Was ist der Mensch?

An dieser Stelle rede ich immer wieder vom „Narzissmus“, der in verschiedenen Reifegraden in uns steckt. Und es gibt sehr empfindliche Reaktionen darauf: Wie, wir sind alle Narzissten?! Deshalb will ich das mal grundsätzlich erklären:

Der Mensch existiert als Lebewesen, das am Leben bleiben will. Sein Körper und Denken hat dafür im Laufe der Evolution Organe mit Verhaltensweisen entwickelt, die dieses Über-Leben bisher garantiert haben (sonst gäbe es uns nicht mehr).

Doch nur der Mensch hat mit seinem Lebenstrieb „etwas Neues“ in der Evolution etablieren können, eine neue Über-Lebensstrategie: Das Bewusstsein. Bewusstsein ist das wissende Erkennen von Zusammenhängen – bis in die Zukunft hinein (sofern die Zusammenhänge wahr sind, denn dann gelten sie ja immer). Es steht im Dienste des Überlebens, es hat sich entwickelt als irdische Überlebensstrategie und es wird niemals darüber hinaus wissend sein.

Auch das Leben in einer Gruppe ist eine gute vielfach erprobte Über-Lebensstrategie – nicht nur für den Menschen. Doch durch das erkennende Bewusstsein hat der Mensch sein Gruppenleben umfangreich mit vielen Möglichkeiten gestalten können. Wir nennen diese Gruppenordnungen: Kultur. Doch die Grundlage der Überlebenstrategie Gruppe bleiben auch beim Menschen erhalten: Es gibt keine als Über-Lebensstrategie funktionierende Gruppe ohne Hierarchie und ohne Dazugehörigkeits- und Abgrenzungsprinzip.

Diese Strategie des Bewusstseins war bis jetzt sehr erfolgreich. Nur der Mensch kann sich selbst, seine Verhaltensstrategien erkennen, bewusst zwischen verschiedenen Möglichkeiten abwägen und wählen, Hilfsmittel erfinden, sich komplex mit anderen Menschen darüber austauschen. Doch dieser Vorteil hat einen zwangsläufigen Preis.

Bewusstsein ist Erkenntnis von Zusammenhängen, das auch (zwangsläufig) das eigene Dasein erkannt hat – und den eigenen Tod (Nicht-mehr-Dasein). Im Bewusstsein unsrer Sterblichkeit bekommt unser Lebenstrieb seine grundsätzliche narzisstische Qualität: Wir wollen am Leben bleiben und dazu wollen wir morgen besser Leben als heute, in besseren Häusern mit besserem Essen, besserer Krankenversorgung. Dieses „Besser“ wird in der Kultur der Gruppe verhandelt. Die Werteordnung unserer Kultur bestimmt, was wir zum besseren Überleben brauchen, werten, erkämpfen wollen. Die Möglichkeiten der Ausgestaltung sind vielfältig, doch es gibt immer Kernphänomene, Steine an dem das Spiel sich bricht: Besseres Essen, bessere Sexualpartner, bessere Behausung, bessere und mehr Bedürfnisbefriedigung. All das wird bei einem möglichst hohen Status in der Gruppenhierarchie gewährleistet, der einem diese besseren (Über-)Lebensmittel zugesteht. Wir streben also alle (als Gruppenwesen mit Bewusstsein) ein besseres (Über-)Leben an. Genau das ist narzisstisch: Unser bewusstseinsfähiges, Möglichkeiten wählendes, erkennendes Streben nach dem Besseren haben nur wir; nur der Mensch kann besser definieren und mit verschiedenen Strategien und Verhaltensweisen zu erreichen versuchen. Nur der Mensch ist narzisstisch, da er darum weiß und für sich will.

Bewusstsein dient demnach dem besseren Überleben des eigenen Körpers in der sozialen Gemeinschaft. Unsere Psyche erfasst unseren Platz in der Gemeinschaft über die gefühlte Wahrnehmung und Reflexion ihrer Werteordnung, die die Regeln für das „bessere Leben“ vorgibt. Genau das macht uns zu Menschen. Wir sind Menschen weil wir Gruppenwesen sind, die bewusst-narzisstisch nach oben streben, nach einem besseren, längeren Über-Leben. Noch in unserer Religion und Erfindung des jenseitigen Weiterlebens haben wir diese narzisstische Statusbestimmung und das bewusste, gezielte Streben nach dem besseren Platz im Paradies (fliegende gebratene Hähnchen, 72 Jungfrauen, wunderschönes Licht, totale Aufgehobenheit und Sicherheit und Bedürfnisbefriedigung, etc.)

