im Bett. Und die Grundlage von funktionierenden Beziehungen, die zu längerer Lebenszeit und mehr Leistungsstärke führen (statistisch nachgewiesen und wissenschaftlich exakt vermessen und austariert), ist nun mal der Sex. Also muss hier die Frau endlich eingepasst werden in die Norm-Erfüllung. Und so werden unter dem Deckmantel der Aufgeklärtheit, meist mit reißerischen oder zweideutigen Überschriften, Artikel fabriziert, die nie halten, was der Aufmacher (bzw. Aufreißer) verspricht.

In meiner Kindheit gab es das Lied: „Die Wissenschaft hat festgestellt, festgestellt, festgestellt, dass Marmelade Obst enthält, Obst enthält, Obst enthält… Drum essen wir jetzt alle weise, Marmelade eimerweise…“. Es war eine Anspielung auf die Gläubigkeit gegenüber der Wissenschaft und ihrer zunehmenden Fremdbestimmung, die mittlerweile jedes Detail unserer Körper vermisst, um dann die einzelnen Stellschrauben anzuziehen, im allgemeinen Perfektionswahn. Als hätten wir nur dann (perfekt justiert) eine Chance, in der immer enger werdenden Welt, die Chance auf den errechneten Lebensstandard, das vermessene Glück.

Allein die irritierenden Vorgaben als solche zu erkennen und sich den absichtlichen Verängstigungen zu verweigern, die sich aus den Normen ergeben, ist ein Akt der Befreiung. Es betrifft auch eine neue Form der sexuellen Revolution: Sich nicht mehr in die Köpfe und Betten schauen zu lassen. Eine Freundin von mir hat neulich die Nachfragen ihrer Frauenärztin zu ihrem Sexualleben verweigert. Daraufhin hat diese sofort vermutet, dass hier etwas verdrängt wird und nicht stimmt. Was für eine Unverschämtheit, was für eine Entmündigung. Und was für eine gute Idee, sich dem Machtapparat an entscheidender Stelle zu entziehen. „Selbstsorge“ war Foucaults Ausweg von der Macht, die immer tiefer in unsere persönlichen Bereiche eindringt, unter dem Vorwand der Gesundheit und des perfekten Glücks. Heute kann man sie auch Eigenverantwortung gegenüber den zunehmenden Maßregelungen nennen. Es lebe die stille Revolution.

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Sturm, Stahl und Heer

Manchmal schreibt das Leben so seltsame Pointen, dass man ihm nicht glauben kann, dass das alles nur Zufall ist. Wie hoch ist z.B. die Wahrscheinlichkeit, dass beim NSU-Prozess, wo es um Nazigedankengut und eine verklärte Herrenmenschenweltsicht geht, die drei Pflichtverteidiger Sturm, Stahl und Heer heißen? Ich meine: Wie hoch ist wohl die Wahrscheinlichkeit, dass auch noch alle drei Rechtsanwälte solche Namen haben in so einem Prozess?! Wenn es nicht die echte Lebenswelt wäre, man würde die Glaubwürdigkeit jedem anderen sofort absprechen, von Klischee oder unangemessener Übertreibung reden.

Aber vielleicht werden wir uns zukünftig noch häufiger mit derlei Grotesken beschäftigen müssen, denn die Feindlichkeit und Wut wachsen mit der Angst.

Wut ist eine seltsame Macht. Als eines der stärksten menschlichen Gefühle kann es uns so überfluten, dass wir unser Verhalten nicht mehr mit der Vernunft steuern können. Je schlimmer die Auswirkungen dieser Wut und Angst sind, umso schwerer fällt später das Schuld-Eingeständnis zu den Taten, die sie bewirken können. Das wurde nach dem 2. Weltkrieg deutlich. Und auch wenn wir Dinge tun, die wir hinterher bereuen, müssen wir uns eingestehen: Ein Teil von uns (ein unbewusster Teil) hat es eben doch gewollt, hat diese Macht in unserer menschlichen Existenz. Lange unterdrückte, aufgestaute, ignorierte Angst, aus der Wut entsteht, ist gefährlich, denn sie kann plötzlich den Flächenbrand in unserer Seele auslösen, vor dem wir uns so fürchten. Warum haben wir aber so Angst vor der Angst und ignorieren somit die wachsende Wut?

Als Kinder werden wir zwangsläufig frustriert durch das Verhalten unserer Eltern, denn sie können nicht dauerhaft alle unsere Bedürfnisse befriedigen. Wir müssen lernen, zurück zu stecken, uns in die Gemeinschaft der Familie, der Gesellschaft einzufügen. Das ist sinnvoll, denn nur in der Gemeinschaft können wir überleben: Der Mensch ist ein Gruppenwesen. Deshalb lernen wir unseren Frust so zu kommunizieren, dass wir weiterhin in der Gruppe akzeptiert werden – bis er zu groß wird. Oft genug, bei schwachen, hilflosen Eltern, die mit ihrem Verhalten keine orientierungsgebenden Vorbilder sind, die ihre eigenen Bedürfnisse an den Kindern auslassen, viel zu hohe Erwartungen an sie haben, über ihre Kinder ihr eigenes schwaches Selbst zu kompensieren suchen, bildet sich bei den Kindern ein Frust, der nicht mehr in die heranreifende Persönlichkeit integriert werden kann. Er muss unterdrückt werden, staut sich auf oder wendet sich gegen das eigene Selbstbild, aus Angst aus den ohnehin labilen Familienverhältnissen ausgestoßen zu werden, nicht überleben zu können. Oder er wendet sich gegen einen Feind, den wir umso leichter verantwortlich machen können für unsere Ängste, weil er nicht zu unserer Gruppe gehört, weil wir ihn sogar aus der Gruppe der Gleichgestellten ausschließen können, ihn zu Untermenschen, Ausländerpack und Sozialschmarotzertum degradieren können: Was für eine Spannungserleichterung für uns selbst: All unsere Schwächen werden dem Feind zugeschoben.

Genau vor dieser alten unverarbeiteten Angst, Frust und Wut, die unser Selbstbild erniedrigt, uns das Gefühl der Hilflosigkeit gibt, sollten wir alle Angst haben bzw. sie im Auge behalten. Denn bricht sie irgendwann hervor (meistens ausgelöst durch neue Angstsituationen und ähnlich frustrierende Situationen im späteren Erwachsenenalltag), ist kein Halten mehr.

Durch die zahlreichen Flüchtlinge wachsen die Fremdenfeindlichkeit und das nationalistische Gedankengut. Wir dürfen die Angst der Menschen, die dahinter steht, die den Frust aus dem eigenen Leben und Alltag zu einem explosiven Wutgemisch heranschwellen lässt, nicht unterschätzen. Wir wären zwar gerne „Gutmenschen“, voller Mitgefühl und Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft, die wir aus den Kino oder der Bibel kennen. Aber gerade weil wir es nicht sind (meistens jedenfalls) schauen wir so gerne unser besseres Ich, diese Idealmenschen an, sind gerührt von ihrer Stärke und inneren Kraft. Nur: Wir selbst sind meist nicht so. Und wenn in der Gruppe plötzlich Angst, Frust und Wut den spannungs-erleichternden Kanal der „Schuldigen-Anderen“ findet, ist der Funke schnell am Pulverfass.

Es darf der Presse, den Medien nicht mehr reichen, das Gute zu predigen. Sie müssen neue Formen finden, die Lage darzustellen, Platz zu lassen für die Realität. Zuschauer und Leser werden nur noch weiter über sich selbst frustriet, wenn sie ständig darauf hingewiesen werden, was für Kleingeister und Charakterschwächlinge sie sind. Das schürt die Wut nur und trägt aktiv dazu bei, dass die Medien als „Lügenpresse“ ihren möglichen Einfluss vollends verlieren.

Wir sind nicht die edlen Wesen einer unbedingten Demokratie, die unsere Ideale vorgeben. Die Lage spitz sich zu, wir brauchen neue Wege, damit umzugehen – und das nicht nur in der konkreten Asylpolitik, sondern auch in der Darstellung der Situation. Die Presse sollte hier zuerst mal über den eigenen Schatten ihrer selbstverständlichen politischen Korrektheit springen und sich mit der allzumenschlichen Kraft, den Ängsten und Frust und der entstehenden Wut beschäftigen. Diese Emotionen werden nicht verschwinden, weil man das Richtige predigt und sich selbst beweist, wie politisch korrekt man ist.
Wir haben das erste Mal seit 1945 wieder eine brandgefährliche Situation.

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Grexit libre, ohne Rum

Es gab einmal die Idee, dass das Soziale über Allem stehen sollte. Alle sollten sich einbringen mit ihren Talenten, ihrem Können. Und alle sollten zu gleichen Teilen an den Resultaten teilhaben. Man nannte das Sozialismus bzw. Kommunismus. Ich habe diesen realexistierenden Sozialismus selbst erlebt, in der DDR, in der meine Verwandten wohnten, die wir 1-2 x im Jahr besuchten, meine ganze Kindheit lang. Ich habe ihn gesehen auf Kuba, das Herr Steinmeier gerade besucht, als erster Außenminister der BRD, um Wirtschaftsbeziehungen aufzunehmen, nach 50 Jahren Sprachlosigkeit. Auch die griechische Regierungsparty Syriza hat solche kommunistisch-sozialistischen Wurzeln. Sie sind endgültig gescheitert die vergangene Woche, auf ganzer Linie. Und es tut mir nicht Leid darum. Als Psychologin und aus Erfahrung weiß ich, dass das nicht funktionieren kann, denn so ist der Mensch nicht: Der Mensch ist kein Kommunist.

Tsipras hat den Druck aus Brüssel als Erpressung bezeichnet. Aber alle Griechen wollen das Geld für ihren Lebensstandard, das an diese Erpressung gebunden ist. Kommunisten lieben gutes Essen und schöne Wohnungen und gute Krankenversicherung und saubere Straßen und hohe Renten und frühe Verrentung, so wie alle anderen Menschen auch. Gerade sind sie sauer, dass andere nicht dafür zahlen wollen. Es wird eine Treuhandfond eingerichtet, wie damals zur Abwicklung des DDR-Vermögens. Damals wie heute wird das als Ausverkauf, als Fest für Schnäpchenjäger und Reiche bezeichnet. Es kostet aber auch Milliarden an Steuern – damals die der BRD-Bürger, heute auch (zumindest zum Teil). Es ist nicht nur der Neokapitalismus, der die Kommunisten zerstört. Es sind auch die eigenen Verhältnisse, über die man gelebt hat. Den Neokapitalismus bekämpft man jedenfalls nicht mit Korruption und mangelnder Steuermoral. Denn genau das kann man den Neokapitalisten selbst vorwerfen.

Der psychologische Schaden einer Treuhand ist aber weit höher, als der wirtschaftliche: Entmachtete, entrechtete Menschen empfinden diese Fremdbestimmung und Übernahme als Demütigung und Ausbeutung. Ihre Selbstkritik und Objektivität schwindet. Sie glauben „die da oben“ teilen den Kuchen nur noch unter sich auf. Sie schauen von unten nach oben und sehen ihre Vorteile immer weiter schwinden. Sonst sehen sie nichts, jedenfalls nicht ihre eigene Schuld.

Trotzdem muss man wohl sagen: Der Kommunismus ist gescheitert. Es hat nicht funktioniert, dass alle denselben Lebensstandard haben. Doch woran liegt das?

Menschen sind Gruppenwesen und gleichzeitig suchen sie ihren eigenen Vorteil. Sie sind unterschiedlich intelligent und hübsch und begabt und fleißig. Vieles daran ist genetisch bedingt, vieles aber auch durch Erziehung, soziale Verhältnisse verstärkt oder sogar hervorgerufen. Und wir denken hierarchisch: Stets werten wir alle und alles um uns herum in gut und schlechter für unser Überleben. Besseres Essen, bessere Kleidung, besseren Status sichern unser Überleben in der Gruppe. Die am unteren Ende der Hierarchie sind nicht so gut krankenversichert, essen schlechtes Essen, kompensieren ihren mangelnden Status mit Drogen und sterben früher.

