Wissen versus Meinung. Oder: Was hilft gegen Fake-News?

Wissen ist der Gegenspieler der Meinung. Deshalb lese ich selbst nichts in sozialen Netzwerken. Dort herrscht mir zu viel Meinung und zu wenig Wissen.

Jeder Mensch hat nur ein bis zwei Gebiete, wo sie oder er mit Wissen aufwarten kann. Zum Rest der Lebensthemen haben wir dann unsere Meinungen. Ich versuche das mir selbst immer wieder ins Bewusstsein zu holen. Denn im Bereich der Medizin, Handwerk oder Mode etc. habe ich nur Halbwissen und das ist bekanntlich das Gegenteil von Wissen und Wahrheit.

Wo ich wirklich Wissen habe, das ist die Psychologie und die Wertesysteme von Gesellschaften. Das ist mein Beruf, seit 25 Jahren, ich habe eine wirklich umfangreiche Ausbildung dazu und mittlerweile viel Erfahrung. Trotzdem wird mir und meinem Wissen immer wieder die Meinung anderer Leute, die zum Teil hanebüchen falsch ist, als angebliche Wahrheit entgegengesetzt. Neulich sagte mir eine Frau, die im Bereich der Mode arbeitet: „Sind wir nicht alle mal beziehungsfähig und mal nicht?!“ Das ist schlichtweg falsch und es ist darüber hinaus „selbst-entschuldend“ und ein Widerspruch in sich. (Entweder wir haben eine Beziehung, die funktioniert, oder nicht.) Als ich ihr das sagte, war sie sauer. Sie hätte mir umgekehrt sagen können: „Was sind sie schlecht angezogen, Frau Ohana, ihre Stiefel sind ein Unding zu dieser Jacke!“ Ich hätte mir sicher Gedanken gemacht, sauer wäre ich nicht geworden. Ich hab, wie gesagt, keine Ahnung von Mode, wenn ich auch eine Meinung habe und mir subjektiv Kleidung kaufe (höchst selten allerdings), von der ich denke: Das ist schön.

Wir haben alle eine Psyche und leben alle in Gesellschaften, daher glauben viele Menschen, dass würde sie zu Wissenden auf diesen Gebieten machen. Doch sie schaffen es nicht, von ihrem subjektiven Empfinden aus eine Abstraktion zu erreichen, eine Überprüfung an der Allgemeingültigkeit – und das macht Wissen aus. Ich schaffe es nicht, von meinen Klamotten auf einen höheren Stil zu schließen, das kann ich nicht, ich habe kein Talent dafür. Menschen, die das können, beeindrucken mich.

Wenn ich mein Wissen hier oder in meinen Büchern Kund tue (und es würde mir nicht einfallen, über Handwerk, Medizin oder Mode etwas zu veröffentlichen), dann passiert es mir manchmal, dass dieses Wissen mit der Meinung anderer Menschen zusammenstößt. Das gibt dann einen sogenannten Shitstorm. Denn eine wissen-schaftliche Wahrheit kann viele Menschen unter Druck setzen, sie kränken, ihr Selbst- und Weltbild stören, das sie zur Stabilisierung ihres Narzissmus zurechtgezimmert haben. Das weiß ich so genau, weil, wie gesagt, das mein Fachgebiet ist, ganz offiziell mit staatlich anerkannten Zertifikaten in einem für gute Wissenschaft bekanntem Land.

Während ärztliches Wissen oft ignoriert wird (weniger essen, kein Alkohol, mehr Bewegung), aber niemals geleugnet wird, ist das bei psychologischem Wissen anders. Psychologisches Wissen wird oft massiv angegriffen. „Die große Kränkun­g der naiven Eigen­liebe“ hat das Sigmund Freud schon 1917 in seinen „Vorlesungen zur Psychoanalyse“ genannt. Als Psychologin weiß ich, wie man damit umgeht: Man ignoriert es – wenn diese naiv-narzisstische Eigenliebe nicht zur politischen Bewegung wird. Dann muss man sie schnell mit Rechtsmitteln klar und durchsetzungsstark bekämpfen.

Ich frage mich, warum viele Menschen Angst haben vor so einem Shitstorm. Denn was sicher ist, aus psychologischem Wissen heraus: Die Kränkbarkeit der naiven Eigenliebe stößt sich ständig an neuem Wissen. Sie hat keine Chance auf Zufriedenheit, außer sie übernimmt die Eigenverantwortung für ihre Minderwertigkeitsgefühle und schaut sich die eigene, soziale Notstandsituation selbstkritisch an. Und das ist der erste Schritt in Richtung Wahrheit und Wissen, weg von der Meinung, die sich allzu wichtig nimmt, weil sie Wissen so sehr fürchtet.

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