Rechtsstaat

Unlängst sollte ich ein psychologisches Gutachten erstellen in einem Rechtsstreit. Es ging um einen Fahrradfahrer, der immer, wenn ihm die Vorfahrt genommen wurde oder jemand auf dem Fahrradweg parkte, mit einem eigens dafür mitgenommenen Nagel große Kratzer in die Fahrzeuge machte. Dummer Weise hat er das auch bei seinem Nachbarn gemacht, der natürlich wusste wer der Mann war. Und so wurde aus weiteren 5 Anzeigen gegen Unbekannt mit Täterbeschreibung, Zeugen und Handyaufnahmen von anderen Sachgeschädigten, ein großes Rechtverfahren gegen den Fahrradfahrer mit seiner Selbstjustiz: Mann konnte ihm die Taten deutlich zuschreiben.

Der Mann benahm sich derart seltsam, dass der Richter ein Gutachten in Auftrag gab. Meiner Diagnose zu folge lag eine narzisstische Persönlichkeitsstörung vor. Der Richter wollte im Vorgespräch wissen, warum solche Fälle sich häufen. Und in der Tat: Alltagsaggressivität nimmt zu, statistisch deutlich nachweisbar. Die Frage ist: Wo zieht man die Grenze? Klar, wenn jemand absichtlich das Auto von Menschen beschädigt, die einem die Vorfahrt nehmen oder im Weg stehen, wird deutlich, wie kränkbar viele Menschen bereits sind, wie sehr die Schlachten um den eigenen (Lebens)Raum auch bei uns zunehmen – und in diesem Fall eindeutig eine Straftat begehen lassen.

Doch es gibt auch die vielen kleinen Drängeleien an Supermarktkassen oder aggressive Beschwerden beim Lehrer über due Noten des eigenen Kindes etc. Allgemein nehmen die Verteilungskämpfe immer größere Ausmaße an, psychologisch und rechtlich, wenn: Stress sich erhöht – und die Angst vorm Abstieg. Jeder kann das bei sich selbst merken, schon wenn einen plötzlich kopftuchtragende Frauen stören oder SUVs wütend machen, die über ihre Parkplatzlinie hinaus zu viel Platz für sich beanspruchen.

Gelassenheit wäre hier die korrigierende Erfahrung: Und wir leben immer noch in einem Rechtsstaat. Es ist offiziell, was Straftat ist – und was nicht. Uber alles andere entscheiden wir selbst – willensfrei.

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