Es hängt an der Gesellschaft, wie stark diese Regeln von oben und unten ausgeprägt sind, wie sehr man Investmentbänker gewähren lässt und sie noch bewundert für ihre überteuerten Apartments, Autos, Erste-Klasse-Flüge. In einer neo-liberalen Werteordnung gibt es nichts Besseres als wirtschaftlichen Erfolg. Er wird der eigenen Anstrengung und Selbstbezwingung zugerechnet, scheint „verdient“, ja gottgewollt.
Doch wir Menschen kennen auch Mitgefühl: Es ist genauso wichtig für das „Überlebensprinzip Gruppe“, wie die Hierarchie. Doch jedes Mitgefühl endet dort, wo andere mit 60 in die Rente gehen, während man selbst bis 67 arbeiten muss, wo andere keine Steuern zahlen und ihr Eigenheim herausputzen, während man selbst, die Hälfte seiner Einnahmen für diese Leute abgeben muss, wo andere sich wohlig in der Sicherheit des Beamtenstatus räkeln, während man selbst ständig um seinen Job fürchten muss.

Unsere Gesellschaften befinden sich alle zwischen Neokapitalismus und Kommunismus, zwischen der erlaubten Gier der Starken und dem erzwungenen Gemeinschaftssinn.
Der Kommunismus ist gescheitert, seine letzten Inseln sind am Zerfallen. Doch der Neoliberalismus ist noch im vollen Gange. Er wird nur dann scheitern, wenn seine Ungerechtigkeit und Zerstörungskraft eine Gegenbewegung hervorruft: Stell Dir vor es ist Neokapitalismus und keiner macht mehr mit. Denn so ist das Gruppenwesen Mensch: Immer zwischen Gier und Sicherheit, zwischen dem eigenen Vorteil auf Kosten der anderen und ihrem sozialen Netz für uns selbst – bis es nicht mehr geht, bis er mit seinen Sehnsüchten jeweils vor die Wand fährt. Und dann beginnt was Neues.

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Was ich nicht verstehe…

Wieso sollte die Eurozone zerbrechen, wenn Griechenland pleitegeht?

Wieso sind die Griechen stolz darauf keine Steuern zu zahlen? Sie sind nicht mehr von Türken oder Deutschen besetzt, es ist ihr Land.

Wieso fühlen sich die Griechen erpresst, wenn ihnen alle helfen wollen?

Wieso sollte eine deutsche, französische, schwedische oder spanische Krankenschwester oder ein italienischer, ungarischer, portugiesischer Müllmann die Schulden der Griechen bezahlen?

Sind die Griechen wirklich ein Flaggschiff des Protestes gegen den Neokapitalismus oder halten sie nur an den Wählervergünstigungen jahrzehntelanger Korruptionspolitik fest?

Wieso stimmen die Griechen mit Nein, wenn sie doch den Euro behalten wollen?

Warum wird Griechenlands „eigene Art“ immer wieder gelobt von Menschen, die selbst an die Ökonomie glauben?

Was ist der europäische Geist eigentlich, der ständig beschworen wird? Europa ist zur Abwehr neuer nationalistischer Kriege entstanden, auf den Schrecken der Nazis. Was ist daran ein europäischer Geist? Die Angst?

Es heißt oft: Europa braucht Griechenland. Die Griechen haben Bilanzen frisiert, Fördergelder veruntreut, Bedingungen nicht erfüllt. Wieso sollte Europa so ein Land brauchen?

Wieso werden Floskeln (Wiege der Demokratie, europäischer Geist) gepflegt, während die Härte der kapitalistischen Zahlen sonst die Welt regieren? Oder dient die Romantik dem Ausgleich der harten Finanzzahlen?

Was ist an einer Rente mit 67 ein „Sparzwang“, der der griechischen Wirtschaft schadet?

Hat Demokratie nicht immer Geld gebraucht, das dann erwirtschaftet werden musste, von seinen Teilnehmern? In Griechenland herrschen Patriarchen und keine Demokraten.

Die Griechen sparen nicht, investieren nicht, denken nicht an die Zukunft. Sie haben das Meer und ihre Schiffe. Und neuerdings Suppenküchen. Ist es nationalistischer Größenwahn, der Glaube etwas Besonderes zu sein, das sie den westlichen Lebens- Standard trotzdem wollen, auch wenn sie ihn nicht erwirtschaften?

Und vor allem: Wo sind all die Milliarden hin, die an Griechenland geflossen sind?

Karl Marx hat erhebliche Denkfehler in seiner idealistischen Theorie. Aristoteles politische Schriften gehen dagegen von Selbstehrlichkeit aus. Kommunistische Griechen sollen ihn lesen. Marx ist übrigens Deutscher.

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Narzissmus 3.0

Ein Bekannter von mir ist Partner in einer großen Unternehmensberatung mit weltweit bekanntem Namen. Neulich gab es in dieser Firma ein großes Jahrestreffen aller Partner, wo zukünftige Strategien besprochen werden sollten. Denn im Moment geht es den Unternehmensberatungen nicht so gut, weil es der deutschen Wirtschaft zu gut geht und so gibt es zu wenig Druck für Umstrukturierung und Entlassungen. Aber eine Besserung ist in Sicht: Die nächste Finanzblase wird platzen, das ist man sich in der gesamten Finanzwelt absolut sicher. Spätestens in 2-3 Jahren werden wir weltweit vor dem nächsten Wirtschaftskollaps stehen. Das ist den führenden Wirtschaftsleuten vollkommen klar. Der Markt läuft schon wieder heiß. Es ist nur noch eine Frage der Zeit – und des rechtzeitigen Absprungs, dann, wenn es kracht. Und einige werden erst danach so richtig verdienen.

Während die Allgemeinheit also wieder mal bzw. immer noch auf der Insel der Glückseeligen glaubt zu sitzen, zumindest in Deutschland, rollt der große Kollaps schon wieder heran. Die Banken haben das viele Geld der EZB und der Fed nämlich nicht an die Wirtschaft weiter gegeben, sondern in Hedgefonds gesteckt. Hier ist das große Zocken nach wie vor uneingeschränkt erlaubt. Denn angeblich müssen die Hedgefonds ja nicht vom Steuerzahler gerettet werden, wenn sie sich verzocken. Fragt sich nur, ob die Banken, die ihr Geld dort investieren, dann nicht wieder genauso in Schwierigkeiten kommen wie 2008, wenn die große Hedgefond -Blase in 2-3 Jahren platzt.

Was sicher ist: Es wird einen Aufschrei geben, die Politik wird so tun als stehe sie auf Bürgerseite, wird die Finanzbranche aber wieder retten, denn sie ist von ihr und dem Turbokapitalismus längst abhängig bzw. gekauft. Es wird ein halbes Jahr Demut herrschen und große Versprechungen, die Gier der Bänker an die Leine zu legen. Doch es ist die Gier des gesamten Systems (aus Wahlversprechen und Wachstumsgläubigkeit) – und deshalb wird nicht passieren. Und dann geht alles von vorne los. Das Investorengeld wir wieder in völlig überschätzte Dienstleistungs-Apps aus dem Internet fließen, mit denen man Reisen oder Taxis buchen kann – ohne dass die Wachstumsprognosen je erreicht werden, auf die man wartet, da ja die Menschen nicht mehr Geld zum Ausgeben haben, sondern immer weniger. Es wird versucht werden, neue Märkte und Konsumenten zu erschließen, Inder, Chinesen, etc., die aber in der Masse vom Wohlstand nicht erreicht werden. Denn das Geld wird von oben nicht wirklich weiter gegeben, sondern immer nur in neue Blasen gesteckt, die größere, schnellere Raten versprechen, als das Wachstum des realen Marktes der kleinen Leute. Und die Finanzmächtigen wollen gleichzeitig so wenig wie möglich Steuern zahlen, die eine Politik in Infrastruktur und Entwicklung investieren könnte, wenn sie sie hätte.

Und dann? Was kommt nach der Blase von 2018? Die Blase von 2028? Und dann? Wie lange wird der Glauben an das System, an den Wert des Geldes noch halten? Wie viel weiter lassen sich Arbeitnehmer noch belasten, mit immer mehr Arbeitspensum von entlassenen Kollegen und gekürzten Stellen, um mehr Gewinn zu generieren, der an die Finanzinvestoren ausgeschüttet wird? Wie lang lassen sich noch die ständig wachsende Masse der Abgehängten von den Zäunen der Reichen fernhalten?

Oder wird eine innere Revolution fortschreiten, ein „Sich-heraus-nehmen“ aus dem Druck des Wachstums? Werden es die Verbraucher schaffen, statt zu kaufen und Status anzuhäufen, einfach vernetzt und glücklich zu leben, ab und zu eine neue Serie auf Netflix zu schauen, die von anderen Welten und Zeiten träumen lässt, ansonsten Car-Sharing und Airbnb? Und wo wird das viel Geld, das keinen Gegenwert mehr hat, investiert werden, wenn endlich alle begriffen haben: Der Internet-Kaiser ist nackt, er schafft zwar eine neue Organisation der Bestellungen, Reisebuchung und der Fahrdienste. Aber: Was wollen die Firmen mit all den abgeschöpften Daten machen, wenn die Menschen nicht mehr Geld zum Ausgeben haben? Was passiert wenn man den Menschen in seiner relativ simplen Verhaltensbiologie vollends durchschaut hat? Kann man ihn noch mehr fremdbestimmen, als jetzt? Jeder Mensch brauch nur ab und zu ein Sofa, kann nur einmal oder zweimal im Jahr in den Urlaub fahren und die Kleiderschränke sind genauso voll, wie seit jeher die Konten der Privatpersonen leer sind. Vielleicht werden sie noch etwas leerer, da die Jobs wegen der Gewinnmaximierung der Großinvestoren immer unsicherer werden.
Und dann? Was kommt nach dem Zeitalter der Finanzblasen?

Selbst an den ganzen Terrorismus haben wir uns schon längst gewöhnt: Attentat, Trauer, Vergessen. Der religiöse Fanatismus ist (genauso wie die neuen faschistischen Tendenzen) eine typische Reaktion der durch den Turbokapitalismus und seine Folgen immer weiter verunsicherten, entmachteten Menschen. Sie suchen einfache Antworten, einfache Schuldige, ein klares Oben und Unten, für das sie selbstmächtig kämpfen können, entgegen ihrer zunehmenden Ohnmacht. Es werden immer mehr, das ist sicher. Sie werden gegen die (verkaufte) Politik stimmen und die Demokratie weiter gefährden. Und ihre Führer werden die ersten sein, die sich mit dem Kapitalismus verbünden, sobald sie die Macht dazu haben: Rücksichtslose unter sich. Und dann?

Wie kann man in seiner narzisstischen Verunsicherung auf all die Gier und Gewalt reagieren, ohne selbst einfach nur noch zuzusehen, wo man bleibt? Wie viele Eltern kennen Sie noch, die nicht nur ihr Kind im Blick haben, längst hemmungslos nur noch die eigenen Vorteile (für den Nachwuchs) einfordern? Wie viele Menschen kennen sie, die wirklich glauben der Islam gehöre zu Deutschland? Wie viele sind Teil der Finanzindustrie oder wissen, dass auch ihre Rente von den Hedgefonds und ihrer Gewinnmaximierung abhängt? Wie viele freuen sich, dass „die faulen Griechen“ jetzt die Quittung bekommen, für ihren Betrug an der EU? Wieviel fahren einen SUV mit realem +8 Liter Verbrauch und aus Tonnen von Blech, damit sie selbst sicher sind? Wie viele versuchen möglichst billig einzukaufen, egal welche Arbeiter ausgebeutet und Chemikalien die Umwelt verseuchen?
Es macht uns bereits viel zu viel Mühe, wir sind viel zu müde und gestresst, um noch die Gerechtigkeit selbst zu leben, die wir ständig für uns einfordern.

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Das Zeitalter des Tom Jones

Gestern Abend war ich in Frankfurt beim Tom Jones Konzert. Und es gab dort einige Seltsamkeiten zu bewundern.

