Frankfurt

Am Montag stand ich um 9.50 Uhr am Frankfurter Bahnhof, Gleis 7, Bereich E (wo der Speisewagen immer hält). Es war zum Glück nicht der Montag diese Woche. Aber ich nehme diesen Zug sehr oft am Montagmorgen, nach München. Jedes Mal, wenn ich da rumsitze und warte, wundere ich mich, wie viele Leute vor der weißen Line stehen, so dicht am Gleis, dass sie jederzeit auf die Schienen fallen können: Um das zu verhindern, gibt es diese Linie. Doch die Leute drängeln, wollen ganz vorne stehen, als Erste im Wagon sein, sich die besten Plätze sichern. Nicht selten haben sie Kinder dabei. Ich denke mir jedes Mal: „Tolles Vorbild!“

Es ist allgemein schlimmer geworden, mit dem Gedrängel, der Alltagsaggressivität (wie wir Psychologen das nennen). An Tankstellen, an Supermarktkassen und in jeder anderen Schlange, ist das zu beobachten – aber auch an Elternabenden in der Schule und auf Schulhöfen und davor, wenn Eltern mit ihren SUVs ihre Kinder bringen und abholen und mit anderen Eltern in Streit geraten: Die Menschen stehen immer mehr unter Druck, haben immer mehr das Gefühl, zu kurz zu kommen.

Der Täter von Frankfurt ist psychisch krank. Wir haben täglich Fälle, wo psychisch Kranke anderen Gewallt antun, nicht selten töten sie sogar ihre eigenen Kinder. Das passiert bei Deutschstämmigen und bei allen anderen Menschen weltweit auch – weil es Menschen sind, die psychisch krank werden können. Es gibt sogar Väter und Mütter, aus allen Kulturbereichen, die töten bei voller Schuldfähigkeit. Ohne krank zu sein, schlachten sie aktiv mit Messern ihre Partner, ihre Kinder ab, aus Wut, weil sie verlassen wurden, ihre Ehre verletzt fühlen, Kränkung und Verlust nicht ertragen. Es ist tragisch, jedes Mal, unverständlich. Es weist immer wieder darauf hin: Das Leben ist nicht sicher, wir können es nicht kontrollieren.

Herr Seehofer möchte jetzt mehr Polizei einstellen, um mehr Sicherheitsgefühl für den Bürger zu gewährleisten. Doch unser Alltag besteht immer mehr aus Gängelleien, aus der Angst, etwas falsch zu machen. Wenn ich Polizisten sehe (in Bayern sind sie überall), wie sie teilweise breitbeinig und mit geschwollener Brust patrouillieren, bekomme ich sofort Angst, was falsch zu machen. Ich bekomme jedes Mal einen Hinweis: Es läuft was schief, in diesem Land. Die Bedrohung ist überall. Ich muss mich aktiv gegen dieses Gefühl stemmen.

Dabei stehe ich nie zu nahe an den Gleisen. Ich versuche nie zu drängeln und wenn andere drängeln, nehme ich mir den Leitspruch meiner Tante zu Herzen: „Mit Freundlichkeit zuscheißen“. Ich bin dann so nett und zuvorkommend, dass der aggressive Drängler sich dämlich vorkommt. Klappt eigentlich immer.

„Willensfreiheit und Narzissmus“, war das Thema meiner Promotion: Eigenverantwortung macht uns freier; Selbstreife mach uns zu selbstbestimmten Wesen (so das Fazit der Arbeit auf den Punkt gebracht.) Ich kann selbst bestimmen, wo ich am Gleis stehe, wieviel ich mich stressen lasse, wie voll ich mein Leben mache, wieviel ich aufs Handy schaue (ich habe nicht mal Internetzugang oder Mails auf dem Handy). Ich kann entscheiden, wieviel ich konsumiere, wie sehr ich die Umwelt mit meinen narzisstischen Ansprüchen belaste. Herr Seehofer ist nicht zuständig, für meine Freiheit und mein Sicherheitsgefühl. Das bin ich selbst, soweit ich das kann und laut Gesetz darf.

Auch wenn mir nicht selten im Leben und in meinem Beruf sehr schlimme Schicksalsgeschichten begegnen: Ich kann den Menschen nur helfen, indem ich ihnen helfe weiter zu leben. Ihr Leben sicherer zu machen oder schöner oder freier und weniger stressig, das kann ich nicht, das können sie letztlich nur selbst, egal was ihnen passiert ist.

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