Der gute Mensch von Corona

Im Moment werde ich oft gefragt, ob und wie sich der Mensch bzw. die Menschheit wohl durch die Krise ändern wird. Angesichts der Hamsterkäufe zu Beginn der Quarantänezeit (zu denen sich niemand bekennt, niemand scheint Klopapier gehortet zu haben, alle regen sich nur darüber auf, schauen darauf herab) und angesichts der verschiedenen Wirtschaftsvertreter, die sich jetzt darum streiten, wer zuerst wieder aufmachen, hochfahren, weitermachen darf, wird deutlich: Wir glauben immer noch, mit der Natur verhandeln zu können, vor dem Virus oder dem Klima unsere eigenen Ansprüche gerechtfertigt durchzusetzen zu können

Hat man sich das „Global Citizen“ Projekt von Lady Gaga gestern Abend in Fernsehen angeschaut, mit all den Stars, die aus ihren privaten Wohnzimmern auf Du und Du ihre „echten“ Stimmen in die Welt schickten und sich in Mitgefühl, Dankbarkeit und Bescheidenheit selbst inszenierten, wird klar: Die Krise ist längst in der Vermarktung angekommen. Selbst die Sparkasse macht schon in ihrer Werbung auf „Wohnzimmer-Anteilnahme“. Man kann die Sätze „Bleibt gesund“ und „Wir stehen das gemeinsam durch“ nach 4 Wochen nicht mehr hören. (Wie wird das nach 4 Monaten sein?)

Das bisschen Solidarität und Wir-Gefühl wird bereits kapitalisiert, zur Image- und Markenpflege benutzt. Längst haben Facebook, YouTube, Amazon und Co. all die Hilfsbereitschaft in Geld gewandelt, in Useranalysen und deren Vermarktung eingebracht. Und längst machen wir mit, bei dieser Sichtweise und Wertung von uns selbst. Wir wollen gut sein, mit Mitgefühl und Anteilnahme unser Selbstbild aufhübschen und jeder soll das bitte sehen. Wir wollen unsere christliche, aufgeklärte Kultur in ihrer bzw. in unserer Überlegenheit manifestieren (China ist auch hier Weltführer im Kopieren). Um dabei nicht gestört zu werden, sollen die jungen muslimischen Männer bitte in den Lagern in Griechenland bleiben.

Das Schlimme daran ist nicht, dass wir unseren Rechtstaat und unseren Wohlstand und unsere Freiheiten behalten wollen. Das Schlimme daran ist, dass wir glauben, wir könnten dabei „gute“ Menschen sein, Auserwählte, die ihre Vorteile verdient hätten, durch ein christliches Wir-Gefühl oder Leistungsbereitschaft oder ein deutsches, überlegenes Gesundheitssystem. Und es ist absolut sicher, dass wir in dem Moment, wo unsere Krankenkassenbeiträge nur ein paar Euro hochgesetzt werden, um Krankenschwestern und Pfleger besser zu bezahlen, nicht mehr applaudieren werden. 

Wieso sollte diese Krise die Menschen ändern – wenn sie bisher nur deutlich macht, dass Corona die Verteilungskriege auf dieser Welt, hinter den geschönten Fassaden, nur weiter anheizt?! Sicher ist, dass wir gesunden Leistungsträger längst schon bereit sind, die kommenden Leichenberge in Kauf zu nehmen, um unseren freien westlichen Lebensstil halbwegs nahtlos weiter zu führen. Wir können ja immerhin unsere Anteilnahme vor unseren Bücherregalen, in unseren Wohnzimmern bekunden und in die Welt schicken, um uns dadurch besser zu fühlen.

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