1. Das Publikum war im Mittelwert um die 60 Jahre alt. Und es ging ziemlich viel um den Tod in seinen Liedtexten – und das ganz unabhängig von seinen alten Klassikern wie: „Why, why why Delilah? I felt the knife in my hand and she laughed no more”. Die Liedzeile seines ersten Liedes seines neuen Albums lautete: „If I would be dead, where would I be?“

2. Der Hüftschwung klappt nicht mehr ganz so (bei Jones und dem Publikum), doch wenn die ersten Akkorde von „Sex Bomb“ angespielt werden, reißt es alle immer noch von den Sitzen bzw. es wird sich erhoben und mitgewippt und geklatscht. Die Frau rechts neben mir ließ sich sogar zu einem mittellauten „We love you“ hinreißen. Danach wird dann aber wieder sofort artig Platz genommen. Und es wird natürlich immer geschaut, was die anderen machen.

3. Es kamen erstaunlich wenig Smartphones zum Einsatz. Erst dachte ich: Aha, definitiv nur Digital Grannies im Saal. Dann wurde ich aber gewahr, es gab massenweise Ordner, die jede Film- und Fotoaktivität sofort unterbunden haben. Der mühsame Versuch von Tom Jones, die Herrschaft über das eigene Bild zurück zu bekommen, ist mir ein Rätsel (in seiner Sinnlosigkeit selbst bei den Grannies offensichtlich). Er hat sicher mit Geld und Verwertungsrechten zu tun.

4. Es ist berührend, diese Stimme, die im Gegensatz zum steifen Rücken und steifer Hüfte immer besser zu werden scheint, wirklich und „in echt“ zu hören. Wenn die neuen Lieder auch tiefsinnigere Texte haben und die alten wehmütiger interpretiert werden: Diese Tom-Jones-Stimme noch mal, einmal in der Wirklichkeit, im selben Raum zu erleben, ist eine erhebende Sache. Sie verbindet einen mit der eigenen Vergangenheit, dem Kassettenrekorder im Auto meiner Mutter und den „guten“ Zeiten, ohne Klimakatastrophe und arabischen Terrorismus und Griechenlandpleite, als Börsen noch Brustbeutel waren, die man in die Ferienfreizeit mitnahm, wo dann in selbstaufgebauten Discos bis um 22 Uhr zu Tom Jones herumgehopst werden durfte, weil das die baldige tolle Zukunft war, die man anfing zu üben: Tom Jones war für meine Generation irgendwie das wilde Versprechen auf Erwachsensein und Freiheit.

5. Für die mich Umgebenden war Tom Jones gestern Abend aber vor allem Vergangenheit, weit vor der gelebten Altersabsicherung. Es schien den Menschen aber, trotz der spürbaren Wehmut, damit nicht so schlecht zu gehen. Man war zumeist mit jahrelangem festen Partner angetreten oder in der zusammen gealterten Frauen-Clique. Die guten Erinnerungen, die die Zuhörer mit Tom Jones verbanden, schienen sicherer zu sein als eine Gegenwart, in der man nicht mehr jung sein wollte. Es war O.K. so wie es war, auf jeden Fall besser, als heute 20 zu sein mit all den globalen Problemen da draußen zwischen den Banktürmen Frankfurts und der Welt, ohne Hoffnung auf eine gute Zukunft, die man selbst damals völlig selbstverständlich hatte. Und ich dachte mir: Soweit muss es erst mal kommen, dass die Jugend nicht mehr unbeschwert sein kann und von den Alten mit ihren Erinnerungen bedauert wird, ob ihrer mangelnden Möglichkeiten. Die Menschen dort im Saal schienen (zumeist) das beste aller Leben gehabt zu haben, begleitet von der Musik von Tom Jones, in der es um bedenkenlosen Sex ging und um Liebe und etwas Eifersucht, als wäre das für immer das Wichtigste auf der Welt. Und vielleicht galt die Wehmut nicht nur den eigenen Erinnerungen, sondern eben auch der Gewissheit, dass es solche unbeschwerten, optimistischen Leben, in einer optimistischen Jugend- Kultur, auf der Erde wohl nie wieder geben wird.

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Die normal-narzisstische Gesellschaft

Da geht Griechenland jetzt also pleite und man weiß eigentlich nicht so genau, was man davon halten soll. Einerseits stellt sich eine Genugtuung ein: Wer mit 56 in Rente geht und keine Steuern zahlt, verdient auch keine weitere Unterstützung. Gleichzeitig hört man immer wieder die Geschichten der „kleinen Leute“, die weder Krankenversicherung noch überhaupt eine Rente bekommen und mittlerweile von den Suppenküchen abhängig sind, die sich aus Spenden finanzieren und in Wohnheimen wohnen.

Was klar ist: Das soziale System, das soziale Miteinander in Griechenland, mit all seinen ungeschriebenen, aber gelebten Regeln, scheint nicht zu funktionieren. Ein paar mächtige Familien erhalten ihre Macht und ihre Steuervorteile, indem sie mit immer mehr Beamtenstellen ein aufgeblähtes System unterhalten, das jede Moral untergräbt. Warum soll der kleine Mann Steuern zahlen, wenn es die Großen nicht tun und auch nicht so genau hin schauen, da sie sonst die Konflikte aufgrund ihres eigenen narzisstischen Verhaltens fürchten?

Es gibt gerade einen Bestseller von einem Psychoanalytiker (Hans-Joachim Maaz): „Die narzisstische Gesellschaft“. Es beschreibt wie die meisten Menschen immer mehr Schulden machen, immer gieriger werden, weil sie damit ihre innere Leere versuchen zu füllen, mit äußeren Vorteilen versuchen den Mangel an gesunder Liebe und Anerkennung in ihrer Kindheit zu kompensieren. Die Werteordnung der westlichen Welt lässt nach Maaz dieses Verhalten als normal erscheinen, die narzisstische Störung wir zur Norm. Sind die Griechen also alle Narzissten? Und wieso funktioniert unsere deutsche Gesellschaft noch, obwohl auch bei uns die eigenen Vorteile, die eigene Anerkennung so im Mittelpunkt steht?

Was mich an diesem Bestseller vom Ha-Jo Maaz stört, ist der Widerspruch, indem sich der Autor befindet, ohne das zu thematisieren. Er beschreibt nämlich auch das Dauergenörgel und die Shit-Storms, das Heruntergemache und die immer hasserfülltere Kritik als narzisstisches Phänomen. Die Fehler der anderen werden zur Projektion für die eigenen Minderwertigkeitsgefühle. Nur: Leider macht Herr Maaz genau das auch in seinem Buch. Er beschreibt – in ziemlich überlegenem Ton-, wo wir überall narzisstisch ungesund handeln und denken und versagen. Und damit nimmt auch er einen Standpunkt ein, der davon ausgeht, der Mensch könnte besser sein als er ist. Maaz projiziert seine narzisstischen Sehnsüchte und seine narzisstischen Minderwertigkeitsgefühle als Kritik auf die Gesellschaft. Und genau das machen auch die meisten Deutschen gerade mit Griechenland.

Ich kenne keinen Menschen der in Deutschland gerne Steuern zahlt und es nicht sofort sein lassen würde, wenn er nicht vor den hierzulande harten Konsequenzen des Finanzamtes Angst hätte. Steuersünder werden mitunter härter bestraft als Kinderschänder. Und auch wenn Kindsmissbrauch zweifelsohne härter bestraft gehört, ist das harte Durchgreifen gegen Steuersünder absolut sinnvoll, wenn wir nicht Zustände wie in Griechenland wollen. Und da wir alle mitnichten Gutmenschen sind, sondern uns eher wie kleine narzisstische Kinder verhalten, tut es uns auch so gut auf die Griechen zu schimpfen, die sich auch wie kleine narzisstische Kinder verhalten haben – die bisher aber nicht genug Erziehung „genossen“ haben, für ihr selbstsüchtiges narzisstisches infantiles Vorgehen.

Mir ist der Aufschrei beim Einführen der Agenda 2010 (ausgerechnet durch den SPD Kanzler Schröder) noch deutlich im Ohr. Und sicher ist zu überlegen, ob Menschen am unteren Ende der Gesellschaft mehr Härte und Einschränkung erfahren sollten WÄHREND am oberen Ende immer weniger Strafen zu erwarten sind. Denn wir sind keine neuerdings erst narzisstische Gesellschaft. Wir waren schon immer Narzissten, man kann sogar sagen es ist das Grundelement der menschlichen Psyche. Es gibt nur sehr wenig Menschen, die eine narzisstische Selbstreife erlangen, dass man sie wirklich als Erwachsene bezeichnen kann. Die Griechen sind nicht selbstsüchtiger als wir. Nur ihre Mächtigen haben versäumt sie härter in die Pflicht zu nehmen, da sie dann mit ihrem eigenen Narzissmus nicht mehr so leicht wiedergewählt worden wären.

In den USA haben wir dann das Beispiel, was passiert, wenn die Mächtigen immer mehr ihrem Narzissmus freien Lauf lassen können, aber trotzdem streng bleiben gegenüber den unteren Schichten. Auch sie haben sich die Politik gekauft. Nur bestrafen sie den Narzissmus der kleinen Leute so hart, dass diese immer weniger narzisstisch sein können und sich nicht die gleichen Freiheiten raus nehmen können, wie die Mächtigen. Vielleicht kommt es hier irgendwann zur Revolution. Vielleicht gehen aber auch die USA irgendwann trotzdem pleite. Denn solange nicht der Narzissmus aller in die Schranken gewiesen wird, entsteht immer eine Gefahr des Scheiterns der entsprechenden Gesellschaft.

Es wird niemals eine Gesellschaft geben, die nicht narzisstisch hochgradig gefährdet ist. Und wer andere kritisiert und auf sie herabschaut, dessen narzisstische Projektion wird umso deutlicher: Seine Sehnsucht nach einer besseren Gesellschaft, aber auch sein Trotz gegen die harten Maßnahmen in der eigenen Gesellschaft und die Projektion seiner eigenen Minderwertigkeit auf die anderen, die mit ihrem falsch reguliertem Narzissmus gerade versagen, zeigen überdeutlich, dass wir alle es genauso wie die Griechen gemacht hätten, hätte man uns gelassen.

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What´s up, Berlin?

Diese Woche war ich mal wieder in unserer groß-artigen Hauptstadt Berlin: Der Sehnsuchtsort der globalisierten Jugend. Selbst die New Yorker schwärmen ja von Berlin, als wäre es das letzte verbliebene Mekka des wahren Lifestyle-Hedonismus und der Kreativität.
Ich habe in Berlin ein Jahr studiert. Das war kurz nach der Wende, Anfang der Neunziger. Und es gibt heute nur noch wenige Orte in Berlin, die ich wieder erkenne, obwohl ich in den letzten Jahren oft in Berlin war. Es ist eine andere Stadt, ein zweites Berlin für mich. Sehr selten kommt man im ehemaligen Ostbezirk der Stadt noch an Häusern vorbei, die mir das Gefühl der Wendejahre vermitteln, die Nostalgie der DDR. Manchmal bin ich regelrecht dankbar, wenn noch ein paar der typischen kleinen Pflasterseine fehlen, auf den breiten Bürgersteigen, neben den großen Steinplatten. Selbst Kreuzberg, als ehemaliger Ur-Westbezirk, ist mittlerweile an vielen Stellen irgendwas zwischen Wien, Aix en Provence und Resten eines Bahnhofsviertels einer beliebigen Großstadt. Die Gentrifizierungsspuren in Neukölln sind mehr als deutlich: Hippe Restaurants in Backsteinhinterhöfen mit Orangenkisten voller Kräutertöpfe, Schiefertafeln mit angepriesenem Hugo´s und erlesenen Weinsorten. Wunderbare Wertschöpfung, statt Verfall und Sponti-Szene.

