Relative Looser

Diese Woche hat die Lufthansa einen Jahresgewinn von über 2 Milliarden Euro verkündet – und gleichzeitig eine Auffanggesellschaft für über 4000 Mitarbeiter der gerade übernommenen Airberlin abgelehnt.

Keine andere Institution hat die Entfesselung der Finanzkräfte und des knallharten Share-Holder-Kapitalismus, die Entkopplung von Realwirtschaft und Geld, so vorangetrieben, wie der internationale Währungsfonds IWF. Keine andere Institution trägt mehr Schuld am Zustand der Welt heute und dem politischen Rechtsruck.

Am Freitag den 27.Mai 2016 erklärte diese mächtige Institution erstmals – fast unbemerkt und sehr leise – die neo-liberale Wirtschaftsideologie für gescheitert. (In den katholischen Ländern war das skurriler Weise der Brückentag nach Fronleichnam.)

„Die Vorteile des Wirtschaftswachstums müssen breiter verteilt werden, um Inklusion zu fördern“, steht in der Abschlusserklärung der führenden Wirtschaftsnationen G20 vom 25. Juli 2016. Denn obwohl Ungleichheit bisher zu mehr Anstrengung führte, ist der Reichtum der Oberschichten heute zu weit abgehoben (vom Durchschnitt), um noch zu motivieren. Vielmehr frustriert diese Ungerechtigkeit, Gier und rücksichtslose Umweltzerstörung. Die Möglichkeiten sind unrealistisch beschwerlich (extrem teure Ausbildung in den USA, Abschottung der Eliten, technischer Wandel der Arbeit, Globalisierung). Diese wachsende Ungleichheit heute schadet dem Zusammenhalt und fördert rechte Gruppierungen – und nur das hat den IWF aufschrecken lassen.

Geändert hat sich seither nichts. Donald Trump treibt die Deregulierung der Banken erneut voran. Und am 8. Januar 2017 haben Deutschland und Frankreich, als führende europäische Mächte, das entscheidende Treffen zur Bankenregulierung platzen lassen: Staaten und Bürger sind, genauso wie Frieden, Freiheit und Stabilität, weiterhin ungeschützt der Systemkrise und der Gier der Finanzmarkt-Eliten ausgesetzt. Und auch der Lufthansa Chef verkündet nun siegessicher, die Filetstücke von Airberlin für weitere Milliardengewinne der Shareholder gesichert zu haben, ohne die Verantwortung der „minderwertigen Arbeiter“ (auch hier hatte man sich die besten, wenig kranken, jungen, billigen herausgesucht).

Die wirtschaftlich starken Firmen und Regionen (Katalanien, Norditalien, Bayern) und Länder (USA, England, Österreich) sind nicht mehr bereit, in Zeiten, in denen der globale Druck wächst, die Armen und Hungerleider mit durchzufüttern. Sie werden als Behinderung empfunden – und jeder Kleinbürger und Industriearbeiter versucht, für sich selbst diese Überlegenheit in Anspruch zu nehmen und nach unten wegzutreten, was den eigenen Abstieg angeblich fördern könnte. Der Sozialdarwinismus beherrscht längst die Welt.

Der Chinesische Staatschef Xi hat beim großen Parteitag diese Woche ebenfalls seine Ziele und Werte in die chinesische Verfassung schreiben lassen. Aus der totalen Überwachung aller Verhaltensweisen und Internetaktivitäten wird zukünftig mit einem Punktsystem der jeweilige Wert eines Menschen bestimmt, im Sinne des Fortschritts und Wohlstandes der Volksrepublik und Xis Leistungsdoktrin. Für hohe Positionen, gute Bildungsabschlüsse, politischen Gehorsam gibt es Pluspunkte. Wer aber auch nur die „falschen“ Freunde hat (mit niedriger Punktwertung), über Probleme kommuniziert, Arbeitsausfälle hat, nicht im richtigen Alter heiratet oder gar Kritik übt, bekommt negative Punkte und zukünftig keine Karrierechancen und Kredite mehr, kann kein Auto oder keine Wohnung mehr kaufen.

Das demokratische westliche Politik- und Kultursystem wird dagegen, mit seinen individuellen Freiräumen und Protestmöglichkeiten, seiner verzärtelten Kinder und seinen Arbeiterrechten, als anfällig und schwach bewertet. Man möchte es in 20 Jahren überrunden und beherrschen.

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