Un-natürliche Anführer

„Ich suche immer wieder nach einem Mittel, so zu werden, wie ich so gerne sein möchte“, schrieb Anne Frank als letzten Eintrag in ihr Tagebuch – nach 757 Tagen im Amsterdamer Hinterhausversteck. Diese Suche nach Selbstveränderung, noch im Erleben größter Bedrohung und einer Welt, die aus den Fugen geraten war, transzendiert ihren Tod, in das allzumenschliche Leben, das ihr von anderen Lebenden genommen wurde. Die Alltagswerteordnung ihrer Zeit, wies Menschen wie ihr, mit falscher Wissenschaft, Wertlosigkeit zu. Diese Wertlosigkeit ließ sich in der echten Lebenswelt nicht beweisen, war einseitige Deutung von falsch erhobenen Daten.

Auch die heutige Hirnforschung, die immer noch die bio-chemischen Prozesse in unseren Gehirnen als Ursache für unser Verhalten festnagelt, betreibt falsche Deutung ihrer ohnehin dürftigen Daten – und fügt den Menschen Leid zu. Nur weil wir meist nicht können, wie wir selbst wollen, sind wir nicht „determinierte“ Casper unserer Moleküle und Stoffwechselprozesse. Denn diese sind ebenfalls nur Erfindungen unseres Willens zum Wissen, unserer Casperei mit Erkenntnis.

Was gilt dann aber? Unser Erleben und die Regelmäßigkeiten darin, die Kernphänomene des menschlichen Erlebens und Verhaltens. Hunger ist so ein psycho-somatisches Kernphänomen. Der Mangel an biochemischen Molekülen (Nahrung) ist nur eine Seite der Medaille. Der Zustand unseres Selbst, unser Ich und wie es die Welt wahrnimmt (bei starkem Hunger niemals entspannt, ohne Altruismus und mit viel Willen für Nahrungsuche), ist die andere, völlig gleichwertige Seite. Das gilt auch für all unsere narzisstischen Befindlichkeiten: Ohne Status, Einbindung in die Gruppe, Ansehen und Zugehörigkeit können wir nicht überleben. Unser Körper hat einen biochemisch-beschreibbaren Zustand und ein Erleben, dass bei jedem Erniedrigten, Ausgestoßenen das gleiche wäre (wie bei jedem Hungernden auch). Wir mögen durch die Jahrhunderte und Kulturen hindurch andere Nahrung zu uns genommen haben, wir mögen aus immer wieder anderen Gründen Menschen abwerten und ausstoßen (aktuell, weil sie aus Afrika kommen oder keine Arbeit mehr haben oder Frauen sind etc.). Doch das Hungern und Ausstoßen (als Erleben und als Stoffwechsel) bleiben gleich, menschlich.

Wenn wir die Welt ändern wollen, müssen wir nicht auf biochemische bzw. technische Lösungen hoffen. Wir sollten unser Erleben, unsere zu unserem Hirn gewordenen Erfahrungsmuster, verändern, durch neue Erfahrungen. Und wir sollten den Naturalisten unter den Hirnforschern klar machen, dass der direkte Weg von ihrer falschen Deutung, ihrem falschen Menschenmodel, zum Populismus führt, zum Ruf nach den „natürlichen Anführern“.

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