Diagnose der Menschheit

„Was passiert gerade Schlimmes mit der Welt?“ fragen die einen. „Es ging uns nie so gut, wie jetzt“, behaupten die anderen und verweisen auf die Möglichkeiten der digitalen Technik, vor der wiederum die erste Gruppe große Angst hat.

Wann geht es Menschen gut? Das lässt sich nur an einem nachhaltigen psycho-somatischen Wohlergehen messen. Wir Psychologen diagnostizieren „Schlecht-gehen“ und „Besser-gehen“ anhand von den drei wesentlichen Strukturen des Selbst: Beziehungsfähigkeit, Konfliktfähigkeit und Selbstbild. Je nachdem, wie viele tiefe, glückliche, empathische, gleichwertige Beziehungen ein Mensch führt, wie reif er mit Konflikten umgeht und wie realistisch sein Selbstbild ist (wie gut er seine Talente und Grenzen einschätzt), um so nachhaltiger ist sein Wohlergehen.

Heute kommt ein wichtiger Aspekt zu dieser Diagnose des Wohlergehens hinzu: Wie weit ist ein Mensch bereit, seine Lebensweise ökologisch sinnvoll zu verändern? Denn davon hängt unser aller Zukunft ab: Ob wir unser Wohlergehen unabhängiger machen werden, von materialistischem Konsum, Billigfleisch und heutigem Mobilitäts-Verhalten, wir unser Leben und Überleben entscheiden. Dazu kommt noch die Notwendigkeit sozialer Reife: Schicken wir unsere Kinder auf Privatschulen? Wie weit glauben wir, dass „unnütze Menschen“ sich nicht vermehren sollten und kein Recht auf ein Leben in Wohlstand haben? (Erschreckender Weise denkt jeder dritte Bundesbürger so).

So wollen viele ihr jetziges Wohlergehen behalten – das aber nicht nachhaltig ist, für unser Lebensumfeld und auch nicht gerecht ist. Doch wenn wir nicht selbstreifer, weitsichtiger und gerechter lernen zu leben, zum konkreten Verzicht auf Luxus und Bequemlichkeit bereit sind, werden wir global, als Menschheit scheitern – an unserer Unreife und kindlichen Selbstgerechtigkeit. Denn niemand lässt sich das gute Leben verbieten, schon gar nicht von denen, die im Übermaß davon haben. Und so wendet sich diese Unreife gegen unser aller nachhaltiges Wohlergehen: Die Umwelt. Und mit der Natur kann man nicht verhandeln. Sie ist unser alle Diagnose-Meister. Und wenn wir als überwiegend unreife Narzissten scheitern, schickt sie uns keinen Therapeuten, der uns rettet (der liebe Gott wird uns unsere Unreife dann auch nicht mehr verzeihen, denn wir haben ja seine Schöpfung ruiniert, im Glauben er hätte uns ein „immer besseres Leben“ durch unsere Gebete zugestanden.)

Man muss also als Psychologe heute leider viele schlechte politische Diagnosen stellen. Denn die globale Menschheit besteht aus lauter weniger reifen, weniger objektiv selbstkritischen Menschen. Und jedes Jahr kommen ein paar Millionen hinzu, die auf ihr Wohlergehen hoffen und von Nachhaltigkeit erst mal nichts wissen wollen oder sie den anderen auferlegen.

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