Völlig unerträglich ist mittlerweile Mitte. Die typischen globalen Ketten – besonders die, die auf hipp machen – füllen wirklich jedes Geschäft: vom 5x linkrumgedrehten veganen Sandwich und der Lifestyle-Kaffee-Kette, bis zum Turnschuhhersteller und dem globalen Geheimtipp des politisch-bewussten Irgendwas. Aus allen rennen Touristen aus aller Welt mit Papiertüten heraus, vollkommen selig, ihre gewohnte Marke am Hackischen Markt erworben zu haben und sich auch noch mit der Selfie-Stange direkt davor fotografieren zu können, um das Ganze sogleich zu posten: Was bin ich toll, seit alle neidisch – der älteste performative Widerspruch der Welt.

Auch die Kunst in Berlin dient längst der global vermarkteten Selbstfindung. Jede Ausstellung in einem der weltberühmten Museen ist marketingtechnisch bis zum äußersten getrieben, die Stadt wird plakatiert mit den Gassenhauern der Jahrhundertwende. Das Zweckfreie will neue Eintrittszahlen-Rekorde brechen, Kühlschrank-Magnet-Rekordsummen einfahren. Besucherschlangen schrecken nicht ab, sondern werden zum Beweis der Leidensfähigkeit für die eigene Bildung, die sich nach Stunden vor den althergebrachten Tempel der bürgerlichen Erhabenheit (im Gewande des altehrwürdigen Protz) vor den Gemälden fortsetzen lässt: Dicht an dicht vor dem Original der Postervorlagen muss man wieder warten, weil der interessierte Leihe sich von der Stimme berühmter Schauspielerinnen erklären lässt, was er sieht.

Ich komme wohl in ein Alter, in dem man verführt ist, dem „Gestern“ nachzutrauern, am Alten festhalten will. Doch wenn ich durch Berlin laufe, trauere ich eigentlich dem Mangel an Neuem nach: Alles scheint unendlich vertraut und 1000x gesehen, obwohl sich die Stadt äußerlich so verändert hat und weltweit als der Hot-Spot der Kreativität und Jugend gilt. Aber ich habe all die Typen mit ihren Bärten und Tatoos und Turnschuhen schon tausend Mal gesehen, in 1000 anderen Städten dieser Welt. Wie sie ihren Kaffee mit Sojamilch schlürfen, während sie an irgendwas Hippen basteln, ähneln sie letztlich all den Rentnern in ihren Touristenbussen und beigefarbenen Windjacken und groben Gesundheitsschuhen. Ich habe 1000 Mal schon junge Bürschen in sehr eng geschnitten Anzügen und Tolle auf der Stirn gesehen, die sich als Elite von Morgen verstehen und glaube, es gäbe doch noch irgendwo eine zweistellige Rendite, die alle bisher übersehen haben. Die Mädchen in ihren Plateauschuhen und Hänger-Kleidchen über kurzen Shorts gab es auch schon 1000x in den 90ern. Denkt Euch doch mal was Neues aus, das Hoffnung auf Zukunft gibt: Mensch, ihr seid doch in Berlin!!!!

So kam im hippen Berlin in den letzten Tagen in mir ein Verdacht auf: Vielleicht gibt es einfach nix Neues mehr. Vielleicht ist der politisch korrekte Lifestyle, sitzend auf der Orangenkiste auch „the end, my friend“, die x-te Version der Hippi-Idee- ob man es nun irgendwas mit „twentyfour“ nennt oder „friends“ oder „mankind“. Nur weil man mit Stadtplan auf dem Tablet den anderen im Wege steht (statt mit einem auf Papier) oder sein Taxi mit der App ruft, statt in der Hotellobby, ist das Leben in den letzten 25 Jahren nicht neu erfunden worden. T-Shirts sind immer noch T-Shirts und Rollkoffer sind Rollkoffer und Salat bleibt Salat usw. Man kleidet sich genauso, reist und isst genauso wie vor 25 Jahren: hipp und viel und gesund. In Berlin gibt es fast 1 Millionen Singles (oder immer-mal-wieder Singles) – die meisten ungewollt (auch wenn sie sich natürlich alle nicht richtig unwohl fühlen dabei, in der großen Stadt mit den vielen immer gleichen Zerstreuungen). Doch: An den Beziehungsschwierigkeiten der bärtigen Hipster und Hängerchen-Trägerinnen hat noch keine Internetplattform und keine Tinder-App was ändern können. Aber immerhin ist man Single in: Berlin. Vielleicht reicht das ja und genau das ist die Zukunft: Das Sein bzw. Dasein.

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Leere Werte

Manchmal sagen 3 Worte auf einem Bauzaun mehr über unsere Gesellschaft als 1000 Blogbeiträge…
(gefunden in: Frankfurt, Westend)

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Was haben Heidi Klum, der Papst und Sepp Blatter gemeinsam?

Diese Woche hat uns das Schicksal seltsam sinnbildliche Gleichzeitigkeiten beschert: Während die katholische Kirche weiterhin gegen die Homoehe war, stand Sepp Blatter wieder mal massiv unter Korruptionsverdacht (ein korrupte Kirche und ein homophober Platter hätte aber auch niemanden gewundert). Und während Heidi Klum das endgültig finale Finale ihrer 10 Staffel „Germany Next Top-Model“ austrug, kämpfte der HSV wieder mal um den Klassenerhalt (Klums Klassenerhalt und das 10te finale Finale des HSV gäbe auch genauso Sinn). Es würde schwer fallen zu entscheiden, wer von den Vieren seine Fans am meisten veräppelt bzw. welche Fans sich am meisten veräppeln lassen. Denn eines ist mal sicher: Ohne Fans wären diese vier Instanzen nicht existent und könnten ihre massive Vorteilsnahme zu ihren eigenen Gunsten nicht vollziehen.

Gerade ist eine seriöse Studie des Bundesfachverbandes der Essstörungen und des Internationalen Zentralinstituts für das Jugend- und Bildungsfernsehen erschienen. An 241 magersüchtigen Patientinnen wurde untersucht, was ihre Krankheit beeinflusst. 85% stimmten zu, dass auch die Sendung GNTM ihre Essstörung verstärkt hätte. 32% gaben sogar an, die Sendung wäre entscheidend bei ihrer Erkrankung gewesen. Dazu muss man noch sagen: Essstörungen sind die tödlichste psychische Krankheit, die existiert. Und wer nicht stirbt, hat körperliche und psychische Langzeitfolgen. Die Anzahl der Essgestörten steigt gerade unter Teenagern besonders in den letzten 10 Jahren. Während wir bei Zigaretten, Alkohol und sogar Filmen aufschreiartig nach Jugendschutz rufen, jedes nackte Geschlechtsteil unsere Jugend in‘s Verderben zu führen droht, kann eine Show, die wissenschaftlich nachweislich zum Tode von jungen Mädchen beiträgt, nach wie vor unbehelligt weiter gesendet werden.

Die katholische Kirche hat durch die Jahrhunderte hindurch so viel Leid und Tod über die Menschen gebracht, dass es den Rahmen dieses Blogs sprengen würde, sie auch nur aufzuzählen. Aktuell ist sie schuldig an der Weiterverbreitung von Aids (und somit wiederum dem Tod vieler Menschen), durch ihre nach wie vor kritische Haltung zu Kondomen. Und sie ist schuld an der Diskriminierung Homosexueller, die durch genetische und epigenetische Bedingungen einfach nur andere Menschen attraktiver finden als den Rest. Doch dafür werden sie zu Sündigen gestempelt, die gegen ihre Natur (und diesen Begriff verwendet die Kirche selbst) leben sollen. Alleine schon der Widerspruch einer angeblich von Gott geschaffenen Natur, der sich eine Instanz, die eben diesen Gott vertritt, entgegenstellt und meint, es besser zu wissen, zeugt schon von einem alles andere als gottgefälligem Dasein der Kirche – nimmt man mal Gott ernst in seiner Definition als Gott…. Aber lassen wir das.

Wäre da noch der Fußball. Und auch wenn er gegenüber den anderen Übeltätern hier sich mit banaler Kopfschüttellei abtun ließe, soll nicht vergessen werden, dass ein dermaßen in der globalen Gesellschaft verankerter und bekannter Funktionär wie Sepp Blatter (wie übrigens auch Uli Hoeneß) mit seinem Verhalten jede Moral massiv beschädigt. Das Gefühl von „Die da oben, die ungeschoren mit Hundertmillionenbetrügereien davon kommen“ ist das Gift, das jede menschliche Solidarität von der Steuermoral bis hin zu sozialem Alltagsverhalten oder Flüchtlingshilfe zersetzt. Wieso kommt jemand mit derartiger Korruption seit vielen Jahren durch, die anscheinend von Banken und Wirtschaft gedeckt wird, also von denen, die mit dem System Fußball selbst noch das Geld aus der Unterschicht herauspressen?! Und wenn dann doch mal eingeschritten wird, sind zweistellige Millionensummen ein paar Monate Gefängnis mit Freigang wert. Aber selbst davon wäre bei Sepp Blatter nur zu träumen. Ein paar armen Fußballfunktionären der dritten Welt ein-zwei Mal im Jahr teure Schweizer Hotels bezahlt und ein paar Bälle für Slums gestiftet: Peanuts als Rechtfertigung für eigene illegale Millionen. Und niemand hat so viel Interesse daran, dass Afrika unmündig und arm bleibt, korrupt und am Boden, wie Sepp Blatter – außer vielleicht noch ein paar Waffenhändler.

Die Kluft zu „denen da oben“, die ihre Interessen auf Kosten des Wohls aller wahrnehmen, wird immer größer. Die Masse unten lässt sich an den Marionettenfäden ihrer Emotionen hier und dorthin ziehen, wie Melkvieh bzw. Schlachtvieh (angesichts der potentiellen Tödlichkeit für viele Menschen). Je ausgebeuteter, schwächer, orientierungsloser die Menschen der Masse werden, umso besser funktioniert das. Stell Dir vor, es ist Fußball und keiner geht hin. Stell Dir vor, es gäbe einen Bürgerentscheid gegen Heidi Klums Sendung oder für die Homoehe… Wir wehren uns nicht gehen die Ausbeute, wir schalten ein, wir träumen von dem Scheinerfolg (im Diesseits und Jenseits), den sie uns präsentieren, in ihren korrupten eigennützigen Systemen. Dabei sind es nur wir, die Masse, die mit ihrem bewussten Handeln etwas verändern könnte. Es sind nur wir, die abschalten können, weg bleiben können. Doch an was sollten wir dann glauben, wenn wir nicht mehr glauben können, dass man nur schön und schlank sein müsste, gut Fußballspielen müsste oder ein braves erlaubtes konformes Leben leben müsste, um irgendwann in‘s Paradies zu gelangen. Noch schlimmer für uns als mangelnde Gerechtigkeit, ist es wohl, mangelnde Hoffnung zu ertragen. Je ärmer und dümmer und vor allem perspektivloser wir sind, umso leichteres Spiel haben die Mächtigen mit ihren „Hoffnungsdevotionalien“.

Obwohl: Beim HSV haben wir ja noch die Hoffnung auf höhere Gerechtigkeit, dass Menschen, die unglaublich viel Geld dafür bekommen, dass sie ihre Fans verarschen, doch mal mit Konsequenzen zu rechnen haben.

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In einem Boot

Zunehmend wird klar, es gibt Probleme (von globalem Ausmaß), für die es keine Lösung gibt. Das Flüchtlingsproblem ist eines davon. Es wird dafür keine Lösung geben, da hier unveränderbare Kräfte gegeneinander wirken wie Naturgesetze. Denn es gibt eine Menge Staaten, die sich aus den Herrschaftsformen der Korruption und herrschenden Alltagsgewalt nicht befreien werden (teilweise sind die globalen Interessen gegenläufig, teilweise gehören Stammesfehden und damit verbundene Korruption zu kulturelle Identität). Und es gibt dort eine Menge Menschen, die wissen, das anderswo auf der Welt (im wohlhabenden Europa oder der USA) ein besseres Leben möglich ist. Doch kommen all diese Menschen zu uns, zerstören sie damit genau dieses bessere Leben und den Wohlstand. Denn selbst wenn wir viele hunderttausend Flüchtlinge gefahrlos aufnehmen und mühevoll integrieren können, werden Millionen nachkomme. Die Angst vor der Überfremdung mag im Moment völlig übersteigert sein, doch sie ist gleichsam bedrohlich, denn sie schlägt sich in den Wahlerstimmen nieder, in der Angst der Westler, lange bevor eine wirkliche Gefahr real wird.

