Wohlanständigkeit

Es wird in vielen politischen Geschehnissen gerade immer wieder dasselbe Grundproblem der westlichen demokratisch-kapitalistischen Strukturen sichtbar. So auch in der angestrebten Abspaltung Kataloniens von Spanien: Eine reiche Region, die an den ärmeren Rest viel zahlen muss, möchte zukünftig für die Unfähigkeit, Rückständigkeit und Schlamperei der anderen nicht mehr aufkommen. Das gleiche können wir vom Solidaritätszuschlag des deutschen Westens an den deutschen Osten sagen. Es betrifft aber auch die liberale Politik gegenüber der linken Politik weltweit.

Diejenigen, denen es gut geht, die durch Intelligenz, Ausbildung, Umfeld begünstigt sind, die „daraus etwas machen“, wollen nicht mehr aufkommen für die, bei denen nichts selbständig in Gang kommt, die sich schwertun oder sogar als „abgehängt“ gelten. Eine gemeinsame Entwicklung in eine bessere Zukunft scheint nicht mehr möglich. Und während die einen sich von den Versagern behindert fühlen, kämpfen die anderen im ihre Existenz, ihre Würde, ihren Lebenssinn –, ohne dass irgendeine Partei, Wissenschaft oder technische Erfindung dafür eine Lösung wüssten.

Unser allgemeiner Wohlstand wurde jahrzehntelang über Pump finanziert, die Wahlversprechen führten zur Verschuldung der Staaten. (Hier liegt der Schwachpunkt der Demokratie.) Für die Reichen gab und gibt es Steuersenkungen, für die Armen Sozialstaatgeschenke. Doch nach all den Finanzkrisen ist klar: Nur noch mit viel Geld, ohne Gegenwert, konnte ein totaler Zusammenbruch der demokratisch-kapitalistischen Staaten verhindert werde und allgemein muss gespart werden. Die untere Hälfte der Gesellschaft trifft das natürlich viel mehr. Die obere sieht deren auf Pump finanzierten Lebensstandard als Luxus und Geldverschwendung: Wer keine qualifizierte Arbeit leisten kann und will oder gar nicht arbeitet hat kein gutes Leben mehr verdient.

Befragt man die Leute bekommt man mehr oder weniger diese Antwort – von oben. Die unteren protestieren nur dagegen – ohne Ausweg und Lösung. Waren die Versprechen der Demokratie und des Kapitalismus also immer Fake? Dachte irgendein Wirtschaftstheoretiker eigentlich wirklich, Wachstum und Verschuldung wären ewig weiter zu führen? Denn anders funktioniert der Kapitalismus nicht und bleibt keine Demokratie stabil – wie wir jetzt nicht mehr übersehen können.

Die Rufe nach mehr Gerechtigkeit und Mitgefühl sind moralische Feigenblätter, die von den Rufenden selbst, in ihren eigenen Leben, nicht umgesetzt werden. Niemand vermietet deswegen seine Wohnungen billiger, fährt kleinere Autos und schickt seine Kinder nicht mehr auf Privatschulen – auch die linken Bildungseliten nicht. Der Sozialdarwinismus hat längst wieder die Oberhand.

Doch was Katalonien und alle anderen Wohlständigen nicht bedenken: Ihre eigene Sicherheit, die Ruhe, der Frieden, die jeder Erfolgsbürger braucht, um weiter Erfolg zu haben, werden immer instabiler. Mit Knüppeln oder rechten Parolen schlagen die Schlechtergestellten zurück. Die ersten Firmen verlassen Katalonien deswegen schon.

Was sollen wir mit den unteren 30-50% einer Bevölkerung machen, die durch fortschreitende Digitalisierung nicht mehr vom Kapitalismus gebraucht werden? Das ist die politisch-unkorrekte, aber umso realistischere Frage unseres Jahrhunderts, die wir immer noch in ihrer Drastik scheuen. Wir hoffen auf Wunder, wir glauben das seltsam undefinierte Zaubermittel „bedingungsloses Grundeinkommen“ als Hoffnungsschimmer am Horizont zu sehen. Wird die untere Hälfte der Bevölkerung, die nicht Programmierer werden können oder wollen, wirklich friedlich und ungebraucht in ihren Ecken hocken bleiben? Kein Mensch, der sich mit der Psyche der Menschen beschäftigt, ihren narzisstischen Lebensantrieb kennt, kann das glauben.

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