ESC – Europäisches – Schablonen – Casting

Wenn man Dinge oder Menschen lange nicht gesehen hat, dann bemerkt man deutlich ihre Veränderung bei einer Wiederbegegnung. Mir ging es so gestern Abend beim Eurovision Song Contest: Den hatte ich bestimmt seit 25 Jahren nicht mehr gesehen. Zum einen ist die Show mit all den Effekten mittlerweile wirklich beeindruckend. Zum anderen ist die Typisierung der jeweiligen Sänger ein deutliches Zeichen dafür, wie unsere Sehgewohnheiten, die Schablonen der Selbstbilder, als Manipulation unserer „inneren Freiheit“, vermarktet werden.

Man hat das Gefühl, als Beobachter aus der Ferne, jeder Typ, der gewonnen hat in den letzten Jahren, wird wieder und wieder wiederholt, als Abziehbild und genaue Berechnung des Erfolgsschemas. Während der ESC ja eigentlich für Toleranz und Diversität steht, wurden diese längst eingeholt, von einer perfekten Typisierung des Ungewöhnlichen (schrille Nudel, bekennender Schwuler, hübsche starke lesbische Frau, verletzlicher junger Mann etc.). Daneben gibt es natürlich die wunderschönen Glamour- Moderatorinnen/Sängerinnen, die über die Ländergrenzen hinweg alle ununterscheidbar gleich aussehen: Maximal falsche Wimpern, sehr schlank, perfektes Dekolleté, Wallemähne. Dazu noch ein paar hübsche durchtrainierte junge Männer (nicht eindeutig schwul, aber mit perfekten Körpern, Frisuren und Charm).

Was scheinbar im echten Leben so schwer gelingt, die Vereinigung der Leistungsträger mit denen, die dem Ideal nicht entsprechen (können oder wollen), scheint beim ESC wunderbar zusammenzupassen. Doch letztlich geht es bei allen Typen nur um Vermarktung: Wer sich nicht auf körperliche Perfektion trimmen lässt, findet sich in einem der anderen Typen wieder, fühlt sich in einem der anderen vorgegebenen Identitäten angesehen, akzeptiert – und kauf die dazugehörigen Produkte. Denn es geht auch hier darum, die (durch den neoliberalen Kapitalismus) wachsende Sehnsucht nach Zugehörigkeit und die Orientierungslosigkeit, wiederum in Erfolg und Gewinne zu wandeln.

Während Conchita Wurst, sowohl als Diva und gleichzeitig als hübscher schwuler Mann mit perfektem Bart, eine letzte ungewöhnliche Kombination aus zwei der Grundtypen darstellte, möchte er/sie sich selbst mittlerweile von dieser „Figur“ verabschieden (zu abgenutzt mittlerweile). Doch was dann? Untergehen in den immer und immer wieder aufbereiteten anderen Typen, die genauso abgegrast und bis-zum-geht-nicht-mehr vermarktet sind, perfekt zugeschnitten auf die Erwartungen der Fans? Etwas völlig Neues (was immer schwieriger wird), das dann sofort wieder vermarktet wird, bis es zu abgenutzt ist? Vielleicht bleibt dem modernen Menschen nur noch ein völliger Abschied von der Identitätssuche und Selbstvermarktung in den Medien, ohne dass diese stille Revolte und Authentizität jemand öffentlich bemerkt, anerkennt oder vermarkten könnte.

Die Unregelmäßigkeit, als erster Schritt gegen die berechenbare Vermarktung, veranlasst mich, die ich mich bisher an dieser Stelle seit fast 8 Jahren jedes Wochenende regelmäßig vermarktet habe (als verkaufswillige Autorin meines Verlages Randomhouse ), mit meinen Texten nun zu ungewöhnlichen Wochentagen zu erscheinen (immerhin gibt es ja ganze 7 Grundtypen an Wochentagen!). In diesem Sinne: Bis bald. Und immer schön selbstkritisch bleiben!

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