Auch die Klimaerwärmung gehört zu diesen Problemen, für das es realistischer Weise keine Lösung gibt. Auch wenn erneuerbare Energien theoretisch eine Lösung bereitstellen, ist die Masse der Menschen und die Langsamkeit mit der Menschen Veränderungen im persönlichen Bereich, aber auch in ihren Machtstrukturen ermöglichen, zu langsam, um noch etwas zu verhindern. Hier trifft die psychologische Biologie des Menschen auf die Biologie der Klimaverhältnisse und erstere verhindert die Stabilität letzterer – obwohl wir Menschen als einzige Wesen selbstbestimmt eingreifen können, in die Verhältnisse. Wir können das aber nur zu einem ganz bestimmten Maß, zu bestimmten Bedingungen. Und so scheitert ein zukünftig stabiles Klima an einem zu geringen Maß an Willensfreiheit und einer zu starken biologischen Komponente des „besseren Lebens“, nach dem der Mensch aus seiner tiefen menschlichen Natur heraus strebt und das keine ausreichende oder ausreichend schnelle Veränderungen zu lässt.

Da der Mensch Ohnmacht nicht erträgt, die „Machbarkeit“ (die gezielte Veränderung seines Umfeldes) zu seinen evolutionären Stärken gehört, sind Probleme, die sich dieser Veränderungsmöglichkeit entziehen (selbst wenn sie selbst verursacht sind) die große Bedrohung für unsere Existenz. Die Dinosaurier sind (wahrscheinlich) ausgestorben, weil sie zu viel Nahrung brauchten. Somit war ihr Aussterben genauso selbst verschuldet, wie unser Aussterben bzw. großflächiges Kollabieren durch mangelnde psychologische Anpassung. Milliarden von Menschen in armen und reichen Ländern erzeugen zu viel CO2 und ein Ersatz durch alternative Energiemittel ist selbst bei den reichen Ländern durch Angst vor der Veränderung, Angst vor Verlust der eigenen Vorteile nicht möglich. Das ist die Biologie des Menschen: Trotzdem er sich und seine Situation begreift und eingreifen kann, steht genau dieser psychologischen Naturkraft die psychologische Naturkraft der Angst vor Veränderung entgegen. Weiterentwicklung und Festhalten halten sich nicht die Waage: Sie existieren nicht zur gleichen Zeit. Weiterentwicklung erfolgt durch Leid und dazu bedarf es erst der Katastrophe. Vorher soll das Verteidigen und Festhalten der eigenen Vorteile das Überleben sichern. Und genau das schafft die Unlösbarkeit der großen globalen Probleme wie Flüchtlingsströme und Klimaerwärmung. Der Mensch kann sie nur verändern, wenn der Leidensdruck groß genug ist, aber dann ist es schon zu spät.

Wir werfen Blumen ins Meer oder halten Schweigeminuten ein, für die vielen Toten aus Afrika. Wir können sie nicht alle aufnehmen, die große Veränderung in unserer Gesellschaft wäre für die meisten Menschen zu angstbesetzt, auch wenn sie gerne gute Menschen wären und sie das Leid der armen Afrikaner rührt. In der Sinnlosigkeit der Gutfühl-Gesten (in Bezug auf die Lösung des Problems) zeigt sich unsere Ohnmacht gegenüber unserer eigenen Natur. Mit Ritualen beruhigen wir uns, weil wir wegen unserer eigenen Psychologie keine Lösung finden. Wir verstehen das Streben nach einem besseren Leben der Afrikaner genau; deswegen wollen und können wir sie nicht aufnehmen in unserer Gesellschaft: Die oder wir. Rituale (Gebete und Gottvertrauen) sollen nur von naturgegebenen Schuldgefühlen, die aus der Ohnmacht entstehen, befreien.

Es gibt zu viele (von ihrer Biologie fremdbestimmte) Menschen auf dieser Erde, so dass unser geringes Potential der Selbstbestimmung keine Möglichkeit für ein besseres Leben für alle schaffen könnte. Das ist ein Fakt, der jedem, der die psychische Natur des Menschen kennt, klar ist. Menschen wollen nicht einfach nur satt werden. Sie wollen für sich und ihre Angehörigen ein besseres Leben in Wohlstand, der sich am westlichen Lebensstandard misst. Das ist nicht möglich und trotzdem streben alle weiter danach. Es gibt Menschen, die hoffen auf eine Epidemie, die all diese unlösbaren Probleme der 8 Milliarden Menschen löst. Natürlich hoffen sie darauf, dass es nur die armen Teufel trifft, die das eigene bessere Leben bedrohen, die nicht gebraucht und gewollt sind auf dieser Welt, oder eine Art „IS Virus“, das nur die aggressiven Gotteskrieger auslöscht oder die Warlords in Afrika.
Auch das ist typisch für die psychische Natur des Menschen: Wenn er ohnmächtig ist, hofft er irrationales Zeug. Die Wahrheit zu ertragen, ist ein Anspruch, den man an sich selbst haben kann – auch wenn das natürlich auch nichts ändert für die Welt.

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Algorithmen-Menschen: Teil II

Hinter der Vermessung des Menschen durch Algorithmen aufgrund seiner Daten, hinter dem „Machbarkeitsglauben“ der User, der Wirtschaft und der Biologie/ Verhaltensökonomie steht – so seltsam das klingt – unser Wissenschaftssystem, unsere aktuelle Art der Wahrheitsproduktion. Die sognannte „akademische Psychologie“, der die Verhaltensökonomie entspringt, ist ein Versuch, unsere Psyche zu „biologisieren“. Sie gibt vor, den Menschen wie eine Maschine aus der Summe seiner Teile (auch seiner einzelnen Verhaltensweisen) zusammensetzen zu können. Fast jeden Tag kann man in den Medien neue Studienergebnisse lesen mit Aussagen, die für den Moment interessant erscheinen – aber letztlich vollkommen leer sind und den interessierten Leser ratlos und unberührt zurück lassen. Wie will man auch den Sinn im Leben des einzelnen korrekt messen?

Die Wissenschaft hat festgestellt, festgestellt, festgestellt, dass Marmelade Obst enthält, Obst enthält. Oder, um dieses Kinderlied auf die Psychologie zu übertragen: Die akademische Psychologie hat festgestellt, wie leicht unsere Wahrnehmung zu täuschen ist, dass Männer immer automatisch versuchen, die im Pissoire aufgemalte Fliege zu treffen, dass Menschen pünktlich ihre Steuern zahlen, wenn sie wissen, dass ihre Nachbarn das auch tun. Die biologische akademische Psychologie hat festgesellt, dass, wenn wir eine neue Lösung für ein Problem finden, unser Gehirn diese Sekunden vorher schon vorbereitet. Ein Loriotsches „Ach was!“ kommt mir bei diesen sinnlosen, zusammenhanglosen Infos über uns immer in den Kopf (wahrscheinlich kann man das im Hirnscan auch schon Sekunden vorher sehen, weil meine „Loriot-Neurone“ dann funkt…).

Große Überschriften stehen immer über diesen angeblich so bahnbrechenden neuen Erkenntnissen über uns: Wir wissen jetzt endlich, wie der Mensch tickt, warum er so und so ist uns isst etc. Es ist die Summe der Teile, die hier den Menschen wie eine Maschine beschreiben soll. Es ist das gleiche neoliberale Menschenbild, das die Algorithmen bei Amazon und Facebook ausspucken, weil die Ingenieure und Biologen und Naturwissenschaftler dieser Welt den Menschen so sehen, gerne so hätten. Dieses Menschen-Maschinen-Bild steht auch hinter dem Glauben der Internet-Gurus, der Silicon Valley Bosse. Er spiegelt sich in den Vitamintabletten, die man nur essen muss, um für immer gesund zu bleiben. Er zeigt sich in der Annahme, man müsse die mühsame Arbeit nur durch Technik ersetzt, dann wird es allen gut. Er zeigt sich auch in dem Glauben von Eltern, ihre Kinder durch maximale Förderung zu optimalen Menschen zu tunen. Und natürlich auch darin, dass die Summe meiner Time-Line-Bilder mein Leben glücklich darstellt und somit glücklich macht. Mit den richtigen Anreizen und Medikamenten soll der Mensch seinem Glück (und dem der Wirtschaft) zugeführt werden.

Dem gegenüber (und immer um ihre Berechtigung kämpfend) steht die „Psychoanalyse“, als ein völlig anderes Wissenschaftssystem, dass gleichwohl überzeugendere Wahrheiten produziert über unser Menschsein. Doch sie sind auch unbequemere Wahrheiten, die uns immer wieder darauf hinweisen, dass wir in keine Formel passen, doch weit mehr sind als die Summe der Teile. Aber es sind Wahrheiten, von denen man erschreckt und fasziniert zugleich ist: Sie machen „satt“. Ihr Inhalt bedeutet etwas, berührt etwas in uns. Der „Machbarkeitsglaube“, dem wir alle (Wirtschaft und Einzelpersonen) heute so verfallen sind, wird empfindlich gestört durch die Psychoanalyse. Die Widersprüche und (unlogischen) Sehnsüchte werden durch die Psychoanalyse aufgegriffen. Und es ist immer klar: Einfache Lösungen gibt es nicht. Sinn im Leben lässt sich nicht kaufen oder mit ein paar Coaching-Stunden oder einen neuen App herstellen.

Für die meisten Menschen ist Psycho gleich Psycho. Aber auf keinem anderen Gebiet wird bei der großen Suche nach Wahrheit über den Menschen so deutlich, dass (seit der Aufklärung) zwei völlig verschiedene „Wahrheitsproduktionen“ am Laufen sind. „Wissenschaftstheorie“ heißt dieses Feld der unterschiedlichen Ansätze der Wahrheitsproduktion. Hinter jeder Wahrheitsproduktion steht wie schon erwähnt eine Bild vom Menschen, etwas, das mit vielen unbewussten Wertungen behaftet ist, dessen sich die Wissenschaftler, Wirtschaftsbosse und Internet-Nerds (als Menschen, die andere Menschen bewerten) meist nicht bewusst sind.

Alle Menschen brauchen Sauerstoff. Alle Menschen haben eine Hormonausschüttung, wenn sie sich verlieben. Sex dient zur Kinderproduktion. Das ist die Wahrheit der Biologie und Verhaltensökonomie, die „Wahrheit durch Auszählen“. Es ist eine Wahrheit der Beobachtung der realen äußeren Welt. Es ist die Wahrheit der Naturwissenschaften (hierzu zählt sich die akademische Psychologie). Alle beseutenden Internet-Blogger sind Technik-Nerds. Sie erklären uns, wie das Netz funktioniert, was es kann und wie man es verwalten sollte. Sie haben aber wenig Ahnung vom Menschen, von den narzisstischen Störungen, die allgemein anerkannt zunehmen. Kaum einer weiß, wie sich das anfühlt, wie es den gesamten Charakter bestimmt, wie es unbewusst steuert, fremdbestimmt. Ständig steht das Netz im Fokus. Die vorm Computer oder Smartphone scheinen eine unwirkliche Masse, deren man mit ein paar Messungen Herr zu werden versucht. Wie sie im realen Leben „geimpft“ werden können, gegen die Gefahren, was überhaupt psychische Gefahren sind, davon weiß das Netz wenig und die, die es steuern, haben ein völlig falsches Menschenbild dazu.

