Fair-Trade

Vergangene Woche war ich in Kopenhagen, wo ich noch niemals vorher war. Trotzdem kam mir die Stadt an vielen Stellen sehr bekannt vor. Es gibt in Kopenhagen Straßen, da könnte man schwören, man wäre am Prenzlauer Berg: Man sitzt an Biertischen und auf Stühlen mit verwetzter Polsterung, vor historistischen Fassaden und trinkt ökologische Ingwer-Lemon-Limonade aus Flaschen mit hippen Etiketten. Die vielen Backsteinfassaden lassen aber auch an New-York denken. Und selbst in Prag und in Lima in Peru findet man, wie mir neulich eine Freundin erzählte, solche „Fair-Trade-Cafés“ wo man auf Bananenkisten sitzt. Die Globalisierung und auch Gentrifizierung der „Weltstädte mit Herz“ ist heute schon weit fortgeschritten.

Im Gegensatz zu Berlin, glaubt man aber den Dänen ihr entspanntes Leben in den Cafés. Sie sind weit weniger zwischen Piltes-Studio und Start-Up unterwegs, sie sind nicht verkniffen und schon gar nicht arrogant. Ihr moderner Hipster-Life-Style scheint geradezu der dänischen Kultur entsprungen, eine natürliche Fortsetzung des entspannten Hygge-Lebensstils, den die Dänen schön lange pflegen. Sie fahren mit Fahrrädern, mit extra breitem Sattel auf extra breiten Radwegen. Niemand ist von Kinderwägen und deren schreiendem Inhalt genervt.

Warum spielen die anderen Weltstadt-Hipster nur den entspannten Lifestyle, während sie eigentlich mit ihren Apple-Geräten doch nur weiter dem kapitalen Erfolg nachrennen? Was gibt es noch zu erreichen da draußen, was nicht letztlich doch nur mit weiterem Konsum und Zerstörung unsrer Lebensgrundlage oder zumindest unseres gesellschaftlichen Zusammenhalts zu tun hat? Kann der Mensch sich nicht damit begnügen mit Freunden im Fair-Trade-Café zu sitzen, nach 3-4 Stunden Arbeit und mehr nicht? Warum muss er herumreisen, nach Kopenhagen und New York, um dort im Fair-Trade-Café zu sitzen (so wie ich)? Denn am Ende wird unsere Erde trotzdem nicht ausreichen, für unseren humanistischen Anspruch, die Welt mit Fair-Trade aus der Armut zu befreien und allen 7,5 – 10,2 Milliarden Menschen (die wir sind und sein werden) einen Fair-Trade-Café Lifestyle zu verschaffen. Die Fakten sind hier eindeutig. Aber vielleicht ist in dieser Situation Café trinken ohnehin das einzig Sinnvolle, was wir tun können.

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