Ich, Rabentochter

In unserer bürgerlichen Gesellschaft mit ihren aufgeklärten sozialen Regeln ist es nach wie vor schwer möglich Anerkennung und Verständnis für psychische Krankheiten zu finden. Deshalb versuchen viele Familie solche Erkrankungen eines ihrer Familienmitglieder vor der Öffentlichkeit (Nachbarn, Arbeitgeber, etc.) zu verbergen. Oft wird nur in schlimmen Krisensituationen fachliche Hilfe gesucht und angenommen.

Im Alltag ist die gesamte Familie eingespannt, um die Krankheit des betroffenen Familienmitgliedes abzufangen, Krankheitsschübe möglichst unauffällig durchzustehen. Dadurch entsteht eine enorme psychische Belastung für die Familie. Einerseits wird viel Rücksichtname gefordert, andererseits darf von der starken Inanspruchnahme der stützenden Familienmitglieder nichts nach außen dringen: Es wir die vielzitierte gute Mine zum bösen Spiel gemacht.

Besonders für Kinder, die in einer solchen Situation heranwachsen, ist diese Belastung schwer zu ertragen und zu verarbeiten. Besonders schlimm ist es, wenn eines der beiden Elternteile von der psychischen Krankheit betroffen ist. Schon sehr früh werden diese Kinder in eine bestimmte Rolle gedrängt, die ihre freie Entwicklung und Selbstentfaltung stark behindert. Statt sich an dem Elternteil als Vorbild und Autorität orientieren zu können, wir von ihnen eine stützende Funktion verlang, die den Reifegrad der eigenen Psyche völlig überfordert. Daneben müssen sie mit der zwiespältigen Erfahrung klar kommen zu Hause sehr irritierende Situationen zu erleben und in der Öffentlichkeit ein ganz anderes Bild von der Familie darzustellen.

Diese Situation bleibt nicht ohne Folgen für die psychische Gesundheit dieser Kinder und für ihre charakterliche Entwicklung. Ängste, Selbstzweifel, psychosomatische Krankheiten sind die Folge.

Doch es gibt Auswege: Die Einsicht, dass man diese prägenden Belastungen nicht alleine bewältigen kann und eine gute Psychotherapie können die Erfahrungsmuster, durch neue korrigierende soziale Erfahrungen mit dem Therapeuten, überschreiben. So wir ein neues Leben mit neuer Selbst- und Weltsicht möglich.

Man sollte dafür aber weder eine viel zu kurze Verhaltenstherapie wählen, noch von anderen „Wunderheilern“ (Familienaufstellung, Kurztherapie, Hypnose, etc.) in Wochenendseminaren nachhaltige Erfolge erwarten. Nur eine tiefenpsychologische Langzeittherapie von mindestens drei Jahren, kann hier wirklich Heilung versprechen. Denn für die neue Prägung, reife Selbststrukturen, braucht es Zeit und den konstanten Einfluss eines gutausgebildeten, reifen Menschen. Das ist mühsam und schmerzhaft – aber es lohnt sich.