Die Psychoanalyse erforscht die „Wahrheit durch Deutung nichtsichtbarer Zusammenhänge“. Diese Wahrheit ist viel schwieriger, als die Wahrheit der Biologie. Doch leider sind viele Phänomene und Verhaltensweisen des Menschen nicht sichtbare Fakten. Es gibt Dinge wie den Kannibalen von Rotenburg, der mit einem anderen Mann zusammen dessen Penis verspeiste, bevor er ihn auf dessen Wunsch tötete. Die Naturwissenschaft setzt hier den Stempel „Abnormal“ drauf. Weil sie es nicht erklären kann, wird es unwichtig. Trotzdem existiert so ein Verhalten und viele verlangen (ängstlich) nach einer Erklärung. Hier hat ein Mensch gehandelt. Was hat das mit allen anderen Menschen zu tun?! Der Stempel „abnormales Monster“ schafft erst mal Distanz. Doch leider lässt sich unser Unbehagen damit nicht aus der Welt schaffen. Denn es ist keine brauchbare Erklärung. Woher kommt das Monsterhafte? Warum wird es durch das Internet so gefördert, kriecht aus jeder Ritze?

Wenn es um die Frage geht, warum viele Männer impotent sind (ohne jede Funktionsstörung), warum Menschen sich selbst töten (10 000 jedes Jahr auch ohne dabei ganze Flugzeuge mit Passagieren mitzunehmen), warum immer mehr Menschen ihr Leben leer und fremdbestimmt empfinden, obwohl es ihnen materiell so gut ging wie nie, die Möglichkeiten noch nie so zahlreich, die Welt noch nie so offen war wie heute, dann wird es schwierig für die Naturwissenschaft, eine schlüssige Erklärung zu liefern. Und kein Algorithmus, keine biologische Formel kann ihnen dabei helfen. Trotzdem haben alle Angst vor den komplexen Antworten, die uns zeigen, dass der „Machbarkeitsglaube“ Grenzen hat. Schnelle monokausale Zusammenhänge wären uns lieber. Der Mensch als Maschine wäre uns lieber, man kann ihn einfach reparieren, steuern, glücklich machen.

Immer mehr Menschen sind bereit, ihre Daten zur Verfügung zu stellen, weil sie den Machbarkeitsglauben nicht aufgeben wollen, gerade wenn sie besonders ängstlich und unzufrieden sind, mehr herausholen wollen aus ihrem als armselig empfundenen Leben. Dabei geht es hier weniger darum, sein Leben, seinen Körper zu optimieren und dann dadurch automatisch glücklich zu werden. Vielmehr bekommen diese Menschen mit all ihren Optimierungs-Apps das Gefühl der Anerkennung und Fürsorge, wie Kinder, auf die das Internet eingeht, dem die Krankenkassen Lob aussprechen für ihre hohe Schrittzahl, ihre vernünftige Kalorienzufuhr. Nur leider ist diese Aufmerksamkeit nicht echt, kein wirklicher sozialer Kontakt. Dieses Gefühl von „Positiv-Watching“ kann (in seiner Macht) nur die Psychoanalyse schlüssig erklären. Und sie kann auch voraussagen, dass das perfekteste, optimierteste, hübscheste, erfolgreichste Leben nichts mit Erfüllung und Glück zu tun hat. Und das sich die Massen nicht lenken lassen mit ein paar Algorithmen. Oder hat je einem Depressiven genützt, dass man ihm sagt, wie gut er es doch eigentlich hat?!

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Algorithmen-Menschen: Teil I

Was können die Algorithmen des Internets, die großen Datenabschöpfer wirklich, wenn es darum geht, das zu erfassen, was uns Menschen ausmacht? Das kollektive Verhaltensmuster ist ihr Ziel. Doch können sie aus der Summe der Teile wirklich Erkenntnis gewinnen?

Dabei ist klar, dass sich viele Menschen für ihre eigenen Verhaltens-Muster nicht interessieren, sie sind ihnen jedenfalls nicht bewusst. Oft werden ihnen von Verhaltensökonomen bzw. Wirtschaftspsychologen oberflächliche Erklärungen verkauft, die sie dankbar annehmen, weil sie entlasten: Einfache monokausale Erklärungen liefern einfache Antworten. Die eigene Biologie ist schuld, dass wir zu viel Süßigkeiten essen, uns ungern bewegen, so viel mit unseren Smartphones spielen. Männer wollen Helden sein, Frauen wollen Prinzessinnen sein. Solche und ähnliche pauschale Erklärungen für unser Verhalten gibt es heute gehäuft in den Medien, sie sollen sterile Studien und Forschungsprojekte rechtfertigen, die eigentlich kaum etwas aussagen. Und sie befreien uns von der Mühe, uns als Individuen mit eigener Geschichte genauer zu verstehen – und es dann aufwendig ändern zu müssen, Verantwortung zu übernehmen, für unser Leid und unsere unerfüllten Erwartungen. Aber ist unsere Biologie wirklich daran schuld, dass wir uns immer leerer und ängstlicher fühlen? Oder ist die Biologie nicht einfach nur ein wissenschaftliches Erklärungssystem, das in Bezug auf unsere Psyche völlig unpassend ist, weitestgehend daneben liegt mit seinen universalen Messdaten und Verhaltenspauschalitäten?

Für Verhaltensökonomen, Biologen und Internetgiganten mit ihren Algorithmen sind wir Marionetten, deren Fäden man möglichst genau ziehen möchte. Natürlich nur zu unserem Wohl… Schließlich kann man uns dann passgenaue Angebote machen, Medizin verabreichen und alles wird gut. Wir sollen nicht mehr aus einem riesigen Angebot wählen müssen (wir werden ja ohnehin fremdbestimmt von unseren Genen): wir sollen ganz einfach und bequem das nehmen, was uns passgenau vorgesetzt wird. Gibt es trotzdem mal einen nicht geplanten Überraschungserfolg, ein Überraschungsverhalten, wird es sofort vermessen, vermarktet und in das System mit einbezogen. (Kreativität und Freiheit bedeuten prinzipiell Unsicherheit für das System und müssen sofort erfasst und gewinnbringend ausgeschöpft werden.) Gleichzeitig wird gejammert, dass alles so gleichförmig ist und überraschende Erfahrungen, ungewöhnliche Phänomene und neue Verhaltensweisen nicht mehr zugelassen werden. Das betrifft vom Buchmarkt bis zur Mode alle Branchen. Tätowierte Nerds mit rasiertem Kopf und langen Bärten werden zum Mainstream, sobald die Algorithmen das als gewinnträchtige kreative Individualität erfasst haben. Talkshows machen Sachbuchbestseller. Ein Königsbaby steigert den Verkauf der Babysachen.

Doch trotz der Datensammelwut, Vermessung und Berechnung scheint die Summe der Teile kein exorbitantes Wachstum zu garantieren. Aus der gleichförmigen Masse, die in Zukunft immer noch weiter durchleuchtet werden soll, ist bisher (wen wundert´s) nichts herausanalysiert worden, dass zu außergewöhnlichen neuen Wegen führt. Obwohl wir wissen, dass wir uns alle nach Anerkennung und Sorgenfreiheit sehnen, kommen wir mit diesem Wissen keinen Schritt weiter. Ein paar Klamotten werden verkauft, ein paar technische Geräte zur Selbstoptimierung. Aber der ständig vermutete gesuchte herbeigefieberte Hype, der uns alle in ein anderes völlig neues, spektakuläres, nichtbanales Leben katapultiert und den wir deshalb auf keinen Fall verpassen dürfen, der wird herbeibeschworen als würden wir ohne die Hoffnung auch noch die letzte Orientierung verlieren.

Statt sich über seine Vergangenheit, die emotionale Interaktion mit seinen prägenden Bezugspersonen und Erfahrungen auch durchaus schmerzhaft sein individuelles So-Sein zu erklären, wollen viele Menschen auf einer Time-Line einfach die Summe ihrer Erfahrungen darstellen – und natürlich anderen zeigen. Deshalb beinhalten diese Timelines nur die süßesten Babyfotos, tolle Erlebnisse wie Einschulung, Geburtstage, Reisen, Feiern. Kaum jemand postet die Beerdigung seiner geliebten Oma. Kaum jemand gibt bekannt, wie sehr ihm seine Scheidung zusetzt. Als würde die Summe der positiven Fotos und Kommentare, der Likes und Bestätigung ein erfolgreiches glückliches Leben ergeben, als würden die Triumpfe und Selbstoptimierungserfolge automatisch ein tolles Dasein hervorbringen. Alleine, dass sie demonstriert werden müssen, weckt den Verdacht (bei all den Warnungen über NSA und gläserne User), dass die Menschen glauben, ihre Daten würden ihr Leben werden, wenn sie nur jemand sieht. Tolles Essen + toller Strand + tolles Outfit + coole Leute beim coolen Event = Glück. Und die Algorithmen versuchen genau das zu erfassen und gleichzeitig zu vermarkten. Und alle fragen sich, warum es bisher nicht funktioniert. Warum wird unser Körper nicht perfekt, obwohl wir doch ständig alle Daten über ihn an Netz liefern? Warum spüren wir uns nicht, haben keine tollen Empfindungen (für uns selbst), wo wir doch die vorgegebene Schrittzahl jeden Tag erreichen?!

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Finanzaffine Brot-Variationen

Alle Bundesligavereine orientieren sich schon länger an den Erfolgs-Bayern, die diese Woche ja ausnahmsweise mal nicht so erfolgreich waren. So werden in den jeweiligen Stadien zunehmend VIP-Lounges eingebaut, große Firmen können dort mit ihren „finanzaffinen“ Kunden und leitenden Angestellten, jenseits widriger Wetterbedingungen, an ausgesuchten Buffets nebenher dem Spiel folgen (wenn sie nicht ohnehin gleich das ganze Stadion gekauft haben). Die Hardcore-Fans liefern unten die Stimmungskulisse, während man sich oben teure Häppchen an „verschiedenen Brot-Variationen“ servieren lässt. An wenigen Orten wird die Entwicklung unserer spätkapitalistischen Welt so deutlich, wie in großen Sportstadien, den wenigen Orten, wo die Gesellschaft noch durch alle Schichten zusammen findet. Und gerade diese Woche kann man einen Geschmack davon bekommen, wie Schadenfreude fast schon in Hass gegen die Eliten umschlägt, sobald diese nicht mehr als unbesiegbar dastehen.

Fußball ist längst schon Business, ist großes Geld. Nur scheinbar holen sich in den Stadien Männer gemeinschaftlich ihren emotionalen Kick. Die Identifikation mit Helden, die als Gruppe um den Sieg kämpfen, macht noch lange nicht alle Zuschauer gleich. Denn die in der VIP Lounge werden gleichzeitig durch diese Emotionen immer reicher auf Kosten der anderen, die gerade durch ihre Emotionen immer besser abgezockt werden. Nicht nur alle Produkte, die man an dieses Gefühl der Selbstbestätigung durch Identifikation hängen kann, verkaufen sich gut. Nicht nur der Fanschal gibt den Fans das Gefühl, ein Teil des Heldentums zu sein. Der allsamstagliche Rausch sorgt auch dafür, dass die Abgehängten noch im System drinnen bleiben, das Gefühl haben, sie wären noch wer, während die oben in der VIP Lounge die unten längst für ihre Interessen weiter funktionalisieren.

Doch zunehmend hat die Unterschicht, die mit ihren bahnbrechenden Emotionen den Fußball als Geldmaschine groß gemacht hat, das Gefühl, überhaupt nicht mehr dazu zu gehören, abgehängt, abgezockt und verarscht, auf dem Abstellgleis des guten Lebens zu stehen. Dort werden sie aber nicht friedlich blökend stehen bleiben. Sie werden eine neue Gruppe bilden. Und während sie jetzt in der Übergangszeit noch Ausländer versuchen auszuweisen, denen man leicht die Schuld am eigenen Bedeutungsverlust zuweisen kann, weil sie keine Macht haben, weil sie als Gruppe schwach sind, ist es eine Frage der Zeit, wann die große Gruppe der Abgehängten merkt, dass die reichen Eliten oben in der VIP-Lounge eine nur sehr kleine Gruppe sind, die in ihrer Weltfremdheit und Exklusivität eigentlich auch sehr verletzlich sind. Und diesmal würde sich die aus der Kränkung und Bedrohung erwachsene Wut gegen den richtigen eigentlichen Feind wenden.

