Schweinehunde

Diese Woche hat Richard Thaler, ein Verhaltens-Psychologe, den Nobelpreis für Wirtschaft bekommen. Das ist jetzt nach Daniel Kahneman (dem Verfasser des Buches „Langsames Denken, Schnelles Denken“) der zweite Psychologe, der mit seinen Forschungen über unseren „inneren Schweinehund“, diesen Nobelpreis für Wirtschaft bekommt. Beide haben nachgewiesen, dass wir als Menschen, Zitat: „manchmal nicht rational handeln“. Der „homo oeconomicus“, als Grundlage der Wirtschaftswissenschaften und all ihrer Formeln und Erhebungen, existiert also eigentlich nicht.

Wir handeln „manchmal nicht rational“?! Hallo?! Die bessere Frage wäre wohl, wann handeln wir je rational?! Mit Sicherheit handeln wir ständig als Narzissten, unbewusst und bewusst. Wir versuchen ständig eine bessere Stellung in der Gesellschaft zu bekomme, mehr Ansehen, Zuwendung, Macht. Und dabei sind wir oft, wie kleine Kinder: Neidisch, boshaft, selbstsüchtig – und ganz selten mal vernünftig und sozialkompetent. Und die ganz oben, die glauben die beste Stellung erreicht zu haben, lassen dann richtig die Sau raus. Man kann doch nicht im Ernst annehmen, dass Menschen, die einen Donald Trump zum mächtigsten Mann der Welt wählen und Harvey Weinstein über Jahrzehnte den mächtigsten Mann in Hollywood sein lassen, eigentlich rational sind und nur ab und zu ein paar Ausfälle (innere Schweinehunde) haben. Es ist vielmehr umgekehrt: Zu 90-95% der Zeit führt uns der innere Schweinehund an seiner Leine herum.

Zuckerberg und Co. haben das längst kapiert: Sie verkaufen unsere Schweinehund-Daten an Konzerne und Parteien, die damit versuchen die Leine in die Hand zu bekommen, um nicht zu sagen: Die Marionette an ihren Fäden der Hilflosigkeit und Eitelkeit zu packen. In der Digitalen Wirtschaft sind wir längst schon, was auch die Hirnforschung lange von uns behauptet: Fremdbestimmte Leistungsmaschinen, die im Sinne höherer Wirtschaftsinteressen getunt und gelenkt werden. Konzernbesitzer und Politiker (in den USA ist das ohnehin dasselbe), Hirnforscher und Verhaltenspsychologen sehen uns schon lange nicht mehr als willensfreie, selbstbestimmte, rational handelnde Menschen. Und so langsam wird das jetzt anscheinend öffentlich akzeptiert (angeblich werden wir aber natürlich zu unserem Besten gelenkt und gepuscht, vermessen und ausspioniert).

Dass Richard Thaler und Harvey Weinstein also in derselben Woche ihren großen Durchbuch haben, sagt viel über unsere Zeit aus. Der eine begrapscht Frauen und der andere erzählt uns, dass sich die Frauen begrapschen lassen, weil sie nicht rational sind, sondern … ja was? dämlich erfolgsgeil? Sehnsüchtig? Ängstlich auf das bedacht, was die anderen sagen könnten? Warum haben sie die sozialen Netzwerke nicht dazu benutz, mit einem Fake-Profil einen Aufruf zu starten, gegen Weinstein? Warum haben sie nicht, mit versteckten Kameras und Mikros viel mehr und selbstbestimmt Beweise gesammelt?

Warum hat Gwyneth Paltrow nicht bei der Verleihung ihres Oskars (für ihre dumme Rolle in „Shakespeare in Love“) gesagt, was Sache ist: Ich stehe hier und musste mich angrapschen lassen, von diesem widerlichen Sack Weinstein, um dieses Goldjungen in Händen zu halten. Warum müssen wir Frauen uns prostituieren, um diesen Erfolg zu haben? Das wäre unserer Ratio entsprechend das Richtige gewesen.

Warum hat keine ihre Abfindung genommen, die sie bei ausreichenden Beweisen gegen ihn bekommen hat, (teilweise 150 000 Dollar) und alles auf ein Nummernkonto in der Schweiz gepackt und die Beweise trotzdem veröffentlicht?

Aber sobald die Kameras an waren, haben sie alle weiter posiert, den widerlichen Scheißkerl umringt und auf Aufmerksamkeit gehofft. Ein einziger Meter Abstand wäre möglich gewesen, als selbstbestimmtes vernünftiges Wesen. JEDE Frau erlebt solche Sachen und muss, meistens früher als später, einen eigenen Umgang mit den Weinsteins dieser Welt finden. (Das gute am Altern ist, dass diese Angriffe nachlassen). Und auch wenn wir (besonders die Frauen meiner Generation) zu fleißigen Bienchen erzogen wurden, zu sehnsuchtsvoll hoffenden Leisetreterinnen: Irgendwann kapiert jede Frau, dass das Leben kein Ponnyhof ist. Jede kann und muss sich entscheiden, ob sie bei den Harvey Weinsteins mitmacht oder sie bekämpft. Und ja: Man kann das von Frauen verlangen, WEIL sie vollwertige Menschen sind.

Und so wie Menschen aus Hollywood die Produzenten haben, die sie verdient haben, haben wir alle Präsidenten und Kanzlerinnen, Internetkonzerne und rechtsradikale Parteien, die wir selbst heraufbeschworen haben, mit unseren Kinderverhalten, mit unseren Schweinehunden, deren Leinen wir den anderen allzugerne in die Hand drücken, weil sie unseren Schweinehunden doch versprochen haben, sie zu den schönsten Gassi-Plätzen zu führen und tolles Fressen zu geben. Und ab sofort gilt das – laut Herrn Thaler – als absolut normal.

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