Wer hat Angst vor Freiheit und Vertrauen?

Meine Dachrinne ist kaputt und da habe ich einen Dachdecker zur Begutachtung einbestellt. Die Reparatur wird ca. 300 Euro kosten. Der Dachdecker hat mir darüber hinaus, mit seinem Kostenangebot, einen 8 seitigen Vertrag zugeschickt, voller juristischer Klauseln (Widerrufsrecht, Mängelhaftung etc.). Ich verstehe kein Wort. Es geht wohlgemerkt nicht um ein neues Dach für tausende Euro, nur um die Reparatur eines Dachrinnenablaufs.

Ich glaube, vielen Menschen geht es heute wie diesem Dachdecker: Sie wollen sich absichern, gegen jeden Unbill des Lebens. Unser Bayrischer Staat versucht deshalb gerade, mit einem verabschiedeten neuen Polizeigesetz, auf Wählerstimmenfang bei den Verunsicherten zu gehen. Doch das Leben ist nicht sicher, genauso wenig werden wir jemals unsterblich sein. Und wer versucht, das Leben zwangsweise sicher zu machen, verliert das Vertrauen der anderen (Wähler), weil er deren Freiheit pauschal beschneidet und alle unter Generalverdacht stellt. Vertrauen, auch wenn es gerade schwindet, erweist sich (nicht zuletzt durch sein Schwinden) als das wichtigste soziale Element für Gruppenwesen, wie wir Menschen es sind.

Auf der Schultoilette der katholischen Mädchenschule, die ich 10 Jahre besucht habe, hatte eine Schülerin mit Edding an die Klotür geschrieben: „Gibt es ein Leben vor dem Tod?“ Ich werde diesen Schriftzug niemals vergessen – und seinen Inhalt auch nicht. Die Angst, die sich stets nach dem paradiesischen Weiterleben nach dem Tod sehnt, zerstört nicht selten das Leben davor. Oder zumindest einen Dachdeckerauftrag oder Wahlerfolg in Bayern.

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