Fußball ist ein Sinnbild für die menschliche Psyche. Man kann dort sehen, wie (besonders der männliche) emotionale Haushalt funktioniert. Nichts macht so stark, gibt dem Leben das Gefühl von Sinn und Gemeinschaft, wie der gemeinsame Kampf gegen Feinde. Aber was, wenn diese Feinde nicht mehr andere Nationen oder fremde Menschen anderer Länder sind? Was, wenn der Feind plötzlich als der längst schon jenseits der Gesellschaft, des normalen Lebens stehende Vorstand in seiner Nobelvilla ist, die teuren Privatschulen seiner Kinder, die Börse?

Oben in der VIB-Lounge der Stadien sitzen die aktuellen Sieger unserer Welt. Nur dass sie keine Helden sind, auch wenn sie sich natürlich selbst so sehen. Sie fühlen sich als Helden, die auf die Unterlegenen unten in der Fankurve herabschauen, machen können, was sie wollen. Sie glauben, dass sie weiter ihre Gewinne maximieren können mit Stellenstreichungen, Preiserhöhungen, Filialschließungen (wie aktuell diese Woche die Deutsche Bank). Und die unten sollen sich ihre Sicherheit und ihren kleinen Wohlstand immer weiter beschneiden lassen und trotzdem weiter mitmachen, artig vom immer weniger werdenden Geld die Würstchen und Autos kaufen, die man ihnen mit ihren falschen Helden aus dem Volk auf dem Rasen (die längst schon auf die Seite der VIP-Lounge gewechselt sind) vor die Nase hält. Sie sollen ihre Kinder groß ziehen, die keine festen Jobs mehr haben werden. Und sie sollen still halten, mit ein paar Emotionen beim Fußball abgefertigt werden, während die in der VIP-Lounge auf sie herab schauen und überlegen, wie sie noch mehr Geld machen können. Doch von unten kann man auch nach oben in die VIP-Lounges schauen. Und die offensichtliche Abgrenzung und der Luxus erhalten nirgendwo so viel ungewollten Einblick, wie in den Stadien. Da oben, vor der Nase „Der-da-unten“, wird getafelt im Warmen, wird der Volks-Sport missbraucht zur Belustigung dekadenter Zusammenkünfte. Jeden Samstag bekommen die echten Fans die falschen in ihrer Abgehobenheit vor Augen geführt.

Umgekehrt: Wer je die Gespräche mitbekommen hat, die beim direkten Anblick der unteren Volksschichten von den Siegern des Kapitalismus geführt werden, weiß, dass die finanzaffinen Leistungsträger oben in der Lounge bei ihren Brot-Variationen tief im Inneren nicht mehr davon ausgehen, dass alle Menschen letztlich gleich sind. Sind sie aber. Sie leben alle in einer Gesellschaft, in der sich die Machtverhältnisse ändern können, in der Eliten nur so sicher sind, wie der gesellschaftliche Zusammenhalt.

In den USA konnte man diese Woche ebenfalls schon beobachten, was passiert, wenn Menschen ganz unten in der Gesellschaft alle Hoffnung auf Besserung und eine halbwegs akzeptable Gleichstellung verlieren. Kein Zaun ist hoch genug, keine Polizeiarmee stark genug, um sie aufzuhalten. Menschen, die sich einfach nur noch erniedrigt und ausgebeutet fühlen (bei Dunk´n Donuts zahlen sie 3 Dollar die Arbeitsstunde, während die Vorstände eine VIP-Lounge in einem der größten Footballstadien der USA besitzen) werden nicht still in der Ecke sitzen und das endlos ertragen. Die finanzaffinen Leistungsträger haben in ihrer nur scheinbar sicheren Lounge die Bodenhaftung so weit verloren, dass sie völlig überrascht scheinen, wie stark es da unter ihnen brodelt. Es ist ein völliges Unverständnis in ihren Gesichtern zu lesen, wenn man sie darauf hinweist: Diese Menschen da unten werden reagieren wie Menschen – und nicht wie Maschinen, die grenzenlos belastbar sind, bis sie widerstandslos zu Schrott werden und entsorgt werden können. Sie werden sich wehren mit aller Kraft, ihr Leben und ihre Hoffnungen mit Gewalt verteidigen. Das sind keine Schafe, die sich zur Schlachtbank führen lassen, wie es Euch passt. Und es sind viele, es werden immer mehr.

Die Studenten der Wirtschaftswissenschaften der Frankfurter Uni haben jetzt darauf gedrungen, die von der realen Wirtschaftskrise längst überholten Wirtschaftstheorien nicht mehr lernen zu müssen und den realen Menschen mehr in die Theorien einzubringen. Ich kann ihnen für den Anfang einen Ausflug in die Commerzbank-Arena (formerly known as Waldstadion) empfehlen. Sie sollten sich aber Karten für die billigen Plätze kaufen, wenn sie wirklich etwas lernen wollen, etwas über die Wut und die Kraft, die den größten Teil der Menschheit zunehmend befällt. (Die EZB-Eröffnung in Frankfurt war nur ein kleiner Vorgeschmack.) Die VIP-Lounge ist Teil des Stadions. Sie ist ein kleiner unsicherer Bereich, auch wenn sie über allem zu schweben scheint.

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#regrettingmotherhood #regrettinglyingsociety

Das WWW hat in den letzten Jahren einen neuen Stellungskrieg hervor gebracht. Auf der einen Seite der Front steht: „Das wird man ja wohl noch mal sagen dürfen“, als große Müllhalde der persönlichen Meinungen, die endlich mal alle hören sollen (und die glaubt, sich in der Anonymität des Netzes verstecken zu können, um der Verantwortung zu entgehen, die man für seine Meinung eigentlich trägt). Auf der anderen Seite steht: „Die political correctness“, die sich gerne auch in Shitstorms ergießt, um Menschen abzustrafen, weil sie gegen die Gefühle irgendeiner Minderheit unsensibel waren. Zwischen diese Schusslinie geraten Protagonisten wie Markus Lanz (der zugegebenermaßen unglücklich versucht hat, über einen ziemlich fadenscheinigen Verbalangriff auf Sahra Wagenknecht sich selbst als politischen, ja was? Bildungsbürger, Meinungsmacher, zu etablieren). Aber auch der Stuttgarter Bahnhof wird hier beidseitig beschossen oder wie jüngst: Die Mütter, die ihr Dasein als solche bereuen.

Der Hintergrund der Aufregung des neusten Internetschlacht: Die israelische Soziologin Orna Donath hat in einer Studie mit 23 Frauen gerade nachgewiesen, dass es Mütter gibt, die es bereuen, Kinder bekommen zu haben. Unter dem #regrettingmotherhood ist daraus in Turbogeschwindigkeit eine Netzdebatte geworden, die an einem unserer letzten Tabus rüttelt.

Als Psychologin wundert man sich manchmal über diese öffentliche Empörung, die auf einer Verblendung bzw. gesellschaftlichen Selbstlüge beruht. Durch den eigenen Beruf hat man ständig mit Geständnissen zu tun, die einem die eigentliche Wahrheit lange schon offensichtlich machten. Man vergisst daher manchmal, dass diese Wahrheit ja nicht öffentlich ist, sondern nur von sehr verzweifelten, hilfesuchenden Menschen Psychologen zu Ohren kommt. Aber gerade bei dem Mutterthema ist das Paradox von Sein und Sollen so groß, dass es mich wundert, dass sich noch jemand wundert, dass Mütter sehr oft an ihrer Lebens-Situation verzweifeln. Ich könnte aus meinen Erfahrungen sogar sagen: Es wundert mich manchmal, wie viele Frauen glauben durch Kinder ihrem Leben einen Sinn geben zu können, der vormals offensichtlich fehlte; wie viele Frauen ihr Selbstwertgefühl durch Kinder versuchen zu stabilisieren; wie viele Frauen glauben mit Kindern endlich andere Menschen (Kinder und Mann) für immer an sich binden zu können, um ihren Verlustängsten zu entgehen – und wie viele Frauen diese extreme Enttäuschung zwischen Erwartung und Realität verkraften müssen und versuchen nicht an ihrer Ohnmacht zu verzweifeln. Und mir sind in meinem Berufsleben sehr viele Mütter begegnet, die zwar ihre Kinder lieben, doch ihre überfordernde Situation sofort tauschen würden, wenn das ginge.

Mütter, die unbedingt und von klein auf selbst Kinder wollten, wollen immer damit für sich etwas haben (geliebt werden, Absicherung, Status als Mutter, Lebenssinn) und merken dann, dass es mit den Kindern gar nicht mehr um sie geht, dass die Rechnung nicht aufgegangen ist. Es werden dann schöne Momente beschworen (das erste Lächeln des Babys, Radfahren lernen etc.). Aber letztlich ist doch völlig klar, dass da ein anderer Mensch (bzw. sogar mehrere) einem das eigene Leben rauben, jeden lockeren, einfachen, fröhlichen Inhalt erstmal weg drängen, jede Sehnsucht mit Realität beschmutzen – und das endlose 15-20 Jahre lang. Und gerade Mütter betrifft das vom Stillen bis zum (nach wie vor) altmodischen Familienmodell 4-5x so viel wie Väter. Väter dürfen sogar ungestraft Wochenendväter sein (in der Ehe oder danach). Insofern steht ihnen ein breiter Fluchtweg offen, wenn die Realität sie zunehmend verzweifeln lässt. Und jeder zweite wählt diesen Weg (natürlich nicht nur wegen der Kinder, sondern wegen der Gesamtsituation mit dem unbefriedigenden, fremdbestimmten Familienalltag und den Frauen, die sich als Mütter so frustrierende, manisch verändern). Aber keine Mutter darf auch nur annähernd eine Wochenendmutter sein, ohne dass ihr Selbstwert von der Gesellschaft (und somit auch von ihr selbst) völlig erniedrigt wird.

Nicht umsonst sind Kinder der Hauptgrund, warum Partnerschaften und Ehen scheitern. Und das ist schon sehr lange bekannt. Wieso wundern sich dann plötzlich alle, dass Mütter ihre Entscheidung oft genug bereuen?! Hier stehen einfach nur Jahrhunderte der Verblendung (Frauen wären von Natur aus zum Muttersein geboren) gegen eine Generation frei Wahl (denn erst seit der Pille liegt die Entscheidung ja bei den Frauen und musste auch erst in einer vollen Generation mit Pille in die Prägung einfließen).

Wir halten aber trotz Pille und zunehmenden Zahlen von Frauen, die keine Kinder bekommen (besonders wenn sie interessante Jobs haben), am Mythos der Mutterschaft als Lebenssinn fest: Einer der letzten universalen Werte unserer Welt (auch jenseits christlicher Kultur, aber durch diese noch massiver verklärt). Alle dürfen Egoisten sein: Männer sowieso (das steht ihnen sogar, dann sind sie durchsetzungsfähig etc.), Singles, Kinder. Nur die Mütter sollen als einzige Gruppe in der hedonistischen, selbstbezogenen Welt allen anderen die Steigbügel halten für deren Hedonismus: Für die nächste rentenzahlende Generation sorgen und trotzdem perfekt gestylt dem Fachkräftemangel entgegen wirken, für wenig Geld. Sobald sie auf den Traum von Mutterschaft hereinfallen werden sie ausgeschlossen aus der einzigen weiblichen Machtsphäre: der sexy allzeit bereiten Jugendlichkeit, die sie kurz vor der Mutterschaft noch hatten. Plötzlich gehen sie allen nur noch mit ihren Kinderwägen, ihren hässlichen Schmuddelklamotten, ihren Rücksichtsansprüchen, ihrer Teilzeit auf die Nerven. Statt unendlicher Liebe und einem süßen knuddeligen Babyärschchen gibt es Gebrüll und vollgemachte Windeln, Abhängigkeit, Angst vorm Versagen und viel Drecksarbeit.

Viele Frauen ohne große Karrierechancen und einen erfüllenden Job wählen die Kinder und den Haushalt auch nur im Kontrast zu sinnfreier Arbeit und Leistungsdruck und neurotischen Chefs in der Firma. Wer die Wahl hat zwischen einer schweren Grippe oder Krebs wählt natürlich die Grippe.

