Selbstkritik

Neulich stand ich in der Tankstelle an der Kasse. Vor mir war ein riesiger breitschuldriger Mann und eine etwas ältere, kleine, rundliche Dame mit grauen, kurzen Locken. Beim Blick aus dem Fenster, konnte man einen riesigen Gelände-Jeep an einer Zapfsäule stehen sehen und einen kleinen alten Opel Corsa an einer anderen. Und in so einer Alltagssituation werden wir alle halbbewusst zu Küchenpsychologen – auch die echten Psychologen: Natürlich habe ich, so vor mich hinstarrend, den Jeep dem großen Mann zugeordnet und den Corsa der älteren Dame. Und wahrscheinlich wissen alle Küchenpsychologen was jetzt kommt: Es war genau andersherum. Der Riese zwängte sich in den Corsa und die Dame erklomm mühsam den Fahrersitz des Geländewagens.

Wahrscheinlich hätte ich und alle anderen Küchenpsychologen, aufgrund von unserer Lebenserfahrung, in 90%-95% der Fälle richtig gelegen und das als Bestätigung unserer Weltsicht, Schlauheit und Menschenkenntnisse gewertet. Und das hilft uns im Alltag beim Überleben: Situationen und Menschen schnell einzuschätzen, aufgrund unserer Kultur- und Lebenserfahrung. Doch es geht gerade heute darum, wo die Klischees sich nur so gegenseitig um die Ohren gehauen werden (in den sozialen Netzwerken), im Kopf zu behalten: Ich könnte mich irren.

Der Grünenvorsitzende Habeck ist genau mit diesen Klischeedenken – ohne Selbstkritik – in die Falle gelaufen und hat den Osten zur „demokratischen Nachhilfe-Zone“ erklärt. Als er es anhand der Proteste merkte, hat er nur kurz seinen Irrtum eingesehen, alles auf die sozialen Medien geschoben und sich dort abgemeldet. Auch ich mag die sozialen Netzwerke nicht. Doch ist es mir im Moment zu klischeehaft, sich einfach abzumelden. Den schwarzen Peter alleine Facebook, Twitter und Co zuzuschieben – anstatt mein Klischeedenken bewusst selbstkritisch zu trainieren – ändert nichts am Grundproblem. Dieses „ich könnte mich irren“, als halbbewusste Dauer-Selbstsicht, würde uns und unserem narzisstischen Selbstbild wahrscheinlich gut tun.

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