Auf der Suche nach Identität

Es gibt einen Begriff in der westlichen Psycho-Kultur, dem ich als Psychologin immer wieder versuche einen Inhalt zu geben, was mir jedoch nicht richtig gelingt. Dabei ist es ein ganz wichtiger und großer Begriff in der Psychologie: Die Identität. Nach intensiver Beschäftigung mit diesem zentralen Begriff meiner Profession, reift in mir nun der Verdacht: Identität ist ein Begriff den man nur in der Negativform füllen kann, als: Identitätssuche oder Identitätsstörung. „Meine Identität“ oder „so bin ich“ stammen dagegen eher aus der Küchenpsychologie (auch „Seele“, „innerer Kompass“ oder „Bauchgefühl“ gehören hierher). Solche Wörter werden gerne verwendet von Menschen, die so tun als hätten sie Ahnung, aber an einer klaren Formulierung und Bedeutung eigentlich kein Interesse haben (zu schmerzhaft, zu peinlich, zu banal, zu wenig tauglich für die Rolle als Fachmensch und Klugscheißer).

Nur am Flughafen oder bei der Polizei, wo man die Übereinstimmung meiner Ausweise mit mir als Person als Körper überprüft, also meine Identität im Sinne von Name, Herkunft, Alter feststellt, ergibt für mich der Begriff der Identität einen Sinn. Laut Duden ist die Identität aber auch: „Die als »Selbst« erlebte innere Einheit der Person.“ Und daran wird eigentlich schon deutlich, was so undeutlich ist, am Begriff der Identität. Ich kenne kaum Menschen, die sich als Einheit und Selbst erleben und wenn, dann machen sie sich sicher keine Gedanken über ihre Identität. Der Rest sucht unsinnigerweise ständig nach sich und dem, was ihn ausmacht, was schon per se auf eine Identitätsstörung hinweist, ein Begriff dem man in der Diagnostik verwendet. Das geht einher mit einem beschädigten Selbstwert, dass ständig auf der Suche nach selbsterhebenden Eigenschaften ist. Instabilität, leichte Kränkbarkeit und Beeinflussung von außen gehen einher. So eine Dauer-Suche nach sich ist infantil – narzisstisch, denn Kinder wissen ja auch noch nicht wer sie sind, was sie können und wo sie stehen in der Gesellschaft. Deshalb verkleiden sie sich so gerne an Fasching.

Die seltsamste Suche nach Identität, findet bei den sogenannten „Identitären“ bzw. der „identitären Bewegung“ statt. Und hier wird das grundsätzliche Pathologische bei der Identitätssuche (jenseits der Kinder- und Teenager-Jahre) deutlich: Ein Haufen Menschen mit labilen Selbstwertgefühl, verhaltensauffällig oft seid ihrer Kindheit (wie man verschiedenen Gerichtsgutachten entnehmen kann), stabilisieren sich mit Eigenschaften, für die sie selbst nichts geleistet haben (in Deutschland oder den USA geboren zu sein, weiß zu sein, männlich zu sein). Sie stabilisieren sich auch damit, andere als schlechter und minderwertig zu brandmarken, weil sie diese Eigenschaften nicht haben. (So kann man diesen Minderwertigen auch ihre Kinder wegnehmen, wenn man sie als Verbrecher inhaftiert. Man kann auch aus dem Menschenrechtsrat aussteigen, da man ja ohnehin die eigene Identität als Amerikaner oder Israeli höher schätz, als die aller anderen.)

Früher dachte man, Gott hätte die eigenen Vorzüge (hohe Geburt, Reichtum, Titel, Intelligenz etc.) zugeteilt, weil er bestimmte Schäfchen besonders liebe und das in einer göttlichen Ordnung auf Erden hervorheben wolle. Heute ist die Begründung der angeblichen eigenen Erhabenheit (Jenseits von Gott) ein kindliches „Einfach-so“: Man will einfach so besser sein, mehr haben, mächtiger sein als die anderen, wie Kinder, die glauben, sie hätten einfach so alles verdient, obwohl sie noch gar keine (soziale) Gegenleistung erbringen können. Eine Identitätssuche mit angeblichen Vorzügen, die nicht begründet werden können, ist pathologisch: Wenn man wirklich so überlegen wäre, bräuchte man das ja alles gar nicht.

Aber auch zur WM kann man deutsche Identitätssuche in der deutschen Heimat in ihrer weit harmloseren Unsinnigkeit beobachten. Mit archaischen Grillritualen, durchgeführt mit Designergrillbesteck (in Fernost gefertigt), wird einer Mannschaft zugejubelt, die mindestens zur Hälfte einen Migrationshintergrund hat, aber durch ihre Siege das Selbstwertgefühl einer Nation heben soll. Angeblich wird dadurch ein Stück deutscher Identität gefunden – oder eben auch nicht (wenn sie verlieren). Hier stellt sich die Frage: Sind wir weniger deutsch, wenn die Nationalmannschaft verloren hat? Auch wenn ich mich freue, wenn sie gewinnen, ist mir dieser WM-Wahn an vielen Stellen unheimlich (als Psychologin). Es gibt dabei Menschen zu beobachten, deren Identität viel zu abhängig ist von der Leistung wildfremder, überbezahlter Sportler, mit zum Teil abenteuerlichen Frisuren und Tattoos, die die eigene Identität unterstreichen sollen.

Der Mensch ist ein Gruppenwesen und kämpft gemeinsam mit seiner Gruppe gegen Feinde. Die Zugehörigkeit zur Gruppe (Kultur, Nation, Verein, Schule, Familie, Firma) ist für viele, gerade wenn sie sonst wenig eigene tolle Dinge im Leben haben, ein großer Teil ihrer Identität. Bedenklich wird es nur, wenn diese Gruppenzugehörigkeit die ganze Identität ausmacht. Ist man zu abhängig von der Gruppe, Gesellschaft, Kultur, bestehen Menschen nur noch aus Gruppen-Selbstwert, der gegen andere, Minderwertige kämpfen muss, um sich zu behaupten. Doch es gibt auch eine Identitätssuche, die neigt stark jenseits jeder Gruppe zur Egomanie: Man ist selbst seine Gruppe und überbetont ständig die eigene Identität, begründet sie mit Esoterik, Küchen-Psychologie und anderen Arten selbsterhebender Selbstbetrachtung (Selfies, Körper- und Ernährungswahn). Penetrante Vegetarier und Nichtraucher brauchen das, für ihre Identitätsdefinition – und Fußballer. Letztlich verläuft hier die Zweiteilung unserer Gesellschaft: Reaktionäre gegen über-individuierte Identitätssucher.

So bleibt zum Schluss nur zu sagen, was ich am Anfang schon erwähnte: Ich verstehe den Begriff der Identität nicht bzw. ich kann ihn nur als Störung definieren. Vielleicht ist Identität dann positiv, was man selbst etwas mit Leidenschaft macht, ohne dass es dabei um einen selbst geht.

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