Eine Philosophie der Selbstkritik

Ein Asylbewerber aus den syrischen Kriegsgebiet hat einen Juden mit Kippa auf offener Straße in Berlin mit einem Gürtel attackiert. Die Geschichte lässt die politisch-korrekte Linke, blickt man in die Feuilletons der Zeitungen dieser Woche, ratlos zurück. Wo bleibt da der Humanismus des Vernunftwesens Mensch, dem humanistisch geholfen wurde?! Schnell ist die rechte Politik als Schuldiger gefunden: Muslimen werden durch sie täglich gedemütigt (gehört der Islam jetzt zu Deutschland oder nicht?) und lassen dann ihren Hass an ihrem Erzfeind, den Juden, aus – selbst in dem Land, das ihnen selbst gerade aus Krieg und Vernichtung heraushilft.

Da mir selbst, mit meinem jüdischen Namen, schon der ein oder andere Antisemitismus begegnet ist, sowohl von urdeutschen „Ariern vom Tegernsee“, die zu 100 % Herrn Seehofer wählen, als auch von Menschen aus der arabischen Welt, muss ich berichten, es ist nicht der Antisemitismus: Es ist der Hass, die Selbstaufwertung in der Feindschaft, die mir entgegen schlägt. Aber das tut sie auch ausgehend von meiner Nachbarin, die gar nicht weiß, dass mein Name ein jüdischer ist und nur sauer ist, dass ich sie angezeigt habe, weil sie meine Gartenhecke einfach in meiner Abwesenheit niedergemetzelt hat.

Umgekehrt habe ich schon an dieser Stelle gewünscht, Herr Erdogan und Herr Putin möge der frühe Herztod ereilen, einfach weil, vergleichbar mit Stalins plötzlichem Tod, das Leben sehr vieler Menschen, die ich schätze und mag, dadurch besser würde. Und auch meine Verwünschungen gründen schlicht und ergreifend auf meinem Narzissmus, auf dem Wunsch, die Welt möge so laufen, wie ich will, nach meiner Werteordnung.

Oft werde ich gefragt, wo mein Name her kommt. Wenn ich dann sage Ohana ist ein typischer sephardisch-jüdischer Name, also aus Nordafrika, genauer aus Marokko, dann fragen die Leute: Bis Du Jüdin? (Sie fragen nie, bist Du Marokkanerin oder Afrikanerin.) Ich antworte dann immer: Nein, ich bin Mensch. Und in der Tat ist das die einzige Gruppe, der ich mich zugehörig fühle. Meine Eltern sind Deutsche und Flüchtlinge, beide sind sogar deutsche Kriegs-Flüchtlinge (aus den Sudetenland und aus der Nähe von Weimar). Und ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. Aber ich fühle mich nicht „als Deutsche“, wenn ich es rechtlich auch bin. Ich fühle mich nicht mal „als Frau“, weil ich ehrlich gesagt nicht weiß, was das alles sein soll. Ich fühle mich als Mensch, weil ich konkret jeden Tag, meine allzumenschlichen Schwächen in meinen Handlungen und Denkweisen erleben, das Ringen um ein gutes Selbstwertgefühl, mit allen narzisstischen Tricks, Zielen und Hoffnungen.

Ich empfehle der Linken, in deren Hochburg, der Frankfurter Schule, ich studiert habe, eine „Philosophie der Selbstkritik“. Letztlich können und konnten wir uns unseren demokratischen Humanismus nur leisten, weil wir kapitalen Wohlstandzuwachs auf Kosten anderer betreiben, sie ausgebeutet und uns abgeschottet haben. Also: Bei der nächsten guten Flasche Wein aus Kalifornien und beim nächsten Nachhilfeunterricht der eigenen Kinder für die teure Privatschule, einfach mal ehrlich in den Spiegel schauen. Dann klappts auch mit dem Verständnis des Narzissmus der anderen.

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