Das echte virtuelle Leben

Diese Woche habe ich mir den Film „Ready Player One“ angeschaut. Dort existiert, neben einer armseligen echten Welt, in der die meisten Menschen in Wohnwagensiedlungen leben, eine virtuelle Welt, in der die Menschen als Avatare alles sein und erleben können, was sie wollen. Zu arbeiten haben die meisten Menschen nichts mehr und wenn sie von etwas träumen, dann vom Cyber-Anzug, der ihnen ein Ganzkörper-Feeling in der virtuellen Welt gibt. Am Ende muss der junge Held im Film in der virtuellen Welt Probleme lösen, um in der echten Welt sein Leben und seine Liebe zu verteidigen. Dafür sind er und seine Freunde aber dann die reichsten Menschen der Welt – in allen Welten.

Das Problem mit der Realität ist aber, dass unser Gehirn in diese echte Welt gehört und das hin und her zwischen den Welten nicht erträgt: Zum Teil aus banalen Gründen, wie Gleichgewicht und Wahrnehmungsverarbeitung. Zum entscheidenderen Teil aber aus narzisstischen Gründen: Wer mit einem Mausklick ein Held sein kann, wunderschön und tolle Abenteuer und Freundschaften erlebt, der wird süchtig. Das Selbstwertgefühl, das mit jeder Form von Droge gepuscht wird (was eine Droge erst zu einem Suchtmittel macht), will nicht mehr in der unerträglichen, unzureichenden, echten Welt leben. Denn der Grund für jede Art von Sucht ist immer: Weltflucht.

Die virtuelle Welt, die quasi seit 50 Jahren kurz vor dem großen Durchbruch steht, wird genau daran scheitern, in all ihren Versprechungen, sofern sie denn dann endlich real wird. Die meisten „Gamer“ sind heute schon hochgradig süchtig oder suchtgefährdet und der völlige Übertritt in eine andere Welt, wird das noch potenzieren. Aber vielleicht ist das ja der Plan: Die Leute, die von unserer Wirtschaft nicht mehr gebraucht werden, in der virtuellen Welt zu entsorgen, ruhig zu stellen. Vielleicht sind damit für die anderen, denen es in der echten Welt gut geht bzw. die immer reicher werden, endlich alle Probleme gelöst.

Wir haben ja auch gewusst, dass Facebook unsere Daten verkauft – und haben uns nicht um diese Gefahr gekümmert. Wer sich darüber jetzt plötzlich entsetzt, ist nicht Opfer von Facebook, sondern Opfer seiner eigenen Dummheit und Bequemlichkeit.

Man kann Facebook übrigens auch für seine eigenen Zwecke nutzen, indem man gezielt wenig Daten frei gibt und somit das Wissen der virtuellen Welt, von der eigenen Person, selbst gestaltet. Doch dann muss man vielleicht – selbständig und eigenverantwortlich – seine Eitelkeit managen, die glaubt für jeden geposteten Nudelsalat Likes und Anerkennung erwarten zu können. Wer nicht in der virtuellen Welt verloren gehen will, sollte sie vielleicht einfach nicht betreten oder nur kontrolliert Daten frei geben. Es gibt auch eine Menge Lebensnischen in der echten Welt. Dann ist man vielleicht nicht „der Held“ oder superreich – aber vielleicht selbstwirksam glücklich.

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