Leider ist wenig wissenschaftlich so gesichert, wie die Tatsache, dass das Verhalten der Mutter und der liebevolle geduldige Umgang mit dem Kind, jeden Menschen maßgeblich beeinflussen, über Glück und Unglück im Leben entscheiden. Allein diese Verantwortung ist schon erdrückend: Mütter sind in der Tat maßgeblich für das Glück ihrer Kinder. Gerade das erhöht den Druck, gerade das gibt der Gesellschaft ständig ihr Recht, sich einzumischen in Erziehungsstandards. Mich wundert an der ganzen Geschichte genau deshalb, warum es nur 23 Frauen waren, die sich befreit haben aus der Selbstlüge und es offen ausgesprochen haben: Ich will das nicht, diese Dauermaßregelung, diesen Verlust meiner Freiheit, meiner Würde, meiner Selbstbestimmung, die Dauerüberforderung, die Auflösung meines Selbst.

Aber wer weiß, wie lange noch die anderen Mütter selbstgemachte Muffins mit in den Kindergarten bringen und selbstgebastelte Laternen aufhängen und es schaffen, dabei immer so zu tun als wäre das sinnvoller, als seine Zeit wieder für sich zu haben, Anerkennung zu bekommen. Denn jetzt ist die Katze aus dem Sack bzw. die Mutter vom Pranger der Verklärung bzw. Anklage herunter gestiegen. Ich bin mir sicher, wenn es möglich wäre, jeder Mutter eine gutausgebildete Nanny kostenlos und 24 Stunden am Tag anzubieten, ohne dass die Gesellschaft damit ein Problem hätte, wären 90% der Mütter nur noch Wochenendmütter, oder Stundenmütter für ein gemeinsames Abendessen und ne schnelle Gute-Nacht-Geschichte. Nach außen hin könnten sie schwärmen und ihre Kinder wichtig und toll finden (wie es Väter so oft tun, obwohl sie oft nicht mal eine Stunde am Tag ihre Kinder sehen). Auf die Arbeit, die 90% des Kinderhabens ausmacht, hat niemand besondere Lust. Es ist erstaunlich, dass das falsche Mutterbild jetzt erst tiefe Kratzer bekommt. Der Adel und jeder, der es sich leisten konnte, gab schon immer seine Kinder in Obhut, ließ andere die Arbeit machen und kaschiert mit nobler Erziehung durch die Kinderfrau sein Selbstwertgefühl. Und die Freizeit wurde nicht mit arbeiten gefüllt.

Und wen die Härte dieser Aussagen hier schockt: Mich schockt die Verlogenheit einer Gesellschaft, vielleicht sogar die gewollte Blindheit vieler Männer, die sich der Verzweiflung ihrer Frauen nicht stellen wollen, die scheinheilige Hoffnung, es wird schon weiter so gehen, immerhin bekommen ja ein paar Frauen noch Kinder und dann müssen sie das eben alles hinnehmen, wird schon nicht so tragisch sein, ist doch die Natur. Mich schockiert die Boshaftigkeit, die Mütter untereinander entwickeln – typisch für erniedrigte Machtlose, die versuchen, ihr Selbstwertgefühl über die Erniedrigung Gleichgestellter noch etwas zu verbessern (indem sie versuchen, ihre Kinder zu Hochbegabten zu erklären, die mit normalen Kindern nicht mehr spielen dürfen oder böse über Mütter tratschen, die keine Torten in Konditorqualität selber backen, für den Baby-Pilateskurs). Ich als Psychologin glaube jedenfalls schon lange keiner Mutter mehr, die Mutterschaft als Erfüllung ihres Lebens behauptet. Ich finde das nicht schlimm, dass Mütter ihre Mutterschaft oftmals in Frage stellen. Die Wahrheit ist niemals schlimm. Schlimm wird es erst, wenn wir sie verleugnen.

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Penelope auf Reisen

Penelope, die Gattin des sich auf Reisen befindenden Odysseus´, hatte versprochen, sich einen neuen Gatten zu wählen, sobald sie ihr Trauerhemd zu Ende gewebt hätte. Deshalb stand sie nachts heimlich auf und zerstörte die Arbeit des Tages, um die Entscheidung hinaus zu zögern. Odysseus kam widererwartend zurück, wurde von ihr als wahrer Gatte erkannt und ermordete die lästigen falschen Bewerber.

Kaum ein Mythos beschreibt die geistig-emotionale Welt, die Tiefenpsychologie der Frau, so passend: Das Warten auf den Richtigen. Das Sich-Drücken vor Entscheidungen. Und während im Mythos der Mann dann irgendwann auftaucht und alles regelt, glauben die realen Frauen trauerhemdwebend, es gäbe ihn auch in der heutigen Realität. Was ist auch so ein dumpfer Allerweltshansel draußen im Hof wert, gegen den großen weltgewandten Helden, der irgendwann schon (wieder) kommen wird?! Also: Lieber weiter trauern über die dumme Welt und die Hoffnung nicht aufgeben.

Doch hätte es für Penelope nicht auch andere Entscheidungen gegeben? Was hielt sie davon ab, in der blutrünstigen Antike die schmarotzenden Freier, die den Hof belagerten, selbst zu töten? Auch ist die Antike voll von Prinzessinnen und starken Göttinnen, die das Ruder selbst in die Hand nahmen. Antigone und Kleopatra sind da nur ein fiktives und ein reales Beispiel (auch wenn es beide Male nicht gut ausgegangen ist … das tut es bei den Königen und Göttern der Antike auch fast nie). Oder was wäre aus Odysseus gar geworden, wenn seine Frau darauf bestanden hätte, mitzufahren? Kaum eine Sirene oder eine schöne Helena hätte wohl ihr verführerisches Handwerk einfach so betreiben können…

Oder man stelle sich vor: Penelope wäre alleine los gefahren und Odysseus hätte daheim auf sie gewartet, umgeben von lüsternen Weibern, die sich an seinem Hof über Jahre alles erlaubt hätten. Er hätte Tag und Nacht mit seinen Dienern vorm Webstuhl gesessen und gehofft, dass Penelope wiederkommt, während die Frauen draußen immer mehr Druck gemacht und den Weinkeller nach und nach leer gesoffen hätten.

Und Penelope hätte sich derweil findig mit einäugige Riesin gemessen und den wunderschönen Gesängen eines Männerchors getrotzt und ein hölzernes Pferd gebaut, um die Trojanerinnen zu besiegen, die den schönen Paris entführt hätten. Denn der wurde Helena versprochen, wenn sie Adonis zum schönsten Mann erklären würde (entgegen der Konkurrenten Zeus der Ares, die auch die schönsten Männer sein wollten, aber doofere Sachen zur Bestechung im Angebot hatten). Und weil dann Helena den schönen Paris nach Troja brachte und das der Auslöser für den Trojanischen Krieg war, musste sich Penelope also einmischen und die hellenistischen Griechinnen mit ihrer List zum Sieg führen, während ihr treuer Mann Odysseus daheim Trauerhemd webend saß und die Freierinnen hin hielt….

Sehen Sie liebe Leser: In so einer absurden Denke befindet man sich als Frau. Täglich. Heute noch. In der Welt des Mythos von der Gleichberechtigung.

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Politisch korrekte und oder Aufklärung

Wenn die Aufklärung zur Ideologie verkommt, dann nennt man das heute politisch korrekt.

Das Problem der politischen Korrektheit ist das allmähliche Verschwinden von starken Normen und Orientierung: Denn starke, wertende Aussage (auch wissenschaftlich belegt) sind nicht mehr erlaubt – selbst wenn man sie bereit ist ständig zu hinterfragen. Schnell setzt man sich der Meute eines Shit-Storms aus, wenn man z.B. sagt: Es ist bewiesen anhand von klaren Zahlen, dass immer mehr Mütter ihre Kinder für ihre eigenen unreifen narzisstischen Bedürfnisse missbrauchen. Oder: Wenn man konsequent religiöse Gefühle in den privaten Raum verbannt, kann man politisch sehr gut unterscheiden, wer Recht bricht und wer nicht (das gilt übrigens nicht nur für muslimische Kopftücher an Lehrerinnen und Kruzifixe in Klassenzimmern, sondern auch für Politiker, die auf die Bibel schwören oder die Priester, die Kinder missbrauchen und sich über ihre Glaubensgemeinschaft geschützt wissen.)

Wer sich religiöser Dinge bedient, um sein zutiefst privates Verhalten, das andere stört oder schädigt, zu rechtfertigen, begeht Unrecht. Wenn ein Politiker seinen Eid ablegt, will ich wissen, dass er sich an den Rechtsstaat hält, die volle Verantwortung für sein Tun übernimmt – und sich nicht mit Gott und seiner Hilfe bzw. mangelnden Hilfe herauszureden versucht, wenn ihm das nicht gelingt. Er kann seinen göttlichen Schwur ja privat denken, aber nicht in den öffentlichen Raum hinausposaunen.

Weder der Islam noch der Katholizismus gehören zum deutschen Rechtsstaat. Im Gegenteil: Sie gehören strikt davon getrennt. Sie gehören zwar zur deutschen Geschichte oder ins deutsche Privatleben. Aber wenn ständig öffentlich auf religiöse Gefühle Rücksicht genommen wird, könnte ich genauso gut einklagen, dass sich mein atheistisches Gefühl durch die narzisstische Unreife jeder Form von Religiosität geängstigt fühlt: Ich bekomme verzweifelte Ängste ob der narzisstischen Selbstüberschätzung aller Menschen, die an Gott glauben und dies vor kleinen Kindern deutlich zeigen müssen. Denn Gläubige jeder Religion lassen sich erwiesener Maßen leichter dazu hinreißen, ihren Ängste, ihren Frust und ihre Aggression nicht nur mit sich und ihrem Gott auszutragen, sondern gegen Andersgläubige zu wenden: Sie bauen Mauern um ganze Länder, sie wollen (in einer nur etwas gesteigerten Form der Ausgrenzung) gerne Atombomben auf andere schmeißen oder sie köpfen oder vergewaltigen. Und oft genug tun sie das auch. Und wer glaubt, vom Kopftuch oder Kruzifix (mit gefoltertem nackten Mann) hin zu Köpfungen wäre der Weg weit: Er ist es psychologisch nicht. Religion ist Macht, weil sie aus unserem unreifen Narzissmus unserer Angst vor der Sterblichkeit entsteht. Wer nimmt auf diese meine atheistischen Gefühle Rücksicht? Vor welchem Gericht kann ich sie in Deutschland einklagen?

Die politische Korrektheit ist ein (deutsches) Problem geworden, das unbewusst in unsere Kultur eingesickert ist – bis ins BGH. Ich bin ein großer Freund persönlicher Freiheit und ein großer Gegner der übertrieben Rücksicht auf persönliche Befindlichkeiten im narzisstischen Bereich. Wenn etwas mein Selbstwert schmerz, sollte ich hinschauen (gerade auch im Sinne jeder der monotheistischen Religionen) – und erstmal nicht vors Verfassungsgericht rennen. Das gilt für das Esra-Urteil genauso wie für die Erlaubnis, kleine Kinder zu unterrichten, mit einem so offensichtlichen religiösen demuts-stolzen Symbol um den Kopf.

Dagegen helfen nur starke, gut diskutierte, gut untersuchte Normen z.B. das der Verbannung von allem übersinnlichem Glaubenszeichen aus dem öffentlich bestimmten Raum, da sonst alle Menschen beeinträchtigt werden durch höchst demonstrative private Gefühle Einzelner (und den daraus entstehenden gefährlichen Streitereien). Exhibitionisten dürfen sich auch nicht entblößen, um allen ihre innere Befindlichkeit zu zeigen (die noch nie den Anspruch erhoben hat für alle zu gelten). Zumal wenn man die Wissenschaft mit ihrer weitest-möglichen Neutralität und Objektivität auf seiner Seite hat bei dieser Argumentation, lässt sich auch noch fragen, wie man Recht heute herstellt.

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