Brainbook

Neue sogenannte „Catbots“ sollen, auf dem Therapiemodell der „kognitiven Verhaltenstherapie“, als Allzeit-Coaches und Ansprechpartner die Verhaltensmuster ihrer User erfassen. „Woebot“, aus dem Hause Facebook, kommt wie ein neuer Freund daher, den man als App für 39 Dollar im Monat seine Handlungen und einhergehenden Empfindungen erzählt und der daraus die Verhaltensmuster analysiert. Dabei geht es hauptsächlich um die Muster, die einen träge und ungesund, übergewichtig, schlaflos, erfolglos und „negativ“ machen.

Was viele Menschen nicht wissen: Dieses „therapeutische“ Leistungs- und Optimierungsdenken ist keine Erfindung von Facebook oder der Digitalisierung. Es ist Teil einer offiziell anerkannten Psychotherapie, die in den 90er Jahren, sogar als einzige Psychotherapie von den Krankenkassen noch bezahlt werden sollte. Zum Glück gab es dagegen vehemente Proteste – und mittlerweile ausgewertete Langzeitstudie, die nachweisen konnten, dass Leistungscoaching die Menschen nicht nachhaltig glücklich macht (die sogenannten Prozess-Outcome-Studien).

„Psycho“ ist für viele Menschen ein „Herumstochern in der Kindheit“ und eine einseitige Schuldzuweisung an die Eltern und ihre Erziehungsfehler. Doch wenn sich das Gehirn erst nach der Geburt verknüpft (sichtbar in jedem CT-Hirnscan), wenn der bestätigende und zurückweisende, d.h. liebevolle oder lieblose Umgang unserer Eltern unser Gehirn erst entstehen lässt, ist mittlerweile auch physiologisch bewiesen, wie wichtig das Verhalten unserer ersten Bezugspersonen für unser Leben und Lernen, für unser Selbstwertgefühl und unsere Bewertung der Welt ist. Wir lernen unseren sozialen Umgang unseren Wert in der sozialen Gemeinschaft, unsere Verhaltensweisen erst durch unsere Eltern. Daran gibt es wissenschaftlich nichts mehr zu rütteln.

Und deshalb ist es aberwitzig, unsere Defizite, unser „Nicht-gut-genug-sein“, über eine App korrigieren zu wollen. Dabei sind diese Coaching-Apps darauf ausgelegt, alles was uns faul, ungesund, erfolglos macht, heraus zu finden, um uns dann zu ermahnen, gesünder zu essen, mehr Sport zu treiben und mehr die unangenehmen Dinge weg zu arbeiten. Scheinbar geduldig wiederholen Sie ihre Mahnungen und versuchen unser Gehirn umzuprogrammieren. Dafür hat man früher bei der eigenen Mutter oder Schwiegermutter angerufen, die hat das ganz umsonst gemacht – in jeder Hinsicht.

So braucht es vielleicht die Computer und ihre künstliche Intelligenz, um unseren Eltern, der kapitalistischen Leistungsgesellschaft und der Verhaltensforschung endlich klar zu machen: Wir sind keine Computer, unser Denken hat nichts mit reinen Berechnungen und KI zu tun, man kann uns nicht umprogrammieren, mit andauernden Ermahnungen. Vielleicht dürfen wir dann irgendwann wir Selbst sein, unoptimierbares Fleisch und Blut, Narzissmus ohne Effizienz.

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