Echt jetzt?!

Giselle Bündchen, ein ehemaliges Top-Model, hat ein Buch über ihr Leben geschrieben. Natürlich kommt darin vor, dass sie mal furchtbar gehänselt wurde, weil sie so dünn und groß war – bis sie dann nach Paris kam und zur vielbewunderten Multimillionärin wurde. Soweit das Klischee des Aschenputtels, als Spiegel der heutigen Frauenkultur (verkanntes stolperndes Mädchen trifft Prinz und wird erfolgreiche Buchverlegerin, Kolumnistin etc.). Aber besonders beachtenswert fand ich Frau Bündchens Aussagen, dass man nur, wenn man besonders achtsam und „bei sich“ ist, zum Megaerfolg gelangt. Der Buddhismus bringt quasi die große Kohle und Bewunderung, so wie der Osterhase die Ostereier.

Damit bringt sie den grundsätzlichen Widerspruch unserer aktuellen, globalen Werteordnung auf den Punkt: Alle sind vom Leistungsdruck fixundfertig, alle reiben sich auf, indem sie das gute Leben suchen, sich selbst wieder authentisch spüren wollen – und damit bitte zu den oberen 50% der Erfolgreichen gehören wollen, die die Globalisierung und Digitalisierung nicht als „Menschenmüll“ aussortiert.

Man versucht sich also selbst wichtig zu nehmen, als etwas Besonderes zu sehen – in der Hoffnung dann endlich Anerkennung von den anderen und Erfolg zu haben (wie Giselle). Auf kindliche Weise wird sehnsüchtig Zuwendung erhofft, einfach nur dafür, dass man da ist. Anerkennung als Existenzrecht, quasi. Doch Anerkennung mein heute eben: Supermodel sein oder gar nichts.

Also meditiert alle Welt gegen die eigene Bedeutungslosigkeit an, in der Hoffnung auf Erfolgserleuchtung.

Wenn ich solche Interviews lese, wo Menschen, Prominente, Intellektuelle offensichtlich ihre eigene Selbstgerechtigkeit nicht reflektieren, ihre Widersprüche noch als große Wahrheit verkaufen, denke ich immer nur: Echt jetzt?! Das geht mir aber auch mittlerweile bei jeder Fernsehwerbung so. Da werden große Geländewagen durch wunderschöne unberührte Landschaften gefahren, Kindern zuckriger Jogurt als gesunde Zwischenmalzeit angeboten oder Parfüm und Herrenrasierer lassen den „eigenen Weg“ gehen. Ich frage mich aber auch „echt jetzt?!“, wenn ich Lobesreden auf den neuen Träger eines Kunst- oder Literaturpreises höre, der angeblich „im bereden Schweigen zwischen den Zeiten oder Farbtönen das widerstrebende Dasein“ berührt, oder ähnliche abgestandene Erfolgserleuchtung als Kunstwerk verkauft hat.

Es ist wirklich ein grundsätzliches Problem, wie Pseudotiefe in den infantilen Narzissmus von Gewinnsucht und Anerkennung hineingeblasen wird – gesellschaftsübergreifend. Unser angeblich „echter innerer Kern“ ist ein reiner Marketing-Gag – im Gegensatz zu unserer psychischen Gesundheit, die heute mit diesem Schwachsinn gezielt angegriffen wird, damit wir noch mehr Sehnsüchte über den Schwachsinn aufgedrückt bekommen, der uns immer weiter destabilisiert. Und dabei lese ich noch nicht mal, und ich betone niemals, soziale Medieninhalte.

Die Frage, die mir dabei bleibt: Finde nur ich das so extrem, diese vielen Lügen und Selbstlügen? Bin nur ich fassungslos, dass unsere Kultur dermaßen kapitalisiert ist, bis tief hinein in die Denke der Bildungsbürger und ihrer selbstgefälligen Erfolgsintellektualität? Gibt es vielleicht viele, die weitestgehend ausgestiegen sind, die man deshalb aber auch nicht mehr hört und sieht – und die hoffentlich eine stille Revolution stattfinden lassen, der erste unbemerkte Umsturz der erfolglosen „Bleiben-Lasser“?

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