Stell Dir vor, es ist Grippezeit und die ganze Welt nimmt Rücksicht.

Eine Freundin von mir gehört mit ihrer Lungenkrankheit zur Risikogruppe bei Grippeerkrankungen: Für sie ist quasi seit vielen Jahren jeden Winter Corona-Zeit. Denn jeden Winter gibt es einen oder mehrere Grippeviren, die die Lunge befallen und die für Risikopatienten potentiell tödlich sind. Jeden Winter sterben in Deutschland 20 000 bis 25 000 Menschen an der Grippe.

Meine Freundin bekommt gerade viele nette Mails, ob man für sie einkaufen gehen soll, ob man helfen kann. Seit Jahren legt sie sich im Oktober ein Hamsterlager im Keller an, weil sie bei einer Infektion ca. 4-6 Wochen im Bett liegt und Klopapier, Taschentücher, Wasserflaschen, Tee, Waschmittel und Dosensuppen dann einfach vorrätig sein müssen. Vor vier Jahren musste sie ins Krankenhaus, weil eine Bekannte sie unachtsam mit Grippesymptomen besuchte. Seit Jahren finden die kleinen Desinfektionsfläschchen vor jedem Essen, nach Verlassen von Geschäften ihren Einsatz, immer wieder von anderen mit Erstaunen und zweifelndem Blick beobachtet. Jeder Nieser und Huster ohne „Nieshygiene“ (wie es jetzt so schön heißt, also ohne sich die Mühe zu machen in die eigene Armbeuge zu niesen oder zu husten), ist eine Gefahr für sie.

Es gab jedoch für meine Freundin noch nie eine so geringe Grippegefahr, wie dieses Jahr. Denn die Leute waschen sich endlich die Hände, die sie sich nicht mehr reichen, sie verzichten (zwangsweise) auf Ansteckungssituationen in großen Gruppen und vor allem, sie gehen nicht zur Arbeit und bringen ihre Kinder nicht in den Kindergarten, wenn sie krank sind. Denn wie man anhand der Werbung für Grippemittel im Fernsehen sehen kann, muss man ja angeblich schwererkältet nur ein paar Pillen schlucken und kann dann vollpower weiterarbeiten, lachend mit den Kollegen am Kopierer stehen oder mit dem schicken Partner feiern gehen. (Seit Corona sind auffälliger Weise diese dämlichen Werbefilme aus dem Fernsehen verschwunden.)

Es ist für meine Freundin gerade so wie bei einem Blinden, wenn plötzlich in der ganzen Welt das Licht ausgeht: Man kann sich dann – als sonst Behinderter – besser durch die Welt bewegen als alle anderen. So sind wahrscheinlich alle Menschen mit „besonderen Belastungen“, vom deutlich sichtbaren Migrationshintergrund, bis zum jüdischen Nachnamen, von speziellen Bewegungseinschränkungen, bis zu Lernschwäche, die eigentlich Starken: Sie trainieren täglich das Überleben unter widrigen Umständen. Kommt es zu widrigen Umständen, so wie jetzt, können wir nun alle mal für ein paar Wochen nachempfinden, wie es sich so lebt, mit einer „besonderen Belastung“.

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