Midlife-Krise zum Fest der Liebe

Ein Freund von mir plant seit 30 Jahren mit seinen Kumpels eine Glühweinhütte auf dem heimischen Weihnachtsmarkt. Begonnen hat die Aktion, als die Gruppe als junge Männer auf eine (im wahrsten Sinne) coole Art und Weise und mit der Hilfe von unverdächtig ausgeschenktem Alkohol, in weihnachtlicher Stimmung, Frauen kennen lernen wollten. Das hat auch geklappt: Alle sind heute verheiratet und haben 2-3 halbwüchsige Kinder.

Seit ein paar Jahren jedoch stockt nun die Organisation von Einkäufen, Glühweinrezepten und Ausschankdiensten, im Vorfeld des großen Wochenendes. Trotz WhatsApp-Gruppen und reichlich Klugscheißerei mittlerweile lebenserfahrener gestandener Mannsbilder, steht es um den Gemeinschaftssinn recht schlecht. Die einen wollen nur Samstagabend Dienst machen, weil da in entspanntester Stimmung und zum eigenen Wochenendzeitplan passend, mit den meisten jungen Mädchen und schicken Nachbarinnen der größte eigene Wohlfühl-Profit zu machen ist. Die anderen werden ohnehin nur ungern von ihren Frauen für zwei Stunden am Wochenende entlassen, aus den heimischen Pflichten und den Kindern und Einkäufen und überhaupt…und wenn ich mir das erlauben würde…. Dritte schauen, wann sie am besten Net-Worken können am Stand, die wichtigsten Leute vorbeikommen, der Bürgermeister oder eben die hübsche Nachbarin etc.

Eigentlich wollte man – als Freundeskreis – bis ins hohe Alter zusammenbleiben, lustig zusammen Schnaps und Becher verkaufen (neuerdings dann eben aus Porzellan), danach vom eigenommenen Geld einen drauf machen – bis alle 101 Jahre alt sind. Die einst tolle Idee ist in der Krise, durch eine Kombination von deutlicher werdenden Neurosen, infantil-narzisstischen Egoismen, einer bestimmten Stress-Überlastung (normal in der Mitte des Lebens) und dem Gefühl, die anderen haben nicht mehr mit mir so viel zu tun wie früher, sie haben sich irgendwie in eine andere Richtung entwickelt.

In der Mitte des Lebens ziehen wir oft – freiwillig und unfreiwillig – Bilanz. Dinge, die früher einfach funktioniert haben (Freundschaften, Liebschaften, Hobbies, Job, Ehen etc.) werden plötzlich holprig, albern, unerträglich. Menschen, die man lange kennt, bekommen plötzlich Eigenarten, die immer schon irgendwie da waren, aber immer mehr nerven. Das Leben scheint zäh und gleichzeitig überfüllt mit Pflichten, die in ihrer Summe immer unbequemer werden. Die Toleranz sinkt, bei gleichzeitig steigender Selbstgerechtigkeit, Ent-Täuschung und eigenen Verhaltensmustern, die zunehmend zu negativen Konsequenzen führen (z.B. Untreue, ein falscher Umgang mit Geld, ungesunde Ernährungsgewohnheiten, Partner, die die beklemmende Situation der eigenen Kindheit wiederholen, Kinder, die aus der Spur laufen etc.)

Vielleicht wird das wieder besser mit 70+. Vielleicht verzeihen wir uns dann unsere Neurosen, die den ein oder anderen bis dahin die eigene Ehe, Karriere und finanzielle Absicherung gekostet haben werden. Vielleicht haben wir irgendwann doch ein Einsehen in die eigenen Egoismen. Man kann uns Fünfzigjährigen das nur wünschen: Zum Fest der Liebe.

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