Was wir haben wollen, um besser zu (über-)leben, geschieht also immer innerhalb einer kulturellen Gemeinschaft. Sie definiert die Vorteile, Statussymbole, das Erstrebenswerte (über die Kernthemen hinaus). Wir brauchen diese Orientierung um unser Streben nach Überleben narzisstisch-bewusst anzustreben. Wie man das anstrebt, lernen wir in unserer Kindheit, durch die Werteordnung, die uns unsere Eltern vermitteln.

Bewusstsein und Erkenntnis (als Intelligenz) sind demnach niemals neutral, objektiv: Das bewusste Wissen um Zusammenhänge und das eigene Dasein – und dessen Endlichkeit – hat dem Menschen einerseits die maximale Motivation zum Selbsterhalt (auch durch Erkenntnisse) gegeben. Andererseits kränkt und bedroht ihn dieses überlebenswichtige Wissen. Das gibt ihm die narzisstische Qualität. Denn letztendlich sind – klar zu erkennen – alle Bemühungen sinnlos.

Seit wir vom Baum der Erkenntnis gegessen haben, gibt es statt genetisch-automatisierten Kampf um Nahrung, Sexualpartner und Rudelhierarchie: Neid, Zwietracht, Gier und Eitelkeit. Was bei Tieren und Kindern noch unschuldig ist, weil sie nicht wissen, was sie tun, wird durch die Bewusstseins- und Erkenntnisfähigkeit zur gewussten Handeln. Demnach können wir uns prinzipiell entscheiden, wie wir handeln wollen, wie wir unsere Bedürfnisse bestmöglichst befriedigt bekommen. Vorsatz und Eigenverantwortung werden zum Teil des Spiels. Allein: „Der Stein an dem das Spiel sich bricht“ (wie Carl Schmitt es nannte) ist immer noch die irdische Lebenswelt, der Bauplan unseres Körpers, die Kernphänomene unseres Verhaltens (Essen, Sex, Gruppe, Lebenswille etc.)

Lebenswille + Bewusstsein = Narzissmus.

Daher kann das Bewusstsein nicht gleichbedeutend sein mit Rationalität und reiner Logik. Objektiv haben wir nur in unserer Gruppe, Menschheit, indem wir für diese für alle gültige Wahrheiten erkennen oder Möchtegernwahrheiten definieren.

Durch unsere Bewusstseinsfähigkeit fühlen wir (und nur wir) Ehre, Kränkung, Stolz, Wut, Rache, Eifersucht, Neid als „Gefühlsspiegel des eigenen Status“ (Selbstwertgefühl) in unserer Gruppenhierarchie. Wegen des narzisstischen Wissens, Leben und Sterben hin zum besseren Leben für sich und den Kampf darum, foltert und tötet der Mensch andere Menschen, wertet weibliche, dunkelhäutige oder homosexuelle Mitglieder seiner Gruppe ab und sich selbst damit auf. Oder er wertet den vielfältigen, sozial-kompetenten, empathischen Umgang miteinander (Altruismus) auf und den gewalttätigen, selbstgerechten, patriarchalen, egozentrischen ab.

Kein anderes höheres Lebewesen sichert sein Überleben auf diese Art und Weise. So hat die Bewusstseinsforschung gezeigt, dass Bewusstsein zutiefst emotionale Wertung auf der Basis unseres körperlichen Erlebens in der Gruppe ist. Diese Erkenntnis hat die Psychoanalyse seit über hundert Jahren anhand von Beobachtung der Verhaltensweisen vergleichbar herausgearbeitet.

Die narzisstische erkennende Qualität seines Lebenstriebs hat den Menschen freier werden lassen, als jedes andere „be-hirnte“ Tier: Er hat durch seine Erkenntnisse, also seine Bewusstsein/Intelligenz, die bewusste Sicht auf Zusammenhänge mehr Wahlmöglichkeiten als hauptsächlich instinktgesteuerte Tieren. Deren Verhalten ist weit mehr durch genetische Programme eingespeichert und weit weniger variable durch die Umwelt-Lernerfahrung jedes einzelnen Exemplars bestimmt. Die Anpassung und Überlebenschancen des Menschen sind gerade durch die variablen Lernerfahrung und ihr bewusstes Erkennen sehr verbessert worden: Bewusstes Erkennen basiert auf Lernerfahrungen, die dem Streben nach dem besseren (Über-)Leben dienen. Narzisstisches Bewusstsein hat dem Menschen (vorerst) zu seiner Dominanz auf der Erde verholfen.

