Zur Zeit

Dieses Wochenende wird in Frankfurt die rekonstruierte Neue-Altstadt eröffnet. Und der Stadt und ihren Bewohnern wird, genauso wie den zukünftigen Touristen: Nostalgie und „Retopia“ vorgeworfen – ja sogar die zukünftige Zerstörung des rekonstruierten Alten, weil die Touristen in diesem angeblichen „Nachbau-Disneyland“ das finden, was sie suchen und dabei (wie in Venedig und Palma und Barcelona etc.) alles niedertrampeln werden, was da an Fassaden-Identitätsstiftung rum steht.

Wenn ich durch die neue Altstadt gehe, rührt mich das, weil ich Menschen in meiner Familie habe, die quasi nach 74 Jahren das wieder sehen, was sie als Kinder kannten, die mir berichten, wie sie bei den einzelnen Metzgereien als Kinder Wurst geschenkt bekommen haben – bis in einer einzigen Nacht alles weg war. Ich frag mich, was für ein Schmerz das war, wenn das, was man so sicher in seinem Leben hatte, Straßen, Gerüche, Menschen, was Jahrhunderte Leben beherbergte, in ein paar Stunden nicht mehr existierte – und wie es jetzt sein muss, es wieder zu sehen: Auferstanden aus Ruinen – und voller Einsicht, dass unser kleiner dummer narzisstischer Geist für all die Zerstörung verantwortlich war. Unser mickriges Selbstwertgefühl, dass immer gerne besser wäre als es ist, das heute wieder laut schreit und seine widerliche Dummheit im Land verbreitet bis hinein in den Bundestag und bayrischen Landtag, sollte sich lieber mal in die Frankfurter Altstadt setzen und einen Äppler trinken und runter kommen in ein banales, aber schönes Leben. Denn mehr gibt es nicht für uns Menschen zu erreichen.

Ich selbst, die ich durch mein Studium viel Zeit in Frankfurt und am Römerberg verbracht habe, kann es nicht fassen, dass ich da, wo ich einen bestimmten (wenn auch hässlichen) Stadtteil gewohnt war, plötzlich wie von Zauberhand, als hätte (wiederum über Nacht) eine riesen Hand etwas neues hingesetzt, andere Straßen mit anderen Häusern sehe, ein anderes Dorf, mitten in der gewohnten Umgebung. Es ist für mich die (wieder) steingewordene Wahrheit, dass wir mit dem Schönen und Lebenswerten, Kleinteiligen, Pittoresken sehr vorsichtig umgehen sollten, denn es ist das eigentliche Leben. Keine große narzisstische Idee, kein Selbstüberhöhungs-Schwachsinn und kein ganz-großer Wurf, nach dem gerade meine lieben intellektuellen Kollegen rufen, in ihrer völlig unrealistischen Vernunft-Überschätzung des Menschen, soll uns das je wieder kaputt machen, was wir als nette nachbarschaftliche banale Menschlichkeit erreicht habe – gerade in Frankfurt, als Migrationsstadt erster Stunde.

Jede Utopie und besonders die digitale, ist ein narzisstisches Problem, das zerstört, weil es unsere allzumenschliche banale Seite nicht akzeptieren kann. Unser Narzissmus zeigt sich am deutlichsten in den Utopien, die vom Nationalsozialismus bis zum Kommunismus, vom ungebremsten Kapitalismus (der doch alle befreien sollte) bis zum Digitalismus (der Wandlung des Menschen in eine leistungsoptimierte Bio-Maschinen) reicht. Es sind nicht die, die das Kleine leben, es sind die, die glauben mehr zu sein, die Leid und Zerstörung produzieren.

Für mich steht die Frankfurter Neue-Altstadt als Mahnmal gegen den Größenwahn, wo ein paar neue Fassaden sich mit allen mischen – gegen den Glauben, wir würden unsere allzumenschliche Banalität je mit einer ganz großen Neuheit überwinden können. Das können wir nicht, wir werden immer Narzissten bleiben. Nur genug Selbstreife, in Form von Dankbarkeit für das was wir bereits haben, kann uns heute weiter bringen – über die falschen Utopien hinaus.

 

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