Von Kerzen und Käufern

Ein Freund von mir hat einen Laden für skandinavisches Design und in der Weihnachtszeit ist da natürlich Hochkonjunktur. Eine Frau kaufte bei ihm einen schönen Kerzenständer aus Holz – und brachte ihn 2 Tage später zurück. Sie hatte die Kerzen so weit runter brennen lassen, dass das Holz angekokelt war. Jetzt wolle sie einen neuen. Als mein Freund sagte, das wäre nicht möglich, da das Produkt einwandfrei den Laden verlassen hatte und man natürlich bei einem Holzkerzenständer aufpassen müsse, das hätte Holz nun mal so an sich, dass es ankokelt, wenn man nicht aufpasst, er hätte aber auch sehr schöne Kerzenständer aus Metall, da könne sowas nicht passieren – da wurde sie beleidigend. Sie kam sogar am nächsten Tag noch mal wieder, nur um noch mal beleidigt zu sagen, sie würde nie wieder etwas in dem Laden kaufen.

Papst Franziskus hat vorgeschlagen, das Vater-Unser in einer Zeile zu ändern: Statt „führe uns nicht in Versuchung“, wollte er zukünftig „lass uns nicht in Versuchung führen“ gebetet haben. Die kleine Änderung würde nämlich die Verantwortung für das Böse von Gott auf den Teufel verschieben. Nicht Gott hätte das Böse in die Welt gebracht, um uns in hinterlistig in Versuchung zu führen (zu prüfen). Sondern „das Böse“ wäre „des Teufels“, hätte also weder mit Gott noch mit den Menschen zu tun. Netter Versuch. Der Streit ist so alt wie die Christenheit: Wie kommt das Böse in die Welt?

Für uns Psychologen gibt es den „bösen Narzissmus“: Unreife, Gier, Dummheit, Neid, Eifersucht, übermäßige Sehnsucht, Selbsterhöhung (in der Fachsprache heißt dieses Kleinkindverhalten deshalb auch „infantiler-Narzissmus“ – ich bin hier schon häufiger darauf zurück gekommen, denn der infantile Narzissmus erklärt das Übel dieser Welt, dass die Menschen selbst verursachen, also neben den Naturkatastrophen, so ziemlich jedes Übel.). Doch es gibt auch den „guten Narzissmus“: Selbstreife, objektive Selbstkritik, Empathie, die Fähigkeit, eine Situation und Konflikten, die eigenen narzisstischen Bedürfnisse richtig zu erfassen, und in Gerechtigkeit, Fürsorge, liebevollen Umgang, gesunde Grenzen und Hilfsbereitschaft aufzulösen. Und beides ist in uns, von Natur aus beginnen wir als infantile Narzissten und einige schaffen es zu erwachsenen, eigenverantwortlichen weitsichtigen Individuen mit einem selbstreifen Narzissmus heranzuwachsen, im Laufe ihres Lebens. Die meisten Menschen aber bleiben auf diesem Weg irgendwo hängen.

Die Tiefenpsychologie hat gegenüber dem Papst und Christentum den eindeutigen Vorteil, bestimmte Konflikte der Menschen sehr deutlich zu erklären und eindeutige Lösungsvorschläge zu erteilen. (Vor weltlichen Gerichten findet das quasi täglich statt, dass aufgrund von psychologischen Gutachtern geurteilt wird, wer für was verantwortlich ist und zu schwach, unreif, selbstgerecht war.) Wer also einen Kerzenständer aus Holz kauft und glaubt der ehemalige Verkäufer müsse für die Dummheit des Käufers die Verantwortung übernehmen, wer dann noch glaubt, andere beleidigen zu können, für 1.) die eigene Dummheit 2.) die eigene Unverschämtheit 3.) die eigene Unreife – der kann einem zutiefst leidtun. Denn so ein Verhalten zeugt von einem grundsätzlichen Fehlverhalten (Strukturunreife sagt der Psychologe) und dass er/sie im Leben mit Sicherheit keine glückliche Beziehung führen wird. Nur hat das wenig mit dem Teufel zu tun und auch nichts mit Gott. Und der Papst ist wenig hilfreich, wenn er die Verantwortung von den Gläubigen nimmt.

Nicht Gott oder der Teufel hat gesagt: „America first“, „Deutschland über alles auf der Welt“, „La Grande Nation France“, „das ist Unpolnisch“, „Österreich den Österreichern“, etc. Das absolut Böse, der Nationalismus, der zwangsläufig andere abwertet und zu verdrängen sucht und aus diesem, seinem infantilen Narzissmus heraus, immer zu Zerstörung und Vernichtung geführt hat – das war keine Prüfung Gottes oder des Teufels. Das war immer nur der Mensch, der glaubt, ihm stünde mehr zu als den anderen, der nicht selbstkritisch seine Fehler zu bessern sucht, sondern andere dafür verantwortlich macht und sogar von ihnen Wiedergutmachung verlangt, für seinen unreifen Mist, den er verursacht. Das bedenke, wer Kerzen anzündet dieser Tage. In diesem Sinn: Frohes Fest.

 

Dieser Beitrag wurde unter Allgemein veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.