Fehler!!!!!

In den letzten Wochen habe ich teilweise bewusst, teilweise fahrlässig, ein paar Fehler in meine Texte im Blog eingestreut – um zu sehen was passiert. Manchmal war es nur ein Komma oder eine falsche Endung oder ein Rechtschreibefehler, manchmal etwas Inhaltliches (z.B. Verfassungsgericht, statt BGH), was nicht den Sinn des Textes verfälscht, aber doch ein deutlicher FEHLER ist.

Angeblich tolerieren wir Fehler heute nicht mehr – weswegen sich auch kaum mehr jemand traut, Verantwortung zu übernehmen, Entscheidungen zu treffen. Jeder hat Angst vorm totalen Absturz. Der Fußballer Per Mertesacker hat gerade wieder deutlich darauf hingewiesen, wie sehr die vielbewunderten und hochbezahlten Helden des Platzes davor Angst haben, einen spielentscheidenden Fehler zu machen. Es geht ja um Millionen. Und hier haben wir auch schon den Grund, für all die extremen Ängste und krassen Reaktionen gegenüber Fehlern.

Es scheint ständig auf Messers Schneide zu stehen: Sieger oder Verlierer. Gymnasiast oder kein Abitur. Gut bezahlter Job oder Harz IV. Dazwischen gibt es scheinbar nichts. Man gehört zu den oberen 50% oder wird abgehängt. Der neoliberale Kapitalismus braucht nur noch die Leistungsträger, der Rest wird zum Sozialfall, zu entwerteten Wertlosen. Und ein einziger Fehler kann entscheiden, über die Seite, das eigene Leben.

Ich glaube wir können uns weitestgehend befreien, von dieser Angst, indem wir auf sämtliche Statussymbole verzichten. Alleine dieser Akt würde uns unabhängig machen, von der Angst, weil nicht absteigen kann, wer die Zeichen des Erfolgs selbst entwertet. Was in dem Zusammenhang interessant war, war die Reaktionen bei Facebook auf meine Fehler. Sie reichten von Beschimpfungen, bis dahin, dass man mir meine verschiedenen Qualifikationen absprach. Meist waren es Männer, die mich aufgrund von kleinen Fehlern, der totalen Vernichtung anheim wünschten. Selten wurde ich nett darauf verwiesen; einmal nur wurden meine sonst gerne gelesenen Texte erwähnt, wo einer Leserin trotzdem etwas aufgefallen war, was nicht stimmte. Der Ton war, selbst ohne Shit-Storm-Attitüde, mindestens oberlehrerhaft, besonders von Menschen, die selbst viel im Netz publizieren (was bei meinen Lesern anscheinend nur Männer sind, da es bei mir ja nicht um Mode oder Kochen geht, sondern um Politik und Psyche).

Natürlich kann ich mir als Psychologin diese teilweise brutale Kritik erklären. Und auch, dass das Netz Hass verstärkt, ist mir selbst an meinem Experiment klar geworden (ich bin ja sonst nie auf Facebook unterwegs). Die Unfreiheit und Ängste, zwischen Versagen und Sieger, Tollen und Blöden, liegt auch genau darin begründet, dass das Netz keine Zwischentöne kennt: Nur totale quasi metaphysische Sehnsucht oder vernichteter Hass, überschöne Fotos oder aktive Zerstörung. Zwischentöne, eine sogenannte angemessene Reaktion, wie im ganz normalen Leben, wenn man ein ganz normales Leben führt, wird wahrscheinlich nicht mehr für erwähnenswert gefunden, bleibt unkommentiert und ungesehen.

Selten hatten wir, in der Geschichte der Menschen, unser eigenes kleines Schicksal selbst so in der Hand, wie im Netz. Wir müssen uns das nur bewusst machen, was wir dort für eine Macht haben, über unsere Kritiker: Wir können sie einfach nicht beachten, oder – in meinem Fall – die nächsten 8 Jahre wieder nicht mehr beachten.

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