Mehrheimische Neu-Bürger

Das Thema Flüchtlinge hat die westliche Welt gespalten: In Menschen, die ihre gesamte Enttäuschung und ihren Hass auf das Thema projizieren (auf der einen Seite). Und Menschen, die alle Menschen als wunderbare Wesen sehen (auf der anderen Seite). Dabei hat es das Thema Arm/Reich noch weit übertroffen.

Es ist also weniger das harte, berechenbare Geld, der wirkliche finanzielle Nachteil und mehr die psychische Befindlichkeit, die die Meinungen über Flüchtlinge bestimmen. Wir definieren uns weniger über unser Einkommen. Wir suchen viel häufiger das Gefühl außergewöhnlich zu sein, anerkannt zu sein: In unserem „exaltierten Deutschsein“ oder in unserem „exaltierten Weltbürger-Sein“. Dabei sind die, die zu den Flüchtlingen halten, genauso an ihrer eigenen „richtigen Meinung“ besoffen, wie die anderen an ihrem Hass.

Die Flüchtlinge müssen also herhalten, so oder so, für unsere instabile Identität, die sich an ihnen abarbeitet. Wir überfrachten sie mit Erwartungen: Sie sollen die besseren Bürger werden, unsere Zukunft sichern – oder gar das ganze deutsche Volk vernichten. Nur mit diesen neurotischen, unreifen Projektionen und Kompensationserwartungen ist das große, anhaltende Interesse an dem Thema zu erklären. Es gibt da draußen eine Menge Menschen, die ihre eigene Toleranz oder Hilfsbereitschaft extra betonen müssen – oder ihren Hass. Hauptsache sie selbst und ihre Meinungen werden gesehen und gehört. Sie benutzen das Thema der Migration, um ihr „kindliches Selbst“ zu stabilisieren: Wie Kinder, brauchen sie ständig die Aufmerksamkeit von Mama oder Papa, um sich selbst geliebt und wichtig-genommen und beachtet zu fühlen, da sie selbst noch nicht alleine und selbst-ständig (über)leben können.

Mittlerweile denke ich immer öfter: Lasst doch mal die potenziellen bzw. schon wahrhaftigen „mehrheimischen Neu-Bürger“ in Ruhe – und kümmert Euch um den Grund für Eure emotional überbetonten Meinungen, um Eure Angst (die ja eigentlich nichts mit den Flüchtlingen zu tun hat und sich auch an etwas anderes „anheften“ kann, weil Angst ein „fluides Gefühl“ ist). Kümmert Euch um Eure Wut, die auf beiden Seiten herrscht und immer auf die andere Seite gerichtet ist. Zumindest von den Weltbürgern kann man das erwarten, dass sie sich mal um ihre Selbstreife kümmern – und weniger um ihre Meinung zum Thema Flüchtlinge. Denn da kümmert sich schon der Staat ziemlich gut drum – während er bei den Maßnahmen für die psychischen Reifeprozesse seiner Alt-Bürger ziemlich versagt. Wenn keiner mehr gegen den rechten Hass zurück hasst, keiner mehr ein schauriges „Wohl-Weh“ empfindet, keiner mehr Interesse zeigt, wäre der Zulauf nur halb so stark, von all der kleinen armen Seelen, die sich endlich mal wichtig genommen fühlen wollen.

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