Sprache, Erfindungen, Werte, Gesetze, Regeln dienen innerhalb der Gruppe als Orientierung. Sie sind „das Wohin“ des Streben nach besserem (Über-)Leben: Der Mensch ist wegen seines Wissens ein wertendes Statustier. Die höhere Wahrheit, bessere Wissenschaft, bessere Methode zeugen davon – und leugnen doch allzugerne den allem bewusstseinsfähigen Streben immanente Statusstreben. Der Mensch will nicht banal sein in seinem Überlebensplan, sondern göttlich erkennend. Denn gerade das all unser Streben letztlich das Sterben nicht verhindert, ist die größte narzisstische Kränkung (sie soll in den Religionen und Paradiesvorstellungen aufgefangen werden).

Das Wissen um die Sterblichkeit, Bewusstseinsentwicklung und der Narzissmus sind untrennbare für das menschliche Leben. Sie sind der Wendepunkt zum Menschlichen in der Evolution. Dieser „Übersprung“ hin zum Wissenden geschah vor etwa 50 000 Jahren und ist an den „plötzlichen“ Grabbeilagen (als Zeichen des narzisstischen Strebens hin zum eigenen Vorteil in der Ewigkeit) festzumachen. Mit der Kupfergewinnung vor 6500 Jahren war dann ein erstes Material gefunden, das in seinem herausragenden Wert neue deutlicher Hierarchien in den wachsenden Gesellschaften ermöglichte: Ein differenzierteres Oben und Unten wurde durch die Insignien der „Bessergestellten“ mit Waffen und Zeptern begründeten.

Der Mensch will für sein besseres Überleben einen besonders guten sicheren Platz in der sozialen Gemeinschaft haben. Jede Kultur bietet ihm hierfür ihre eigenen Mittel an. Es gibt biologisch sinnvollere Kernphänomene jeder Werteordnung und kulturell abgehobener Wertigkeiten, die die menschlichen Gruppen in Hierarchien stabilisieren und narzisstisch motivieren: Hin zum besseren (Über-)Leben inmitten von Leben, das auch besser (Über-)Leben will.

Trotzdem gibt es (auch bei anderen Primaten) ein Gerechtigkeitsgefühl, dass den inneren Zusammenhalt trotz Hierarchie gewährleistet: Jeder muss vom Leben in der Gruppe profitieren; die gruppe muss für jeden die Möglichkeit des besseren (über-)Lebens bereit halten.

Werkzeuge und Medikamente, Dünger, Gesetze und Menschenrechte haben Leid und Tod ein Stück weit eingeschränkt, uns ca. 40 Lebensjahre mehr verschafft (zumindest in der westlichen Kultur). Doch auch dieser durchaus überzeugende Referenzpunkt von Erkenntniskraft und objektiver Wahrheit bleibt (als narzisstisch-menschlicher), immer „nur“ an eine bessere (Über-)Lebensstrategie gebunden. Jede Erkenntnis, Erfindung und Wahrheit ist allzumenschliche Wertung.

Jede Erkenntnis und bewusste freigewählte Veränderung befreit nicht von den Bedingungen des Lebens, den Lebensgrenzen. Viele Erfindungen ziehen auch immer neue menschliche Probleme nach sich aufgrund unseres Narzissmus, der möglichst viel besseres Überleben für sich selbst will (z.B. steigender Ressourcenverbrauch, Klimaerwärmung, Atommüll). Auch die Kunst, die versucht, über das Zweckmäßige hinaus, mehr zu sein als nur banales Leben, bestätigt in jedem ihrer Werke unseren Narzissmus, den sie auf die ein oder andere Weise reflektiert: Gute Kunst spiegelt uns dieses Bemühen zu metaphysischen Höhen, die doch nie den Boden des Lebens verlassen.

Schon Kant hat festgestellt, dass neben der grundlegenden Kategorie des logischen Denkens, der Mensch die Welt nur durch das Raster seiner Zwecke und Ziele kausal erkennt. Die verstandesbestimmte logische Kausalität folgt also immer einem (bewussten oder unbewussten) Ziel, einem Zweck in der Lebenswelt. Doch was Kant (aufgrund der Kränkung des Gedankens) noch nicht erkennen wollte/konnte: Ratio, Kausalität, Logik ist und bleibt menschlicher, narzisstischer, emotional-wertender Überlebenswille. Wir haben ihn als Wissenschaft in abstrahierenden Zahlen, Formeln und Sätzen gepackt – und veranschlagen damit Allgemeingültigkeit, also puren Narzissmus: Etwas von uns (Persönlich oder als Menschheit) soll über unser Leben hinaus Gültigkeit haben. Jede Erkenntnis, auf der Basis von Erkenntniswille ist ausgerichtet auf einen Zweck: das bessere Überleben.

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