Hanau

Nicht zufällig wählen die meisten Patienten der Psychiatrie, bei ihren extremen Ausgleichsphantasien in der Psychose, immer große historische oder religiöse Helden als eingebildete Identität (Napoleon, Gott, Jesus und oft auch Hitler). Immer glauben sie einem „höheren Aufträge“ folgen zu müssen und übersinnliche Einsichten zu haben: Nie glaubt ein Patient der Psychiatrie, in seiner erfundenen Persönlichkeit, nur Lieschen oder Erwin Müller von neben an zu sein. Vielmehr sind die Betroffen immer auf der Suche nach der rechten oder linken Weltformel oder glauben an eine Überwachung durch berühmter Geheimdienste. Deshalb ist es auch falsch, bei einem verwirrten Attentäter mit rechtsradikaler Motivation, zwischen psychischer Störung und rechten Motiven zu trennen.

Genau das aber hat die AfD beim Attentäter von Hanau versucht, der neun Menschen mit Migrationshintergrund erschoss. Er hatte vor der Tat die für Psychotiker typischen Wahnphantasien über Geheimdienste und die Macht seiner eigenen Gedanken ins Netz gestellt. Doch eine Grenze zwischen pathologischem Selbst und sehr unreifem Selbst ist nicht wirklich zu ziehen. Sicher ist aber: Beide werden gezielt von rechten Parteien angesprochen, mit der Verlockung endlich „wer zu sein“, überlegen zu sein, die eigene Verzweiflung als Hass gegen andere entlastend los zu werden. Rechte Gesinnung, in jeder Form, ersetzt die massiven Selbstwertstörungen, durch gemeinschaftlichen Hass, im Netz und darüber hinaus.

Wir kämpfen als „Selbste“ zu aller erst und immer: gegen die Erfahrung der „Minderwertigkeit“, Abhängigkeit und Ohnmacht in unserem sozialen Umfeld, weil Ohnmacht und Entwertung unser (Über)Leben grundsätzlich bedrohen. „Was auch immer ein Mensch getan hat, er bleibt ein Mensch“, sagte Werner Herzog in seiner Trauerrede zum Amoklauf von Erfurt, 2002. So sind gerade auch Massenmörder und Rechtsradikale immer „nur“ getrieben von ihren Minderwertigkeitskomplexen, dem Willen „jemand besonderes“ zu sein. Und genau das sind die Wähler der AfD und aller rechten Parteien.

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